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6.10.2014

Das Exil in der Gegenwartsliteratur

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilliteratur?"[1] Auf diese grundlegende Frage sucht die Exilliteraturforschung derzeit neue Antworten zu geben. Traditionell werden im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff Exilliteratur solche Texte verstanden, die von den aus Nazideutschland exilierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern in den Jahren 1933 bis 1945 verfasst wurden. Ob diese historische Eingrenzung und das damit verbundene Verständnis von Exil als "abgeschlossener Epoche" aus heutiger Perspektive noch überzeugend erscheint, wird von neueren Forschungsansätzen zunehmend bezweifelt. Eine räumliche und zeitliche Ausweitung des Exilbegriffs erscheint dabei in mehrfacher Hinsicht angebracht.[2]

Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Auseinandersetzung mit Phänomenen von Vertreibung und Entwurzelung nichts an Aktualität verloren. So legt die Literatur der Gegenwart eindrucksvoll Zeugnis davon ab, wie nachhaltig weltweite Flucht- und Migrationsbewegungen unsere heutige Lebensrealität beeinflussen. Dass die heutigen Diskussionen über Begriffe wie Heimat, Zugehörigkeit und kulturelle Identität von der Literatur des historischen Exils auf bemerkenswert aktuelle Weise vorausgedacht werden, ist dabei lange Zeit kaum beachtet worden. Seit den Anfängen der Exilliteraturforschung in den 1970er Jahren wurde die Auseinandersetzung mit dem Exil der Jahre 1933 bis 1945 vor allem von der Vorstellung bestimmt, bei den von den Nationalsozialisten ins Exil getriebenen Autorinnen und Autoren habe es sich um die Bewahrer und rechtmäßigen Erben der "eigentlichen" deutschen Kultur gehandelt, kurz: um die Repräsentanten eines "anderen Deutschlands".[3]

Zu einem Perspektivwechsel hat seit Ende der 1990er Jahre vor allem die Akkulturationstheorie entscheidend beigetragen. Mit dem Begriff der Akkulturation, der die soziale, kulturelle und literarische Integration in das Aufnahmeland bezeichnet, ergaben sich für die Beschäftigung mit der Exilliteratur neue Fragestellungen. Anstatt die Exilerfahrung weiter vorrangig unter dem Aspekt des Heimatverlusts zu untersuchen, wächst seither das Interesse an der "Erfahrung und literarische(n) Verarbeitung der Fremde" und der "Ausbildung interkultureller Identitäten".[4] Diese Akzentverschiebung eröffnet dabei auch die "Chance der Rückkopplung an gegenwärtige Prozesse der Globalisierung und Migration und hiermit auch an die heutige Migrationsforschung".[5]

Dass sich "die Gegenwart in dem historischen Exil erkennt, in neuerlichen Annäherungen sich auch Aufschluss über die eigene Zeit verspricht",[6] darauf deutet auch die regelrechte Konjunktur hin, die das Thema derzeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erlebt. Ob Michael Lentz’ "Pazifik Exil" (2007), Klaus Modicks "Sunset" (2011) oder auch Volker Weidermanns "Ostende" (2014): In den vergangenen Jahren ist eine beachtliche Anzahl von Romanen erschienen, die sich auf unterschiedliche Weise mit den Persönlichkeiten und Schauplätzen des Exils 1933 bis 1945 befassen. Die Forderung nach einer Erweiterung des Exilbegriffs zielt dabei nicht nur darauf ab, dem literarischen Nachleben des historischen Exils größere Bedeutung beizumessen. Sie regt auch dazu an, solche Texte in Überlegungen einzubeziehen, die verschiedene nationale, religiöse und politische Erfahrungen von Exil und Entortung mit globalen Migrationsbewegungen und Prozessen digitaler Vernetzung zusammenbringen. Fragen kultureller Identität verbinden sich in diesem Zusammenhang häufig, wie etwa in Olga Grjasnowas "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (2012) oder auch Irena Brežnás "Die undankbare Fremde" (2012), mit Überlegungen zu Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit. Auf vielfältige Weise schreiben die Exilerzählungen der Gegenwart die kritischen Auseinandersetzungen mit nationalen Identitäts- und Gemeinschaftsmodellen fort, die bereits in den Texten des historischen Exils angelegt sind.

