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29.9.2017

Der bosnisch-herzegowinische Nachkrieg. Ein Kampf um den Opferstatus

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände geraten ein bosniakischer und ein serbischer Soldat in einen Schützengraben zwischen den Fronten des Bosnien-Krieges. Während ihrer gemeinsamen Anstrengungen, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, kommen sie sich näher; sie unterhalten sich über ihr Leben vor dem Krieg und stellen fest, dass sie einige Gemeinsamkeiten haben, sogar gemeinsame Bekannte. Im Bombenhagel – von beiden Seiten aus wird geschossen – kommt irgendwann die Frage auf, wer eigentlich die Verantwortung für die Zerstörung dieser gemeinsamen Vergangenheit und das Blutvergießen trägt. Sie ergehen sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen, bis der Bosniake seine Waffe auf sein Gegenüber richtet und ein letztes Mal die Frage stellt: "Tko je poćeo rat?" – Wer hat den Krieg angefangen? So die Handlung einer Schlüsselszene in Danis Tanovićs Film "No Man’s Land" aus dem Jahr 2001.

Seit der Unterzeichnung des Allgemeinen Rahmenabkommens von Dayton über einen Frieden in Bosnien und Herzegowina Ende 1995 schweigen in der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawiens die Waffen. Bis dahin forderte der 1992 entbrannte Krieg, dessen Parteien sich mittels ethnischer Selbst- und Fremdzuschreibungen konstituierten, 100.000 Menschenleben. Nach wie vor ist das Verhältnis zwischen den bosniakischen (also den muslimischen), kroatischen und serbischen Bosnierinnen und Bosniern durch tiefe Gräben gekennzeichnet. Eines jedoch verbindet alle Ethnien in Bosnien-Herzegowina: Sie empfinden sich gerade aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Opfer des Krieges und der Nachkriegszeit. Über die Frage "Tko je poćeo rat?" sowie über die Verantwortung für die Verbrechen, die während des Krieges begangen wurden, wird noch immer gestritten.

Diesem Beitrag liegt die Frage zugrunde, wie Menschen im gegenwärtigen Bosnien-Herzegowina ihre Wahrheiten entwickeln und verteidigen. Wie konstruieren sie in dieser neuen Situation des Nachkrieges ihr (ethnisches) Selbstbild und damit auch das Bild der (ethnisch) jeweils anderen, und mit welchen Schwierigkeiten sind diese Konstruktionsprozesse verbunden? Die folgenden Ausführungen bauen auf einem empirischen Projekt über Identitätsbildung im bosnisch-herzegowinischen Nachkriegstransformationsprozess auf,[1] dessen primäre Datengrundlage 30 nichtstrukturierte narrative Interviews bilden, die zwischen 2007 und 2009 in verschiedenen Regionen Bosniens erhoben und mittels einer objektiv-hermeneutischen Rekonstruktion von Deutungsmustern analysiert wurden.[2]

Identitäten im (Nach-)Krieg



"Durch den Krieg", so der bosnisch-kroatische Publizist Ivan Lovrenović, wurde der "wichtigste zivilisatorische Grundzug der bosnischen Erfahrung und Lebensweise (…) unmittelbar ins Mark getroffen: die Gewöhnung an den anderen und an das Andersartige als alltägliche Erfahrung und Vertrautheit. Diese Erfahrung der Alterität hatte es auch ermöglicht, Bosnier zu sein. Erneut territorialisiert, giftig chauvinisiert, hören die Bosnier auf, Bosnier zu sein, und sind nur noch muslimische Bosniaken, nur noch Kroaten, nur noch Serben."[3]

Vertreibung, Verfolgung und Mord sowie intraethnische Homogenisierungsbestrebungen zwangen die Bürgerinnen und Bürger des einst geradezu als Musterschüler des "Multikulturalismus" geltenden Bosniens zur Identifikation mit "ihrer" jeweiligen ethnischen Gruppe. Befördert wurde dieser Prozess durch eine Bevölkerungsverschiebung, die mit der Beendigung des Krieges auch institutionell verankert wurde: Der Vertrag von Dayton besiegelte, wenn schon nicht eine Drei-, so doch eine Zweiteilung des Landes in die serbisch dominierte Republika Srpska, die 49 Prozent des Staatsgebietes umfasst, und die Föderation Bosnien-Herzegowina, die ihrerseits in zehn weitgehend monoethnisch-kroatische oder -bosniakische Kantone gegliedert ist.[4] Mit dieser Einteilung des Landes führte der Friedensvertrag faktisch zu einer Legitimierung dessen, was euphemistisch als "ethnische Säuberung" bezeichnet wird.

