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7.8.2015

Das Ende der DDR

Essay
Was die Mauer betrifft, so lassen wir uns nicht deren Schutzfunktion ausreden – ganz einfach, weil wir den Schutz spüren vor all dem, was hinter der Mauer an brauner Pest wuchert."[1] Diese Einschätzung traf im Juli 1989 Ulrich Junghanns, von 2002 bis 2009 Wirtschaftsminister in Brandenburg und 2007/2008 Vorsitzender der dortigen CDU. In der DDR gehörte er zu den Funktionären der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands – einer Blockpartei, die 1990 in der CDU aufging. Eine andere Einschätzung, wenige Tage nach dem Fall der Mauer: "Lasst Euch nicht von den Forderungen nach einem politischen Neuaufbau der Gesellschaft ablenken! Ihr wurdet weder zum Bau der Mauer noch zu ihrer Öffnung befragt, lasst Euch jetzt kein Sanierungskonzept aufdrängen, das uns zum Hinterhof und zur Billiglohnquelle des Westens macht! (…) Wir werden für längere Zeit arm bleiben, aber wir wollen keine Gesellschaft haben, in der Schieber und Ellenbogentypen den Rahm abschöpfen."[2] So argumentierten führende Kräfte des Neuen Forums um Bärbel Bohley und Jens Reich. In beiden Zitaten kommen dem antikapitalistisch-antifaschistischen Jargon der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) entlehnte Wendungen vor ("braune Pest", "Schieber und Ellenbogentypen").

Die Beispiele, nicht gewählt, um selbstgerecht spezifische Positionen zu diskreditieren, sollen zeigen, wie überraschend der Fall der Mauer kam – und damit das Ende der DDR. Verbreitet war die Akzeptanz des geteilten Deutschlands im Osten wie im Westen. "Das Ende der DDR" es stand nicht auf der Tagesordnung von Politikern, Publizisten und Politikwissenschaftlern, auch wenn manche Neunmalkluge im Nachhinein den Eindruck erwecken, als sei es vorhersehbar gewesen.

Einer der Altmeister der deutschen Politikwissenschaft, Klaus von Beyme, sprach von einem "schwarzen Freitag" der Sozialwissenschaften. Der Hinweis auf deren Versagen lenkt aber vom eigentlichen Problem ab: Kritikwürdig ist weniger, das Ende der DDR nicht erkannt, sondern die Illegitimität ihres Herrschaftssystems, unabhängig von seiner Stabilität, verkannt zu haben. Die heftigste Schelte an der politikwissenschaftlichen DDR-Forschung kam dann aus den eigenen Reihen: Jens Hacker konzentrierte sich auf den Umstand, die (Politik-)Wissenschaft habe nicht an der Wiedervereinigung festgehalten.[3] Der Standpunkt der westdeutschen DDR-Forschung vor 1990 wurde nach 1990 bislang nur unzureichend analysiert.[4] Eine Lehre könnte lauten: Frage bei der Analyse diktatorischer Systeme weniger nach der normativen Kraft des Faktischen als nach der faktischen Kraft des Normativen! Und die These, die DDR sei "ausgeforscht", ist ein Vierteljahrhundert nach ihrem Ende unhaltbar, zumal der paradoxe Begriff wissenschaftsfeindlich anmutet.[5]

Zäsur 1989



Im Laufe der 1970er und vor allem der 1980er Jahre kristallisierte sich eine Art "Selbstanerkennung" der Bundesrepublik Deutschland als "postnationale Demokratie unter Nationalstaaten"[6] heraus, so der Bonner Demokratie- und Diktaturforscher Karl Dietrich Bracher. Wer in den 1980er Jahren für die deutsche Einheit stritt, galt in der Regel als linker oder rechter Nationalneutralist.[7] Die deutsche Einheit wurde vage als mögliche Folge der europäischen Einheit angesehen. Tatsächlich avancierte sie dann zu einem Schrittmacher der europäischen Einheit. Wer in den 1980er Jahren nicht für die Wiedervereinigung focht, musste nicht ihr prinzipieller Gegner sein. Schließlich schien diese allenfalls unter dem Vorzeichen einer – wenig wünschenswerten – Neutralität ganz Deutschlands erreichbar.

Hinfällig und entkräftet zerbrach der sowjetische Kommunismus mehr an eigenen Schwächen als an Angriffen seiner Gegner. Der Versuch Michail Gorbatschows, das System von innen heraus zu reformieren, beschleunigte den Untergang des "Vaterlandes aller Vaterländer". Einerseits machten Verselbständigungstendenzen einstiger Satellitenstaaten der Sowjetunion zu schaffen, andererseits leistete sie ihnen durch eigene Liberalisierung indirekt Vorschub. Ein Domino-Effekt trat ein. Das Ende der diktatorischen DDR, das sich in das Ende einer weltgeschichtlichen Periode einfügte, ist nur vor dem Hintergrund der präzedenzlosen Vorgänge in der Sowjetunion zu verstehen.[8] Den einst verteufelten Terminus "Totalitarismus" wandten Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und Eduard Schewardnadse nun auf "ihr" System an.

