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29.1.2016

Einblicke in die Dresdner Fußballseele

Fangesang "Wir sind Dynamo"

Es ist der 31. Oktober 2015: Der 1. FC Magdeburg spielt bei Dynamo Dresden – ein für Fans wie Sicherheitskräfte hoch brisantes Spiel. Sympathisanten und Funktionäre beider Vereine freuen sich über das fußballerische Wiedersehen der alten Rivalen nach fast zehn Jahren, inzwischen in der 3. Bundesliga. "Wenn ich jetzt die beiden Logos wieder nebeneinander sehe, da geht mir das Herz auf", sagt Mario Kallnik, Sportchef vom 1. FC Magdeburg. Sein Dresdner Kollege Ralf Minge empfindet das ähnlich freundschaftlich, während sich die Fans beider Mannschaften bereits im Vorfeld im Internet mit der üblichen Häme übergossen haben. "Manchmal hasst man das, was man doch liebt", sang schon 1978 die DDR-Kuschelrockgruppe Karat beim Schlagerfestival in Dresden.

Der Anpfiff zum Ostklassiker soll um 14 Uhr sein. Bereits seit 10.45 Uhr stehen Wasserwerfer vor dem Stadion. Herbstzeitlose im Großen Garten, die Sonne wirft mildes Licht auf Dresden. Die Dynamo-Seele frohlockt, denn Dresden grüßt souverän vom ersten Tabellenplatz. Die Dresdner Fans haben eine Riesenchoreografie angekündigt: Projekt X, streng geheim, 20.000 Euro Kosten. Zwei Jahre lang wurde Geld gesammelt. Die Idee entstand im K-Block, der Stehplatztribüne und Heimat der "echten Fans". Dort stehen auch Hunderte von Jungs mit schnittigen Frisuren: rechtsextreme Kameraden. Politik soll nicht ins Stadion getragen werden, sagen sowohl die sogenannten Kutten als auch die Ultras als auch die Hooligans. Trotzdem steht auf den Eintrittskarten und an der Anzeigetafel "Rassismus ist kein Fangesang". Ist das keine Politik?, frage ich ein paar weibliche Fans, die mit Bier in der Hand auf den Anpfiff warten. "Na ja, also, irgendwie schon. Aber wir wollen in keine Ecke gestellt werden. Weder rechts noch links, wir sind keine Radikalen."

Bei Pegida, so bestätigte im Oktober 2015 Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling vor der Burschenschaft Halle zu Mainz, seien von Anbeginn Hooligans von Dynamo Dresden unter den Ordnern gewesen. Festerling meinte, es gebe in Dresden "weniger Berührungsängste zu den bösen Hooligans" als im Westen. Dem sächsischen Innenministerium war von der Rolle der Hooligans bei Pegida lange nichts bekannt. Das berichtet die "Bild"-Zeitung am 16. November 2015. In dem Bericht heißt es, Innenminister Markus Ulbig sei entsetzt. Ein Ultra dazu: "Natürlich kann ein Fußballverein die Probleme einer Region, einer Stadt nicht lösen. Leute, die zu Protesten gegen Pegida gehen, kriegen Fragen gestellt. Besonders von der Hooliganfraktion wird ganz genau beobachtet, wer was macht. Beängstigend."

Der Hauptbahnhof ist am 31. Oktober ein besonderer Brennpunkt für die Dresdner Polizei. Alle Eingänge sind weiträumig abgesperrt, unten warteten Shuttle-Busse, um die Magdeburger Fans sicher zum Stadion zu bringen. Dieses Mal verläuft alles friedlich. Nur als die Magdeburger ihre Materialien für eine spontane Choreografie nicht mit ins Stadion nehmen dürfen, wird es kurz unruhig. Fanprojektmitarbeitern gelingt es, die Gemüter abzukühlen. Das Stadion ist ausverkauft, die Stimmung ist grandios. 30.000 Zuschauer in der 3. Liga sind eine Hausnummer. Solche Fanmassen mobilisiert im Osten nur Dynamo. Vor dem Spiel zeigen die Dresdner ihre Choreografie, bis auf den Gästeblock ist das Stadion mit gelbschwarzem Stoff verhüllt. Darauf das Vereinslogo und Sprüche wie: "Die besten Fans", "Die Legende aus Elbflorenz" und so weiter.