Die Anthropologin Katherine Verdery weist darauf hin, dass "ethnische Säuberung" aber nicht nur die Vernichtung aller Spuren des ethnisch Anderen bedeutet, sondern meist auch die Auslöschung alternativer Identitätskonzepte für das Individuum.[5] Die Reduktion auf die Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder nationalen Gruppe bringt die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić 1992 in ihrem Essay "Vom Nationaldenken überwältigt" für den kroatischen Fall mit folgenden Worten prägnant zum Ausdruck: "Ich bin niemand mehr, weil ich keine Person mehr bin. Ich bin eine von 4,5 Millionen Kroaten. (…) Ich fühle mich wie eine Waise, weil der Krieg mich des einzigen wahren Besitzes beraubt hat, den ich in meinem Leben erworben hatte, meiner Individualität." [6] Eine solche Reduktion des "Ich" auf ein "Wir" geht einher mit einer Vergemeinschaftung ganz besonderer Art – "[z]wischen dem Einzelnen und dem Ganzen besteht kein jenseits mehr, sodass selbst ‚Hingebung‘ kein ganz zutreffendes Wort ist: man braucht sich nicht erst hinzugeben, wo das Gefühl von vornherein keine Scheidung zeigt", so der Soziologe Georg Simmel in seinen Reflexionen über den Ersten Weltkrieg.[7]

Von der "Fiktion einer ‚reinen‘ ethnischen Identität"[8] konnte sich im zerfallenden Jugoslawien bald kaum mehr jemand befreien. Die Verschmelzung von "Ich" und "Wir" vermochte nicht nur ein Identifikationsvakuum zu füllen, das mit dem Ende des sozialistischen Systems einherging. Vor dem Hintergrund der die bloße Existenz bedrohenden und die Zeitperspektive verknappenden[9] kriegerischen Gewalt entlang ethnischer Grenzen löschte diese umfassende Identifikation mit dem Ethnischen alle zuvor vorhandenen Identifikationen aus. Die Reduktion auf die ethnische Zugehörigkeit ist verbunden mit einer hierarchisierenden Unterscheidung zwischen "Uns" und "den Anderen" und gekennzeichnet durch abwertende Zuschreibungen gegenüber der ethnischen Fremdgruppe sowie aufwertenden Zuschreibungen gegenüber der ethnischen Eigengruppe. Dem "eigenen Gruppencharisma" wird die "fremde Gruppenschande" gegenübergestellt, der eigenen Superiorität die fremde Inferiorität.[10]

Zahlreiche Forschungen haben ergeben, dass die Verdichtung ethnischer Grenzen als eine Folge von Krieg und Gewalt zu betrachten ist und nicht monokausal als Ursache gewaltsamer Auseinandersetzungen.[11] Mittlerweile ist es wissenschaftlicher Konsens, dass Ethnizität kein ursprüngliches Element menschlichen Daseins darstellt, sondern in gesellschaftlichen Prozessen überhaupt erst erschaffen wird. Doch die Tatsache, dass Ethnizität konstruiert wird, dass das Zugehörigkeitsgefühl zu einer ethnischen Kategorie zunächst nichts weiter ist als ein – wie der Soziologe Max Weber es formuliert – "subjektive[r] Glaube an eine Abstammungsgemeinsamkeit",[12] darf nicht dazu verleiten, an der "Realität" ethnischer Grenzen zu zweifeln. Auch eine erschaffene Wirklichkeit kann dem Menschen als außermenschliche Faktizität gegenübertreten.[13] Gerade im Hinblick auf Nationalität, Rasse oder Ethnizität tendieren Menschen zu einer primordialistischen Perspektive,[14] also zu einer verdinglichenden oder essenzialisierenden Sichtweise,[15] zu einem Blickwinkel, von dem aus sozial Konstruiertes als natürlich Gegebenes erscheint.