1989 stellt ebenso ein Epochenjahr dar wie 1789. Die Wahrnehmung der Zeitgenossen kann aber von der retrospektiven Wahrnehmung abweichen. Martin Sabrow hat dafür das Begriffspaar "Erfahrungs- und Deutungszäsur"[9] geprägt. Zwei Beispiele: Während die Zeitgenossen 1918/19 als gravierenden Einschnitt empfanden, war der Übergang von der autoritären Monarchie zur demokratischen Republik tatsächlich stark von Kontinuität bestimmt. Umgekehrt fiel die Perzeption für das Jahr 1933 aus: Damals galt die "legale Revolution" vielfach nicht als Zäsur. Hingegen sind bei den zwei letzten großen Einschnitten 1945 bis 1949 und 1989/90 Erfahrungs- und Deutungszäsur weithin deckungsgleich.

Ich möchte 25 Jahre nach dem Ende der DDR zwei Fragen, die in einem engen Zusammenhang stehen, pointiert und ansatzweise zu beantworten versuchen. Erstens, vor allem: Welche Ursachen sind für das Ende der DDR verantwortlich, zum einen für das Ende der SED-Diktatur – sie führte zur Freiheit, zum anderen für das Ende der freiheitlichen DDR – sie führte zur Einheit. Zweitens, etwas kürzer: Welche Folgen zeitigte dieses Ende, zum einen bezogen auf die Freiheit, zum anderen auf die Einheit, wobei keine trennscharfe Unterscheidung zwischen freiheits- und einheitsbedingten Folgen möglich ist.

Vorher werfe ich eine Frage auf, die rhetorischer Natur zu sein scheint: Wann endete die DDR? Es gibt zwei Extremantworten. Die erste ignoriert den Staat der DDR, die zweite dämonisiert seine Wirkung. Variante 1: Das Ende der DDR war schon besiegelt, als sie noch gar nicht existierte. Alle Alliierten gingen auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 von der Einheit Deutschlands aus. Insofern war dessen spätere Teilung weniger eine Folge des von Deutschland angezettelten Weltkrieges als vielmehr des Kalten Krieges. Sollte der Ost-West-Konflikt zu Ende gehen, könnte sich die deutsche Frage neu stellen. Variante 2: Die DDR ist nicht tot, sondern lebendiger denn je. Wer so argumentiert, zielt auf die Popularität der Jugendweihe, die Zunahme der Kirchenaustritte, auf die Verklärung der DDR, auf "Ostalgie". Im Westen – für Autoren wie Arnulf Baring ist die Bundesrepublik mittlerweile eine "DDR light"[10] – fällt zuweilen daher das böse Wort von "Dunkeldeutschland".

Der 9. Oktober 1989 mit der Massendemonstration der 70000 in Leipzig war der Durchbruch zur Freiheit, der 9. November mit dem Mauerfall in Berlin der Durchbruch zur Einheit. Die Zeitgenossen nahmen dies so nicht wahr. Erfahrungs- und Deutungszäsur müssen sich, wie gezeigt, nicht decken. Zum Teil gingen die beiden Phasen ineinander über. So gab es bereits in der zweiten Novemberhälfte 1989 Demonstrationen für die Einheit Deutschlands, als noch das erst am 1. Dezember gestrichene Machtmonopol der SED in der Verfassung festgeschrieben war. Ist die Freiheits- und Einheitsrevolution im Gegensatz zum Umbruch in anderen Staaten Ostmitteleuropas durch eine "doppelte Demokratisierung"[11] gekennzeichnet – zunächst die Selbstbefreiung von der Diktatur 1989, dann, 1990, der Austausch des soeben erst errungenen demokratischen Systems gegen das der Bundesrepublik Deutschland? Diese These stimmt insofern nicht, als auch in anderen Staaten eine doppelte "Demokratisierung" ablief, nur mit konträren Konsequenzen. Aus der Tschechoslowakei gingen Tschechien und die Slowakei hervor, aus Jugoslawien und der Sowjetunion mehrere Staaten.[12] Aber die Revolution in der DDR erhielt eine besondere Dynamik durch den Ruf nach dem Beitritt zu einer ökonomisch starken und politisch gefestigten Demokratie.

Ursachen für das Ende der diktatorischen DDR



Die Sowjetunion spielte beim Aufbau der SED-Diktatur eine ebenso tragende Rolle wie bei deren Ende. Gorbatschow war nicht nur der Totengräber der Sowjetunion, sondern auch der DDR, wiewohl dies seiner Intention widersprach. Was er wollte: Reformen; was er bewirkte: das Ende des "real existierenden Sozialismus". Er ging in die Reformfalle. Und er akzeptierte mit seiner Absage an die Breschnew-Doktrin[13] den Systemwechsel. Insofern war es von Erich Honecker keine nachträgliche Rechthaberei, seine nicht auf Glasnost und Perestroika setzende Politik zu verteidigen: "Gorbatschow will das europäische Haus bauen. Wir alle sind dabei, unsere eigenen Häuser zu zerstören."[14] Stärkere Repression im Inneren hätte der SED-Diktatur eine Atempause gewährt.

