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7.8.2015

Alltag Einheit: Ein Fall fürs Museum!

25 Jahre nachdem die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 politisch vollzogen wurde, rückt sie erneut in den Blickpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Auch die zeithistorische Forschung wagt sich neuerdings immer weiter in die Geschichte der Gegenwart vor. Mit dem Vereinigungsprozess und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen entdeckt sie ein neues Forschungsfeld, das sie nicht mehr allein den Politikwissenschaftlern, Soziologen und Wirtschaftsexperten überlässt.[1]

Ist das Zusammenwachsen der beiden über 40 Jahre getrennten Gesellschaften seit 1990 aber auch schon ein Fall fürs Museum? Ein Blick in die Ausstellungsräume der großen Geschichtsmuseen in Deutschland zeigt, dass die Musealisierung der deutschen Vereinigung als Teil der deutschen Geschichte des ausklingenden 20. Jahrhunderts bestenfalls begonnen hat. Selbstverständlich haben die friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989, der Freudentaumel des Mauerfalls am 9. November 1989 und die dadurch möglich gewordene deutsche Einheit einen festen Platz in den Dauerausstellungen des Hauses der Geschichte in Bonn und des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Als markante historische Ereignisse bilden sie dort einen vorläufigen Höhepunkt der deutschen Geschichte. Daneben liefert auch die seit 1999 gezeigte Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig erste, notgedrungen fragmentarische Einblicke in die ab 1990 einsetzenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen. Nach Schlaglichtern auf unter anderem die Stasiakten, den Umzug von Bonn nach Berlin, die Parteienlandschaft, die Begegnung der Ostdeutschen mit Arbeitslosigkeit und die Fußballweltmeisterschaft 1990 schließt das der Zeit nach 1990 gewidmete Kapitel mit einem optimistischen Ausblick: Die Bekämpfung der Hochwasserkatastrophe an der Oder 1997 wird zur Metapher für eine nationale Solidarität mit den betroffenen Regionen und damit zum Sinnbild des erfolgreichen Zusammenwachsens.

Auch die Geschichtserzählung der Dauerausstellung des DHM ist konsequent und fast teleologisch auf den 3. Oktober 1990 als glücklichem Höhepunkt der deutschen Geschichte ausgerichtet. Beide Ausstellungen sollen in den nächsten Jahren neu konzipiert werden. Es ist davon auszugehen, dass in diesem Zusammenhang der Entwicklung nach 1990 mehr Raum gegeben wird als bisher. Die 2011 erneuerte Bonner Ausstellung "Unsere Geschichte. Deutschland nach 1945" im Haus der Geschichte geht zeitlich über die deutsche Einheit hinaus und schließt mit einem Blick auf die deutsche Gesellschaft nach dem Ende des Kalten Krieges im Kontext von europäischer Einigung und mit Blick auf die Herausforderungen von Globalisierung, Migration, Sicherheitspolitik, Umweltschutz und Finanzpolitik.

Von der Politik- zur Erfahrungsgeschichte

Insgesamt fällt auf, dass der Blick auf diese Zeit des Umbruchs in der öffentlichen Wahrnehmung stark politik- und ereignisgeschichtlich geprägt ist und sich in erster Linie an der historischen Chronologie wichtiger Ereignisse und Zäsuren orientiert. Hier werden dann vor allem die wichtigen politischen und diplomatischen Schritte dokumentiert, die zum 3. Oktober 1990 geführt haben. Das hat auch den Blick der Museen und Ausstellungen auf diese Zeit geprägt. Nun wird niemand behaupten wollen, dass die Geschichte der innen- und außenpolitischen Entscheidungsprozesse von den Verhandlungen zwischen der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière und dem Kabinett von Helmut Kohl über den Einigungsvertrag, die Zwei-plus-Vier-Gespräche bis zu Gorbatschows "Ja" zur deutschen Einheit nicht spannend und ausstellungswürdig wären. Aber sie sind inzwischen gut dokumentiert, wovon auch eine umfangreiche Erinnerungsliteratur und die vielen Fernsehdokumentationen zeugen, die den Weg vom Zusammenbruch der DDR über den Fall der Mauer bis hin zu den Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 1990 rekonstruieren.

