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16.1.2013

Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und weltweit

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von heute 7,06 Milliarden auf 9,31 Milliarden Menschen anwachsen. Die Bevölkerung Deutschlands dagegen nimmt ab und altert. Beide Entwicklungen stehen in Verbindung mit demografischen Übergangsphasen und bergen unterschiedliche Ursachen, Verläufe und Konsequenzen. Demografische Maßzahlen und bevölkerungssoziologische Indikatoren machen es möglich, auf den Modernisierungsgrad einer Gesellschaft zu schließen: Je niedriger die Maßzahlen zu Geburten (Fertilität) und Sterbefällen (Mortalität) sind, umso eher gehören Bevölkerung und Gesellschaft der modernen, industriellen oder schon postindustriellen Entwicklungsstufe an. Die Analyse der Indikatoren zeigt im Folgenden das Bild einer "geteilten Welt" und ermöglicht die Lokalisierung Deutschlands im internationalen Vergleich. Die hiefür verwendeten demografischen Indikatoren sind zum einen das Bevölkerungswachstum einer Region, gemessen an der natürlichen Wachstumsrate (Geburtenrate minus Sterberate). Es wird zum Indikator sozio-ökonomischer Entwicklung, wenn man einer Erfahrungsregel folgt: je moderner eine Bevölkerung, desto geringer die jährliche natürliche Wachstumsrate. In den weniger entwickelten Ländern liegt das jährliche Bevölkerungswachstum derzeit bei durchschnittlich 1,3 Prozent, in den Industrieländern bei durchschnittlich 0,3 Prozent (Europa: 0,1 Prozent).[1] Die Wachstumsrate wird erst in Verbindung mit der Bevölkerungsgröße voll aussagekräftig. Generell beruhen Bevölkerungsveränderungen auf natürlicher Bevölkerungsentwicklung (Geburten, Sterbefälle) und Wanderungsbewegungen (Zuzüge, Fortzüge).

Zum anderen ist die Geburtenhäufigkeit (Fertilität) zu betrachten, die auf die regional vorherrschenden Familien- und Arbeitsformen verweist. Hohe Geburtenzahlen sind typisch für Agrargesellschaften. Ein entscheidender Indikator ist die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, auch zusammengefasste Geburtenziffer oder TFR genannt. Mit 2,1 Kindern je Frau würde derzeit der Generationenersatz garantiert und die Bevölkerungsgröße unverändert bleiben (Bestandserhaltungsniveau). Mit einer TFR höher als 2,1 würde sich eine Bevölkerung vergrößern, darunter liegend nimmt sie längerfristig ab. Erhöhte Geburtenzahlen bedeuten starke Jugendjahrgänge, die bald einen Druck auf das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt ausüben.

Ein dritter Indikator sind die Sterblichkeit (Mortalität) und die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt, die ebenso einen Gesellschaftszustand charakterisieren. Wenn die Mortalität (jährliche Sterbefälle) insgesamt oder in gewissen Altersgruppen zurückgeht, erhöht sich die durchschnittliche Lebenserwartung und bewirkt eine allmähliche Veränderung des Altersaufbaus: Sie verbreitert die Altenjahrgänge am oberen Ende der Alterspyramide und gibt ihr die Gestalt eines Pilzes. Das Ausmaß der Säuglings- und Müttersterblichkeit sagt viel über den Entwicklungsstand aus, etwa über den Organisationsgrad des Gesundheitswesens und die Ernährungslage.

Ein vierter Indikator ist der Altersaufbau, der zeigt, in welcher Stärke Jugend und Alter vertreten sind. Das quantitative Verhältnis der beiden großen Altersgruppen zueinander verweist auf die Unterstützungsleistung, die eine Erwerbsbevölkerung für die abhängigen Jahrgänge der Jugend und des fortgeschrittenen Alters zu erbringen hat. Es ist üblich, von "jungen" und "alten" Bevölkerungen zu sprechen, je nach dem Verhältnis, in dem Jugendanteil (unter 15-Jährige) und Altenanteil (über 64-Jährige) zueinander stehen beziehungsweise sich bereits die Waage halten. Es gilt die Regel: Je moderner eine Bevölkerung ist, desto "älter" ist sie, das heißt desto gewichtiger wird der Anteil der Älteren an der Alterspyramide.

