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5.11.2014

Saudi-Arabiens Arbeitsmarkt: Sozioökonomische Herausforderungen und steigender Reformdruck

Mit dem Beginn der Erdölproduktion vor über 75 Jahren und den damit einhergehenden Exporteinnahmen erfuhren die einstigen Beduinen Zentralarabiens sowie die sesshaften Stämme im Süden und an den Küsten Saudi-Arabiens durch staatliche Wohlfahrtsleistungen einen sozioökonomischen Wandel, der soziale Strukturen radikal transformierte. Der saudische "Rentierstaat"[1] baute Institutionen auf, die die schnell wachsende Bevölkerung absorbierten. Ein nationales Bildungs- und Gesundheitssystem sowie eine landesweite Infrastruktur entstanden. Dazu bedurfte es auch Millionen meist männlicher ausländischer Arbeitsmigranten, die bis heute oft aus ärmeren Schichten der arabischen Nachbarländer und aus Südasien ins Königreich kommen, um auf Baustellen, in Einkaufszentren, Bildungseinrichtungen, dem Gesundheitswesen oder Privathaushalten zu arbeiten. Somit bilden diese seit Jahrzehnten das Rückgrat des wirtschaftlichen Aufschwungs in Saudi-Arabien.

Doch das System der Rentenökonomie gerät zusehends ins Wanken: Die Bevölkerung wächst seit Jahren, wodurch es dem Staat nicht mehr gelingt, genug Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor zu generieren. Auch drängen immer mehr saudische Absolventinnen und Absolventen von Schulen und Universitäten auf den Arbeitsmarkt, für die auch im Privatsektor keine adäquaten Stellen existieren, zumal private Unternehmen eher geringer verdienende Arbeitsmigranten beschäftigen als Einheimische. Dies führt zu steigender Arbeitslosigkeit, die längst ein kulturelles, wirtschaftliches und soziales Problem für die saudische Bevölkerung und das Königshaus darstellt. Bereits vor über 30 Jahren wurden erste Konzepte entwickelt, um mehr saudische Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren – bislang jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Dies erhöht den sozialen Druck auf die junge Generation, die zunehmend unter Perspektivlosigkeit leidet. Das saudische Königshaus muss also Lösungen anbieten, um nicht selbst in die Kritik zu geraten. Vor allem mit den gestiegenen Chancen für Frauen, sich beruflich zu engagieren, wächst die Herausforderung, einerseits die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen und andererseits die Zahl der Arbeitsmigranten zu verringern.

Gesellschaftliche Transformation



Als 1938 die kommerzielle Ausbeutung der Erdölvorkommen begann, startete der rapide Transformationsprozess der saudischen Gesellschaft. Vor der Unterzeichnung der Ölkonzessionen hatten sich nur etwa 50 nichtmuslimische Ausländer im Königreich aufgehalten. Nun strömten Tausende ins Land, um auf Ölfeldern und in Raffinerien zu arbeiten. Mit dem rasanten Anstieg der Ölproduktion und der Exporteinnahmen wuchs auch der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften, die nun in allen Bereichen der Verwaltung und der Industrie beschäftigt wurden.[2] Kamen zunächst vor allem ungelernte Arbeiter aus dem Jemen, dem Sudan und Somalia, rekrutierte das Königshaus in den 1950er und 1960er Jahren insbesondere Lehrer, Beamte, Ärzte, Ingenieure, Händler und Handwerker aus Ägypten, Syrien und dem Libanon. 1964 stammten 33 Prozent der städtischen Belegschaft aus dem Ausland, bis Anfang der 1970er Jahre waren es weit über 70 Prozent.[3]

Aufgrund des Ölembargos infolge des Jom-Kippur-Krieges 1973 erhöhten sich die Einnahmen aus den Ölexporten nochmals rasant, sodass weitere ausländische Arbeitskräfte benötigt wurden, um die massiven Investitionsprogramme des Staates zu realisieren. Allerdings nahm das Königshaus arabische Arbeitskräfte zunehmend als politische Bedrohung wahr. Die Strahlkraft des ägyptischen Panarabismus unter Gamal Abd al-Nasser und die Sympathie vieler Araberinnen und Araber für den Sozialismus stellten die Legitimität der Golfmonarchien zunehmend infrage. Daraufhin entschied das Königshaus, einen Großteil der arabischen Migranten auszuweisen. Stattdessen wurden Arbeitskräfte aus asiatischen Ländern wie Pakistan, Indien, Bangladesch, den Philippinen, Indonesien oder Sri Lanka rekrutiert, da sie politisch weitgehend inaktiv blieben, ihre Familien in der Heimat lassen mussten und weniger Lohn verlangten.[4] Heute stammen etwa 70 Prozent aller Arbeitsmigranten in Saudi-Arabien aus Asien.[5]