Die kommunistische DDR war nicht reformierbar. Gerade weil die oppositionelle Bewegung als reformerisch galt, leistete sie ihren Beitrag zur Revolution. Der beständige Vorwurf an die beiden "Erichs" – Honecker und Mielke –, durch Starrheit den eigenen Untergang beschleunigt zu haben, stimmt so nicht. Außenpolitische und wirtschaftliche Umstände zwangen die DDR allerdings zu immer mehr Konzessionen. Der allmählichen Loslösung von der Sowjetunion folgte eine partielle Abhängigkeit von der Bundesrepublik. Die großzügigere Regelung der Reisepraxis ab Mitte der 1980er Jahre minderte keineswegs das Unruhepotenzial, sondern zog Ausreiseanträge nach sich. Nicht mangelnde, sondern zu große Flexibilität unterminierte die SED-Herrschaft.

Da die Bevölkerung wusste, Kritik werde weniger scharf geahndet als früher, riskierte sie mehr, entwickelte sie mit der Abnahme der Repressionen ein besonderes Gespür für Repression – eine Variante des Tocqueville-Effekts.[15] Der Unmut der Bürger war fast durchgängig groß – über die im Vergleich zum Westen schlechte wirtschaftliche Situation, über die mangelnde Reisefreiheit, über die politischen Repressalien. Autonome intermediäre Strukturen fehlten, für Mängel machten viele Bürger daher "das System" verantwortlich. Allerdings stieß dieses auch auf eine gewisse Loyalität, womit sich die relative Stärke der postkommunistischen Partei nach 1990 erklärt.[16]

Da die SED ideologisch ermattet war, agierte die Staatssicherheit nicht. Sie, die alle oppositionellen Gruppierungen unschädlich machen sollte, blieb in der Krise eigentümlich passiv,[17] nicht zuletzt, weil die ostdeutsche Diktatur offenkundig nicht mehr den Bajonetten der Sowjetunion vertrauen konnte. Am Ende, als der Umbruch unabwendbar erschien, wollte sie, kein "Staat im Staate", die eigene Arbeit durch mehr oder weniger systematische Aktenvernichtung vertuschen.

Wer die Kategorien der Systemwechselforschung zugrunde legt,[18] kommt zu folgendem Ergebnis: Entgegen mancher Legenden hat es in der DDR offenkundig keinen von alten Regimeeliten gelenkten Systemwechsel gegeben, auch nicht einen durch die Sowjetunion inspirierten. Der Systemwechsel war von unten erzwungen – durch das komplexe Zusammenspiel der Fluchtbewegung ("exit") im Sommer und der Demonstrationsbewegung ("voice") im Herbst, so das Modell des aus Deutschland emigrierten Soziologen Albert O. Hirschman:[19] "Wir wollen raus" zog "Wir bleiben hier" nach sich. Den "alternativen Kräften", wie schwach auch immer sie waren, kam mit ihren Maximen von einem "Dritten Weg" und unbedingter Gewaltfreiheit zunächst eine zentrale Rolle zu. Daneben bestimmten Elemente der Implosion die revolutionären Ereignisse, die soziale Kontrolle der öffentlichen Meinung durch die Herrschenden bröckelte.[20] Ein ausgehandelter Systemwechsel blieb in der DDR – anders als in Polen und Ungarn – weithin aus, jedenfalls in der Frühphase. Erst als der Sieg der Revolution unaufhaltsam schien, traten SED-Politiker an die Spitze der Proteste, um ihr die Spitze zu nehmen. Dazu gehören etwa die vielen Runden Tische und die Einbindung Oppositioneller in Hans Modrows "Regierung der nationalen Verantwortung", so die vollmundig-irreführende Eigenbezeichnung. Auf diese Weise gerieten die "feindlich-negativen Kräfte", um die Terminologie der Staatssicherheit zu benutzen, immer mehr in einen Gegensatz zur Masse der Bürger, die das System ohne Wenn und Aber beseitigen wollte. Bürgerrechtler tappten in fünf "Fallen"[21]: die Sozialismusfalle, die Reformfalle, die Antifaschismusfalle, die Dritte-Weg-Falle und die Teilungsfalle.


Ursachen für das Ende der demokratischen DDR



Mit der Freiheit war die Einheit noch nicht erreicht. Nach dem Fall der Mauer und bei nun vermindertem Repressionsrisiko änderte sich das Meinungsklima atemberaubend schnell: Wer an einer eigenständigen DDR festhielt, geriet rasch in die Defensive. Die ostdeutsche Bevölkerung, aller Propaganda von einer "sozialistischen Nation" zum Trotz, wollte das Leben im Westen, überdrüssig jeglicher Experimente. Zwar hatten Teile der "künstlerischen Intelligenz" 1976 nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert, aber die Masse der Bevölkerung ließ dies kalt. Eine Paradoxie: Der Liedermacher Biermann musste gehen und wollte bleiben, viele DDR-Bürger hingegen mussten bleiben und wollten gehen.