Neue Akzente im Hinblick auf eine Aktualisierung des Exilbegriffs werden auch dadurch gesetzt, dass die Bundesrepublik Deutschland seit 1945 selbst zu einem Exilland für zahlreiche verfolgte Autorinnen und Autoren geworden ist. Viele von ihnen, wie etwa der als Kind vor dem Bosnienkrieg geflohene Saša Stanišić oder der aus dem Irak stammende Abbas Khider, wechselten die Sprache und schreiben ihre Texte inzwischen auf Deutsch. Vor allem Khider fordert dabei immer wieder – etwa indem er seinem Roman "Die Orangen des Präsidenten" (2011) ein Gedicht von Hilde Domin als Motto voranstellt – ausdrücklich dazu heraus, seine Geschichten von Flucht und Vertreibung in Bezug zu der Exilerfahrung 1933 bis 1945 zu setzen.

Mit Romanen von Michael Lentz, Klaus Modick, Olga Grjasnowa, Irena Brežná, Saša Stanišić und Abbas Khider sollen im Folgenden die vielfältigen Facetten nachgezeichnet werden, in denen sich das Exil in der Gegenwartsliteratur präsentiert.[7] Aufmerksamkeit gilt dabei insbesondere den Verbindungslinien, über die in unterschiedlichen historischen Exilzusammenhängen entstandene Texte in einen Dialog miteinander gebracht werden können.[8]

Literarische Retrospektiven: Geschichten des Exils 1933 bis 1945



In einer Reihe von Episoden, in denen sich Erfundenes mit historischen Dokumenten und literarischen Zeugnissen vermischt, sucht Michael Lentz in seinem Roman "Pazifik Exil" (2007) aus wechselnder Perspektive den Alltag in der Exilkolonie Pacific Palisades nachzuzeichnen. Dialogszenen und fiktive innere Monologe geben dabei Einblick in die Sorgen und Nöte, die die Exilierten – darunter etwa Thomas und Heinrich Mann, Lion und Marta Feuchtwanger, Bertolt Brecht und Arnold Schönberg – im kalifornischen Exil umtreiben. Die Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung und die Orientierungslosigkeit in der neuen Umgebung spielen dabei ebenso eine Rolle wie Streitereien innerhalb der Exilgemeinschaft.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Geschichte von Arnold Schönberg und seinem Sessel ein. Ein Stück "Heimat" repräsentiert das aus Berlin mitgebrachte Möbelstück nicht nur für seinen Besitzer, auch Thomas Mann ist überzeugt: "Mit diesem Sessel bin ich gar nicht weg von Deutschland, kaum sitze ich in diesem Sessel, bin ich wieder zu Hause." Schönberg erklärt sich bereit, sein Lieblingsstück an Mann zu verleihen, doch als er den Sessel zurückerhält, scheint etwas damit nicht mehr zu stimmen. Schönberg glaubt, ein Loch im Polster zu spüren, das es ihm unmöglich macht, weiter in dem "Herrschaftssessel" zu sitzen. Im Motiv des Sessels laufen dabei die zentralen Konflikte zusammen, die bestimmend für den gesamten Roman sind. So beginnt Schönberg im Verlauf eines inneren Streitgesprächs mit Thomas Mann nicht nur über Bewältigungsstrategien des Heimatverlustes nachzudenken, sondern thematisiert auch, wie das Selbstverständnis der Exilierten im Exil in die Krise gerät. "Wo ich bin, ist Deutschland", hatte Thomas Mann bei seiner Ankunft in New York betont und damit seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, rechtmäßiger Repräsentant der deutschen Kultur zu sein. Doch genau diese Vorstellung wird von Schönberg, der schmerzhaft erfahren muss, dass sich für seine deutsche Tradition in Amerika kaum jemand interessiert, zunehmend bezweifelt: "Nicht wo ich bin, ist Deutschland. Wo ich bin, ist Exil!" Bertolt Brecht hingegen meint: "Wo ich bin, ist kein Thomas Mann." Indem Lentz seine Figuren das berühmte Zitat mehrfach wiederholen und parodieren lässt, schreibt er gezielt gegen den Mythos vom exilierten Schriftsteller als Repräsentant der deutschen "Kulturnation" an.[9] Aus der Perspektive der Gegenwart verhandelt der Roman nicht nur den gravierenden Einschnitt, den das Exil 1933 bis 1945 für das künstlerische Selbstverständnis der Vertriebenen bedeutete. Indem er den im Exil vollzogenen Bruch mit der "deutschen Hochkultur" zum zentralen Thema erhebt, regt Lentz auch dazu an, darüber nachzudenken, wie sich dieser auf unser heutiges Verständnis von Literatur beziehungsweise Literaturgeschichtsschreibung auswirkt.