Mithilfe der Öleinnahmen wurde die einheimische Bevölkerung lange Zeit versorgt und alimentiert: Subventionen, kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung, eine berufliche Perspektive im öffentlichen Sektor und weit reichende Sozialdienstleistungen wurden zum politischen Mittel, die Legitimation der Königsfamilie zu sichern, Forderungen nach politischer Partizipation verstummen zu lassen und die Opposition zu kooptieren. Zugleich entwickelte sich in der saudischen Gesellschaft ein Anspruchsdenken in Bezug auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz in einer staatlichen Behörde mit familienfreundlichen Arbeitszeiten. Statt eine geringer entlohnte Stelle in der Privatwirtschaft oder im Niedriglohnsektor anzunehmen, entschieden sich immer mehr Saudis bewusst für die Arbeitslosigkeit, da der Staat sie auch ohne Beschäftigung versorgte. Diese "Mudir-Mentalität"[6] (arabisch für "Direktor", "Vorgesetzter") ließ den Bedarf an Arbeitsmigranten weiter steigen.

Mittlerweile gelingt es dem saudischen Königshaus jedoch nicht mehr, die jährlich 100000 Schulabgängerinnen und -abgänger sowie 40000 Universitätsabsolventen in den Arbeitsmarkt zu integrieren beziehungsweise zu alimentieren.[7] Denn zum einen streben viele junge Saudis weiterhin eine Tätigkeit im öffentlichen Sektor an. Zum anderen entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine Privatwirtschaft, in der allerdings nach wie vor meist ausländische Arbeitskräfte beschäftigt werden: Während im öffentlichen Dienst saudische Staatsangehörige 95 Prozent der Belegschaft stellen, liegt ihr Anteil im Privatsektor bei nur etwa 13 Prozent.[8] Private Arbeitgeber bemängeln vor allem die niedrige Arbeitsmotivation, die überhöhten Lohnvorstellungen und die mangelhafte Ausbildung saudischer Bewerberinnen und Bewerber und beschäftigen daher bevorzugt ausländische Arbeitskräfte. Diese sind meist um das Vierfache billiger als Einheimische, fordern weniger Urlaub und keine familienfreundlichen Arbeitszeiten. Zwar hat der saudische Staat in der Vergangenheit Milliardensummen in die Bildung investiert, das nationale Ausbildungsniveau überzeugt aber private, im internationalen Wettbewerb agierende Unternehmen meist nicht. Außerdem wurde verstärkt Wert auf die höhere akademische Ausbildung gelegt, sodass die eigentlichen Bedürfnisse der Wirtschaft nach Arbeitskräften im Niedriglohnsektor oder im Handwerk unerfüllt blieben.

Dies führt zu der paradoxen Situation, dass saudische Arbeitskräfte verstärkt mit realer Arbeitslosigkeit konfrontiert sind. 2013 lag die Arbeitslosigkeit offiziell bei 12,7 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit gar bei 29,2 Prozent.[9] Vor allem junge Erwerbssuchende müssen sich langsam von der traditionellen Mudir-Mentalität verabschieden, um ihre Lebensgrundlage sichern zu können. Dies wirkt sich auch auf die soziale Situation junger saudischer Männer aus: Viele finden keine Anstellung, was zum Verlust des gesellschaftlichen Respekts führt. In einer nach wie vor patriarchalen Gesellschaft wird von Ehemännern und Vätern erwartet, die Familie ernähren zu können. Dass immer mehr Männer diese ihnen traditionell zugewiesene Funktion nicht mehr ausüben können, führt zu Frustration, steigenden Selbstmordraten und Depressionen. Mittlerweile sind Drogensucht und Alkoholkonsum – sozial, religiös und rechtlich strikt verboten – zu ernsten Problemen geworden. Gleichzeitig wird vom Staat erwartet, dass Privatunternehmen saudische Arbeitskräfte besser versorgen und bezahlen, was bisher aber nicht realisiert wurde.