Es folgen 90 Minuten Dauergesang beider Fangruppen bei ansprechendem Fußball. Hinter mir sitzt Dresdens Sportdirektor Minge, der früher ein genialer Stürmer war – einer von denen, die in den 1980er und frühen 1990er Jahren für Dynamos schönen Fußball zuständig waren. Das ist lange her, verdammt lange. Er spielte 222 Mal für Dynamo und schoss fast in jedem zweiten Spiel ein Tor. Auch als Zuschauer ist er kaum zu halten: aufstehen, hinsetzen, aufstehen. Er rüttelt an der Lehne meines Stuhls, außer sich vor Leidenschaft.

Der Dresdner K-Block schunkelt, jauchzt und zeigt eine feine Laubsägearbeit begabter Volkskünstler: das Profil eines Schweins in den Farben Magdeburgs. Doch nicht jede martialische Fußballprovokation sollte man mit tödlichem Ernst betrachten. Fußball ist auch handfestes Volksvergnügen, grobe Scherze gehören zum Spektakel. Nach dem Spiel, das Dresden 3:2 für sich entscheidet, werden zwei erbeutete FCM-Fahnen und ein paar Schals von Dresdnern abgebrannt. Jeder Fußballfan hält seinen Fußballverein für den einzig wahren, samt heroischer Tradition und natürlich einmaligen Anhängern. Alle Fans gehören zusammen "wie der Wind und das Meer", alle sind "eine Familie". Wenn auch eine sehr heterogene.

Gewalt bei Dynamo: Eine populäre Wahrnehmung



Ende 2015 ist Dynamo so gut aufgestellt wie lange nicht. Sportdirektor Minge und Geschäftsführer Robert Schäfer sind die Väter des Erfolgs. Der eine entschuldete den Klub, der andere machte den Sport wieder groß. Das sah in den Spielzeiten zuvor nicht ganz so gut aus. Zum fußballerischen Tief kam die in Teilen problematische Fanszene: ob 2011 im Pokal in Dortmund, 2013 beim Auswärtsspiel in Bielefeld oder im Dezember 2014 in Rostock, als das Spiel gegen Hansa für eine knappe Viertelstunde unterbrochen werden musste, weil aus dem Dresdner Block Raketen in die gegnerischen Zuschauerränge geschossen worden waren. "Fakt ist eins, wir haben den schlechten Ruf nicht zu Unrecht. Er hat sich über Jahre hinweg in den Köpfen der Menschen über Dresden hinaus manifestiert", bekennt auch Sportdirektor Minge, betont aber zugleich: "Ich behaupte mal, die Anzahl der beteiligten Fans an Verfehlungen und die Zahl dieser Verfehlungen hat sich zuletzt deutlich verringert. Mindestens 95 Prozent unserer Fans sind friedlich." Der Verein führe einen offenen und kritischen Dialog mit den Fans und betreibe dafür einen enormen Aufwand, trotzdem müsse man feststellen, dass man einige eben nicht erreiche.

Die Problematik tritt vor allem bei Auswärtsspielen zutage. Thomas Geithner, Pressesprecher der Polizeidirektion Dresden, erzählt: "Dynamo Dresden bei Heimspielen beziehungsweise bei Auswärtsspielen zu erleben, sind zwei völlig verschiedene Geschichten. Die Heimspiele laufen in der Regel komplett friedlich ab. Das hängt einerseits vom Sicherheitsstandard des neuen Stadions ab, zum anderen stehen wir alle Tage der gleichen Klientel gegenüber. Wir kennen die, sie kennen uns. Die Chance, nach einer Straftat in Dresden als Täter ermittelt zu werden, ist weitaus höher als in der Fremde, wo man nur einmal im Jahr unterwegs ist." Dass Dynamo bereits ein schlechter Ruf vorauseilt, trage dabei zur gespannten Situation bei: "Bei vielen anderen Dienststellen in der Republik ist das Spiel gegen Dynamo unter Sicherheitsaspekten das Spiel des Jahres."