Auch Klaus Modick wendet sich in seinem Roman "Sunset" (2011) der Exilgemeinde in Südkalifornien zu. Die Handlung setzt an jenem Morgen 1956 ein, an dem Lion Feuchtwanger die Nachricht vom Tod Bertolt Brechts erhält. Während Feuchtwanger durch die Zimmer seines weitläufigen Hauses, der berühmten Villa Aurora, streift, ruft er sich noch einmal die Stationen ihrer Freundschaft ins Gedächtnis. Zeichnet sich "Pazifik Exil" mit zahlreichen Perspektivwechseln durch seine Vielstimmigkeit aus, präsentiert sich Modicks Feuchtwanger-Roman als einsame Zwiesprache. Gezwungenermaßen, denn: "Die Freunde und Gefährten des Exils sind längst nach Europa zurückgekehrt. (…) Oder gestorben."

So wirkt auch Feuchtwangers prächtige Villa, die in der Vergangenheit ein "Zufluchtsort für viele" war, inzwischen verlassen. Und doch kommt dem Haus gerade angesichts der Abwesenheit seiner ehemaligen Gäste eine besondere Bedeutung zu. Mit der umfangreichen Bibliothek Feuchtwangers ist es inzwischen eine "Arche für Bücher" geworden. Das Büchersammeln ist dabei mehr als eine persönliche Leidenschaft. "Es ist eine Sucht, gewiss, aber ist es nicht auch die Rettung des Menschheitsgedächtnisses? All die verwaisten Bände, die heimatlos durch die Welt treiben. Wer, wenn nicht er, soll sie retten, ihnen Zuflucht und Asyl gewähren?" Modick zeichnet damit ein Bild von Feuchtwanger, das ihn nicht nur als letzten Vertreter des kalifornischen Schriftstellerexils zeigt, sondern auch als Verwalter eines kulturellen Erbes. Wem aber wird diese Aufgabe nach ihm zukommen? Dass es auch um die Gesundheit des 72-Jährigen nicht zum Besten steht, wird bereits zu Beginn des Romans deutlich. Längst steht dabei für Feuchtwanger fest: "Auch ihn wird man unter Palmen begraben. Als Staatenlosen. Ohne Staatsakt." Eine Rückkehr nach Europa ist für den "jüdische(n) Autor, der deutsch schreibt und kosmopolitisch denkt" ausgeschlossen. Ein Zuhause findet Feuchtwanger in der Literatur, die nicht an Ländergrenzen gebunden ist. "Heimat und Unterschlupf" bietet ihm das Schreiben, Zuflucht findet er in der "Exterritorialität des weißen Papiers". Die Villa Aurora hingegen ist und bleibt fest an ihren Standort gebunden. Feuchtwangers "Arche des Exils" kann weder schwimmen noch auf anderem Wege den Ozean überqueren und so ankert sie auch nach dem Tod des Schriftstellers weiter im kalifornischen Exil.

