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Deutsche Soldaten und "Männlichkeit" im Ersten Weltkrieg

Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges gibt es noch viel über die komplexen sozialen und kulturellen Auswirkungen dieser Katastrophe zu erforschen. In den vergangenen Jahren haben Historikerinnen und Historiker ihre Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen des Krieges auf Ideale der Männlichkeit und Weiblichkeit gelenkt, ganz besonders darauf, wie gewöhnliche Männer und Frauen angesichts der traumatischen Gewalt ihre Rollen wahrnahmen und Gender (das soziale Geschlecht, im Gegensatz zum biologischen Geschlecht) definierten.[1]

Der Krieg provozierte eine Krise der Männlichkeit, da die Realität der entmenschlichenden, industrialisierten Gewalt in den Schützengräben die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vorstellungen des "heroischen", patriotischen Verteidigers der Nation infrage stellte.[2] Einerseits verstärkte der Krieg diese Ideale der Männlichkeit, denn viele Veteranen und zivile Autoritäten feierten eine militarisierte, martialische Männlichkeit und die Erfahrung der "Kameradschaft".[3] Die Propaganda im deutschen Kaiserreich förderte ein Bild des disziplinierten Kriegers mit Nerven aus Stahl, der in der Lage war, seine Emotionen und sein Verlangen zu beherrschen und gleichzeitig seine gesamte Energie in den Dienst fürs Vaterland zu stellen. Komplexere Interpretationen von Männlichkeit sowie die psychologischen und emotionalen Auswirkungen des Krieges werden in dieser Sicht jedoch stark vereinfacht.[4] Wie haben gewöhnliche Soldaten "Männlichkeit" definiert? Wie hat sich die traumatische Gewalt auf die Genderidentitäten und das sexuelle Verhalten von Männern ausgewirkt?

Das zentrale Argument dieses Artikels lautet, dass deutsche Soldaten im Bemühen, das Trauma des modernen Krieges zu überleben, die vorherrschenden männlichen Ideale aktiv verhandelten, bestätigten und unterliefen. Während manche Soldaten sich das martialische Bild der Männlichkeit zu eigen machten, experimentierten sie gleichzeitig mit Emotionen und Verhaltensweisen, die als Bedrohung des dominierenden Männlichkeitsideals wahrgenommen wurden. Dazu gehörten Wünsche nach Liebe und Intimität als Gegengewicht zur Gewalt des Krieges, das Experimentieren mit homosozialen und homosexuellen Verbindungen und die Übertretung von Gendernormen in Form von Crossdressing (hier: das von Tragen Frauenkleidern) und Fantasien, eine Frau zu sein. Viele Männer akzeptierten diese "abweichenden" oder "verweiblichten" Verhaltensweisen, zumindest in der temporären Welt der Front, oder erachteten sie sogar als notwendig, um die Massengewalt zu überleben. Gefühle von Liebe und Fürsorge integrierten sie in ihre Vorstellungen von Kameradschaft.[5]

Für Historiker ist die Rekonstruktion der Wahrnehmungen gewöhnlicher Soldaten von Männlichkeit eine Herausforderung. Es gibt jedoch eine Reihe Quellen, unter anderem Schützengrabenzeitungen, Briefe und Artikel von Veteranen in Zeitungen für homosexuelle Emanzipation, die einen kleinen Einblick in die komplexen Vorstellungen von Männlichkeit sowie die Auswirkungen der Fronterfahrungen auf verschiedene Gruppen erlauben. Diese Quellen lassen erkennen, dass der Krieg unterschiedliche Interpretationen des männlichen Ideals hervorbrachte und eine breite Palette an Formen von Lust, Liebe und Sexualität prägte. In der Tat war im 19. und 20. Jahrhundert der Krieg die "Schule der Männlichkeit", wie Historiker festgestellt haben, aber es wurde dort Unterschiedliches gelehrt.[6]

