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24.7.2015

Das Schrumpfen akzeptieren: Europas Städte im demografischen Wandel

Seit wenigen Jahren beherrscht der demografische Wandel nicht nur sozial- und arbeitsmarktpolitische Debatten in Europa, sondern auch die raumplanerische und stadtentwicklungspolitische Diskussion. Ein einheitliches Begriffsverständnis darf dabei nicht vorausgesetzt werden. In einem weiten Sinne wird jede Form der Veränderung der Bevölkerung eines Gebietes als demografischer Wandel tituliert. Der gegenwärtig diskutierte Wandel wird jedoch primär von zwei Triebkräften bestimmt: erstens vom dauerhaften Absinken der Geburtenrate unter das gesellschaftliche Reproduktionsniveau sowie zweitens vom anhaltenden Anstieg der Lebenserwartung. Mitunter wird aber auch die Veränderung von Haushaltsgrößen und -strukturen, die Veränderung von Lebensstilen sowie der steigende Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund unter dem Begriff des demografischen Wandels subsumiert.

Das veränderte generative Verhalten der Nachkriegsgenerationen wurde bereits in den 1980er Jahren von den Demografen Ron Lesthaeghe und Dirk van de Kaa als Europas "zweiter demografischer Übergang" beschrieben.[1] Fundamentale Veränderungen gesellschaftlicher Normen und Werte führten ab den 1960er Jahren zu einem Bedeutungswandel von Ehe und Familie, steigenden Scheidungsraten, höherem Heiratsalter und dramatisch fallenden Geburtenziffern. In Kombination mit dem sogenannten Pillenknick nach Verbreitung der Antibabypille fielen die Geburtenraten Mitte der 1970er Jahre in den meisten Ländern Europas deutlich unter das Niveau, das zur Bestandserhaltung nötig gewesen wäre.

Sowohl das dauerhafte Absinken der Fertilitätsrate als auch der anhaltende Anstieg der Lebenserwartung beschreibt der Demograf Herwig Birg als Phänomene einer "demografischen Zeitenwende".[2] Diese haben weitreichende Auswirkungen auf die Raum- und Siedlungsstruktur, insbesondere auf die Anzahl und Zusammensetzung der Bevölkerung in den Städten und Regionen. Damit stellt der demografische Wandel eine der zentralen Rahmenbedingungen für die Raumentwicklung in Deutschland dar.[3] Er führt nicht nur zu einem erhöhten Anteil der älteren Bevölkerung, sondern kann gleichzeitig auch einen Rückgang der Gesamtbevölkerungszahl mit sich bringen. Schrumpfende Städte und Regionen, als eine Folge dieser Entwicklungen, werden zum Regelfall. Die bekannte Trilogie – wir werden weniger, älter und bunter – führt zu weitgehenden Veränderungen der Stadtstrukturen und erfordert von der Politik eine grundlegende Umorientierung.[4]

Während der demografische Wandel in Deutschland immer stärker als eine zentrale Herausforderung der Stadtentwicklung in den Fokus der Debatte rückt, wächst auch auf europäischer Ebene das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Thematik. Aufgrund einer EU-weiten Zunahme der Lebenserwartung und eines Rückgangs der Geburtenzahlen steigt der Altersdurchschnitt der europäischen Bevölkerung zunehmend an. Folgt man den aktuellen Prognosen der Europäischen Union und der Vereinten Nationen, müssen sich etliche Länder und Regionen in Europa wie auch weltweit auf eine schrumpfende und alternde Bevölkerung einstellen.[5]