Das sieht auch der Dynamo-Fan Eric Spandaus so: "Auf alle Fälle habe ich das Gefühl, dass bei Ausschreitungen, egal welcher Art, immer wieder geschaut wird, wie man da Dynamo mit hineinbekommt. Jede Knallcharge, die auf einer Auswärtsfahrt jemandem einen Sitzplatz wegnimmt, ist eine Nachricht wert. Hinzu kommt sicherlich das permanente speziell Dresdner Gefühl, benachteiligt zu werden. Mit Argusaugen wird in der Fanszene überprüft, wie andere Mannschaften für Verfehlungen bestraft werden, um dann in den immer wieder gleichen Kanon einzustimmen, dass einzig an Dynamo ein Exempel statuiert wird. Dementsprechend findet leider nur unzureichend eine Selbstreinigung in der Fanszene statt. Der Verein hat es dabei nicht einfach. Fährt er eine härtere Linie, lehnt er Teile des eigenen Anhangs gegen sich auf, dabei sind bisher nie viel mehr als Drohungen ausgesprochen worden." In Dresden selbst geht man derzeit von 500 gewaltbereiten und 135 gewaltsuchenden "Fans" aus.

Am letzten Spieltag in der Saison 2013/14 trat Dynamo in der 2. Bundesliga daheim gegen Arminia Bielefeld an. Es ging mal wieder um alles. Dynamo versagte und verlor das Spiel. Als Mitte der zweiten Halbzeit Bielefeld mit zwei Toren in Front lag, liefen einige Jungs im Fan-Block heiß. Der klassische Reflex: Liegt Dynamo hinten, bleibt nur Gewalt und das Berauschen an der vermeintlichen Stigmatisierung als "böser Ossi". Böller flogen, die ersten begannen sich zu vermummen. Entsetzte Eltern stürmten mit weinenden Kindern aus dem Stadion. Der Schiedsrichter schickte die Mannschaften in die Kabinen, um sie vor einem Platzsturm zu schützen. Doch was nun passierte, war auch Dynamo. Das Stadion skandierte "Ultras raus! Ultras raus!" Und im letzten Moment hielt der positive Wille der großen Mehrheit die gewalttätige Minderheit in Schach.

Die Dresdner Fankultur gibt also ein sehr widersprüchliches Bild ab. Zu ihr gehört die stimmgewaltige Anfeuerung im prallgefüllten K-Block, zu ihr gehören progressive Gruppen wie "1953international", die sich etwa gegen Rassismus im Stadion engagieren, zu ihr gehören aber auch die Muskelprotze mit Dynamo-Mütze bei den Pegidademos der rechten Wutbürger und sexistische Plakate von beeindruckender Widerwärtigkeit. Auch ein Banner mit der Aufschrift "Lügenpresse" tauchte 2015 im Dresdner Stadion auf, bis es vom Verein entfernt wurde. Dresdner Fankultur, das bedeutet schiere Masse, aber eben auch unzählige Einzelpersonen mit ganz unterschiedlichen Fanbiografien. Manche sahen noch Fußballheroen wie Dixi Dörner und Matthias Sammer spielen, andere jubelten nur noch limitierten Talenten zu.


Von ganz oben nach ganz unten



Dynamo Dresdens Leib ist von Narben übersät: Der glorreichen Zeit mit acht DDR-Meisterschaften folgte der jähe Absturz Mitte der 1990er Jahre. Wenn Dynamo Dresden in den 1970er und 1980er Jahren im Rudolf-Harbig-Stadion zauberte, tanzte die ganz Stadt. Wenn die Mannschaft zu DDR-Zeiten im Europapokal versagte, geriet am nächsten Tag die Stadt in einen Schockzustand. Bleischwere Stille auf den Straßen, Schulhöfen, in den Universitäten, Bussen und Straßenbahnen. In den Fabriken, den Verwaltungen, überall herrschte Trauer. Dresden war Fußball, Dresden liebte Dynamo, obwohl der Schutzpatron und Geldgeber das Ministerium des Innern war. Es war egal, dass Dresden ein "Bullenverein" war – der Fußball war einfach zu göttlich. Die genialen Spielzüge von Kreische, Häfner, Dörner, Minge, Kotte, Lippmann brachten das Herz der Stadt zum Leuchten. Die Fans waren eine große, liebe Masse. Gewalt spielte eine untergeordnete Rolle. Dynamo war in Dresden so wichtig wie die Semperoper. Dauerkarten wurden vererbt, Eurocup war Standard.

