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18.3.2013

In guter Gesellschaft? Wandel in den Randzonen des Sozialen

Die fordistische Industriegesellschaft – gekennzeichnet durch unter anderem standardisierte Massenproduktion und Massenkonsum, normierte Erwerbsbiografien, ein konservatives Geschlechterregime und die rassistisch kodifizierte Nutzung migrantischer Arbeitskraft als "Gastarbeit" – ist vor fast vier Jahrzehnten nach kurzer "Blütephase" sukzessive ins Straucheln geraten. Der daraufhin einsetzende ökonomische Paradigmenwechsel zeitigt weitreichende Konsequenzen für die gegenwärtigen Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen: Ökonomisierung und Deregulierung, Privatisierung und Prekarisierung, Aktivierung und Entsicherung sind prominente Stichworte, welche diese Wandlungsprozesse einfangen. Zugleich tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Einengung des Normalitätsfeldes auf den "männlich-autochtonen Familienernährer" in der fordistischen Industriegesellschaft ein zunehmend "flexibler Normalismus",[1] durch den die Normalitätsgrenzen in Bewegung geraten: Soziale Kämpfe vormals ausgeschlossener Gruppen haben zu dieser Entwicklung ebenso beigetragen wie neu akzentuierte Verwertungsinteressen. Frauen, Migrantinnen und Migranten, aber auch gesunde "junge Alte" finden Einlass in die durchlässiger gewordenen Zonen des "Normalen", ohne dass deshalb strukturelle Ungleichheit, Rassismus, Sexismus oder Ageism überwunden wären. Zugleich produziert jede Ausweitung des Normalitätsfeldes neue Ausschlüsse, und die Grenzen des ("normalen") Sozialen werden neu vermessen. Diesen dynamisierten "Grenzregimen"[2] des flexiblen Kapitalismus gilt das Augenmerk dieses Beitrags.

Unter dem Stichwort "Exklusion" ist seit den 1990er Jahren das wissenschaftliche Interesse an denjenigen gestiegen, die sich nicht mehr in einem gesellschaftlichen Setting von "Gewinnern" und "Verlierern" verorten lassen, da sie gar nicht (mehr) ins Spiel kommen.[3] Der Blick richtet sich dabei vornehmlich auf diejenigen "Entbehrlichen" und Ausgeschlossenen, die aus der (alten) Mitte – den fordistischen Normalitätszonen der Gesellschaft – herausgefallen sind. Es sind die "unnützen Normalen" (Jacques Donzelot), die im flexiblen Kapitalismus der postfordistischen Ära ins Straucheln geraten, und die damit einhergehende Verwundbarkeit und Entsicherung der gesellschaftlichen Mitte, der die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Aufmerksamkeit im Folgenden richtet sich demgegenüber auf zwei Gruppen, die in ganz unterschiedlicher Weise nicht zur "Mitte" der fordistischen Gesellschaft zählten und gerade deshalb die flexibilisierten Grenzziehungen der Gegenwartsgesellschaft exemplarisch sichtbar werden lassen: Menschen höheren Lebensalters und Menschen mit Migrationshintergrund. Wo "junge Alte" und bestimmte Migrantinnen und Migranten in neuer Weise als soziale Personen adressiert werden, sind es die Hochaltrigen und Pflegebedürftigen, die Illegalisierten, Geduldeten und Flüchtlinge im Asylverfahren, die in den "‚unbewohnbaren‘ Zonen des sozialen Lebens, die dennoch dicht bevölkert sind",[4] (über-)leben. Im Folgenden werde ich der Frage nachgehen, wie sich Prozesse der Ökonomisierung und Deregulierung, der Aktivierung und Entsicherung in die Grenzziehungen einschreiben, die markieren, wer heute als soziale Person adressiert wird.

