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18.8.2017

Die Russische Revolution und ihre Folgen

Zum Schulwissen gehört, dass sich in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1917 in Petrograd – wie St. Petersburg ab Herbst 1914 hieß – eine Revolution vollzogen habe, aus der die Sowjetunion als erster sozialistischer Staat der Welt hervorging.[1] Letzteres bleibt richtig, aber die begriffliche Kennzeichnung der Ereignisse ist schon seit Längerem korrigiert worden. Was in diesen Tagen – laut gregorianischem Kalender am 7./8. November[2] – geschah, war ein umsichtig, wenn auch verdeckt vorbereiteter Staatsstreich, ein Putsch, der sich auf die Übernahme der städtischen Garnisonen stützte. Wenn "Revolution" einen fundamentalen, von gewaltsamen Massenprotesten begleiteten Umsturz auch der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse meint, dann fand eine solche nicht statt. Allerdings wurde mit der Machtübernahme der Grundstein dafür gelegt.

In der Geschichte der Neuzeit gehörten Revolution und Krieg fast immer zusammen. Wenn einer Revolution kein Krieg voranging, dann folgte er ihr nach. Der Russische Bürgerkrieg von 1918 bis 1921, dessen Grausamkeit und Blutzoll die des Weltkriegs übertrafen, war im Kern ein solcher nachgeholter Revolutionskrieg. Erst der Sieg der "Roten" gegen die "Weißen" besiegelte definitiv das Schicksal der alten Ordnung in Russland. Erst um diese Zeit war endgültig klar, dass die begonnene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umwälzung Bestand haben würde. Nur mit Blick auf den Gesamtzeitraum von Ende 1917 bis Sommer 1921 sollte man daher von einer Revolution in der üblichen Wortbedeutung sprechen.

Zwei Erklärungsmuster



In diesem Sinn ist auch in der historischen Forschung über "die" Russische Revolution diskutiert worden. Zwei Erklärungsmuster dominieren seit den 1950er Jahren: Eine erste Deutung geht auf das Selbstverständnis der hauptsächlichen "Verlierer", der Konstitutionellen Demokraten, zurück, die als politische Speerspitze des Liberalismus im späten Zarenreich gelten können. Dieser Sichtweise zufolge befand sich die politische Entwicklung Russlands alles in allem auf gutem Wege, trotz des unzeitgemäßen autokratischen Regimes und trotz sozialer Verwerfungen und Krisen. Die sogenannte erste Revolution von 1905/06 hatte den Zaren gezwungen, einer Volksvertretung, der "Duma", zuzustimmen und eine Verfassung zu verkünden. Auch wenn die verbrieften Rechte der Duma begrenzt waren, veränderte ihre bloße Existenz den legislativen und politischen Entscheidungsprozess im Reich grundlegend. Fortan wurde jedes wichtige Gesetz in ihren Ausschüssen und im Plenum beraten. Zeitungen entstanden, die den unterschiedlichen politischen Strömungen in und außerhalb der Volksvertretung als Forum dienten und eine publizistische Öffentlichkeit begründeten.

Nach dem Abklingen der Unruhen 1907 fasste auch die Wirtschaft wieder Tritt. Russland blieb zwar deutlich hinter den damals führenden Industriestaaten Deutschland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Frankreich zurück, nahm aber den nächsten Rang noch vor der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie ein. In den größeren Städten formierte sich eine Gesellschaft von Besitz und Bildung, die sich in der lokalen Selbstverwaltung und in den entsprechenden Gremien der Gouvernements engagierte und zur tragenden Schicht liberaler Parteien wurde.

Die große Mehrheit der Bauernschaft litt derweil nach wie vor darunter, dass die Äcker zu klein waren und zu wenig Ertrag abwarfen. Das Zarenreich durchlebte einen durchaus krisenhaften Prozess des Übergangs von einer agrarischen zu einer industrialisierten Gesellschaft und des entsprechenden Wandels der politischen Ordnung. Vor allem die Autokratie, das heißt die absolute Monarchie russischer Prägung, wehrte sich hartnäckig gegen die Beschneidung ihrer Kompetenzen durch ein vollberechtigtes Parlament. So hielten soziale Spannungen zwar unvermindert an, aber über kurz oder lang hätte die absolute Monarchie nachgeben und der Transformation in eine konstitutionelle, möglichst sogar demokratische Ordnung zustimmen müssen – wenn der europäische Krieg nicht ausgebrochen wäre, der enorme finanzielle und wirtschaftliche Lasten mit sich brachte. Er führte zu Versorgungsengpässen, Hunger und Not, verschärfte die sozialen Gegensätze und trieb die Massen auf die Straßen. Ohne Krieg – so die Quintessenz dieser Sichtweise – keine Revolution.

