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3.6.2016

Spuren der Kulturrevolution im heutigen China

Jahrestage spielen in der politischen Historiografie – nicht nur jener der Volksrepublik (VR) China – eine zentrale Rolle, dienen sie doch der Rekapitulation der Vergangenheit im Sinne der Legitimierung der Gegenwart. Neben dem Tag der Staatsgründung der VR China (1. Oktober 1949) werden vor allem Ereignisse der Revolutionsgeschichte zum Anlass genommen, um der Rolle der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) bei der Befreiung des Landes von der Fremdbestimmung durch die "imperialistischen" Kolonialmächte und bei der Abschaffung feudalistischer Strukturen zu gedenken. Dabei bindet die Parteigeschichte auch Ereignisse ein, die zeitlich vor der Gründung der KPCh (1921) wie auch vor der Ausrufung der VR China liegen – so die Xinhai-Revolution des Jahres 1911, die das Ende der dynastischen Ära einläutete, oder auch die sogenannte Vierte-Mai-Bewegung des Jahres 1919. Beide Ereignisse stehen für die Forderung nach einer Erneuerung der politischen Systemstrukturen, nach Modernisierung und Reform der Gesellschaftsordnung. Auch der (Widerstands-)Krieg Chinas gegen Japan (1937 bis 1945) wird im Zusammenhang mit ausgewählten Jahrestagen immer wieder thematisiert.

Während all jene Ereignisse, die in die Geschichte der Machteroberung durch die KPCh eingebunden werden, einer permanenten Nacherzählung und kontextabhängigen Umschreibung unterliegen, stehen andere historische Ereignisse, die in die Phase des Staatsaufbaus der VR China unter Mao Zedong ab 1949 fallen, nicht zur Diskussion. Für die maoistischen Massenkampagnen wie den "Großen Sprung nach vorn" (1958 bis 1961) oder die Kulturrevolution (1966 bis 1976) finden sich nur sehr sparsame offizielle Interpretationen, wie diese zu bewerten seien. Eine Aufarbeitung der Fehlentwicklungen ist nur bedingt erfolgt.

So wird Mao Zedong weiterhin als charismatischer Staatsgründer gefeiert – sein Mausoleum findet sich im Herzen des chinesischen Systems, direkt auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tian’anmen, in Beijing. Es steht in einer Sichtachse mit dem Monument für die Helden des chinesischen Volkes, das mit acht großformatigen Reliefs die chinesischen Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts in Marmor und Granit gemeißelt abbildet,[1] und der Verbotenen Stadt. Über dem Tor des Himmlischen Friedens, dem Eingang zur Verbotenen Stadt, wo Mao 1949 die Volksrepublik proklamiert und verkündet hatte, dass das "chinesische Volk wieder aufgestanden" sei, findet sich ein überlebensgroßes Mao-Portrait. Der Platz wird flankiert vom Chinesischen Nationalmuseum, in dem 2012 der Parteichef Xi Jinping eine Ausstellung zum "Wiederaufstieg" besucht und in Variation der von Mao geprägten Formel des neuerlichen Aufstiegs den "Chinesischen Traum" (Zhongguo meng) als neue Herrschaftsdevise ausgegeben hatte. Dem Museum gegenüber befindet sich die Große Halle des Volkes, in dem der Nationale Volkskongress tagt – umringt von Symbolen, die das maoistische Erbe in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts bewahren. Weiterhin sind die Mao-Zedong-Ideen, mit denen die Um- und Weiterschreibung des Marxismus auf den chinesischen Kontext erfolgte, Kern des offiziellen ideologischen Kanons der KPCh.

Kulturrevolution unter kapitalistischen Vorzeichen?



