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24.9.2013

Sonderfall Europa – Skizze einer kleinen Geschichte der Arbeiterbewegung

Zur Blütezeit der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung zwischen den späten 1960er Jahren und dem Ende der 1980er Jahre galt das Modell der erfolgreichen Sozialstaatsbildung in Westeuropa als Vorbild für eine globale Arbeiterbewegung. Ihre Entwicklung in anderen Teilen der Welt erschien auch angesichts des Ost-West-Konflikts nur als eine Frage der Zeit. Aus heutiger Perspektive kann die europäische Arbeiterbewegung geradezu als Sonderfall der globalen Geschichte geschrieben werden. Damit soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass es auf anderen Kontinenten Gewerkschaften oder Arbeiterparteien sowie weitere Institutionen der Arbeiterbewegung gab und gibt, die sich oft im Gefolge zu den nationalstaatlichen sozialdemokratischen Organisationen in Europa herausbildeten. Im Folgenden geht es vielmehr darum, die Eigenart der europäischen Entwicklung mit besonderem Blick auf die deutsche Geschichte skizzenhaft – und zugunsten des Überblicks weniger differenziert – zu beleuchten, um im Abschluss nach einer zukünftigen Erforschung der Arbeiterbewegung zu fragen.[1]

Das Wachstum der Arbeiterbewegung seit den 1890er Jahren zu den zeitweise größten Massenorganisationen der Welt kam nicht von ungefähr. Erste Lebenszeichen zeigten sich in den 1830er Jahren des Vormärz, als sich nach der Julirevolution 1830 in Frankreich vor allem Handwerkergesellen zusammenfanden. Der wirtschaftliche Umbruch der industriellen Revolution wurde auch in den deutschen Ländern spürbar, die Verschiebung der sozialen Verhältnisse begann und machte sich insbesondere bei wegbrechenden Aufstiegsmöglichkeiten des Handwerks, das sich in starren Zunftregeln abzusichern versuchte, bemerkbar. Emanzipationsansprüche, deren Äußerungen nicht erlaubt waren, drückten sich in unpolitischen Formen von Arbeiterbildungsvereinen aus. Handwerkergesellen diskutierten einerseits über die soziale Situation und die zunehmende Verelendung (Pauperismus) abhängig Beschäftigter und ihrer Familien vor dem Hintergrund verschärfter und globaler Handels- und Marktkonkurrenzen. Sie versuchten andererseits, Strategien gegen den politischen Autoritarismus von Ständen und Herrschereliten zu entwickeln.[2] Weniger die frühen Gesellenproteste als vielmehr die Effekte ihrer Unterdrückung können als spezifisches Moment der deutschen Entwicklungen ausgemacht werden. Dieses Moment findet sich an vielen Punkten der deutschen Arbeitergeschichte wieder (wie etwa bei den Sozialistengesetzen). Die Repressionen verstärkten oft die Solidarisierung betroffener Gruppen untereinander, den Willen zu unbedingten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, den beschleunigten Ideentransfer sowie eine besondere oppositionelle Kreativität.

Die regional- und berufsspezifisch im Vergleich zu Deutschland stärker unterschiedlich ausgeprägten Kulturen in Frankreich und in anderen Ländern Europas haben unter anderem ihren Ursprung in einer sektoral differenzierteren Industrialisierungsgeschwindigkeit. Hinzu kam, dass die Arbeiterkulturen jenseits der deutschen Grenzen stärker in ihre jeweiligen demokratischen Traditionen eingebunden waren und somit nicht im gleichen Maße Isolation und Ausgrenzung erfuhren, wie es in Deutschland der Fall war. Entsprechend waren sie weniger auf sich selbst verwiesen und auf ein so ausgeprägtes Organisationsgeflecht angewiesen.[3] Durch die Verfolgung in den deutschen Ländern gingen Wandergesellen und Intellektuelle ins Exil, sodass sich mehr oder weniger als Nebeneffekt dieses Drucks transnationale, stark politisierte Netzwerke herausbildeten. Sie sogen die Theorien des Frühsozialismus auf und mit ihnen die Werte der Französischen Revolution, die in der Trias Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zu den Grundwerten der Arbeiterbewegung wurden sowie ihre Kontinuität symbolisieren.[4] Einer der geflohenen Handwerker war Wilhelm Weitling, der in Paris den Bund der Gerechten gründete. Dieser zog die jungen deutschen Exilanten Friedrich Engels und Karl Marx an, die als exzellent gebildeter Unternehmersohn und als promovierter Philosoph mit scharfer Zunge schnell den Bund dominierten. Die in "Bund der Kommunisten" umbenannte Organisation beauftragte die beiden, ein identitätsbildendes Manifest zu schreiben. Heraus kam eine prophetische Schrift, das Kommunistische Manifest, die wenige Tage vor der Februarrevolution in Paris 1848 erschien. Von ihr sollte der Funke der Revolution auf ganz Europa überspringen.