Obwohl konstruiert, können ethnische Grenzen und die damit einher gehenden Selbst- und Fremdbilder nicht jederzeit beliebig verändert werden. Einmal erschaffen, wirken sie auf die Individuen zurück. Eine Voraussetzung für ihr Fortbestehen ist jedoch, dass die Kontakte zu jenen bestehen bleiben, die diese Wirklichkeit stützen und schützen; nur dadurch bleibt ihre Plausibilität erhalten.[16] "Kategorien", so der Soziologe Rogers Brubaker, "brauchen Biotope mit Artenschutz, in denen sie überleben und gedeihen können".[17] Die Konfrontation mit alternativen Wirklichkeitsauffassungen stellt dagegen stets eine Gefahr dar. Mit der Beendigung der kriegerischen Gewalt rückte diese Gefahr in Bosnien-Herzegowina bedrohlich nahe. Die bislang unhinterfragt gültige Deutung, der zufolge die eigene ethnische Gruppe moralisch und zivilisatorisch als überlegen begriffen wird, gerät im Prozess der Nachkriegstransformation ins Wanken. Die Wahrheiten der Anderen – sowohl der ethnisch Anderen als auch außenstehender Dritter wie etwa die internationale Gemeinschaft – stellen eine Bedrohung für das positive Selbstbild, für das eigene Gruppencharisma dar. Allein ihr Dasein kann zu Verletzungen der während des Krieges essenzialisierten Identitäten führen.

Exemplarisch lassen sich diese Zusammenhänge am Beispiel des Umgangs mit (mutmaßlichen) Kriegsverbrechern verdeutlichen: Wenn als "Heroen" gefeierte Mitglieder der ethnischen Eigengruppe von anderen als Verbrecher und Mörder bezeichnet werden, kommt es über weite Bevölkerungsgruppen hinweg zu emotionalen Abwehrreaktionen. Wie sich die Menschen der "Richtigkeit" ihrer Perspektive angesichts der Bedrohung durch alternative Wirklichkeiten versichern, ließ sich etwa im Zuge der Proteste gegen die Auslieferung oder Verurteilung "nationaler Helden", wie Radovan Karadžić, Radko Mladić oder Ante Gotovina durch das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien beobachten. In Tränen aufgelöste Menschen, gehüllt in ihre Nationalfarben und ausgestattet mit Plakaten und Bildern der Verhafteten oder Verurteilten, sowie zerrissene Europaflaggen setzten im Zuge der Proteste deutliche Zeichen – auch der Delegitimierung all jener, die die "einzig wahre Wirklichkeit" nicht anerkennen wollen. Denn die Erwartungshaltung gegenüber dem Tribunal ist vor allem dadurch geprägt, dass es die Version der Ereignisse vertreten soll, der zufolge die eigene ethnische Gruppe kollektiv als Opfer und damit eben auch als unschuldig betrachtet wird. Wird diese Erwartung nicht erfüllt, werden die Nationalhelden zu Mördern, zu Tätern, zu Schuldigen, wird dies als ein Angriff auf die eigene Identität gewertet. Die starke Identifikation mit den Angeklagten geht einher mit der Annahme, dass vor dem Tribunal eben nicht über Individuen gerichtet wird, sondern über die gesamte ethnische Gruppe.

Deutlich zeigt sich hier auch, dass im gegenwärtigen Bosnien der Konflikt über die Vergangenheit primär ein Kampf um die Wahrheit und das eigene Wir-Ideal ist.[18] Dieser Kampf bildet den Kern des "Nachkrieges", also dessen, was sich – in Verkehrung des Zitats von Carl von Clausewitz – als Fortsetzung des Krieges mit politischen Mitteln beschreiben lässt.


Selbstviktimisierung



Vor allem die Tatsache, dass es in diesem Konflikt auch Dritte von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit der eigenen Perspektive zu überzeugen gilt, führt dazu, dass der Kampf um das Wir-Ideal zu einer Auseinandersetzung um den eigenen Opferstatus wird. Die Selbstviktimisierung ist weder ein neues noch ein regional begrenztes Phänomen; nahezu jeder Konflikt zeichnet sich dadurch aus, dass sich seine Parteien ausschließlich als Opfer betrachten.[19] "Es gibt keinen größeren kollektiven Genuss für eine Volksgruppe, denn als Opfer zu leben", so etwa der aus Bosnien stammende Schriftsteller Milenko Jergović, "alle Probleme sind gelöst, denn du (…) kannst jederzeit und überall um wirtschaftlichen und moralischen Kredit bitten. So hat der Chauvinismus der jugoslawischen Nationen immer begonnen: Er kommt aus den Massengräbern. Der serbische Nationalismus der neunziger Jahre kommt aus den Massengräbern des Ustascha-Vernichtungslagers Jasenovac im Zweiten Weltkrieg. Daraus entstand der Mythos, alle Serben seien Opfer. Ähnliches ist mit den Bosniaken nach Srebrenica geschehen: Sie alle wurden dort getötet. Diesen Opferkomplex zu exorzieren, ist extrem schmerzhaft."[20]