Was bisher geschah



"Der kurze Traum immerwährender Prosperität"[5] fand mit den Ölkrisen der 1970er Jahre und der aufkommenden Massenarbeitslosigkeit sein jähes Ende. Infolge technischer Rationalisierungen und einer zunehmenden Internationalisierung der Produktion geriet (industrielle) Lohnarbeit als "stabile gesellschaftliche Integrationsmaschine" ins Stocken.[6] Entgegen verbreiteter Lesarten liefen die Krisenreaktionen, zumal in Deutschland, nicht auf einen einfachen Rückzug des Staates und eine Entfesselung von Marktkräften hinaus. Zu beobachten war vielmehr eine politisch eingebettete, umkämpfte, mitunter widersprüchliche Restrukturierung kapitalistischer Akkumulation und Regulation bei zum Teil ausgeprägter Beharrungskraft bestehender (wohlfahrts-)staatlicher Institutionen.[7] Reagiert wurde zunächst vor allem mit Lohnsenkungen, Rationalisierungen und Arbeitsintensivierung. Mit der Abkehr von der standardisierten Massenproduktion, einer flexibilisierten Spezialisierung in den Industriesektoren sowie der Zunahme von Beschäftigung im Dienstleistungsbereich setzte eine Erosion des fordistischen Normalarbeitsverhältnisses und eine zunehmende Deregulierung und Prekarisierung von Lohnarbeit ein: Zunahme atypischer Beschäftigung, Ausweitung des Niedriglohnsektors, Schwächung kollektivvertraglicher Regelungen und die Polarisierung in kleiner werdende Kern- und wachsende Randbelegschaften sind die Folge und bedingten eine Umverteilung der Einkommen von "unten" nach "oben".[8] Sinkende Arbeitsstandards und Löhne korrespondieren mit einer spezifischen Form der Arbeitsintensivierung, die mit einer erweiterten Verwertung und Indienstnahme der "Subjektivität" der Beschäftigten einhergeht. Neue Managementkonzepte setzen auf eine Abflachung von Hierarchien, auf intellektuelle Eigeninitiative der Beschäftigten sowie die Ermöglichung von Kreativität durch die Abschaffung monotoner Arbeitsabläufe. Eine Verdichtung dieser Entwicklung findet sich in der Sozialfigur des "Arbeitskraftunternehmers", der sich durch Selbstökonomisierung hinsichtlich seiner Marktfähigkeit, Selbstkontrolle und Selbstrationalisierung der alltäglichen Lebensführung im Sinne der Erfordernisse der Erwerbssphäre auszeichnet.[9] Diese Entwicklungen gehen einher mit einer forcierten "inneren Landnahme",[10] durch die gesellschaftliche Bereiche in den Kapitalverwertungsprozess einbezogen werden, die im Fordismus der Marktlogik entzogen waren – mit der Folge, dass Dienstleistungen und öffentliche Infrastruktur, insbesondere in den Bereichen Transport und Kommunikation, Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, re-kommodifiziert und privatisiert werden. Darüber hinaus werden die sozialstaatlichen Sicherungssysteme selektiv eingeschränkt und Sanktionsmechanismen verschärft.[11]

Spätestens mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen der rot-grünen Bundesregierung (1998 bis 2005) ist dabei deutlich geworden, dass eine Analyse der sozialpolitischen Reformen als Rückzug des Staates jedoch in die Irre führt: Zu beobachten ist stattdessen ein Wandel der sozialstaatlichen Steuerungslogik, der zufolge (potenzielle) Leistungsempfänger nicht mehr als Träger von Rechten, sondern als zur Eigenverantwortung Verpflichtete und in diesem Sinne zu Aktivierende gelten. Aktivierende Sozial- und Arbeitsmarktpolitik schickt sich an, die vermeintlichen Passivbürger des fordistischen Wohlfahrtsstaats durch "Erziehung zu Marktlichkeit"[12] zu funktionsfähigen Arbeitsmarktsubjekten des flexibilisierten Kapitalismus zu machen. Die neue Devise heißt: Herstellen von Beschäftigungsfähigkeit und Erlernen individueller "Schadensminderung" (etwa durch vorbeugendes Verhalten) unter Androhung von Leistungskürzungen. "Im Zentrum der aktivierungspolitischen wohlfahrtsstaatlichen Programmatik steht der tendenzielle Übergang von der ‚Staatsversorgung‘ zur Selbstsorge, von der öffentlichen zur privaten Sicherheitsverantwortung, vom kollektiven zum individuellen Risikomanagement."[13] Diesem Übergang wird durch staatliche Politiken des (seltenen) Förderns und (häufigen) Forderns, des Kürzens und Kontrollierens der Weg bereitet.