Dynamo glänzte bis 1990 mit großem Fußball. Die Fans waren laut, aber friedlich. Seither steht Dynamo für Überleben durch Kampf. Bis 1995 hielt sich Dresden in der Bundesliga, dann verweigerte der DFB aufgrund von zehn Millionen Mark Schulden die Lizenz. Dynamo wurde in die drittklassige Regionalliga verbannt und landete schließlich sogar in der Oberliga Nordost.

Wer den Dresdner Sonderweg verstehen will, muss in die wilden Wendejahre zurückblicken, als ruhmreiche Klubs der DDR-Oberliga plötzlich und unvermittelt den Profifußball lernen mussten. Minge: "Wir hatten 1991 die beste Ausgangsposition aller ostdeutschen Klubs. Resultierend aus den erheblichen Transfererlösen." Doch das viele Geld ersetzte nicht die in den Westen abgewanderten Stars, es sorgte nicht für sportliche Blüte, sondern zog nur westdeutsche Glücksritter und Hasardeure an. Der bekannteste Totengräber des Dresdner Fußballs war Rolf-Jürgen Otto: vor der Wende unter anderem Kneipier und Boxveranstalter, danach Goldgräber im Osten – und seit 1993 Dynamo-Präsident. Seine Dresdner Zeit endete mit der Pleite des Vereins und einer Gefängnisstrafe wegen Veruntreuung von drei Millionen Mark. Das kontinuierlichste in Dresden ist seither die Angst. Angst, aus dem deutschen Fußball zu verschwinden. Angst vorm bösen Westen, der vielen noch immer fremd ist. Der überzeugte Dresdner macht am liebsten in Dresden Urlaub.

Auf den Rängen machte Dynamo in den Wendezeiten ebenfalls eine merkwürdige Wandlung durch. Im DDR-Fußball war Dynamo der weltläufigste Klub des Ostens gewesen. Die Mannschaft spielte gepflegten, technisch starken Fußball und ließ begnadeten Individualisten den nötigen Raum. Stellvertretend für alle Fans aus dem "Tal der Ahnungslosen", in das sich kein westliches TV-Signal verirrte, eroberte Dynamo Europa. Und wer als auswärtiger Fan nach Dresden kam, musste anders als in Leipzig oder beim BFC Dynamo keine übermäßige Sorge haben, verdroschen zu werden. Doch schon 1991, zwei Jahre nach der Wende, standen Dynamo Dresden und die Fanszene im Rudolf-Harbig-Stadion plötzlich als Synonym für rohe Gewalt, blindwütige Ausschreitungen.

Die Bilder des wegen eines Steinhagels und zahlloser Leuchtraketen abgebrochenen Europacupspiels gegen Roter Stern Belgrad waren auch in westdeutsche Wohnstuben geflimmert. Die Videoaufnahmen von damals zeigen einen sichtlich geschockten Ralf Minge, der angesichts der verheerenden Ausschreitungen einer aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Hooligan-Gesellschaft um Worte ringt. In der ARD moderierte Heribert Faßbender sichtlich angewidert den Beitrag an. Für die Dynamo-Fans hingegen barg der gewalttätige Abend eine überraschende Erkenntnis in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie: Mochte die ruhmreiche SG Dynamo sportlich auch langsam in die Bedeutungslosigkeit abrutschen, mit Spielabbrüchen und Massenprügeleien ließen sich dennoch verlässlich Schlagzeilen produzieren. Die Dresdner Szene lernte schnell und war hinsichtlich ihrer Gewaltbereitschaft rasch im Westen angekommen.