Otto Reinhold, Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, hatte im August 1989 in einem Rundfunkbeitrag Tacheles geredet: "Welche Existenzberechtigung sollte eine kapitalistische DDR neben einer kapitalistischen Bundesrepublik haben? Natürliche keine. Nur wenn wir diese Tatsache immer vor Augen haben, wird klar erkennbar, wie wichtig für uns eine Gesellschaftsstrategie ist, die kompromisslos auf die Festigung der sozialistischen Ordnung gerichtet ist."[22] Da keine ausgeprägte DDR-Identität bestand, musste das Ende der SED-Herrschaft auch das Ende der DDR bedeuten. Hingegen hieß es am 7. Oktober 1989 in der Grundsatzrede von Markus Meckel bei der Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP), die als erste Kraft mutig die Machtfrage stellte: "Wir anerkennen die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge der schuldhaften Vergangenheit unseres Volkes."[23] Das war faktisch das Zwei-Nationen-Konzept der SED: offenkundig eine Chimäre.

Die DDR-Regierung trat nach dem Fall der Mauer, der dem gleichen Zweck dienen sollte wie ihr Bau – dem Erhalt der DDR –, die Flucht nach vorne an und suchte mit ihrem Vorschlag einer "Vertragsgemeinschaft" und einer Konföderation in die Offensive zu gelangen. Hingegen wurde die Bundesregierung erst aktiv, als der öffentlich bemerkbare Stimmungswandel in Richtung Einheit umschlug. Helmut Kohls vorsichtig formuliertes Zehn-Punkte-Programm von Ende November 1989 – gleichwohl ein Paukenschlag – verfehlte seine Wirkung weder im Ausland noch in Deutschland. Der letzte Punkt lautete: "Die Wiedervereinigung, das heißt die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands, bleibt das politische Ziel der Bundesregierung."

Wir wissen nicht, was Michail Gorbatschow, wahrlich kein Stratege, nach erbittertem Widerstand und Zögern bis Anfang 1990[24] dazu bewog, gegen ein vereintes Deutschland innerhalb der NATO kein Veto einzulegen: die Notwendigkeit, angesichts der ökonomisch prekären Lage, den finanziell starken Westen nicht vor den Kopf zu stoßen? Die schwierigen Nationalitätenkonflikte im eigenen Lande, die eine offensive Außenpolitik unmöglich machten? Die Einsicht, das eigene System sei ein für allemal gescheitert? Die Entwicklung im Warschauer Pakt, dessen Mitglieder in die NATO strebten? Die Überzeugung, das Selbstbestimmungsrecht der Völker sei zu akzeptieren? Der klar bekundete Wille des Westens, an der Einbindung Deutschlands im westlichen Verteidigungsbündnis ohne Wenn und Aber festzuhalten? Die "Männerfreundschaft" zu Helmut Kohl und George Bush, die darauf bedacht waren, den sowjetischen Parteichef nicht zu demütigen? Vermutlich schließt das eine das andere nicht aus.

Ein Gedankenexperiment: Was wäre gewesen, hätte der sowjetische Politiker zu Beginn der friedlichen Revolution die "deutsche Karte" gezogen und wie Stalin 1952 die Vereinigung Deutschlands unter neutralen Vorzeichen angeboten? Sicher, kontrafaktische Überlegungen sind müßig, zeigen jedoch die Offenheit des historischen Verlaufs. Es wäre zu einem massiven Konflikt zwischen der ostdeutschen Bevölkerung und der westdeutschen Politik gekommen. Ein solcher Vorschlag hätte einen Keil in das westliche Lager getrieben – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche Einheit und für die fluide politische Stimmung in ganz Deutschland.

Folgen der Freiheit



Die stark extremistische NPD, die schwach ist, spielt schon seit langem ebenso wie die schwach extremistische Partei Die Linke, die stark ist, im Osten eine deutlich größere Rolle als im Westen. Aber die Freiheit ist in der gefestigten Demokratie Deutschlands nicht in Gefahr. Größere Unterschiede zwischen Ost und West bestehen bei der Frage nach dem Sozialismus-Verständnis: Im Osten gilt der Sozialismus einer großen Mehrheit ununterbrochen seit 1990 als gute, freilich schlecht ausgeführte Idee, im Westen halten sich Befürworter und Gegner die Waage, und – damit zusammenhängend – bei dem Gleichheits- beziehungsweise Freiheitsverständnis.[25] Die Soziale Marktwirtschaft findet in den neuen Bundesländern sozialisations- und situationsbedingt weniger Unterstützung als in den alten. Allerdings haben sich dort – "rotes Brandenburg", "schwarzes Sachsen" – schnell spezifische Regionalkulturen herausgebildet.[26] Von "dem" Osten (von "dem" Westen ganz zu schweigen) kann darum heute keineswegs mehr die Rede sein.[27]

Nicht wenige in den neuen Bundesländern vermissen die "sozialen Errungenschaften" der DDR, rufen nach "Vater Staat" und "Mutter Betrieb", der eine Art "Heimat" bot. In der DDR habe größere Hilfsbereitschaft zwischen den Menschen bestanden, wobei, was zuweilen der Vergessenheit anheimfällt, der seinerzeitige Zusammenhalt oft aus der Not geboren war. Im Vergleich zum Westen dominiert Konsensbewusstsein und eine gewisse Konfliktscheu. Damit korreliert das geringere Maß an Lagermentalität. Die Konsequenz: Herkömmliche Links-Rechts-Orientierungen sind schwächer ausgeprägt.

