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8.10.2013

Geschichte als Instrument: Variationen über ein schwieriges Thema

In außerwissenschaftliche Dienste genommen und zum Instrument politischer Interessen gemacht zu werden, zählt zum Schicksal der Geschichtsschreibung. Die Verfälschung der historischen Wahrheit, die Unterdrückung geschichtlicher Fakten und die Nötigung ihrer professionellen Sachwalter durch deren Auftraggeber und Abnehmer sind stehende Topoi aller Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – mit dem Lobpreis der Muse Klio verbindet sich seit jeher die Klage über ihren Missbrauch.

Gleichwohl fällt es bei näherem Hinsehen gar nicht so leicht, Erkenntnis und Interesse überzeugend voneinander zu unterscheiden und die instrumentelle Nutzung der Historiografie von ihrer freien Entfaltung abzugrenzen. Dies gilt zumal in der Zeitgeschichte, in der die Beziehung von Vergangenheitserfahrung und Zukunftsgestaltung angesichts der Einrede der Zeitgenossen, des Selbstverständnisses der Gegenwartsgesellschaft und ihrer geschichtspolitischen Legitimationsanstrengungen besonders eng geknüpft ist.

Manipulation und Fälschung



Immerhin kann als klares Erkennungsmerkmal historischer Instrumentalisierung die Verzerrung der historischen Wahrheit durch Verfälschung ihrer Quellen und Fakten angeführt werden. Berüchtigt ist etwa das zuerst 1903 in Russland unter dem Titel "Protokolle der Weisen von Zion" erschienene Pamphlet, das sich als Dokumentation einer geheimen jüdischen Weltverschwörung präsentiert und ungeachtet seiner verheerenden öffentlichen Wirkung nichts als eine vermutlich von russischen Rechtsradikalen fabrizierte Fälschung oder präziser: eine bloße Fiktion darstellt. Historische Falsifikate sind so alt wie die Geschichtsschreibung, und ihr Bogen spannt sich von der erst um 800 entstandenen Schenkungsurkunde des römischen Kaisers Konstantin, die den Herrschaftsanspruch des Papstes auf Rom und die Christenheit verbürgen sollte, bis zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern, auf die 1983 der "Stern" hereinfiel.

Eine fortgesetzte historische Verkehrung furchtbarer Tatsachen verbindet sich mit "Katyn". Der Name des westrussischen Dorfes ist zum Synonym geworden für das durch Moskau angeordnete Massaker an Zehntausenden von polnischen Offizieren, Intellektuellen und Staatsbediensteten, die als sowjetfeindliche Elite im Frühjahr 1940 durch die sowjetische Geheimpolizei (NKWD) zu geheim gehaltenen Hinrichtungsorten unter anderem in einem Wald bei Katyn gebracht, erschossen und verscharrt worden waren. Die Entdeckung dieser Mordtat durch die deutsche Wehrmacht führte zu einer Propagandaschlacht der beiden Diktaturen, in der die aufgedeckten oder fingierten Fakten auf beiden Seiten als politische Munition dienten. Die Sowjetunion setzte die auf krasse Fälschungen gestützte Politik der Leugnung ihrer eigenen Verantwortung und deren Übertragung auf die NS-Führung über Jahrzehnte hinweg fort und bekannte sich erst 1990 unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin zu der – durch die historischen Indizien längst zweifelsfrei festgestellten – Schuld Stalins und seiner Helfershelfer.

Brachial in der Umschreibung der Vergangenheit verfuhr auch die Bildregie des Stalinismus, die in der Sowjetunion wie auch später in ihren Satellitenstaaten die Retusche von Bildzeugnissen zur alltäglichen Praxis erhob – wobei die Verstümmelung der Bilder durch Wegschneiden in Ungnade gefallener Personen in der Regel auch mit deren physischer Auslöschung einherging oder ihr unmittelbar folgte. Kein Bild hat in diesem Zusammenhang traurigere Berühmtheit erlangt als das am 5. Mai 1920 vor dem Moskauer Bolschoi-Theater entstandene und millionenfach verbreitete Foto, das einen mit flammenden Worten zum Kampf gegen Polen aufrufenden Lenin zeigt. Die auf dem Holzpodest bei ihm stehenden Kampfgefährten Trotzki und Kamenew wurden nach ihrer jeweiligen Entmachtung in späteren Nachdrucken schrittweise wegretuschiert und durch Holzstufen zu dem Podest ersetzt, von dem aus Lenin seine Ansprache an die abmarschbereiten Rotarmisten hielt.