"Opfer-Sein", wie es sich hier darstellt, hat wenig mit Schwäche zu tun. Ganz im Gegenteil: Die Opferrolle ist mit einer Macht, mit einem "politischen Mehrwert"[21] verbunden, der aus der moralischen Privilegierung des Opfers resultiert. "Opfer" bündeln die Sympathien auf ihrer Seite, sie haben ein Anrecht auf Rücksichtnahme und können jegliche Kritik unter Verweis auf das erfahrene Leid von sich weisen. Die Selbstviktimisierung basiert auf dem Glauben an die Rechtmäßigkeit der eigenen Ziele und dient der moralischen Rechtfertigung und damit auch einer Stärkung des eigenen Gruppencharismas. Sie erlaubt es, an einem positiven Wir-Bild festzuhalten, weil sie zweifelsfrei festlegt, wer die Schuld am Leid des eigenen Kollektivs trägt und unmissverständlich zwischen "gut" und "böse" unterscheidet. Damit schafft sie ein kohärentes Weltbild und liefert nicht nur plausible Erklärungen für Vergangenheit und Gegenwart, sondern formuliert auch Erwartungen an die Zukunft.[22]

Selbst dort, wo die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine Auseinandersetzung mit der eigenen Täterrolle erzwingt, wird diese im kollektiven Gedächtnis zugunsten einer Selbstauffassung als Opfer oft genug verdrängt. Opfer zu sein, wird als unteilbares und allumfassendes Gut betrachtet. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler schrieb dazu: "Was im Alltagsleben von jedermann unbesehen zugestanden wird, dass nämlich jeder Täter auch Opfer sein oder zumindest doch werden kann – wie umgekehrt ebenso –, das wird, sobald es um politische Positionierungen geht, heftig bestritten. Hier ist die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter nicht länger eine situationsabhängige Momentaufnahme, sondern gerinnt zum permanenten Merkmal."[23]

Durch ihren höchst kompetitiven Charakter wirkt die Selbstviktimisierung in (Post-)Konfliktkonstellationen nach außen trennend und nach innen verbindend.[24] Die räumliche und soziale Nähe der ethnischen Outgroups trägt noch zusätzlich zur inneren Verbundenheit bei, denn der Opferideologie zufolge stellen die Anderen eine permanente Bedrohung von Leib und Leben dar. Gleichzeitig birgt die Nähe zu den Anderen auch eine Gefahr für die Opferideologie selbst: Sie macht es nahezu unmöglich, sich den Wahrheiten der Anderen zu entziehen.


Strategien zur Aufrechterhaltung des Opferstatus



Um in dieser Situation die eigene Viktimisierung trotz permanenter Konfrontation mit den Anderen und ihren Wirklichkeitsperspektiven aufrechtzuerhalten, haben die Menschen im Nachkriegs-Bosnien verschiedene Strategien entwickelt.

Tabuisierung der Kriegsvergangenheit

Die Analyse der Interviews und ethnografische Beobachtungen zeigen sehr deutlich, dass der Krieg im Rahmen interethnischer Begegnungen in der Regel komplett ausgeblendet wird. Ein Interviewpartner formuliert beispielsweise: "Nach einer so kurzen Zeit, es vergingen keine paar Monate, nachdem der Krieg aufhörte, fingen wir an, zueinander zu gehen (…) Als sei nichts gewesen (…) Als hätte dieses Loch nie existiert. Als hätten die Linien nie existiert."[25] Eine solche Ausblendung der Kriegsvergangenheit zugunsten der Normalisierung der Verhältnisse mag zunächst sinnvoll erscheinen, denn das Schweigen über den Krieg ermöglicht es den Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen, im Alltag zu interagieren und dadurch möglicherweise neue Wirklichkeiten zu erschaffen, innerhalb derer die ethnische Grenzziehung eine nachgeordnete Rolle spielt. Mit dieser Vermeidungsstrategie geht allerdings auch eine Reproduktion oder gar Verdichtung der ethnischen Grenzziehung einher. Wenn Gespräche um die Wirklichkeit der Kriegsvergangenheit nur im Kreise "Gleichgesinnter", also innerhalb der ethnischen Gruppe, stattfinden, ist zu erwarten, dass eben deren Wahrnehmung der Wirklichkeit wie in Stein gemeißelt wird.