In Europa soll die Altersgruppe der über 60-Jährigen bis 2050 einen Anteil von 34 Prozent erreichen.[6] In Deutschland führt die Alterung der Bevölkerung zu einer massiven Verschiebung in der Verteilung der Altersgruppen, doch finden sich auch europaweit zahlreiche Regionen, die einen deutlichen Anstieg der älteren Bevölkerung aufweisen, vorrangig in West-, Ost- und Südeuropa.[7] International spielt der demografische Wandel vor allem in den hochentwickelten Industrieländern eine Rolle. Während weltweit davon ausgegangen wird, dass sich der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis 2050 auf etwa 22 Prozent verdoppelt, zeigt sich diese Entwicklung neben Europa besonders gravierend in Ländern wie Japan, Australien und den USA. Vor allem Japan erfährt eine massive Alterung seiner Bevölkerung: Hier wird für das Jahr 2050 prognostiziert, dass auf eine Person im erwerbsfähigen Alter eine Person im Rentenalter kommt.[8]

Phänomen "Schrumpfende Städte"



Die Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel haben bereits 1985 in der "Zeit" einen heute noch erstaunlich aktuellen Artikel über die "Chancen des Schrumpfens" veröffentlicht und darin vor dem Hintergrund der strukturellen Schrumpfungsprozesse in altindustrialisierten Städten an der Ruhr, der Saar und der norddeutschen Küste für eine andere Großstadtpolitik plädiert.[9] Ihre zentrale These, die sie in ihrem Buch "Neue Urbanität" weiter ausarbeiteten, war, dass der weitverbreitete Versuch, "Schrumpfen in Wachstum umkehren zu wollen, die negativen Folgen nicht nur verstärkt, sondern auch Möglichkeiten neuer urbaner Lebensformen verbaut".[10] Die Autoren waren jedoch ihrer Zeit weit voraus und spätestens mit dem Wiedervereinigungsboom wollte niemand mehr über Schrumpfung diskutieren – auch nicht, als in den 1990er Jahren die reale Entwicklung in Ostdeutschland offensichtlich wurde. Schrumpfung galt in dem an Wachstumszielen orientierten politischen System lange Zeit als nicht politikfähig.[11]

In den zurückliegenden 15 Jahren hat die Diskussion um schrumpfende Städte in Deutschland jedoch beachtlich an Dynamik gewonnen. Ausgehend von der spezifischen Situation in den ostdeutschen Bundesländern, in denen Geburtendefizit und Abwanderung zu teilweise drastischen Einwohnerverlusten und erheblichen Angebotsüberhängen auf dem Wohnungsmarkt führten, setzte Ende der 1990er Jahre eine Schrumpfungsdebatte ein. Seither hat sich die planerische Beschäftigung mit schrumpfenden Städten, insbesondere in den Bereichen der Daseinsvorsorge, des Stadtumbaus und der Leerstandsentwicklung, massiv verstärkt und ausdifferenziert. Dem 2001 begonnenen Bund-Länder-Programm "Stadtumbau Ost" folgte bereits 2004 der "Stadtumbau West". Bund und Länder erkannten damals an, dass die Bewältigung der Folgen des demografischen und ökonomischen Wandels keine ostdeutsche, sondern eine landesweite Herausforderung darstellt.

Es wäre jedoch verfehlt, die Problematik schrumpfender Städte als ein vorrangig deutsches Phänomen zu betrachten. Erst langsam dringt die internationale Dimension des demografischen Wandels in den Städten und Regionen in das Bewusstsein lokaler Politik und Planung. Alterung und Schrumpfung in Form von kommunalen Bevölkerungsverlusten sind schon heute und erst recht in den kommenden Jahrzehnten ein dominanter Trend in nahezu allen Ländern Europas.