Bild des Kriegers und psychische Traumata



Die dominanten männlichen Ideale legten besonderen Wert auf Härte und die Beherrschung der eigenen Emotionen, und deutsche Militärführer wie zivile Organisationen versuchten, das Bild des heterosexuellen und selbstaufopfernden Kriegers zu stärken, der sich voll und ganz auf die Verteidigung der Nation konzentriert. Dieses Bild des harten Frontsoldaten wurde in den populären Medien allgegenwärtig, und es war ein Grundpfeiler der Nachkriegsmythen vom rauen "Neuen Mann", den die Schrecken des Krieges hervorgebracht hätten.[7] Im Deutschen Reich wurden junge Männer indoktriniert, "verweiblichte" Emotionen wie Liebe und Mitgefühl unter Kontrolle zu halten, während sie sich als Krieger für das Vaterland opferten.[8] Ärzte, Lehrer und Politiker unterstützten diese Vorstellung von "Männlichkeit", die als Gegensatz zu "degenerierten" Gruppen definiert wurde, unter anderem zu sexuell freizügigen Männern, Homosexuellen und anderen "Abweichlern", die, so wurde argumentiert, zu hedonistisch und zu sehr mit sich selbst beschäftigt seien, um sich der Nation zu widmen.[9]

Die Belastungen des Krieges und die Trennung von der Heimat stellten dieses idealisierte Bild des Mannes infrage. Die Historikerin Dagmar Herzog weist darauf hin, dass Soldaten "konsensuale Freuden (erlebten), die durch die Anonymität und die Massenmobilität in Zeiten des Krieges ermöglicht wurden", und dass der totale Krieg Männern die Möglichkeit eröffnete, sexuelle Lüste außerhalb traditioneller sozialer Strukturen und "Überwachungsmechanismen" zu erkunden.[10] Aus Sicht der Armee bestand die ernsthafteste soziale und sexuelle Gefahr, welche durch die Verderbtheit des Krieges drohte, in der epidemischen Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Die von Militär und zivilen Behörden verbreitete Propaganda feierte das Bild des sexuell keuschen, der daheimgebliebenen Frau treuen Soldaten. Gleichzeitig aber steuerte die Armee sorgsam ein System von Bordellen hinter den Frontlinien, um das Problem Millionen sexuell frustrierter Männer zu bewältigen.[11] In einem Brief vom März 1915 an den Staatssekretär des Innenministeriums äußerte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg seine Sorge über die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten an der Front und forderte eine energische Intervention seitens des Staates und der Armee, und zwar mittels sexueller Aufklärung, Verteilung von Kondomen und medizinischer Kontrollen von Prostituierten.[12]

Die Rationierung von Sex durch das Militär zog den Zorn christlicher Tugendwächter an der Heimatfront auf sich, wo Koalitionen von Führungspersönlichkeiten aus Religion, Wirtschaft und Politik warnten, dass nationale Degeneration drohe, falls Männer weiterhin ihrem Stress mit freizügigem Sex abhelfen.[13] Dr. Aufhauser, Geistlicher und Mitglied einer christlichen Vereinigung zur Förderung der Sittlichkeit, argumentierte in der "Allgemeinen Rundschau", dass sexuelle Abstinenz die Pflicht aller Soldaten sein solle. Männer an der Front, so seine Argumentation, seien Helden, wenn sie sich selbst beherrschten und "rein und makellos" blieben, nur ihren Familien und der Nation zugeeignet. Er forderte die Schließung der vom Militär betriebenen Bordelle und regte an, sie durch christliche Lesekreise und Limonade zu ersetzen.[14]

Der Stress des modernen Krieges führte bei vielen Männern zum psychologischen Kollaps. Mentale Traumata wie der "Granatenschock" (shell shock) markierten den Zusammenbruch des männlichen Ideals der Selbstbeherrschung. Visionen von "heroischen Opfern" und abgehärteten, spirituell gestärkten Kriegern wurden bald durch die brutale Realität des Schützengrabenkrieges verdrängt. Überleben unter tagelangem Granatfeuer, bei lebendigem Leibe begraben und Zeuge der entsetzlichen, von Maschinengewehren und Sprengstoffen erzeugten Gewalt zu werden, erzeugte eine quasi jenseitige Atmosphäre an der Front. Symptome psychologischen Zusammenbruchs brachen aus in Form von Tics und Zittern, Lähmungen, unkontrollierbarem Schütteln und Albträumen.