Kaum weniger bekannt ist die Bildfälschung in der Ablichtung der bei Kriegsende 1945 auf dem Berliner Reichstag aufgepflanzten Roten Fahne, die den Triumph der Sowjetarmee über Hitlerdeutschland ikonografisch bannte. Hier tritt allerdings schon eine erste Irritation in der klaren Unterscheidung von echt und falsch zutage. Denn die Bildmanipulation betraf nicht nur die von den Handgelenken der Fahnenträger wegretuschierten Beuteuhren, sondern (ähnlich wie im Fall des die nationalsozialistische "Machtergreifung" feiernden Fackelzuges vom 30. Januar 1933) die "Unwahrheit" des porträtierten Ereignisses selbst, das zu einem späteren Zeitpunkt nachgestellt wurde, um das historische Ereignis visualisieren und verewigen zu können.


Einflussnahme und Zwang



Neben der Unterscheidung von Original und Fälschung bietet die Entgegensetzung von Zwang und Freiheit eine hilfreiche Orientierung, um Geschichte als Instrument fassbar zu machen. Dazu zählt in erster Linie die Unterdrückung oder Verzerrung historischer Erkenntnisse im öffentlichen Raum und in der Fachwissenschaft selbst. Die fortgesetzte Leugnung oder Marginalisierung des Völkermordes an den Armeniern in der Türkei während des Ersten Weltkriegs liefert hier ein prominentes Beispiel. Nicht anders in Deutschland, wo zur staatlichen Kontrolle der Kriegsschulddebatte in der Weimarer Republik eigens ein Kriegsschuldreferat geschaffen wurde, das die Arbeit eines zur Klärung der Schuldfrage eingesetzten Untersuchungsausschusses des Deutschen Reichstags lenkte. Mit Blick auf die deutsche Verhandlungsposition gegenüber den Alliierten verhinderte es zudem eine geplante Aktenpublikation sowie die Veröffentlichung des im Parlamentsausschuss erstatteten Gutachtens, mit dem Hermann Kantorowicz die Kriegsunschuldslegende zerstört hatte.[1]

Auch die Geschichtsschreibung der Bundesrepublik kennt herausragende Fälle politischer Einflussnahme auf ihre Arbeit. Dies gilt namentlich für das vom Bundesvertriebenenministerium initiierte und finanzierte Großforschungsprojekt "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa", das in den 1950er Jahren in starke Spannung zu den Interessen erst der Vertriebenenverbände und dann der Bundesregierung selbst geriet. Je mehr die Arbeit an der Dokumentation aus der fachlichen Eigenlogik heraus drängte, "den Vertreibungsvorgang in einen großen geschichtlichen Rahmen (zu) stellen" und somit in die Gesamtgeschichte der ethnischen Flurbereinigung des 19. und 20. Jahrhunderts einschließlich der nationalsozialistischen Volkstumspolitik einzubetten, desto mehr fürchtete der politische Auftraggeber, statt der gewünschten geschichtspolitischen Waffe der Anklage einen "Entschuldigungszettel" finanziert zu haben, der die Einmaligkeit der Deutschenvertreibung relativieren könnte. Ein geplanter Ergebnisband kam nicht zustande, nachdem der zuständige Staatssekretär die Publikation nach Lektüre der bereits verfassten Teile als "politischen Selbstmord" für sein Haus bezeichnet hatte.[2]

Geschichtspolitische Eingriffe in die Fachautonomie gingen auch vom Auswärtigen Amt aus. In der zu Beginn der 1960er Jahre wieder aufflammenden Frage nach der deutschen Schuld am Weltkriegsausbruch 1914 versuchte das Auswärtige Amt – am Ende vergeblich – eine Vortragsreise des engagierten Verfechters der Kriegsschuldthese Fritz Fischer in die USA zu verhindern. Auch in der Auseinandersetzung mit der untergegangenen SED-Diktatur ereigneten sich in den vergangenen Jahren im Hintergrund heftige Rangeleien, die bis in die angemessene Platzierung von Politikerzitaten an einzelnen Ausstellungsorten der Berliner Gedenklandschaft reichten.

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand stand in den 1990er Jahren immer wieder unter heftigem politischem Druck, die Bilder von Repräsentanten des kommunistischen Widerstands wie Ulbricht und Pieck zu entfernen und das kommunistisch beherrschte Nationalkomitee Freies Deutschland aus der Würdigung des Widerstands auszuklammern.[3] Das Deutsche Historische Museum tauschte 2009 Zeitungsberichten zufolge in der Ausstellung "Fremde? Bilder von den ‚Anderen‘ in Deutschland und Frankreich seit 1871" auf Verlangen des Bundeskulturbeauftragten eine Tafel, die sich kritisch mit der Flüchtlingspolitik der EU auseinandersetzte, gegen einen unverfänglichen Text aus, der die erfolgreiche Integration von Zuwanderern in Deutschland lobte.[4]