Von den rund 8000 Städten in 37 europäischen Staaten (ohne Russland, Belarus/Weißrussland und die Ukraine) hat nach einer Untersuchung der TU Dortmund die Hälfte im Zeitraum zwischen 1990 und 2010 temporär, episodisch oder kontinuierlich Einwohner verloren.[12] Schon heute lassen sich in praktisch allen europäischen Ländern schrumpfende Städte finden. Hervorgerufen durch den demografischen Wandel und durch Abwanderungen in Kombination mit lokalen ökonomischen Umbrüchen, Deindustrialisierung sowie Suburbanisierungstendenzen[13] stellt diese Entwicklung die betroffenen Städte und Regionen oftmals vor massive Probleme. Sowohl die Ausprägung der Schrumpfung als auch die Reaktion darauf kann sich allerdings lokal sehr unterschiedlich gestalten. In den massiv schrumpfenden Regionen Osteuropas überlagern sich meist zeitlich sehr stark konzentrierte postsozialistische und postindustrielle Transformationsprozesse, während in anderen Teilen Europas oftmals eine Überlagerung von Suburbanisierungs- und Deindustrialisierungstendenzen zu einem Bevölkerungsverlust führt.[14]

Urbane Schrumpfungsprozesse beschränken sich jedoch nicht nur auf den europäischen Raum. Auch international lässt sich das Phänomen an vielen Orten beobachten. Neben zeitlich befristeten Schrumpfungserscheinungen infolge von Naturkatastrophen und kriegerischen Auseinandersetzungen weisen insbesondere hoch entwickelte Staaten wie die USA oder Japan zum Teil gravierende Schrumpfungsphänomene auf. Diese sind in den meisten Fällen das Resultat globaler ökonomischer, sozialer und politischer Entwicklungen, die zu einem verstärkten Wettbewerb zwischen Städten und Regionen führen. Während im rust belt im Nordosten der USA eine Mischung aus Deindustrialisierung und Suburbanisierung zu einer drastischen Reduzierung der Einwohnerzahlen in Städten wie Detroit, Cleveland und Youngstown führte, ist Schrumpfung längst nicht auf diese altindustrialisierte Region beschränkt, sondern auch im ländlichen Mittleren Westen und in Teilen des sun belt im Süden anzutreffen.[15] In den USA spielen dabei ökonomische Aspekte eine wesentliche Rolle. Dagegen hat beispielsweise Japan neben ökonomischen Aspekten vor allem mit dem Geburtendefizit als Ursache des anhaltenden Einwohnerverlustes zu kämpfen.[16]


Dimensionen in Europa



Der Umgang mit den demografischen, ökonomischen und physischen Schrumpfungsprozessen sowie die Planung für zahlenmäßig kleinere, nichtsdestotrotz lebenswerte Städte gehört zu den größten urbanen Herausforderungen in Europa. Vor diesem Hintergrund haben zwischen 2009 und 2013 über 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 26 Ländern Europas im Forschungsprojekt "Cities Regrowing Smaller" kooperiert, um durch den Austausch von wissenschaftlichen Erkenntnissen die Grundlagen für erfolgreiche Regenerierungsstrategien in schrumpfenden Städten zu verbessern und unterstützende EU-Politiken anzuregen. Zentrale Ergebnisse umfassen eine empirische Analyse der städtischen Schrumpfungsprozesse in Europa, eine Sammlung von guten Fallbeispielen sowie einen konzeptionellen Rahmen für künftige Forschungen zu schrumpfenden Städten.[17]

Herzstück der empirischen Analyse ist eine Datenbank, in der europaweit ausgewählte soziodemografische Indikatoren auf kommunaler Ebene erfasst werden. Räumliche Basiseinheit der Datenbank sind die Kommunen in Europa. Innerhalb der statistischen Nomenklatur der Europäischen Union werden diese als Local Area Unit (LAU) bezeichnet. Innerhalb der 28 EU-Staaten gibt es etwa 120.000 LAU. Hinzu kommen rund 20.000 ebenfalls betrachtete LAU in Staaten außerhalb der EU wie Norwegen oder die Schweiz.

