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19.12.2012

Die Meistererzählung von der deutsch-französischen "Versöhnung"

Nachdem der Europäischen Union 2012 der Friedensnobelpreis für ihren Beitrag zu Frieden, Versöhnung und Demokratie auf dem Kontinent zugesprochen worden ist, sollte noch einmal nach dem Versöhnungsprozess gefragt werden, der dieses Europa erst ermöglicht hat und durch dessen Entstehung er noch gefestigt wurde. Die deutsch-französische Annäherung steht historisch betrachtet im Zentrum dieser beiden miteinander verschränkten Entwicklungen, und es ist gewiss kein Zufall, dass die EU den Nobelpreis mitten im "Deutsch-Französischen Jahr" 2012/2013 erhalten hat, in dem Franzosen und Deutsche offiziell den 50. Jahrestag des Élysée-Vertrags, ihrer "Versöhnung" und "Freundschaft" feiern.

Wenngleich die Stationen, Akteure und Ausdrucksformen dieser Annäherung heute hinlänglich bekannt sind, bleibt doch nach dem Aufbau des Versöhnungsnarrativs zu fragen. Wer waren die "Autoren", welches die Strukturen und Ziele, die Grenzen, ja die Gefahren? Längst ist die Aussöhnung im Diskurs über die deutsch-französischen Beziehungen unerlässlich geworden; doch sie läuft Gefahr, sich zu einem Störfaktor zu entwickeln – so sehr wird diese "Erfolgsgeschichte", dieser neue Mythos der "Erbfreunde" zuweilen als Modell und einer der besten Exportartikel der deutsch-französischen Geschichte herausgestellt. Selbst der deutsch-französische Politikwissenschaftler Alfred Grosser, der sich gegen den Begriff der Versöhnung sträubt, erinnert daran, "dass wir ein Vorbild abgeben" für andere verfeindete Volksgruppen.[1]

Trotz der realen Grundlagen der Annäherung, der Verständigung und der Kooperation ist die deutsch-französische Versöhnung ein Mythos, insofern als sie eine erzählerische Fiktion ist, eine "Meistererzählung", welche die Wirklichkeit inszeniert. Sie ist zum einen ein Konstrukt, das bei der Auflösung des alten und antagonistischen Mythos vom "Erbfeind" ansetzt.[2] Zum anderen ist sie sehr zeitgenössisch und beruht auf einem Epos und symbolischen Orten. Zudem ist sie sinnstiftend, soll die "Versöhnung" nach dem absoluten Tiefpunkt von Gewalt und Verbrechen doch den Beginn einer neuen europäischen, von Friedenskonsolidierung geprägten Ordnung markieren. Und schließlich ist sie symbolträchtig, gab es doch einen historischen Präzedenzfall: die Aussöhnung in der Zwischenkriegszeit. 1926 erhielten die Außenminister Aristide Briand und Gustav Stresemann für ihre Verdienste um die Unterzeichnung der Verträge von Locarno und die deutsch-französische Aussöhnung gemeinsam den Friedensnobelpreis. Der Ausgang ist bekannt. Wie also war es nach dem Zweiten Weltkrieg möglich, eine neue Versöhnungsgeschichte zu schreiben, die den Fehlschlag der Zwischenkriegsjahre vergessen ließ?

Nach einer Analyse der Konstruktion der Versöhnungsgeschichte und ihrer heutigen Ausdrucksformen werde ich im Folgenden verschiedene Versuche darstellen, den Versöhnungsmythos zu dekonstruieren. Sie belegen eine Form von Verdrossenheit gegenüber einem institutionalisierten Diskurs. Es stellt sich schließlich die Frage, wie die Symbolik der deutsch-französischen Aussöhnung erneuert werden kann.