Die Medizinhistorikerin Elaine Showalter hat in ihrer Analyse der berühmten Fälle der britischen Offiziere Siegfried Sassoon und Wilfred Owen gezeigt, dass für Männer, die aufgrund ihrer Sozialisation gelernt hatten, ihre emotionale Verletzlichkeit unter Stress zu beherrschen, der "Granatenschock" die einzige Möglichkeit war, einer nicht auszuhaltenden Realität zu entrinnen. Showalter macht mindestens zwei Hauptmuster emotionaler Reaktionen auf psychischen Stress ausfindig: der Ausbruch heftiger Liebesgefühle für andere Männer sowie, am häufigsten, "Ängste hinsichtlich der Männlichkeit", die schließlich zum Zusammenbruch führten: "Wenn es essenziell zur Männlichkeit gehörte, sich nicht zu beklagen, so war shell shock die Körpersprache des männlichen Klagens, ein getarnter männlicher Protest, nicht nur gegen den Krieg, sondern gegen die Auffassung von Männlichkeit selbst."[15]

In Deutschland wurden die physischen Symptome des mentalen Traumas "Kriegsneurose" oder "Kriegshysterie" genannt, was die vorherrschende medizinische Wahrnehmung dieser Männer als verweiblichte "Hysteriker" widerspiegelte, weil sie angesichts der äußersten Prüfung der Männlichkeit zusammengebrochen waren. Ärzte standen unter Druck, das in ihren Augen epidemische Problem der "hysterischen Männer" in den Griff zu bekommen, denn bis Kriegsende war bei mehr als 600.000 Männern in den regulären und Reservestreitkräften eine ganze Reihe verschiedener Nervenleiden diagnostiziert worden.[16] Ziel der Behandlung war, die Männlichkeit wiederherzustellen. Psychiater prophezeiten, dass Männer ohne Disziplin und Furcht vor Bestrafung in die "Rentenneurose", also einen Zyklus der Abhängigkeit von Sozialleistungen, fallen und ihre traditionell männlichen Rollen als Arbeiter und Soldaten aufgeben würden.[17] Männer, die unter unzähligen Symptomen traumatischer Neurosen litten, widersprachen den Ärzten scharf und konstruierten ihre eigenen Theorien zu den Ursachen und der Bedeutung der "Kriegshysterie". Sie argumentierten, dass es sich bei den Ärzten um die wahren Hysteriker handele, weil sie den Krieg unterstützten, während normale Männer unter der Belastung zusammenbrächen.[18]


Intimität, Sexualverhalten und Krise der Männlichkeit



Die psychische Belastung, welcher die Männer in den Schützengräben ausgesetzt waren, führte trotz aller entgegengesetzten Bemühungen zu einer wachsenden Kluft zwischen Kampf- und Heimatfront. Männer neigten in ihren Briefen nach Hause dazu, die vorherrschenden Männlichkeitsideale zu verstärken. Sie wandten sich oft mit der Bitte um emotionale Unterstützung an ihre Frauen. Ihre Briefe zeigen, dass sie von einer strikten Dichotomie ausgingen: auf der einen Seite ein Gefühl der martialischen Männlichkeit, die selbstlose Aufopferung ans Vaterland bedeutete, und auf der anderen die loyale Frau, die ihre Hingabe an die Nation durch Unterstützung ihres Mannes, des Soldaten, zum Ausdruck brachte. Gleichzeitig nahmen die Männer den Frauen übel, dass sie die entsetzlichen Realitäten des Krieges nicht nachempfinden konnten.

So schrieb zum Beispiel der Leutnant der Reserve Otto L. an seine Frau: "Ich bin stolz Berbel, mit kämpfen zu dürfen in diesem Kampf für meine Heimat und kann natürlich von Dir nicht verlangen, dass Du dieselben Gefühle für Deutschland hast, aber das gibt sich alles mit der Zeit. O Berbel, wenn ich an die Schrecken dieses Krieges denke und an das Elend in den französischen Gegenden, so muss ich oft denken wie gut Ihr es dort habt."[19] Für ihn sei es natürlicher, "Gefühle für Deutschland" zu haben, behauptete er mit einem Anflug von Herablassung, während die Frauen in den Genuss der Annehmlichkeiten der Heimatfront kämen. Von seiner Frau erwartete er bedingungslose Unterstützung und dass sie an ihn denke, wenn er in den Kampf ziehe. Wenn sie sich über Einsamkeit und finanzielle Probleme zu Hause beklagte, wurde er ungehalten und schalt sie, weil sie sich beschwere, während er mit der Belastung der Fronterfahrung fertig werden müsse.[20]