Darüber hinaus führt die demografische Entwicklung zu schwerwiegenden sozioökonomischen Problemen auf dem Arbeitsmarkt: Die saudische Gesellschaft ist eine der jüngsten der Welt. Zwar hat sich die Geburtenrate deutlich reduziert, dennoch liegt das Durchschnittsalter bei 25,3 Jahren.[10] Zwischen 1950 und 2013 wuchs die Bevölkerung von 3,2 Millionen auf knapp 28 Millionen,[11] von denen 32,4 Prozent ausländischer Herkunft sind.[12] Mit der steigenden Arbeitslosigkeit und der reduzierten Alimentierung durch den Rentierstaat vergrößerte sich auch das Wohlstandsgefälle innerhalb der saudischen Gesellschaft: Während Armut zu einem sozialen Problem geworden ist, konzentriert sich der Reichtum bei rund 120000 Millionären, die ein Gesamtvermögen von 400 Milliarden US-Dollar auf sich vereinigen[13] – ein Umstand, der den Ruf der wohlhabenden saudischen Gesamtbevölkerung als Mythos demaskiert. Stattdessen verteilt sich der Reichtum auf eine kleine Elite, die enge Verbindungen zur Königsfamilie unterhält oder selbst aus ihr stammt und Patronage- und Klientelnetzwerke aufgebaut hat, um ihren Lebensstandard zu konsolidieren oder auszubauen.


Frauen auf dem Arbeitsmarkt



Diese Herausforderungen beeinflussen auch das Geschlechterbild in der saudischen Gesellschaft. Übernahmen Frauen traditionell eine Funktion als Ehefrau und Mutter, "Hüterin von Hof und Heim" und moralische Bewahrerin der islamischen Grundwerte,[14] sind sie nun in vielen Berufen akzeptiert. Insgesamt stieg die Erwerbsquote von Frauen zwischen 1992 und 2013 von 5,6 auf 17,2 Prozent,[15] mittlerweile sind 55 Prozent der Universitätsabsolventen weiblich, allein 80000 saudische Frauen studieren im Ausland. Auch wenn Frauen von vielen Berufen ausgeschlossen bleiben, ist es politisch wichtiger geworden, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um die sozioökonomischen Probleme abzumildern. Dies erhöht jedoch auch den Druck auf die Regierung, da sie nicht nur neue Arbeitsplätze für Männer, sondern auch für Frauen schaffen muss – eine Herausforderung, die bisher nicht gemeistert werden konnte. Insbesondere seit dem "Arabischen Frühling" 2011 wird in Saudi-Arabien die Bedeutung saudischer Frauen für den Arbeitsmarkt kontrovers diskutiert. Hierbei stoßen Befürworterinnen und Befürworter einer besseren Arbeitsmarktintegration von Frauen auf die Gegenwehr konservativer Teile der Bevölkerung, und viele Frauen geraten in einen Generationenkonflikt mit ihren Eltern.[16]

In der Wirtschaft nimmt ihr Einfluss allerdings stetig zu: 2011 hatten 26000 Frauen verantwortliche Positionen in Betrieben inne, obwohl sie ohne die Zustimmung ihres Vormunds kein Geschäft eröffnen dürfen. Allein im Finanzsektor vervierfachte sich der Frauenanteil zwischen 2001 und 2011. Sie eröffnen Kunsthandlungen, Schönheitssalons, Boutiquen und Antiquariate. Seit Mai 2014 sind auch weibliche Angestellte in Schmuckläden, Elektronikgeschäften sowie in der Backwaren- und Schokoladenindustrie erlaubt, und in Zukunft dürfen nur noch Frauen in Dessous-, Frauenbekleidungs- und Kosmetikläden arbeiten.

Unter den 2014 vom "Forbes Magazine" gewählten 200 einflussreichsten arabischen Frauen finden sich 27 saudische. Frauen wie Lubna al-Ulayyan, eine der reichsten Unternehmerinnen Saudi-Arabiens, oder die Journalistin Somayya Jabarti, die im Februar 2014 zur ersten weiblichen Chefredakteurin der englischsprachigen Tageszeitung "Saudi Gazette" ernannt wurde, gelten vielen saudischen Frauen als Vorbild für beruflichen Erfolg. Gleichzeitig werden sie vom Regime als "Vorzeigefrauen" instrumentalisiert und zu Idolen einer "reformorientierten Frauenpolitik" stilisiert, obgleich im Alltag viele Frauen noch immer unter massiven Benachteiligungen wie dem vielfach debattierten Fahrverbot, der Abhängigkeit von männlichen Verwandten und der traditionellen Geschlechtertrennung zu leiden haben. Nur große Unternehmen können sich geschlechtergetrennte Abteilungen leisten, was viele Frauen vom Arbeitsmarkt ausschließt.

