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16.1.2015

Neue Wege arbeitspolitischer Solidarität in Deutschland und Europa

Industrie 4.0, Crowdworking, Diversity Management, Share Economy: Wenn es gilt, wesentliche Facetten großer Megatrends wie der Digitalisierung, Diversifizierung und Demokratisierung der Arbeit in Deutschland und Europa auf Begriffe zu bringen, kommt man um solche oftmals englischen Schlagworte nicht herum. So wird unter Industrie 4.0 die Steuerung der Produktion über vernetzte IT-Systeme gefasst, beim Crowdworking buhlt ein globales Netzwerk von Arbeitskräften oft für wenig Geld um noch so kleine Arbeitspakete wie Adressen recherchieren oder Produktbeschreibungen verfassen, das Diversity Management von Unternehmen setzt gezielt auf die heterogene Zusammensetzung von Mitarbeitergruppen, um den wirtschaftlichen Erfolg zu erhöhen, und in der Share Economy wird eine Kultur des Teilens propagiert.

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Alte Berufsbilder verschwinden, neue entstehen. Die Berufsbiografien werden auf allen Qualifikationsebenen dynamischer und vielfältiger. Heute kommt es viel seltener als früher vor, dass man ein und denselben Beruf ein Leben lang am selben Ort und für dieselbe Firma ausübt. Bei einer Forsa-Umfrage gab kürzlich mehr als die Hälfte der Befragten an, in den letzten Jahren mindestens eine einschneidende Veränderung in ihrem beruflichen Werdegang gehabt zu haben. Viele wechselten ihren Arbeitgeber, andere übernahmen neue Aufgabenbereiche innerhalb ihrer Firma oder änderten gleich den Beruf. Erstaunlich war jedoch, dass diese Veränderung bei rund drei Vierteln von ihnen weitgehend selbst gewählt war und überwiegend positiv beurteilt wurde.[1]

Wissenschaftliche Beobachter sprechen von einer "Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt"[2] oder einem "Strukturbruch der Industriemoderne",[3] inmitten dessen wir uns befinden. Der technologische Fortschritt und die digitale Beschleunigung sind Triebkräfte dieser Entwicklung. Sie verläuft im Kontext von Globalisierung, Ressourcenknappheit, demografischem Wandel sowie weltweiter Migration.

Die Sozialwissenschaftlerinnen Jutta Allmendinger und Ellen von den Driesch haben in einer aktuellen Studie auf den immer noch hohen Anteil bildungsarmer Menschen in der Europäischen Union hingewiesen. Im EU-Durchschnitt verlassen acht Prozent der Jugendlichen die Schulen ohne Abschluss, unter den 15-Jährigen gelten 19 Prozent als funktionale Analphabeten, weil ihr kognitives Leseverständnis oder mathematisches Grundwissen nur gering ausgeprägt ist. Hohe Bildungsabschlüsse führen dabei in allen EU-Staaten zu einer bemerkenswerten Bildungsrendite: Der Einkommensunterschied zwischen Hochschulabsolventen und Menschen mit einem Berufsabschluss beträgt im EU-Durchschnitt 44 Prozent. Der Blick auf den Zeitverlauf zeigt, dass in den meisten EU-Staaten in den letzten Jahren eine weitere Polarisierung der Einkommen durch Bildung stattgefunden hat. Während zum Beispiel in Deutschland zwischen 2006 und 2010 Niedrigqualifizierte Einkommensverluste hinnehmen mussten, stiegen die Einkommen von Hochqualifizierten.[4]

Im Folgenden sollen mit Blick auf die zentralen Trends und Herausforderungen des Strukturwandels der Arbeit in Deutschland und Europa Perspektiven und Konzepte für deren aktive beschäftigtenorientierte Gestaltung skizziert und drei Leitfragen erörtert werden:
  1. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeit auf die Belegschaften und die Arbeitsorganisation in Deutschland und Europa?
  2. Wie kann trotz des Trends zur Höherqualifizierung eine weitere Spaltung auf dem deutschen Arbeitsmarkt zwischen Kern und Rand verhindert werden?
  3. Welcher neuen institutionellen Rahmenbedingungen bedürfen die Reform des Weiterbildungs- und Qualifikationssystems in Deutschland und die Einführung einer Basisarbeitslosenversicherung auf europäischer Ebene?