2016 jährt sich der Beginn der Kulturrevolution zum 50. Mal. Bis heute hält die KPCh an der Deutung fest, dass die Verantwortung für die damalige politische Radikalisierung und die bürgerkriegsähnlichen Zustände allein der sogenannten Viererbande um Maos Frau Jiang Qing zuzuschreiben seien. Weitere Entwicklungsfehlschritte und das partielle Scheitern der Politik in der Mao-Ära werden zudem damit begründet, dass die VR China seinerzeit in einer "falschen" Entwicklungsphase verortet worden sei. So betonen die verschiedenen postmaoistischen Politikergenerationen in ihren Erklärungen immer wieder, dass sich die VR China in der Frühphase des Sozialismus befinde und symbolische 100 Jahre noch in dieser verweilen werde. In dieser Phase sei die Koexistenz sozialistischer und kapitalistischer Wirtschaftsformen erlaubt, da als oberstes Ziel Modernisierung, Armutsbekämpfung und der Aufbau einer Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands (xiaokang shehui) festgeschrieben seien. Mit der Zauberformel der "zwei Hundert" (liang’ge yi bai nian) hat der Staatschef Xi Jinping die Entwicklungs- und Modernisierungsutopien seiner Vorgänger aufgegriffen und mit einem neuen Zeitplan versehen: Bis 2021, dem 100-jährigen Jubiläum der KPCh, soll die VR China die Zielvorgaben einer "Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands" erreicht haben; bis 2049, wenn sich der Tag der Staatsgründung zum 100. Mal jährt, soll aus der Volksrepublik eine hochentwickelte Großmacht geworden sein.[2]

Das, was der Große Sprung und die Kulturrevolution nicht zu leisten vermochten, scheint nun unter "kapitalistischer" Flagge, verpackt als Modell des "Sozialismus mit chinesischen Charakteristika", in greifbare Nähe gerückt zu sein: China ist zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA aufgestiegen; der chinesische Renminbi ist in den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds aufgenommen worden; als globaler Investor und Financier sorgt "China" weltweit für Schlagzeilen. Erneut ist das Land auf einem Modernisierungskurs, diesmal allerdings nicht basierend auf einem radikalen Ikonoklasmus, sondern unter Rückbesinnung auf eigene, "chinesische" Werte. So werden seit einigen Jahren Forschungsprojekte gefördert, die unter Rückgriff auf die vormoderne chinesische Staatsphilosophie "alternative" Governance-Konzeptionen erarbeiten sollen. Parallel zu der politischen Reaktivierung konfuzianischer Konzepte aber zeichnet sich unter Xi Jinping eine Wiederkehr maoistischer Formeln und Symbole ab – die bei nicht wenigen Beobachtern Erinnerungen an den Personenkult um Mao während der Phase der Kulturrevolution wachrufen.

Wiederaufleben der "Massenlinie"



Unter Xi Jinping erleben diverse Konzepte der maoistischen Gedankengebäude eine Renaissance.[3] So hat Xi etwa die "Massenlinie" reaktiviert und 2013 eine entsprechende Kampagne gestartet, die den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt und die Beziehungen zwischen Partei beziehungsweise Staat und chinesischer Gesellschaft konsolidieren soll. Das Konzept der Massenlinie sieht vor, dass Forderungen und Erwartungen der Gesellschaft vorausschauend von der Partei aufgegriffen und hieraus Theorien und politische Richtlinien abgeleitet werden, die wiederum in die "Massen" zurückgespielt werden sollen. Während der Aspekt des "Hineintragens" in die Gesellschaft auch das sowjetkommunistische Modell prägte, steht die Idee des Schöpfens und des Systematisierens der in der Bevölkerung vorhandenen Ideen und Standpunkte für eine Ausdifferenzierung unter Mao.[4]

Die unter Xi Jinping im Juni 2013 zunächst auf den Zeitraum eines Jahres angelegte Kampagne hatte primär die Gleichschaltung der Führungskader und die Wiederherstellung der Parteidisziplin zum Inhalt. Bekämpft werden sollten die "vier Übel" Formalismus, Bürokratismus, Hedonismus und Extravaganz.[5] 2014 ging die Kampagne in die Verlängerung, sie zielte nun auf die untergeordneten Verwaltungsebenen, insbesondere auf die unterste, die "Graswurzel"-Ebene, ab.[6] Drei Schritte waren hierbei vorgesehen: Zunächst sollten die Kader neu geschult werden und sich aktiv mit den in der Gesellschaft vorhandenen Positionen und Meinungen auseinandersetzen; der zweite Schritt sah Maßnahmen der Kritik und Selbstkritik vor; abschließend sollten neue Richtlinien beziehungsweise policies erarbeitet und ihre Umsetzung vorbereitet werden. Während die maoistische Massenlinie in Verbindung mit der Kulturrevolution eine revolutionäre personelle Neubesetzung des bürokratischen Apparats ermöglichte, der im rechtsfreien Raum stattfand, ist Xis Massenlinie an das "Konzept des rechtsgestützten Regierens" gekoppelt, wird formal also als Durchsetzung von Verhaltenskodizes gemäß den Vorgaben der Verfassung formuliert.