Dieser Deutung trat in den 1960er Jahren eine sozialgeschichtlich unterfütterte entgegen, die auf längerfristige Prozesse verwies. Sie diagnostizierte eine schwere Strukturkrise, die sich vor allem aus der Unvereinbarkeit zwischen der alten, vom grundbesitzenden Adel und der unbeschränkten Monarchie geprägten Ordnung und neuen sozialen Schichten und politischen Kräften ergab, die als Folge der Industrialisierung seit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 entstanden war. Die Textilfabriken, Eisenhütten und Stahlwerke brauchten Arbeiter. Vor allem die großstädtische Bevölkerung wuchs rasch; Elendsviertel mit ihren sozialen Problemen entstanden. Zugleich bildete sich eine Unternehmerschaft, die zwar klein blieb, jedoch nach der Jahrhundertwende nicht nur wirtschaftlich an Bedeutung gewann. Wichtiger aber war, dass die parallele gesamtgesellschaftliche Modernisierung eine neue akademisch qualifizierte Elite hervorbrachte, die gemeinsam mit dem liberalen Adel Ansprüche auf Teilhabe am politischen Gestaltungsprozess, gipfelnd in der Forderung nach einer Volksvertretung, erhob.

Bei alledem beharrte die Autokratie nicht nur auf der Unbeschränktheit ihrer politischen Macht. Darüber hinaus tat sie sich, in dem durchaus zutreffenden Bewusstsein, dass das Fundament ihrer Macht auf dem Lande lag, mit den neuen sozialen Schichten und ihren Wünschen schwer. Die Arbeiterschaft blieb ein Fremdkörper in einem Staat, der noch weitgehend vom traditionellen Beamten- und grundbesitzenden Adel geprägt war, und in einer Gesellschaft, die neue Eliten nur widerwillig akzeptierte. Laut dieser sozialgeschichtlichen Deutung hat die ungleichmäßige Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zu politisch-sozialen Spannungen geführt, die das Zarenreich letztlich zerrissen. Auch dieses Erklärungsmuster weist dem Ersten Weltkrieg mit seinen Sonderlasten einen großen Stellenwert zu; genau genommen aber nur als zusätzliche Ursache der Revolution, nicht als einzige und auch nicht als hauptsächliche.

Inwieweit beide Deutungen in gleichem Maße überzeugen, hängt in vielerlei Hinsicht von der Perspektive des Betrachters ab. In den vergangenen Jahrzehnten ist die sozial- und strukturgeschichtliche allerdings klar ins Hintertreffen geraten. Alle neueren Darstellungen laufen, wie modifiziert auch immer, auf eine Bestätigung der liberalen Kernannahme hinaus: Ohne Krieg wäre eine evolutionäre Entwicklung denkbar gewesen, die einen radikalen Bruch und einen sozialistischen Staat erübrigt hätte.

Auch wenn diese Sicht gegenwärtig wieder dominiert, ist nicht zu leugnen, dass die Entwicklung des Jahres 1917 Argumente für beide Sichtweisen enthält. Man sollte nicht vergessen, dass Russland 1917 zwei Umstürze erlebte: den Februaraufstand, dem die Autokratie zum Opfer fiel, und den Oktobercoup, der nach kurzer Koalitionsregierung mit den Linken Sozialrevolutionären zur Alleinherrschaft der Bolschewiki führte. Beide Phasen legen nicht nur den Vergleich mit den moderaten Anfangs- und den radikalen Endjahren der Französischen Revolution nahe. Sie korrespondieren auch mit den skizzierten Deutungen.