Viele Soldaten hatten Mühe, Angehörigen daheim ihre Gefühle mitzuteilen. In manchen Fällen glaubten sie, dass diese ihre traumatischen Erfahrungen nicht würdigten oder verstanden, insbesondere den emotionalen Schmerz des Verlusts von Kameraden. Die wachsende mentale Kluft ist auch in der folgenden Korrespondenz zwischen Leutnant Kurt K. und seiner Verlobten Lotte spürbar: Nach dem Tod mehrerer enger Freunde rang Kurt K. damit, seine männliche Selbstkontrolle aufrechtzuerhalten. Falls Lotte ihn für weich oder verweiblicht hielt, weil er zu viel über seine Gefühle schrieb, wäre ihm das peinlich gewesen. "Und nun liegen alle die, die damals sich mit mir freuten irgendwo in Frankreich und ich fühle mich so recht einsam (…) Halt mich nicht für weichlich. Aber denke einmal daran, wenn Dir plötzlich alle Deine Freundinnen, mit denen Du Freude und Leid geteilt, wegsterben würden, ob Dir dann nicht auch solche Gedanken kämen."[21] Da er zögerte, seinen männlichen Panzer abzulegen und derart heftige Empfindungen offen zu zeigen, bat er Lotte um ihr Verständnis. Er schrieb ihr, dass er die Worte nicht finden könne, um solchem Schmerz über "ein vernichtetes Menschenleben" Ausdruck zu verleihen. Zunehmend fühlte er sich von Lotte und vom Zuhause abgeschnitten. Er versuchte durchblicken zu lassen, was er durchlebte, aber drückte auch seine Frustration darüber aus, dass er ihr die Fronterfahrung nicht vermitteln konnte.[22]

Als Reaktion auf die physische Entbehrung und die psychische Belastung suchten Männer nach Intimität mit denjenigen, die ihre Erfahrung am besten nachempfinden konnten – mit anderen Männern. Auch die Frontzeitungen enthielten durchaus Bilder von Männern, die intime Gefühle und Liebe für Kameraden offen äußerten, und platzierten diese in einem humoristischen Zusammenhang, was den Soldaten ermöglichte, sich neue Arten von Verhalten und Geschlechterrollen in einem unterhaltsamen Kontext vorzustellen – und zwar gefahrlos und nicht auf sich selbst bezogen. Weibliche Verhaltensweisen, unter anderem Fürsorge und emotionale Unterstützung, wurde zum integralen Teil der Vorstellungen gewöhnlicher Soldaten von Kameradschaft, wobei martialische Männlichkeit und weibliche Emotionen sich vermischten, um Männern beim Überleben zu helfen. Der soldatische Humor legt eine weitere Ebene der Überschreitung von Gendernormen nahe, darunter etwa das Verlangen, das weibliche Geschlecht nachzuahmen. Manche Männer wähnten sich in emotionaler Hinsicht gar als Frauen, wobei sie weibliche Eigenschaften bisweilen derart stark annahmen, dass sie fantasierten, keine Männer mehr zu sein.

Die Brutalität des Krieges brachte manche Männer dazu, sich von dem, was sie für angeborene männliche Eigenschaften hielten, abgestoßen zu fühlen, und sie beneideten die weicheren, friedfertigeren Eigenschaften des Femininen. Die Fantasie des Gendercrossing ist etwa in dem Gedicht "Wir armen Männer!" zu finden, das 1918 in der Zeitschrift "Der Flieger" erschien. Indem er sich vorstellt, eine Frau zu sein, entkommt der Autor, ein Unteroffizier Nitsche, den Schützengräben psychologisch: "Wir armen, armen Männer/Sind gar so übel dran;/Ich wollt’, ich wär ein Mädchen/Ich wollt’, ich wär kein Mann!" Nitsche fantasiert, dass er sich in eine Frau verwandelt: "Wär ich geschmückt mit Löckchen,/mit Strümpfen à la jour/Und träge einen Leutnant/Tanzt’ ich ’ne Extratour." Er stellt sich vor, Arm in Arm mit seinem Leutnant zu spazieren, träumt davon, wunderbare Mahlzeiten zuzubereiten, sich anmutig zu bewegen und beendet das Gedicht mit: "Ich könnte lange küssen/De janze Kompanie./Un’ würde doch nischt erben,/Wat duftet aus de Pfann’/Hach, wär ick doch en Mädchen, Warum bin ick ’n Mann!"[23] Das Gedicht spiegelt somit letztlich die humorvolle männliche Fantasie wider, als Frau, die für die Soldaten sorgt und ihr Verlangen nach Liebe und Trost stillt, ein besserer Kamerad sein zu können.