Indem Modick das Medium der Literatur einerseits als transnational und kosmopolitisch beschreibt, zugleich aber auch an einer spezifischen Stätte des historischen Exils verortet, verweist er indirekt auch auf die Notwendigkeit, Gedächtnisorte zu schaffen, an denen die Erinnerung an das Exil dauerhaft und generationenübergreifend gebunden werden kann. Damit lässt sich "Sunset" auch in Verbindung setzen zu Herta Müllers Forderung nach einem "Museum des Exils". Die Nobelpreisträgerin rief 2011 öffentlich dazu auf, in Deutschland "einen Ort möglich zu machen, in dem an die Erfahrungen des Exils, an die erste Vertreibung, würdig gedacht werden kann. Einen Ort, der auch Verbindungen knüpfen kann an die Erfahrungen des Exils nach dem Krieg, an die aus der DDR und anderen osteuropäischen Diktaturen vertriebenen Künstler."[10]

Im Netz der Sprachen und Kulturen



In Olga Grjasnowas Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (2012) wird die traditionelle Definition von Heimat und Fremde als Gegensatzpaar immer wieder infrage gestellt. Dies geschieht einerseits, indem die Figuren – allen voran die Protagonistin Mascha Kogan – mehrere nationale, kulturelle und religiöse Bezugspunkte besitzen und sich gegen Festschreibungen wie die Deutsche, die Russin, der Moslem, der Migrant, die Jüdin, die Israelin zur Wehr setzen. Andererseits spielen Erinnerungen an die traumatische persönliche und nationale Geschichte eine wichtige Rolle. Der Roman verhandelt Erinnerung als Praxis, die Ländergrenzen überschreiten und Menschen verbinden kann, anstatt sie in Nationalismen voneinander zu trennen. In gleichem Maße bleiben jedoch auch Unterschiede bestehen: So lassen sich die Verlust- und Gewalterfahrungen, die die Biografien der Figuren prägen, bei Grjasnowa gerade nicht in Universalisierungen aufheben.

Anhand der jungen, international ausgebildeten und um die Welt reisenden Figuren wird hier ein Netzwerk gesponnen, das unterschiedlichste Exilerfahrungen miteinander verbindet: Mascha musste mit ihrer Familie vor dem ethnisch motivierten Bürgerkrieg in Aserbaidschan nach Deutschland fliehen, Sami vor dem Bürgerkrieg in Beirut. Während eines längeren Aufenthaltes in Israel begegnet Mascha Palästinensern, deren Geschichte von Gewalt geprägt ist, wie jene der Israelis auch. Mascha, die aus einer jüdischen Familie stammt, reflektiert Brüche und interne Differenzen in ihren Identitätsaushandlungen, anstatt diese auf einen "Anderen" projizieren zu müssen. Heimat wird hier zu einem Konzept, das, seiner Verklärung beraubt, vor allem sein Gewaltpotenzial offenlegt: "Wonach ich mich sehnte", so Mascha, "war ein vertrauter Ort. Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom." Auch Israel wird Mascha nicht zu einer Heimat. Sie macht keine Alija, unter der in Israel nicht eine Immigration, sondern die Rückkehr aus dem Exil in das Heilige Land verstanden wird. Ihr geht es nicht darum, anzukommen, sie reist nach Israel, um sich "verlieren und nie wieder aufsammeln" zu müssen. Grjasnowa verbindet in ihrem Roman die jüdische Exilerfahrung mit anderen Migrations- und Entortungserzählungen, beispielsweise von Menschen muslimischen Glaubens. Mascha, die als Dolmetscherin auch sprachliche Grenzen überwindet, legt dar, wie die Trennschärfe zwischen Heimat und Fremde, Eigenem und Anderem verblasst und das Exil auf verschiedene Konstellationen und Erfahrungen beziehbar wird.