Das Februarregime stand in deutlicher Kontinuität zur konstitutionell-liberalen Entwicklung im Zarenreich. Auch wenn der Krieg dessen Untergang herbeiführte und die mögliche Evolution im realen Geschehen in eine Revolution mündete, verschaffte es vielen Forderungen und Wünschen der einstigen Opposition praktische Geltung. Nur war die neue demokratische und freiheitliche Ordnung höchst labil. Bald setzten ihr disruptive Kräfte und radikale Gegner zu. Sie nutzten die Konflikte und Verwerfungen, denen die langfristig-strukturelle Deutung besonderes Gewicht verlieh. So gesehen, blickten die sogenannten Optimisten als Beleg ihrer Thesen primär auf den Februar und die "Pessimisten" primär auf den Oktober. Umso mehr sollte eine Gesamtschau beides berücksichtigen und der Einsicht Rechnung tragen, dass die Ereignisse vom Oktober 1917 nicht ohne das Februarregime und seine Probleme denkbar sind.


Verlauf der Revolution



Dem genannten engeren und üblichen Verständnis von Revolution entsprach nur der Februarumsturz: Er war das Resultat von spontanen Massendemonstrationen gegen unerträglich gewordene Lebensbedingungen. Der Protest begann am 23. Februar 1917 des julianischen Kalenders, das heißt am 8. März westeuropäischer Zeitrechnung, dem Internationalen Frauentag, mit einem Protestmarsch von Frauen aus dem Petrograder Arbeiterviertel gegen den Mangel an Brot und Milch sowie, in einem extrem kalten Winter, an Holz und Kohle. Der Aufstand endete am 2. März mit der Abdankung des Zaren.

Am selben Tag trat eine neue Regierung an die Öffentlichkeit, die allgemeine, demokratische Wahlen für eine Verfassungsgebende Versammlung vorbereiten und bis zu deren Einberufung amtieren sollte. Hinter dieser "Provisorischen Regierung" stand ein sogenanntes Duma-Komitee aus führenden Parlamentsabgeordneten der liberalen Parteien, das sich am Ende der Streikwoche, als die alte Herrschaft faktisch schon zusammengebrochen war, gebildet hatte, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies konnte nur mit Zustimmung des Oberkommandos der Armee geschehen. Die Generäle waren zu dem Entschluss gekommen, dass die Monarchie nicht mehr in der Lage sei, die unerlässliche Stabilität im Hinterland zu gewährleisten. Letztlich hatten sie mit ihrem Votum den widerstrebenden Zaren zum Thronverzicht gezwungen und das Duma-Komitee ermuntert, die Macht zu übernehmen. Dabei ließen sie sich von einem Gedanken leiten: den Krieg trotz der bisherigen Niederlagen im Bündnis mit Frankreich und Großbritannien doch noch zu einem siegreichen Ende zu bringen. Mithin opferten die Generäle, die gewiss keine Revolutionäre waren, die Monarchie für das Überleben der Nation.

Allerdings war die neue politische Ordnung von Anfang an labil, da sie auf zwei Säulen ruhte: Zeitgleich mit dem Duma-Komitee hatte sich mit dem Arbeiter- und Soldatendeputiertenrat ein weiteres Repräsentativorgan gebildet. In Anknüpfung an ein ähnliches Gremium von 1905 entstanden, vertrat es andere soziale Schichten und andere politische Gruppen, die als deren Anwälte auftraten; tonangebend waren vor allem menschewistische Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre, während die Bolschewiki noch keine Rolle spielten. Insofern spiegelte sich in dieser sogenannten Doppelherrschaft ein fundamentaler Tatbestand der damaligen russischen Gesellschaft wider: ihre tiefe Spaltung.

In stärkerem Maße als bisher war die neue Ordnung auf Kompromisse angewiesen. Faktisch mussten alle wichtigen Entscheidungen der Regierung von beiden Organen abgesegnet werden. Dies funktionierte anfangs nicht zuletzt deshalb, weil die Menschewiki den Liberalen aus der Duma die Macht freiwillig überließen – lehrte sie ihre orthodox-marxistische Geschichtsideologie doch, dass dem eben überwundenen "feudalistischen" Stadium der historischen Entwicklung ein "bürgerlich-kapitalistisches" folgen müsse, in dem den Repräsentanten der "Bourgeoisie" auch die politische Führung gebühre. Erst als es zu Massendemonstrationen gegen eine diplomatische Note des Außenministers Pawel Miljukow kam, der den Alliierten die Fortsetzung des Kriegs und die Solidarität auch des neuen Russlands zusicherte, musste die erste, rein liberale Regierung zurücktreten.