Leben und Arbeiten in der digitalen und flexiblen Ökonomie



Nach dem ersten mechanischen Webstuhl 1784 und dem ersten Fließband in den Schlachthöfen von Cincinnati 1870 sowie der ersten speicherprogrammierbaren Steuerung 1969 sind es gegenwärtig die sogenannten cyber-physischen Systeme, die Einzug in die Fabriken halten. Sie sind Ausdruck der allgegenwärtigen rechnergestützten Informationsverarbeitung und der drahtlosen Vernetzung leistungsfähiger Kleinstcomputer untereinander und mit dem Internet. Die reale und die virtuelle Welt, der Cyberspace, verschmelzen miteinander. Ressourcen, Informationen, Objekte und Menschen können sich miteinander vernetzen. Das Internet der Dinge, Daten und Dienste entsteht.

Die voranschreitende Digitalisierung der Wirtschaft zu einer Industrie 4.0 verspricht für Deutschland – mit Blick auf den internationalen Wettbewerb – attraktive Produktivitätssteigerungen.[5] Sie wird jedoch auch Tätigkeitsprofile und Berufsbilder in der industriellen Produktion grundlegend verändern, manche standardisierten und einfachen Tätigkeiten verdrängen sowie neue, höher qualifizierte entstehen lassen. In einigen Dienstleistungsberufen ist zudem mit Arbeitsplatzverlusten oder zumindest -verschiebungen zu rechnen.

In ihrer Studie "The Future of Employment" analysierten die britischen Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne unlängst über 700 verschiedene Berufe in den USA auf Verdrängungseffekte durch den technologischen Fortschritt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeitsplatz in den nächsten 20 Jahren durch einen Computer ersetzt wird, erreicht dabei in der höchsten Risikogruppe Werte von über 80 Prozent. Hierzu zählen die Autoren beispielsweise Verkäuferinnen und Verkäufer am Telefon, Taxifahrerinnen und Taxifahrer, Bürokaufleute, Restaurantköchinnen und Restaurantköche sowie Immobilienmaklerinnen und Immobilienmakler. Insgesamt werden 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA bis Mitte der 2030er-Jahre als durch Automatisierungseffekte gefährdet betrachtet.[6] Jeremy Bowles hat in Anlehnung an diese Methode unlängst für Europa ähnliche Ergebnisse errechnet. So prognostiziert er für die Europäische Union ein Gefährdungspotenzial von durchschnittlich 54 Prozent aller aktuellen Arbeitsplätze in den nächsten 20 Jahren. Das technologieinduzierte Risiko für Deutschland sieht Bowles bei 51 Prozent. Zukunftsfähige Berufe sehen sowohl Osborne und Frey als auch Bowles in Tätigkeitsfeldern, die kreative und soziale Kompetenzen erfordern.[7]

Stehen wir also unmittelbar vor einem "Sieg der Algorithmen", wie "Der Spiegel" unlängst titelte?[8] Diese Schlussfolgerung wäre sicherlich nicht nur voreilig, sondern auch gestaltungspolitisch wenig ambitioniert. Schon im frühen 19. Jahrhundert war die Mechanisierung der Auslöser für Proteste der sogenannten Maschinenstürmer, die ihrer Sorge um dauerhafte Arbeitslosigkeit Ausdruck verliehen. Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 200 Jahre gibt jedoch Anlass zu mehr Optimismus: Der technische Fortschritt führte seit der Erfindung der Dampfmaschine nicht nur zum Wandel von Berufen und Tätigkeiten, sondern auch zum Entstehen neuer Arbeitsplätze. Die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft wird also nicht von einem quasi unabwendbaren technologischen Determinismus geleitet. Vielmehr gibt es insbesondere für Politik, Sozialpartner, Betriebsräte und Unternehmensleitungen beeinflussbare Hebel für die Gestaltung der Arbeit.