Ostdeutsche sprechen der DDR mehr gute als schlechte Seiten zu – Ostalgie spielt eine Rolle,[28] weniger der Wunsch nach einer Rückkehr zu DDR-Verhältnissen. Die Westbindung dürfte angesichts jahrzehntelangen "Trommelns" gegen die "Kriegstreiber" im Osten nicht so tief verankert sein wie im Westen. Aus gegebenem Anlass – etwa beim Kosovo-, Irak-, Afghanistan- oder Ukraine-Konflikt – lassen sich antiwestliche Affekte abrufen.

Wer pauschal die weltoffene Bürgerkultur der alten Bundesländer gegen die Obrigkeitskultur des Ostens ausspielt, bedient Klischees, wiewohl Illiberalität im Osten – etwa gegenüber Minderheiten – stärker entfaltet ist als im Westen. Eine Demonstrationsbewegung wie Pegida ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes")[29] dürfte nicht zufällig im Osten aufgekommen sein. Dieser ist soziokulturell autoritärer und sozioökonomisch linker als der Westen. Damit erklärt sich das eigentümliche Erscheinungsbild von Pegida. Globalisierungskritische Positionen gehen Hand in Hand mit migrationskritischen. Pointiert formuliert: "Abgehängte" wehren sich gegen einen Elitenkonsens, bezogen etwa auf Multikulturalismus und Tendenzen hin zu einem europäischen Bundesstaat. Eine neue Partei wie die Alternative für Deutschland besitzt im Osten ihre Hochburgen.

Gleichwohl: Die neuen Bundesländer sind überwiegend demokratisch konsolidiert. Deutschland ist weiterhin ein "Staat der Mitte" (Jörn Ipsen) mit seiner "Politik des mittleren Weges" (Manfred G. Schmidt). Allerdings fällt im Westen die System- und Demokratieakzeptanz größer als im Osten aus, das Institutionenvertrauen ebenso. Dies kann ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Einheit kaum anders sein.

Folgen der Einheit



In den neuen Bundesländern ist in einigen gesellschaftlichen Bereichen ein Elitenwechsel weithin ausgeblieben, beispielsweise in der Verwaltung. Wer früher "oben" stand, wurde nicht zwangsläufig abgehalftert, und wer heute bestimmte Qualifikationen nicht besitzt (etwa, weil er zu DDR-Zeiten keine politischen Konzessionen machte), ist erneut "der Dumme". In anderen Bereichen dominiert West-Personal, vor allem politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spitzenposten sind entsprechend besetzt. Ostdeutsche sehen vielfach ihre Biographie als entwertet an, ihre Lebensleistung nicht angemessen gewürdigt: "Im Osten ist das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, über alle Parteiorientierungen hin weit verbreitet."[30] Für das als unzureichend empfundene Tempo der wirtschaftlichen Angleichung sind nicht nur bundesdeutsche Politiker und Wirtschaftsbosse verantwortlich, sondern auch die einst maroden Zustände in Ostdeutschland. Manche Fehler waren in dem präzedenzlosen Einigungsprozess, der zudem unter großem Zeitdruck ablief, wohl unvermeidlich. Die "Wohlstandsexplosion" (Klaus Schroeder) im Osten erfährt dort nicht gebührende Würdigung: Maßstab ist allein der "heutige Westen", nicht der "frühere Osten".

Ist es nicht ein schönes Indiz für "Normalität", die Tatsache einer ostdeutschen Kanzlerin und eines ostdeutschen Bundespräsidenten weder zu bekritteln noch zu loben? Das Wort von der "Vereinigungskrise" (Jürgen Kocka), das in den 1990er Jahren grassierte, ist mittlerweile ein Anachronismus. Von 1949 bis zum Mauerbau 1961 sind etwa 2,5 Millionen Menschen aus der DDR in den Westen abgewandert. In der Zeit bis Ende 1989 folgte eine weitere Million. Allein in den 1990er Jahren sind über zwei Millionen Ostdeutsche in den Westen und über eine Million Westdeutsche in den Osten gezogen. Zudem fördert eine Vielzahl an Migranten die demographische Durchmischung.