Neben der Massenlinienkampagne und der Korrektur des Arbeitsstils der Partei stieß Xi zudem eine Kampagne gegen "westliche" Werte an, die auch vor der Beschneidung der akademischen Freiheiten der Universitäten keinen Halt machte. Ein parteiinternes Papier hatte dafür "sieben Übel" identifiziert, die als systemgefährdend eingestuft wurden: westlich-konstitutionelle Demokratie, universelle Werte, Zivilgesellschaft (als Opposition zum Staatsapparat), Neoliberalismus (als Gegenmodell zum staatsgesteuerten chinesischen Kapitalismus), Medien (und Meinungsfreiheit), "historischer Nihilismus" sowie Kritik an der Politik von Reform und Öffnung und dem chinesischen Modell des Sozialismus.

Die letzten beiden Punkte treffen dabei die ideologische Schlagader des chinesischen Systems. Denn Historiografie ist ein Politikum: Die Geschichtsinterpretation dient der Rechtfertigung und Fortschreibung des Herrschaftsanspruchs der jeweiligen Führungsgruppe. Die unter der derzeitigen (fünften) Führungsgeneration der VR China an die Oberfläche gelangenden, zuvor nicht offen ausgetragenen Kontroversen innerhalb der politischen und intellektuellen Eliten manifestieren sich als Wettstreit der "Ideologien", als Konkurrenz zwischen einem liberalen (westlich inspirierten) und einem chinesisch-sozialistischen Entwicklungsweg. Die Generallinie der Partei ist dabei – auch unter Xi – mit einem entschiedenen Festhalten an Chinas Sonderform des Sozialismus gesetzt.

Der Rückgriff auf maoistische Slogans und die verklärende, zum Teil sogar vergötternde Erinnerung an Mao bleiben heikle, politisch hochgradig explosive Unterfangen. Für die Gewaltexzesse und die Verwüstungen der Kulturrevolution wurde allein die "Viererbande" verurteilt, der Mythos Mao aber blieb weitgehend unangetastet. Offiziell gilt Mao zwar als "zu 70 Prozent gut, zu 30 Prozent schlecht", aber das Fehlen einer aufrichtigen Aufarbeitung der maoistischen Massenkampagnen hat dazu geführt, dass zahlreiche innergesellschaftliche Wunden noch längst nicht verheilt sind.

So zog im Januar 2016 eine überlebensgroße, goldfarbene Mao-Statue in der Provinz Henan die Aufmerksamkeit der internationalen Presse auf sich: Direkt nach ihrer Errichtung war auf chinesischen Mikroblogs eine emotionale Kontroverse über die Perfidität dieser neuen Heldenverehrung entbrannt – schließlich hatte die Provinz Henan seinerzeit besonders heftig unter den Folgen der gescheiterten maoistischen Modernisierungskampagnen gelitten. Die Kritik führte schließlich dazu, dass die Statue, die angeblich von einem lokalen Unternehmer beauftragt worden war, schon kurze Zeit später und ohne weitere Erklärungen wieder demontiert wurde. Der Vorgang erinnert an das Gastspiel einer Konfuzius-Statue auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing im Januar 2011, die ebenfalls sehr rasch nach ihrer Aufstellung in einer Nacht- und Nebelaktion wieder entfernt wurde.[7] In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass es zwar zunächst ein informelles Placet für die Errichtung der Statuen gegeben haben dürfte, dass dieses aber im Zuge innerparteilicher Auseinandersetzungen wieder kassiert wurde.

Die KPCh schreckt vor einem Austausch ihrer offiziellen Leitideen und philosophischen Referenzsysteme zurück – ebenso wie vor einer Wiederbeschwörung der Geister der maoistischen Vergangenheit. Letzteres zeigte sich 2012/2013 exemplarisch mit der klaren Absage der KPCh-Führung an das in der Stadt Chongqing unter dem dortigen Parteichef Bo Xilai etablierte neomaoistische Modell. Bo, der nicht nur in Politik und Ökonomie, sondern auch kulturell eine Rückbesinnung auf Mao anstrebte, wurde abgesetzt und unter anderem wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Auch die Onlineforen der "Neuen Linken", die Bo unterstützt hatten, wurden daraufhin geschlossen.[8]


