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9.9.2016

Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade. Der Traum vom Human Enhancement

Neue Menschen schaffen – das war einst den Göttern vorbehalten. Doch im utopischen Denken wird der Neue Mensch auf die Erde geholt. Er symbolisiert darin den Bruch mit der gegenwärtigen Wirklichkeit zugunsten alternativer innerweltlich gedachter Möglichkeiten.[1] Ihren prominentesten Ausdruck fand das utopische Denken in den Sozialutopien der Moderne. Idealtypisch lässt sich die Sozialutopie als Alternativkonstruktion gesellschaftlicher Ordnung begreifen, die von kollektiv verbindlichen Werten und Normen getragen wird. Einer unvollkommenen Wirklichkeit wird dabei ein Zustand der Perfektion entgegengehalten. Im Spiegel der Utopie soll die Gesellschaft ihre eigene Unvollkommenheit reflektieren und eine Wende zum Besseren einleiten. In den Staatsromanen der Frühen Neuzeit wurde diese alternative Ordnung noch auf ferne Inselreiche verlagert,[2] doch im Zuge der Aufklärung wanderte die Utopie in das Übermorgen. Aus Raumutopien wurden Zeitutopien.[3] Die Utopie wurde zum Wunschbild einer anzustrebenden Zukunft. Das gegenwärtig Unmögliche sollte zukünftig möglich werden.

Mensch und Gesellschaft werden in Sozialutopien stets zusammengedacht. Je nach utopischer Ausdeutung sind die Neuen Menschen utopischer Gesellschaften glücklicher, klüger, altruistischer oder freier als die alten Menschen.[4] Die Instrumente der Umgestaltung, die den Neuen Menschen hervorbringen sollen, sind Sozialtechnologien: politische Maßnahmen und erzieherische Methoden. Ihre Anwendung soll einen neuen Menschentypus produzieren. Dem entspricht ein dezidiert modernes Bild des Menschen, in dem derselbe als Tabula Rasa begriffen wird, als "unbestimmte Negativität",[5] die erst durch die Gesellschaft zum Subjekt wird: Der Mensch ist dann das, was die gesellschaftliche Ordnung aus ihm macht. Ändert man diese, so ändert man zugleich die conditio humana. Diese utopische Idee war nicht zuletzt den großen revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Der in die Zukunft verschobene Neue Mensch sollte den alten Menschen als Leitbild dienen, das es anzustreben und zu verwirklichen galt.

Human Enhancement: Die Neuerfindung des Neuen Menschen



Doch der sozialtechnologische Traum vom Neuen Menschen ist weitgehend ausgeträumt.[6] Spätestens mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus schienen die utopischen Energien der Moderne erschöpft zu sein. Einige Autoren kamen daher zu dem Schluss, dass moderne Utopien mit gesellschaftsweitem Anspruch ein Übergangsphänomen gewesen sind, das nun langsam selbst der Modernisierung zum Opfer fällt.[7] Paradigmatisch für diese Position ist die 1989 formulierte These Francis Fukuyamas vom "Ende der Geschichte". Nach dem historischen Sieg von Demokratie und Kapitalismus sei zugleich das Streben nach einer alternativen neuen Welt und einem Neuen Menschen an ihr Ende gelangt. Wir müssten uns stattdessen als die "letzten Menschen" begreifen.[8]

Doch einige Jahre später sah sich Fukuyama zu einem Widerruf gezwungen. Er räumte ein, dass die sozialtechnologischen Werkzeuge womöglich "schlicht zu grob waren, um das natürliche Substrat menschlichen Verhaltens wirksam zu verändern". Demgegenüber könnte der Fall eintreten, dass "uns die Biotechnologie innerhalb der nächsten Generationen Werkzeuge an die Hand geben wird, mit denen wir das erreichen werden, was die Gesellschaftstechniker der Vergangenheit nicht haben bewerkstelligen können".[9] Fukuyama brachte damit die Idee zum Ausdruck, dass zukünftige, naturwissenschaftlich fundierte Sachtechnologien etwas leisten könnten, was mit vergangenen Sozialtechnologien – zum Guten oder zum Schlechten – nicht gelingen wollte. Das neue utopische Projekt, das Fukuyama in mahnender Absicht skizziert, lautet "Human Enhancement" – die Verbesserung des Menschen durch den Einsatz technologischer Eingriffe in den Körper:[10] durch Pharmaka, Implantate, Prothesen, Bio- und Nanotechnologie.