Die erhöhte Komplexität in der Fertigung sowie der ansteigende Bedarf an Entscheidungs-, Kontroll- und Koordinationskompetenzen in den sogenannten Smart Factories sorgen für neue Qualifikationsbedarfe und erhöhte Handlungsspielräume für die Beschäftigten ebenso wie für die Notwendigkeit neuer Führungs- und Organisationsmodelle. Kontinuierliche Fort- und Weiterbildung sowie die entsprechende lebensbegleitende Beratung werden unverzichtbar. Zudem können beschäftigtenorientierte Prinzipien der Arbeitsgestaltung, wie zum Beispiel Formen der "Schwarm-Organisation", einer Polarisierung der Belegschaften in hochqualifizierte Experten mit weitreichenden Gestaltungsfreiheiten und Angelernte, die auf einfache Tätigkeiten beschränkt sind, entgegenwirken.[9] Im Kern geht es darum, anstelle eines technologiezentrierten Automatisierungskonzeptes, das dem menschlichen Handeln nur noch eine "Lückenbüßerfunktion" zuweist, einen menschenzentrierten Ansatz zu wählen, der auf den Zusammenschluss und die enge Zusammenarbeit qualifizierter Mitarbeiter setzt, die auch für unvorhersehbare Situationen und Störungen adäquate Lösungen finden.[10]


Zukunftsaufgabe Weiterbildung



Lebenslanges Lernen wird vor diesem Hintergrund zum elementaren Bestandteil einer nachhaltigen Transformationsstrategie. Frühzeitige Vermittlung digitaler Kompetenzen in den Schulen wird immer wichtiger. Für alle Gruppen am Arbeitsmarkt gilt schon jetzt, dass Bildung den besten Schutz vor Arbeitslosigkeit darstellt. 2011 waren 45 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland ohne Abschluss, während dies unter den Erwerbstätigen nur bei 14 Prozent der Fall war.[11] Dieser Befund hatte sogar die nicht gerade sozialrevolutionärer Umtriebe verdächtigen fünf Wirtschaftsweisen auf den Plan gerufen. Sie mahnen in ihrem Gutachten vom November 2013 folglich weiteren Reformbedarf am Arbeitsmarkt an und fordern geschlossen, der Verbesserung des Aus- und Weiterbildungssystems sowie der Chancengleichheit die höchste Priorität zuzumessen.[12]

Derzeit fehlt es jedoch an einer Systematisierung der Fort- und Weiterbildung sowie deren Förderung. Es mangelt an Beratungsangeboten zu Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Und ausgerechnet diejenigen, die aus sozialen Gründen am stärksten auf Weiterbildungschancen angewiesen sind, zählen zu den großen Verlierern, wenn es um die Beteiligungs- und Finanzierungsmöglichkeiten von Weiterbildung geht. So haben 52 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund 2012 an einer Weiterbildung teilgenommen. Bei Menschen mit Migrationshintergrund lag dieser Wert bei nur 33 Prozent. Der Blick auf die Teilnahme an Weiterbildungen nach Schulabschluss ergibt folgendes Bild: Die Beteiligungsquote lag im Jahr 2012 bei einem hohen Schulabschluss (Fachabitur und darüber) bei 64 Prozent. Bei einem mittleren Schulabschluss reduzierte sich diese Quote auf 51 Prozent und bei einem niedrigen Schulabschluss (Hauptschulabschluss oder darunter) lag sie nur noch bei 32 Prozent.[13] Zudem erschwert die Ausdifferenzierung des Arbeitsmarktes durch die Zunahme neuer Beschäftigungsformen eine gleichmäßige Chancenverteilung bei der Weiterbildungsbeteiligung. Empirische Analysen belegen, dass sämtliche Formen atypischer Beschäftigung – von der Teilzeitbeschäftigung über geringfügige Beschäftigung bis hin zu befristeter Beschäftigung und Zeitarbeit – im Vergleich mit Normalarbeitsverhältnissen erhebliche Nachteile bei den Zugangschancen zu formalen beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen aufweisen.[14]

Neben den verstärkten Auflösungserscheinungen am Sicherheitsgefüge von Arbeitsverhältnissen im Zuge der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses sind es somit vor allem die ungleich verteilten Weiterbildungschancen, die bei der Verbesserung von Lebensplanungsmöglichkeiten und sozialer Mobilität ein schwerwiegendes strukturelles Hemmnis darstellen. Ob und inwieweit auf diese Frage ausreichend wirkmächtige politische Reformlösungen gefunden werden können, wird den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und die Erhöhung der Beschäftigungsoptionen im Lebensverlauf der Menschen maßgeblich bestimmen.