Das Jahr 1848 wurde zum Weckruf der Arbeiterbewegung. In fast allen Ländern gingen Handwerksgesellen und Arbeiter erstmals auf die Barrikaden, um für sich politische und soziale Rechte einzufordern.[5] Zentrales Anliegen war in Deutschland neben der deutschen Einheit die Schaffung einer verfassunggebenden Nationalversammlung, die tatsächlich in der Frankfurter Paulskirche eingerichtet wurde. Die auch im europäischen Vergleich größte Organisation stellte die Arbeiterverbrüderung mit etwa 15.000 in lokalen Einheiten eingebundenen Mitgliedern dar. Ihr Koordinator war der Buchdrucker Stephan Born, der zwei Jahre zuvor in Paris von Engels politisch sozialisiert worden war. Während Marx und Engels 1848 in Köln mit der Wiederbelebung der "Rheinischen Zeitung" auf politische Agitation setzten, schlug Born einen pragmatischen Weg der Verbindung von Organisation und konkreten Forderungen ein. Die vornehmlich aus der Handwerkerschaft stammenden Mitglieder stritten für eine Mischung aus politischen und gewerkschaftlichen Positionen.

Nach ersten schnellen Erfolgen gewann die Gegenrevolution die Oberhand, eine Zeit der Repression begann. Auch hier existierten, so wie es Kontinuitäten in der Zeit von 1789 bis in die 1830er Jahre gegeben hatte, wiederum Begleiter dieser und der nächsten Welle der Entwicklung. Es waren die jüngeren Teilnehmer wie Ferdinand Lassalle oder Wilhelm Liebknecht, die Jahre später die Initialzündungen der deutschen Arbeiterbewegung bestimmen sollten.

Gründung der Partei(en)



Plakat zum 50. Jahrestag der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, 1913 (© Rechteinhaber nicht ermittelbar; Abdruck in: Anja Kruke/Meik Woyke (Hrsg.), Deutsche Sozialdemokratie in Bewegung. 1848–1863–2013, Bonn 20132, S. 57.)

Noch hatte die Industrialisierung ihre Hochphase nicht erreicht, als im Mai 1863 in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet wurde. Der public intellectual Ferdinand Lassalle war von einer Gruppe von Arbeitern um Rat gebeten worden, den er ihnen in einem "Offenen Antwortschreiben" gab: Nur das gleiche und geheime Wahlrecht (für Männer) könne die Zeit der Ungleichheit beenden und auch die soziale Emanzipation der Arbeiterschaft ermöglichen. Diese müsse durch die Gründung eigener Genossenschaften unterstützt werden, die wiederum durch Staatskredite zu fördern seien, bis sie selber in der Lage seien, sich zu fairen Löhnen den Lebensunterhalt zu verdienen. Doch diesen Zustand könne man nur legal durch den politischen Kampf im Rahmen einer Partei erreichen. Dass der befolgte Rat dereinst die Keimzelle der ersten und ältesten deutschen Partei werden sollte, war bei der kleinen und bald auch zerstrittenen, teilweise wieder zerfallenden Gruppe von Arbeitern, die als Delegierte kleinerer Arbeiter- und Handwerkervereine aus verschiedenen Regionen angereist waren, keinesfalls absehbar.[6]

Nicht alle Vereine waren mit der präsidialen und wenig demokratischen Führung durch Lassalle einverstanden. Statt beizutreten bildeten sie mit dem "Vereinstag deutscher Arbeitervereine" einen alternativen Zusammenschluss. In diesem Kontext entstand die erste regionale Arbeiterpartei, die Sächsische Volkspartei, die von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründet wurde.[7] Die Einsicht, dass mit einer in allen deutschen Ländern existierenden Partei die Ziele besser verfolgt werden konnten, führte zur direkten Gegengründung gegen die Lassalleaner. Nach einer handfesten Konfrontation vor dem anvisierten Gründungslokal entstand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) in Eisenach 1869. Bebel hatte zuvor den Vereinstag zum Beitritt zur von Marx 1864 mitbegründeten Ersten Internationalen (Internationale Arbeiterassoziation) überzeugt und die von Marx entworfenen Statuten auf die neue Partei übertragen. Dies sorgte in der deutschen Geschichtsschreibung, insbesondere unter dem Eindruck der deutschen Teilung, für eine teleologische Rechts-links-Zuordnung, nach welcher die spätere Arbeiterbewegung ihre Spaltung in einen sozialdemokratisch-sozialistischen und einen kommunistischen Teil genuin in sich getragen habe.

Sozialistengesetz (erste Paragrafen), 1878 (© Friedrich-Ebert-Stiftung)

Erst nach der Gründung des Deutschen Reiches und einer zunehmenden Verfolgung der beiden Parteien wuchs die Einsicht, dass ein Zusammenschluss die Kräfte bündeln konnte. So fusionierten beide Parteien 1875 nach langem Ringen um die programmatische Ausrichtung zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Bereits zwei Jahre später konnte sie ihre Mandate im Reichstag um drei auf ein Dutzend Abgeordnete erhöhen. Als Reaktion darauf wurde die Verfolgung der Sozialdemokraten verschärft. Mit dem "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen gegen die Sozialdemokratie" (Sozialistengesetz) 1878 wurden nicht nur die Partei, sondern auch die Gewerkschaften und Arbeitervereine in die Illegalität und ins Exil getrieben. Ein besonderes Paradoxon des Gesetzes war, dass die Bewegung in ihren Organisationsformen und ihrer Kommunikation verboten wurde, aber Sozialdemokraten als Einzelpersonen zu Reichstagswahlen zugelassen und auch gewählt werden konnten.