Der Begriff "Human Enhancement" hat sich in der internationalen bioethischen Diskussion als Oberbegriff durchgesetzt, der unterschiedlichste technologische Optionen einer Verbesserung des Körpers umfasst.[11] Die zentrale Unterscheidung ist dabei die Differenz von Verbesserung und Therapie. Als Enhancement, also Verbesserung, gelten im Rahmen dieser Differenz jene Praktiken, die nicht der Wiederherstellung des gesundheitlichen Normalzustands dienen, sondern darauf abzielen, eben diesen Normalzustand in bestimmten Hinsichten zu verändern. Von dieser Unterscheidung ausgehend, lassen sich dann Therapie und Enhancement anhand ihrer Handlungsziele differenzieren. Um eine Handlung als therapeutische Intervention zu rahmen, ist die Identifikation eines pathologischen Problems unerlässlich. Das Ziel besteht in dessen Behandlung. Das Ziel von Enhancement bestimmt sich demgegenüber durch die Konstruktion möglicher Verbesserungsoptionen, ohne dass eine zu behandelnde Krankheit vorliegt – bereits hier wird sichtbar, dass der Horizont des Ziels "Verbesserung" im Kontrast zu therapeutischen Zielen nach oben offen ist.

Gegenwärtige technische Anwendungen, die unter dem Stichwort "Human Enhancement" diskutiert werden, sind etwa ästhetische Eingriffe, leistungssteigernde Pharmaka, die mentale Fähigkeiten (wie Konzentrationskraft und Erinnerungsvermögen) verbessern oder Implantate (etwa Magneten), die neue Sinneseindrücke bescheren sollen. Bereits das letztere Beispiel führt uns zu den transhumanistischen Zukunftsideen,[12] die mit Enhancement verknüpft werden – nämlich den Visionen einer Steigerung menschlicher Fähigkeiten über das gegenwärtig Menschenmögliche hinaus.[13] Während aktuelle Enhancement-Optionen sich häufig lediglich im Bereich des gegenwärtigen menschlichen Potenzials bewegen, etwa um einen kurzen Konzentrationskick zu erwirken, zielen transhumane Enhancement-Technologien auf die Erweiterung des menschlichen Möglichkeitsraums. Eben hier liegt das utopische Moment: Das gegenwärtig körperlich Unmögliche soll zukünftig technologisch möglich werden.

Transhumanistische Zukunftsvorstellungen prägen den Diskurs um Enhancement ungemein, denn bereits inkrementelle technische Anwendungen lassen sich als Vorstufen zu und Wegbereiter für eine transhumane Zukunft deuten – so der Zeithorizont nur hinreichend verlängert wird. Darin sind sich Enhancement-Utopisten und Enhancement-Dystopisten einig: Während Erstere von goldenen Brücken in eine transhumane Zukunft schwärmen, warnen Letztere vor Dammbrüchen und slippery slopes.[14] Enhancement-Utopisten und Enhancement-Dystopisten halten die zukünftige Ermöglichung des gegenwärtig Unmöglichen also gleichermaßen für möglich – sie unterscheiden sich lediglich in der Bewertung dieser Möglichkeit.