Einige ostdeutsche Gegenden, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, leiden unter Verödung. Der FAZ-Redakteur Peter Carstens hat 2014 ein trostloses Bild des Ostens gezeichnet. "Eine Bahnfahrt von Berlin nach Dresden: gute Gelegenheit, über die deutsche Einheit nachzudenken. Der Zug schleicht über krumme Schienen. Es geht vorbei an Feldern und Birkenwäldchen. Alles wirkt malerisch und menschenleer. (…) Zwei Diktaturen, zwei Kriege und ein beispielloser Bevölkerungsrückgang haben die Gesellschaft erschüttert und ausgezehrt. In manchen Gegenden der Altmark, der Prignitz oder der Uckermark sieht es heute aus wie im neunzehnten Jahrhundert: weite Felder, arme Dörfer. (…) Vielleicht sollte die Kanzlerin mal wieder mit dem Zug nach Dresden fahren."[31] Das ist Schwarzmalerei, auch wenn der Publizist kritikwürdige Zustände einfängt. Helmut Schmidts Diktum vor einigen Jahren, der Osten sei "Mezzogiorno ohne Mafia", vermittelt ein Zerrbild. Und warum muss der Berliner Ethnologe Ulf Matthiesen davon sprechen, ostdeutsche Regionen würden aufgrund des Exodus "versteppen, verblöden und vergreisen"?[32] Die zwei Freistaaten im Osten stehen besser da als die beiden Bindestrichländer und Brandenburg, dessen Bevölkerung 1996 die Fusion mit Berlin abgelehnt hat. Es gibt "Ostinseln" des "Aufstiegs", etwa Dresden und Leipzig, wie "Westinseln" des "Abstiegs", etwa das Ruhrgebiet. Werden wir nach weiteren 25 Jahren ein deutschlandweites Nord-Süd-Gefälle haben – und kaum mehr ein Ost-West-Gefälle?

Das Verhältnis zu den nationalen Symbolen ist nicht mehr so verkrampft (man denke an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land), dies nicht zuletzt dank der deutschen Einheit. Patriotismus ist heute weithin geachtet, Nationalismus hingegen geächtet. Westdeutsche fühlen sich im Vergleich zu den Ostdeutschen eher als Deutsche (und nicht als Westdeutsche), wobei Ostdeutsche bei der Frage nach dem Gelingen des Zusammenwachsens von Ost und West deutlich reservierter sind.[33] Ein Plädoyer für eine Separation des Ostens vom Westen oder des Westens vom Osten entbehrt jeglichen Realismus, anders als etwa in Belgien, Großbritannien, Italien, Spanien. Berlin avancierte zur Bundeshauptstadt, der 3. Oktober zum neuen "Tag der Deutschen Einheit" (nunmehr großgeschrieben). Unter dem Gesichtspunkt der Glaubwürdigkeit ist das Votum für Berlin richtig, das für den 3. Oktober nicht. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Ziele der Volkserhebung in der DDR im Jahr 1953 erreicht waren – Freiheit und Einheit –, schaffte der Einigungsvertrag den 17. Juni als Tag der deutschen Einheit ab.[34]


Ursachen und Folgen im Vergleich



Die Initiative für das Ende der DDR – der langjährigen diktatorischen wie der kurzzeitigen demokratischen – ging von den bei ihrer Flucht- wie ihrer Demonstrationsbewegung durch westliche Medien[35] beeinflussten Menschen in der DDR aus – die Macht der Bilder überlagerte die Bilder der Macht. Sie stürzten das System der Unfreiheit im ersten möglichen Moment, und sie strebten – sofort, unverzüglich – die Einheit Deutschlands an. Beides konnte nur gelingen, weil sich die Sowjetunion dem nicht mehr entgegenstellte. Im Vergleich zu den Ursachen für das Ende der SED-Diktatur (die veränderte außenpolitische Konstellation durch die Sowjetunion Gorbatschows) sind endogene Faktoren (der klare Wille der DDR-Bevölkerung) für das Ende der DDR stärker.

Wer die Folgen des Endes der DDR mit Blick auf Freiheit und Einheit in den Blick nimmt, erkennt eine gewisse Diskrepanz zwischen der Einschätzung im Osten und im Westen Deutschlands einerseits, der im Ausland andererseits. Der Blick von außen nimmt die deutsche Einheit weithin als "Erfolgsgeschichte" wahr und empfindet manche Klage als "Luxusproblem". In Deutschland hingegen wird mehr über die materiellen Kosten der Einheit geredet als über die immateriellen Lasten der Teilung. Richard Schröder, neben Jens Reich und Friedrich Schorlemmer einer der führenden Intellektuellen aus dem Osten, wendet sich gegen die Miesmacher, welche die deutsche Einheit vor allem unter der Rubrik "Pleiten, Pech und Pannen"[36] abhandeln, ebenso gegen Gesundbeterei.

Machen wir ein weiteres Gedankenexperiment: Bei den Menschen in der DDR wäre, kurz vor dem Fall der Mauer, als Zukunftsszenario die heutige Situation in Deutschland beschrieben, wohl eitel Freude gewesen; die ökonomische Lage nahm desolate Ausmaße an, die Demonstrationsbewegung höchst riskante Formen. Hätten dieselben Personen elf Monate später, kurz vor der deutschen Einheit, in höchster Euphorie, erfahren, die Lage werde in 25 Jahren so sein wie derzeit, wäre der Missmut groß gewesen. Das Urteil hängt stark vom jeweiligen Ausgangspunkt ab.

Ist durch die deutsche Einheit auch die "alte" Bundesrepublik Deutschland untergegangen? Wer diese Position teilt, benennt neben dem größeren außenpolitischen Spielraum, der militärische Verantwortung einschließt, Tendenzen im Westen, die jenen in den neuen Bundesländern ähneln: den Rückgang der Wahlbeteiligung etwa, die sinkende Zahl der Parteimitglieder, die nachlassende Partizipation in Bürgerinitiativen. Dies sind jedoch gesellschaftliche Prozesse in der gesamten westlichen Welt. Insofern ist der Osten keineswegs ein Vorreiter für den Westen. Es ist weithin zu einer Verwestlichung des Ostens gekommen, nicht zu einer "Verostung" (Arnulf Baring) des Westens. Je weiter wir uns von 1989/90 entfernen, umso klarer zeigt sich: Die DDR, ein künstliches Gebilde, schuf wenig Dauerhaftes.