Die Weltbevölkerung umfasst nach Projektionen der United Nations Population Division aktuell etwa 7,06 Milliarden Menschen und unterliegt einer jährlichen Zuwachsrate von 1,1 Prozent. Das bedeutet eine jährliche Bevölkerungszunahme von 78 Millionen Menschen. Nach der "mittleren Variante" dieser Projektionen (Projektion mit dem gegenwärtig höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad) wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,3 Milliarden Menschen anwachsen und 2100 über 10,1 Milliarden Menschen betragen. Sie verdankt dieses Wachstum allein den Geburtenzahlen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Seit mehr als 30 Jahren sinkt zwar auch dort die Geburtenzahl, doch eine Stagnation des Bevölkerungswachstums wie seit zwei Jahrzehnten in Europa dürfte erst nach 2050 eintreten (Tabelle 1 (vgl. PDF-Version). Die Weltbevölkerung wird ihr Gewicht in den kommenden Jahrzehnten weiter in Richtung südliche Hemisphäre verlagern, besonders in Richtung Afrika. Aktuell beträgt der Anteil Asiens an der Weltbevölkerung 60 Prozent, Afrikas 15 Prozent und Europas 10 Prozent. Im Jahr 2050 werden 24 Prozent der Weltbevölkerung in Afrika leben, 55 Prozent in Asien und nur noch acht Prozent in Europa. 2100 werden die Weltbevölkerungsanteile in Asien bei 45 Prozent und in Afrika bei 35 Prozent liegen. In Europa werden sie auf sieben Prozent gesunken sein.


Modernisierungswege

Europa und Nordamerika sind auf dem Modernisierungsweg zur industriell-technologischen und politisch-demokratischen Reife am weitesten fortgeschritten. Das zeigt sich an demografischen Indikatoren wie einer hohen Lebenserwartung und einem hohen Altenanteil.[2] Auf erfolgreichem Modernisierungsweg befinden sich die Schwellenländer, vor allem in Ostasien, während der indische Subkontinent von starker Heterogenität geprägt ist: Gewissen Inseln der Modernität (wie Bangalore, Kerala) stehen Regionen mit großer Armutsbevölkerung gegenüber – eine Beobachtung, die auch für Lateinamerika zutrifft. Insgesamt sind die Modernisierungswege außereuropäischer Staaten und ihrer Bevölkerungen nicht vorhersehbar, das gilt besonders für Afrika. Die Bevölkerung Afrikas wird sich aufgrund der hohen jährlichen Wachstumsrate von 2,3 Prozent bis 2050 verdoppeln.[3] Dafür ist die immer noch sehr hohe zusammengefasste Geburtenziffer von durchschnittlich 4,4 Kindern je Frau verantwortlich. Sie ist doppelt so hoch wie im asiatischen und lateinamerikanisch-karibischen Durchschnitt mit 2,2 und beträgt fast das Dreifache der europäischen Geburtenziffer von 1,6 Kindern je Frau. Die demografischen Differenzen spiegeln sich auch in den ökonomischen Kennzahlen: Allein die Gegenüberstellung des Wirtschaftsindikators Bruttonationaleinkommen pro Kopf 2010 von 2630 US-Dollar in Afrika und von 27080 US-Dollar in Europa lässt darauf schließen, dass sich in Afrika Wirtschaftsschwäche und starkes Bevölkerungswachstum negativ kombinieren.