Drei transhumane Pfade



Um welche Visionen geht es? Wie kann der sachtechnisch optimierte und transformierte Neue Mensch aussehen? Welche Technologien sollen ihn produzieren? Drei spekulative Pfade werden gegenwärtig in bioethischen Diskursen, populärwissenschaftlichen Schriften, aber zunehmend auch in breiteren gesellschaftlichen Kreisen, diskutiert:

Der genetisch Neue Mensch: Designerbabys
Die aktuellen technologischen Durchbrüche im genome editing (einer Methode zum Entfernen, Einfügen und Verändern der DNA) haben einen Diskurs wiederbelebt, der seit mehr als einem Jahrhundert unter immer wieder neuen Vorzeichen geführt wurde: den Diskurs um eine Produktion Neuer Menschen durch biotechnische Interventionen. Im Rahmen einer "liberalen Eugenik"[15] muss der genetisch Neue Mensch jedoch kein Produkt staatlicher Kollektiventscheidungen mehr sein, sondern kann auch als Aggregat einer Vielzahl elterlicher Entscheidungen gedacht werden. Die Debatte um solche "Designerbabys" war längere Zeit von der Idee der Selektion bestimmt – in ihrer liberalen Fassung einer Selektion der "besten" Nachkommen durch die Eltern auf Basis der Präimplantationsdiagnostik. Doch mit den neuen methodischen Instrumenten des genome editing erscheint auch die Möglichkeit unmittelbarer genmanipulativer Eingriffe in die Keimbahn wieder in greifbare Nähe gerückt.[16] Was Enhancement-Utopisten hoffen und ihre Gegner befürchten, ist, dass über Generationen hinweg fortgesetzte Genmanipulationen Menschen entstehen lassen könnten, die sich in ihren Eigenschaften radikal von dem Menschen der Gegenwart unterscheiden.[17]

Der implantierte Neue Mensch: Cyborgs
Der genetisch Neue Mensch ist das Produkt einer immer noch recht fernen Zukunft. Doch seit mehreren Jahrzehnten ist eine andere transhumane Vision im Umlauf, die das Versprechen (oder die Drohung) in sich birgt, dass auch Menschen der Gegenwart (und nicht erst ihre Nachkommen) zu Neuen Menschen werden können: nämlich durch Prothesen und Implantate. Die erwartete Konvergenz von Bio-, Nano- und Informationstechnologie führt in dieser Zukunftsvision zu einer ganzen Reihe von Verbesserungsoptionen, die ein Mensch im Verlauf seines Lebens nutzen kann.[18] Neuro-Implantate sollen zur Steigerung der Kognition verwendet werden. Ein künstliches Auge könnte den Menschen in die Lage versetzen, besser zu sehen und Teile des elektromagnetischen Spektrums wahrzunehmen, die ihm zuvor unzugänglich waren. Analog dazu könnte ein künstliches Ohr die Wahrnehmung von für den Menschen bislang nicht hörbaren Tönen ermöglichen. Zudem wäre es denkbar, die künstlichen Sinnesorgane verschiedener Personen miteinander zu vernetzen, sodass man in der Lage wäre, die sensorischen Informationen anderer Menschen zu verarbeiten. Bioelektronik könnte dem Körper auch zusätzliche Kraft verleihen, um etwa die Laufgeschwindigkeit oder die Tragkraft eines Menschen zu verbessern.[19] Nach einigen Jahrzehnten könnte der Mensch von heute kaum wiederzuerkennen sein: Schwärme von Nanorobotern wandern durch seinen Körper und machen ihn widerstandsfähiger und langlebiger. Möglicherweise sind bereits bestimmte Körperteile nicht mehr (oder zumindest nicht mehr vollständig) organisch. Der implantierte Neue Mensch ist Schritt für Schritt zum Cyborg geworden, einem Hybrid aus Mensch und Maschine.[20]