Investive Arbeitspolitik und staatenübergreifende Solidarität



Eine zentrale Aufgabe der Politik wird – wie es der indische Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen in "Ökonomie für den Menschen" ausbuchstabiert hat – zudem mehr denn je darin bestehen, für ausreichende Verwirklichungschancen, Mitspracherechte und Transparenzgarantien zu sorgen, um so die Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, unter der Vielfalt möglicher Lebensentwürfe frei wählen zu können und für neue Zugangschancen zu Bildung und Arbeit zu sorgen.[15] Konzepte investiver Arbeitspolitik setzen genau hier an und zielen auf die Weiterentwicklung der Arbeitslosenversicherung hin zu stärker lebenslauforientierten Modellen wie zum Beispiel Beschäftigungsversicherungen oder Weiterbildungsfonds. Diese könnten in Ergänzung zu den Leistungen der bisherigen Arbeitslosenversicherung die neuen Risiken von beruflichen Übergängen und Erwerbsunterbrechungen besser absichern und gleichzeitig wiederkehrende Chancen auf erneute Einstiege, gelingende Umstiege und mögliche Aufstiege eröffnen.[16]

Günther Schmid schlägt zudem "institutionelle Brücken zwischen Qualifikationsprognose und Qualifikationsnachfrage" vor, um eine strukturierte Kommunikation zwischen prognostischer Theorie und betrieblicher Praxis zu ermöglichen. Grundlage solcher Antizipationssysteme ist es, dass aggregiertes statistisches Wissen durch Erfahrungswissen der Betriebe, Beschäftigten und Bildungsträger ergänzt wird. Überbetriebliche Fachkräftepools könnten in Verbindung mit der Erhöhung der strategischen Personalplanungskapazitäten, insbesondere bei klein- und mittelständischen Unternehmen, zudem dafür sorgen, dass neben Übergangsarbeitsmärkten für besondere Zielgruppen auch Konzepte regionaler Beschäftigungssicherung Anwendung finden könnten.[17]

Die Stärkung der individuellen Autonomie stellt eine vielversprechende Strategie zur Erhöhung der Eigenverantwortung der Beschäftigten bezüglich der Herausforderungen lebensbegleitenden Lernens dar. Die Institutionalisierung neuer sozialer Rechte, wie zum Beispiel ein Rechtsanspruch für alle Beschäftigten auf eine regelmäßige Einschätzung von Entwicklungspotenzialen und Weiterbildungszielen sowie deren Verwirklichung durch Ziehungsrechte aus einem solidarischen Weiterbildungsfonds würden genau an diesem Punkt ansetzen.[18]

Die europäischen Staaten können hierbei in einen regen Ideenaustausch miteinander treten und voneinander lernen: Während in den Niederlanden derzeit rund 90 Branchenfonds existieren, die von den Sozialpartnern über Tarifvereinbarungen gegründet wurden, verfügt Frankreich bereits seit 1971 über ein Kombinationsmodell aus gesetzlicher Mindestpflicht zur betrieblichen Weiterbildung und überbetrieblichen Weiterbildungsfonds.[19] In Österreich fristete die sogenannte Bildungskarenz über zehn Jahre lang ein Schattendasein. Erst im Zuge des Abschwungs durch die weltweite Wirtschaftskrise ab 2008 wurde die Bildungskarenz als "Krisenmodell" aufgewertet und die Höhe der Lohnersatzleistung im Falle von Weiterbildungsmaßnahmen an das Arbeitslosengeld angepasst. 2013 wurde das Instrument um die Möglichkeit einer Bildungsteilzeit erweitert und damit auf Teilzeitbeschäftigte ausgeweitet. Mit dieser finanziell attraktiven und zugleich betriebsnahen Variante können immer stärker auch bildungsferne Gruppen am Arbeitsmarkt erreicht werden.