Die folgenden Wahlergebnisse, die auch auf einer im Exil gut organisierten Kommunikation basierten, zeigten einen deutlichen Zulauf zur verbotenen Partei, sodass die hohen Ergebnisse der Reichstagswahlen 1890 schließlich allen die Erfolglosigkeit des Gesetzes vor Augen führte. Die von Reichskanzler Otto von Bismarck 1884 als Angebotspolitik begonnene Sozialstaatsgesetzgebung hatte als Kombination von "Zuckerbrot und Peitsche" versagt. Stattdessen hatte er eine Massenbewegung hervorgerufen und einen gesetzgeberischen Weg beschritten, der in den folgenden Jahrzehnten fortgesetzt wurde.[8] Die SAPD benannte sich noch im gleichen Jahr (in Anspielung auf das gescheiterte Verfolgungsgesetz) in SPD um und gab sich ein Jahr später in Erfurt ein Programm, in dem erstmals das Wahlrecht für Frauen eingefordert wurde. Diesen war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts jegliche politische Betätigung in Vereinen verboten, was die engagierten Frauen in die informellen Netzwerke drängte und sie in vorgeblich unpolitischen (und daher für sie erlaubten) Mädchenbildungsvereinen aktiv werden ließ.[9]

Die Arbeiterbewegung entwickelte am Ende des 19. Jahrhunderts ihre große Entfaltungskraft, indem sie sich in großem Stil in politischen, gewerkschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen organisierte. Getragen wurde sie von einer sozialen Homogenisierungsentwicklung im Zuge der Hochindustrialisierung und Verstädterung, die eine massenhafte Lohnarbeiterschaft in den Städten entstehen ließ. Sie beförderte die Herausbildung von "sozialmoralischen Milieus" (M. Rainer Lepsius), in denen der Lebenslauf "von der Wiege bis zur Bahre" durch die Arbeiter(kultur)bewegung begleitet wurde. Die dichtgedrängten Lebensverhältnisse und die verschiedenen Vereine, die trotz Bespitzelung wie Pilze aus dem Boden schossen, bildeten ein dichtes Geflecht von Lebenszusammenhängen, welche die Familien beziehungsweise Individuen miteinander verknüpften, ihnen Geborgenheit vermittelten und sie mehr oder weniger direkt an die politische und gewerkschaftliche Bewegung banden.[10] Die Größe der Arbeiterbewegung bei gleichzeitig vehementer Verweigerung einer Integration durch die herrschenden Eliten führte zu einer zugespitzten Schärfe der gegenseitigen Ablehnung, die bis tief ins 20. Jahrhundert bestehen blieb.[11]

Die Parteien und Gewerkschaften wuchsen in verschiedenen Ländern Europas sowie in Australien und Neuseeland zwischen den 1860er Jahren bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein von durch Handwerker und Facharbeiter konstituierten Vereinen zu Massenorganisationen heran. Die Mitgliederzahl der deutschen Sozialdemokratie überschritt am Vorabend des Ersten Weltkrieges sogar die Millionengrenze. Sie hatte den massenhaften Zulauf zu den Organisationen der Arbeiterbewegung dazu genutzt, ihre Kommunikation durch die Herausgabe eigener Zeitungen zu verbessern, damit Geld einzunehmen – aber auch defizitäre Zeitungen zu unterstützen – sowie ihre Arbeit zu professionalisieren. Neben den Zeitungsredakteuren wurde allmählich eine hauptamtliche Struktur aufgebaut, die sich neben Agitationshilfe um die sozialen Belange der Bewohner eines Stadtteils kümmerte. Die Gewerkschaften richteten parallel erste Arbeitersekretariate zur Beratung der Arbeiter in Konflikten ein. Sichtbar wurde der Stolz der Arbeiterschaft auf das Erreichte durch große repräsentative Bauten; die Eröffnung der Parteischule 1906 sollte für eine professionelle Ausbildung von Mandatsträgern sorgen. Das rasche Mitgliederwachstum wurde von einer anschwellenden Diskussion zum Selbstverständnis von Sozialdemokratie und (freien) Gewerkschaften begleitet. Der sogenannte Revisionismusstreit über die Durchsetzung und Umsetzungsform des Sozialismus hatte einen internationalen Widerhall und erbrachte der Sozialdemokratie schließlich eine tief greifende Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften um das politische Mittel des Generalstreiks – eine Debatte, die rasch zu einem Streit über ideologische Führung und Deutungsmacht in der Arbeiterschaft und im Arbeitskampf ausgeweitet wurde. Die Auseinandersetzung endete mit dem "Mannheimer Abkommen", das beide Organisationen auf Augenhöhe zusammenführen sollte.

Die Mitgliederzahlen sozialdemokratischer Organisationen entwickelten sich weiter positiv, ebenso wie die Wahlergebnisse der SPD: Der Zuwachs an Stimmen ließ einen Wandel auf parlamentarischem Wege nun als möglich erscheinen. Als die SPD in der Reichstagswahl 1912 von einer absoluten Zahl von über vier Millionen Wählern zur stärksten Fraktion gewählt wurde, zeigte das zwar die potenzielle parlamentarische Macht der Arbeiterbewegung, aber zugleich auch – in der Situation der Ablehnung durch andere Parteien – ihre Ohnmacht.

