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10.4.2014

Editorial

Am 28. Juli 1914 endete eine über vierzigjährige Friedensphase in Westeuropa. Mit der Beistandsversicherung des Deutschen Kaiserreiches im Rücken ("Blankoscheck") erklärte Österreich-Ungarn genau einen Monat nach dem tödlichen Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand Serbien den Krieg. Die Eskalation dieses vermeintlich lokalen Konflikts löste eine fatale Kettenreaktion aus: Der Generalmobilmachung Russlands, das Serbien beisprang, folgte die Kriegserklärung Deutschlands, das – auf dem Weg zur Eroberung Frankreichs – mit der Besetzung Luxemburgs und Belgiens auch Großbritannien in den Konflikt zwang.

Für viele Zeitgenossen war die "Urkatastrophe" jedoch noch nicht absehbar, der Krieg gar willkommen. Selbst der als Pazifist bekannte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schrieb rückblickend: "Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich bekennen, daß in diesem ersten Aufbruch der Massen etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches lag, dem man sich schwer entziehen konnte. (…) Wie nie fühlten die Tausende und Hunderttausende Menschen, was sie besser im Frieden hätten fühlen sollen: daß sie zusammengehörten."

Statt des allgemein erwarteten kurzen Waffengangs folgte ein über vier Jahre dauernder, verlustreicher Weltkrieg, der bereits die Saat für den nächsten legte. Hundert Jahre nach seinem Beginn wird wieder darüber diskutiert, ob dieser erste "totale Krieg" nicht vermeidbar war und wer zu welchen Anteilen die Verantwortung trug. Umstritten ist unter anderem, ob durch die Betonung der Rolle der Kriegsgegner die hohe Verantwortlichkeit Deutschlands relativiert wird. Unstrittig ist hingegen, dass die Folgen des Krieges verheerend waren. Entsprechend ist der Erste Weltkrieg für viele Nationen weltweit ein wichtiger Referenzpunkt, dem in noch viel stärkerem Maße gedacht wird, als dies in Deutschland der Fall ist.

Johannes Piepenbrink

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