Mythenbildung mit dem Élysée-Vertrag im Zentrum



Kurz bevor der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy am 28. Oktober 2009 Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris zu den Gedenkfeierlichkeiten zum Tag des Waffenstillstandes am 11. November 1918 empfing, erklärte er, künftig "einen Tag der deutsch-französischen Aussöhnung, Verständigung und des deutsch-französischen Projektes zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft" begehen zu wollen.[3] Das Datum, das der Präsident wählte, überraschte. Denn seit den Festlichkeiten zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrags gibt es einen offiziellen "Deutsch-Französischen Tag": den 22. Januar – der Tag, an dem 1963 im "Salon Murat" des Élysée-Palasts der Vertrag unterzeichnet wurde.

Seinen größten symbolischen Ausdruck fand der Versöhnungsmythos bislang in der 40-Jahr-Feier des Vertrags am 22. Januar 2003 in Versailles – so wie Gedenkfeiern überhaupt einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung nationaler, wenn nicht gar grenzüberschreitender Mythen haben. Nach einer Phase politischer Turbulenzen nahmen die Verantwortlichen in Frankreich und Deutschland den Jahrestag zum Anlass, vor dem Hintergrund der drohenden US-Militärintervention im Irak ihre neue Solidarität zur Schau zu stellen. Die Inszenierung dieses Tages – die Wahl der Akteure und des Ortes, der protokollarische Ablauf, der Inhalt der Reden – war der Höhepunkt einer Erzählung, die zu Beginn der 1960er Jahre ihren Anfang genommen hatte.

Die Gedenkfeier zum 40. Jahrestag bot die Chance, die Zusammenarbeit zwischen den Parlamentariern als Volksvertreter zu betonen. Eingangs erklärten sie: "Die deutschen und französischen Abgeordneten würdigen General de Gaulle und Kanzler Konrad Adenauer, die die historische Chance einer deutsch-französischen Aussöhnung als unverzichtbare Etappe auf dem Weg zu einem vereinten Europa ergriffen haben."[4] Die beiden Präsidenten von Bundestag und Nationalversammlung, Wolfgang Thierse und Jean-Louis Debré, sprachen zwar ebenso wie Staatspräsident Jacques Chirac und Kanzler Gerhard Schröder von "Versöhnung", aber mit unterschiedlichem Tenor.

Folgte man den beiden Franzosen, gründete die Aussöhnung auf dem Willen de Gaulles und Adenauers und begann mit der Vertragsunterzeichnung 1963; Thierse und Schröder hingegen nahmen auch Bezug auf Robert Schuman, Jean Monnet und die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Der Aussöhnungsprozess habe demnach schon zu Beginn der 1950er Jahre begonnen und sich nicht auf die Ebene der Staats- und Regierungschefs beschränkt: Thierse dankte ausdrücklich den Akteuren der Zivilgesellschaft; Schröder führte eine große Zahl von Mittlern der deutsch-französischen Beziehungen an und würdigte die Arbeit "von unten", indem er die Städtepartnerschaften und den Jugendaustausch hervorhob, die "schon vor dem Élysée-Vertrag existierten". Die deutschen Politiker unterstrichen, wie sehr sich die verschiedenen Akteure der – staatlichen und gesellschaftlichen – bilateralen Beziehungen ergänzten.

Alle Redner setzten sich mit der Wahl von Versailles als Ort der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Élysée-Vertrags auseinander. Präsident Chirac wies ausdrücklich auf den zweifachen historischen Bezugspunkt hin – die Ausrufung des Deutschen Kaiserreichs 1871 und den Friedensvertrag von Versailles 1919: "Fortan symbolisiert Versailles (…) die Verbundenheit zwischen Deutschland und Frankreich und, darüber hinaus, unseres gesamten Kontinents." Auf diese Weise wurde der Ort der doppelten Erinnerung – Symbol einer zweifachen Demütigung und Quelle des Hasses – zu einem gemeinsamen, positiven Ort umgewidmet.[5] Der Wandel der Erinnerung war vollzogen. Auch Schröder interpretierte Versailles als Symbol für die Zukunft und als Ausdruck grundlegender Werte: "Versailles, das ist auch der Ort, der in unserer Erinnerung stets mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 verbunden bleiben wird" – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als "das Fundament und Modell" des aufzubauenden Europas.