Betrachtet man die demografischen Vergleichsgrößen im Detail, so zeigt sich, dass das Geburtenniveau der Weltbevölkerung seit Anfang der 1960er Jahre von durchschnittlich 4,9 Kindern je Frau (1960 bis 1965) auf gegenwärtig 2,5 Kinder gesunken ist.[4] In den Industrieländern liegt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau derzeit bei 1,7 und damit unterhalb des Bestandserhaltungsniveaus von 2,1 Kindern. In den weniger entwickelten Ländern liegt sie am höchsten, nämlich bei 2,6 Kindern je Frau. In Asien und Lateinamerika betrug die TFR 1960 noch fast 6 Kinder je Frau; aktuell liegt sie mit 2,2 fast auf Bestandserhaltungsniveau. In Afrika sank die TFR in den vergangenen 50 Jahren zwar ebenfalls, aber nur von 6,7 (1960 bis 1965) auf 4,4. Auf dem afrikanischen Kontinent findet sich weiterhin die höchste Fertilität im Weltvergleich. Denn für Frauen bedeuten Kinder Status und existenzielle Ressourcen. Außerdem fehlen vielerorts die sanitären Voraussetzungen dessen, was im Bereich der Vereinten Nationen als "reproduktive Gesundheit" bezeichnet und zur Durchsetzung des Elternwunsches nach einer gewünschten Zahl überlebender Kinder gefordert wird.[5] Bis 2050 wird von einer starken Abnahme der Säuglingssterblichkeit ausgegangen, was einen Rückgang von Ersatz- und Vorsorgegeburten zur Folge haben dürfte.

Die Entwicklung der Sterblichkeit ist die Grundlage für die Berechnung der durchschnittlichen Lebenserwartung bei Geburt für beide Geschlechter, die in den Industrieländern 78 Jahre beträgt und in den Entwicklungsländern 67 Jahre. In Afrika liegt die Lebenserwartung bei Geburt aufgrund der hohen Sterblichkeit in allen Altersjahrgängen derzeit bei etwa 57 Jahren und somit niedriger als in allen anderen Regionen der Welt (Asien: 70 Jahre, Lateinamerika/Karibik: 75 Jahre). Sie entspricht in etwa der Lebenserwartung Europas und Nordamerikas um 1900. Verglichen mit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als die durchschnittliche Lebenserwartung in Afrika noch bei lediglich 38 Jahren lag, haben die afrikanischen Länder deutliche Fortschritte gemacht.

An der grafischen Darstellung der Altersstruktur einer Bevölkerung, der Alterspyramide, sind Wachstumsdynamik und gesellschaftlicher Entwicklungsgrad zu erkennen. Die Abbildung (vgl. PDF-Version) zeigt am Beispiel Deutschlands, wie den demografischen Übergangsphasen bestimmte Alterspyramiden entsprechen.[6] Der demografische Übergang beginnt mit einer Dreiecksform des raschen Bevölkerungswachstums um 1900. Im Stadium erreichter Modernisierung und "posttransformativer" stationärer Beruhigung ergibt sich die Glockenform: Die aufeinanderliegenden Geburtsjahrgänge sind in etwa gleich stark besetzt. Im 21. Jahrhundert wird die Alterspyramide Deutschlands die Form eines Pilzes annehmen: Wegen geringer Geburtenzahl bei hoher und steigender Lebenserwartung bildet sich ein deutlich sichtbarer "Altenkopf". Afrika wird noch länger in der Dreiecksform einer wachsenden Bevölkerung verharren. Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas haben dieses Stadium bereits verlassen.

Außer der Tendenz zu regional unterschiedlichem Wachstum unterliegt die Weltbevölkerung noch einer weiteren Entwicklung: der sogenannten demografischen Alterung. Die Intensität dieser Alterung hängt von zwei Faktoren ab: (1) dem Anteil der Jugendjahrgänge an der Gesamtbevölkerung und seiner Tendenz zu wachsen oder zu schrumpfen; geht der Jugendanteil zurück, steigt im selben Maße der Anteil der Älteren; (2) dem Rückgang der Sterblichkeit und der steigenden Lebenserwartung, die immer mehr Menschen in den einzelnen Altersgruppen überleben und die nächsthöhere Altersstufe erreichen lässt. Auch hierin findet sich eine geteilte Welt: Europa altert sowohl wegen Jugendschwund als auch steigender Lebenserwartung,[7] die Entwicklungsländer altern von einem jüngeren Ausgangsniveau und langsamer aufgrund eines stark differenzierten Geburtenrückgangs und einer allmählich sinkenden Sterblichkeit.

