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24.9.2013

Das Individuum und die "proletarische Kollektivität": unversöhnliche Gegensätze?

Die Arbeiterbewegung entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf die soziale Frage.[1] Der sich entwickelnde Kapitalismus beruhte auf dem Grundsatz "freier Arbeit", führte aber auch zur Kommodifizierung und Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen. Nicht nur die Ware Arbeit, sondern auch die Ware Arbeiterin beziehungsweise Arbeiter wurde somit in ihrem Wert am Markt entwickelt, und da es einen großen Überschuss an "freier Arbeit" gab, waren viele Arbeiter dem sozialen Elend preisgegeben. Sie verloren weitgehend die Kontrolle über Arbeitsprozesse und mussten sich oftmals rigiden Fabrikordnungen unterwerfen.

Viele Handwerker machten durch den sich durchsetzenden Kapitalismus Proletarisierungserfahrungen. An Selbstständigkeit als Meister einer Handwerksinnung war oftmals nicht mehr zu denken. Handwerksgesellen ohne Aussicht auf Selbstständigkeit füllten die Heim- und Fabrikarbeitsplätze der Frühindustrialisierung des 19. Jahrhunderts. Schlecht bezahlt waren diese Arbeiter oftmals einer rigiden Fabrikdisziplin unterworfen und litten unter langen Arbeitszeiten bei nicht vorhandenem Arbeitsschutz. Gegen Krankheit und Alter gab es weder Schutz noch Vorsorge. Sozialversicherungen waren noch unbekannt. Kinderarbeit war weit verbreitet. Es gab kaum Freizeit, und die Ernährungslage war schlecht. Bildungsmöglichkeiten für Arbeiterkinder waren praktisch nicht existent. Die Wohnsituation in den wachsenden Industriestädten war katastrophal – beengt, gekennzeichnet durch schlimmste hygienische Bedingungen und hohe Kriminalitätsraten. Insgesamt formierte sich mit der Industrialisierung eine durch soziale Not gekennzeichnete Fabrikarbeiterschaft oder auch ein proletarisches Milieu, das von der Gesellschaft zunehmend als Problem wahrgenommen wurde.

In Europa entwickelte sich zwischen dem ausgehenden 18. und dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein breiter Diskurs um die soziale Frage, bei der gerade das Schicksal der städtischen Fabrikarbeiter, die zunehmend als Arbeiterklasse begriffen wurden, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.[2] Der einzelne Arbeiter wurde somit oftmals als Teil eines proletarischen Kollektivs wahrgenommen, und auch die kontrovers diskutierten Lösungsmöglichkeiten für die soziale Frage nahm das proletarische Individuum meist allein über das Kollektivschicksal der Proletarier wahr. In den nachfolgenden Überlegungen wird das Verhältnis von Individuum und proletarischer Kollektivität in den Klassendiskursen des 19. und 20. Jahrhunderts skizziert. Dabei stehen die Diskurse, die innerhalb der Arbeiterbewegung zum Spannungsverhältnis "Individuum" und "proletarische Kollektivität" prominent waren, im Mittelpunkt des Interesses.

Arbeiterbewegung als Antwort auf die soziale Frage



Der Protest der unter Ausbeutung leidenden Arbeiter begleitet den Kapitalismus wie ein dunkler Schatten. Die Selbstorganisation der Arbeiter zur Lösung der sozialen Frage bezeichnet man als Arbeiterbewegung. Diese war weder ideologisch noch organisatorisch einheitlich. Liberale, christliche, sozialistische und anarchistische Arbeiterbewegungen entwickelten ihre unterschiedlichen Antworten auf den Kapitalismus, die auch ein jeweils anders justiertes Verhältnis von Individuum zu proletarischer Kollektivität einschloss. Gewerkschaften, Genossenschaften, politische Parteien und Arbeiterkulturvereine bildeten die organisatorischen Säulen der Arbeiterbewegung, die auch jeweils wieder eigene Vorstellungen des Verhältnisses Individuum und proletarisches Kollektiv ausprägten.[3]

Liberalismus und Arbeiterbewegung.