Lebenswelten von Arbeitsmigranten



Insbesondere vor dem Hintergrund der 2022 in Katar geplanten Fußballweltmeisterschaft und der im Zuge der Stadionerrichtungen bekannt gewordenen Arbeitsrechtsverletzungen auf diversen Baustellen findet eine kontroverse internationale Diskussion um die Behandlung von ausländischen Arbeitskräften in den Golfstaaten statt. Dies betrifft vor allem Saudi-Arabien. Auch dort müssen Arbeitsmigranten im Niedriglohnsektor oftmals unter menschenunwürdigen Verhältnissen arbeiten. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass häufig Löhne verzögert oder gar nicht gezahlt und keine freien Tage gewährt werden, die tägliche Arbeitszeit bis zu 15 Stunden betrage und die Unterbringung in nicht klimatisierten, viel zu engen Containern katastrophal sei. Besonders die Situation von Hausangestellten wird debattiert: Asiatische Dienstmädchen leiden häufig unter Misshandlungen und Vergewaltigungen, fehlendem Rechtsschutz, Ausbeutung und sozialer Unsicherheit. Es existieren Berichte über Säure- und Giftangriffe, Verbrühungen und erzwungenen Schlafentzug, sodass die Zustände für Hausangestellte in saudischen Privathaushalten mit moderner Sklaverei verglichen werden.[17]

Als Grundlage für die rechtliche und logistische Organisation der Arbeitsmigration dient das Kafala-System (arabisch für "Bürge"), in dem Rekrutierungsagenturen gegen Gebühren geeignete Migranten an saudische Arbeitgeber, die Bürgen, vermitteln. Hierbei schließt der Migrant in seinem Heimatland einen Vertrag mit einer Agentur, die in Kontakt mit saudischen Privatpersonen steht, die Bedarf an Angestellten angemeldet haben. Der vermittelte Migrant ist nach der Ankunft in Saudi-Arabien vollkommen abhängig von seinem Bürgen. Dieser ist befugt, den Reisepass einzubehalten und kann seinem ausländischen Angestellten verweigern, den Arbeitsplatz zu wechseln oder in seine Heimat auszureisen. Das Kafala-System führt mitunter zu struktureller Gewalt gegen Arbeitsmigranten, die vor allem in Privathaushalten der Willkür des Bürgen ausgesetzt sind, da hier keinerlei Rechtsschutz existiert. Auch auf die Unterstützung ihrer Heimatländer können sie selten hoffen, da diese meist wirtschaftlich von den Rücküberweisungen der Migranten abhängig sind und sich deswegen keine bilateralen Komplikationen mit Saudi-Arabien erlauben können.

Seit einigen Jahren wird zunehmend die Abschaffung oder die grundlegende Reform des Kafala-Systems diskutiert. Die feste Bindung an einen Bürgen verhindert einen flexiblen Arbeitsmarkt und damit auch einen Anstieg der Löhne im Privatsektor. Außerdem schadet die internationale Kritik an den Menschenrechtsverletzungen dem Streben des Königshauses, ein positives Image Saudi-Arabiens zu generieren. Mit der Zeit hat sich ein illegaler Vermittlungsmarkt entwickelt, auf dem saudische Agenturen Aufenthaltsgenehmigungen (iqama) für Migranten beantragen, diese jedoch an interessierte Arbeitgeber weiterreichen, sodass keine staatliche Kontrolle mehr gewährleistet werden kann. 2013 reagierte die Regierung auf diese Probleme mit der Einführung des Musaned-Programms, das den Schutz von Angestellten in Privathaushalten vorantreiben will, Anlaufstellen bieten und die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeiten sowie die Zahlung von Löhnen kontrollieren soll. Weiterhin wurden bilaterale Abkommen zwischen Saudi-Arabien und Indien, den Philippinen, Sri Lanka und Indonesien geschlossen, um Hausangestellte besser zu schützen.[18] Es bleibt abzuwarten, ob die angestrengten Reformen nachhaltige Änderungen mit sich bringen oder ob es sich nur um kosmetische Korrekturen handelt.