Der Anfang Mai gebildeten neuen Regierung gehörten auch Vertreter der gemäßigten sozialistischen Parteien an. Insofern schien eine Verständigung über die sozialen und politischen Gräben hinweg nun sogar leichter geworden zu sein. Diese Hoffnung erwies sich jedoch schon bald als Irrtum. Es gelang auch der Koalition nicht, die Hauptprobleme der neuen Ordnung in den Griff zu bekommen.

Am drängendsten war fraglos die Aufgabe, den Krieg zu beenden. Die überwiegend bäuerlichen Soldaten waren kampfesmüde; spätestens nach dem Sturz der Autokratie wollten sie nach Hause, um bei der erwarteten Landreform nicht zu kurz zu kommen. Überdies hatte eine frühe Resolution des Sowjets das Ende der Unterordnung der Soldaten unter die Offiziere verfügt. Die Armee befand sich in Auflösung. Dies war der Regierung bewusst. Sie stand aber zugleich unter dem massiven Druck der Alliierten, den Krieg fortzusetzen, und sie wollte dies mehrheitlich auch selbst. So fasste sie Ende Mai 1917 den fatalen Entschluss zu einer neuen Offensive, zu deren Unterstützung auch die Todesstrafe wieder eingeführt wurde. Der Angriff scheiterte kläglich. Fortan war die Desertion nicht mehr zu stoppen und der Rückhalt des Februarregimes unter den Soldaten endgültig verloren.

Nicht glücklicher operierte die Provisorische Regierung in der Agrarfrage. Es war ehrenwert, dass sie der Konstituierenden Versammlung bei dieser Grundentscheidung über die wirtschaftliche und soziale Struktur des neuen Staates nicht vorgreifen wollte und mit konkreten Maßnahmen zögerte. Immerhin kam sie den Erwartungen der Bauern, die mit rund 80 Prozent die Bevölkerungsmehrheit stellten, so weit entgegen, dass sie Landkomitees einsetzte, um eine Umverteilung vorzubereiten. Mehr aber geschah nicht – auch, weil sich Sozialisten und Liberale über einen zentralen Aspekt des Problems nicht einigen konnten: ob Enteignungen erlaubt sein und Entschädigungen dafür gezahlt werden sollten. Umso eher sahen sich die Bauern berechtigt, zur Selbsthilfe zu greifen. Sie nahmen sich mit Gewalt, worauf sie seit Jahrhunderten durch ihrer Hände Arbeit einen Anspruch zu haben glaubten. Faktisch vollzog das Dorf seine eigene Revolution.

Und auch auf die dritte Herausforderung, die dramatische Verschlechterung der allgemeinen materiellen Lage, fand die Regierung keine Antwort. Zwar folgte dem Februarumsturz eine Welle von Lohnerhöhungen. Ferner mussten sich die Unternehmer der langjährigen gewerkschaftlichen Hauptforderung nach einem Achtstundentag beugen. Die Besserungen erwiesen sich aber schnell als Strohfeuer. Tatsächlich schlitterte die Wirtschaft nach drei Jahren Krieg und einer Revolution immer weiter auf den Abgrund zu. Die Arbeitslosigkeit stieg, die Inflation galoppierte. Im Sommer konnte die syndikalistische Rätebewegung schale Triumphe feiern, als viele Fabriken von den Arbeitern in eigene Regie genommen wurden – weil sie bankrott waren und kein Unternehmer mehr Interesse an ihnen hatte.

Dies alles war Wasser auf die Mühlen der radikalen Gegner des Februarregimes. Als solche setzte sich seit der Rückkehr Lenins und anderer Parteiführer im Wesentlichen eine Partei in Szene: die bolschewistische. Lenins "Aprilthesen" sagten der "bürgerlichen" Regierung, die auch seine Genossen (unter anderem Stalin) soeben noch gemeinsam mit den Menschewiki unterstützt hatten, den Kampf an. Zu einer ersten Kraftprobe kam es Anfang Juli anlässlich von Massendemonstrationen gegen den unglücklichen Beschluss zur neuen Offensive. Noch behielt die Provisorische Regierung die Oberhand. Doch das Blatt wendete sich im August, als der offene Putsch des neuen Oberbefehlshabers der Armee, General Lawr Kornilow, scheiterte – waren es doch die bolschewistischen Arbeitermilizen (Rote Garden), die sich als zuverlässigste Verteidiger Petrograds erwiesen.