Die im 19. Jahrhundert starke liberale Bewegung glaubte fest an die Bedeutung des freien und autonomen Individuums. Bildung und Besitz waren für viele Liberale die Grundvoraussetzungen für die Formierung eines solchen freien Individuums, weshalb sie auch keine Bedenken hatten, diejenigen, die über keine Bildung und keinen Besitz verfügten, von der politischen Willensbildung auszuschließen. Die Arbeiter kamen erst gar nicht ins Blickfeld der Liberalen, da ihnen ja die Grundvoraussetzungen für die Ausbildung von Individualität fehlten. Das liberale Individuum konnte seine spezifischen moralischen Qualitäten und einen diese begleitenden Kanon der Bürgerlichkeit laut der liberalen Ideologie nur vor dem Hintergrund von Selbstbeherrschung, Respekt vor Ordnung, Askese, dem Vertrauen in das Recht und die Anerkennung von Autorität ausprägen. Der Diskurs des Individualismus verknüpfte sich bei den Liberalen von daher auf das Engste mit einem Diskurs der Bürgerlichkeit, der Arbeiter ausschloss.[4]

Wollte man Arbeitern nicht grundsätzlich die Möglichkeit absprechen, sich zu bürgerlichen Individuen zu entwickeln, musste man Mittel und Wege finden, diesen Individuationsprozess (im Sinne eines Selbstwerdungs- und Bewusstseinsbildungsprozesses) innerhalb des proletarischen Kollektivs zu befördern. Gewerkschaften und Genossenschaften waren die zwei Organisationsformen, die als Hilfe zur Selbsthilfe nach Ansicht vieler liberaler Sozialreformer geeignet waren, proletarische Kollektivität zu nutzen, um aus einer Position der Stärke heraus Zugeständnisse am Markt zu erzielen, die dann die materiellen Grundvoraussetzungen schaffen würden, um eine solche Individualisierung von Arbeiterexistenzen in die Wege zu leiten.

Der Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch und der Ökonom Gustav Schmoller gehörten in den deutschen Landen zu den Wegbereitern eines sozialen Liberalismus (in Großbritannien waren es die New Liberals), die innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung Arbeiter aus dem proletarischen Kollektiv über den Weg der Lohnerhöhungen und der Arbeiterbildung zu bürgerlichen Individuen machen wollten. Klassendiskurse sollten mit diesem Mittel ebenso überwunden werden wie die soziale Spaltung von Nationen. So schrieb Schmoller im Schlusskapitel seines berühmten Buches zu diesem Thema: "Wir sehen doch die Möglichkeit einer besseren, einer friedlicheren sozialen Zukunft, einer dauernden Hebung des Arbeiterstandes, eines Friedens mit den höheren Gesellschaftsklassen, mit dem heutigen Staat."[5]

Christliche Arbeiterbewegung.

Eine christliche Arbeiterbewegung erwuchs zunächst und vor allem im Katholizismus. Während die orthodoxe Kirche keinen wesentlichen Beitrag zur Lösung der sozialen Frage im 19. Jahrhundert machte, gab es zwar protestantische Sozialreformer, und viele Protestanten machten sich Gedanken zur Entwicklung eines proletarischen Milieus in der Industriegesellschaft. Aber der Protestantismus vermochte die Arbeiter nicht selbst zu organisieren oder er tat dies nur dort, wo er sich auf einen starken Liberalismus (wie in Großbritannien) stützen konnte. In den deutschen Landen verhinderte die Luthersche Theologie in Verbindung mit einer starken Staatsorientierung und einem starken Pietismus eine vertiefte Auseinandersetzung der protestantischen Kirchen mit der sozialen Frage. Allenfalls verschmolzen protestantische mit liberalen Ideen zu proletarischer Kollektivität und Individualisierung.[6]