Kurze Zeit sah es nach dem Platzen der US-Immobilienblase so aus, als sei auch der finanzdominierte flexible Kapitalismus an seine Grenzen gestoßen: Die Umverteilung der Einkommen zugunsten von Besserverdienenden und Kapitalbesitzern hat, unterstützt durch die (Teil-)Privatisierung der Altersvorsorge in vielen Ländern, riesige private Geldmengen hervorgebracht, die auf der Suche nach rentablen Anlagemöglichkeiten die partielle Verselbstständigung des globalen Finanzsektors bedingten.[14] Die Folge ist eine Vermögensanlagenkrise historischen Ausmaßes, deren systemische Ursachen ausgeblendet bleiben: "Die Zusammenhänge zwischen Finanzmarktkrise, Krise des Sozialstaats und Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge sind ebenso tabu wie es Debatten über eine Re-Regulierung der Arbeitsmärkte sind."[15] Stattdessen wächst durch die Verstaatlichung der privaten Verluste im Zuge der Euro- und Finanzkrise der Druck auf die öffentlichen Haushalte.

Im Schatten dieser Entwicklungen zeichnet sich in Deutschland eine Krise der sozialen Reproduktion ab,[16] unterminieren die skizzierten Entwicklungen doch die Reproduktion von eigener und neuer Arbeitskraft sowie die Sorge um diejenigen Gesellschaftsmitglieder, die darauf angewiesen sind: Gut ausgebildet, kreativ und flexibel sollen die Menschen sein, trotz zunehmender Prekarität und entgrenzter Arbeitszeiten für Kinder und Pflegebedürftige sorgen und als zivilgesellschaftliche Ressource einspringen, wenn öffentliche Leistungen abgebaut werden. Tatsächlich sind sie zunehmend erschöpft und ausgebrannt,[17] eine wachsende Gruppe verdient selbst in Vollzeitbeschäftigung nicht mehr genug, um die grundlegenden Lebensbedürfnisse zu befriedigen und viele werden schon in frühen Jahren in einem unterfinanzierten, nach oben wenig durchlässigen Bildungssystem zurückgelassen.

Wie schreiben sich diese, in der gebotenen Kürze ebenso zugespitzten wie verallgemeinerten Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit in die flexible Entgrenzung der Normalitätszonen ein? Welche Verwertungsstrategien und Lebensweisen, welche Ermächtigungen und Verwerfungen werden sichtbar, wenn sich der Blick auf die bewegten Randzonen des Sozialen richtet?


Streiflichter aus den Randzonen



Aktivierung der "jungen Alten". Seit der Rentenreform 1957 kam alten Menschen in Deutschland eine Sonderrolle zu: Vergleichsweise gut versorgt wurden sie in den Ruhestand entlassen und führten eine soziale Nischenexistenz, der allenfalls unter Versorgungsgesichtspunkten öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde. Im Zuge des demografischen Wandels hat sich das Blatt in jüngerer Zeit jedoch radikal gewendet: Im aktivierenden Sozialstaat als aktivierbare Gesellschaftsmitglieder entdeckt, wird von gesunden Menschen im Ruhestandsalter neuerdings erwartet, dass sie – vor allem durch ehrenamtliche Arbeit und verlängerte Lebensarbeitszeit – weiterhin einen Beitrag leisten und ihre ungenutzten Potenziale entfalten.[18] So instrumentell die Entdeckung der jungen Alten als kostengünstige soziale Ressource in Zeiten des Rückbaus wohlfahrtsstaatlicher (Dienst-)Leistungen ist,[19] so wenig darf vernachlässigt werden, dass damit die tief verankerte, biomedizinisch begründete Defizitperspektive auf das Ruhestandsalter partiell zumindest erschüttert worden ist.