Zweierlei Maß

Kommt es zu einer Konfrontation mit konkurrierenden Wirklichkeitsauffassungen, werden bei der Bewertung und Rechtfertigung von Ingroup-Verhalten und Outgroup-Verhalten typischerweise unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Den Aggressionen der Outgroup wird die Verteidigung der Ingroup gegenübergestellt. Das Verhalten der Ingroup wird ursächlich auf das Verhalten der Outgroup zurückgeführt und damit zu rechtfertigen versucht. Diese Dichotomisierung von Tätern und Opfern lässt sich angesichts der Präsenz der konkurrierenden Erzählungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. Infrage gestellt wird nun aber der Wahrheitsgehalt oder die "Wahrhaftigkeit" der konkurrierenden Erzählung – und aus der Dichotomie von Opfern und Tätern wird eine Dichotomie von wahren Opfern und kreierten, konstruierten, erfundenen Opfern. "Die systematische Ächtung des Außengruppenangehörigen", so der Soziologe Robert Merton in seiner Theorie über die sich selbst erfüllende Prophezeiung, "nimmt ihren Lauf weitgehend ungeachtet dessen, was er tut. Mehr noch: Durch den Aberwitz einer kapriziösen richterlichen Logik wird das Opfer für das Verbrechen bestraft."[26] Mittels einer "Moral-Alchemie" werden je nach Gutdünken Tugenden zu Lastern und Laster zu Tugenden.

Doppelte Relativierung

Mitunter kommt es aber auch zu der Einsicht, dass Mitglieder der ethnischen Ingroup ebenfalls Verbrechen begangen haben könnten. Zunächst erscheint die Annahme naheliegend, dass eine solche Anerkennung zu einer Entidealisierung beziehungsweise zu einer Relativierung des positiven Wir-Bildes führt. Was hier jedoch geschieht, ist der Versuch, abweichende Wirklichkeitsbestimmungen mit Begriffen aus der eigenen Sinnwelt auszustatten, sie also der eigenen Sinnwelt einzuverleiben und somit als konkurrierende Wirklichkeitsperspektive zu liquidieren. Indem zugegeben wird, dass das Verhalten von Mitgliedern der Ingroup moralisch "nicht einwandfrei" war, verleiht man sich zusätzlich Legitimation.

Dieses moralisch nicht einwandfreie Verhalten der Ingroup-Mitglieder wird dann allerdings in einem zweiten Schritt typischerweise in Relation gesetzt mit den als sehr viel schlimmer klassifizierten Verbrechen der Outgroup. Diese doppelte Relativierung – also die Relativierung des eigenen Wir-Ideals, die jedoch selbst auch einer Relativierung unterzogen wird – dient damit wiederum der Stabilisierung dieses Wir-Ideals.

Insgesamt zeigen Menschen bei diesem Prozess der Relativierung eine recht ausgeprägte "soziale Kreativität":[27] Die sozialen Vergleichsdimensionen werden so gewählt, dass die Eigengruppe in jedem Fall günstiger abschneidet als die Außengruppe. So verweisen beispielsweise auch bosnische Kroatinnen und Kroaten regelmäßig auf das Massaker von Srebrenica, bei welchem über 8.000 bosniakische Jungen und Männer von Serben umgebracht wurden, denn vor diesem Hintergrund sollen die Verbrechen der Ingroup verhältnismäßig unbedeutend erscheinen.