Im katholischen Milieu dagegen, das in vielen Industriegesellschaften des Westens (USA, Großbritannien, republikanisches Frankreich, Deutsches Reich) mit einem scharfen, oftmals staatlich sanktionierten Antikatholizismus konfrontiert war, formierten sich auch katholische Arbeiterinteressen unter dem Dach der katholischen Kirche. Wilhelm Emmanuel von Ketteler war der vielleicht berühmteste Rufer nach Sozialpolitik und sozialen Reformen in den deutschen Landen des 19. Jahrhunderts. Während die katholische Soziallehre den vorherrschenden Materialismus des Kapitalismus als unchristlich verdammte, lehnte sie zugleich den bürgerlichen Individualismus und den proletarischen Kollektivismus ab. Sowohl die Klassendiskurse als auch die Individualisierung der Gesellschaft galten ihr als Zeichen einer aus den Fugen geratenen Moderne, die das katholisch-christliche Abendland bedrohte. Während auch die katholische Arbeiterbewegung Gewerkschaften, Genossenschaften und Bildungsvereine als Selbsthilfeorganisationen von Arbeitern gründete, blieben ihre gesellschaftlichen Vorstellungen eher geprägt von idealisierten mittelalterlichen Vorstellungen, nach denen jeder gesellschaftliche Stand seine göttlich bestimmte Rolle in der Gesellschaft einzunehmen hatte.[7]

Sozialistische Arbeiterbewegung.

Frühsozialistische Antworten auf den Kapitalismus aus der Zeit der Französischen Revolution betonten stark die Gleichheit des Kollektivs. Der Revolutionär Gracchus Babeuf und seine "Konspiration der Gleichen" etwa spielten Individualismus und Kollektivismus gegeneinander aus und sahen darin vor allem Kontrastprogramme für die Zukunft. Der frühsozialistische Philosoph Claude Henri de Saint Simon entwickelte ein Gesellschaftsmodell, nach dem ein starker Staat eine kooperative Organisation der nationalen Gemeinschaft im Gleichschritt mit dem unaufhaltsamen technologischen Fortschritt organisierte und dabei die soziale Frage löste. Andererseits gab es im französischen Frühsozialismus auch bereits wichtige Theoretiker eines starken Individualismus. Der Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier etwa betrachtete menschliches Glück vor allem als das Ausleben von individuellen Talenten und Gefühlen. Diese, so Fourier, seien allerdings am besten zu verwirklichen in einer genossenschaftlichen Organisation. So suchte der Frühsozialist Fourier bereits Individualismus und proletarische Kollektivität miteinander harmonisch zu verbinden.

Genossenschaften und Gewerkschaften spielten als zentrale Verteidigungsmechanismen des proletarischen Kollektivs bei vielen Frühsozialisten eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie bei den Liberalen oder den Katholiken. Der Handwerkersozialismus des 19. Jahrhunderts, wie er in den deutschen Landen etwa von Wilhelm Weitling vertreten wurde, war oftmals durchzogen von der Vorstellung, dass Sozialismus nur der Ausdruck des wahren Christentums wäre.[8]

Einer der Gründungsväter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Ferdinand Lassalle, hatte, wie so mancher französische Frühsozialist und Handwerkersozialist, ein durchaus problematisches Verhältnis zum liberalen Individualismus. Sein berühmtes ehernes Lohngesetz ließ der Arbeiterschaft keinen kollektiven gewerkschaftlichen oder genossenschaftlichen Ausweg aus dem sozialen Elend. Allein der starke demokratische Staat konnte nach Lassalle zum Bündnispartner der Arbeiter werden, weshalb Lassalle auch auf die Gründung von Arbeiterparteien drängte. Dabei lehnte er allerdings den Klassenbegriff als Grundlage des Kollektivs der Arbeiter ab und sprach lieber von Volk und Volksbewegung – Kollektive, die im Zuge der Besetzung des Nationsbegriffs von rechts im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eher problematische antidemokratische Züge bekamen. Zur Herausbildung eines wie auch immer gearteten Individualismus hatte Lassalle nicht viel beizutragen.[9]