Weitere Kritik entzündete sich am kompromisslosen Vorgehen der saudischen Regierung gegen Migranten ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung, die unerlaubt ihren Bürgen verlassen haben oder nach der Pilgerfahrt im Land blieben. Um diesen Schwarzmarkt zu regulieren, erhielten illegale Migranten zwischen Mai und November 2013 die Gelegenheit, sich offiziell registrieren zu lassen. Nach Ablauf dieser "Schonfrist" hatten etwa fünf Millionen Migranten eine Lösung gefunden, sich legal im Land aufzuhalten, während etwa eine Million deportiert wurden. Insbesondere Unternehmensrazzien und das brutale Vorgehen saudischer Sicherheitskräfte gegen demonstrierende Migranten lösten eine hitzige Debatte vor allem in sozialen Medien aus. Als Konsequenz kam das wirtschaftliche Leben besonders auf Baustellen zeitweise zum Erliegen, da viele Betriebe ihre Mitarbeiter verloren hatten und selbst legale Migranten befürchteten, von den Sicherheitskräften inhaftiert oder abgeschoben zu werden.

Zugleich wurden Stimmen laut, die Arbeitsmigranten besser integrieren und ihnen gar die saudische Staatsangehörigkeit zugestehen wollen, was bislang nur in Ausnahmefällen möglich ist. Insbesondere Nichtregierungsorganisationen, Internetaktivistinnen und -aktivisten sowie Journalistinnen und Journalisten beeinflussen die kontroverse Debatte über den Umgang mit Ausländerinnen und Ausländern und fordern die traditionelle Dichotomie des "Wir" (die Einheimischen) gegen "die Anderen" (die Arbeitsmigranten) heraus. Auch seit Jahrzehnten in Saudi-Arabien lebende Migranten treten zunehmend für mehr Rechte und eine bessere Integration ein. Viele fühlen sich in Saudi-Arabien zu Hause, haben beruflichen Erfolg und finanziellen Wohlstand erlangt und sind sich ihrer Bedeutung für den Aufschwung ihres Gastlandes bewusst. Dies betonen sie mittlerweile auch öffentlich und tragen so zu einem vorsichtig pluralistischen Austausch über Arbeitsmigration bei. Zwar handelt es sich bei diesen Debatten keineswegs um einen gesellschaftlich breiten Diskurs, allerdings brechen sie Stereotype von Überfremdungsängsten, Xenophobie und Rassismus auf und bereichern die Diskussionskultur innerhalb Saudi-Arabiens.


Alter Wein in neuen Schläuchen?



Wie alle anderen Staaten des Golfkooperationsrates verfolgt auch Saudi-Arabien bereits seit Jahrzehnten eine "Nationalisierungspolitik" des Arbeitsmarktes. Diese "Saudisierung" (al-sa’wada) soll mehr Arbeitsplätze für saudische Staatsangehörige schaffen und die Dominanz von Arbeitsmigranten in der Wirtschaft reduzieren. Hierbei werden der Privatwirtschaft Anreize geboten, saudische Angestellte zu beschäftigen und deren Anteil auf bis zu 30 Prozent zu erhöhen. Das gestaltet sich jedoch kompliziert: Neben der saudischen Aversion gegenüber einer sozial wenig akzeptierten Anstellung im Privatsektor erschweren vor allem das niedrigere Lohnniveau und die längeren, familienunfreundlichen Arbeitszeiten eine höhere einheimische Erwerbsquote, sodass viele Unternehmen weiterhin eher Ausländer einstellen.

Die saudische Regierung versucht seit September 2011 verstärkt, dieser Situation Herr zu werden und setzt dafür auf Zuckerbrot und Peitsche: Im Nitaqat-Programm werden Unternehmen, die mehr Einheimische beschäftigen, mit finanziellen Erleichterungen belohnt, während ausländische Angestellte von Firmen, die die vorgegebenen Kriterien nicht erfüllen, zum Beispiel keine Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung gewährt bekommen. Außerdem wird eine jährliche Strafzahlung von 640 US-Dollar für jede ausländische Arbeitskraft fällig, die oberhalb des Einstellungslimits beschäftigt wird. So will die Regierung die durch steigende Arbeitslosigkeit wachsende Unzufriedenheit innerhalb der eigenen Bevölkerung bekämpfen.