Der Prozess der Vereinigung mit seinen weitreichenden Folgen für das Leben der Menschen zunächst vor allem im Osten Deutschlands und die daraus resultierenden Konflikte und Probleme werden hinter dieser politischen Kulisse jedoch kaum sichtbar. Die Folge ist ein eher statisches, auf den politischen Vollzug der deutschen Einheit ausgerichtetes Bild. Dies trifft weitgehend auch für die ersten historischen Publikationen zur Geschichte der deutschen Einheit zu.[2] Die erfahrungsgeschichtliche Dimension dieser Entwicklung wird bestenfalls im Zusammenhang mit der Darstellung des Mauerfalls thematisiert. Die Zeitzeugen beglaubigen hier das für alle überraschende und überwältigende Jahrhundertereignis. Dabei kann ein euphorischer deutsch-deutscher und internationaler Erlebniskonsens beschworen und gefeiert werden. Dies erklärt die enorme Wirkung und Faszination, die der Mauerfall bis heute ausübt.[3] Das Ereignis ist wie kaum ein anderes in dieser Zeit geeignet, positive Emotionen zu stiften. Dieser gemeinsame Erfahrungshorizont eines glücklichen Moments wirkte auch noch in das Jahr 1990 mit seiner Fußballeuphorie und den schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren des "Einheitstaumels" hinein. Schon kurze Zeit später löste er sich allerdings angesichts der sprichwörtlichen "Mühen der Ebene" bei der deutschen Vereinigung relativ schnell auf.

Probleme der Musealisierung

Denkt man über die Frage nach, ob die deutsche Vereinigung bereits museumsreif geworden ist, gerät eine weitere Schwierigkeit in den Blick. Es handelt sich keineswegs um einen abgeschlossenen Prozess. Er ist noch nicht reif für eine abgerundete und durch historische Bewertungen abgesicherte Gesamtdarstellung. Hinzu kommt, dass die Entwicklung der deutschen Vereinigungsgesellschaft erst allmählich in den Blick der Sammlungsbemühungen der historischen Museen gerät. Die Frage, welche Objekte und Zeugnisse für diese Zeit des Zusammenwachsens beider deutscher Teilgesellschaften bedeutsam und sammlungswürdig sind, ist häufig erst noch zu klären. Bezogen auf die friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989 oder den Mauerfall sind solche Fragen bereits weitgehend beantwortet und man findet entsprechend viele Objekte und Zeugnisse in den Museumsdepots.

Dies alles beschreibt die Ausgangssituation, mit der sich ein gemeinsames Team von Historikern und Historikerinnen sowie Ausstellungsmachern und Ausstellungsmacherinnen aus dem Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und dem DHM bei der Vorbereitung einer Ausstellung zur Geschichte der deutschen Vereinigung auseinanderzusetzen hatte. Mit der Kooperation beider Einrichtungen wurde Neuland betreten, insofern die Beteiligten aus dem ZZF nicht, nur wie sonst üblich, fachlich beratend tätig waren, sondern gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom Museum die Ausstellung konzipiert und erarbeitet haben.


Die Antwort auf die Frage, mit welcher Wechselausstellung sich das DHM zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit präsentieren werde, zielte zunächst auf eine Neuauflage der beschriebenen und fachlich wie museal gut gesicherten Chronologie der politischen Ereignisse. Dafür verfügt das Museum – angefangen bei den Transparenten der großen Demonstration am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz als dem Schlüsselereignis der friedlichen Revolution – über ausreichend interessante Objekte in seinen Sammlungen. Diese naheliegende und mit Blick auf die zur Verfügung stehende Vorbereitungszeit pragmatische Lösung wurde in der Diskussion mit dem ZZF jedoch schnell verworfen. Vielmehr entstand die Idee, mit der gemeinsamen Ausstellung eine auch aus der Forschungstradition des Potsdamer Instituts erwachsene alltags- und erfahrungsgeschichtliche Perspektive auf die deutsche Vereinigungsgesellschaft und ihre Konflikt- und Problemlagen zu entwickeln. Allen Beteiligten war klar, dass es sich dabei um ein Experiment handeln würde, schon allein deshalb, weil es zu diesem Themenfeld kaum einen Forschungsvorlauf im Bereich der Zeitgeschichte gab. Zusätzliche Argumente für diese Richtungsentscheidung lieferte ein Blick auf weitere im Kontext des 25. Jahrestages der deutschen Einheit geplante Ausstellungsprojekte.