Der digitale Neue Mensch: Uploads
Während Genmanipulationen und "Cyborgisierungen" einen graduellen Prozess voraussetzen, imaginiert die wohl radikalste Transformationsvision einen sprunghaften Übergang vom Menschen zum Neuen Menschen durch die vollständige Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins. Dieser Prozess wird als "Uploading" oder "Whole Brain Emulation"[21] bezeichnet. Die entscheidende Prämisse derjenigen, die an die Möglichkeit zum Uploading glauben, besagt, dass sich das Gehirn letztlich als austauschbare Hardware für die Software des Bewusstseins beschreiben lässt. Damit erscheint die Möglichkeit eines Neuroscans, der das Gehirn vollständig emulieren und damit verlustfrei auf einen Rechner übertragen kann, ebenfalls nicht ausgeschlossen: Der Mensch soll so auf ein überlegenes Trägermedium migrieren. Dadurch wird nicht zuletzt eine digitale Unsterblichkeit erhofft, denn der so geschaffene Neue Mensch soll beliebig viele Backups von sich anfertigen können, auch wenn seine materiellen Grundlagen dem Zahn der Zeit zum Opfer fallen. Doch es geht nicht nur um eine Verlängerung des menschlichen Lebens, sondern um eine allumfassende Entgrenzung: Von den Fesseln der Biologie befreit, soll der digitale Neue Mensch auch seine eigenen geistigen Fähigkeiten exponentiell verbessern und sich beliebig umgestalten und erweitern können – er wird so zur sich selbst formenden künstlichen Intelligenz.[22]


Enhancement und Gesellschaft



Im wissenschaftlichen Mainstream stoßen solche Visionen typischerweise auf Skepsis und Ablehnung. Und doch sind sie im naturwissenschaftlich-technischen Denken verwurzelt. Selbst die Vision des digital migrierten Neuen Menschen ist das Produkt eines bestimmten wissenschaftlichen Weltbildes – nämlich des informationstechnischen Paradigmas. Es verwundert daher nicht, dass selbst diese radikale Idee durchaus anschlussfähig an gegenwärtige Digitalisierungsdiskurse ist, die von der Leitidee der Dematerialisierung des Materiellen bestimmt sind.[23] Auch wenn die grundsätzliche Realisierbarkeit des Uploading von vielen Forschern in das Reich der Phantasie verbannt wird, sind einige Technikvisionäre gleichwohl davon überzeugt, dass diese technologische Vision noch in diesem Jahrhundert Wirklichkeit werden kann. Ihr prominentester Vertreter ist Ray Kurzweil, seines Zeichens Träger der National Medal of Technology und Director of Engineering bei Google.[24]

Die oszillierenden Rollen von Kurzweil – zwischen Technikexperte und Technikutopist – reproduzieren ein Diskursmuster, das sich in die gegenwärtige Renaissance technikfuturistischer Visionen im 21. Jahrhundert einfügt – man denke nur an Schlagworte wie "Industrie 4.0", "Smart Cities", "autonomes Fahren", "künstliche Intelligenz" oder "synthethische Biologie". Analog zu diesen kontemporären Zukunftsbildern treten auch Enhancement-Visionen keineswegs als Science Fiction auf, also als explizite Fiktionen, sondern eben auch und gerade als ernst gemeinte Szenarien der Zukunft, die in (populär)wissenschaftlichen Schriften von Wissenschaftlern und Technologen skizziert und öffentlich verhandelt werden. Aktuelle Science Fiction lässt sich dabei durchaus selbst von den Visionen der Technologen inspirieren: So wird im Film "Transcendence" (2014) die Idee des Uploading im direkten Anschluss an transhumanistische Utopien, wie sie etwa von Kurzweil vertreten werden, fiktional ausbuchstabiert.

Während Autoren wie Fukuyama den Transhumanismus als "gefährlichste Idee der Menschheit"[25] bezeichnen, haben sich längst auch Institute, Vereine und Think Tanks etabliert, die offensiv für transhumanistische Zukunftsvisionen werben. Diese werden teilweise von renommierten, wenn auch umstrittenen Vordenkern getragen: Zu ihnen gehören unternehmerische Visionäre der Technologieszene des Silicon Valley wie Kurzweil ebenso wie eine Reihe von Philosophen – allen voran Nick Bostrom, der Direktor des an der Universität Oxford angesiedelten Future of Humanity Institute. Auf der Graswurzel-Ebene finden sich Netzwerke von Bloggern, Künstlern und Aktivisten, die für ein Recht auf Enhancement eintreten und etwa die Idee des Cyborgs politisch und ästhetisch aus- und umdeuten. Die Dystopien der einen sind die Utopien der anderen.