Homosexualität an der Front



Viele der emotionalen Bindungen zwischen Männern waren wohl temporäre Reaktionen auf die Kriegsbelastungen, konnten sich heterosexuelle Männer beim Experimentieren mit homosozialen Bindungen doch sicher fühlen. Gleichzeitig gab die Akzeptanz dieser Bindungen denjenigen Männern, die sich als homosexuell identifizierten, ein Gefühl der Sicherheit und auch des Selbstvertrauens, ihre Liebe zu Männern in den Schützengräben offen zu bekunden. Der Krieg schuf ein Umfeld, in dem Homosexuelle Männlichkeit und ihren Status in der Gesellschaft definierten.

Wie andere Minderheiten in Deutschland sahen homosexuelle Männer den Militärdienst als Möglichkeit, ihren Patriotismus und ihre Integration in das soziale Gefüge zu beweisen. Eine der ersten und größten Organisationen der Welt für Homosexuellenrechte, das 1897 gegründete Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), spielte bei der Bewertung der Erfahrungen schwuler Männer in der Armee eine wichtige Rolle.[24] Magnus Hirschfeld, Mitgründer der WhK und international anerkannter Sexologe, argumentierte, dass Homosexuelle ein natürliches, essenziell verweiblichtes "drittes Geschlecht" bilden, und forderte die Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Der Militarisierung stand er zwar kritisch gegenüber, aber er sah im Krieg die Möglichkeit, Wissenschaftler und Aktivisten dafür zu mobilisieren, die im weiteren Sinne sexuellen Auswirkungen dieser gewaltigen Umwälzung zu untersuchen. So sammelte das WhK Briefe von Soldaten über ihre Kriegserfahrungen und ihr Sexualverhalten. Aus ihrem Inhalt zog Hirschfeld den Schluss, dass der Krieg Umstände der physischen und psychischen Entbehrung geschaffen hatte, die Männer dazu brachte, mit ihrer Sexualität zu experimentieren. Unter diesen Umständen und in Ermangelung weiblicher Sexualpartnerinnen hätten auch ansonsten heterosexuelle Männer gleichgeschlechtlichen Sex gesucht – was Hirschfeld "Pseudo-Homosexualität" nannte. Gleichzeitig unterstrich er, dass die Front es homosexuellen Männern ermöglichte, andere homosexuelle Männer in einem Umfeld zu finden, das gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen toleranter war als die Vorkriegs- oder die Mainstreamkultur.[25]

Kameradschaft wies Hirschfeld zufolge mehrere Dimensionen emotionaler Intimität zwischen Männern auf. Er differenzierte drei Formen "intimer Kameradschaft": bewusst erotische, unbewusst erotische sowie Bindungen zwischen Männern, die unerotisch blieben.[26] Hirschfeld dokumentierte zahlreiche Erzählungen von Männern, die ihre Liebe zu anderen Männern entdeckten. Diese Beziehungen wurden häufig von ihren heterosexuellen Kameraden als natürliche Beispiele der Zärtlichkeit und Liebe zwischen Männern im Gefecht toleriert. Obwohl er davon überzeugt war, dass homosexuelle Männer sich leicht an ihre "kameradschaftlichen" Rollen im Krieg anpassen konnten, wies er auch auf zahlreiche Berichte von Soldaten hin, die seine Theorie, dass Homosexuelle essenziell weiblich waren, zu bestätigen schienen. Zwar habe es tatsächlich Männer mit homoerotischen Neigungen gegeben, denen es leicht fiel, sich der militaristischen Kultur des Krieges anzupassen, aber in Fällen von "femininen Urningen" (beziehungsweise dem "dritten Geschlecht") würden sie vom Krieg abgestoßen und die fürsorgende Arbeit der Pflege der Verwundeten und andere "weibliche" Tätigkeiten bevorzugen.[27]


Homosexualität an der Heimatfront



Abseits der Front wurden homosexuelle Männer während des Krieges vielfach als Bedrohung der Männlichkeit und Feinde der Nation angegriffen. Journalisten brachten Vorstellungen schwuler Männer als sexuell freizügige, primitive Wesen in Umlauf, die ansonsten sittliche heterosexuelle Frontsoldaten korrumpierten. In seinem Pamphlet "Geschlechtliche Grausamkeiten liebestoller Menschen" lamentierte der konservative Journalist Herbert Adolf Preiss, dass der Krieg scheinbar normale sowie wesenhaft "entartete" Männer dazu brachte, sich der Homosexualität und anderer "abweichender" sexueller Praktiken zu bedienen, um die Belastungen des Krieges zu bewältigen. "Entartete" sexuelle Praktiken, so behauptete er, trügen zur Schwächung der Armee bei.[28]