Mit dem Tod August Bebels, des "Arbeiterkaisers", im August 1913 schloss sich symbolisch ein erstes Kapitel der organisierten deutschen Arbeiterbewegung. Noch 1912 war sich die sogenannte Zweite Internationale, ein 1889 in Paris mit starker deutscher Unterstützung gegründeter Zusammenhang aus sozialistischen/sozialdemokratischen Parteien, auf ihrem Friedenskongress in Basel sicher, auf der Seite der Friedensaktivisten zu stehen, wenn auch keine konkreten Vorstellungen davon existierten, was in einem Kriegsfall passieren sollte. Diese Gewissheit zerbrach mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die nationalen Parteien ließen sich aus ihren Annahmen heraus, sich in einer Verteidigungsposition zu befinden, in die Kriegsmaschinerie einspannen, auch wenn die Entscheidungen für den Krieg nicht eindeutig ausfielen und es zu Protesten kam.[12] Im deutschen Kaiserreich stimmten die Sozialdemokraten im August 1914 zunächst geschlossen für die Gewährung der Kriegskredite. Doch schon bald zeigte sich offener Widerstand, als Karl Liebknecht im Dezember gegen die nächsten Kredite stimmte. Der tiefe Dissens innerhalb der Fraktion – und der Arbeiterbewegung insgesamt – führte schließlich zu einer Spaltung und der Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) 1917. Die Sozialisten/Sozialdemokraten hatten sich, zusammen mit den Gewerkschaften, durch erstmalige Beteiligungen an Regierungen oder gemeinsame Entscheidungen tief in den Krieg verstrickt.

Strategisches Ziel der Arbeiterbewegung während des Krieges war es zunächst, die Position im Inneren zu stärken, um Ziele besser erreichen zu können und auf die Kriegspolitik Einfluss zu nehmen. So sorgte der Krieg in den verschiedenen Ländern tatsächlich mehr oder minder für eine Anerkennung und teilweise Integration der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften. Gleichzeitig brachte er eine Radikalisierung von Teilen der Arbeiterschaft mit sich; die Anti-Kriegsstimmung wurde durch die Auflösung traditioneller Bindungen und der Organisationsstrukturen befördert. Die russische Februarrevolution 1917 sorgte für eine erste Hoffnung auf einen möglichen Frieden. Versuche auf internationaler Ebene von Vertretern neutraler Staaten, die verschiedenen nationalen Parteien an einen Verhandlungstisch für gemeinsame Überlegungen zur Beendigung des Krieges zu bekommen, schlugen aufgrund verweigerter Ausreisevisa fehl – und boten somit für die britische und französische Arbeiterbewegung den letzten Grund zum Austritt aus der Kriegsregierung und der Rückkehr zur Opposition. Millionenstark besetzte Streiks im Januar 1918 für Demokratisierung und ein Ende des Krieges, dessen Gräueltaten allmählich unübersehbar publik wurden, bestärkte die Arbeiterbewegung darin und zwang auch diejenigen Sozialdemokraten, die bis dahin an der Richtigkeit des Krieges festgehalten hatten, zum Umdenken.

Die 1917 beginnende Periode von Revolutionen und Aufständen in Europa erzeugte in allen Ländern (mit Ausnahme der Sowjetunion) Demokratisierungsschübe. In Deutschland führte die nicht unerwartete, aber dennoch plötzlich ausbrechende Revolution am 9. November 1918 im Anschluss an eine Meuterei von Matrosen in Kiel zu einer spontanen Rätebewegung nach Vorbild der russischen Februarrevolution. In Berlin bildete sich der Rat der Volksbeauftragten, bestehend aus je drei Personen der SPD und USPD, und übernahm die Regierung. Friedrich Ebert vertrat als Vorsitzender der SPD und Ko-Vorsitzender des Rates die Auffassung, dass nun die Chance gekommen sei, eine parlamentarische Demokratie einzuführen und plädierte für schnellstmögliche Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Die USPD mit Hugo Haase an der Ratsspitze setzte sich für eine tiefer gehende Revolution ein und verließ den Rat. Allerdings waren zuvor gemeinsam wichtige Entscheidungen getroffen worden: Lang erhobene Forderungen der Arbeiterbewegung nach dem Frauenwahlrecht und dem Achtstundentag wurden im Verlauf der Revolution erfüllt. Die politischen Ereignisse und Diskussionen überschlugen sich im November und Dezember 1918. Friedrich Ebert, der auch mit der Integration der konservativen Bevölkerung und einer notwendigen schnellen Demobilmachung argumentierte, setzte sich zwar durch, allerdings auf Kosten einer Radikalisierung der linken Strömung und Vertiefung der Spaltung. Um die angesetzten Wahlen im Januar zu schützen, ließ er die Reichswehr beziehungsweise Freikorps, rechte paramilitärische Verbände, gewaltsam eingreifen. Dies führte in Berlin zur blutigen Niederschlagung des Spartakusaufstandes, einer kleinen Gruppe Linksradikaler, die sich zur Jahreswende mit Teilen der USPD zur Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands zusammengefunden hatten. Führende Personen waren Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die im Kontext der Niederschlagung ermordet wurden.


Fragile Demokratie



Bei den Wahlen zur Nationalversammlung konnte die SPD die meisten Stimmen erringen, aber nur zusammen mit dem katholischen Zentrum und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) die Regierung übernehmen. In der ersten deutschen Demokratie wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt – das Amt sollte er bis 1925 innehaben, als er infolge der Verschiebung einer notwendigen Operation verstarb, da er sich in einem Hetzprozess gegen ihn verteidigen wollte.[13] Die Weimarer Republik stand von Beginn an unter starkem politischen Druck von rechts, da die Versailler Verträge als Demütigung wahrgenommen und die Einführung der Demokratie als Machwerk der Arbeiterbewegung beziehungsweise der Sozialdemokraten dargestellt wurden. Diese hätten Letzteres nur erreicht, weil sie der eigentlich siegreichen Reichswehr durch die Revolution den Todesstoß ("Dolchstoß-Legende") versetzt hätten.