Freiwillige Selbstinstrumentalisierung



Nicht immer geht es dabei nur um die Verletzung der Fachautonomie durch wissenschaftsfremden Eingriff; manches Mal macht die Historie sich durchaus auch selbst zum Instrument politischer Absichten. Schon der als preußischer Hofnarr berüchtigte und als brandenburgischer Landeshistoriker bedeutende Jacob Paul von Gundling beschwor seinen Landesherrn, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., seine 1708 fertiggestellte Biografie des Großen Kurfürsten aus außenpolitischen Rücksichten nicht in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen: "Ich kann nicht läugnen, es sind allhier unterschiedliche Geheime Sachen, deswegen diese Schrifft nicht kan gedrucket werden, sonderlich in denjenigen Dingen, so Schweden, Dännemarck, Polen und den Kayser angehen, dannenhero diese Schrifft einstens wol in acht genommen werden muß."[5]

Auf der gleichen Linie bewegte sich die gelenkte Geschichtswissenschaft der sozialistischen Länder. Sie erhob den politischen Eingriff in den Gang der Wissenschaft gleichsam zum System, wenngleich der historische Herrschaftsdiskurs diese Einvernahme mit der Doktrin der Einheit von Parteilichkeit und Objektivität zum Ausweis von Wissenschaftlichkeit selbst erklärte und in ihrer Anstößigkeit weit weniger häufig aufscheinen ließ, als dies aus der Außenperspektive zu vermuten wäre. Besonders eklatante Beispiele einer verfälschenden Vereinnahmung bietet dabei insbesondere die SED-Parteigeschichtsschreibung, in der sich die politische Macht unverhüllt zur Geltung brachte: Walter Ulbricht selbst fungierte als Vorsitzender des Autorenkollektivs, das die historische Meistererzählung des Sozialismus schrieb und über den Charakter der Novemberrevolution 1918 ebenso autoritativ entschied wie über die Rolle der KPD im antifaschistischen Widerstand oder die Etappen der DDR-Geschichte.

Wie ungeniert gerade im Hinblick auf die Parteigeschichtsschreibung die historische Erkenntnis dem politischen Interesse unterworfen wurde, lehrt genauso etwa der parteiamtliche Umgang mit den Briefen und Kassibern, die Ernst Thälmann in den elf Jahren seiner nationalsozialistischen Haft verfasst hatte: Als 1950 ein umfängliches autobiografisches Schreiben des bis zu seiner Ermordung 1944 eingekerkerten Parteiführers auftauchte, besorgte Ulbricht eigenhändig die redaktionelle Einpassung des im "Neuen Deutschland" abgedruckten Lebenszeugnisses in den antifaschistischen Heldenmythos, damit es "Ernst Thälmann trotz Kerkerhaft als unbeugsamen Kämpfer und gleichzeitig auch von einer starken menschlichen Seite zeigt".[6] Und als 15 Jahre später das Institut für Marxismus-Leninismus (IML) sich anschickte, eine größere Auswahl der Briefe Ernst Thälmanns zu publizieren, listete es in einer Mitteilung an Ulbricht nicht nur die erfolgten Streichungen (etwa zur Rolle Stalins) und "redaktionellen Veränderungen" auf, sondern sperrte auch im gleichen Zug die im Parteiarchiv liegenden Originale, damit niemand den Editionsbetrug durch einfachen Textvergleich aufdecken könne.[7] Doch auch an der fachlich ungleich besser angesehenen Akademie der Wissenschaften regierte jedenfalls im Konfliktfall häufig das Opportunitätsparadigma, wenn etwa der Direktor des Zentralinstituts für Geschichte noch 1986 autoritativ feststellte: "Übereinstimmung mit Parteigeschichte muß gewahrt bleiben. Wenn Parteiführung Entscheidung trifft, ist sie durchzuführen, auch wenn es uns nicht in allen Punkten gefallen sollte."[8]

Freilich kannte und kennt auch die nicht diktatorisch beherrschte deutsche Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert das Phänomen der Selbstinstrumentalisierung. So argumentierte der konservative Historiker Gerhard Ritter vor allem politisch, als er 1931 den mit einer marxistisch inspirierten Studie zum Wilhelminischen Imperialismus und seinem Schlachtflottenbau hervorgetretenen Eckart Kehr als einen "für unsere Historie ganz gefährlichen 'Edelbolschewisten'" ausgrenzte, der sich "lieber gleich in Rußland als in Königsberg habilitieren" solle.[9] Nicht anders verfuhr auch der linksliberale Historiker Hans Mommsen, als er sich 1962 als Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) dafür einsetzte, dass ein vom IfZ in Auftrag gegebener Artikel von Hans Schneider zum Reichstagsbrand von 1933, der sich gegen die auch von Mommsen selbst vertretene Alleintäterschaftsthese richtete, nicht zur Publikation gelangte. Mommsen hielt in einer Aktennotiz fest, dass "aus allgemeinpolitischen Gründen" eine Publikation "unerwünscht zu sein scheint", und ventilierte darüber hinaus die Möglichkeit, auch eine anderweitige Veröffentlichung der Studie "durch Druck auf Schneider" zu verhindern.[10]