Demografische Alterung lässt sich am Vorrücken des Durchschnittsalters, das eine Bevölkerung in jünger und älter teilt ("Medianalter"), messen (Tabelle 2). Gegenwärtig liegt das Medianalter in den Industriestaaten bei 40 Jahren, in den Entwicklungsländern bei 27 Jahren. Bis 2050 ist ein Anstieg auf 44 beziehungsweise 37 Jahre zu erwarten. Am schnellsten wird die Alterung in den Schwellenländern voranschreiten, vor allem in China und generell im asiatischen Raum (Asien: 29 Jahre in 2010, 41 Jahre in 2050). In den Industrieländern mit bereits hohem Anteil älterer Menschen wird der Alterungsprozess den Druck auf die sozialen Sicherungssysteme verstärken. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt mit dem sozio-ökonomischen Entwicklungsstand und der Effizienz des Gesundheitswesens eines Landes. Gegenwärtig beträgt sie in den Industrieländern für beide Geschlechter im Durchschnitt 78 Jahre und ist damit elf Jahre höher als in den Entwicklungsländern.

Für Afrika ist die demografische Alterung noch lange nicht so ein Problem wie die Entwicklungsaufgaben, die mit wachsender Jugend verbunden sind. Daran wird sich bis über die Mitte dieses Jahrhunderts hinaus nichts ändern. Denn Afrika beherbergt mit 40 Prozent unter 15-Jährigen die stärksten Jugendanteile an der Bevölkerung und mit 57 Jahren die niedrigste durchschnittliche Lebenserwartung weltweit. Das Medianalter lag im Jahr 2010 bei 20 Jahren und wird bis 2050 auf noch immer niedrige 26 Jahre steigen (Tabelle 2 (vgl. PDF-Version)). In den Industrieländern sind die Folgen demografischer Alterung dagegen schon deutlich zu erkennen. Faktoren, die sie abmildern könnten, wären ein Anstieg der Geburten oder die Zuwanderung junger Menschen.[8] Demografische Alterung kann in ihrer Tendenz jedoch nicht unterbunden oder gestoppt werden, denn dies würde ein Zuwanderungsvolumen erfordern, das die Integrationskapazität von Staaten herausfordert.[9]

Wie oben gezeigt, werden in Afrika im Jahr 2050 doppelt so viele Menschen leben als heute. In den Ländern Subsahara-Afrikas wird sich der Druck auf die Lebensgrundlagen verstärken. Sie befinden sich mitten in der demografischen Wachstumsphase eines mühseligen und konfliktreichen Übergangs von vormodern-agrarischen zu modernen Familien- und Produktionsstrukturen.[10] Dieser wird keinesfalls eine Kopie des westlichen Weges sein können, sondern wird deutlich eigenkulturelle Züge tragen.

Auf den anderen außereuropäischen Kontinenten Asien und Lateinamerika finden sich Staaten, die auf ihrem Entwicklungsweg fortgeschrittener sind und auch niedrigere Geburten- und Sterberaten zeigen. In Asien finden sich alle Entwicklungsstufen von Modernität in Demografie und Wirtschaft bis hin zu vorindustriellen Verhältnissen in den Landregionen und Slums der urbanen Zentren. China ging in seinem politisch forcierten demografischen Übergang am weitesten und steht mit seiner Ein-Kind-Politik in einem ähnlichen Alterungsprozess wie Deutschland. Chinas Wachstumsrate beträgt 0,4 Prozent, die TFR liegt bei 1,6 und die Lebenserwartung bereits bei 74 Jahren. Die Bevölkerung wird von aktuell 1,35 Milliarden ab 2030 zurückgehen und bis 2100 auf 940 Millionen gesunken sein.

Das asiatische Alterungsproblem nimmt sich jedoch gravierender aus als das europäische: Europa begann deutlich zu altern, nachdem seine Sozialstaaten errichtet waren. In Asien begann die Alterung vor einem Vierteljahrhundert, also lange bevor sozialstaatliche Einrichtungen und Alterssicherung nach europäischem Vorbild geschaffen werden konnten. Die staatlichen Lenkungsorgane Chinas müssten schon längst begonnen haben, Pensionsfonds für eine jetzt schon langlebige Bevölkerung anzulegen. Der zweite "Bevölkerungsriese" Indien kämpft seit seiner Staatsgründung gegen sein Bevölkerungswachstum, jedoch mit mäßigem Erfolg. Die Bevölkerungsanzahl von 372 Millionen im Jahr 1950 stieg auf inzwischen 1,26 Milliarden. Nach 2020 wird Indien mehr Menschen zählen als China. Die TFR liegt in Indien aktuell mit 2,5 Kindern je Frau weiterhin über dem Generationenersatzniveau, die Lebenserwartung bei nur 66 Jahren. Die Bezeichnungen Chinas als wirtschaftliche Großmacht und Indiens als "größte Demokratie" sollten über Schwächen und innere Gefahren dieser "Bevölkerungsgiganten" nicht hinwegtäuschen. Zu nennen sind starke soziale Ungleichheiten und große Gegensätze zwischen Stadt und Land sowie zwischen reichen und armen Provinzen. Sie nähren Spaltungstendenzen und machen, zusammen mit Korruption und religiös-ethnischen Differenzen, ihre Staaten instabil.