In der Hauptstadt des Reiches – und was hier geschah, war entscheidend – sahen sich die erbitterten Feinde der Provisorischen Regierung nun im Aufwind. Auf Drängen Lenins, der seine Partei einmal mehr, wie schon im April, mit kompromissloser Hartnäckigkeit auf seine Linie brachte, bereitete sie unter dem Deckmantel des "Militärischen Revolutionskomitees" des Sowjets einen Umsturz vor. Dieses wurde ursprünglich zur Verteidigung der Hauptstadt gegen die deutsche Armee gegründet, die schon in Riga stand. Der Umsturz gelang am 25./26. Oktober, als die Bolschewiki die Mehrheit des Exekutivkomitees des soeben zusammengetretenen Zweiten Allrussischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte erringen konnten.

Dass die neuen Herren aus anderem Holz geschnitzt waren als die Provisorische Regierung, machten sie noch am Morgen nach der Machtübernahme klar. Ihre ersten beiden Dekrete bestätigten den Bauern den Besitz des Landes, das diese sich mit Gewalt genommen hatten, und verkündeten einen sofortigen Waffenstillstand. Damit sicherten sie sich die Loyalität der breiten Masse der Bevölkerung. Demagogie siegte über zögerliche Realpolitik.

Auch die nachfolgenden Maßnahmen dienten vor allem dem einen Zweck, die Macht zu behaupten, die man unter günstigen Umständen in der Hauptstadt ergriffen hatte. Die atemberaubende Selbstgewissheit und die Unerbittlichkeit, mit der Lenin für sich und seine Anhänger die ausschließliche Kompetenz beanspruchte, haben ihm zu Recht den Ruf eingetragen, ein fanatischer Ideologe und durchsetzungsstarker Politiker zugleich gewesen zu sein. So wie er schon vor dem Oktobercoup Kritiker zum Verstummen gebracht hatte, die einen Aufstand für verfrüht hielten, so bekämpfte er danach alle, die für eine gesamtsozialistische Regierung eintraten. Erst als die Bolschewiki aus einer Position der Stärke verhandeln konnten, ließ er sich auf eine Koalition mit den Linken Sozialrevolutionären, die den Umsturz unterstützt hatten, ein. Es passte aber durchaus in seine Strategie, dass es schon Mitte März 1918 über die Zustimmung zum Diktatfrieden von Brest-Litowsk, den die deutschen Generäle der faktisch wehrlosen Revolutionsregierung aufzwangen, zum Bruch kam. So viel Realpolitik mochten Lenins Partner nicht akzeptieren. Damit ergab sich, was er ohnehin wollte: Endgültig lag "alle Macht" nicht, wie die Parole vom Oktober gelautet hatte, beim Sowjet, sondern bei den Bolschewiki.

Parallel fielen in diesen Monaten auch andere Kernentscheidungen über die Struktur der neuen Herrschaftsordnung. Gleich nach dem Umsturz begann die Verfolgung der Liberalen. Sie galten als ideologische Hauptfeinde, mit denen der proklamierte Rätestaat nichts zu tun haben wollte. In der aufgeheizten Stimmung kam es zu brutalen Gewalttaten, denen sich die prominenten Konstitutionellen Demokraten nur durch Flucht entziehen konnten; die meisten fanden sich bald im Süden, an der Seite der "weißen" Generäle, wieder.

Größere Vorsicht mussten die neuen Machthaber gegenüber den anderen sozialistischen Parteien walten lassen, die Rückhalt in der Bevölkerung genossen und im Sowjet vertreten waren. Außerdem hatten sie das Kernanliegen der Februarrevolution, die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, von Beginn an unterstützt. Auch nach der Machtergreifung im Namen der Räte wagten sie nicht, die für Anfang November anberaumten Wahlen abzusagen. Dennoch lag auf der Hand, dass beide Institutionen nicht miteinander zu vereinbaren waren: Die Versammlung stand für eine parlamentarische Demokratie, in der obendrein die Sozialrevolutionäre als Wahlsieger das Sagen gehabt hätten, die Räte für einen Sowjetstaat. So musste die Entscheidung fallen, als die Konstituierende Versammlung am 5. Januar 1918 im Taurischen Palais zusammentrat. Als alle Abgeordneten im Morgengrauen des folgenden Tags gegangen waren, umstellten Rote Garden das Gebäude und ließen niemanden mehr hinein. Damit war der Weg frei für die förmliche Begründung einer Räterepublik.