Einwohnerentwicklung in Europas Kommunen 1990 bis 2010 (© Thorsten Wiechmann/Manuel Wolff)

Die Karte zeigt die Veränderung der kommunalen Einwohnerzahl in Europa zwischen 1990 und 2010. Rote Flächen haben in diesem Zeitraum einen Bevölkerungszuwachs, blaue Flächen einen Rückgang verzeichnet. Die Kommunen mit Einwohnerverlusten verteilen sich über weite Teile des Kontinents, von den peripheren Regionen Skandinaviens, dem Norden Spaniens, dem Zentrum Frankreichs und dem Süden Italiens bis zu den postsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas. Neben vielen kleinen und mittleren Kommunen schrumpften auch Großstädte, wie Lissabon, Łódź, Budapest, Athen, Mailand oder Neapel.

Die Tabelle enthält Basiszahlen zu der Verbreitung schrumpfender Städte in ausgewählten Ländern Europas. Um die städtische Dimension in den Vordergrund zu stellen, wurden nur Gemeinden mit einer Mindesteinwohnerzahl von 5000 im Jahr 2010 berücksichtigt. Aus der Gesamtheit werden diejenigen Gemeinden gesondert dargestellt, die seit 1990 entweder dauerhaft oder mindestens über einen der erfassten Fünfjahreszeiträume einen Einwohnerverlust erlebt haben und sowohl in Bezug auf ihre absolute und relative Häufigkeit als auch in Bezug auf den relativen Anteil der Bevölkerung in diesen schrumpfenden Städten. Die drei rechten Spalten teilen die schrumpfenden Städte in die folgenden Kategorien:

Tabelle: Verbreitung schrumpfender Städte in ausgewählten Ländern Europas (© bpb)


Die Tabelle verdeutlicht, dass alle betrachteten Länder schrumpfende Städte aufweisen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Während in den Niederlanden, Österreich und der Schweiz dieses Phänomen (noch) eine Ausnahme darstellt, das nur etwa jede zwanzigste Kommune dort betrifft, stehen Staaten wie Ungarn und Polen bereits heute massiv unter dem Einfluss dieses sich verstärkenden Trends. In Ungarn leben zwei Drittel der städtischen Bevölkerung in schrumpfenden Städten. Länder wie Frankreich, Italien, Portugal und Spanien bewegen sich zwischen diesen Extremen. Permanent schrumpfende Städte (Typ A) finden sich in allen betrachteten Ländern, die meisten in Deutschland (438), Polen (151), Frankreich (126), Spanien (92) und Italien (89). Zu ihnen zählen Staädte wie Taranto in Italien, Wałbrzych in Polen und Porto in Portugal.

Anders als die permanent schrumpfenden Städte des Typs A verzeichnen Städte der Typen B und C eine diskontinuierliche Entwicklung, die von Phasen der Schrumpfung und Phasen der Stabilität oder des Wachstums gekennzeichnet sind. Beispielhaft für diese Gemeindetypen seien hier Orléans in Frankreich und Side in der Türkei (Typ B) beziehungsweise Pamplona in Spanien und Szeged in Ungarn (Typ C) genannt. Eine relativ hohe Anzahl von Kommunen dieser Typen, wie zum Beispiel in der Schweiz, in Ungarn, in den Niederlanden, in Italien oder auch in der Türkei, deutet auf eine dynamische Veränderung der demografischen Trends hin. Allerdings lässt sich allein auf Basis der aggregierten Statistiken keine Aussage über die Triebkräfte und die Richtung der dynamischen Veränderungen treffen.

Lokale Strategien im Umgang mit Schrumpfung



Schrumpfende Städte weisen generell eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Auffällig ist, dass in den meisten Fällen der Einwohnerrückgang bereits im Zeitraum zwischen 1960 und 1990 einsetzte. Resultat sind regelmäßig erhebliche Wohnungsleerstände, die zu einem zumindest partiellen Kollaps des Wohnungsmarktes führen. Immer weniger Einwohner müssen die überdimensionierten sozialen und technischen Infrastrukturen erhalten und anpassen, obwohl zugleich die kommunale Finanzbasis erodiert. Und auch die überdurchschnittliche Alterung stellt schrumpfende Städte vor besondere Herausforderungen, unabhängig davon, ob sie durch die selektive Abwanderung junger Menschen oder durch niedrige Geburtenraten hervorgerufen wird. Neben gemeinsamen Problemen wie Leerständen, überdimensionierten Infrastrukturen und erodierender Finanzausstattung zeigen sich aber auch wesentliche Unterschiede, etwa in Bezug auf die Ursachen der Bevölkerungsverluste (ökonomischer Niedergang, Abwanderung, niedrige Geburtenrate, Suburbanisierung, Umweltfaktoren und anderes mehr) und die wirtschaftlichen Perspektiven.