Umgang mit der Vergangenheit



Die Kulturrevolution steht für die "zehn dunklen Jahre" in der politischen Geschichte der VR China, die tiefe Narben und Eindrücke in der kollektiven Erinnerung der chinesischen Bevölkerung hinterlassen haben. Eine Besonderheit ist allerdings, dass diese Phase der chinesischen Geschichte nicht offen debattiert wird, sondern mit einer offiziellen Interpretation versehen wurde.[9]

Die gesellschaftlichen Folgen der Kulturrevolution wurden zunächst in der Literatur der späten 1970er Jahre aufgegriffen. Namensgebend für diese Literaturgattung, die "Narbenliteratur", war die Erzählung "Narben" (1978) von Lu Xinhua, in der die politische Diffamierung und die Auslieferung engster Familienangehöriger durch die Generation der Rotgardisten thematisiert werden. Zu einem weiteren Hauptwerk dieser Strömung zählt Liu Xinwus Erzählung "Der Klassenlehrer" (1977), in dem die Verführung der chinesischen Jugendlichen durch die "Viererbande" und der Sog der an Fahrt gewinnenden Kulturrevolution dargelegt werden. Verschiedentlich ist die Kulturrevolution auch von chinesischen Filmemachern abgehandelt worden – viele dieser Filme sind allerdings nie in China gezeigt worden. Vielfach geht es in Literatur und Kunst um Schuld und (nicht abzuleistende) Sühne, um den Versuch, in die Normalität zurückzufinden. Die "neue" Normalität der postmaoistischen Ära ist zum Teil noch immer durch eine Sprachlosigkeit, durch die Unfähigkeit der Vergangenheitsverarbeitung geprägt.

Einzelne ehemalige Rotgardisten haben das Schweigen zwar mit der Veröffentlichung ihrer Memoiren durchbrochen,[10] der chinesische Partei-Staat schreckt aber weiterhin davor zurück, die Schatten der Vergangenheit aktiv aufzugreifen. Zum traditionellen chinesischen Totenfest fanden sich auch 2016 keine offiziellen Stellungnahmen in der Staatspresse. Die Gedenkzeremonien auf den wenigen noch bestehenden Friedhöfen, auf denen Opfer der Kulturrevolution begraben liegen, fanden abgeschottet statt; Filmaufnahmen waren nicht gestattet. Das Gedenken und die Trauer erfolgen im Verborgenen und sind doch zugleich in der kollektiven Erinnerung omnipräsent – hat diese Massenkampagne doch zwischen 750000 und 1,5 Millionen Leben gekostet und die Überlebenden traumatisiert zurückgelassen.[11] Zwar hat selbst der damalige Ministerpräsident Wen Jiabao 2011 bei einem Besuch an der Nankai-Universität in Tianjin das Schicksal seiner Familie während der Kulturrevolution dargelegt und ein Jahr darauf vor einer Neuauflage der Kulturrevolution gewarnt.[12] Aber eine differenzierte Aufarbeitung blieb bislang aus. Während der Kulturrevolution verfolgte Kader sind rehabilitiert worden, eine umfassende Entschädigung der zivilen Opfer ist jedoch nicht erfolgt. Dies belastet die chinesische Gesellschaft bis heute.

Renaissance des Personenkults



Mit der Abschaffung des Amts des Parteivorsitzenden sollte in der 1978 eingeleiteten Reform-Ära das Prinzip der kollektiven Führung als ehernes Grundaxiom verankert und eine erneute Massenmobilisierung durch einen übermächtigen charismatischen Führer unterbunden werden. Die Parteiführung wurde an den Generalsekretär übergeben, der als primus inter pares agieren sollte. Seit der Übertragung der Staats- und Parteigeschäfte an die fünfte Führungsgeneration zeichnet sich nun aber eine neuerliche Machtkonzentration in den Händen des Generalsekretärs Xi Jinping ab. Xis Kampagnen greifen dabei bereits seit Langem debattierte Fehlentwicklungen auf: Korruption und Machtwillkür lokaler Kader werden als akute Gefahr für die Effizienz des Systems eingestuft. Um das verloren gegangene Vertrauen der Bevölkerung wiederherzustellen, hat Xi eine Stärkung des Rechtssystems sowie eine Sanktionierung korrupter Kader ausgerufen und parallel hierzu eine generelle Korrektur des Arbeitsstils der Parteikader angestoßen.