Bürgerkrieg



Der Bürgerkrieg, der im Frühsommer 1918 endgültig begann, verschärfte die Polarisierung dramatisch. Offen kämpften nun Verteidiger des Umsturzes gegen eine Koalition antibolschewistischer Kräfte, unter denen die Reste der zaristischen Armee und Monarchisten mehr und mehr die Oberhand gewannen. Die Anhänger und Parteien des Februars, die eine "dritte Kraft" hatten bilden wollen, aber über keine eigenen bewaffneten Einheiten verfügten, wurden zerrieben. Zwischen bolschewistischer Alleinherrschaft und rückwärtsgewandter Militärdiktatur blieb kein Platz für eine freiheitlich-demokratische Alternative. Im dreijährigen, vor allem im Süden und Osten ausgetragenen Konflikt, gelang es den neuen Herren, nicht nur den europäischen Reichsteil, sondern auch den Kaukasus, Mittelasien und den Fernen Osten unter ihre Kontrolle zu bringen. Faktisch entstand das alte Imperium unter dem Banner von Hammer und Sichel neu.

Vor allem drei Faktoren kommen als Ursachen für diesen Sieg in Betracht: Erstens verfügten die Bolschewiki über Zentralrussland und damit über die größeren demografischen, administrativen und sonstigen Ressourcen; ihre Feinde mussten dagegen mit der menschenleeren Peripherie vorlieb nehmen. Zweitens gelang ihnen fraglos eine militärische Meisterleistung, indem sie in kürzester Zeit eine eigene Armee, die "Rote Armee", aus dem Boden stampften, hierfür erfahrene Offiziere des alten Regimes gewannen und auch in ihren eigenen Reihen erstaunlich viele Talente fanden. Dies war das Werk des allgegenwärtigen Kriegskommissars Leo Trotzki, dessen Sonderzug an allen Fronten auftauchte und zum propagandistisch wirksamen Symbol des Sieges wurde. Vor allem aber zahlte sich drittens der taktische Schachzug Lenins aus, sich mit den Emanzipationsbewegungen der nichtrussischen, meist islamischen Nationalitäten im Osten und Südosten zu verbünden. Es war diese Allianz, die den Bolschewiki unschätzbares Engagement zuführte und letztlich ihr Überleben sicherte. Formal zollte ihr der föderale Charakter der bald gegründeten Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) Tribut. Auf einem anderen Blatt stand, dass der Buchstabe "F" mit der Wirklichkeit wenig gemein hatte, weil er sich mit dem monopolistischen Anspruch der neuen Herrschaft nicht vertrug und bald vergessen wurde.

Auch in anderer Hinsicht zahlten Russland und manche nichtkonforme Revolutionäre der ersten Stunde einen hohen Preis für den Endsieg. Denn der Bürgerkrieg wurde zur Hochphase des Zentralismus, außerordentlicher Organe wie der allmächtigen, extralegal und paramilitärisch operierenden Geheimpolizei Tscheka sowie einer ausgeprägten Militarisierung des staatlich-öffentlichen Handelns. Treibende Kraft war auch hier – neben Trotzki im Militär – Lenin. Die "nächsten Aufgaben der Sowjetmacht" lauteten ihm zufolge: Kontrolle und Disziplin, "Einmannleitung" und Unterordnung. Auf der Strecke blieben endgültig die Freiheiten und der Pluralismus, die der Februar erkämpft und der Oktober noch nicht völlig beseitigt hatte.

Nicht nur andere Parteien mussten in den Untergrund flüchten; auch andere Meinungen unter den Bolschewiki wurden gerügt und unterdrückt. Für "Linke Kommunisten", "Demokratische Zentralisten" und andere Oppositionelle, die Anstoß nahmen an der Bevormundung der Basis durch eine neue Obrigkeit, war kein Platz in einem Regime, das um sein Überleben kämpfte. Und selbst die Räte, die den Staat laut Verfassung formal trugen, hatten gefügig zu sein. Die Hoffnung einiger Unverdrossener – darunter ein letztes Häuflein Menschewiki, deren Popularität wieder gestiegen war –, das Kriegsende werde ihnen zu einer Renaissance verhelfen, wurde bitter enttäuscht. Der 10. Parteitag vom März 1921 beschloss förmlich und definitiv, jegliche Fraktionsbildung zu verbieten. Was in der Ausnahmesituation entstanden war, wurde zum Regelfall.