Ergebnis der namentlichen Abstimmung zum "Ermächtigungsgesetz" am 23. Mai 1933, links die Stimmen der Sozialdemokraten (© Friedrich-Ebert-Stiftung)

Demokraten versuchten, diese Ansichten zu widerlegen, doch der Unwille zur Demokratie, die als ungenügend und nicht problemlösend wahrgenommen wurde, war groß. Auch eine sich als überparteilich verstehende Vereinigung wie das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold vermochte es mit seinen pro-demokratischen Veranstaltungen und Feiern nicht, demokratische Vorstellungen besser zu verankern.[14] Dabei hatte die Arbeiterkulturbewegung trotz (oder auch wegen) der Spaltung eine Höchstzahl an Vereinen und Zusammenhängen hervorgebracht, die sich nun ungehindert entfalten konnten. Dazu gehörten Genossenschaften ebenso wie die Selbsthilfeorganisation der Arbeiterwohlfahrt, die 1919 von mehreren weiblichen Mitgliedern des Reichstags unter Federführung der Sozialreformerin und Frauenrechtlerin Marie Juchacz gegründet worden war. Doch die letzten drei Jahre der Weimarer Republik verbrachte die Arbeiterbewegung mit Abwehrkämpfen gegen den Nationalsozialismus, etwa durch die von Gewerkschaften, SPD und anderen gebildete "Eiserne Front", aber auch mit "internen" Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus. Beide wurden ab der Machtübergabe an Hitler gnadenlos verfolgt. Während die Kommunisten bereits in den ersten errichteten Konzentrationslagern und Gefängnissen saßen, stimmte die ebenfalls verfolgte, aber noch mit vielen Abgeordneten im Parlament vertretene SPD als einzige Partei gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz. Die Rede des SPD-Vorsitzenden Otto Wels zeugte von der Standhaftigkeit überzeugter Demokraten im Angesicht der gewalthaften Bedrohung durch die Sturmtruppe der Nationalsozialisten in der Krolloper. In dieser letzten "echten" Sitzung des Reichstags rettete diese Rede "die Ehre der deutschen Republik".[15] Im Anschluss daran wurden die zögerlich agierenden Gewerkschaften bald gleichgeschaltet, die SPD verboten und ihre Mitglieder verfolgt. Der Parteivorstand ging ins Exil und versuchte von dort aus, Widerstand zu organisieren und international für Aufklärung über das Regime zu sorgen. Bis 1938 geschah dies von Prag aus mit großer Unterstützung der deutschsprachigen tschechischen Sozialdemokraten, 1938 bis 1940 von Paris und danach von London aus. Viele versuchten im Deutschen Reich Widerstand zu leisten und mussten dafür wie Julius Leber und Wilhelm Leuschner als am 20. Juli 1944 beteiligte Sozialdemokraten und Gewerkschafter ihr Leben lassen.[16]

Nach dem Verbot der 1. Mai-Demonstration 1929 durch die SPD-Regierung in Preußen kommt es zu Zusammenstößen in Berlin. Das Foto zeigt den Polizeieinsatz am Hermannplatz in Neukölln. (© picture-alliance/akg)

Die Verfassung der Weimarer Republik, auf deren Sozialcharta die SPD besonders stolz war, die darauffolgende integrierende und ausgleichende Sozialstaatsgesetzgebung[17] sowie die gesetzgeberischen Leistungen und Vereinbarungen in den Arbeitsbeziehungen hatten sich nicht als haltbares Gesellschaftsmodell für die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse erwiesen. Ein großer Teil der Gesellschaft war davon überzeugt, mit einem paternalistischen oder nichtdemokratischen Modell besser zu fahren. Die Weltwirtschaftskrise 1929 hatte diese Ansichten ebenso befördert wie die wenig demokratischen Präsidialkabinette, die ab 1930 regierten. Sozialstaatliche Ansätze wie die Einführung der Arbeitslosenversicherung 1927, mit der die letzte Lücke der Absicherung gegen Lebensrisiken (Unfall, Krankheit, Berufsunfähigkeit und Alter) geschlossen worden war, verpufften infolge der ausbrechenden Krise. Die SPD wurde für ihre Politik von rechts wie links scharf kritisiert, es entstanden linke Gruppierungen außerhalb der SPD, da die USPD 1922 wieder mit der SPD fusioniert war und die KPD sich stalinisierte. Diese linken Gruppen gehörten im Nationalsozialismus ebenfalls zu den Verfolgten der ersten Stunde und organisierten sich sowohl in der Illegalität als auch im Exil als Splittergruppen unabhängig und uneinheitlich; erst ab 1940 näherten sie sich (wieder) der SPD im Exil in London und Stockholm an.

Noch 1945 fanden sich alte und neue Mitglieder der SPD unter der Führung von Kurt Schumacher zusammen. Schumacher, lange Jahre Gefangener in Konzentrationslagern, sah nun die Stunde der Sozialdemokratie gekommen. Die SPD entschied sich für eine Integration ihrer Mitglieder in die Gesellschaft und gegen das bisherige Modell eines eigenen Vereinslebens. Auch die Gewerkschaften suchten den Weg der Reorganisation und schlossen sich in Branchen und Industriegewerkschaften zusammen. Durch eine politische Neutralitätserklärung versuchten sie die Spaltung der Arbeiterbewegung, wie sie in Weimar erfahren worden war, zu überwinden.[18]

Kurt Schumacher im KZ Dachau, 1936 (© Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.)


