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3.6.2014

Editorial

Das historische Jahr 1989 beginnt in Polen: Trotz Kriegsrechts und des Verbots der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność muss sich die kommunistische Staatspartei dem Druck der Streikbewegung beugen. Am 6. Februar nimmt sie am "Runden Tisch" Gespräche mit der Opposition auf, nach zwei Monaten ist der Weg frei für die erste nichtkommunistische Regierung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. In Ungarn, wo bereits seit 1987 unabhängige Parteien zugelassen sind, tritt im April das Politbüro geschlossen zurück. In der DDR decken Bürgerrechtler nach der Kommunalwahl am 7. Mai massive Fälschungen des offiziellen Wahlergebnisses auf. Wenig später beginnt die Öffnung des Eisernen Vorhangs an der ungarisch-österreichischen Grenze. Die heute als "singende", "friedliche" und "samtene" Revolutionen bekannten Umbrüche nehmen ihren Lauf.

So löst sich vor 25 Jahren die nach Kriegsende entstandene bipolare Weltordnung weitgehend friedlich auf. Dem Ende der kommunistischen Parteidiktaturen im östlichen Teil Europas folgt ein euphorischer Aufbruch der ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten zu Demokratie, Marktwirtschaft und europäischer Integration. Von 1989 als dem "Jahr der Wunder" (Timothy Garton Ash) ist damals die Rede, ja gar vom "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama).

Deutschland steht mit der Friedlichen Revolution in der DDR, dem Fall der Berliner Mauer und seiner Wiedervereinigung ein knappes Jahr später an zentraler Stelle dieser Erzählung des Epochenjahres 1989. Doch gibt es auch Entwicklungen und Ereignisse, die dem gängigen Narrativ vom "Aufbruch ’89" widersprechen – man blicke nur auf den Balkan, wo der langwierige und blutige Zerfallsprozess Jugoslawiens begann; nach China, wo die politische Führung mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die demokratische Reformbewegung im Land brutal niederschlug; oder nach Afghanistan, wo nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer ein Bürgerkrieg begann, der in die Schreckensherrschaft der Taliban mündete.

Anne-Sophie Friedel

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