Der biopolitische Konflikt um Enhancement zeigt, dass wir es mit einem kontemporären utopisch-dystopischen Diskurs zu tun haben, in dem um eine neue Version des Neuen Menschen gestritten wird. Im Gegensatz zur klassischen Sozialutopie, aber auch im Kontrast zu den früheren biopolitischen Kollektivutopien der Eugenik[26] oder des "russischen Kosmismus"[27], verschreiben sich die aktuellen Körperutopien primär dem Glück und der Freiheit des Individuums. Weder ist in diesen Visionen ein kollektiver Konsens darüber erforderlich, welche Verbesserungen anzustreben seien oder was überhaupt als Verbesserung gilt, noch wird typischerweise die Idee einer politischen Verordnung zum Enhancement vertreten. Die Entscheidung für oder gegen eine Manipulation des eigenen Körpers (oder seines Nachwuchses) soll man vielmehr selbst treffen. So kommt der rezente Enhancement-Utopismus auch ohne ein verbindliches Zukunftsbild aus. Seine Botschaft lautet vielmehr immer: Wissenschaft und Technik können dir die Möglichkeit eröffnen, die Zukunft deiner Wahl zu realisieren. Du kannst und sollst gerade dann "Ja" zum Enhancement sagen können, wenn du davon ausgehst, dass sich deine Präferenzen in Zukunft ändern werden. Der aktuelle Enhancement-Utopismus setzt keine stabilen Identitäten, Wünsche oder Ziele voraus. Stattdessen wird einer tendenziell unendlichen Steigerung von Handlungs-, Erlebnis- und Wahlmöglichkeiten das Wort geredet. Es gibt keine inhärente Stoppregel, die darüber informiert, wann eine weitere Verbesserung nicht mehr möglich oder sinnvoll ist.

Obgleich sich Enhancement-Visionen damit in vielen Punkten vom Muster der klassischen Sozialutopie unterscheiden, partizipieren sie gleichwohl am Geist des modernen utopischen Denkens, indem sie der gegenwärtigen Welt eine radikale Alternative entgegenstellen, die mit den Mitteln rationaler Weltgestaltung angeblich realisiert werden kann. Die biologische Selbstermächtigung des Individuums wird in diesen Utopien auch durchaus explizit in die Traditionslinie der menschlichen Emanzipation eingeordnet und als logische Fortführung der Befreiung des Menschen gedeutet. Nur müsse man nun nicht mehr (primär) gegen die gesellschaftlichen Zwänge kämpfen, sondern den Menschen vielmehr (auch und womöglich insbesondere) aus den Fesseln der Natur befreien.

Was auch immer wir von diesen Ideen halten, ob wir sie für machbar oder unmöglich, für erstrebenwert oder vermeidenswert halten, sie sind Gegenstand eines Diskurses unserer Gegenwartskultur. Es wäre allzu einfach, solche Zukunftsvorstellungen nur als Auswuchs einer unverwüstlichen Technikgläubigkeit bestimmter soziokultureller Milieus zu begreifen. Man sollte diese technischen Utopien gerade nicht als das exotisch Andere begreifen, das wir als postmodern aufgeklärte Intellektuelle souverän von uns weisen können, sondern vielmehr als ernst zunehmenden Ausdruck unserer zeitgenössischen Gesellschaft: einer Gesellschaft nämlich, die ihre utopischen Alternativen auch und gerade im Rahmen ihres technologischen Werkzeugkastens sucht.

Die transhumanistischen Utopien werden in einer Gesellschaft artikuliert, die in sachlicher Hinsicht so komplex geworden ist, dass die Idee einer Transformation der Sozialordnung hin zu einem gesellschaftlichen Alternativmodell kaum mehr plausibel erscheint. In einer vernetzten, globalisierten Welt, die kein Außen mehr kennt, scheint selbst die Realisierung lokal begrenzter Gegenmodelle fraglich. Diese Gesellschaft bietet stattdessen die Alternative eines transformierten Körpers an, der nach individuellen Wünschen gestaltet werden kann.