Wandel der Geschichtskultur



Doch dies blieben in der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach bisherigem Kenntnisstand bloße Einzelfälle. Historische Instrumentalisierung in dem vorgestellten Sinn stellt im Selbstverständnis unserer Zeit hierzulande keine herausragende fachwissenschaftliche Bedrohung mehr dar, sondern grassiert vornehmlich in Ländern mit schwächeren demokratischen Traditionen. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die 2006 vom iranischen Außenministerium veranstaltete "Holocaust-Konferenz" in Teheran, die in pseudo-wissenschaftlicher Verbrämung antisemitische Hetze betrieb und zur Leugnung der Shoah aufrief. Zu wach ist dagegen hierzulande die Öffentlichkeit, zu stark die Macht der Medien, zu plural der fachliche Diskurs, als dass eine allzu grobe politische Indienstnahme der Geschichte vorstellbar wäre. So kannten, um nur ein Beispiel zu nennen, die Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zwar parteipolitische Deutungslager, aber sie unterdrückten weder abweichende Voten, noch suchten sie die Abfassung der von ihnen bestellten Fachexpertisen zu beeinflussen.

Gewiss: Die nach 1989 ausgetragenen Kabalen um die Besetzung von Leitungsposten im Bereich der politischen Bildung und der Gedenkstättenarbeit, aber auch einiger außeruniversitärer Zeitgeschichtseinrichtungen wie dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung künden in Fülle von der so ungenierten wie unheilvollen Einmischung politischer Instanzen. Aber alle Bemühungen um eine politisch lancierte Verhinderung historischer Arbeit und Unterdrückung gewonnener Erkenntnis haben in der bundesdeutschen Fachkultur mit ihrem System der selbstgesteuerten Forschungsförderung, der akademischen Forschungsfreiheit und der innerfachlichen Selbstbeobachtung gegenwärtig doch eher geringe Durchsetzungschancen. Der gewachsene Respekt der Politik vor der Autonomie der historischen Forschung resultiert weniger aus der gewachsenen Macht der akademischen Fachwissenschaft – die im Gegenteil ihr über lange Zeit behauptetes Deutungsmonopol längst mit den unterschiedlichen Akteuren, Formaten und Medien des Geschichtsdiskurses teilen lernen musste. Die bereitwillige Aufnahme auch belastender Forschungsergebnisse folgt vielmehr vor allem dem paradigmatischen Wandel der deutschen Geschichtskultur, die sich von einer mimetischen Traditionspflege hin zu einer kathartischen Aufarbeitungsbereitschaft gewandelt und in der Anerkennung des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs ihren nationalen Grundkonsens gefunden hat.

Wie es scheint, hat sich das seit den 1960er Jahren gegen den anfänglichen Schweigekonsens der deutschen Mehrheitsgesellschaft anrennende Projekt der zeithistorischen Aufklärung über eine heillose Vergangenheit kraftvoll durchgesetzt. Der Wille zur historischen Offenlegung ist noch in der Bonner Republik erfolgreich gegen alle Schlussstrichforderungen angegangen, er hat mit Hilfe der aufkommenden Zeitzeugen, der massenmedialen Thematisierung und der akademischen Forschung den zunächst übermächtigen Wunsch nach historischer Selbstversöhnung und Schuldentlastung gebrochen, und er hat den in der Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung Mitte der 1990er Jahre zum letzten Mal machtvoll aufgeflammten Vorwurf der nationalen Nestbeschmutzung endgültig hinter die Grenzen des gesellschaftlich ungestraft Sagbaren verbannt.

Die Bereitschaft zur schonungslosen Auseinandersetzung mit dem noch kein Menschenalter zurückliegenden Grauen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs trägt der vereinigten Bundesrepublik weltweit Anerkennung ein. Noch auf der anderen Seite der Weltkugel, wie etwa in Kapstadt, haben sich der Auseinandersetzung mit dem deutschen Völkermord gewidmete Lernorte als nicht zuletzt von der Kulturpolitik des Auswärtigen Amtes gern genutzte Foren der kulturellen Begegnung etabliert – das Holocaust Centre gleichsam als moderne Form der Goethe-Gemeinde, wie sie Friedrich Meinecke nach dem Zweiten Weltkrieg als Mittel einer geistigen Erneuerung nach der "deutschen Katastrophe" hatte initiieren wollen.


Für immer immun?