Leid und Stolz



Zu der einfachen Erkenntnis, dass auch schlechte Nachrichten immerhin noch Nachrichten sind, gesellte sich eine andere Dresdner Spezialität, die inzwischen bereits vielfach literarisch und gesellschaftlich seziert worden ist. Den Bürgern der Stadt wird eine Neigung zur Innerlichkeit, eine leicht weltfremde Flucht in ethische Prinzipien und Werte nachgesagt. Man muss nun keine alles überformende Stadtpsychologie entwerfen, kann aber feststellen, dass das Dresdner Publikum seine Beziehung zum Lieblingsverein zwangsidealisiert hat.

Anderswo gehen viele Menschen auch gerne ins Stadion, um schönen Fußball zu sehen oder Geschäftspartner zu treffen. Das jedoch ist eine Spezies, die in Dresden nur selten anzutreffen ist. Der idealtypische Dynamo-Fan identifiziert sich vielmehr weit übers Normalmaß hinaus mit dem Klub. Er hat Insolvenzen überlebt und unvergessene Dramen. Er hat mehrfach sein letztes Hemd gegeben, Blut gespendet, demonstriert, permanent die Spendierhosen an, um seine sieche Liebe nicht verrecken zu sehen. Wo jeder Euro dreimal umgedreht wird, ist der Fan König. Ihr seid Dynamo! Der Verein hat dies so oft beteuert, dass die Fans es am Ende geglaubt haben. Und auf eine merkwürdige Art und Weise ist es ja inzwischen tatsächlich so: Die Seele des Vereins ist die große und vielfältige Fanszene. Doch, ach, die Dynamo-Seele fühlt sich permanent nicht verstanden, über den Tisch gezogen, übervorteilt.

1954 wurde etwa die komplette Dynamo-Mannschaft – ein Jahr nach Gründung der SG Dynamo Dresden – schlicht nach Berlin delegiert, um ein konkurrenzfähiges Hauptstadtteam zu bilden. Ein weiteres Trauma ist der sogenannte Kotte-Weber-Müller-Fall. Im Januar 1981 wurden die Dresdner Fußballer Gerd Weber, Matthias Müller und Peter Kotte auf dem Ostberliner Flughafen Berlin-Schönefeld verhaftet. Vorwurf Republikflucht. Dynamo war der Klub des Ministeriums des Innern – am Leben erhalten von der Volkspolizei, dem Zoll und der Staatssicherheit. Für einen Tschekisten gab es kaum ein schlimmeres Vergehen als die Flucht zum imperialistischen Feind, meinte Stasi-Chef Erich Mielke. Entsprechend drastisch ging man gegen die "Sportverräter" vor. Weber wollte in den Westen, hatte Kotte und Müller davon berichtet. Ihr Vergehen: Sie hatten es nicht gemeldet. Das tat wiederum eine Stasi-Zuträgerin.

Weber wurde in der Folge für elf Monate ins Zuchthaus gesteckt, sein Sportlehrerstudium durfte er nicht weiter betreiben. Er musste sich in der Produktion als Kfz-Schlosser bewähren. Im August 1989 gelang ihm mit Frau und Tochter die Flucht in den Westen. Müller und Kotte erhielten nach mehrtägiger Untersuchungshaft wegen Mitwisserschaft eine lebenslange Sperre für die erste und zweite Fußballliga und wurden bei Dynamo Dresden entlassen.

Für viele Fans verdichten sich diese "historischen" Benachteiligungen zusammen mit dem Lizenzentzug 1995 und den heutigen Erfahrungen zahlreicher harter DFB-Strafen zu einem regelrechten Opfermythos, der aber, wie der Anhänger Steffen Pockart betont, "mich letztlich mit gesteigerten Stolz auf meinen Verein blicken lässt".


Neue, alte, vielfältige Fanszene



Obgleich in der DDR der Antifaschismus Staatsdoktrin war, spukte in vielen Köpfen noch die Ideologie des Naziregimes. Wie konnte man als Fußballfan im Schutz der anonymen Masse den DDR-Staat auch heftiger ärgern? Nazi zu sein, war die extremste aller Provokationen und gerade unter jugendlichen Fußballfans en vogue. Offiziell wurde das Problem totgeschwiegen, in der Öffentlichkeit nicht thematisiert. Nach der Wende nutzten die NPD und andere rechtsextreme Verbindungen das politische Vakuum und die Zukunftsängste in der ehemaligen DDR für ihre Ziele aus. Auch in Sachsen entwickelte sich eine starke rechtsextreme Szene, die tief in den Fußball hineinreichte. In den 1990er Jahren liefen die Reichskriegsflagge und andere Nazisymbole bei vielen Fangruppen unter Fußballfolklore.