Die demografische Entwicklung in den Regionen Lateinamerikas verläuft aufgrund sehr unterschiedlicher sozio-ökonomischer Modernisierungsgrade ebenfalls uneinheitlich. Der demografische Übergang ist in Brasilien und Mexiko bereits fortgeschritten, wobei Brasilien eine positivere Entwicklung aufweist. Brasiliens Weg zum erfolgreichen Produzenten und in den Kreis der wichtigsten Handelsnationen ist erstaunlich. Es scheint Brasilien zu gelingen, aus einem mit Sorge betrachteten hohen Jugendanteil von 25 Prozent unter 15-Jährigen über Ausbildung und Wirtschaftswachstum eine "demografische Dividende" einzufahren.[11] Die Bevölkerung Brasiliens wächst jährlich nur noch um 0,8 Prozent, die TFR liegt mit 1,8 bereits unter Bestandserhaltungsniveau. Der soziale Fortschritt zeigt sich auch an der hohen Lebenserwartung von 74 Jahren. Mexiko bietet den scharfen Kontrast zu den USA und eignet sich, die Gegensätzlichkeit der Lebensformen und -chancen nördlich und südlich des Rio Grande zu illustrieren. Eine äußerst junge Bevölkerungsstruktur (29 Prozent unter 15; 6 Prozent über 64) zeigt noch Spuren der 1960er Jahre, als Mexiko mit einer TFR von 6,7 zu den nachwuchsreichsten Bevölkerungen überhaupt zählte. Aktuell wächst die Bevölkerung Mexikos mit 1,1 Prozent bei einer TFR von 2,2 Kindern je Frau. Seit Jahrzehnten hat das Land Schwierigkeiten, seine Bevölkerung zu ernähren, zu beschäftigen – und im Land zu halten.


Deutschland und Äthiopien

Die Gegenüberstellung von Deutschland und Äthiopien bietet Gelegenheit, Entwicklungsdifferenzen in einem anschaulichen Ländervergleich aufzuzeigen. Die Auswahl Äthiopiens erfolgt aufgrund der vergleichbaren Bevölkerungsgröße und der maximalen Wohlstandsdifferenz zwischen beiden Staaten. Die Grundannahme, dass zentrale demografische Indikatoren eine sozio-ökonomische Entwicklungsstufe beziehungsweise einen Modernisierungsgrad erkennen lassen, bestätigt sich hier exemplarisch. Betrachtet man die Geburtenentwicklung im Zeitverlauf, so zeigt sich, dass die TFR in Deutschland von 1960 bis heute von 2,5 auf 1,4 gesunken ist, in Äthiopien im gleichen Zeitraum dagegen von 6,9 auf 3,9 Kinder je Frau. Das Bestandserhaltungsniveau von 2,1 dürfte dort erst gegen 2040 erreicht werden.