Der Blick in die europäischen Nachbarländer bietet weiterführende Anknüpfungspunkte für die Debatte um eine Reform des Weiterbildungs- und Qualifizierungssystems in Deutschland, das durch ein segmentiertes System der beruflichen Weiterbildung geprägt ist. In den Niederlanden und in Frankreich dagegen arbeiten Gewerkschaften und Arbeitgeber in dieser Frage intensiv zusammen. Dies hat den positiven Nebeneffekt, dass das zentrale Zukunftsthema der Weiterbildung den Weg aus den Expertengremien in den öffentlichen Diskurs findet. Die Einführung einer staatlichen Weiterbildungsförderung in Teilzeit könnte unter Bezugnahme der ermutigenden österreichischen Erfahrungen mit der Bildungsteilzeit und in Anlehnung an die erfolgreiche deutsche Tradition des dualen Ausbildungssystems ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer umfassenden Systematisierung der Weiterbildung in Deutschland sein.

Gestaltung der vierten industriellen Revolution



Gleichwohl benötigt es neben nationalen Lösungen bei der Weiterbildungsfrage und dem intensiven Austausch darüber auch eine enge finanzpolitische Zusammenarbeit und fiskalische Transfers zwischen den Mitgliedsländern zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa. Der in der Wissenschaft derzeit intensiv diskutierte Vorschlag einer passgenauen Umsetzung dieser Idee ist die Einführung einer Europäischen Arbeitslosenversicherung. Diese könnte einen direkten Zusammenhang zwischen Transferzahlungen und der konjunkturellen Situation eines Mitgliedsstaates schaffen, um die Eurozone in einer Krise automatisch zu stabilisieren. Die Umsetzung könnte über einen moderaten Anteil der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge an den Lohnnebenkosten organisiert werden. Die möglichen Leistungen im Falle von Arbeitslosigkeit könnten zum Beispiel auf sechs Monate zeitlich begrenzt und in der Höhe von 30 Prozent des letzten Nettoeinkommens erfolgen. Die Europäische Arbeitslosenversicherung würde so eine Basisabsicherung für einzelne Mitgliedstaaten gewährleisten, ohne höhere Absicherungsniveaus in anderen Mitgliedstaaten einzuschränken. Diese könnten auch weiterhin über die nationalen Sozialversicherungsträger abgedeckt werden.[20] Die Etablierung eines solchen staatenübergreifenden Solidarsystems böte neben den offenkundigen Potenzialen für mehr Krisenresistenz auch die Chance, – wie der amtierende EU-Sozialkommissar László Andor betont – "dem Währungsraum endlich ein menschliches Gesicht [zu] verleihen".[21]