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt zum Jahrestag eine Plakatausstellung mit dem Titel "Der Weg zur deutschen Einheit" zusammengestellt, die in einer Auflage von 3000 Exemplaren produziert und von Einrichtungen der politischen Bildung, Schulen, Bibliotheken und Behörden bei der Stiftung bestellt werden kann. Die Ausstellung zeichnet auf 20 Tafeln den Weg von der friedlichen Revolution in der DDR zur deutschen Einheit nach und beleuchtet dabei sowohl die innenpolitischen wie auch die diplomatischen Wegmarken.[4] Dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges in Europa widmet die im November 2014 eröffnete neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer gebührende Aufmerksamkeit. Die von 2009 bis 2010 auf dem Berliner Alexanderplatz mit beachtlicher Publikumsresonanz gezeigte Open-Air-Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" der Robert-Havemann-Gesellschaft[5] befindet sich in der Überarbeitung und soll künftig dauerhaft auf dem Gelände des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in der Berliner Normannenstraße gezeigt werden. Mit ihr liegt dann eine umfassende Dokumentation der Geschichte der ostdeutschen Bürgerbewegung vor, die zugleich die politischen Umbrüche in den anderen Ländern des Ostblocks einbezieht. In dieser sich weiter ausdifferenzierenden Ausstellungslandschaft zur Geschichte der deutschen Vereinigung und ihrer unmittelbaren Vorgeschichte schien es erst recht geboten, sich der bislang kaum dokumentierten Gesellschaftsgeschichte des Vereinigungsprozesses zu widmen.


Alltag in der frühen Vereinigungsgesellschaft

"Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft" – der für die Ausstellung schließlich gewählte Titel bringt in mehrfacher Hinsicht den Anspruch des Projekts zum Ausdruck: Im Mittelpunkt steht nicht das Geschehen auf der großen politischen Bühne, auf der nach dem Fall der Mauer der Weg zur deutschen Einheit geebnet wurde. Stattdessen nimmt die Ausstellung den Alltag in den Blick und fragt danach, wie sich die Zeitgeschichte mit ihren markanten Zäsuren in die alltägliche Erfahrungswelt und die Lebensgeschichten der Menschen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre eingeschrieben hat.[6]

Das Ausstellungsplakat zeigt eine Frau mit geblümter Kittelschürze, die schwarz-rot-goldene Fahnen zu einem Paket schnürt. Es handelt sich um eine Aufnahme des Fotografen Jens Rötzsch, die am 1. Oktober 1990 im Fahnenlager der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG) entstanden ist. Sie steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit den unmittelbar bevorstehenden Feiern zur deutschen Einheit, wobei es für den Betrachter offen bleibt, ob es sich um obsolet gewordene DDR-Fahnen oder die jetzt überall gefragten Deutschlandfahnen handelt. Das Spannungsverhältnis von Alltäglichem und Politischem wird mit diesem Bildmotiv besonders prägnant zum Ausdruck gebracht.

Die Ausstellung setzt im Jahr 1990 ein. Genau genommen geht für sie der Prozess der deutschen Vereinigung als ein historisch einmaliger Vorgang gesellschaftlichen Wandels nach dem 3. Oktober 1990 erst richtig los. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Reformutopien für eine bessere DDR längst erledigt, die Mehrheit der Ostdeutschen hatte für einen schnellen Weg zur Vereinigung votiert und die Euphorie des Mauerfalls war dem alltäglichen Leben mit der offenen Mauer gewichen. Im Sinne eines Prologs begegnen die Besucherinnen und Besucher am Beginn ihres Rundgangs durch die Ausstellung zwei großformatigen, besonders markanten Fotomotiven:

Die erste, noch im November 1989 entstandene Aufnahme von Harald Hauswald zeigt einige der von den Teilnehmern selbst gefertigten, mit frechen Sprüchen und Karikaturen versehenen Transparente der legendären Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. Sie liegen nun kreuz und quer übereinander geworfen im Heizungskeller einer Theaterwerkstatt, gleichsam vom rasanten Fortgang der Geschichte überholt. Die Stimmung in der ostdeutschen Gesellschaft hatte sich gegen weitere Experimente mit dem Ziel einer anderen DDR und Dritter Wege gewandt.