Etappen der Mythenbildung



Auch wenn der Élysée-Vertrag gemeinhin als "Versöhnungsvertrag" bezeichnet wird, handelt es sich doch offiziell um einen "Kooperationsvertrag". Der Begriff der "Versöhnung" (réconciliation) taucht darin nicht auf und wird nur ein einziges Mal in der gemeinsamen Erklärung von de Gaulle und Adenauer erwähnt. Ohnehin war der Begriff zu Beginn der 1960er Jahre noch nicht sehr verbreitet. Er wurde in den 1950er Jahren zwar von zivilgesellschaftlichen Akteuren verwendet, kam in der Diplomatensprache aber erst gegen Ende der 1950er Jahre auf.[6]

Am 22. Januar 1963 unterzeichneten de Gaulle und Adenauer den Élysée-Vertrag und umarmten sich vor Mitgliedern ihrer Regierungen und einigen Fotografen. Hier endete die Inszenierung. Einige Monate zuvor, im Juli und September 1962, hatten die beiden gegenseitigen Staatsbesuche jedoch Gelegenheit für beeindruckende Symbolpolitik geboten. Mit der Messe in der Kathedrale von Reims, so de Gaulle, hätten Adenauer und er am 8. Juli "die Versöhnung besiegelt" ("sceller la réconciliation") – ein Satz, den er in eine marmorne Bodenplatte auf dem Vorplatz der Kathedrale eingravieren ließ. Zum 50. Jahrestag des Treffens im Juli 2012 wurde gar eine zweite Tafel mit der deutschen Übersetzung von de Gaulles Worten enthüllt. Auch unter dem neuen Tandem Merkel–Hollande bleibt die Versöhnung somit in die deutsch-französischen Feierlichkeiten "in Stein gemeißelt".

Dem Vertragsschluss war also zu Beginn der 1960er Jahre eine politische Inszenierung vorausgegangen, galt es doch, Emotionen zu wecken und sich der Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger zu versichern, um sich in diesem Sinne zu binden. Der Festakt am 22. Januar 1963 war, verglichen mit dem von Reims im Juli 1962, von großer Nüchternheit. Dies ist zweifelsohne darauf zurückzuführen, dass das Dokument lange Zeit nur ein Protokoll sein sollte und seine Unterzeichnung teilweise improvisiert war.[7] Zudem ging es darum, Parallelen zwischen den Verträgen von Locarno und dem Élysée-Vertrag zu vermeiden, aber auch zwischen dem Tandem Briand–Stresemann, das in den Köpfen immer noch sehr präsent war, und de Gaulle und Adenauer. Auch in seinen Memoiren bezog sich Charles de Gaulle später nur ein einziges Mal auf Aristide Briand und ging auf Stresemann gar nicht ein; Adenauer nannte Briand und Stresemann in seinen Erinnerungen ebenfalls nur einmal: Im Verlauf eines im August 1954 mit (dem französischen Ministerpräsidenten) Pierre Mendès France geführten Gespräches über die ungewisse Zukunft der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft merkte er an, dass einige ein Scheitern gewiss in die Kette der misslungenen Annäherungsversuche seit Briand und Stresemann einreihen würden.[8]

Nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags verbreitete sich der Begriff der "Versöhnung" immer weiter. Aber erst mit dem zehnten Jahrestag nahm der Mythos in Frankreich allmählich seine bekannte Gestalt an: dass nämlich alles mit de Gaulle und Adenauer begonnen habe und die deutsch-französischen Beziehungen seit 1963 ausgezeichnet seien.

Eine neue Dynamik erhielt die Versöhnungssymbolik, als sich François Mitterrand und Helmut Kohl am 22. September 1984 vor dem Beinhaus von Douaumont die Hände reichten und – in meisterhafter Inszenierung – eine gemeinsame Erinnerung an den Grande Guerre, den Ersten Weltkrieg, schufen;[9] das Bild ging um die Welt. Die beiden Staatsmänner zeigten, dass ihre Länder sich von nun an der gemeinsamen schmerzhaften Vergangenheit stellen konnten – und dass die Erinnerung an diese Vergangenheit, die beide Seiten lange Zeit entzweit hatte, im Begriff war, zu einer gemeinsamen Erinnerung zu werden, die sie verbindet.