Eine solche individuelle Fokussierung bettet sich zugleich fugenlos in die normativen Strukturen liberaler pluralistischer Demokratien ein. Im Gegensatz zur klassischen Sozialutopie, aber auch zu den körperzentrierten biopolitischen Utopien des frühen 20. Jahrhunderts, schreiben transhumanistische Utopien in sozialer Hinsicht nämlich kaum mehr kollektiv verbindliche Werte vor. Sie wollen eher einen Möglichkeitsraum eröffnen, der jedem Einzelnen die Chance geben soll, seine Wünsche zu realisieren. Ihre evaluative Leitidee ist der abstrakte Wert der Potenzialvermehrung – kompatibel mit vielfältigen Zielen.

Spezifische Zukunftsvisionen und technologische Pfade zu ihrer Realisierung werden in diesen Utopien zwar ausgemalt, aber zugleich als austauschbare Beispiele begriffen. Daher spielt es auch keine Rolle, dass bislang keine Enhancement-Utopie technisch realisiert werden konnte. Im Rahmen des Diskurses der Enhancement-Utopien ist die einzige Folgerung bei Technikenttäuschungen, die utopischen Hoffnungen eben auf neue Technologien zu richten. Dabei werden stets Sachtechnologien präferiert, deren Entwicklungsmöglichkeiten wissenschaftlich extrapoliert, über deren Entwicklungsgrenzen aber kaum wissenschaftlich begründbare Aussagen getroffen werden können. Immer wenn eine solche Technologie am Horizont der Wissenschaft auftaucht, kann sie von Enhancement-Utopisten als Erfüllungsbedingung utopischer Hoffnungen funktionalisiert werden. In zeitlicher Hinsicht verzichten Enhancement-Utopien somit auf die Konstruktion einer perfekten (und damit nicht weiter verbesserbaren) Zukunft, und offerieren stattdessen ein Modell immerwährender Verbesserbarkeit in vielfältige Richtungen, das vollumfänglich kompatibel mit beschleunigten Wachstumsgesellschaften erscheint, die auf die Produktion ständig neuer Innovationen programmiert sind.

Fazit



Die Krise der Sozialutopie und die Emergenz des Enhancement-Utopismus zeigen, dass es historisch variabel ist, was jeweils als unbestimmt und gestaltbar erfahren wird. Es ist eben nicht durch die Geschichte garantiert, dass eine gestaltbare Zukunft im Raum des Politischen gesucht und gefunden wird. Vielmehr kann in einer Epoche des "rasenden Stillstands", in der die Gesellschaft eher Sachzwängen hinterher eilt, als sich kollektiv zu gestalten,[28] auch der individuelle Körper als Objekt utopischer Hoffnungen in den Mittelpunkt rücken.[29] Dann erscheinen nicht mehr Reformen oder Revolutionen als utopische Gestaltungsinstrumente, sondern Pharmaka und Implantate. In einer Zeit, in der die Gesellschaft als Bereich ungestaltbarer Kontingenz erfahren wird, scheint nun die biologische Natur des Menschen als Bereich vermeintlich gestaltbarer Kontingenz in den Fokus zu rücken.