Während gesunde und leistungsfähige Menschen im Ruhestand zunehmend als aktive Subjekte in Betracht gezogen werden, bleiben hochaltrige Menschen, insbesondere Pflegebedürftige und demenziell Erkrankte, allerdings auf den Objektstatus als zu Pflegende und zu Betreuende festgelegt. In Terminologien der Entmenschlichung wird in Alltag und Politik ein Bild des abhängigen Alters als Kontrastfolie des Lebens, als Zustand des "Vegetierens" gezeichnet. Die Situation in Pflegeheimen, in denen Fixierung und Vernachlässigung weiterhin keine Ausnahme darstellen,[20] ist ebenso wie eine auf Rehabilitation weitgehend verzichtende Pflegepolitik Ausdruck einer Gesellschaft, die das hohe Alter verloren gibt. Mitunter sind es gerade die an Popularität gewinnenden Enttabuisierungen von Lebensweisen junger Alter, die das Ausmaß der Verbannung aus den Zonen des Sozialen offenbaren: So wurde Andreas Dresens Film "Wolke 9" über Sexualität im Alter 2008 als radikaler Tabubruch rezipiert (und gefeiert) – die Hauptdarstellerin: eine fitte und attraktive Frau Ende 60, die noch 15, vielleicht sogar 20 weitere Lebensjahre vor sich hat, von deren Sexualität auch heute niemand wissen will.

Zugleich ist mit der Entdeckung der jungen Alten die Macht der hierarchischen Binarität[21] "jung-alt" auch innerhalb der erweiterten Normalitätszonen keineswegs gebrochen, wie die Popularität von Anti-Aging-Produkten, die Vermessung von Rentnerinnen und Rentner als "Alterslastquotient" und die Politik mit Schreckensszenarien einer alternden Gesellschaft zeigen. Dass der Prozess des Alterns zu einer einflussreichen Binarität verdichtet wird, deren Umschlagpunkt in hohem Maße flexibel und unbestimmt ist, bedingt ganz wesentlich die disziplinierende Wirkung der verworfenen Hochaltrigkeit: "Innerhalb des integrativen Feldes der Norm bleibt also ein Mechanismus der Grenzziehung, der binären Scheidung von (noch) ‚normal‘ und (schon) ‚deviant‘ bestehen. Auch wenn die Grenze flexibel und die Differenz nicht substanziell, sondern Effekt der Unterscheidung ist, ist es doch der Mechanismus der Grenzziehung und (drohenden) Ausschließung, der die Wirkungsmacht der Norm und den Mechanismus der (Selbst-)Normalisierung aufrecht erhält."[22] Entscheidend für diesen Prozess ist, dass mit dem Verweis auf die individuell zu verantwortende Gestaltbarkeit des Alternsprozesses im aktivierenden Sozialstaat das abhängige Alter (als drohende Ausschließung) sukzessive zu einer Frage der Wahl erklärt wird – womit der gesellschaftliche Druck auf das Individuum steigt, diesen "Scheiternsfall" des Lebens nicht eintreten zu lassen. Die Aktivierung des jungen Alters ist somit auf das Engste verschränkt mit der disziplinierenden Kraft seiner verworfenen Kehrseite.

Verordnete "Integration" und staatlich organisierte Desintegration. Bis weit in die 1990er Jahre wurde an der Devise festgehalten, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, obwohl sich längst gezeigt hatte, dass ein Großteil der seit den 1950er Jahren als temporäre Arbeitskräfte Angeworbenen bleiben würde. Wider die auf Rotation setzende staatliche Politik hatte ihre "Selbsteingliederung"[23] begonnen, die durch den Familiennachzug zunehmend auf Dauer gestellt wurde. Schließlich führte die Dynamik der Migrationsbewegungen auch in Deutschland zu einem Bewusstseinswandel, der Ende der 1990er Jahre einen Paradigmenwechsel von der "Ausländer-" zur "Integrationspolitik" einleitete: Die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts (2000), das Zuwanderungsgesetz (2005) und der "Nationale Integrationsplan" (2007) markieren diesen Wandel, wobei die rückwirkende Definition als Einwanderungsland mit neuen Grenzziehungen und militärischer Aufrüstung an den Außengrenzen der EU einhergeht.[24]