Nachdem sich die Hooligans durch das Nachwendejahrzehnt geprügelt hatten, kam ab 2001 wieder Stimmung im Stadion auf. Die Ultramode schwappte nach Dresden. Große Choreografien, positive Stimmung, Dynamo war plötzlich für jüngere Leute wieder chic. Die Dresdner Massenbewegung für den Fußball wurde durch die "Ultras Dynamo" neu entfacht. Es folgten fünf bis sechs Jahre Fasching, Pyro, Rauch. Am Anfang wurden die Dresdner Ultras von der anderen starken Außenseiterfraktion, den Hooligans, kritisch beäugt, auch zurechtgestampft. Che hing erst am Zaun, später nicht mehr.

Als die linke Gruppe "Solo-Ultra" vor einigen Jahren von rechtsextremen Fans aus dem Stadion geprügelt wurde, gab es kaum Proteste. Mitte der 2000er Jahre war zudem die Gruppe "Faust des Ostens" aufgetaucht, Kleinkriminelle mit Nazitouch. Die Organisation und ihre Banner verschwanden zwar vor einiger Zeit wieder aus dem Stadion – als Einzelpersonen sind ihre potenziellen Mitglieder aber zum Teil geblieben, wie Polizeisprecher Geithner erklärt: "Es gibt Fans mit einer rechten politischen Gesinnung, die brüllen am Samstag beim Fußball ausländerfeindliche Parolen oder rechtes Gedankengut. Am Dienstag sind die dann bei der Demo gegen das Asylbewerberheim. Das ist aber nicht die Dynamo-Szene, das sind einzelne Personen, die auch zu Dynamo gehen."

Heute sind Ultragruppen fester Bestandteil der Fanszene. Zwar gibt es nach wie vor auch zahlreiche Hooligans – den "Hooligans Elbflorenz", den klassischen Hauern, bestätigte der Bundesgerichtshof Anfang 2015 gar die Eignung als "kriminelle Vereinigung" – aber es gibt in der Dresdner Fanszene inzwischen auch Gruppierungen, die sich aktiv gegen Gewalt und Rassismus im Stadion einsetzen. Eine davon ist die 2006 gegründete Faninitiative "1953international". Sie positioniert sich klar gegen rassistische Vorfälle im Kontext von Dynamo-Spielen: "Ob im Fanblock oder in der Gesellschaft – wir finden es wichtig, mit verschiedenen Aktionen einen kleinen Beitrag dagegen zu setzen", so ein Vertreter der Initiative. Regelmäßig werden Flüchtlinge ins Stadion eingeladen und andere Solidaritätsaktionen auf die Beine gestellt, um Fans und Verein für das Thema zu sensibilisieren.

Die Zusammenarbeit mit Dynamo ist zwar gewachsen, aber nicht unproblematisch: "Man darf ja nicht vergessen, dass in der Vereinssatzung steht, man dürfe sich zu politischen Themen nicht äußern. Von daher bekommt er gerade hier eine Menge Gegenwind, da sich sehr viele hinter diesem ‚unpolitischen‘ Dasein verstecken." Dennoch wurde schon einiges erreicht. So heißt es seit Januar 2015 in Dynamos Fancharta: "Der Verein SG Dynamo Dresden und die Fans stehen aktiv gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung (aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, religiöser und sexueller Orientierungen sowie körperlicher und geistiger Beeinträchtigung) innerhalb und außerhalb des Stadions ein."