Die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, lehnten die Frühsozialisten ab. Sie wollten den Sozialismus nicht philosophisch oder ethisch, sondern wirtschaftlich begründen. Ihr historischer Materialismus war gekennzeichnet durch eine Analyse ihrer zeitgenössischen Gesellschaft, die allerdings verbunden war mit einem ökonomischen Determinismus, der im bürgerlichen Individualismus vor allem bürgerliche Ideologie sah. Marx ging in seiner Analyse ohne Frage von den Menschen aus, aber er kritisierte unter anderem in seinen Thesen über Ludwig Feuerbach, dass dieser zu sehr das Individuum in den Mittelpunkt gestellt habe. Er, Marx, wollte sich nun auf das proletarische Kollektiv fokussieren. Eine Befreiung des proletarischen Kollektivs konnte nur aus dem Kollektiv heraus geschehen – mithilfe einer Revolution, die dann allerdings, anders wird man die wenigen Äußerungen von Marx und Engels zur kommunistischen Zukunftsgesellschaft nicht deuten können, in einem radikal-individualistischen Selbstverwirklichungsszenario gipfelt. So beschreibt Marx in "Die deutsche Ideologie", dass im Kommunismus "jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden".[10]

Der Begriff "Sozialismus", der sich nach 1850 in Europa durchzusetzen begann, beruhte weitgehend auf einer dichotomisch-binären Gesellschaftsanalyse, die Individualismus mit Egoismus und Kapitalismus verband, während sie einen proletarischen Kollektivismus zelebrierte, den sie mit Werten wie Meritokratie, Gleichheit und Produktivität zusammenbrachte. Die sozialdemokratischen Parteien der Zweiten Internationalen arbeiteten sich allerdings schon in den Jahrzehnten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs daran ab, wie sie den proletarischen Kollektivismus, den sie auch und gerade in ihrer symbolischen Politik zelebrierten, zusammenbringen konnten mit einer Strategie der Individualisierung proletarischer Existenzen. Gerade die Arbeiterkulturbewegung, die sozialdemokratische Bildungspolitik und die Sozialpolitik waren Felder, auf denen zentrale materielle Voraussetzung geschaffen werden sollten, um aus dem proletarischen Kollektiv heraus eine individuellere Lebensgestaltung der einzelnen Proletarier zu ermöglichen. Im sozialdemokratischen Denken waren also proletarisches Kollektiv und Individuum keine Gegensätze, sondern das proletarische Individuum entwickelte sich erst zum Individuum aus dem und in Übereinstimmung mit dem proletarischen Kollektiv.[11]

Anarchistische Arbeiterbewegung.

Die anarchistische Arbeiterbewegung war in ihren theoretischen Grundannahmen einem viel radikaleren Individualismus verpflichtet, der zum Teil jeglichen Konstruktionen von Kollektiven ablehnend gegenüberstand. So forderte der Ökonom Pierre-Joseph Proudhon etwa ein herrschaftsfreies System ohne Staat und Kirche, in dem sich das proletarische Kollektiv selbst organisierte und damit einem radikalen Individualismus als Zielperspektive wahrer Selbstverwirklichung Tür und Tor öffnete. Auch der Revolutionär Michail Bakunin ging von einem Absterben des Staates aus und predigte einen libertären Sozialismus, der vor allem an den Bedürfnissen des Individuums orientiert sein sollte.

Der Anarchosyndikalismus der Zwischenkriegszeit, der besonders in Spanien, Italien und Frankreich große organisatorische Erfolge verzeichnete, beförderte die Organisation des proletarischen Kollektivs gerade im Hinblick auf die Ermöglichung eines proletarischen Individualismus. Auch hier wurden also proletarisches Kollektiv und Individuum als zwei Seiten einer Medaille zusammengedacht.