Neben der Massenlinien-Kampagne sind es vor allem Elemente eines neuen Personenkultes um Xi, die an die Vergötterung Maos im Zuge der Kulturrevolution erinnern. So liegt eine Auswahl der wichtigsten Reden Xis vor, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.[13] Auf der Titelseite prangt – ähnlich wie auf der "Mao-Bibel" – ein ovales Portrait des Autors. Auch zu den von Xi geprägten Slogans wie dem vom "Chinesischen Traum" oder vom "rechtsgestützten Regieren" finden sich umfassende Kompilationen und Studienmaterialien für Parteikader. Hinzu kommt eine neue politische Ikonografie, bei der der Staatschef als charismatischer Führungspolitiker in Szene gesetzt wird.

So wird er zum Beispiel in einem Musikvideo unter dem Titel "Wenn du jemanden heiraten willst, dann heirate jemanden wie Xi", als heroischer Parteiführer besungen, der im Kampf gegen "Tiger und Fliegen" der Korruption ein Ende bereitet. Unterlegt ist das Ganze mit Bildern, die Xi bei der Abnahme einer Militärparade in Beijing zeigen. Die Einbettung in einen militärischen Kontext und die Betonung der Integrität und moralischen Vorbildfunktion erinnert dabei an ein Schlüsselnarrativ der chinesischen Parteigeschichte: die Stilisierung des Soldaten Lei Feng zum loyalen Mustersoldaten der Volksbefreiungsarmee ab 1963. Auch zu den von Xi konzipierten "Vier Umfassenden" (si ge quanmian) – gemeint sind Leiformeln, mit denen alte Ideologeme und aktuelle Entwicklungsstrategien zusammengeführt werden – kursieren ähnlich verherrlichende Videos. Zudem findet sich eine Neuauflage von Ansteckbuttons, auf denen Xi im Kreise seiner vier Vorgänger zu sehen ist – eine Ikonografie, die starke Anklänge an kulturrevolutionäre Plakate aufweist, auf denen Mao mit den Theoretikern des Marxismus-Leninismus in eine Reihe gestellt wurde.

Rückbesinnung auf "chinesische" Werte



Wenngleich der Personenkult und die Neuauflage der Massenlinie terminologisch wie auch konzeptionell Erinnerungen an die Mao-Ära wecken, sollte doch nicht übersehen werden, dass ein grundlegender Unterschied zwischen den gegenwärtigen Kampagnen und der Phase der Kulturrevolution vorliegt: Diese hatte sich gegen bourgeoise, reaktionäre Kräfte in der Partei und traditionelle (bourgeois-feudalistische) Werte in der Gesellschaft gerichtet. Sie knüpfte damit an den Ikonoklasmus früherer Modernisierungswellen wie die Vierte-Mai-Bewegung an. Xi Jinping hat jedoch wiederholt betont, dass sich die KPCh als Bewahrerin der chinesischen Kultur und Tradition verstehe und diese "chinesischen" Werte die DNA des Systems darstellten. Mehrfach hat Xi den Geburtsort des Konfuzius in Qufu aufgesucht; auch die Konfuzius-Tempel und -Gedenkstätten sind restauriert worden. Insgesamt zeichnet sich somit eine Rückbesinnung auf die philosophischen Grundlagen Chinas ab, zu denen neben dem Konfuzianismus auch der Daoismus und der Buddhismus zählen.

Eine Gleichsetzung der politischen Kampagnen unter Xi Jinping mit jenen der Mao-Ära wäre somit irreführend. Was sich allerdings abzeichnet, ist eine aktive Rezentralisierung und Bündelung politischer Macht in den Händen der obersten Parteiführung. Dingceng sheji, "top-level design", lautet das Schlagwort, mit dem Xi den Anspruch unterstreicht, umfassende Reformen einzuleiten und diese zentral zu koordinieren. Erschwert wird die Umsetzung dieser Reformen allerdings durch unter der Oberfläche ablaufende Linienkämpfe zwischen den konkurrierenden Flügeln innerhalb der KPCh, die teils neomaoistischen, teils neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfen anhängen.

