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16.2.2006

Weltmeister im Äther

Zur Fußball-WM legten sich diesmal auch private Radiostationen kräftig ins Zeug und übertrugen live die Spiele der "Klinsmänner" und andere wichtige Begegnungen, viele sogar in voller Länge. Agile Online-Redaktionen wie beispielsweise bei Radio Hamburg verpassten sogar ihrem Logo vorübergehend ein WM-Outfit.

Zur WM hatten Radiomacher eine gute Idee. Statt stereotyper Senderslogans und belangloser Moderationen, übertrugen auch private Stationen Fußballspiele sogar in voller Länge. Sender und Hörer hatten offenbar Spaß daran.

Radio sei das schnellste Medium, argumentieren die Macher zumeist, wenn sie nach dem wichtigsten Vorteil des Hörfunks gegenüber konkurrierenden Medien gefragt werden. Nur - dieser Informationsvorsprung wurde in den vergangenen Jahren immer seltener genutzt. Besonders in den Abendstunden und an Wochenenden laufen selbst bei einigen landesweit verbreiteten Privatprogrammen weitgehend vorproduzierte Sendungen. Musik, Senderslogans, Werbespots und zumeist belanglose Moderationen werden vom Computer gemischt. "Voice-Tracking" nennen die Experten dieses Personalkosten sparende Verfahren, das dem Radio bald seine Existenzberechtigung nehmen könnte.

Das größte gemeinsame Projekt aller Zeiten



Zur Fußballweltmeisterschaft gab's dann doch angenehme Überraschungen. Neben öffentlich-rechtlichen Programmen, die auch sonst über Länder-, Bundesliga- und Championsleaguespiele in großem Umfang berichten, legten sich diesmal private Stationen kräftig ins Zeug. Insgesamt 23 Sender, darunter mit Radio NRW das Mantelprogramm für die Lokalradios in Nordrhein-Westfalen, übertrugen live die Spiele der "Klinsmänner" und andere wichtige Begegnungen, viele sogar in voller Länge.

Dabei wollten die Hörfunker von vornherein erst gar nicht in den wohl aussichtslosen Wettbewerb mit dem Fernsehen treten. Sie suchten ihr Publikum unter denjenigen, die gerade nicht zuschauen konnten: "Für alle, die unterwegs sind, im Stau stehen, im Büro arbeiten müssen und trotzdem das wichtigste Ereignis des Jahrzehnts nicht versäumen wollen, heißt es jetzt zur WM mehr denn je: Radio an", begründete Sabrina Rabow von der RTL-Radiovermarktung das außergewöhnliche Angebot. Insgesamt wurden nach Informationen der 23 beteiligten Hörfunkstationen 125 Techniker, Reporter und Redakteure für die Live-Berichterstattung von allen 64 Spielen akkreditiert. "Das größte gemeinsame Projekt privater Radiosender aller Zeiten", freute sich Sabrina Rabow in einer Pressemitteilung.

Reporter-Ikone im Radio



Einzelne Privatstationen setzten zusätzlich prominente Experten aus ihren Verbreitungsgebieten ein, um die Hörer fußballfachmännisch auf dem Laufenden zu halten. Für Radio NRW plauderte Reporter-Ikone Werner Hansch, der seine vorübergehende Rückkehr ins Radio am Ende als "ein überragendes Erlebnis" empfand. Beifall für die Präsentation der WM in den nordrhein-westfälischen Lokalsendern gab es auch von den Hörern: "Wir haben uns Ihre tolle Übertragung im Radio angehört. Es ist nicht nur spannender im Radio, sondern mit Ihrer reißenden Dokumentation und der netten Stimme haben wir bis zum Ende der offiziellen Spielzeit durchgehalten", lobte eine begeisterte Hörerin per Email Reporter Olli Müller, obwohl dieser über das Aus der deutschen Mannschaft im Halbfinale gegen Italien berichten musste.

Lehmanns souveräner Konter



In der Münchner WM-Arena stand mit Stephan Lehmann sogar ein Radiomann als Stadionsprecher im Brennpunkt des Geschehens. Der Antenne-Bayern-Moderator erhielt für seine Einsätze durchweg gute Kritiken, obwohl Bundestrainer Jürgen Klinsmann ihn bei der WM angeblich gar nicht ans Mikrofon lassen wollte, wie BILD im vergangenen Oktober berichtete. Klinsmann hatte dem populären Sprecher vorgeworfen, dass er beim Einweihungsspiel in der Münchner Allianz-Arena Pfiffe gegen den damals noch umstrittenen Jens Lehmann im deutschen Tor nicht per Ansage unterbunden habe. Moderator Lehmann konterte souverän: "Ich kann doch dem Zuschauer nicht sagen, wann und wie er seinen Unmut zu äußern hat", argumentierte er seinerzeit im Interview mit SPIEGEL Online.

Falsche Begleitmusik



Während Stephan Lehmann, genau wie die anderen Stadionsprecher, mit dem WM-Hit "54, 74, 90, 2006" für ausgelassene Stimmung in der Arena sorgte, hielten sich die Kollegen im Radio in Sachen Begleitmusik erstaunlich zurück. Die Musikplaner der Sender setzten wochenlang lieber auf Shakira, Robbie Williams oder Texas Lightning. Erst in der letzten WM-Woche rückten die "Sportfreunde Stiller" mit ihrem Ohrwurm in den von Nielsen Music Control nach Anzahl der Einsätze ermittelten "Airplay Charts" von Platz 28 auf den fünften Rang vor. Allerdings wird inzwischen nur noch die überarbeitete Version eingesetzt: "54, 74, 90, 2010".

Inge Seibel-Müller

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