Kurzum: Vor dem Hintergrund des voranschreitenden Strukturwandels der Arbeit wird die gesamtgesellschaftliche Zukunftsaufgabe darin bestehen, durch rechtzeitige und präventive Weiterbildungsmaßnahmen sowie eine entsprechende lebensbegleitende Bildungs- und Qualifizierungsberatung neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu erschließen. Die Forderung der IG Metall für die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie im Frühjahr 2015 nach einer finanziell und zeitlich ausgestalteten "Bildungsteilzeit" kann daher neue Anregungen für die aufkeimende Debatte um die Notwendigkeit von Weiterbildung und Qualifizierung im Zuge der Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeit liefern. Die Leitidee der IG Metall nach einer geteilten Verantwortung zwischen Staat, Arbeitgeber und Beschäftigten in Zeiten extremen Strukturwandels könnte der sozialpartnerschaftlichen Suche nach gemeinsamen Antworten auf die eingangs skizzierten Megatrends Auftrieb verleihen. Die Frage nach der gemeinsamen Verantwortung für die Gestaltung der "vierten industriellen Revolution" ist jedoch keine, die sich auf Nationalstaaten in Europa eingrenzen lässt, sie muss europäisch diskutiert und beantwortet werden. Dafür braucht es eine neue Kultur der arbeitspolitischen Solidarität in Deutschland und Europa.
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Autor: Sven Rahner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Randstad-Stiftung, Brüche im Erwerbsleben. Umfrage der forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH im Auftrag der Randstad-Stiftung, Eschborn 2012.
2.
Vgl. Holger Hinte/Klaus F. Zimmermann (Hrsg.), Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt. Wie der demografische Wandel die Erwerbsgesellschaft verändert, Bonn 2013.
3.
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Der Epochenbruch in den 1970er-Jahren. Thesen zur Phänomenologie und den Wirkungen des Strukturwandels "nach dem Boom", in: Knud Andresen/Ursula Bitzegeio/Jürgen Mittag (Hrsg.), Nach dem Strukturbruch? Kontinuität und Wandel von Arbeitswelten, Bonn 2011, S. 25–40, hier: S. 30.
4.
Vgl. Jutta Allmendinger/Ellen von den Driesch, Social Inequalities in Europe. Facing the Challenge, WZB Discussion Paper 5/2014.
5.
Vgl. Henning Kagermann/Wolfgang Wahlster/Johannes Helbig (Hrsg.), Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, Forschungsunion im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Berlin 2012.
6.
Vgl. Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment. How Susceptible are Jobs to Computerisation, Oxford 2013.
7.
Vgl. Jeremy Bowles, The Computerisation of European Jobs. Who Will Win and Who Will Lose from the Impact of New Technology onto Old Areas of Employment?, 17.7.2014, http://www.bruegel.org/nc/blog/detail/article/1394-the-computerisation-of-european-jobs/« (15.12.2014).
8.
Der Sieg der Algorithmen, in: Der Spiegel, Nr. 17 vom 19.4.2014, S. 69ff.
9.
Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Forschungsfragen und Entwicklungsstrategien. Entwicklungsperspektiven von Produktionsarbeit, in: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0, Berlin 2014, S. 37–42, hier: S. 38ff.
10.
H. Hirsch-Kreinsen (Anm. 9), S. 40f.
11.
Vgl. Brigitte Weber/Enzo Weber, Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit, IAB-Kurzbericht (2013) 4.
12.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2013/2014, "Gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik", Berlin, 2013, S. 5.
13.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Weiterbildungsverhalten in Deutschland, AES 2012 Trendbericht, Bonn–Berlin 2013, S. 23ff.
14.
Vgl. Lutz Bellmann et al., Weiterbildung atypisch Beschäftigter, Gütersloh 2013.
15.
Vgl. Amartya K. Sen, Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, München 2002.
16.
Vgl. ausführlich zur Debatte um die Reform der Weiterbildung in Deutschland Sven Rahner, Zukunftsaufgabe Weiterbildung. Stand der Debatte und internationale Anknüpfungspunkte zur Entwicklung einer Arbeitsversicherung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2014.
17.
Vgl. Günther Schmid, Wann wird der Arbeitsmarkt erwachsen? Folgen des Strukturwandels für die Übergänge zwischen Bildung und Beschäftigung, in: Heide von Felden/Ortfried Schäffter/Hildegard Schicke (Hrsg.), Denken in Übergängen. Weiterbildung in transitorischen Lebenslagen, Wiesbaden 2014, S. 164.
18.
Vgl. Günther Schmid, Übergänge am Arbeitsmarkt. Arbeit, nicht nur Arbeitslosigkeit versichern, Berlin 2011.
19.
Vgl. Gerhard Bosch, In Qualifizierung investieren. Ein Weiterbildungsfonds für Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2010.
20.
Vgl. Sebastian Dullien et al., Eine Arbeitslosenversicherung für den Euroraum als automatischer Stabilisator. Grenzen und Möglichkeiten, Politikberatung kompakt 86, DIW, Berlin 2014.
21.
Alexander Demling, Job-Krise: EU-Kommissar will europäische Arbeitslosenversicherung, 13.6.2014, http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/eu-kommissar-andor-fordert-europaeische-arbeitslosenversicherung-a-974964.html« (18.12.2014).

Sven Rahner

Zur Person

Sven Rahner

Geb. 1978; Politikwissenschaftler, Autor und Doktorand am Lehrstuhl Politisches System der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Kassel, Nora-Platiel-Straße 1, 34109 Kassel. s.rahner@web.de


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