Aufgaben der hiesigen Politikwissenschaft



Mit Blick auf die Rezeption der friedlichen Revolution 1989 und der deutschen Einheit 1990 fällt das Urteil über die Politikwissenschaft nicht sonderlich positiv aus. Die Geschichtswissenschaft hat ihr vielerorts den Rang abgelaufen. Ich nenne beispielhaft nur je ein (Meister-)Werk: Ilko-Sascha Kowalczuks "Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR" und Andreas Rödders "Deutschland einig Vaterland". Historische Umbrüche derartigen und unerwarteten Ausmaßes rufen naturgemäß zunächst Zeithistoriker auf den Plan, die den Verlauf samt Ursachen und Folgen detailliert nachzeichnen und Mythen korrigieren.

Ein Vierteljahrhundert nach 1989/90 ist es jedoch Zeit für größere politikwissenschaftliche Perspektiven. Ein Titel wie "Die Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik", der an ein bahnbrechendes Werk Karl Dietrich Brachers von 1955 zur Weimarer Republik erinnert, ist ebenso ein Desiderat wie ein kategorial überzeugendes Werk zum Systemwechsel 1989/90 in der DDR, auch unter Einbeziehung der internationalen Konstellationen. Die innen- und außenpolitischen Folgen der deutschen Einheit sind politikwissenschaftlich ebenfalls unzureichend analysiert.

Beherzigte die deutsche Politikwissenschaft stärker Maximen ihrer Gründungsväter, gewönne das Fach mehr Ausstrahlung und Bodenständigkeit zugleich. Wie die mit dem Namen von Karl Dietrich Bracher und seinem Nachfolger Hans-Peter Schwarz verbundene "Bonner Schule" gelehrt hat, muss der Unterschied zwischen der Politik- und der Geschichtswissenschaft ohnehin nicht prinzipieller Natur sein. Die Politikwissenschaft hat bei aller Notwendigkeit der Strukturanalyse die Rolle von Persönlichkeiten (wieder) stärker zu erfassen.[37] Auch das lehrt die Geschichte der friedlichen Revolution und die der deutschen Einheit. Es gilt, an den großen Wurf Peter Graf Kielmanseggs, der die Zeit bis 1990 doppelsinnig mit "Nach der Katastrophe" einfängt, so die traumatische Vergangenheitsfixierung im westlichen Deutschland betonend, bald anzuknüpfen. Möglicher Titel: "Nach dem Wunder".

Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung der Abschiedsvorlesung des Autors am 3. Juli 2014 an der TU Chemnitz.
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Fußnoten