Der Paradigmenwechsel kann als Hinwendung zu einem flexiblen Normalismus bei gleichzeitiger Verstetigung hierarchischer Positionszuweisungen gelesen werden: Während die Grenzen der Zugehörigkeit durchlässiger werden, bleibt die Vorstellung eines stabilen, kulturellen Mehrheitskollektivs prägend, in das Menschen mit Migrationshintergrund integriert werden sollen. Auch hier wirken violent hierarchies [25] – in diesem Fall deutsch/nicht-deutsch beziehungsweise autochton/zugewandert – weitgehend ungebrochen fort. Zugleich erweist sich das Integrationsparadigma mit seinen flexibilisierten Einschlüssen – ebenso wie die Entdeckung der jungen Alten – als in hohem Maße anschlussfähig an die Prinzipien des aktivierenden Sozialstaats, der auf Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Verschärfung von Kontroll- und Sanktionsinstrumenten setzt. Die Verantwortung für eine gelungene Integration – in "Mehrheitskultur" und Arbeitsmarkt – wird unter Ausblendung gesellschaftlich-institutioneller Barrieren den Menschen mit Migrationshintergrund zugeschrieben und der "Scheiternsfall" individualisiert und als Integrationsverweigerung skandalisiert. An die Stelle der "Entantwortung"[26] von Migranten – im Kontext derer sie als passive Objekte administrativer Entscheidungen adressiert wurden – tritt ihre Responsibilisierung, die ähnlich wie bei den jungen Alten zweifelsohne ermächtigende Effekte haben kann. Zugleich bleibt eine staatliche Hierarchisierung von Zuwanderungsgruppen mit sehr unterschiedlichem Zugang zu sozialen Leistungen, zum Arbeitsmarkt und zur Staatsbürgerschaft bestehen.[27]

Die Kehrseite dieser verordneten "Integration" stellen diejenigen Zugewanderten dar, die nicht als zu "integrierende Subjekte" adressiert werden: Menschen im Asylverfahren, Geduldete und Illegalisierte (Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus). Parallel zur wachsenden Akzeptanz der "Realität Einwanderungsgesellschaft" fand eine Restrukturierung der Asyl- und Flüchtlingspolitik statt, die mit dem "Asylkompromiss" von 1992 zu einer faktischen Suspension des Grundrechts auf Asyl führte. Mit dem Asylbewerberleistungsgesetz wurden zeitgleich die Leistungen für Geduldete und Menschen im Asylverfahren aus dem regulären Sozialsystem herausgelöst und zur Abschreckung unterhalb des geltenden Existenzminimums veranschlagt. Umgesetzt wurde "ein transitorischer Status" für Fluchtmigranten,[28] der sie außerhalb der Gesellschaft stellt: Räumliche Separierung in Lagern, umfassende Deaktivierung durch Arbeits- und Studierverbote sowie die Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch die Residenzpflicht[29] bestimmen den Alltag von Asylbewerbern und Geduldeten. Hierin spiegelt sich das Stereotyp des "betrügenden Flüchtlings", "der nicht Zuflucht sucht, sondern sich illegal, illegitim und trickreich bessere Lebensbedingungen verschaffen will".[30] Am prekärsten und schutzlosesten lebt schließlich die wachsende Zahl der Illegalisierten: Ohne Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem, angewiesen auf irreguläre Arbeit in der Schattenwirtschaft und in Privathaushalten bei ständig drohender Abschiebung stellt ein Leben ohne Papiere die radikalste Form der Ausweisung aus der Gesellschaft dar; in den Zonen der formalen Nicht-Existenz sind alle Regeln und Rechte suspendiert.[31]

Krise der sozialen Reproduktion und die Verschränkung der Randzonen. Am Beispiel der häuslichen Pflege lässt sich illustrieren, wie die in Bewegung geratenen Grenzziehungen in Bezug auf Lebensalter und Migrationshintergrund, wie prekäre Einschlüsse und radikale Ausschlüsse miteinander verschränkt sind und ein "Kontinuum von Positionen" konstituieren, "durch die die ‚drinnen‘ und die ‚draußen‘ verbunden sind".[32] Die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 markierte eigentlich einen gegenläufigen Trend zur allgemeinen wohlfahrtsstaatlichen Praxis der Privatisierung von Risiken; da die Leistungen aber nicht bedarfsdeckend konzipiert sind und immer weniger Frauen als "heimliche Ressource der Sozialpolitik"[33] ganztägig zur Verfügung stehen, bleibt bei steigendem Pflegebedarf eine Versorgungslücke bestehen, die weiterhin durch informelle Pflegearrangements geschlossen werden muss.[34] Da die Pflegeversicherung im Wesentlichen auf die öffentliche Förderung privater Versorgung hinausläuft, ist zugleich eine starke Vermarktlichung und "Quasi-Taylorisierung"[35] des Pflegesektors zu beobachten: Während andernorts die zunehmende Subjektivierung von Arbeit diagnostiziert wird, findet im Bereich der Pflege ein Outsourcing des "subjektiven Faktors" aus der professionellen Arbeit statt, für den – und hier schließt sich der Kreis – zunehmend die (noch) fitten Alten und migrantischen, vornehmlich weiblichen Haushaltshilfen als kostengünstige Lösung in Anspruch genommen werden.