Ebenso vielfältig sind auch die Strategien, mit denen die lokalen Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf die mit dem Einwohnerrückgang einhergehenden Probleme reagieren. Einige Städte planen zielgerichtet für eine Zukunft mit weniger Einwohnern, andere setzen auf eine Trendumkehr und zielen in ihren Strategien auf einen Bevölkerungszuwachs, der angesichts niedriger Geburtenraten in aller Regel durch Zuwanderung erzielt werden soll. Generell lässt sich dabei feststellen, dass es schrumpfenden Städten schwerfällt, Schrumpfung als anhaltenden Entwicklungstrend zu akzeptieren.

Vereinfachend lassen sich vier unterschiedliche Ansätze im Umgang mit lokalen Schrumpfungsprozessen beobachten:

1. Ignorieren des demografischen Wandels: Ungeachtet der offenkundigen demografischen Entwicklungen und der genannten negativen Folgen des Verlustes von Einwohnern wird Schrumpfung als Entwicklungstrend ignoriert. Politik und Planung sind nicht in der Lage, auf die veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren. Sie verharren in den gewohnten Routinen und bewahren die Illusion neuen Wachstums.

2. Trendumkehr durch wirtschaftliches Wachstum: Der Bevölkerungsrückgang wird als Problem wahrgenommen und öffentlich diskutiert. Ziel ist es, Schrumpfung in Wachstum umzukehren. In der Initiierung neuen Wachstums wird die einzig überzeugende Antwort auf die Schrumpfungsphänomene gesehen. Eine ansiedlungsorientierte kommunale Wirtschaftsförderung verwendet die knapper werdenden Ressourcen, um die noch vorhandene ökonomische Basis zu halten und externe Investoren durch günstige Konditionen anzulocken. Typisch für diese Strategie sind eine ökonomisch geprägte Marketingsprache und das Setzen auf Hoffnungsbranchen wie die Kommunikations- und Biotechnologie, die Gesundheitswirtschaft oder der Tourismus.

3. Anpassung an den Schrumpfungsprozess: Angesichts von anhaltenden Einwohnerverlusten und negativen Prognosen machen sich Politik und Planung von der Illusion neuen Wachstums frei und streben einen pragmatischen Rückbau an. Soziale und technische Infrastruktur werden den veränderten Bedarfen angepasst. Ziel ist eine pragmatisch-realistische Begleitung und Abfederung unvermeidbarer Schrumpfungsprozesse. Kernelemente dieser Strategien sind Bestandsentwicklung, Stabilisierung, Regeneration und qualitative Entwicklung.

4. Neuerfindung der Stadt: Die kommunale Strategie akzeptiert, dass der Verlust der alten ökonomischen Basis unumkehrbar ist und dass die Rolle der lokalen Wirtschaft neu definiert wird. Sie sucht gezielt kreative Nischen und setzt dabei auf vorhandene spezifische Potenziale der dort lebenden Menschen. Routinen werden hinterfragt, und es besteht die Bereitschaft, Experimente zu wagen. Für eine langfristig tragfähige Entwicklung ist es erforderlich, den Abwanderungstrend bei den jungen Menschen zu stoppen. Kommunale Politik wird deshalb sensibilisiert für die Lebensstile, Erwartungen und Bedürfnisse dieser Gruppe, um gezielt deren Lebensqualität zu verbessern.