Nach ersten schnellen Erfolgen und einer erfolgreichen Mitgestaltung des Grundgesetzes, etwa in Form der erfolgreichen Kampagne zur Durchsetzung des Gleichheitsgrundsatzes "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", wurden sozialdemokratische Hoffnungen auf eine Regierungsführung mit den knappen Wahlen zum ersten deutschen Bundestag 1949 und der Wahl Konrad Adenauers zum Bundeskanzler enttäuscht. In den folgenden Jahren richtete die SPD nach der Vorgabe Schumachers ihre gesamte Politik am Primat der deutschen Vereinigung aus und erhielt damit im Kontext der europäischen Westintegration und der Wiederbewaffnung im Rahmen der entstehenden NATO einen Nimbus des Neinsagers. Dabei wirkte sie gerade in den ersten beiden Legislaturperioden aktiv an der Gesetzgebung mit; die Bundestagsfraktion konnte viele eigene, vor allem sozialpolitische Entwürfe durchbringen, wichtige Entscheidungen trug sie gemeinsam mit der CDU/CSU-Fraktion (wie etwa die Wiedergutmachungspolitik oder die Römischen Verträge).

Erst nach den Niederlagen gegen diese Vorhaben, der verlorenen Wahl 1957 und dem Scheitern mit der Kampagne "Kampf dem Atomtod" gegen die Atombewaffnung 1958 änderte die SPD unter innerpateilichem Druck ihren Kurs. Nach einer immensen Diskussion beschloss sie 1959 das Godesberger Programm, das zur Chiffre des Wandels der SPD von einer Klassen- und Arbeiterpartei zu einer Volkspartei gerann.[19] Mit dieser Öffnung gelang ihr der Ausweg aus dem im Rahmen des Kalten Krieges entstandenen Dilemma, sich immer gegen den Sozialismus der DDR abzusetzen und zugleich die eigene demokratische Version einer (sozialistischen) Zukunft zu betonen. Der Kurs führte zu steigenden Mitgliederzahlen und 1966 zu einer ersten Regierungsbeteiligung in der Großen Koalition 1966 bis 1969, in deren Verlauf sich die SPD profilieren und 1969 mit dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin und Außenminister Willy Brandt eine Regierungsmehrheit mit der FDP erzielen konnte.[20]

Das herausragende Politikum dieser Jahre, die innenpolitisch durch große Reformstimmung und Zukunftszuversicht gekennzeichnet waren, bestand in der bereits in der Großen Koalition vorsichtig angegangenen Entspannungspolitik Willy Brandts. Mit dieser trieb er die Öffnung der Ostblockstaaten in Abkommen mit der Sowjetunion, Polen und vor allem der DDR voran, während zugleich die westeuropäische Integration vertieft wurde. Für diese gesamteuropäische Politik erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis, doch zugleich polarisierte sie die seit 1968 stärker politisierte deutsche Gesellschaft in einem nicht gekannten Maße. Die politischen Auseinandersetzungen führten zu Neuwahlen, aus denen die SPD mit ihrem historisch besten Ergebnis von 45,8 Prozent der Wählerstimmen als Siegerin hervorging – bei der zeitgleich höchsten Wahlbeteiligung von 91,1 Prozent, die Westdeutschland je erreicht hatte.[21]

Zusammen mit einem Mitgliederzuwachs, der die SPD erneut auf eine Million Mitglieder anwachsen ließ, erfuhr die Sozialdemokratie einen weiteren Höhepunkt ihrer Entwicklungsgeschichte, wie sie ihn schon 1912 erlebt hatte – nur dass im Kaiserreich eine Beteiligung an der Macht durch die konservativ-monarchischen Kräfte ausgeschlossen worden war.

Der Erfolg der SPD und der Gewerkschaften in den 1970er Jahren ist durchaus in einer allgemeinen europäischen Tendenz zu deuten: In ganz Europa erfuhren alte und neue soziale Bewegungen großen Zulauf und Zustimmung von mehrheitlich akademischen Schichten und Personen aus dem öffentlichen Dienst. Dies war ein deutliches Zeichen für die Entproletarisierung der westeuropäischen Industriestaaten wie auch dem einhergehenden charakterlichen Wandel der bis dahin existierenden Arbeiterbewegung.[22]

Mit dem Ölpreisschock und der folgenden Krise, welche den Boom beendeten, schwand nicht nur die Zukunftsgewissheit der Gesellschaften in Europa, sondern auch die Zustimmung zu den Vorstellungen der westlichen Arbeiterbewegung, die auf einen Ausbau des Sozialstaats mithilfe eines fortschreitenden ökonomischen Wachstums gesetzt hatte. Seit dem Beginn der als Spirale von Krisen und kleineren Erholungsphasen wahrgenommenen Zeit ist das vormalige zukunftsgewisse Selbstverständnis der Arbeiterbewegung nicht nur aufgrund der De-Industrialisierung Europas geschwunden. Das Ende des Ost-West-Konflikts 1989 hatte den Kapitalismus als finalen Sieger erscheinen lassen. Die Auswirkungen der Globalisierung haben neue soziale Bewegungen entstehen lassen, die weltweit operieren und dies aufgrund neuer Kommunikationstechniken auf Grundlage des Internets auch können. Seit Ausbruch der aktuellen Krise 2008 wird jedoch eine neue Phase der Arbeiterbewegung sichtbar, die sich nicht mehr in Europa manifestiert, sondern in neuen Streikbewegungen und sozialen Konflikten, die von (organisierten Interessen) der Arbeitnehmerschaft ausgetragen werden. Ein neues Kapitel der Arbeiterbewegung scheint aufgeschlagen worden zu sein.[23]