Die zweite Aufnahme lässt den Betrachter von einer offenen Stelle der Berliner Mauer am Bethaniendamm in Kreuzberg auf beide Seiten der ehemaligen Grenze blicken. Zu sehen sind Spaziergänger und Radfahrer – die offene Mauer ist inzwischen zum Alltag geworden und das spektakuläre Erlebnis ihrer Öffnung ist verblasst. Damit wird die Ausgangssituation für eine Alltagsgeschichte der deutschen Vereinigung treffend beschrieben.

Schwebezustand des Übergangs

Mit dem Begriff der "Übergangsgesellschaft" im Titel der Ausstellung wird eine Phase der Entwicklung umrissen, in der die Auflösung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Institutionen der untergegangenen DDR einherging mit der schrittweisen Etablierung einer am Vorbild der Bundesrepublik orientierten Verfassungs-, Wirtschafts- und Institutionenordnung. Es handelte sich um eine Art Schwebezustand, in der das Alte noch nicht völlig verschwunden war und das Neue sich erst allmählich zu etablieren begann. Anders formuliert, wird die Dramatik des gesellschaftlichen Wandels noch deutlicher: Im Osten Deutschlands änderte sich für die Menschen fast alles und dies gleichzeitig. Die Geschwindigkeit der Veränderungen produzierte eine Atemlosigkeit, die in den Erinnerungen der Menschen an diese Zeit immer wieder aufscheint. Etwa Mitte der 1990er Jahre beruhigte sich diese Situation allmählich wieder. Wichtige Etappen der Transformation wie die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft oder der Institutionenumbau im Bereich der öffentlichen Verwaltung waren weitestgehend vollzogen, und auch in der Taktung der Lebensgeschichten der Menschen trat wieder eine gewisse Beruhigung ein. Für die Ausstellung fungiert das Jahr 1995 deshalb als vorläufige Zäsur, um die für das Vorhaben besonders interessante frühe Phase der Vereinigung einzugrenzen. Letztere steht im Mittelpunkt.

Idee und Schwerpunkt

Das Ausstellungsdesign greift dieses Motiv eines Übergangszustandes mit vielen parallel ablaufenden Veränderungen auf. Die Ausstellungsarchitektur weckt Assoziationen mit einer Baustelle. Die ganze Struktur des Raumes ist damit offen und wirkt, als ob sie noch veränderbar ist. Den Besucherinnen und Besuchern wird keine Richtung für ihren Rundgang aufgezwungen. Das gleichberechtigte Nebeneinander der Themen soll die Gleichzeitigkeit der Veränderungen in ganz verschiedenen Lebensbereichen betonen. In der Mitte des Raumes werden mit Fotos, Kurzbiografien und Zeitzeugenvideos "Vereinigungsbiografien" dokumentiert. Sie zeigen, wie prominente und weniger prominente Menschen aus Ost und West die ersten Jahre der Vereinigung erlebt, verarbeitet und mit ihrem Tun selbst gestaltet haben. Auf diese Weise bietet sich dem Betrachter eine Art Kollektivbiografie, die programmatisch den alltags- und erfahrungsgeschichtlichen Zugriff der Ausstellung unterstreicht.

Thema und Zeithorizont der Ausstellung bringen es mit sich, dass der Schwerpunkt im Osten Deutschlands liegt. Für die Ostdeutschen bedeuteten das Ende der DDR, der Mauerfall und die Vereinigung eine einschneidende Zäsur mit weitreichenden Konsequenzen für ihre individuellen Lebensläufe. Sie mussten sich in nahezu allen Lebensbereichen umorientieren und in relativ kurzer Zeit lernen, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen.