Den "jungen" Alten wird eine besondere Verantwortung für die Bewältigung des demografischen Wandels im Allgemeinen sowie für die Pflege der Hochaltrigen im Besonderen zugeschrieben: "Es wird einen neuen kategorischen Imperativ, einen gerontologischen Imperativ geben: Pflege die Alten so, wie Du selbst in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren gepflegt werden willst."[36] Die billige Arbeitskraft migrantischer Haushaltshilfen wiederum – sei es als "Pendelmigrantinnen" aus osteuropäischen Ländern oder als dauerhaft hier lebende Illegalisierte – wird durch eine "Politik relativer Entrechtung" systematisch erzeugt, da Rund-um-die-Uhr-Pflege und -Betreuung zu regulären Standards für kaum einen Haushalt bezahlbar sind. Dass Menschen ohne Aufenthaltsstatus, aber auch Migrantinnen, die ihren Hauptwohnsitz in ihren Herkunftsländern haben, oft auf "Live-in"-Arrangements in den Wohnungen ihrer Arbeitgeber angewiesen sind, führt dazu, dass sie rund um die Uhr in Anspruch genommen werden (können). Zu beobachten ist in solchen Settings eine Umdeutung von der zu Niedrigstlöhnen ausgebeuteten Arbeitskraft zur "guten Perle" mit Familienanschluss, die dem taylorisierten Pflegesystem ein menschliches Antlitz verleiht und die emotionale Arbeit übernimmt: "Pflegehelferinnen aus Polen und anderen EU-Ost-Ländern sind nicht nur preisgünstiger, sondern können sich auch besser um Sie kümmern, wenn sie mit Ihnen unter einem Dach wohnen. Es liegt in ihrer Natur, fürsorglich, warmherzig und liebevoll zu sein."[37] Der vergeschlechtlichten "Positiv-Ethnisierung" vergleichbar werden die fitten Alten mit positiven Altersstereotypen versehen, die sie gleichfalls außerhalb der Verwertungslogik der flexibilisierten Lohnarbeitsgesellschaft verorten: altruistisch, verlässlich und beständig, die eigenen Bedürfnisse nicht mehr an erste Stelle setzend,[38] werden sie zu genuinen Rettern des Sozialen ausgerufen.

Einschlüsse, Ausschlüsse und Handlungsmacht



Der soziale Wandel der vergangenen Jahrzehnte ist in seiner Komplexität nur dann zu erfassen, wenn sowohl die Entgrenzungen der fordistischen Normalitätszonen (durch die prekären Einschlüsse und flexiblen Inwertsetzungen vormals ausgeschlossener Menschen) als auch fortbestehende und radikalisierte Ausschlüsse aus dem Sozialen in den Blick genommen werden. Es sind die sozialen Randzonen, die für die Lösung der Krise des Sozialen – als neue, weiterhin vornehmlich weibliche, "heimliche Ressourcen" – in Anspruch genommen werden: Das Outsourcing des "subjektiven Faktors" in der Pflegearbeit verweist im Fall der Adressierung junger Alter auf den Modus ressourcenorientierter flexibler Normalisierung, während gleichzeitig billige Arbeitskraft im Haushalt über die Entrechtung der Existenz ohne Papiere erzeugt wird.