Neue Perspektiven



Die Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung war seit ihrem Boom von mehreren Forschungskonjunkturen geprägt. Nach einer ersten Phase, die der grundsätzlichen Rekonstruktion der Parteien und der Entdeckung der Quellen gewidmet war, folgte eine Phase geschichtspolitischer Diskussionen über die programmatische Ausrichtung der Arbeiterbewegung. Daneben und im Anschluss daran dominierten bis in die 1980er Jahre hinein sozialgeschichtliche Darstellungen, die nun auch die Gewerkschaften stärker in den Blick nahmen. Darüber hinaus entstand eine Frauengeschichte, die sich auch Arbeiterinnen zuwandte.

In den 1990er Jahren versiegte der breite Strom dieser Darstellungen und eine kulturgeschichtliche Fragestellung gewann an Präsenz, die auf sprachlich-diskursive Konstruktionen der Arbeiterschaft und -bewegung zielte. Nicht zuletzt die Diskussionen aus dem angelsächsischen Bereich zu den Kategorien von class, race und gender seit den 1980er Jahren haben den Blick auf die Arbeiter(bewegungs)geschichte stark gewandelt. Was den einen daraus hervorgehend als neue "Bindestrichgeschichte" erschien, war den anderen eine frische Perspektive auf Altbekanntes, das die Vorstellungen der Homogenität der Arbeiterbewegung als Fiktion aussehen ließ. Hinzugekommen ist die Perspektive des Kolonialismus, die sich mit der (erneuten) Erfahrung der Globalisierung den transnationalen Zusammenhängen und – damit verbunden – auch anderen Zeiträumen zuwendet.

Dabei löst sich die Geschichte der Arbeiterschaft und der Arbeit in einem globalen Zusammenhang aus den von Denkern und Wissenschaftlern wie Karl Marx oder auch Max Weber vorgezeichneten Schemata. Danach wird die Entwicklung des Kapitalismus als global herrschendes Macht- und Wirtschaftssystem ins 16. Jahrhundert datiert und der Begriff der Arbeitsbeziehungen zugunsten einer weitergehenden Definition im Sinne der direkten Beziehungen auf der Arbeit oder etwa zwischen Sklaven und Herren erweitert. Dass damit die Proteste und die interessenverbindenden Organisationen eine neue, nahezu uferlose Vorstellung von Arbeiterbewegung erhalten, wird zunächst billigend in Kauf genommen oder ignoriert.[24] Ganz gleich, wie diese Diskussion sich weiterentwickelt, ermöglicht sie neue Blicke auch auf die europäische Arbeiterbewegung.

Altbekannt Geglaubtes könnte neu entdeckt werden, befreit von den Schichten der Erwartungshaltungen früherer Historikergenerationen, etwa durch Ansätze der Popularisierungsforschung, durch Fragen, wie sich die Emanzipation durch Bildung als Mobilisierungsansatz durchsetzte oder wie die Vermittlung von Praktiken (auch transnational) funktionierte. Für beide Fragerichtungen gilt, dass dies über Jahrhunderte hinweg und auch über Kontinente gestreckt erforscht werden könnte.

Zugleich werden sozialgeschichtliche Aspekte im Sinne einer neuen Zusammentragung von Daten weltweit wieder wichtiger, da sie nicht nur einem neuen Bedürfnis nach "tatsächlichen" Realitäten entgegenkommen, sondern auch die Strukturen alter Kategorienbildungen transparent und damit in ihrer Historizität besser sicht- und erforschbar werden lassen könnten.[25] Durch den globalen Blick wird zumindest der Blick auf das freigelegt, was Arbeit eigentlich ist und wie sie historisch statistisch definiert und politisch-gesellschaftlich genutzt wurde.[26] Dabei zeigt sich unter Umständen, dass die Zielvorstellung der europäischen Arbeiterbewegung als Modell in anderen Zusammenhängen nicht so hilfreich ist; auf jeden Fall wird deutlich, dass das europäische Modell nicht schlicht übertragbar ist – weder auf den Begriff der Arbeit bezogen noch auf die Politik sozialstaatlicher Reformen.[27] Aber wie auch immer die Diskussion weitergeht, soviel ist sicher: Alte Gewissheiten über die Arbeiterbewegung müssen im Lichte anderer Kategorien und neuer Fragen überprüft werden – und dazu ist eine neue Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung notwendig.
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Autor: Anja Kruke für bpb.de
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Fußnoten