Homosexuelle Veteranen kämpften gegen Anschuldigungen, "Feinde der Nation" zu sein, und sie charakterisierten homosexuelle Männer als verantwortungsbewusste Mitglieder der Frontgemeinschaft, die aufgrund ihrer Kriegserfahrung einen Anspruch hatten, anerkannte Mitglieder der nationalen Gemeinschaft zu sein. Außerdem wiesen schwule Veteranen auf die Kriegserfahrung als Beleg dafür hin, dass sie nicht "verweiblichte" Männer seien, sondern vielmehr kampfgestählte Frontsoldaten, und dass sie abgesehen von ihrer sexuellen Anziehung zu anderen Männern dem hegemonialen Männlichkeitsideal, das Männer als patriotische Soldaten feierte, entsprächen.[29]

Bei Hirschfelds Bewegung für Homosexuellenrechte handelte es sich nur um einen Strang der Schwulenbewegung in Deutschland, die noch vor dem Krieg in verschiedene Organisationen mit unterschiedlichen politischen Ideologien und Vorstellungen zur Natur der Homosexualität zersplittert war. Im Gegensatz zu Hirschfelds WhK feierte der Querdenker und Nationalist Adolf Brand, der 1903 die Gemeinschaft der Eigenen (GdE) gründete, die Tugenden des Militarismus und das Ideal des Kriegers. Homosexuelle Männer, so argumentierte Brand, waren kein "verweiblichtes" drittes Geschlecht, wie Hirschfeld behauptete, sondern vielmehr eine Elite spirituell höherstehender, hypermaskuliner Individuen, die das Rückgrat der Nation bildeten. Brand nahm den Weltkrieg als Ort wahr, an dem schwule Männer die Herrlichkeit des antiken Sparta wiederaufleben lassen konnten, und seine Gefolgsmänner in der GdE zogen den Krieg heran, um ein Bild schwuler Männer als maskuline Krieger zu feiern. Die Anführer der GdE sprachen sich gegen die politische und wirtschaftliche Emanzipation von Frauen aus und hielten – anders als Hirschfeld – die Frauenbewegung für eine Belastung der Freiheit und Unabhängigkeit von Männern. Den GdE-Aktivisten zufolge hatten Männer ihren höheren Status in der Gesellschaft durch ihren Kriegseinsatz für die Nation verdient, im Gegensatz zu Frauen, die zu Hause in relativer Sicherheit geblieben waren.[30]

Einige homosexuelle Männer betonten, dass sie nicht nur hinsichtlich ihrer patriotischen Hingabe ans Vaterland mit Heterosexuellen vergleichbar seien, sondern auch bezüglich ihrer Hingabe an ein hypermaskulines Kriegerideal. In seinem Artikel "Manneswürde" in "Die Freundschaft", einer der bekanntesten Zeitungen für Homosexuellenrechte, stellte ein Autor, der sich als "Kurt" ausgab, Homosexuelle 1920 als kriegsgestählte Veteranen dar. Er stellte "verweiblichte" Männer als schädlich für die Bewegung für Homosexuellenrechte dar und verhöhnte diejenigen, die sich als Frauen kleideten, als unbrauchbar im neuen Kampf: "Männer brauchen wir, ganze Männer. Weibliche Männer taugen nicht zu Kampf und Streit."[31] Ähnlich den Hetero-Männern, die den Frauen übel nahmen, daheim ein vermeintlich bequemes Leben geführt zu haben, während sie selbst an der Front litten, hegten homosexuelle Überlebende Ressentiments gegen "verweiblichte" Homosexuelle, weil sie mit sich selbst beschäftigt seien und keine Empathie für die "richtigen Männer", die Entbehrungen erlitten hätten, zeigten. Kurt zufolge blieb der homosexuelle Krieger dem Mainstream-Ideal eines "männlichen" und patriotischen Verteidigers der Nation mit Nerven aus Stahl treu.