1.
Ulrich Junghanns, Berlin – sozialistische Metropole in Farben der DDR, in: Bauernecho vom 3.7.1989, S. 6.
2.
Jens Reich/Sebastian Pflugbeil/Bärbel Bohley/Reinhard Schult/Eberhard Seidel/Jutta Seidel, "Die Mauer ist gefallen", 12. November 1989. Zit. nach: Jens Reich, Rückkehr nach Europa. Zur neuen Lage der deutschen Nation, München 1991, S. 202.
3.
Vgl. Jens Hacker, Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen, Frankfurt/M.–Berlin 1994³.
4.
Vgl. Jens Hüttmann, DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung, Berlin 2008.
5.
Vgl. dazu Thomas Lindenberger, Ist die DDR ausgeforscht? Phasen, Trends und ein optimistischer Ausblick, in: APuZ, (2014) 24–26, S. 27–32.
6.
Karl Dietrich Bracher, Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln 19765, S. 544; ders., Politik und Zeitgeist. Tendenzen der siebziger Jahre, in: ders./Wolfgang Jäger/Werner Link, Republik im Wandel 1969–1974. Die Ära Brandt, Stuttgart 1986, S. 406.
7.
Vgl. Eckhard Jesse, Der "dritte Weg" in der deutschen Frage. Über die Aktualität, Problematik und Randständigkeit einer deutschlandpolitischen Position, in: Deutschland Archiv, 22 (1989) 5, S. 543–559; Alexander Gallus, Die Neutralisten. Verfechter eines vereinten Deutschland zwischen Ost und West 1945–1990, Bonn 2001, S. 309–446; etwas anders setzt die Akzente Lutz Haarmann, Teilung anerkannt, Einheit passé? Status-quo-oppositionelle Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland vom Grundlagenvertrag bis zur Friedlichen Revolution, Berlin 2013.
8.
Vgl. den Großessay von György Dalos, Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa, München 2009.
9.
Martin Sabrow, Zäsuren in der Zeitgeschichte, in: Frank Bösch/Jürgen Danyel (Hrsg.), Zeitgeschichte. Konzepte und Methoden, Göttingen 2012, S. 107–130.
10.
Vgl. Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 19.11.2002.
11.
Vgl. Michael Richter, Die doppelte Demokratisierung. Eine ostdeutsche Besonderheit der Transition, in: Totalitarismus und Demokratie, 3 (2006) 1, S. 79–98.
12.
"Demokratisierung" ist in zweierlei Hinsicht ohnehin problematisch: Zum einen war die Beseitigung einer Diktatur mehr als eine "Demokratisierung", zum anderen der Beitritt bzw. die Teilung, obwohl jeweils auf dem Votum der Bevölkerung basierend, keine "Demokratisierung".
13.
Gemäß diesem 1968 im Anschluss an den Einmarsch in die Tschechoslowakei formulierten Interventionsvorbehalt der Sowjetunion wurde ihren sozialistischen "Bruderländern" nur eingeschränkte Souveränität zugestanden.
14.
Erich Honecker zit. nach: Egon Krenz, Herbst ’89, Berlin 1999, S. 28.
15.
Der große französische Liberale Alexis de Tocqueville vertrat die zutreffende Ansicht, die Reduktion von Ungleichheit erhöhe die Sensibilität für deren Existenz.
16.
Vgl. Udo Grashoff, Legitimation, Kooptation und Repression in der DDR, in: Uwe Backes/Steffen Kailitz (Hrsg.), Ideokratie im Vergleich. Legitimation, Kooptation, Repression, Göttingen 2014, S. 185–205.
17.
Vgl. Daniela Münkel (Hrsg.), Herbst ’89 im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung – Auswahledition, Berlin 2014.
18.
Vgl. Eckhard Jesse, Systemwechsel in Deutschland. 1918–1933–1945/49–1989/90, Bonn 20134, S. 17–32.
19.
Vgl. Albert O. Hirschman, Abwanderung, Widerspruch und das Schicksal der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Essay zur konzeptionellen Geschichte, in: Leviathan, 20 (1992) 3, S. 330–350.
20.
Vgl. Nicole Weisheit-Zenz, Öffentliche Meinung im Dienste des Regimes? Soziale Kontrolle und "Opposition" in der DDR in den letzten Jahres ihres Bestehens, Münster 2010.
21.
Vgl. Eckhard Jesse, DDR: Die intellektuelle Formierung der Opposition seit den 1970er Jahren, in: Hans-Joachim Veen/Ulrich Mählert/Peter März (Hrsg.), Wechselwirkungen Ost-West. Dissidenz, Opposition und Zivilgesellschaft 1975–1989, Köln u.a. 2007, S. 65–77.
22.
Zit. nach: Die "sozialistische Identität" der DDR. Überlegungen von Otto Reinhold in einem Beitrag für Radio DDR am 19. August 1989, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 34 (1989) 10, S. 1175.
23.
Markus Meckel, Programmatischer Vortrag zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) am 7. Oktober in Schwante, in: Markus Meckel/Martin Gutzeit, Opposition in der DDR. Zehn Jahre kirchliche Friedensarbeit – kommentierte Quellentexte, Köln 1994, S. 394.
24.
Vgl. Stefan Karner et al. (Hrsg.), Der Kreml und die "Wende" 1989. Interne Analysen der sowjetischen Führung zum Fall der kommunistischen Führung. Dokumente, Innsbruck 2014. Siehe etwa die Rede Gorbatschows auf dem Warschauer-Pakt-Gipfel in Moskau vom 4. Dezember 1989, ebd., S. 550–579.
25.
Vgl. Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 2003–2009. Die Berliner Republik, Bd. 12, Berlin–New York 2009, S. 132f.
26.
Vgl. Martin Koschkar/Nikolaus Werz (Hrsg.), Regionale politische Kultur in Deutschland, Wiesbaden 2015.
27.
Vgl. Tom Mannewitz, Politische Kultur und demokratischer Verfassungsstaat. Ein subnationaler Vergleich zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung, Baden-Baden 2015.
28.
Vgl. Katja Neller, DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen, Wiesbaden 2006; Thomas Großbölting (Hrsg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009.
29.
Vgl. Lars Geiges/Stine Marg/Franz Walter, Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?, Bielefeld 2015.
30.
Richard Schröder, Versöhnung – mit wem? Warum die Linke nicht ausgegrenzt ist, in: Der Spiegel vom 9.11.2009, S. 32f.
31.
Peter Carstens, Auf dem Nebengleis, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22.6.2014, S. 5.
32.
Zit. nach: Uwe Müller, Supergau Deutsche Einheit, Berlin 2005³, S. 20.
33.
Vgl. R. Köcher (Anm. 25), S. 67.
34.
Siehe den Beitrag von Costanza Calabretta in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
35.
Vgl. Thomas Großmann, Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR, Göttingen 2015.
36.
Richard Schröder, Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit, Freiburg i. Br. 2007, S. 9, 31, 201, 203.
37.
Vgl. Jürgen Hartmann, Persönlichkeit und Politik, Wiesbaden 2007.

Eckhard Jesse

Zur Person

Eckhard Jesse

Dr. phil., geb. 1948; Professor em. am Institut für Politikwissenschaft der Technischen Universität Chemnitz, Thüringer Weg 9, 09126 Chemnitz. eckhard.jesse@phil.tu-chemnitz.de


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