Versöhnung und Erinnerung: Welcher Geschichte gedenken?



Bis zum Zeitpunkt des Festakts in Versailles im Jahre 2003 waren Reims und Verdun die zwei zentralen Orte in der Geschichte der Beziehungen beider Länder. Beide Städte waren mit Karl dem Großen verbunden und erinnerten an die deutsch-französische Feindschaft im 19. und 20. Jahrhundert: Reims war während des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 besetzt und im Ersten Weltkrieg zur Märtyrer-Stadt geworden; Verdun war das Sinnbild des Grande Guerre und der Leidensgemeinschaft. Beide Völker, die einander geschichtlich eng verbunden waren, hatten sich gegenseitig auch verwundet, und so ging es den staatlichen Repräsentanten darum, die Erinnerungen des einstigen Gegners und seine Erinnerungsorte zu würdigen und auf diese Weise die Grenzen der Nationalgeschichten zu überwinden.[10] Der Erste Weltkrieg wurde allmählich zu einem Knotenpunkt der "gemeinsamen Geschichte".

Nicolas Sarkozy und Angela Merkel sind dem von ihren Vorgängern eingeschlagenen Weg gefolgt, wenn sie auch einen anderen Ort wählten und am 11. November 2009 am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen in Paris zusammenkamen. Indes war es das erste Mal, dass ein(e) deutsche(r) Regierungschef(in) an der Gedenkfeier zum Tag des Waffenstillstandes teilnahm. Zwar hatte Chirac 1998 Schröder eingeladen, ihn zu begleiten; der Bundeskanzler hatte die Einladung aber ausgeschlagen. Anders als Verdun, das sich 1984 als Ort für eine gemeinsame Totenehrung eignete, standen der 11. November und das Grab des unbekannten Soldaten am Triumphbogen für den Sieg der Alliierten und Frankreichs und die Niederlage Deutschlands; zwei einander zuwiderlaufende Erinnerungen – trotz der Gedenkfeiern zum Ende der Kämpfe.

Wenngleich zum Ersten Weltkrieg wegen der gemeinsamen Verantwortung der Mächte seit beinahe 30 Jahren ein gemeinsames Gedenken möglich ist, scheinen doch die Wunden der Erinnerung an die Dramatik und Asymmetrie der Kriegsereignisse lange Zeit verschwiegen worden zu sein, um eine Annäherung beider Länder nicht zu behindern. Versöhnung setzt also Reue und eine Form von Vergebung voraus.

De Gaulles Bereitschaft zu verzeihen, entsprach seiner Vorstellung von einer asymmetrischen Beziehung, auf der seine Deutschland-Politik beruhte. Anfang 1960 vertraute der General seinem Minister Alain Peyrefitte an: "Es gibt keinen außer mir, der Frankreich und Deutschland versöhnen könnte, da nur ich Deutschland aus seiner Schande wieder aufrichten kann."[11] Die Aussöhnung ist also ein Prozess, der verschiedene Stationen durchläuft, und eine Abstufung in der Fülle von Erinnerungsmöglichkeiten.

Der Zweite Weltkrieg wurde zunächst nur andeutungsweise und in "steriler" Weise in das offizielle Gedenken eingeschrieben. Selbst die Wahl von Reims als Ort für das Treffen von 1962 verwies auf die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands. 22 Jahre später, in Verdun, bezogen Kohl und Mitterrand auch die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges in die Ehrung ein. Doch der Ort war so untrennbar mit dem Ersten Weltkrieg verbunden, dass diese Botschaft kein Gehör fand. Den Wendepunkt in der offiziellen Gedenkpolitik markierten fraglos die Feiern zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in Caen im Juni 2004, bei denen Bundeskanzler Schröder an der Seite des französischen Präsidenten Chirac saß. Allerdings blieben bei diesem gemeinsamen Gedenken die schmerzhaftesten Kapitel des Zweiten Weltkriegs wie das Massaker von Oradour-sur-Glane vom 10. Juni 1944 oder die Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager ausgespart.