1.
Die Literatur zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung ist ausufernd. Vgl. für eine täglich aktualisierte Gesamtbibliografie: http://library.fes.de/cgi-bin/populo/bizga.pl« (17.9.2013). Des Weiteren sei auf einige einschlägige Zeitschriften verwiesen: International Review of Social History, Archiv für Sozialgeschichte, Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung.
2.
Vgl. Jürgen Kocka, Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen, Bonn 1990.
3.
Vgl. Friedhelm Boll, Vergleichende Aspekte nationaler Arbeiterkulturen, in: ders. (Hrsg.), Arbeiterkulturen zwischen Alltag und Politik, Wien u.a. 1986, S. 12ff.; Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich, München 1986; Dick Geary (ed.), European Labour Protest, London 1981.
4.
Vgl. Beatrix Bouvier, Die Französische Revolution und die deutsche Arbeiterbewegung, Bonn 1982.
5.
Vgl. Dieter Dowe/Heinz-Gerhard Haupt/Dieter Langewiesche (Hrsg.), Europa 1848, Bonn 1998.
6.
Vgl. zum 150. Jubiläum der Sozialdemokratie unter anderem: Peter Brandt/Detlef Lehnert, "Mehr Demokratie wagen". Geschichte der Sozialdemokratie 1830–2010, Berlin 2013; Anja Kruke/Meik Woyke (Hrsg.), Deutsche Sozialdemokratie in Bewegung. 1848–1863–2013, Bonn 2013; Bernd Faulenbach, Geschichte der SPD, München 2013; Michael Reschke et al., Geschichte der Sozialen Demokratie, Bonn 2012: http://www.fes-soziale-demokratie.de/tl_files/asd/downloads/lesebuecher/Lesebuch_Geschichte_web.pdf« (17.9.2013).
7.
Vgl. Jürgen Schmidt, August Bebel. Kaiser der Arbeiter, Zürich 2013; Wolfgang Schröder, Soldat der Revolution, Parteiführer, Parlamentarier, Berlin 2013.
8.
Vgl. Gerhard A. Ritter, Der Sozialstaat, München 1991; Anja Kruke, Historische Entwicklungspfade deutscher Sozialstaatlichkeit, in: Andrea Gawrich/Wilhelm Knelangen/Jana Windwehr (Hrsg.), Sozialer Staat – soziale Gesellschaft?, Opladen 2009, S. 19–40.
9.
Vgl. Sylvia Schrant, Arbeiterbewegung und Geschlechterverhältnisse, in: Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung, Mannheim 2013, S. 424–438; Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1815–1933, Darmstadt 2012.
10.
Vgl. Gerhard A. Ritter/Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich, Bonn 1992; M. Rainer Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur, in: Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Deutsche Parteien vor 1918, Köln 1973, S. 56–80; vgl. für die Anfänge der Entwicklung: Thomas Welskopp, Das Banner der Brüderlichkeit, Bonn 2000.
11.
Vgl. Dieter Groh, Negative Integration und revolutionärer Attentismus, Frankfurt/M. 1974.
12.
Vgl. hier und im Folgenden: Peter Brandt, Der Erste Weltkrieg und die europäische Arbeiterbewegung, in: Geschichte aus Wissenschaft und Unterricht, 47 (1996), S. 225–238.
13.
Vgl. Walter Mühlhausen, Friedrich Ebert 1871–1925, Bonn 20072.
14.
Vgl. Benjamin Ziemann, Die Zukunft der Republik?, Bonn 2011; Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold, Düsseldorf 1966.
15.
Heinrich August Winkler, Die Ehre der deutschen Republik, Bonn 2013; Otto Wels’ Rede vom 27.8.1933: http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/downloads/weimar_ton.htm« (17.9.2013).
16.
Vgl. Michael Schneider, Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939, Bonn 1999, Teil 2 (1939–1945) erscheint 2014.
17.
Vgl. Wilfried Rudloff, Ausbau und Krise, in: A. Kruke/M. Woyke (Anm. 6), S. 122–131.
18.
Vgl. Michael Schneider, Kleine Geschichte der Arbeiterbewegung, Bonn 20002. In der Sowjetisch Besetzten Zone wurde die SPD von der KPD unter Zwang zur Sozialistischen Einheitspartei vereinnahmt; spätestens mit der Stalinisierung der Gewerkschaften hörte dort die Arbeiterbewegung auf zu existieren.
19.
Vgl. Kurt Klotzbach, Der Weg zur Staatspartei, Bonn 19962.
20.
Vgl. Klaus Schönhoven, Wendejahre, Bonn 2004.
21.
Vgl. Bernd Faulenbach, Das sozialdemokratische Jahrzehnt, Bonn 2011.
22.
Vgl. Josef Mooser, Arbeiterleben in Deutschland 1900–1970, Frankfurt/M. 1984. Zugleich entwickelten sich die nordischen Staaten durch ihren stark egalitär organisierten Sozialstaat zum neuen Vorzeigemodell einer sozialen Demokratie.
23.
Vgl. Lutz Raphael/Anselm Doering-Manteuffel, Nach dem Boom, Göttingen 2008.
24.
Vgl. Jan Lucassen, Outlines of a History of Labour, Amsterdam 2013: http://socialhistory.org/en/publications/outlines-history-labour« (17.9.2013); Marcel van der Linden, Workers of the World, Leiden u.a. 2008.
25.
Vgl. das EU-Datenprojekt Clio Infra – Reconstructing Global Inequality: http://www.clio-infra.eu« (17.9.2013); Projekt Global Collaboratory on the History of Labour Relations 1500–2000, Institut für Internationale Sozialgeschichte, Amsterdam: https://collab.iisg.nl/web/labourrelations« (17.9.2013).
26.
Vgl. die Arbeit des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs Re:Work – Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive: http://www2.hu-berlin.de/arbeit/aktuelles.html« (17.9.2013).
27.
Vgl. Andreas Eckert, Exportschlager Wohlfahrtsstaat?, Essen 2007.

Anja Kruke

Zur Person

Anja Kruke

Dr. phil., geb. 1972; Leiterin des Archivs der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Godesberger Allee 149, 53175 Bonn. anja.kruke@fes.de


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