Doch im Krieg der Ideologien des 20. Jahrhunderts fand der Anarchosydikalismus keinen Platz. Zwischen Liberalismus, Kommunismus und Faschismus wurde er zerrieben, und nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er überall in Europa ausgesprochen minoritär. Seine zum Teil spannenden Gedanken zum Verhältnis von Individualismus und proletarischem Kollektiv gilt es heute immer noch wiederzuentdecken und für die politische Praxis der Gegenwart zu aktualisieren.[12]

Der Kommunismus und die sozialdemokratische Abkehr vom proletarischen Kollektiv.

Die konsequentesten Befürworter einer weiterhin dichotomisch-binären Konstruktion von bürgerlichem Individualismus hier und proletarischem Kollektivismus dort waren die Kommunisten, die unter Berufung auf letzteren ihre Diktatur des Proletariats errichteten und Andersdenkende bis zur physischen Vernichtung verfolgten. In der Sowjetunion nach 1917 und dem kommunistischen Osteuropa nach 1945 konnte der Vorwurf des bürgerlichen Individualismus tödlich sein. Unter Berufung auf die proletarische Kollektivität, deren Willen von der regierenden kommunistischen Partei repräsentiert wurde, kam es zu einer Uniformierung des öffentlichen Raumes, der nur noch den Rückzug in die Nischengesellschaft des Privaten als letztes Refugium der Resistenz erlaubte.[13]

Der Kampf der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gegen Kommunismus und Faschismus führte letztendlich, unter dem Eindruck des Kalten Krieges, zu einer Sozialliberalisierung, welche die alten Gegner aus sozialliberalem und sozialdemokratischem Milieu zu Verbündeten machte. Das sich bereits in der Zwischenkriegszeit andeutende Bekenntnis vieler Sozialdemokraten zum Pluralismus und zur Demokratie war beredtes Zeichen dafür, dass man in der Klassengesellschaft nun nach Wegen kollektiver Emanzipation zu suchen begann, die auch den einzelnen Arbeiter zu einem individuellen Bürger transformieren konnte.

In Deutschland waren es Sozialdemokraten wie Gustav Radbruch und Hermann Heller, die diesem pluralistischen Gesellschaftsverständnis schon in der Zwischenkriegszeit zum Durchbruch verhalfen und damit in der Zeit nach 1945 die theoretischen Grundlagen für die Transformation der SPD zu einer Volkspartei legten. Die Integration vieler Organisationen der Arbeiterkulturbewegung in kommunale und staatliche Institutionen (wie die Überführung vieler Arbeiterbibliotheken und kultureller Veranstaltungen in das Angebot der Stadtbüchereien und der Volkshochschulen) zeigt auch das Interesse der Sozialdemokratie, sich von dem proletarischen Kollektiv zu verabschieden.[14]

Dennoch bleibt die europäische Sozialdemokratie bis heute eine Bewegung, die sich den Interessen der einfachen Leute, zu denen auch die Arbeiter gerechnet werden, besonders verbunden weiß. Doch von proletarischer Kollektivität sprechen heute kaum noch Sozialdemokraten. Die Vereinnahmung des Topos durch den "real existierenden Sozialismus" in Osteuropa während der Zeit des Kalten Krieges machte den Begriff suspekt. Der Kalte Krieg war es auch, der zumal in Frontstaaten wie der Bundesrepublik eine mentale Entproletarisierung des politischen Diskurses zu einer Zeit bewirkte, zu der es durchaus noch stark ausgeprägte Klassenmilieus und -kulturen in Westeuropa gab. Bestes Beispiel dafür ist der Topos von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der sich in der Bundesrepublik schon in den 1950er Jahren etablieren konnte, zu einem Zeitpunkt also, wo er eher eine soziale Fiktion als eine soziale Realität widerspiegelte.

Spätestens seit den 1970er und 1980er Jahren verschwanden dann allerdings tatsächlich zunehmend die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen dieser kollektiven Proletarität. Unter dem Eindruck der Tertiärisierung der Arbeitswelt (vor allem der Ausbau des Dienstleistungssektors) wurde die klassische Industriearbeit mit "Normalarbeitsverhältnissen" zunehmend minoritär. Die klassischen Proletarier, die Industriearbeiter, waren nur noch eine zunehmend kleinere Minderheit aller Beschäftigten. Klassenein- und Klassenzuteilungen wurden damit zunehmend problematischer.