Doch die Annahme, dass auf diese Weise die Historie ihre politische Indienstnahme dauerhaft abgewehrt, gleichsam Immunität gegen Instrumentalität eingetauscht habe, führt in die Irre. Insbesondere der seit dreißig Jahren ansteigende Geschichtsboom, der die Erforschung der Vergangenheit aus dem Ghetto einer universitären Spezialdisziplin in die Mitte der Gesellschaft katapultiert hat, stellt zugleich die Mechanismen der fachlichen Selbstkontrolle auf neue Proben. Neben der freien akademischen Befassung haben sich heute auch in der historischen Disziplin verschiedenste Spielarten der wissenschaftlichen Auftragsforschung etabliert. So setzt der Bund im Rahmen seiner Forschungsförderung eigene inhaltliche Schwerpunkte auch in den Geisteswissenschaften.[11] Das Bundesverteidigungsministerium unterhält sogar eine zentrale Ressortforschungseinrichtung, die auf der Basis ministerieller "Forschungsweisungen" arbeitet und in ihrer wissenschaftlichen Handlungsfreiheit nach Auffassung des Wissenschaftsrats bedrohlichen Einschränkungen unterliegt.[12]

In der historischen Unternehmensforschung hat sich lange Zeit eine Tradition der Firmengeschichte behauptet, die sich mit methodischer Konventionalität und darstellerischer Distanzlosigkeit zum hagiografischen Sprachrohr unternehmerischer Selbstdarstellung machen ließ. Als Subdisziplin von "fragwürdigem wissenschaftlichem Wert" ist dieser Zweig der Unternehmensgeschichte daher bereits seit Längerem in den Fokus auch innerfachlicher Kritik geraten.[13] Umgekehrt impliziert nicht jeder politische Auftrag auch eine fachliche Abhängigkeit. Die zahlreichen Expertenteams, die in den vergangenen Jahren konstituiert wurden, um die NS-Vergangenheit oberster Bundesbehörden und den späteren Umgang mit ihr zu erhellen, arbeiten sämtlich im Auftrag und auf Rechnung der jeweils untersuchten Behörde und doch zugleich bis hin zum Bundesnachrichtendienst und zum Bundesamt für Verfassungsschutz in erklärter fachlicher Unabhängigkeit. Auch in der über Jahre hinweg geführten Debatte um das Auswärtige Amt und seine NS-Vergangenheit ist bei aller Schärfe niemals der Vorwurf erhoben worden, dass die mit der Untersuchung betraute Historikerkommission sich von Vorgaben ihrer ministeriellen Auftraggeber hätte leiten lassen.[14]

Die Janusköpfigkeit der historischen Instrumentalisierung beschränkt sich nicht auf ihre intentionale Inanspruchnahme. Sie findet unvermeidbar bereits dort statt, wo die Geschichtsschreibung ihre analytische und reflexive Distanz gegen den geschichtskulturellen Konsens der Gegenwart eintauscht. Allein der Glaube, dass aus der Geschichte gelernt und damit ihre Wiederholung verhindert werden könne, sichert der Historie in unserer Zeit materielle und immaterielle Ressourcen, die ihrer disziplinären Leistungskraft enorm zugute kommen – und nimmt sie gleichzeitig in den Dienst eines volkspädagogischen Zwecks, der die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich anerkannten Meistererzählungen ihrer eigenen Zeit erschwert. Im epochalen Paradigma der "Aufarbeitung" hat die Zusammenführung von politisch-kulturellen und wissenschaftlichen Standards der Auseinandersetzung mit der heillosen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts breite Anerkennung erfahren, während die Risiken dieser liaison dangereuse von Geschichtspolitik, Zeitzeugenkultur und Wissenschaft bislang nur in Ausnahmefällen ins Bewusstsein treten.[15]

Selbst die gesetzliche Kriminalisierung der Auschwitzlüge oder der Leugnung des Genozids an der armenischen Bevölkerung macht wie jede andere gesellschaftliche Kodifizierung historischer Erkenntnisse Geschichte zum Instrument außerfachlicher Zwecke. Gesellschaftlich weithin anerkannt argumentieren Stimmen im Fachdiskurs, die der Erinnerung in der Figur des "moralischen Zeitzeugen" und seiner Authentizität einen von der Empirie gelösten Erkenntniswert zubilligen,[16] oder die Geschichtsschreibung zur Durchsetzung historischer Narrative auffordern.[17] Aber auch sie unterwerfen die Wissenschaft von der Geschichte einem außerwissenschaftlichen Zweck – sei er in der Geschichtskultur auch noch so akzeptiert. Gerade das unsere Gegenwartsepoche der Aufarbeitung prägende einvernehmliche Zusammenwirken von Geschichtspolitik, Gedenkkultur und Zeitgeschichte verstößt gegen den Grundsatz, dass nur und immer die Infragestellung des allgemein Anerkannten die Weiterentwicklung der Wissenschaft sichert.[18]