Die Vertreibung aus der Heimat ist in den meisten Fällen auch mit der Notwendigkeit verbunden, sich in einer neuen Sprache einzuleben. Diese Herausforderung, mit der insbesondere exilierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu kämpfen haben, stellte bereits in Texten des Exils 1933 bis 1945 ein wichtiges Thema dar. Den Fragen, was im Exil mit der Muttersprache geschieht und ob der Wechsel in eine andere Sprache gelingen kann, geht auch der Roman "Die undankbare Fremde" (2012) von Irena Brežná nach. Für die namenlose Ich-Erzählerin, die aus einer nicht näher bezeichneten Diktatur in die Schweiz geflohen ist, wird Sprache zu einem Faktor, der im Exil über die erfolgreiche kulturelle und gesellschaftliche Beteiligung entscheidet. Es geht dabei, in den Worten der Erzählerin, um das "Überleben als sprachliches Wesen". In zwei Handlungssträngen, einerseits der Schilderung des prozesshaften Einlebens in der Schweiz, anderseits der späteren Tätigkeit der Erzählerin als Dolmetscherin, wird insbesondere auf die Ausgrenzungsmechanismen einer Sprachgemeinschaft Bezug genommen.

So beginnt das Exil der Erzählerin mit einem sprachlichen Gewaltakt. Die für die Schrift der Muttersprache charakteristischen Akzente, die "Flügel und Dächlein" werden ihrem Namen von einem Grenzbeamten genommen. "Er strich auch meine runde, weibliche Endung, gab mir den Familiennamen des Vaters und des Bruders. Diese (…) ließen meine Verstümmelung geschehen." Mit viel Ironie wendet sich Brežnás Erzählerin im Folgenden den Redewendungen und Floskeln der Schweizer, ihren kulturellen Codes und Gesten zu. Dabei führt der Roman vor, wie sprachliche Ausdrucksformen die Gemeinschaft konstituieren und sie nach außen hin abschotten. Schweizer Dialekte bleiben der Erzählerin lange Zeit unzugänglich wie abgelegene Bergtäler. Der Problematik des Sprachwechsels im Exil begegnet die Protagonistin mit kreativen Wortspielen und einem Gespür für sprachliche Besonderheiten, wodurch der Roman immer wieder das Augenmerk auf die Möglichkeit lenkt, im Exil keinen "Sprachtod" zu erleiden, sondern mit der Zeit zu einer neuen Sprache und Strategien der Verständigung zu finden. Es zeigt sich schließlich ein Weg in die Gemeinschaft anderer Exilierter auf. Über die geteilte Erfahrung der Fremde kann eine Vorstellung von Kultur gelebt werden, die durch Vernetzung und Offenheit gekennzeichnet ist: "Dort, wo (…) Gemeinschaften den bunten Überwurf weiterspinnen, flechte ich meine Fäden hinein." Kultur und Sprache werden durchlässig, zugleich stark und schützend wie ein Gewebe. "Ein neues Kleid würde ich mir zusammenschneidern, ein nie da gewesenes. Noch wusste ich nicht, (…) dass Kulturen farbige Stoffe sind, verhandelbar, dass ich auch Händlerin werden würde (…). Dort, irgendwo zwischen den Welten, ist ein Platz für mich. Er wurde nicht für mich reserviert, ich habe ihn mir errungen." Das Thema des Textilen verweist auf den Stoff als Erzählstoff, auf den literarischen Text selbst. Fremdheit und Vielfalt werden zu einem wichtigen Merkmal der Kultur, die als Patchwork-Kleid gedacht wird. "Die undankbare Fremde" verhandelt somit über das Thema Sprache auch das Potenzial von Kreativität im Exil und von der literarischen Sprache als Überlebensstrategie in der Fremde.