Hinzu kam noch ein mit den neuen sozialen Bewegungen entstehender neuer Subjektivismus, der sich mit ausgeprägt postmateriellen Werteeinstellungen paarte. Die postindustrielle, postmaterielle und postmoderne Gesellschaft, die in den 1970er Jahren am Horizont erschien, ließ sich nicht mehr mit Theorien von proletarischer Kollektivität verstehen und analysieren. Und so nahm auch die Sozialdemokratie zunehmend Abschied von dieser Kollektivität und der schwindenden Klientel, die diese Kollektivität einst repräsentierte.[15]

Begründung der Solidarität aus welchem Kollektiv?



Der Triumph eines neoliberalen Kapitalismus nach dem Ende des Kommunismus brachte auch die europäischen Sozialdemokratien in die Defensive. Ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz konnte in der Zeit des Kalten Krieges mit Verweis auf den kommunistischen Rivalen leichter durchgesetzt werden als in der Zeit nach 1990, als dem Kapitalismus der Hauptgegner abhandengekommen war und die Wellen der Globalisierung eine verschärfte Konkurrenzsituation kapitalistischer Staaten herbeiführte, die in Europa Diskussionen über zu hohe Sozialstandards auslöste. Sozialdemokratische Ideen von Regulierung der Märkte, staatlicher Makrosteuerung der Wirtschaft, gesellschaftlichem Social Engineering beziehungsweise gesellschaftlicher Regulierung und einer Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums sahen sich allesamt massiver Kritik ausgesetzt. Die Solidarität des proletarischen Kollektivs, die einstmals auch die Stärke der sozialdemokratischen Politikvorstellungen untermauerte, war den Sozialdemokratien abhandengekommen.

Eine radikal individualisierte und atomisierte Gesellschaft von monadischen Existenzen stellt aber keine Grundlage für eine sozialdemokratische Politik dar, die sich weiterhin an den Werten von Gleichheit ebenso orientiert wie an den Werten von Freiheit. Im deutschen Wahlkampf des Jahres 2013 warb die SPD mit dem Slogan "Das Wir entscheidet" – es stellte ohne Frage den Versuch dar, eine neue Basis für solidarische Politik zu finden. Doch schaut man sich die Werbespots an, die den Slogan näher beschreiben, fällt auf, dass dieses "Wir" kein soziales "Wir" mehr darstellt, sondern ein nationales: Es geht um Deutschland und um die deutsche Gesellschaft, nicht um bestimmte soziale Schichten in dieser Gesellschaft. Man vermeidet, wohl mit Blick auf den appeal als Volkspartei, konkrete soziale Bezugnahmen und in der Tat ist dies angesichts der Auflösung sozialer Identitäten in modernen europäischen Gesellschaften auch nur konsequent.

Wie eine solche nationale Solidarität in Beziehung steht zu einer europäisch orientierten Sozialdemokratie und wie sie in einer sich zunehmend globalisierenden Welt funktionieren soll, das dürften Fragen nach der Quadratur des Kreises sein. Allerdings, dies zeigt das Beispiel aus dem deutschen Wahlkampf 2013 deutlich, ist die Spannung zwischen Individuum und Kollektivität nach wie vor eine der zentralen Herausforderungen an sozialdemokratische Politik – und das seit nunmehr fast 200 Jahren.
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Fußnoten