Fußt die Versöhnung also auf Vergessen? Die Antwort ist kompliziert und hängt auch davon ab, wer sich erinnert. Sicher waren die Regierenden der Ansicht, dass die Rückbesinnung auf die dunkelsten Seiten der Geschichte den Aufbau einer engen Kooperation stören könnte, und sie haben es daher über viele Jahre hinweg vermieden, die Vergangenheit öffentlich zu thematisieren.[12] Gleichwohl haben Paris und Bonn nach langen, harten Verhandlungen im Juli 1960 – also noch vor der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags – ein Wiedergutmachungsabkommen für die französischen Opfer des Nationalsozialismus geschlossen.[13] Die Anerkennung der Leiden der Opfer war Ende der 1950er und in den 1960er Jahre jedoch begleitet von einer wachsenden Nachsicht der französischen Justiz gegenüber deutschen Kriegsverbrechern, die ihre Taten in Frankreich verübt hatten.[14] Lange Zeit waren es in erster Linie ehemalige Résistance-Mitglieder und Überlebende der Lager, die dazu beitrugen, eine Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus und später die Verfolgung von NS-Verbrechern vor deutschen und französischen Gerichten durchzusetzen. Mit den Prozessen gegen Klaus Barbie (1986), Paul Touvier (1994) und Maurice Papon (1998) kehrte an der Wende von den 1980er zu den 1990er Jahren die Erinnerung an die dunklen Jahre der Besatzung mit den Schrecken des NS-Terrors, der Miliz und der Kollaboration zurück. Die Verbrechen der Vergangenheit waren durch die "Aussöhnung" also nicht in Vergessenheit geraten.

Offensichtlich muss unterschieden werden zwischen der offiziellen Erinnerung, die von den Regierenden getragen wird, und den lebendigen Erinnerungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen: von Mitgliedern der Résistance, von deportierten Juden, Zwangsarbeitern, Veteranen und anderen. Diese Gruppen haben wesentlich dazu beigetragen, dass die schmerzliche Vergangenheit in den Medien thematisiert wurde, die Justiz sich ihrer annahm und sie nach und nach Aufnahme in die offizielle Meistererzählung fand. Dazu beigetragen haben auch französische und deutsche Historiker, die seit Kriegsende Geschichtsunterricht und Lehrbücher überprüften; die Erinnerung wurde aber auch durch das Kino oder die Literatur transportiert. Die Gewalt und die Leiden der Kriegsjahre sind nicht vergessen worden. Es ist diese Kluft zwischen der Vielzahl und der Komplexität der kollektiven Erinnerungen und dem eindimensionalen, belehrenden offiziellen Gedächtnis, die dazu geführt hat, dass der Versöhnungsmythos heute infrage gestellt wird.

Herausforderung des Versöhnungsmythos



Der Historiker Joseph Rovan hat den Zweiten Weltkrieg als einen europäischen Bürgerkrieg interpretiert und nicht als einen Krieg von Nationen, die (in diesem Fall Frankreich und Deutschland) einander feindlich gegenüberstehen[15] – eine Interpretation, die von Nicolas Sarkozy in seiner Rede vom 11. November 2009 übernommen wurde.[16] Rovan betonte, wie wichtig die Erfahrungen der deportierten Résistance-Kämpfer in den Konzentrationslagern seien, um zu verstehen, dass die ersten Opfer des nationalsozialistischen Regimes deutsche Demokraten gewesen waren. Nach einer solchen Auseinandersetzung konnte die Versöhnung nicht im nationalen Rahmen erfolgen. Alfred Grosser teilte Rovans Standpunkt und seine Argumentation. Diesen beiden Franzosen deutscher Herkunft, deren Familien vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, ging es nicht um Versöhnung, sondern um Gerechtigkeit, Verstehen und Mitverantwortung. Grosser fasste das Handeln all der Wegbereiter einer Politik der ausgestreckten Hand in der unmittelbaren Nachkriegszeit so zusammen: "Wir stützten uns nicht auf eine Versöhnungsutopie. Wir glaubten, dass eine Verwirklichung von Moral nicht wirkungslos wäre."[17]