Am teuersten aber kam die Bolschewiki zu stehen, dass sie die Unterstützung der Bauernschaft verloren. Denn zur Machtbehauptung gehörte die Notwendigkeit, die Versorgung der städtischen Bevölkerung einigermaßen zu sichern. Zu diesem Zweck verfielen sie gleich zu Beginn des Bürgerkriegs auf die unglückliche Idee, den Klassenkampf aufs Dorf zu tragen. "Komitees der Dorfarmut" sollten ausfindig machen, wo die "reichen" Bauern vermeintlich ihr Getreide horteten und es dem Staat vorenthielten. Die Taktik scheiterte kläglich, weil sich das Dorf – entgegen den ideologischen Erwartungen, aber getreu einer jahrhundertealten Tradition gegenseitiger Hilfe – bemerkenswert solidarisch zeigte.

So offenbarten die neuen Machthaber ihr wahres Gesicht und griffen zu nackter Gewalt: Requisitionsschwadronen der Tscheka raubten den Bauern das letzte Korn von den Tennen, wobei sie auch das Saatgut nicht schonten. Damit machten sie nicht nur eine fürchterliche Hungersnot, die zwischen 1921 und 1922 rund fünf Millionen Opfer forderte, unausweichlich, sondern brachten mit den Bauern auch die große Masse der Bevölkerung gegen sich auf. Besonders in den Gouvernements an der Wolga und in Sibirien kam es zu offenen Unruhen. In Tambow bildete sich sogar eine regelrechte Partisanenbewegung (Antonowschtschina), die der Tscheka anderthalb Jahre zu schaffen machte. Doch auch dieser "grüne" Aufstand hatte gegen die überlegenen Kräfte und die Brutalität der Tscheka keine Chance. In der Polarisierung zwischen "Rot" und "Weiß" wurde sie ebenso zerrieben wie die Parteien der Provisorischen Regierung.

So begann das Regime, das am Ende von vier Jahren Revolution und Revolutionskrieg übrig geblieben war, in sehr anderer Gestalt seinen Aufbau, als die Gegner der zaristischen Autokratie und auch noch manche Sympathisanten des Oktoberumsturzes erhofft hatten. Von den Freiheiten des Februars für alle Bürger war schon bei Jahresende wenig geblieben. Aber auch die Partizipationsrechte, die die Räterepublik (gemäß der Verfassung vom April 1918) ihrer Klientel förmlich verlieh, fielen bald einer Zentralisierung der Verfügung über alle Ressourcen und einer Herrschaft zum Opfer, die vor keiner Gewalt zurückschreckte. Zwei Ereignissen kommt dabei besondere symbolische Bedeutung zu: der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Matrosen von Kronstadt im März 1921, die im Oktober 1917 entscheidend zum Umsturz beigetragen hatten; und der gleichfalls äußerst brutalen Vernichtung der Rebellen in Tambow.

Auch wenn Lenin klug genug war, den Bauern in Gestalt der "Neuen Ökonomischen Politik", die zeitgleich ausgerufen wurde, Konzessionen zu machen, spricht gerade im Licht dieser drakonischen Strafaktionen immer weniger dafür, dass sie auf Dauer gedacht war. Es hatte durchaus seine Berechtigung, dass Stalin seine "Revolution von oben" als Rückgriff auf die "heroische Periode" des "Kriegskommunismus" pries. Wie immer man die Kontinuitätsfrage beantwortet – eine mögliche Fortentwicklung des Regimes, so wie es 1921 bestand, war der Stalinismus allemal.
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Autor: Manfred Hildermeier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Für übergreifende Darstellungen zur Russischen Revolution und weiterführende Literaturverweise siehe Helmut Altrichter, Russland 1917: Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn 2017; Orlando Figes, Russland. Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin 2014; Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, München 20172 (i.E.).
2.
Wenn nicht anders angemerkt, richtet sich im Folgenden die Datierung nach dem jeweils geltenden Kalender, bis Februar 1918 war dies in Russland der julianische.

Manfred Hildermeier

Manfred Hildermeier

ist emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen.
m.hildermeier@phil.uni-goettingen.de


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