Die Asymmetrie der deutsch-deutschen Parallelgeschichte[7] bekommt auf diese Weise mit der deutschen Vereinigung eine neue Wendung. Während sich im Osten in einem rasanten Tempo die gesamte Institutionenlandschaft, die Wirtschafts-, Eigentums- sowie die Werteordnung und mit ihr die Koordinaten der Lebenswelt veränderten, erfuhr der größere Teil des Landes die Vereinigung zunächst als kulturelle Selbstbestätigung. Im geeinten Berlin wurde jedoch schon relativ früh klar, dass sich mit der Vereinigung auch der Westen grundlegend wandeln würde. Die damit einhergehende Verlusterfahrung speist den gegenwärtig so auffälligen Boom der Bücher, Filme und Ausstellungen über das verschwundene Biotop West-Berlin. Deshalb konzentriert sich der Blick auf den Westen in der Ausstellung vor allem auf Entwicklungen in Berlin. Zu dieser "Schieflage" bekennt sich das Ausstellungsteam ausdrücklich. Schließlich brachte die deutsche Einheit auch für die Menschen in den alten Bundesländern Veränderungen mit sich. Sie kamen jedoch erst mit zeitlicher Verzögerung zum Tragen und waren in der Regel weit weniger dramatisch.

Es ist daher auch ein Anliegen der Ausstellung zu zeigen, dass die Vereinigung beider Gesellschaften ohne die enormen Anpassungsleistungen, ohne die Bereitschaft von Millionen Menschen im Osten, sich neu zu orientieren, nicht möglich geworden wäre. Die Präsentation richtet sich an die "Generation der Mitlebenden". Sie sind eingeladen, ihre individuellen Erfahrungen einzubringen und zu verorten. Es gibt Angebote zur Partizipation, die von den Besucherinnen und Besuchern nach den bisherigen Erfahrungen gerne angenommen werden.


Dimensionen des Wandels: Acht Themenfelder

Acht Themenfelder stehen im Mittelpunkt: der Wandel der Sprache, die neue deutsche Medienlandschaft, der Einzug der D-Mark und der westlichen Konsumwelt, der Umgang der vereinten Deutschen mit nationalen Gefühlen, die Veränderungen in der politischen Kultur, die dramatischen Veränderungen in der Arbeitswelt, die sich Anfang der 1990er Jahre bietenden kulturellen Freiräume und schließlich die Begegnungen der Ost- und Westdeutschen im Alltag mit all den daraus erwachsenden Klischees und Stereotypen.

Sprache. Mit der Vereinigung wandelt sich die Sprache. Wie kein anderes Wort steht "Wende" für die durch den Umbruch im Herbst 1989 ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen. Der viel gebrauchte und umstrittene Begriff ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Bedeutung von Wörtern änderte. Zahlreich sind die Neuschöpfungen von Wörtern, die unmittelbar mit administrativen Maßnahmen des Vereinigungsprozesses zusammenhängen wie "Begrüßungsgeld", "Währungsunion", "Einigungsvertrag", "Treuhandanstalt" oder "gaucken".[8] Viele Wörter und Redewendungen aus dem alltäglichen ostdeutschen Sprachgebrauch verschwanden, besonders der politische Jargon der SED-Ideologie hat deren Ende nicht überlebt. In der Ausstellung können die Besucherinnen und Besucher in diese Welt der verschwundenen und neuen Begriffe eintauchen und eigene Erfahrungen an einer speziell dafür gestalteten Installation hinzufügen.

Neue deutsche Medienlandschaft. Wie der plötzlich mit bunten Werbeaufstellern vollgestopfte Ost-Berliner Zeitungsladen auf einer Fotografie von Harald Hauswald aus dem Jahr 1991 kommt der Themenraum daher, der sich dem Wandel der Medienlandschaft widmet. Diese Flut neuer Print- und audiovisueller Medien aus dem Westen haben viele Ostdeutsche als besonders mächtig erlebt. Gezeigt wird hier auch, wie die ostdeutschen Medien versuchten, auf diese neue Herausforderung zu reagieren und ihren Platz neben der Konkurrenz aus dem Westen zu finden. Die Vereinigung und zunehmend auch deren Probleme lieferten den Stoff für viele Fernsehsendungen. Und "Tatort" und "Polizeiruf 110" wurden ebenfalls vereinigt. Unter dem Titel "Unter Brüdern" trafen im Oktober 1990 die Kommissare Schimanski und Thanner auf ihre ostdeutschen Kollegen Fuchs und Grawe. Wolfgang Lippert moderierte als ostdeutscher Star für kurze Zeit die Sendung "Wetten, dass ..?" An den satirischen Serien "Motzki" und "Die Trotzkis" schieden sich die Geister. Eine Collage aus Fernsehclips verweist in diesem Raum auf den durchschlagenden Erfolg des privaten Unterhaltungsfernsehens im Osten.