Auch Historiker und Vertreter der Zivilgesellschaft, die in der deutsch-französischen Zusammenarbeit engagiert sind, üben seit Langem Kritik am Mythos der deutsch-französischen Versöhnung, die 1963 mit der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages begonnen habe. Denn diese Interpretation überdeckt die Arbeit, die von der Zivilgesellschaft bereits in den Jahren zwischen Kriegsende und Vertragsunterzeichnung geleistet worden ist. Die historische Forschung hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt mit den Initiativen befasst, die von der Zivilgesellschaft ausgingen und die eine wesentliche Rolle – ja häufig eine Vorreiterrolle – im Prozess der deutsch-französischen Annäherung gespielt haben.[18]

Wenn der frühere Präsident der Fédération des Associations Franco-Allemandes pour l’Europe (FAFA) den öffentlichen Diskurs beharrlich kritisierte, tat er dies also durchaus berechtigt. Er riskierte dabei allerdings, einen neuen "versöhnlerischen" Mythos zu schaffen: "Diejenigen, die – ob unwissentlich oder wissentlich – die deutsch-französische Kooperation mit dem Élysée-Vertrag 1963 höher einstuften, haben sich nicht nur im Datum vertan: Sie verfälschten auch den tiefen Willen zur Versöhnung und Freundschaft, der seit dem Kriegsende 1945 von beiden Völkern geäußert wurde, die sich gegenseitig als Opfer des gleichen verbrecherischen Wahnsinns erkannt hatten."[19] Damit überschätzte er den Wunsch nach Versöhnung in der unmittelbaren Nachkriegszeit jedoch erheblich und kam zu einem in der Nachschau allzu optimistischen Urteil. 1945 ging es nicht um "Versöhnung", sondern um Verstehen und unter Umständen um Annäherung. Es ist daran zu erinnern, dass das Bild des Nachbarn in der öffentlichen Meinung niemals zuvor so negativ war wie 1945.

Kritik an "privilegierten" deutsch-französischen Beziehungen



Peter Sloterdijks "Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen"[20] sind aus dem Blickwinkel derjenigen geschrieben, die im heutigen Europa eine Normalisierung, ja eine Banalisierung der deutsch-französischen Beziehungen erkennen wollen – ein Schluss, zu dem kürzlich auch der französische Historiker Pierre Nora kam.[21] Indem er die beiden vergangenen Jahrhunderte seit Napoleon umspannt, möchte Sloterdijk zeigen, wie Frankreich und Deutschland – ermüdet von der Maßlosigkeit ihrer Auseinandersetzung – der Leidenschaft entsagen wollten. Durch Gleichgültigkeit hätten beide Länder den Weg der Befriedung finden wollen. So interpretiert er das Treffen zwischen de Gaulle und Adenauer in Reims 1962 als den Moment der einvernehmlichen Scheidung zwischen beiden Ländern. Der Philosoph beschwört eine endgültige Entfremdung und ein gegenseitiges Unverständnis herauf, sowohl in kultureller als auch in psychopolitischer Hinsicht, diplomatisch verschleiert durch die Freundschaft zwischen den Völkern.

Seit den 1980er Jahren scheint ein gewisses freundschaftliches Desinteresse in Bezug auf die jeweils andere Gesellschaft heraufzuziehen. Allerdings haben sich beide Gesellschaften seit der unmittelbaren Nachkriegszeit einander stark angenähert: Die Beziehungen und der Austausch waren noch nie so vielschichtig; das Bild des Nachbarn ist positiv und spiegelt gegenseitiges Vertrauen und eine große Übereinstimmung der Werte wider. Um seinen Standpunkt zu rechtfertigen, ist Sloterdijk gezwungen, diese Entwicklung zu ignorieren – doch seine bewusst provokante These veranschaulicht gleichwohl die wachsende Distanz, hervorgerufen durch das Überengagement von Politikern und Mittlern und die Selbstbeweihräucherung in den deutsch-französischen Beziehungen.