Empirisch lassen sich die meisten schrumpfenden Städte nicht vollständig einem einzigen Typ zuordnen. Die verfolgten Strategien verändern sich im Zeitablauf, sind komplex und widersprüchlich. Nicht selten zeigen sich Elemente aus verschiedenen beschriebenen Typen in zeitlicher Parallelität.

Fazit



Der seit den 1960er Jahren ablaufende und von steigender Lebenserwartung und dauerhaftem Geburtendefizit geprägte demografische Wandel wird die Städte in Europa grundlegend verändern. Er führt nicht nur zu einer deutlich älteren Bevölkerung, sondern auch zu verbreiteten Einwohnerrückgängen. Die vergleichende Forschung zu Ursachen, Ausprägungen und Folgen des Phänomens der schrumpfenden Städte steht heute noch am Anfang. Großräumig betrachtet, wird an der demografischen Schrumpfung vieler Städte und Gemeinden in Europa kein Weg vorbei führen.

In Wissenschaft, Politik und kommunaler Praxis wird die internationale Dimension des demografischen Wandels dennoch zu wenig wahrgenommen, obwohl spätestens zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts offensichtlich wurde, dass in vielen Ländern Europas, Asiens und Nordamerikas schrumpfende Städte ein strukturelles Langzeitphänomen und keine kurzlebige Unterbrechung des generellen Wachstumspfades darstellen. Kommunale Einwohnerverluste dürfen von politischen Entscheidungsträgern auf europäischer und nationaler Ebene nicht länger als Ausnahme oder konjunkturelles Phänomen fehlinterpretiert werden. Aufgrund der Geburtendefizite ist davon auszugehen, dass in Zukunft mehr als die Hälfte der europäischen Städte – in absoluten Zahlen sind das mehr als 4000 Kommunen – Schrumpfungsprozesse erfahren wird. Die Dimension der Verluste wird auch durch erhöhte Zuwanderung nach Europa nicht kompensiert werden, zumal die Zielgebiete der Migranten bevorzugt in den wachsenden Boomregionen Europas liegen und die bestehenden Disparitäten damit tendenziell noch verschärft werden.

Auch wenn Ausmaß, räumliches Muster und Entwicklungspfade der Schrumpfungsprozesse erheblich differieren, stellt städtische Schrumpfung eine zentrale Herausforderung für Stadtpolitik und Stadtforschung dar. Da alle politischen und planerischen Antworten den lokalen und nationalen Kontext berücksichtigen müssen, kann es keine Blaupause geben, wie Städte reagieren sollten. Stattdessen benötigen schrumpfende Städte kreative und flexible Strategien in hochgradig unsicheren Umfeldern. Dabei können Wissenschaft wie Praxis aus den andernorts gemachten Erfahrungen lernen. Bis heute gibt es zum Beispiel nur wenig belastbare Erkenntnisse über die Wirkungen unterschiedlicher Regenerierungsstrategien. Gleiches gilt für die Frage, wie Lernprozesse forciert werden können, um im Sinne des beschriebenen Stufenmodells vom Ignorieren des Problems zu proaktiven und zukunftsgerichteten Lösungen zu kommen.