Dies führt zu dem gerade für die heutige Diktaturaufarbeitung so provokanten Satz Reinhart Kosellecks, dass Geschichte von den Siegern zwar erfolgreich gemacht, aber nicht erfolgreich geschrieben wird, und der geschichtliche Wandel im Gegenteil von den Besiegten zehrt, weil nur sie auf kritische Befragung statt auf bequeme Bestätigung des Status quo zielten.[19] Der gleiche Vorbehalt lässt sich gegenüber staatlichen oder privatwirtschaftlichen Forschungsaufträgen geltend machen, deren fachliche Einflussnahme weniger aus der regelmäßigen Identität von Auftragsvergabe und Quellenhoheit resultiert als aus der Festschreibung kulturell anerkannter Urteilskonventionen und Forschungswege: Nicht in ihrer gewollten inhaltlichen, sondern in ihrer ungewollten paradigmatischen Affirmation steckt das Kernproblem der Auftragsforschung.[20]

Gebrauch und Missbrauch



Doch auf der anderen Seite gilt ebenso, dass Geschichte, wo immer sie aus der akademischen Sphäre heraustritt, nie zweckfrei ist, sondern immer auch eine Indienstnahme bedeutet. "Histotainment" in den Massenmedien und in der historischen Eventkultur ist Teil unseres Alltags, und die Bewirtschaftung der Vergangenheit hat im Zuge des Geschichtsbooms neben der populären Geschichtsvermittlung längst Felder erobert, in denen es weniger um die Vergangenheit als vielmehr um die Zukunft geht. Geschichtsmarketing zählt zu den wichtigsten Maßnahmen der Kundenbindung, gleichviel ob es sich im augenzwinkernden "Retrostyle" von Kleinwagen in der Autoindustrie zeigt oder in der geschichtstouristischen Vermarktung von Altstädten und Gedenkorten, in der Nutzung historischer Ikonen für das product placement oder in der Schaffung von Herstellervertrauen durch Traditionsversicherung, die noch bis in die Werbung für das tägliche Morgenbrötchen reicht: "Heiß drauf. Seit 1887."[21] Mit der public history hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt auch in Deutschland ein historisches Arbeitsfeld etabliert, welches das so spannungs- wie ertragreiche Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft sowohl analytisch zu durchdringen wie praktisch zu gestalten sucht.