Das Königshaus ist durch den "Arabischen Frühling" für soziale Proteste und Oppositionsbewegungen sensibilisiert und versucht durch klassische Verteilungspolitik, die politische und soziale Frustration abzufedern.[19] Weiterhin werden Arbeitsmigranten häufig als überflüssige und schädliche Nutznießer des saudischen Wohlfahrtsstaates denunziert. Sie werden als Kriminelle, Feinde der saudischen Einheit und Querulanten dargestellt, was die gesellschaftliche Trennung zwischen Arbeitsmigranten und Einheimischen weiter vertieft. Diese meist staatliche Propaganda soll die nationale Einheit festigen und Deportationen von Arbeitsmigranten aus dem Niedriglohnsektor legitimieren.

Das Arbeitsministerium erklärte, die Zahl der saudischen Angestellten im Privatsektor habe sich zwischen Mitte 2011 und Mai 2013 auf 1,5 Millionen verdoppelt. Ende 2013 soll der Anteil der einheimischen Beschäftigten in der Privatwirtschaft bereits bei 17 Prozent gelegen haben.[20] Trotz dieser oberflächlichen Erfolge schreitet die Saudisierung des Privatsektors nur schleppend voran, nach wie vor dominieren ausländische Arbeitskräfte in der saudischen Wirtschaft. Zudem mussten seit 2011 Schätzungen zufolge 25 Prozent der kleinen Betriebe Insolvenz anmelden, da sie weder in der Lage waren, die geforderten Saudisierungsquoten zu erfüllen, noch die anfallenden Strafzahlungen zu leisten. Auch nehmen größere Unternehmen lieber Strafzahlungen in Kauf, statt mehr saudisches Personal einzustellen, da die Kosten so immer noch geringer ausfallen. Das Ziel, das Lohnniveau in der Privatwirtschaft anzuheben, konnte also bisher nicht erreicht werden.

Zukunftsperspektiven



Die sozioökonomische Entwicklung Saudi-Arabiens wird maßgeblich davon abhängen, wie Fragen nach der Dominanz von Arbeitsmigranten, der Arbeitsmarktintegration von Frauen und der Reduzierung der Arbeitslosigkeit beantwortet werden. Dafür bedarf es nicht nur politischer Reformen und arbeitsmarktrechtlicher Anpassungen, sondern vielmehr eines grundlegenden Wandels der saudischen Gesellschaft. Ansonsten drohen soziale Frustration und steigende Arbeitslosigkeit. Bisher waren die Versuche des Königshauses, auf die veränderten demografischen und sozialen Gegebenheiten angemessen zu reagieren, jedoch weitgehend erfolglos. Gelingt es der Regierung nicht, das Bildungssystem an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes anzupassen, Arbeitsplätze zu schaffen, die Wirtschaft zu diversifizieren und zu liberalisieren und das Anspruchsdenken zu verändern, könnte sich die Frustration bald auch gegen das Königshaus richten.