Fluchtgeschichten: Schreiben im Exil



Besonderen Einfluss auf gegenwärtige Auseinandersetzungen mit Flucht und Vertreibung übt der Zusammenbruch Jugoslawiens aus. So zählen die Bürgerkriege der 1990er Jahre inzwischen "zu den literarisch meistbearbeiteten Konflikten der Gegenwart".[11] Dem Zerfall des einstigen Vielvölkerstaats wendet sich in seinem Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" (2006) auch Saša Stanišić zu. Im Mittelpunkt steht hier der junge Ich-Erzähler Aleksandar Krsmanović, der aus kindlicher Perspektive davon berichtet, wie der Bosnienkrieg in seine Heimatstadt Višegrad einfällt. Aleksandar, Sohn eines serbischen Vaters und einer bosnischen Mutter, steht dabei buchstäblich zwischen den Fronten. Im Frühjahr 1992 flieht Aleksandar vor der eskalierenden Gewalt mit den Eltern nach Deutschland. Als der Krieg dreieinhalb Jahre später offiziell für beendet erklärt wird, zeigt er sich erleichtert, aber auch besorgt: "Es sieht so aus, als müssten wir zurück nach Bosnien. Ich möchte aber nicht in die Stadt zurück, aus der man alle vertrieben hat. Nicht zurückzuwollen ist die einzige Sache, in der meine Eltern und ich einer Meinung sind." Nur knapp war die Familie mit ihrer Flucht den ethnischen Säuberungen in ihrer früheren Heimatstadt entkommen. Um der von den deutschen Behörden verordneten "freiwillige(n) Rückkehr" an diesen Ort zu entgehen, entschließen sich die Eltern zur Emigration in die USA, während Aleksandar in Deutschland die Schule beendet.

Mit der Frage der Remigration greift der Roman ein Thema auf, das nach 1945 auch die aus Nazideutschland Exilierten vielfach beschäftigte. Auch hier schien ein "bruchloses Anknüpfen an das Verlassene und Verlorene (…) in den wenigsten Fällen denkbar".[12] So formulierte etwa Carl Zuckmayer: "Die Fahrt ins Exil ist ‚the journey of no return‘. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist."[13]

Auch Stanišićs Ich-Erzähler kommt es vor, als wäre ein Aleksandar in Višegrad geblieben, während ein anderer in Deutschland lebt. Die Erinnerung an sein früheres Leben verblasst, doch Aleksandar findet einen Weg, sich der "angefangenen und nicht zu Ende gebrachten" Version seiner selbst wieder zu nähern: Er beginnt zu schreiben. Aus der Situation des Exils heraus verfasst er fantastisch-skurrile Geschichten, in denen er das Jugoslawien seiner Kindheit wieder auferstehen lässt. Das in den Roman eingelassene "Als-alles-gut-war"-Buch präsentiert sich dabei als ein kreatives Spiel mit Erinnerung und Erfindung, über das sich Aleksandar eine Heimat erdichtet, die auf keiner Landkarte zu finden ist. Ohne die Schrecknisse des Krieges zu beschönigen, führt Stanišić so den kreativen Prozess einer Verwandlung von Heimatverlust in Literatur vor.