So führt die Frage nach Geschichte als Instrument notwendigerweise zu einem widersprüchlichen Befund. Nicht jeder Gebrauch der Geschichte ist zwingend Missbrauch; von Instrumentalisierung lässt sich sinnvollerweise nur dort sprechen, wo die fachliche Erschließung der Vergangenheit beabsichtigt oder unbeabsichtigt zur außerfachlichen Beglaubigungsinstanz wird. Empirische Verfälschung, normative Fesselung und teleologische Verzerrung sind Spielarten einer Indienstnahme der Historie, denen die Geschichtswissenschaft mit ihren reflexiven Kräften immer wieder kritisch zu begegnen hat und auch erfolgreich begegnen kann. Darüber hinaus aber den öffentlichen Gebrauch der Geschichte selbst als grundsätzlich illegitim und verfälschend zu verdammen, würde nicht nur die fachlichen Wirkungs- und Entwicklungschancen verschenken, die sich aus der Inanspruchnahme historischer Expertise im politischen und gesellschaftlichen Raum ergibt. Es würde am Ende die Historie von der immer wieder bedrohten und zu verteidigenden Zweck- und Bindungsfreiheit in die offenbare Sinnlosigkeit überführen.
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Autor: Martin Sabrow für bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Ulrich Heinemann, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik, Göttingen 1983, S. 95ff. Zum Charakter der sich zwischen "Wissenschaft und Leben" neu bildenden Zeitgeschichte bei der Durchsetzung einer "vaterländische(n) Lösung" im 1914 ausbrechenden "Kulturkrieg" vgl. Klaus Große Kracht, Kriegsschuldfrage und zeithistorische Forschung in Deutschland. Historiographische Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, in: Zeitgeschichte-online, Mai 2004, http://www.zeitgeschichte-online.de/themen/kriegsschuldfrage-und-zeithistorische-forschung-deutschland« (1.10.2013).
2.
Vgl. Matthias Beer, Im Spannungsfeld von Politik und Zeitgeschichte. Das Großforschungsprojekt "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 46 (1998) 3, S. 345–389, hier: S. 379, S. 383.
3.
Vgl. Ekkehard Klausa, Ungeteilte Ehre. Gedenkstätte Deutscher Widerstand darf nicht zwischen guten und bösen Gegnern Hitlers unterscheiden, in: Die Zeit vom 17.6.1994; Christian Böhme, Pieck und Ulbricht als Reizfiguren, in: Der Tagesspiegel vom 15.7.1998.
4.
Vgl. Philipp Lichterbeck/Kai Müller, Zankapfel Migration: Es gilt das gesprochene Wort. Wie die Behörde von Kulturstaatsminister Neumann Druck auf das Deutsche Historische Museum ausübt, in: Der Tagesspiegel vom 12.11.2009.
5.
Zit. nach: Martin Sabrow, Herr und Hanswurst. Das tragische Schicksal des Hofgelehrten Jacob Paul von Gundling, Stuttgart–München 2001, S. 189.
6.
Redaktionelle Vorbemerkung zu: Ernst Thälmann, Antwort auf Briefe eines Kerkergenossen in Bautzen, Januar 1944, in: Neues Deutschland (ND) vom 21.10.1950, S. 3. Wie um sich von einem heimlichen Verdacht zu reinigen, war dem abgedruckten Brief ein Faksimile beigegeben, dessen Korrespondenz mit dem Text als Authentizitätsbeweis sorgfältig bezeichnet wurde: "Obenstehendes Faksimile zeigt einen Ausschnitt aus dem Original des in unserer gestrigen und heutigen Ausgabe veröffentlichten Briefes von Ernst Thälmann. Dieser Abschnitt erschien auf der 4. Seite unserer gestrigen Ausgabe." ND vom 22.10.1950, S. 4. Was allerdings unter dem so beteuerten Respekt vor dem Original genau zu verstehen war, hatte Ulbricht der ND-Redaktion zuvor so mitgeteilt: "Die Stellen, die meiner Meinung nach ausgelassen werden sollten, habe ich rot angezeichnet." Zit. nach: Thilo Gabelmann (i.e. Egon Grübel), Thälmann ist niemals gefallen? Eine Legende stirbt, Berlin 1996, S. 186f. Zu den in der DDR ungedruckt gebliebenen Briefen Thälmanns an Stalin vgl. auch: Russel Lemmons, Rival. Ernst Thälmann in Myth and Memory, Lexington 2013, S. 71.
7.
Zit. nach: T. Gabelmann (Anm. 6), S. 209. Grübel selbst, der anfangs der 1980er Jahre eben diesen Vergleich im Zentralen Parteiarchiv der SED anstellen wollte, wurde nach eigenem Bekunden mitgeteilt, dass IML-Direktor Lothar Berthold zuverlässig vorgesorgt habe: "Solch einen Vergleich wird es niemals geben. Um das zu verhindern, hat Berthold ja die archivierten Briefe sperren lassen." Zit. nach: E. Grübel (Anm. 6), S. 122.
8.
Zit. nach: Joachim Petzold, Parteinahme wofür? DDR-Historiker im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft, Potsdam 2000, S. 320.
9.
Gerhard Ritter an Hermann Oncken, 24.9.1931, in: Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen, hrsg. v. Klaus Schwabe/Rolf Reichardt, Boppard 1984, S. 236f. Ritters harsches Urteil stand in Verbindung zu seinem ablehnenden Gutachten vom selben Tag über eine von Kehr als Bewerbungsarbeit für den preußischen Staatspreis eingereichte Habilitationsschrift über die Steinsche Reformpolitik, die Ritter als hasserfüllte Hetzschrift disqualifiziert hatte. Vgl. Gerhard Ritter an das Preußische Ministerium des Kultus und des Unterrichts, 24.9.1931, in: ebd., S. 237–241. Vgl. auch: Hans-Ulrich Wehler, Eckart Kehr, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Historiker. Bd. 1, Göttingen 1971, S. 100–113.
10.
Zit. nach: Zur Kontroverse über den Reichstagsbrand (Stellungnahme der IfZ-Leitung), in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 49 (2001) 3, S. 555.
11.