Die beweglichen "Grenzregime" des flexiblen Kapitalismus, die das "Draußen" konstituieren, markieren einen qualitativen Umschlagpunkt, der über ein bloßes "Mehr" an Benachteiligung hinausgeht und eine disziplinierende Wirkung in den (Binnen-)Randzonen des Sozialen entfaltet. So geht der Angriff auf die körperliche Integrität von Hochaltrigen (durch Vernachlässigung und "Fesselung" in Pflegeheimen) und Flüchtlingen (durch die Verweigerung medizinischer Versorgung oder durch die Abschiebung in Staaten, in denen Tod, Hunger oder Folter drohen) in seiner dehumanisierenden Radikalität über andere Formen sozialer Benachteiligung hinaus. Während in den erweiterten Normalitätszonen adressiert, aktiviert und mobilisiert wird, Flexibilität und Eigenverantwortung groß geschrieben werden, herrschen außerhalb dieser Zonen andere Gesetze: Deaktivierung und Demobilisierung, Fixierung und Verzicht auf Rehabilitation, "Entantwortung" und Infantilisierung – das ist der Alltag derjenigen, die nicht als soziale Personen angesprochen werden. Zugleich verbietet sich jede Homogenisierung der "Verworfenen", sind doch die dicht bevölkerten, "‚unbewohnbaren‘ Zonen des sozialen Lebens"[39] in hohem Maße vielschichtig, wie die aufeinander verwiesenen Lebenslagen von pflegebedürftigen Hochaltrigen und migrantischen Haushaltshilfen zeigen.[40]