Laut UN-Projektionen wird die äthiopische Bevölkerung bis zum Jahr 2050 von 87 Millionen auf 145 Millionen Menschen anwachsen, die Bevölkerung Deutschlands dagegen wird abnehmen und altern. Grund hierfür sind divergierende Zuwachsraten von –0,2 Prozent in Deutschland gegenüber einem wachsenden Äthiopien mit 2,1 Prozent, eine Geburtenhäufigkeit von 3,9 Kindern je Frau in Äthiopien gegenüber 1,4 in Deutschland sowie die unterschiedlichen Jugendanteile von 41 Prozent von unter 15-Jährigen in Äthiopien und 13 Prozent in Deutschland. Die Indikatoren bergen auf äthiopischer Seite soziale Brisanz aufgrund wachsenden Bevölkerungsdrucks und steigenden Migrationspotenzials auch innerhalb des Landes. Auf deutscher Seite entstehen Probleme aus Bevölkerungsrückgang und demografischer Alterung. So beträgt die Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland für beide Geschlechter durchschnittlich 81 Jahre und liegt damit 21 Jahre über der Lebenserwartung in Äthiopien. Das Medianalter der Bevölkerung liegt in Deutschland bei 44 Jahren und in Äthiopien bei nur 19 Jahren. Das Verhältnis von unter 15-Jährigen zu über 65-Jährigen betrug 2010 in Deutschland 13 zu 20 Prozent und in Äthiopien 41 zu drei Prozent (Tabelle 2). Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf lag 2010 in Deutschland bei 38100 US-Dollar, während es in Äthiopien mit 1040 US-Dollar nur drei Prozent des deutschen betrug.

Äthiopien steht vor der großen Herausforderung, seine starken Jugendjahrgänge von vormodernen Familien- und Arbeitsformen zu industriellen Denk-, Arbeits- und Lebensweisen zu bringen. Dabei hat es jedoch nicht mehr wie Deutschland drei Generationen Zeit für seinen Modernisierungsweg. Die industriellen Umbrüche und die sie begleitenden demografischen Übergänge in einem Sozialstaat mit Generationenvertrag haben in Deutschland die Rolle von Familie, Nachwuchs und ihre materiellen Grundlagen radikal verändert.[12] Nachdem Familie und Nachwuchs nicht mehr Existenzsicherung bedeuten und auf keinen traditionell verankerten Normen mehr beruhen, wurde generatives Verhalten zum individuellen Entscheidungsvorgang in nicht länger normierten Lebensläufen. Der "zweite demografische Übergang", in dem sich moderne Bevölkerungen seit Jahrzehnten befinden und der durch Rückgang der Jugendjahrgänge und steigende Altenanteile ("demografische Alterung") charakterisiert ist, hat Familiengründung aus dem Zentrum der Lebensplanung gerückt und sie der Konkurrenz mit vielen anderen Lebenszielen ("Optionen"), aber auch Zwängen (Flexibilität, Mobilität) ausgesetzt. Bereits heute verzeichnet Deutschland mit 8,1 Geburten je 1000 Einwohner die niedrigste Geburtenziffer im Weltvergleich und hat nach Japan den höchsten Bevölkerungsanteil von über 65-Jährigen und den niedrigsten Anteil von unter 15-Jährigen.[13]

Basierend auf der "12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung"[14] dürfte sich die Bevölkerung Deutschlands bis 2050 von derzeit 82 Millionen auf bis zu 69 Millionen (Untergrenze) verringern. In welchem Ausmaß die Bevölkerung abnimmt und altert, wird am Umbau der Altersstruktur deutlich: So wird die Zahl der unter 15-Jährigen von derzeit elf Millionen auf 8 Millionen im Jahr 2050 zurückgehen, ihr Anteil wird dann zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Bevölkerung im Erwerbsalter wird nach 2020 signifikant abnehmen und altern. Die Zahl der über 65-Jährigen wird dagegen von derzeit 17 Millionen auf 23 Millionen im Jahr 2050 ansteigen; bereits jeder Dritte wird dann 65 Jahre und älter sein. Die Gruppe der über 80-Jährigen wird bis zum Jahr 2050 am stärksten zunehmen und dann größer sein als die der unter 15-Jährigen.