Geld, Konsum und Eigentum. Im Sommer 1990 hielt die von vielen Ostdeutschen sehnsüchtig erwartete "harte" D-Mark mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion Einzug in ihren Alltag. Ein ostdeutsches Sparbuch mit dem Eintrag der Währungsumstellung und ein privater Kontoauszug machen diese Zäsur für das Alltagsleben sichtbar. Darüber blickt der Betrachter auf das großformatige Foto eines Busses, den die Deutsche Bank als rollende Zweigstelle in Thüringen einsetzte. Noch etwas ungläubig starrt eine Frau auf eine zu Werbezwecken aufgestellte lila Milka-Kuh in einem der über Nacht "auf der grünen Wiese" entstandenen Supermärkte. Die neuen Konsumangebote wurden bereitwillig angenommen, erfüllten sich doch damit lange gehegte Sehnsüchte. Ostprodukte hatten plötzlich einen schweren Stand. Viele Menschen entledigten sich im Handumdrehen der Dinge, die sie bislang umgeben hatten und versorgten sich mit den begehrten Westprodukten. Einige Objekte aus einem Projekt der Künstlerin Peggy Meinfelder, unter anderem eine mittlerweile völlig verschlissene und ausgewaschene Jeans, veranschaulichen, was sich die Ostdeutschen von ihrem ersten Westgeld gekauft haben und welche persönlichen Erfahrungen sich damit verbinden.


Bei vielen Ostdeutschen standen Reisen in den Westen ganz oben auf der Wunschliste. Häufig ging es zunächst in die alten Bundesländer, nach Österreich und in die Schweiz. Ein Diaprojektor zeigt private Urlaubsfotos aus dieser Zeit. Mit dem neuen Besitz kam auch die Angst vor dessen Verlust – Türschlösser und Wegfahrsperren fanden reißenden Absatz. Eine neue, ganz reale Bedrohung waren die Forderungen auf Rückübertragung von Immobilien und Grundstücken, die nun von Alteigentümern aus dem Westen oder deren Nachfahren gestellt wurden. Viele Ostdeutsche fürchteten, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren. Eine Karte von Kleinmachnow bei Berlin, auf der fast alle Grundstücke rot unterlegt sind, weil sie von Rückübertragungsansprüchen betroffen waren, zeigt die Dimension dieses Problems.

Wandel der Arbeitswelt. Als besonders gravierend empfanden die meisten Menschen in den neuen Ländern den Wandel der Arbeitswelt: Die vielfach maroden DDR-Betriebe wurden mit dem Ziel der Privatisierung in der Treuhandanstalt zusammengeführt. Auch scheinbar konkurrenzfähige Werke mussten schließen. Die Ausstellung erzählt anhand der Geschichte einzelner Betriebe und ihrer Belegschaften von Erfolgen und Misserfolgen: von der Sektkellerei in Freyburg, die sich mit ihrem "Rotkäppchen Sekt" auf dem Markt behaupten konnte, von letztlich erfolglosen Anpassungsversuchen, wie dem mit dem inzwischen legendären Colani-Fernseher der RFT AG Staßfurt, aber auch von der Stilllegung und dem Abriss ganzer Betriebe wie dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg, das zum Industriemuseum wurde. Tausende von Menschen erhielten Kündigungsschreiben, sahen ihre Arbeitskraft entwertet und fassten manchmal nur mühsam und nach einer Reihe von Umschulungen wieder Fuß. Davon erzählt auch eine Fotoserie von Angelika Kampfer, die Brüche in den Erwerbsbiografien in dieser Zeit dokumentiert.