Am 17. Mai 2016 veröffentlichte die "Volkszeitung", die als Sprachrohr der Partei dient, unerwartet einen Kommentar, der vor einem Rückfall in die Kulturrevolution warnt. Die Partei ringt angesichts sich zuspitzender Faktionskämpfe um Geschlossenheit und die Wahrung der historiografischen Deutungshoheit – und reagiert damit präemptiv auf die Debatten über 50 Jahre Kulturrevolution, die außerhalb der VR China geführt werden.
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Autor: Nele Noesselt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Dargestellt sind die Opiumkriege, der Taiping-Aufstand, die Xinhai-Revolution, die Vierte-Mai-Bewegung, die Demonstrationen des 30. Mai (1925) in Shanghai, der von den Kommunisten organisierte Nanchang-Aufstand (August 1927), der Widerstandskrieg gegen Japan sowie die Überquerung des Yangzi durch die Volksbefreiungsarmee im Chinesischen Bürgerkrieg (1949) – zusammengefasst also ein Rückblick auf Widerstandsbewegungen, an deren Ende die Errichtung der VR China unter der Herrschaft der KPCh steht.
2.
Für die englische Version vgl. Xi Jinping, Achieving Rejuvenation is the Dream of the Chinese People, in: ders., The Governance of China, Beijing 2014, S. 37ff.
3.
Die Ausführungen zur Reaktivierung und Neukonzeption politischer Ideen unter Xi stützen sich auf erste Zwischenergebnisse und Datenkompilationen des DFG-Projekts "Konzeptionen von politischer Herrschaft und Entwicklungswegen in den Studien chinesischer Politikwissenschaftler".
4.
Die Notwendigkeit einer ständigen und wechselseitigen Theorie-Praxis-Kopplung, durch die eine dogmatische Erstarrung des Systems vermieden werden soll, hatte Mao 1937 in seinem Traktat "Über die Praxis" formuliert.
5.
Vgl. Xinhua, Xi Demands Implementation of "Mass Line" Campaign, 10.12.2013, http://en.people.cn/90785/8479207.html« (4.5.2016).
6.
Vgl. Xinhua, CPC Rolls Out "Mass Line" Rules, 23.1.2014, http://english.cntv.cn/20140123/105451.shtml« (4.5.2016).
7.
Vgl. Ralph Weber, Politik, Konfuzianismus und konfuzianische politische Philosophie in der VR China heute, in: Widerspruch, (2013) 56, S. 61–72.
8.
Vgl. Charles W. Freeman/Wen Jing Yuan, China’s New Leftist and the China Model Debate After the Financial Crisis, Washington D.C. 2011.
9.
Durch das 6. Plenum des 11. Zentralkomitees, das 1981 die "Resolution zu einigen Fragen in der Geschichte (der Partei) seit der Gründung der VR China" (Guanyu jian guo yi lai dang de ruogan lishi wenti de jueyi) verabschiedete. Der chinesische Text der Resolution findet sich online unter: http://cpc.people.com.cn/GB/64162/71380/71387/71588/4854598.html« (4.5.2016).
10.
Zur Parteihistoriografie und der (fehlenden) Aufarbeitung der Kulturrevolution vgl. Susanne Weigelin-Schwiedrzik, In Search of a Master Narrative for 20th-Century Chinese History, in: The China Quarterly, (2006) 188, S. 1070–1091.
11.
Vgl. Andrew G. Walder/Yang Su, The Cultural Revolution in the Countryside: Scope, Timing and Human Impact, in: The China Quarterly, (2003) 173, S. 74–99.
12.
Vgl. Renminwang, Wen Jiabao: Meiyou zhengzhi tizhi gaige de chenggong wenge keneng chongxin fasheng (Wen Jiabao: Wenn es keine erfolgreiche Reform der politisch-administrativen Systemstrukturen gibt, könnte sich die Kulturrevolution wiederholen), 14.3.2012, http://news.ifeng.com/mainland/special/2012lianghui/detail_2012_03/14/13189068_0.shtml« (4.5.2016).
13.
Vgl. Xi Jinping, Tan zhi guo lizheng (China regieren), Beijing 2014.

Nele Noesselt

Zur Person

Nele Noesselt

Dr. phil. (Sinologie), Dr. phil. (Politikwissenschaft); geb. 1982; Professorin für Politik Chinas/Ostasiens an der Universität Duisburg-Essen, IN-EAST, Forsthausweg 2, 47057 Duisburg. nele.noesselt@uni-due.de


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