Fazit



Die Kriegserfahrung hat traditionelle, militarisierte Ideale der Männlichkeit sowohl bestärkt als auch eingerissen. Das Trauma des Krieges brachte Männer dazu, verschiedene Gefühle und Verhaltensweisen, die mit den vorherrschenden sozialen Normen nicht im Einklang waren, infrage zu stellen und mit ihnen zu experimentieren. Mit Idealen des sexuell enthaltsamen, emotional disziplinierten Kriegers begannen manche Männer, das "von oben" verordnete Männlichkeitsbild zu verspotten, und sie fantasierten von der Überschreitung von Gendernormen, um den Strapazen der militarisierten Männlichkeit zu entkommen. Traditionelle Genderparadigmen gerieten weiter unter Druck, weil Männer Ressentiments gegen das angeblich bequeme Leben der Frauen an der Heimatfront pflegten. Auf ihrer Suche nach emotionalen Verbindungen mit Menschen, welche die Fronterfahrung verstanden, beteuerten manche Männer die Liebe für ihre Kameraden aus Verlangen oder Not und charakterisierten diese Verbindungen als natürlich und vollkommen konsistent mit dem Ideal, "gute Kameraden" zu sein.

Was die Kriegserfahrung auslöste, scheint eine interessante Umkehrung männlicher Ideale zu sein: Während heterosexuelle Männer mit "weiblichen" Eigenschaften experimentierten, um die Brutalität der Schützengräben zu überleben, entdeckten homosexuelle Männer ihre "männlichere" Seite als Folge der Fronterfahrung. Im Umfeld der Kameradschaft, zu der emotionale Verbindungen zwischen Männern gehörten, war es homosexuellen Männern möglich, ihre Liebe als im militärischen Umfeld annehmbar oder sogar ideal zu definieren. Manche homosexuelle Veteranen machten sich das hypermaskuline Bild des Kriegers zu eigen, und sie idealisierten ihre Form der Liebe und Sexualität als für die emotionale Belastung des modernen Krieges perfekt geeignet. Indem homosexuelle Veteranen ihre Erfahrung als Soldaten dazu nutzten, für die Integration Homosexueller in die nationale Gemeinschaft zu argumentieren, stärkten sie offensiv das hegemoniale Bild des disziplinierten, hypermaskulinen Kriegerideals.