Die Zukunft des saudischen Arbeitsmarktes ist also nicht allein ein strukturelles wirtschaftspolitisches Problem, sondern auch eine Frage von Machtkonsolidierung und politischer Stabilität. Dies berührt die häufig in sich widersprüchliche Grundhaltung der saudischen Gesellschaft, die einerseits technologische Entwicklung und die wirtschaftliche Integration in den Weltmarkt befürwortet, andererseits deren Konsequenzen wie die notwendige Integration von Arbeitsmigranten in den Alltag und von Frauen ins Berufsleben skeptisch oder gar ablehnend betrachtet. Dass diese Themen längst nicht mehr tabuisiert, sondern offen und teilweise selbstkritisch in den saudischen Medien, Weblogs und sozialen Netzwerken diskutiert werden, zeigt, in welch spannungsgeladenem Wandel sich die saudische Gesellschaft befindet. Dadurch berühren die Debatten um eine grundlegende Reform des saudischen Arbeitsmarktes auch kulturelle Fragen nach dem Zusammenleben in einer multiethnischen Gesellschaft und dem widersprüchlichen Verhältnis zwischen der Bewahrung von Traditionen und der Anpassung an eine globalisierte Arbeitswelt.
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Autor: Sebastian Sons für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Hazem Beblawi/Giacomo Luciani (Hrsg.), The Rentier State, London 1987.
2.
Vgl. Alexei Vassiliev, The History of Saudi Arabia, London 2000, S. 333.
3.
Vgl. ebd., S. 429.
4.
Vgl. Maurice Girgis, Would Nationals and Asians Replace Arab Workers in the GCC?, unveröffentlichtes Paper, Fourth Mediterranean Development Forum, Amman 6.–9.10.2002.
5.
Vgl. Viola Lucas/Thomas Richter, Arbeitsmarktpolitik am Golf: Herrschaftssicherung nach dem "Arabischen Frühling", GIGA Focus Nahost 12/2012.
6.
Daryl Champion, The Kingdom of Saudi Arabia: Elements of Instability Within Stability, in: Meria Journal, 3 (1999) 4, S. 49–73.
7.
Vgl. Mordechai Abir, Saudi Arabia. Government, Society and the Gulf Crisis, London 1993, S. 22.
8.
Vgl. Gulf Labour Markets and Migration Programme, Percentage of Non-Nationals in Government Sector and in Private and Other Sectors in GCC Countries (National Statistics, Latest Year or Period Available), http://gulfmigration.eu/percentage-of-non-nationals-in-govpercentage-of-non-nationals-in-government-sector-and-in-private-and-other-sectors-in-gcc-countries-national-statistics-latest-year-or-period-available« (22.10.2014).
9.
Vgl. Rakshanda Fazli/Rashid Aziz Faridi, Saudi Labour Law and its Impact on Indian Workers, unveröffentlichtes Paper, Gulf Research Meeting, Cambridge 24.–28.8.2014.
10.
Vgl. Sebastian Sons, Saudi-Arabien, in: Deutsches Orient-Institut (Hrsg.), Der Arabische Frühling. Auslöser, Verlauf, Ausblick, Berlin 2011, S. 126–140.
11.
Vgl. John Willoughby, Ambivalent Anxieties of the South Asian-Gulf Arab Labor Exchange, in: John W. Fox et al. (Hrsg.), Globalization and the Gulf, London–New York 2006, S. 223–243.
12.
Vgl. Françoise de Bel-Air, Demography, Migration and Labour Market in Saudi Arabia, Gulf Research Center Explanatory Note 1/2014. Bei den Statistiken handelt es sich um offizielle Angaben, die nicht unabhängig auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden können. Vor allem illegale Migranten werden statistisch nicht erfasst, sodass die tatsächlichen Anteile der Arbeitsmigranten an der Gesamtbevölkerung höher liegen dürften.
13.
Vgl. Sean Foley, The Arab Gulf States. Beyond Oil and Islam, Boulder 2010, S. 121f.
14.
Eleanor A. Doumato, Gender, Monarchy, and National Identity in Saudi Arabia, in: British Journal of Middle Eastern Studies, 19 (1992) 1, S. 31–47.
15.
Vgl. Françoise de Bel-Air, Female Employment and the Saudisation Policy (Nitaqat) in Saudi Arabia, unveröffentlichtes Paper, Gulf Research Meeting, Cambridge 24.–28.8.2014.
16.
Siehe auch Nora Derbals Beitrag in diesem Heft (Anm. d. Red.).
17.
Vgl. Human Rights Watch, "As If I Am Not Human". Abuses Against Asian Domestic Workers in Saudi Arabia, New York 2008, http://www.hrw.org/reports/2008/07/07/if-i-am-not-human-0« (1.10.2014).
18.
Vgl. Irudaya Rajan/Jolin Joseph, Migrant Women at the Discourse-Policy Nexus: Indian Domestic Workers in Saudi Arabia, unveröffentlichtes Paper, Gulf Research Meeting, Cambridge 24.–28.8.2014.
19.
So wurden seit 2011 Sozialleistungen in Höhe von etwa 135 Milliarden US-Dollar ausgeschüttet, 60000 neue Stellen im Arbeitsministerium geschaffen und Arbeitslosenzahlungen von monatlich 530 US-Dollar pro Person garantiert.
20.
Vgl. Robert Espey, Umbruch auf Arbeitsmarkt in Saudi-Arabien, 31.1.2014, http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/maerkte,did=952926.html« (2.10.2014).

Sebastian Sons

Zur Person

Sebastian Sons

M.A., geb. 1981; Wissenschaftlicher Abteilungsleiter am Deutschen Orient-Institut; Chefredakteur der Fachzeitschrift "Orient"; Doktorand am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Invalidenstr. 118, 10115 Berlin. sebastian.sons@cms.hu-berlin.de


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