1.
Vgl. zum Grundgedanken des Aufsatzes: Stefan Berger, Social Democracy and the Working Class in Nineteenth and Twentieth Century Germany, London 2000.
2.
Vgl. zur sozialen Frage des 19. Jahrhunderts und zur Klassenbildung: Jürgen Kocka, Lohnarbeit und Klassenbildung, Bonn 1983; Werner Conze/Ulrich Engelhardt (Hrsg.), Arbeiter im Industrialisierungsprozess: Herkunft, Lage und Verhalten, Stuttgart 1979.
3.
Vgl. zur Einführungen in die Geschichte der Arbeiterbewegung und der sozialen Ideen: Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007; Geoff Eley, Forging Democracy: The History of the Left in Europe, 1850–2000, Oxford 2002. Beide Bücher stehen hier stellvertretend für eine lange Liste an sehr guten Monografien zu diesen Themen.
4.
Vgl. zur Entstehung des Liberalismus als Denkmuster: Jörn Leonhard, Liberalismus, München 2001.
5.
Gustav Schmoller, Die soziale Frage. Klassenbildung, Arbeiterfrage, Klassenkampf, Berlin 2013 [1918], S. 505.
6.
Vgl. Traugott Jähnichen, Sozialer Protestantismus und moderne Wirtschaftskultur: sozialethische Studien zu grundlegenden anthropologischen und institutionellen Bedingungen ökonomischen Handelns, Münster 1998; zur "progressive alliance" in Großbritannien: Duncan Tanner, Political Change and the Labour Party 1900–1918, Cambridge 1990.
7.
Vgl. Claudia Hiepel/Mark Ruff, Christliche Arbeiterbewegung in Europa, Stuttgart 2003; Lex Heerma van Voss/Patrick Pasture/Jan De Maeyer (eds.), Between Cross and Class: Comparative History of Christian Labor in Europe 1840–2000, Bern 2005.
8.
Vgl. Pamela Pilbeam, French Socialists Before Marx, Teddington 2000; Lothar Knatz/Hans-Arthur Marsiske, Wilhelm Weitling: ein deutscher Arbeiterkommunist, Hamburg 1989; John Breuilly, Labour and Liberalism in Nineteenth-Century Europe, Manchester 1992, S. 76–114.
9.
Vgl. Walter Euchner, Ferdinand Lassalle und der Lassalleanismus: zwischen Revolution und Staatssozialismus, in: Helga Grebing (Hrsg.), Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland, Wiesbaden 20052, S. 128–145.
10.
Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie [1846], in: Marx-Engels Werke, Bd. 3, Berlin 1988, S. 33. Vgl. auch: Ingo Piess/Martin Leschke (Hrsg.), Karl Marx’ kommunistischer Individualismus, Tübingen 2005.
11.
Vgl. zur frühen deutschen Arbeiterbewegung: Thomas Welskopp, Das Banner der Brüderlichkeit: die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz, Bonn 2000.
12.
Vgl. George Woodcock, Anarchism: a History of Libertarian Ideas and Movements, Plymouth 2004.
13.
Es gibt viele gute Bücher zum deutschen und internationalen Kommunismus, die das einseitige Ausspielen des proletarischen Kollektivs gegen die angebliche Gefahr des Individualismus beschreiben. Vgl. beispielsweise: Eric D. Weitz, Creating German Communism, 1890–1990: from Popular Protests to Socialist State, Princeton/NJ 1997.
14.
Vgl. zur Arbeiterkulturbewegung: Wilfried van der Will/Rob Burns, Arbeiterkulturbewegung in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1982; vgl. zu pluralistischen Gesellschaftsvorstellungen in der SPD: Walter Pauly (Hrsg.), Rechts- und Staatsphilosophie des Relativismus: Pluralismus, Demokratie und Rechtsgeltung bei Gustav Radbruch, Baden-Baden 2011; Wolfgang Schluchter, Entscheidung für den sozialen Rechtsstaat: Hermann Heller und die staatstheoretische Diskussion in der Weimarer Republik, Baden-Baden 1983.
15.
Vgl. Gerassimos Moschonas, In the Name of Social Democracy: The Great Transformation, 1945 to the Present, Cambridge 2002.

Stefan Berger

Zur Person

Stefan Berger

Dr. phil., geb. 1964; Professor für Sozialgeschichte und soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum; Leiter des Instituts für soziale Bewegungen; Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Clemensstraße 17–19, 44789 Bochum. stefan.berger@rub.de


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