Mit gewaltsamer Vertreibung und der Bedeutung des Schreibens im Exil setzt sich ebenfalls der aus dem Irak geflohene Autor Abbas Khider auseinander. Auch bei den Protagonisten in Khiders Debütroman "Der falsche Inder" (2008) handelt es sich um Vertriebene. Am Berliner Bahnhof Zoo findet ein namenloser Erzähler in einem Zug ein auf Arabisch verfasstes Manuskript, das hier von einem unbekannten Autor zurückgelassen wurde. Es trägt den Titel "Erinnerungen" und stammt aus der Feder eines gewissen Rasul Hamid, der offenbar genau wie der Erzähler aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Über die lebensgefährliche Odyssee, die für beide Figuren nach Zwischenstationen in Libyen, Tschad, Tunesien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Türkei, Griechenland und Italien schließlich in Deutschland endet, heißt es: "Ich wechselte die Städte Asiens, Afrikas und Europas wie andere Leute ihre Hemden." Geldsorgen, kriminelle Schlepperbanden, Sprachbarrieren und politische Verfolgung durch Spitzel im Ausland bestimmen das Leben der Geflüchteten. Damit weisen sie auch Parallelen auf zu Texten des historischen Exils, in denen Verfolgte des Naziregimes und Staatenlose an verschiedenen Transitstationen in Europa den schwierigen Kampf um Ausweispapiere und Ausreisemöglichkeiten beschreiben.

Die Flüchtlingsproblematik verbindet sich bei Khider mit der zentralen Frage, wie von der Flucht Zeugnis abgelegt werden kann. Über das Manuskript – das von dem einen verfasst und von dem anderen gefunden, vielleicht sogar weiter bearbeitet wird – überblendet der Roman die Schicksale der beiden Erzähler. Mit dem literarischen Verfahren der Spiegelung wird dadurch zugleich die Exilerzählung von ihrer Gebundenheit an den einzelnen Verfasser und dessen Autorität gelöst. Die Geschichte des Exils, die selbst auf Reisen geht, ist also nicht mehr an ein individuelles Schicksal – oder aber an die Biografie des Autors – gekoppelt.

Neue Lesarten des Exils



Die hier vorgestellten Exilerzählungen der Gegenwart sind in ihren Auseinandersetzungen mit Heimat, Gemeinschaft und Sprache ebenso vielseitig, wie die unterschiedlichen Exilsituationen, auf die sie sich beziehen. Was sie verbindet, ist die tief greifende Skepsis gegenüber dem Konzept der Nationalkultur, das heute kaum noch in der Lage erscheint, die Vielfalt der transkulturellen und transnationalen Lebensentwürfe des 21. Jahrhunderts angemessen zu erfassen. Mit ihren individuellen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung machen sie zugleich eindrücklich auf die gewaltsamen Ausschlussmechanismen aufmerksam, die mit nationalen Gemeinschafts- und Identitätskonzepten unweigerlich verknüpft sind.

"Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilliteratur?" Eine Antwort auf diese eingangs gestellte Frage ist – anknüpfend an die vorausgegangenen Überlegungen – möglicherweise auch in Doron Rabinovicis Roman "Ohnehin" (2004) zu finden. Im Mittelpunkt stehen der Wiener Neurologe Stefan Sandtner und sein Patient Herbert Kerber, ein ehemaliger SS-Mann, der inzwischen an Alzheimer leidet. Bei seinen Hausbesuchen wird Sandtner in einen Streit zwischen Kerbers Kindern verwickelt. Soll dem Vater das Vergessen gegönnt werden, wie der Sohn meint? Oder soll der Vater, wie die Tochter fordert, zur Erinnerung gezwungen werden? Welche moralische Verpflichtung resultiert für die Nachkommen aus den Verbrechen des Vaters? Während sich Sandtner ganz auf die Familie Kerber und ihre Konflikte konzentriert, bemerkt er nicht, dass seine Freundin Flora dringend seine Hilfe benötigt. Die aus Ex-Jugoslawien stammende Filmemacherin steht wegen ihrer ablaufenden Papiere kurz vor der Ausweisung, auch ihr Freund Goran ist von Abschiebung bedroht. Als Sandtner den Ernst der Lage endlich begreift, ist es bereits zu spät.