So radikal die Ausschlüsse aus dem Sozialen sind, so sehr würde es in die Irre führen, vorschnell auf die extreme Ausweglosigkeit des dort gelebten Lebens und die Abwesenheit von Handlungsmacht zu schließen.[41] Bleibt man beim Beispiel der Illegalisierten, Geduldeten und Asylbewerber – Pflegebedürftigkeit Hochaltriger wirft in diesem Zusammenhang andere Fragen auf –, verstellt eine solche Perspektive den Blick auf alltägliche Aneignungsprozesse und subversive (Über-)Lebensstrategien. So protestierten Ende 2012 und Anfang 2013 Asylbewerber aus allen Teilen Deutschlands in Berlin unter anderem gegen die Residenzpflicht und die Unterbringung in Lagern. Sie haben den ihnen zugewiesenen Ort verlassen, die verordnete Sprachlosigkeit zurückgewiesen, das große Risiko der Sichtbarkeit gewagt und sich politisch ermächtigt:[42] "Die politische Tätigkeit ist jene, die einen Körper von dem Ort entfernt, der ihm zugeordnet war, oder die die Bestimmung eines Ortes ändert; sie lässt sehen, was keinen Ort hatte, gesehen zu werden, lässt eine Rede hören, die nur als Lärm gehört wurde."[43]
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Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Link, Versuch über den Normalismus, Göttingen 1997.
2.
Vgl. Gesa Lindemann, Das Soziale von seinen Grenzen her denken, Weilerswist 2009.
3.
Vgl. Martin Kronauer, Exklusion, Frankfurt/M. 2002; Heinz Bude/Andreas Willisch (Hrsg.), Exklusion, Frankfurt/M. 2008.
4.
Judith Butler, Körper von Gewicht, Frankfurt/M. 1997, S. 23.
5.
Burkart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt/M. 1989.
6.
Vgl. Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage, Konstanz 2000.
7.
Vgl. Joachim Hirsch/Roland Roth, Das neue Gesicht des Kapitalismus, Hamburg 1990; Steffen Becker et al. (Hrsg.), Jenseits der Nationalökonomie?, Berlin–Hamburg 1997.
8.
Vgl. Alex Demirović/Thomas Sablowski, Finanzdominierte Akkumulation und die Krise in Europa, in: Prokla, (2012) 166, S. 80f.
9.
Vgl. G. Günther Voß/Hans J. Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1998) 50, S. 131–158.
10.
Vgl. B. Lutz (Anm. 5).
11.
Vgl. Christian Brütt, Workfare als Mindestsicherung, Bielefeld 2011.
12.
Stephan Lessenich, Der Sozialstaat als Erziehungsagentur, in: APuZ, (2012) 49–50, S. 60.
13.
Ders., Mobilität und Kontrolle, in: Klaus Dörre et al. (Hrsg.), Soziologie. Kapitalismus. Kritik, Frankfurt/M. 2009, S. 163.
14.
Vgl. Klaus Dörre, Die neue Landnahme, in: ders. et al. (Anm. 13), S. 21–86.
15.
Birgit Mahnkopf, Die "Satansmühle" der kapitalistischen Ökonomie oder: Der kapitalistische Realismus in der Krise, in: Sighard Neckel (Hrsg.), Kapitalistischer Realismus, Frankfurt/M.–New York 2010, S. 109f.
16.
Vgl. den Heftschwerpunkt von Luxemburg, (2012) 4, S. 6–62.
17.
Vgl. Stefanie Graefe, An den Grenzen der Verwertbarkeit, in: Karina Becker et al. (Hrsg.), Grenzverschiebungen des Kapitalismus, Frankfurt/M.–New York 2010, S. 229–252.
18.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Fünfter Altenbericht, Berlin 2005.
19.
Vgl. Silke van Dyk, Vom Schattendasein zum Bodenschatz?, in: Widersprüche, (2010) 117, S. 33–48.
20.
Vgl. Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS) (Hrsg.), Dritter Bericht des MDS über Qualität in der ambulanten und stationären Pflege, Essen 2011.
21.
Vgl. Jacques Derrida, Signatur, Ereignis, Kontext, in: ders., Limited Inc, Wien 2001, S. 40f.
22.
Antke Engel, Wider die Eindeutigkeit, Frankfurt/M.–New York 2002, S. 77.
23.
Vgl. Mark Terkessidis, Symbol Ausländer, in: Die Tageszeitung vom 12.1.2001.
24.
Vgl. Manuela Bojadžijev, Migration als Ausnahme?, in: K. Becker et al. (Anm. 17), S. 301f.
25.
Vgl. J. Derrida (Anm. 21).
26.
Vgl. Mark Terkessidis, Die Banalität des Rassismus, Bielefeld 2004, S. 191.
27.
Vgl. Katrin Mohr, Stratifizierte Rechte und soziale Exklusion von Migranten im Wohlfahrtsstaat, in: Zeitschrift für Soziologie, (2005) 5, S. 383–398.
28.
Vgl. Karin Scherschel, Prekäres Leben, prekäre Forschungslage, in: Claudio Altenhain et al. (Hrsg.), Von "Neuer Unterschicht" und Prekariat, Bielefeld 2008, S. 77–91.
29.
Vgl. Anke Schwarzer, Gebietsarrest im 21. Jahrhundert, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2012) 12, S. 13–16.
30.
Katharina Inhetveen, Der Flüchtling, in: Stefan Moebius/Markus Schroer (Hrsg.), Diven, Hacker, Spekulanten, Berlin 2010, S. 155.
31.
Vgl. Helen Schwenken, Die Herstellung von Illegalität, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Leben in der Illegalität, Berlin 2008, S. 16–21.
32.
Robert Castel, Die Fallstricke des Exklusionsbegriffs, in: H. Bude/A. Willisch (Anm. 3), S. 73.
33.
Elisabeth Beck-Gernsheim, Frauen – die heimliche Ressource der Sozialpolitik, in: WSI-Mitteilungen, 2 (1991), S. 66.
34.
Vgl. Juliane Karakayali, Die Regeln des Irregulären, in: Kirsten Scheiwe/Johanna Krawietz (Hrsg.), Transnationale Sorgearbeit, Wiesbaden 2010, S. 151–169.
35.
Sarah Schilliger, Verschobene Krisen, in: Luxemburg, (2012) 4, S. 47.
36.
Heribert Prantl in: Süddeutsche Zeitung vom 20./21.10.2012.
37.
So eine Vermittlungsagentur, zit. nach: S. Schilliger (Anm. 35).
38.
Vgl. Silke van Dyk et al., Die "Aufwertung" des Alters, in: Mittelweg 36, (2010) 5, S. 19ff.
39.
Vgl. J. Butler (Anm. 4), S. 23.
40.
Vgl. zur Verschränkung von Alter und Migrationshintergrund: Christoph Reinprecht, Die Verwundbarkeit des Alterns in der Migration, in: APuZ, (2011) 43, S. 35–41.
41.
Vgl. K. Scherschel (Anm. 28), S. 88.
42.
Vgl. http://www.refugeecampberlininfo.tumblr.com« (18.2.2013).
43.
Jacques Rancière, Das Unvernehmen, Frankfurt/M. 2002, S. 41.

Silke van Dyk

Zur Person

Silke van Dyk

Dr. disc. pol., geb. 1972; Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Gesellschaftsvergleich und sozialer Wandel am Institut für Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Carl-Zeiß-Straße 2, 07743 Jena. silke.vandyk@uni-jena.de


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