Obgleich die homosexuelle Community in den 1920er Jahren ihre Argumentation dafür entwickelte, dass die Kriegserfahrung aus Homosexuellen "richtige Männer" gemacht habe, wurden sie dennoch als Feinde der Nation wahrgenommen, was sich in der vom nationalsozialistischen Regime nach 1933 entfesselten Gewalt gegen homosexuelle Männer bewahrheitete. Der Erste Weltkrieg hat männliche Ideale destabilisiert. Als die Nationalsozialisten Vorbereitungen für einen weiteren Krieg trafen, der die von ihnen als "Feinde der Nation" definierten Menschen vernichten sollte, versuchten sie ebenfalls, ein Bild der hypermaskulinen, militarisierten "Kameradschaft" wiederherzustellen, das "verweiblichte" Männer aus der "Volksgemeinschaft" ausgrenzte.
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Autor: Jason Crouthamel für bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. zum Beispiel Christa Hämmerle/Oswald Überegger/Birgitta Bader-Zaar (Hrsg.), Gender and the First World War, New York 2014.
2.
Vgl. Ute Frevert, Gesellschaft und Militär im 19. und 20. Jahrhundert: Sozial-, kultur- und geschlechtergeschichtliche Annäherungen, in: dies. (Hrsg.), Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997, S. 7–16; Thomas Kühne, Männergeschichte als Geschlechtergeschichte, in: ders. (Hrsg.), Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne, Frankfurt/M. 1996, S. 7–30, hier: S. 16–20; siehe zum Vergleich auch Joanna Bourke, Dismembering the Male: Men’s Bodies, Britain and the Great War, Chicago 1996.
3.
Zur Bedeutung von "Kameradschaft" und martialischer Männlichkeit in der deutschen Kultur vgl. Thomas Kühne, Kameradschaft: Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006. Zu Mythen der Zwischenkriegszeit bezüglich der Kriegserfahrung und ihrer Bedeutung vgl. George L. Mosse, Fallen Soldiers: Reshaping the Memory of the World War, Oxford 1990.
4.
Vgl. Monika Szcepaniak, Militärische Männlichkeiten in Deutschland und Österreich im Umfeld des Großen Krieges, Würzburg 2011, S. 10.
5.
Vgl. T. Kühne (Anm. 2).
6.
Vgl. Karen Hagemann, Of "Manly Valor" and "German Honor": Nation, War and Masculinity in the Age of the Prussian Uprising against Napoleon, in: Central European History, 30 (1997) 2, S. 187–220.
7.
Vgl. Bernd Hüppauf, Langemarck, Verdun and the Myth of the New Man in Germany after the First World War, in: War and Society, 6 (1988) 2, S. 70–103.
8.
Vgl. Ute Frevert, A Nation in Barracks, Oxford 2004, S. 183.
9.
Vgl. George L. Mosse, The Image of Man, Oxford 1996, S. 79f., S. 110f.
10.
Vgl. Dagmar Herzog, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Brutality and Desire: War and Sexuality in Europe’s Twentieth Century, New York 2009, S. 5.
11.
Vgl. Elisabeth Domansky, Militarization and Reproduction in World War I Germany, in: Geoff Eley (Hrsg.), Society, Culture and the State in Germany 1870–1930, Ann Arbor 1996, S. 427–430.
12.
Vgl. Reichskanzler Bethmann Hollweg an den Staatssekretär des Innern, 13.3.1915, Nr. 68, Reichsministerium des Innern (RdI) R1501/111868, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAB).
13.
Vgl. Edward R. Dickinson, The Men’s Christian Morality Movement in Germany, 1880–1914, in: Journal of Modern History, 75 (2003) 1, S. 61f.
14.
Vgl. Dr. Aufhauser, Das sexuelle Problem beim Feldheer, in: Allgemeine Rundschau vom 13.2.1915, RdI R1501/111868, BAB.
15.
Elaine Showalter, Rivers and Sassoon: The Inscription of Male Gender Anxieties, in: Margaret Randolph Higonnet et al. (Hrsg.), Behind the Lines – Gender and the Two World Wars, New Haven 1987, S. 64.
16.
Vgl. Doris Kaufmann, Science as Cultural Practice in the First World War and Weimar Germany, in: Journal of Contemporary History, 34 (1999) 1, S. 125–144.
17.
Vgl. Paul Lerner, Hysterical Men: War, Psychiatry and the Politics of Trauma in Germany, 1890–1930, Ithaca 2003, Kap. 3 und 4.
18.
Vgl. Jason Crouthamel, The Great War and German Memory: Society, Politics and Psychological Trauma, 1914–1945, Exeter 2009, Kap. 2.
19.
Brief von Otto L. an Berbel L., 15.11.1914, M660/147, Nr. 1–5 Nachlass Ltn der Reserve Otto L., Hauptstaatsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart.
20.
Brief von Otto L. an Berbel L., 20.1.1915, ebd.
21.
Brief von Kurt K. an Lotte F., 25.5.1915, Kriegsbriefe 353, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv, München.
22.
Brief von Kurt K. an Lotte F., 26.6.1915, ebd.
23.
Untffz. Nitsche, "Wir armen Männer!", in: Der Flieger vom 23.6.1918, PHD 18/6, Bundesarchiv – Militärarchiv, Freiburg/Br. Nitsche parodiert in seinem Gedicht das Lied "Wir armen, armen Mädchen" aus der komischen Oper "Der Waffenschmied" von Albert Lortzing (1846) – mein Dank für diesen Hinweis gilt Sandra H. Lustig.
24.
Vgl. James Steakley, The Homosexual Emancipation Movement in Germany, Salem 1975, S. 62.
25.
Vgl. Magnus Hirschfeld, Sittengeschichte des Weltkrieges, Bd. I, Leipzig 1930, S. 274.
26.
Vgl. ebd., S. 288.
27.
Vgl. ebd., S. 296f.
28.
Herbert Adolf Preiss, Geschlechtliche Grausamkeiten liebestoller Menschen, Frankfurt/M. 1921, S. 6.
29.
Vgl. B. Eden, Wogegen kämpfen wir?, in: Die Freundschaft, 3 (1921) 13, S. 2, Archiv des Schwulen Museums Berlin.
30.
Vgl. Edwin Bab, Frauenbewegung und männliche Kultur, in: Der Eigene (1903); Adolf Brand, Was wir wollen (1920); beide auch in: Harry Oosterhuis/Hubert Kennedy (Hrsg.), Homosexuality and Male Bonding in Pre-Nazi Germany, New York 1992, S. 135–144, S. 155–166.
31.
Kurt, "Manneswürde", in: Die Freundschaft, 2 (1920) 16, S. 1, Archiv des Schwulen Museums Berlin.

Jason Crouthamel

Zur Person

Jason Crouthamel

Ph. D., geb. 1970; Associate Professor für Geschichte am Department of History, Grand Valley State University, 1 Campus Drive, 49401 Allendale, MI 49401/USA. crouthaj@gvsu.edu


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