Indem er Fragen der Erinnerung und Aufarbeitung mit hochaktuellen Debatten um Asyl und Aufenthaltsrecht verschränkt, plädiert Rabinovici ausdrücklich dafür, die historischen und gegenwärtigen Konstellationen, die zu Verfolgung und Vertreibung geführt haben, nicht weiterhin isoliert voneinander zu betrachten. Einer Exilliteraturforschung, die ihren Blick in diesem Sinne über das Exil 1933 bis 1945 hinaus für gegenwärtige Exilerzählungen zu öffnen sucht, geht es dabei keinesfalls um ein Überschreiben der historischen Exilerfahrung. Indem sie die überzeitlichen Verbindungslinien zwischen verschiedenen Exilsituationen betont und so das historische Exil als Vorgeschichte heutiger Konflikte und Entortungserfahrungen lesbar zu machen sucht, trägt sie vielmehr entscheidend dazu bei, das Gedenken an die vor den Nationalsozialisten geflohenen Autorinnen und Autoren auch für kommende Generationen wach und lebendig zu halten.
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Autoren: Sandra Narloch, Sonja Dickow für bpb.de
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Fußnoten

1.
Guy Stern, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilliteratur?, in: ders., Literarische Kultur im Exil. Gesammelte Beiträge zur Exilforschung. 1989–1997, Dresden–München 1998, S. 12–23.
2.
Richtungsweisende Impulse lieferte hier die von der Hamburger Universität und der Goethe Universität Frankfurt am Main im Oktober 2011 ausgerichtete Tagung zum Thema Literatur und Exil und der daraus hervorgegangene gleichnamige Sammelband (hrsg. von Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein, Berlin–Boston 2013).
3.
Vgl. Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein, Vom anderen Deutschland zur Transnationalität. Diskurse des Nationalen in Exilliteratur und Exilforschung, in: Exilforschung, Ein internationales Jahrbuch, Bd. 30: Exilforschungen im historischen Prozess, München 2012, S. 242–273.
4.
Sabine Becker, Transnational, interkulturell und interdisziplinär. Das Akkulturationsparadigma der Exilforschung, in: D. Bischoff/S. Komfort-Hein (Anm. 2), S. 49–69, hier: S. 50.
5.
Ebd.
6.
Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein, Einleitung: Literatur und Exil, in: dies. (Anm. 2), S. 1–19, hier: S. 7.
7.
Maßgeblich beeinflusst wurden diese Überlegungen von den Forschungsschwerpunkten und Veranstaltungen der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg. Die Exile der Gegenwart wurden hier erstmals ausführlicher thematisiert in dem Newsletter exilograph 21/2013, http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/34117« (2.9.2014).
8.
Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch das jüngst erschienene Handbuch der Deutschsprachigen Exilliteratur (hrsg. v. Bettina Bannasch/Gerhild Rochus, Berlin 2013), das in seinen Textanalysen einen weiten Bogen von Heinrich Heine bis Herta Müller spannt.
9.
Vgl. Katharina Gerstenberger, Culture and Nation: Michael Lentz’s Pazifik Exil, Günther Grass’s Das Treffen in Telgte, and Christoph Ransmayr’s Die letzte Welt, in: Gegenwartsliteratur, 9 (2010), S. 243–262, hier: S. 257.
10.
Herta Müller, Menschen fallen aus Deutschland. Brief der Nobelpreisträgerin Herta Müller an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.6.2011, S. 39.
11.
Sigrid Löffler, Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler, München 2014, S. 301.
12.
D. Bischoff/S. Komfort-Hein (Anm. 6), S. 2.
13.
Carl Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir, Frankfurt/M. 1967, S. 461.

Sandra Narloch, Sonja Dickow

Zur Person

Sandra Narloch

M.A., geb. 1983; wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Germanistik an der Universität Hamburg; Mitglied des Teams der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg, Von-Melle-Park 3, 20146 Hamburg. sandra.narloch@uni-hamburg.de


Zur Person

Sonja Dickow

M.A., geb. 1986; Stipendiatin des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, Doktorandin am Institut für Germanistik an der Universität Hamburg und Mitglied der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur (s.o.). sonja.dickow@gmx.de


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