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30.3.2013

Jugendlichkeit im DDR-Fernsehen

Nach dem Wechsel in der DDR-Führung von Ulbricht zu Honecker 1971 und den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten im Sommer 1973, an denen Jugendverbände aus 140 Ländern teilnahmen, wollte sich die DDR auch im Fernsehen tolerant und weltoffen präsentieren. Den Hintergrund bildete eine Politisierung der Jugend nicht nur im Westen, sondern auch in der DDR: Protest gegen den Vietnamkrieg der USA, der politische Aufbruch in Lateinamerika nach Che Guevara, die Volksfrontregierung in Chile. Der DDR-Führung waren die Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin besonders wichtig. Sie symbolisierten die DDR als Ort des Friedens und der Offenheit für die Jugend.

Die Fernsehsendung "rund", hier aufgenommen auf dem Hallmarkt in Halle (© Bundesarchiv, Bild 183-P0517-112 / Fotograf: Waltraud Raphael verehel. Grubitzsch)


"rund" – 'Immunisierung gegen westliche Einflüsse'



Mit "rund" wurde bereits im Januar 1973 ein monatliches, in Farbe ausgestrahltes Magazin für die begleitende Berichterstattung der Weltfestspiele eingerichtet. Im Vorfeld wurden die Wünsche der Jugendlichen anhand von ausgiebigen Befragungen sorgfältig ermittelt. Die ersten sechs Sendungen repräsentierten mit internationalen Moderatoren und Saalzuschauern den Geist der Weltfestspiele. Später reiste das Team in der DDR von Stadt zu Stadt. Pro Sendung gab es jugendgemäße Nachrichten, Filmberichte, Interviews und viel Musik, einheimische Singeclubs, Interpreten aus Ostblockländern, aber auch westliche Hitparaden-Stars. Die Künstler bewegten sich häufig hautnah mitten im Publikum. Es gab attraktive elektronische Bildbearbeitungen, eine runde Bühne und darüber halbkreisförmig aufgehängte Monitore. Das Bühnenbild erinnerte an die ZDF-Musikreihe "Disco". Das erklärte politische Ziel der Sendereihe war "die ideologische 'Immunisierung' der Jugendlichen gegen westliche Einflüsse" (Hoff 1993, S.215). Parallel zu diesen musikalischen Integrationsversuchen der DDR-Jugend, kam es 1976 zu einer Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. In der Folge verließen dann weitere, teilweise sehr populäre DDR-Künstler das Land. Deren Filme, Musikstücke und Fernsehsendungen durften nicht mehr aufgeführt werden.

Das jugendorientierte Bildungsmagazin "AHA"



Die Lockerungen in den Jugendsendungen bezogen sich vor allem auf äußere Aspekte. Das jugendorientierte Bildungsmagazin "AHA" (ab 1977) verzichtete z. B. bewusst auf eine förmliche Ansprache seines Publikums. Moderator der monatlichen Sendereihe war Dr. Dieter Herrmann, im Hauptberuf Direktor der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow. Er wollte mit "AHA" "Populärwissenschaft" betreiben, "aber nicht im althergebrachten Sinne. Da stellt sich der Professor nicht ans Katheder und trägt etwas vor, sondern wir wollen neue Formen ausprobieren, die jungen Leute im Studio zu Partnern der Wissenschaftler machen" (zit. n. Schmidt 1977, S.4).

Die Jugend-Talkshow "Jugendklub TV 2"



Zu Gesprächen lud ab 1979 einmal im Monat auch die politische Jugend-Talkshow "Jugendklub TV 2", die in einem Studio mit Publikum stattfand und Themen aus Wissenschaft, Technik, Politik und Wirtschaft behandelte – in Form von Interviews mit Experten, die auf Fragen aus dem Publikum antworteten oder von einem der drei Moderatoren befragt wurden. Auch hier sollten musikalische Einspieler und Film-Beiträge zu verschiedenen Themen die Sendung unterhaltender machen.

Verjüngungskur für das Fernsehen



Ähnlich wie die westdeutschen Programme unterzog sich das ostdeutsche Fernsehen in diesen Jahren in seiner Gesamtheit einer Art Verjüngungskur. Eine populäre Musikreihe wie "Hier geh'n wir wieder vor Anker" leistete sich z. B. eine Generalüberholung und verschaffte sich durch die Wahl einer zeitgemäßer wirkenden Kulisse einen jugendlichen Anstrich. So schrieb 1972 die DDR-Programmzeitschrift "FF dabei": "Das Ostseestudio Rostock serviert seine Lieder von Luv und Lee seit Beginn dieses Jahres in neuer, moderner Umgebung: Es ist vom kleinen 'altertümlichen Fischerlokal' in eine schmucke, mit vielen seemännischen Attributen ausgestattete Diskothek umgezogen" (FF dabei 13/1972, S.18).
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