Resümee und Perspektiven

Die Gestaltung des demografischen Wandels wurde weltweit als eine der großen politischen Zukunftsaufgaben erkannt. Neben einzelnen Staaten engagieren sich auf internationaler Ebene die Vereinten Nationen und eine Vielzahl nichtstaatlicher Akteure. Ziel ist es, den Lebensstandard in den Entwicklungs- und Schwellenländern nachhaltig zu verbessern und dadurch das Weltbevölkerungswachstum zu verlangsamen. Auch in den Industrieländern bedarf es Demografiestrategien, um die Ziele ihrer Sozial- und Wohlfahrtspolitik zu erreichen und in einer Welt der 9,3 Milliarden im Jahr 2050 weiter zu bestehen. Auf der Rangliste der Staaten nach ihrer Bevölkerungsgröße hält Deutschland noch den 16. Platz. Mit einem Anteil von nur 1,2 Prozent an der Weltbevölkerung gehört Deutschland zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten und weltmarktfähigsten Exporteuren. Um diese Stellung zu halten, wird Deutschland auf die Ausschöpfung und Verjüngung seines Erwerbspotenzials dringen müssen – denn die Bevölkerung Deutschlands gehört zu den am raschest alternden der Welt.
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Fußnoten

1.
Vgl. United Nations Population Division, World Population Prospects, New York 2011.
2.
Vgl. ebd.
3.
Bei einem natürlichen Bevölkerungswachstum von konstant zwei Prozent verdoppelt sich eine Bevölkerung innerhalb von 35 Jahren.
4.
Vgl. UN (Anm. 1).
5.
Vgl. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung/United Nations Population Fund (Hrsg.), Weltbevölkerungsbericht 2012, Hannover 2012.
6.
Der "erste demografische Übergang" bezeichnet die Entwicklung von hohen zu niedrigen Sterbe- und Geburtenraten, wobei zuerst die Sterblichkeit und später die Geburtenzahl zurückgeht. Daraus resultiert ein starkes Bevölkerungswachstum. Im weiteren Verlauf pendeln sich die Geburten- und Sterbefälle auf niedrigem Niveau ein und bewirken ein geringes Bevölkerungswachstum. Beim "zweiten demografischen Übergang" sinkt die Zahl der Geburten unter die der Sterbefälle (Geburtendefizit). Die Geburten bleiben konstant unter Bestandserhaltungsniveau. Vgl. Dirk J. van de Kaa, Europe’s Second Demographic Transition, in: Population Bulletin, 42 (1987) 1; John C. Caldwell et al., Demographic Transition Theory, Dordrecht 2006; Susanne Schmid, Bevölkerungsentwicklung/-politik, in: Wichard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch Internationale Politik, Opladen 2008, S. 39–51.
7.
Nur die osteuropäische Gemeinschaft Unabhängiger Staaten geht in ihrer posttransformativen Phase einen Sonderweg. Dort geht niedrige Fertilität mit hoher (vor allem männlicher) Sterblichkeit einher. Vgl. Susanne Schmid, Das Migrationspotenzial aus der GUS in die Europäische Union, Nürnberg 2012.
8.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Demografiebericht, Berlin 2011; ders. (Hrsg.), Jedes Alter zählt, Berlin 2012.
9.
Vgl. United Nations Population Division, Replacement Migration, New York 2000.
10.
Vgl. Susanne Schmid, Vor den Toren Europas?, Nürnberg 2010.
11.
Die "demografische Dividende" fällt an, wenn der Anteil der wirtschaftlich abhängigen Altersgruppen (Kinder, Alte) an der Gesamtbevölkerung gering ist und ein junges, ausgebildetes Erwerbspotenzial auf einen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt trifft beziehungsweise ihn sogar schafft. Volkswirtschaften profitieren dann aufgrund stärkerer Kapitalbildung und niedrigeren Kosten für wirtschaftlich abhängige Altersgruppen von einem starken Anstieg des nationalen Einkommens. Die frei werdenden Mittel müssen jedoch in Bildung und weitere Arbeitsplätze re-investiert werden.
12.
Vgl. Susanne Schmid, Antworten auf den demographischen Wandel, in: Politische Studien, (2012) 443, S. 68–79.
13.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Statistisches Jahrbuch 2012, Wiesbaden 2012.
14.
Vgl. ders. (Hrsg.), Bevölkerung Deutschlands bis 2060, Wiesbaden 2009.

Susanne Schmid

Zur Person

Susanne Schmid

Dr. phil., geb. 1974; Leiterin des Arbeitskreises Weltbevölkerung der Deutschen Gesellschaft für Demographie e.V.; Leiterin des Referats Arbeit und Soziales, Demographischer Wandel, Familie, Frauen und Senioren der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung, Lazarettstraße 33, 80636 München. schmids@hss.de


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