Neben "1953international" ist das unabhängige "Fanprojekt Dresden" eine Oase des Guten. Das Fanhaus in der Löbtauer Straße 17 ist ein offenes Haus, das jungen Leuten vielfältige Möglichkeiten zur Entfaltung weit über den Fußball hinaus bietet. So werden unter anderem Wandertouren und mehrtägige Workshops organisiert ("Fair Play", "Gewalt im Abseits", "Der Ball ist bunt", "VorbeigeRAUSCHt"). Im Schuljahr 2015/16 startete zudem das Langzeitprojekt "Am Ball bleiben. Spielerisch Deutsch lernen" mit wöchentlichem Sprach- und Fußballtraining für Kinder aus einer Grundschule mit erhöhtem Sprachförderbedarf. Zusätzlich gibt es Veranstaltungen aus dem kulturellen und erlebnispädagogischen Bereich, den Projekttag Sehbehinderung und Blindenfußball, einen Leseklub sowie das Bildungsprojekt "SG Dynamo Dresden, die Vergangenheit deines Vereins!".

Gewappnet für die Zukunft?



Dynamo-Geschäftsführer Schäfer resümiert: "Fußball braucht alles, den Ultra, die Familie, den VIP-Gast. In Dresden entscheidet sich gerade, wie ein Traditionsverein mit den aktuellen Herausforderungen der Fußballwelt umgeht. Gewalt, politische Bewegungen, Alkohol, Fankultur. Unser Verein ist mitgliedergeführt, das wird gern verdreht als fangesteuert dargestellt, ist aber einfach Basisdemokratie. Wir versuchen die Balance zu halten zwischen der Bewahrung der Fankultur und dem Kommerz des professionellen Fußballs."

Dass es nach wie vor ein zu bearbeitendes Gewaltproblem gibt, scheint dem Verein bewusst zu sein: "Auswärts ist unser Fanblock für einige ein rechtsfreier Raum. Wenn unsere Fans das nicht selbst erkennen und verhindern, müssen wir das regeln." Dennoch sei die 3. Liga entgegen vieler Befürchtungen zu keiner "Krawall-Liga" geworden, "im Gegenteil: Wir hatten eine Menge sehr stimmungsvoller Spiele, wie zuletzt unser Heimspiel gegen den 1. FCM, das völlig friedlich über die Bühne ging. Wir haben 140 Ultras für den Innenraum akkreditiert, damit die Choreo realisiert werden konnte. Außerdem haben wir ihnen das Stadion im Vorfeld zu mehreren Ablaufproben zur Verfügung gestellt. Dieses Vertrauen hat sich gelohnt. Sie haben es uns gedankt, es ist nichts passiert und war eine super Kooperation. Wir ermöglichen Teilhabe, jeder kann sich einbringen, aber jeder muss auch Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen."

Das Eintreten für Weltoffenheit, Toleranz und gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hat sich der mit 16.000 Mitgliedern größte Fußballverein Ostdeutschlands inzwischen offiziell auf die Fahnen geschrieben. Die finanzielle (und dann sportliche) Konsolidierung soll Schäfer zufolge bald folgen: "Wir haben innerhalb eines Jahres die Hälfte der 7 Millionen Euro Schulden an (den Medienunternehmer, Anm. d. Red.) Michael Kölmel abbezahlt. Ziel ist, alle Schulden bis zum 30. Juni 2016 zu begleichen." Dabei werden auch die Fans wieder großen Einsatz zeigen müssen: "Unsere Fans haben bei der letzten Mitgliederversammlung (2015) beschlossen, dass jedes Vereinsmitglied abermals 72 Euro extra bezahlt. Wer den Betrag nicht zahlt, ist laut Satzung kein Mitglied mehr. Die erste Umlage wurde von 98 Prozent aller Mitglieder bezahlt."

Sollte Dynamo Erfolg haben und nächstes Jahr nach dem erhofften Aufstieg in die 2. Bundesliga gut in die Gänge kommt, werden weiterhin auch die "normalen" Dresdner mit ihren Familien ins Stadion kommen. Wenn dann trotzdem weiter Fanrandale stattfinden, wird der Verein den Sumpf trocken legen. Die größeren politischen Probleme in der Stadt und ihrem Umland löst das natürlich nicht. Aber kann das die Aufgabe eines Fußballvereins sein?
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Frank Willmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Frank Willmann

Zur Person

Frank Willmann

Geb. 1963; Journalist und Kolumnist; Autor mehrerer Bücher zur ostdeutschen Fußballkultur; lebt in Berlin. frankwillmann@arturs-stall.de


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