Wenngleich de Gaulle und Adenauer ihre Inszenierung der Aussöhnung in Reims gelungen ist und Kohl und Mitterrand sie in Verdun erfolgreich erneuert haben, stellt die Aufrechterhaltung der Erinnerung an die Versöhnung doch stets eine neue Herausforderung dar. Die Kritik ist im Laufe der Jahre lauter geworden, weil der Versöhnungsmythos mit Blick auf Adenauer, de Gaulle und den Élysée-Vertrag zu einem Dogma zu werden beginnt. Im Januar 2003 hat Bundeskanzler Schröder begonnen, den Faden der Versöhnungsgeschichte fortzuspinnen, indem er andere Darstellungen einbezog, insbesondere die der zivilgesellschaftlichen Akteure. Er versuchte auch, wieder mehr Emotionen zu wecken, indem er persönliche Erinnerungen zur Sprache brachte und einige Verse aus dem Chanson "Göttingen" zitierte – einem Sinnbild der bilateralen Beziehungen von der Sängerin Barbara aus dem Jahre 1964.

Mit seinem Vorschlag, den 11. November – neben oder anstelle des 22. Januar – zum Tag der deutsch-französischen Versöhnung zu machen, versuchte Präsident Sarkozy im Herbst 2009 den Bezug zum Élysée-Vertrag von 1963 zu lösen und so den Versöhnungsmythos neu zu begründen. Es fragt sich nur, ob der Drang, einen Erinnerungsbruch herbeizuführen, nicht am Ende die Geschichte verwischt. Ein gemeinsames Gedenken an einem Tag der Versöhnung hätte die Gefahr heraufbeschworen, dass die Erinnerung den Blick auf die Geschichte verstellt. So ist es nicht verwunderlich, dass das Projekt aufgegeben wurde. Es darf mit Spannung erwartet werden, wie Angela Merkel und François Hollande den Festakt zum 50. Jahrestag des Vertragsschlusses begleiten werden.
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Autor: Corine Defrance für bpb.de
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Fußnoten