Politische Kultur und Zivilgesellschaft. Mit dem Aufbau der Stasi-Unterlagen-Behörde und den Regelüberprüfungen im öffentlichen Dienst begann eine groß angelegte Durchleuchtung der ostdeutschen Gesellschaft, die parallel zum Aufbau von Verwaltungen und politischen Strukturen verlief. Von den Ostdeutschen wurde verlangt, dass sie ihre Biografien offenlegen. Gleichzeitig wollten nun viele Menschen wissen, in welcher Form die Staatssicherheit in ihr Leben eingegriffen hatte. Einer der riesigen Karteipaternoster aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit veranschaulicht diesen Prozess, der von großem medialen Interesse und politischen Skandalisierungen begleitet wurde. Eine Projektion mit markigen Zeitungsschlagzeilen aus dieser Zeit dokumentiert, wie sehr das Thema "Stasi" und immer neue Enthüllungen über "inoffizielle Mitarbeiter" die Öffentlichkeit beherrschten.

Den Ostdeutschen wird häufig für die Zeit nach dem 3. Oktober 1990 eine wachsende Politikverdrossenheit nachgesagt. In der Ausstellung werden auch gegenläufige Tendenzen sichtbar: Zivilgesellschaftliches Engagement entwickelten die aus der Zeit des Umbruchs stammenden Bürgerinitiativen, die sich wie die Kalikumpel in Bischofferode gegen Betriebsschließungen, die Einwohner des brandenburgischen Horno gegen die Folgen des Braunkohlenabbaus oder die Bürger von Dresden für den Wiederaufbau der Frauenkirche einsetzten.

Nationalgefühl. Mit der Vereinigung artikulierte sich in Deutschland auch ein neues Nationalgefühl, das vom Ausland aufmerksam bis misstrauisch beobachtet wurde. Nationale Emotionen wurden erstmals bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 weithin sichtbar. Wichtige Momente für nationale Emotionen waren auch die öffentlichen Silvesterfeiern 1989/90 und natürlich der 3. Oktober 1990, der Tag der Deutschen Einheit. Zugleich stieß dieses Nationalbewusstsein angesichts der sich im ganzen Land ausbreitenden rechtsextremen Gewalt gegen Ausländer und Asylbewerber auf offene Kritik nicht nur auf Seiten der politischen Linken. Der aufkommende Rechtsextremismus wurde zu einer ernsthaften und vom Ausland besonders kritisch beobachteten Gefahr für das vereinte Deutschland, denn die Vorbehalte reichten und reichen weit in die Bevölkerung hinein.

Begegnungen und Stereotype. Im Zuge der Vereinigung sammelten Ost- und Westdeutsche ganz unterschiedliche Erfahrungen im alltäglichen Umgang miteinander. Hier zeigten sich durch die Teilung gewachsene unterschiedliche Mentalitäten und Lebensstile. Die Erfahrungen des Andersseins verdichteten sich zu Bildern und Klischees von den "Ossis" und den "Wessis", die das Zusammenleben von Ost und West bis heute begleiten. Zahllose Witze und Karikaturen fanden hier ihren Stoff. Gegenstände aus dem Alltag wurden zu Projektionsflächen für Unterschiede. In der Ausstellung ist eine große Vitrine mit Objekten gefüllt, an denen sich solche Stereotype festgemacht haben. Zu sehen sind etwa eine ostdeutsche Kittelschürze als Symbol für den proletarischen Habitus der Ostdeutschen oder eines der riesigen Handys, mit denen westdeutsche Manager den Osten eroberten und es zum Symbol für westliche Überheblichkeit machten. Ausgestellt sind ebenfalls eine Ost- und eine Westschrippe, weil auch Backwaren zu Projektionsflächen für im Alltag erfahrene Unterschiede werden konnten. An einer Station können die Besucherinnen und Besucher solche Unterschiede unmittelbar sinnlich erfahren, indem sie für den Osten und den Westen als typisch geltende Gerüche mit ihren eigenen olfaktorischen Erfahrungen der deutschen Einheit in Beziehung setzen können. Es ist eine Einladung, sich kritisch und mit ein wenig Humor mit solcherart Denken in Schubladen auseinanderzusetzen.