Der Neue Mensch der transhumanen Zukunft – er ist nicht das Resultat einer wohlgestalteten Sozialordnung der Zukunft, sondern eine leere Hülle, ein Möglichkeitsraum, der durch individuelle Wünsche gefüllt werden kann, ein technologisch entgrenztes Wesen, das unendlich flexibel und optimierbar erscheint, ein Upgrade, das auf das nächste Upgrade wartet. Es drängt sich damit die Vorstellung auf, dass dieser Neue Mensch auch ein Produkt seiner Gesellschaft ist – das fiktionale Produkt einer gegenwärtigen liberalen Innovations- und Wachstumsgesellschaft, die (Sach-)Technologien als primäres Mittel ihrer Selbstgestaltung und -transformation begreift.
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Autor: Sascha Dickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Gottfried Küenzlen, Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, Frankfurt/M. 1997, S. 93–138.
2.
Vgl. Thomas Morus, Utopia, Stuttgart 2014 (De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia, 1516).
3.
Vgl. Reinhart Koselleck, Die Verzeitlichung der Utopie, in: Wilhelm Voßkamp (Hrsg.), Utopieforschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie, Stuttgart 1982, S. 1–14.
4.
Vgl. Martin d’Idler, Die Modernisierung der Utopie. Vom Wandel des Neuen Menschen in der politischen Utopie der Neuzeit, Berlin 2007.
5.
Niklas Luhmann, Frühneuzeitliche Anthropologie. Theorietechnische Lösungen für ein Evolutionsproblem der Gesellschaft, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 1, Frankfurt/M. 1980, S. 162–284, hier S. 197.
6.
Vgl. Joachim Fest, Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991.
7.
Vgl. u.a. ebd.
8.
Vgl. Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992.
9.
Vgl. Francis Fukuyama, Bald schon wird die nachmenschliche Zeit beginnen, 19.6.1999, http://www.welt.de/print-welt/article574272/Bald_schon_wird_die__nachmenschliche_Zeit_beginnen.html«.
10.
Vgl. Christopher Coenen et al. (Hrsg.), Die Debatte über "Human Enhancement". Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen, Bielefeld 2010.
11.
Vgl. Bettina Schöne-Seifert/Davinia Talbot (Hrsg.), Enhancement. Die ethische Debatte, Paderborn 2009.
12.
Vgl. Robert Ranisch/Stefan Lorenz Sorgner (Hrsg.), Post- and Transhumanism. An Introduction, Frankfurt/M. 2014.
13.
Vgl. Ludwig Siep, Die biotechnische Neuerfindung des Menschen, in: Johann S. Ach/Arnd Pollmann (Hrsg.), No Body Is Perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper. Bioethische und ästhetische Aufrisse, Bielefeld 2006, S. 21–42, hier S. 26ff.
14.
Zum Begriff der slippery slope, der "schiefen Ebene", im medizinisch-ethischen Kontext vgl. Leo Alexander, Medical Science under Dictatorship, in: The New England Journal of Medicine 2/1949, S. 39–47.
15.
Vgl. Nicholas Agar, Liberal Eugenics. In Defence of Human Enhancement, Malden 2004.
16.
Vgl. Edward Lanphier et al., Don’t Edit the Human Germ Line, 12.3.2015, http://www.nature.com/news/don-t-edit-the-human-germ-line-1.17111«.
17.
Vgl. Lee M. Silver, Remaking Eden. How Genetic Engineering and Cloning Will Transform the American Family, New York 1998.
18.
Vgl. Mihail C. Roco/William S. Bainbridge, Converging Technologies for Improving Human Performance. Nanotechnology, Biotechnology, Information Technology and Cognitive Science, Dordrecht 2003.
19.
Vgl. Bert Gordijn, Medizinische Utopien. Eine ethische Betrachtung, Göttingen 2004, S. 111–123.
20.
Vgl. Sascha Dickel, Utopische Technologien in technologisierten Gesellschaften, in: Konrad Paul Liesmann (Hrsg.), Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren, Wien 2016, S. 101–115.
21.
Vgl. Anders Sandberg/Nick Bostrom, Whole Brain Emulation. A Roadmap, 2008, http://www.philosophy.ox.ac.uk/__data/assets/pdf_file/0019/3853/brain-emulation-roadmap-report.pdf«.
22.
Vgl. Ray Kurzweil, Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert – was bleibt vom Menschen?, Köln 1999.
23.
Vgl. Katherine Hayles, How We Became Posthuman. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics, Chicago 1999, S. 1ff.
24.
Vgl. Kurzweil (Anm. 22).
25.
Francis Fukuyama, The World’s Most Dangerous Ideas: Transhumanism, in: Foreign Policy 144/2004, S. 42f.
26.
Vgl. Peter Weingart et al., Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt/M. 1998.
27.
Vgl. Boris Groys/Michael Hagemeister (Hrsg.), Die neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2005.
28.
Paul Virilio, Rasender Stillstand. Essay, Frankfurt/M. 1997.
29.
Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M. 2005, S. 460–490.

Sascha Dickel

Zur Person

Sascha Dickel

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich Schiedel-Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie an der Technischen Universität München. sascha.dickel@tum.de


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