1.
Alfred Grosser, France-Allemagne, la vertu agissante d’une morale, in: CERAS – Projet, September 2004; online: http://www.ceras-projet.com/index.php?id=2629« (23.11.2012).
2.
Vgl. Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792–1918, Stuttgart 1992.
3.
Arnaud Leparmentier/Marion van Tenterghem, M. Sarkozy et Mme Merkel en quête de mémoire, in: Le Monde vom 11.11.2009, S. 9.
4.
Die Texte der Erklärung und der anderen Reden sind auf der Website der Französischen Nationalversammlung dokumentiert: www.assemblee-nationale.fr/12/dossiers/assemblee-bundestag.asp (23.11.2012).
5.
Vgl. Robert Frank, Le traité de l’Élysée: un lieu de mémoire franco-allemand?, in: Corine Defrance/Ulrich Pfeil (éds.), La France, l’Allemagne et le traité de l’Élysée, 1963–2013, Paris 2012, S. 397–413.
6.
Vgl. Ulrich Lappenküper, Die deutsch-französischen Beziehungen 1949–1963. Von der "Erbfeindschaft" zur "Entente élémentaire", München 2000, S. 1708.
7.
Vgl. Corine Defrance/Ulrich Pfeil, Deutsch-Französische Geschichte, Bd. 10: Eine Nachkriegsgeschichte in Europa, Darmstadt 2011, S. 109–114.
8.
Vgl. Konrad Adenauer, Erinnerungen, Bd. 2, Stuttgart 1966, S. 288. Erst 1988 erwähnte Helmut Kohl Briand und Stresemann. Schröder und Merkel griffen dies wieder auf, um die deutsch-französische "Versöhnung" in eine Traditionslinie zu stellen (Reden am 22. Januar 2003 bzw. am 11. November 2009).
9.
Vgl. Ulrich Pfeil, Der Händedruck von Verdun. Pathosformel der deutsch-französischen Versöhnung, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 2: 1949 bis heute, Bonn 2008, S. 498–505.
10.
Vgl. Valérie Rosoux, La réconciliation franco-allemande: crédibilité et exemplarité d’un "couple à toute épreuve", in: Cahiers d’histoire, 100 (2007) Januar–März, S. 23–26, hier: S. 23.
11.
"Il n’y a que moi qui puisse réconcilier la France et l’Allemagne, puisqu’il n’y a que moi qui puisse relever l’Allemagne de sa déchéance." Alain Peyrefitte, C’était de Gaulle, t. 1: La France redevient la France, Paris 1994, S. 83.
12.
Vgl. Nicolas Moll, Effacer le passé au nom de l’amitié? La gestion des mémoires de la Seconde Guerre mondiale au sein du processus de réconciliation franco-allemande, in: Allemagne d’Aujourd’hui, (2012) 201, S. 28–39.
13.
Vgl. Claudia Moisel, Pragmatischer Formelkompromiss: Das deutsch-französische Globalabkommen von 1960, in: Hans Günter Hockerts/Claudia Moisel/Tobias Winstel, Grenzen der Wiedergutmachung. Die Entschädigung für NS-Verfolgte in West- und Osteuropa 1945–2000, Göttingen 2006, S. 242–284, hier: S. 257.
14.
Vgl. Bernhard Brunner, Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2004, S. 85f.; Claudia Moisel, Frankreich und die deutschen Kriegsverbrecher. Politik und Praxis der Strafverfolgung nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2004, S. 240.
15.
Bezogen auf seine Erfahrungen in Dachau schrieb Rovan: "In unseren Augen waren die politischen Gefangenen aus Deutschland unsere Frontkämpfer gegen die Vichy-Leute und die Anhänger der "Legion" die Verbündeten unserer nationalsozialistischen Gegner. Das war der wesentliche Unterschied insbesondere zum Ersten Weltkrieg. Der Zweite war in vielerlei Hinsicht ein europäischer Bürgerkrieg." Joseph Rovan, France–Allemagne 1945. Bâtir un avenir commun, Konferenz, Paris 24.–26.2.2000, http://old.futuribles.com/PAX/Rovan.doc« (23.11.2012).
16.
Vgl. Ansprache von Nicolas Sarkozy auf der Gedenkfeier zum Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg, Paris 11.11.2009, online: http://www.france-allemagne.fr/Gedenkfeier-zum-Waffenstillstand,4970.html« (23.11.2012).
17.
"Nous n’avons pas eu recours à une utopie de la réconciliation. Nous avons cru que la mise en pratique d’une morale pouvait ne pas être inefficace." A. Grosser (Anm. 1).
18.
Vgl. Hans Manfred Bock (Hrsg.), Projekt deutsch-französische Verständigung. Die Rolle der Zivilgesellschaft am Beispiel des Deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg, Opladen 1998; Corine Defrance/Michael Kissener/Pia Nordblom (Hrsg.), Wege der Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen – Zivilgesellschaftliche Annäherungen, Tübingen 2010.
19.
Bernard Lallement, Haben Sie Zivilgesellschaft gesagt?, in: Dokumente/Documents – Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, (1999) 5, S. 96–102.
20.
Vgl. Peter Sloterdijk, Theorie der Nachkriegszeiten: Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945, Frankfurt/M. 2008.
21.
Vgl. Pierre Nora, Man hat sich auseinandergelebt, Gespräch von Olivier Guez mit Pierre Nora, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.2.2012.

Corine Defrance

Zur Person

Corine Defrance

Dr. phil. habil., geb. 1966; Professorin für Zeitgeschichte, Mitglied der interdisziplinären Forschungsgruppe "Identité, relations internationales et civilisations de l’Europe" (UMR IRICE), Centre national de la recherche scientifique, Université de Paris, Panthéon-Sorbonne, 1, rue Victor Cousin, 75005 Paris/Frankreich. corine.defrance@wanadoo.fr


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