Kulturelle Freiräume. Die frühen 1990er Jahre boten aber auch schier unbegrenzte Möglichkeiten zum Experimentieren. Mitten im vereinten Berlin etablierte sich eine lebendige Kunst- und Clubszene. Die elektronische Musik erlebte eine bis heute nachwirkende Blütezeit. Techno und Rave avancierten zum Sound einer neuen Jugendkultur, die sich mit der "Love Parade" eine unverwechselbare Ausdrucksform schuf. Diesen Raum in der Ausstellung dominiert die mit einer Stahltür versehene Re-Inszenierung des inzwischen legendären Techno-Clubs "Tresor" in der Leipziger Straße.

Der Club befand sich in den Kellerräumen der Bank des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kaufhauses Wertheim. Die Reste der Bankschließfächer und zwei tonnenschwere Tresortüren gehörten zum unverwechselbaren Ambiente des Clubs. Eine vergleichbare Blütezeit gab es in der freien Kunstszene, für die an erster Stelle das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße steht. Einer der ersten Besetzer des Tacheles, der Metallkünstler Hüseyin Arda, hat eigens für die Ausstellung eine seiner spektakulären Wortskulpturen angefertigt: Vor dem Pei-Bau des DHM fällt sofort das in über zwei Meter hohen Buchstaben aus Stahl gestaltete Wort "Einheit" ins Auge und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung. Es ist inzwischen zu einem beliebten Fotomotiv für Museumsbesucher und Touristen geworden.

Baustelle Einheit

Das DHM und das ZZF sind selbst "Kinder der deutschen Einheit". Daher lag es nahe, auch beide Einrichtungen mit ihrer eigenen Vereinigungsgeschichte zum Thema der Ausstellung zu machen. Sie historisieren sich gewissermaßen selbst. Dies geschieht in Form einer Reihe von Interviews. Und auch die Ausstellungsmacher sind mit ihren unterschiedlichen Biografien ein Teil der Geschichte.

Wie beschließt man eine Ausstellung, bei der das im Mittelpunkt stehende historische Geschehen noch nicht reif für abschließende Bewertungen und Einordnungen ist? Darüber hat das Ausstellungsteam lange diskutiert. Herausgekommen ist eine große von einem Bauzaun umgebene Holzwand, an der Dutzende Fotos von Baustellen in ganz Deutschland angepinnt sind und auf der ein im Zeitraffertempo gedrehter Film über die Veränderungen auf der Großbaustelle am Potsdamer Platz läuft. Die Botschaft ist genauso simpel wie eingängig: Die deutsche Einheit ist immer noch eine große Baustelle.

Der Autor ist einer der beiden Kuratoren der Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft", die seit dem 27. Mai 2015 und bis zum 3. Januar 2016 im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wird.
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Fußnoten

1.
Vgl. Frank Bösch (Hrsg.), Geteilte Geschichte. Ost- und Westdeutschland 1970–2000, Göttingen 2015.
2.
Vgl. Gerhard A. Ritter, Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! Geschichte der deutschen Einigung, München 2009; Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, Berlin 2013. Siehe dazu auch Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Bd. 4, Die Zeit der Gegenwart, München 2015.
3.
Siehe hierzu den Beitrag von Costanza Calabretta in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
4.
Vgl. http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/deutscheeinheit-4787.html« (9.7.2015).
5.
Vgl. http://www.revolution89.de« (9.7.2015).
6.
Vgl. Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft, Berlin 2015.
7.
Das auf Christoph Kleßmann zurückgehende Konzept zielt auf die trotz der Teilung der beiden deutschen Staaten und ihrer Abgrenzung voneinander bestehenden Verflechtungen. Gleichzeitig verweist es auf die Asymmetrie dieser Beziehungsgeschichte, denn die DDR und ihre Bevölkerung maßen sich viel stärker an der Bundesrepublik, als die Westdeutschen am Osten. Vgl. Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: APuZ, (1993) 29–30, S. 30–41; ders./Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005.
8.
Die Überprüfung auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, benannt nach dem ersten Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde Joachim Gauck.

Jürgen Danyel

Zur Person

Jürgen Danyel

Dr. phil., geb. 1959; Leiter der Abteilung "Zeitgeschichte der Medien- und Informationsgesellschaft" und stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), Am neuen Markt 1, 14467 Potsdam. danyel@zzf-pdm.de


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