Beispielsweise unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung laut seinem aktuellen Rahmenprogramm "die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften darin, ihren Beitrag zum Verständnis der gesellschaftlichen Gegenwart in Europa und weltweit, zur Erschließung des kulturellen Erbes und zur Wertschätzung und Verwirklichung von Vielfalt und Zusammenhalt zu leisten", indem es eigene Forschungsvorhaben definiert: "Das kulturelle Erbe, das in Archiven und Sammlungen, Museen und Bibliotheken erhalten wird, soll durch Forschung besser erschlossen, verstanden, bewusst gemacht und präsent gehalten werden. Neben der langfristig angelegten institutionellen Förderung der Leibniz-Forschungsmuseen setzen wir in diesem Bereich neue Impulse durch gezielte Projektförderung". BMBF, Rahmenprogramm Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, o.D., http://www.bmbf.de/pubRD/Rahmenprogramm-Text_Dezember-final_%282%29.pdf« (1.10.2013).
12.
Der Wissenschaftsrat hatte das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA; heute Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) 2005 evaluiert und in seinem Bewertungsbericht festgestellt: "Die Leitung der Abteilung ‚Forschung‘ verfügt nicht über ein umfassendes Entscheidungsrecht in wissenschaftlichen Fragen, das die Entwicklung einer erkennbaren Forschungsperspektive für das MGFA sowie eine kohärente Themenstellung ermöglichen würde. Auch fehlen das Verfügungsrecht über das wissenschaftliche Personal sowie das Recht, dem BMVg vorzutragen. Die genannten Befugnisse liegen sämtlich beim militärischen Amtsleiter, der gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Beirat auch den Kontakt zum BMVg hält." Wissenschaftsrat, Stellungnahme zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA), Potsdam, 19.5.2005, http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7261-06.pdf« (1.10.2013).
13.
Vgl. Kim Christian Priemel, Gekaufte Geschichte. Der "Freundeskreis Albert Vögler", Gert von Klass und die Entwicklung der historischen Unternehmerforschung nach 1945, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte/Journal of Business History, 52 (2007) 2, S. 117–202; Cornelia Rauh, "Angewandte Geschichte" als Apologetik-Agentur? Wie Erlanger Forscher Unternehmensgeschichte kapitalisieren, 2011, http://www.hist.uni-hannover.de/fileadmin/historisches_seminar/lehrende/cornelia_rauh/Rauh_zu_Schoellgen__ZAG_in_ZUG_56.pdf« (1.10.2013).
14.
Vgl. Eckart Conze et al., Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010. Zur Rezeption der Studie vgl. Wolfgang Schultheiss, Zuspitzungen. Anmerkungen zu "Das Amt und die Vergangenheit", Berlin 2013; Martin Sabrow/Christian Mentel (Hrsg.), Das Amt und die Vergangenheit. Eine deutsche Debatte, Frankfurt/M. 2013 (i.E.).
15.
Ausnahmen bildeten etwa die öffentliche Rezeption der Voten der von der Politik eingesetzten Enquetekommissionen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte, die seit den 1990er Jahren bundes- und länderseitig eingesetzt wurden. Vgl. Klaus Härtung, Streit um die Geschichte. Die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beendet ihre Arbeit, in: Die Zeit vom 13.5.1994; Martin Sabrow et al. (Hrsg.), Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007; Gudrun Mallwitz, Aufarbeitung der SED-Diktatur: Eklat in Enquetekommission, in: Berliner Morgenpost vom 2.7.2011; Thomas Metzner, Gutachter: Regierung torpediert Enquetekommission, in: Der Tagespiegel vom 24.7.2011.
16.
"Der Historiker kann und darf sich über die persönlichen Erinnerungen nicht einfach hinwegsetzen, sonst verkommt (im Falle des Holocaust, Anm. MS) seine Darstellung zu einer Abstraktion, die vom damaligen Erleben ebenso abgeschnitten ist wie von der Chance des gegenwärtigen persönlichen Nachvollzugs." Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 50. "Auch wenn sich die Einzelheiten dieser Erinnerung (des moralischen Zeugen, Anm. MS) gelegentlich als faktisch inakkurat erweisen, stattet die Authentizität der biographischen Erfahrung und ihrer lebenslangen, oft traumatischen Wirkung den moralischen Zeugen mit einer ungefragten Autorität aus." Dies., Die Last der Vergangenheit, in: Zeithistorische Forschungen, 4 (2007) 3, S. 375–385.
17.
"Andererseits braucht man, um eine historische Großerzählung – einen Mythos, wie Herfried Münkler sagen würde – durchzusetzen, eine Botschaft, einen Ort, einen Zeitpunkt." Rainer Eckert, Diskussionsbeitrag, in: Katrin Hammerstein/Jan Scheunemann (Hrsg.), Die Musealisierung der DDR. Wege, Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung von Zeitgeschichte in stadt- und regionalgeschichtlichen Museen, Berlin 2012, S. 82.
18.
Zum Epochencharakter der Aufarbeitung vgl. Martin Sabrow, "Vergangenheitsaufarbeitung" als Epochenbegriff, in: Merkur, 67 (2013) 6, S. 494–505.
19.
Vgl. Reinhart Koselleck, Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-anthropologische Skizze, in: ders., Zeitschichten, Frankfurt/M. 2000, S. 27–77, hier: S. 67ff. Vgl. auch: A. Assmann, Schatten (Anm. 16), S. 69f.
20.
Vgl. Bernhard Schulz, Auf eingefahrenem Gleis. Wie die Auftragsforschung die Geschichtsschreibung beeinflusst, in: Der Tagesspiegel vom 16.1.2012.
21.
So der Werbespruch eines Backwarenunternehmens, vgl. http://www.backeria.de« (1.10.2013).

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Zur Person

Martin Sabrow

Dr. phil., geb. 1954; Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), Am Neuen Markt 1, 14467 Potsdam.
sekretariat@zzf-pdm.de


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