Die wachstumsorientierten kommunalen Strategien der Vergangenheit laufen in einem von Schrumpfungsprozessen gekennzeichneten Umfeld Gefahr, erhebliche Ressourcen für Investoren und Einwohner aufzuwenden, die niemals kommen oder nach relativ kurzer Zeit wieder gehen werden. Bis heute folgt das kommunalpolitische Instrumentarium oftmals noch den vorherrschenden Wachstumszielen und orientiert sich am Planungsbedarf unter Wachstumsbedingungen. Eine Umorientierung von Wachstums- auf Schrumpfungsprozesse bedeutet ein anderes Verständnis von Planung. Der zwangsläufige Verzicht auf üppige Finanzmittel und der fehlende Bedarf an Neubauten verlangt eine neue Planungskultur, die sich an der behutsamen und strategischen Entwicklung des Bestandes orientiert. Die Erfahrungen mit dem Stadtumbau in Ostdeutschland können hier europaweit als wichtiger Schritt in diese Richtung gesehen werden.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Thorsten Wiechmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Dirk van de Kaa, Europe’s Second Demographic Transition, in: Population Bulletin, 42 (1987) 1, S. 1–59.
2.
Vgl. Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München 20054; Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Bevölkerungsentwicklung, Informationen zur politischen Bildung 282/2011, http://www.bpb.de/55877« (9.7.2015).
3.
Vgl. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Raumordnungsbericht 2011, Bonn 2012.
4.
Vgl. Beirat für Raumordnung, Raumordnung und demographischer Wandel, Berlin 2004.
5.
Vgl. Thorsten Wiechmann/Anne Volkmann, Schrumpfende Städte in Europa. Erfahrungen und Perspektiven, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Stadt – Land – Umland. Handlungsansätze für Kommunen im demographischen Wandel, Gütersloh 2013, S. 106–113.
6.
Vgl. United Nations (UN), Population Ageing and Development, 2012, http://www.un.org/esa/
population/publications/2012PopAgeingDev_Chart/2012PopAgeingandDev_WallChart.pdf
(9.7.2015).
7.
Vgl. Europäische Kommission, Eurostat Regional Yearbook 2012, Luxemburg 2012, S. 44.
8.
Vgl. UN (Anm. 6).
9.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Die Chancen des Schrumpfens. Plädoyer für eine andere Großstadtpolitik, in: Die Zeit vom 22.3.1985, S. 33–37.
10.
Dies., Neue Urbanität, Frankfurt/M. 1987, S. 120.
11.
Vgl. Thorsten Wiechmann, Zwischen spektakulärer Inszenierung und pragmatischem Rückbau. Umbau von schrumpfenden Stadtregionen in Europa, in: Irene Iwanov et al. (Hrsg.), Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen, Dresden 2003, S. 103–126.
12.
Vgl. ders./Manuel Wolff, Urban Shrinkage in a Spatial Perspective. Operationalization of Shrinking Cities in Europe 1990–2010, AESOP Congress 2013, Dublin.
13.
Suburbanisierung bezeichnet die intraregionale Dekonzentration von Bevölkerung, Arbeitsplätzen und Infrastruktur in städtischen Gebieten.
14.
Vgl. Thorsten Wiechmann, Errors Expected. Aligning Urban Strategy with Demographic Uncertainty in Shrinking Cities, in: International Planning Studies, 13 (2008) 4, S. 431–446.
15.
Vgl. ders./Karina Pallagst, Urban Shrinkage in Germany and the USA. A Comparison of Transformation Patterns and Local Strategies, in: International Journal of Urban and Regional Research, 36 (2012) 2, S. 261–280; Justin B. Hollander, Sunburnt Cities. The Great Recession, Depopulation and Urban Planning in the American Sunbelt, London–New York 2011; Alan Mallach, Rebuilding America’s Legacy Cities: New Directions for the Industrial Heartland, New York 2012.
16.
Vgl. Peter Matanle/Yasuyuki Sato, Coming Soon to a City Near You! Learning to Live "Beyond Growth" in Japan’s Shrinking Regions, in: Social Science Japan Journal, 13 (2010) 2, S. 187–210.
17.
Das Forschungsprojekt "Cities Regrowing Smaller" unter Leitung des Autors wurde durch das europäische COST-Programm (European Cooperation in Science and Technology) gefördert. Nähere Informationen unter http://www.shrinkingcities.eu« (9.7.2015).

Thorsten Wiechmann

Zur Person

Thorsten Wiechmann

Dr. rer. nat., geb. 1968; Professor für Raumordnung und Planungstheorie an der TU Dortmund, August-Schmidt-Straße 6, 44227 Dortmund. thorsten.wiechmann@tu-dortmund.de


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