Subjektivierung des Krieges

Trotz einer in der Regel eindeutig erfolgenden Täter-Opfer-Zuschreibung wird der Krieg regelmäßig als nicht von Menschen gemacht, sondern als ein übermenschliches, die Menschen vernichtendes und verfeindendes Phänomen beschrieben: "Als Tito starb, als Jugoslawien zerfiel, (…) kam dieser verdammte Krieg, welcher angerichtet hat, was er angerichtet hat: uns alle verfeindet", so ein Interviewpartner.[28] Der Krieg tritt hier in der Gestalt eines vom Handeln menschlicher Subjekte unabhängigen Geschehens auf, ähnlich einer Naturkatastrophe, oder gar als aktiv handelnd – quasi als Subjekt. Die Konsequenz dieser Betrachtungsweise ist, dass der Krieg letztlich nicht zum Gegenstand ethischer Überlegungen gemacht werden kann und menschliches Handeln von jeder Verantwortung befreit wird.[29] Die Funktion dieses Deutungsmusters im Hinblick auf den hier verhandelten Fall liegt auf der Hand: Indem man den Krieg zum Subjekt macht, geht man nicht nur selbst in Distanz zum Geschehen und schützt damit sein Wir-Ideal, sondern bietet eben diese Möglichkeit auch dem Gegenüber an. Eventuell verbirgt sich dahinter der kleinste gemeinsame "panethnische" Nenner.

Im Verlauf der Analyse zeigt sich, dass vor allem jene, die erfolgreich und anhaltend ins sozialistische System des ehemaligen Jugoslawien sozialisiert wurden, auf diese Strategie zurückgreifen, denn die Subjektivierung des Krieges liefert eine plausible Erklärung dafür, warum es trotz "Brüderlichkeit und Einheit" zum Krieg kommen konnte.

Externalisierung der Schuld

In Situationen interethnischen Kontakts kann es gelingen, verschiedene Wirklichkeitsperspektiven einander anzugleichen, indem die Verantwortung oder die "Schuld" auf außenstehende Akteure übertragen wird. Dies kann auf viererlei Wegen geschehen.

Erstens können sich Angehörige zweier ethnischer Kategorien im interethnischen Kontakt gegen einen Dritten verbünden, auf den die Hauptverantwortung für das, was geschehen ist oder nach wie vor geschieht, übertragen wird. So werden die Serben von den Kroaten und Bosniaken als jene betrachtet, von denen die primäre Aggression ausging; die Kroaten gelten als die Opportunisten, die je nach eigenem Vorteil ihre Bündnispartner wechseln, und in den Bosniaken personifiziert sich schließlich aus der Perspektive der christlichen Kroaten und Serben die Gefahr islamischen Fundamentalismus mitten in Europa.

Eine zweite Möglichkeit der Externalisierung von Verantwortung besteht in einer Kontraktion der Wir-Gruppe – jene Teile, die das Wir-Ideal bedrohen, werden ausgeschlossen. Es kann drittens aber auch eine Ausdifferenzierung der Außengruppe vorgenommen werden, eine Unterscheidung zwischen den "guten Anderen" und den "bösen Anderen".

Viertens zeigt sich im Rahmen der Analyse auch immer wieder, dass die Schuld oder zumindest eine Mitschuld einem gänzlich außenstehenden Dritten zugeschrieben wird: der "internationalen Gemeinschaft" oder aber auch einzelnen Staaten. Ob die zentrale Täterschaft nun den ethnischen Outgroups, der internationalen Gemeinschaft oder dem Krieg an sich zugeschrieben wird, "[i]n jedem Fall ist das Böse externalisiert; es wird draußen gesucht und es trifft einen von außen".[30]

Conclusio



Bis zum heutigen Tage scheinen die Menschen in Bosnien-Herzegowina im Schützengraben zwischen den Fronten gefangen zu sein. Innerhalb der Sozialpsychologie wird darauf hingewiesen, dass sich solche Konkurrenzsituationen durch eine gegenseitige Anerkennung des Opferstatus entschärfen ließen. Doch abgesehen von der Tatsache, dass sich Viktimisierungen stets durch einen gewissen Egoismus auszeichnen,[31] gilt es zu bedenken, dass eine gegenseitige Anerkennung auch eine gewisse Risikobereitschaft voraussetzt:[32] Gehe ich einen Schritt auf mein Gegenüber zu, ohne zu wissen, ob mein Gegenüber auch mir entgegen kommt, laufe ich Gefahr, ihm eine zusätzliche Waffe im Kampf um den eigenen Opferstatus an die Hand zu geben – vielleicht jene, die letztlich darüber entscheidet, welche Wirklichkeitsperspektive sich durchsetzt.
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Autor: Ana Mijić für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Ana Mijić, Verletzte Identitäten. Der Kampf um den Opferstatus im bosnisch-herzegowinischen Nachkrieg, Frankfurt/M.–New York 2014.
2.
Vgl. Ulrich Oevermann, Die Struktur sozialer Deutungsmuster – Versuch einer Aktualisierung, in: Sozialer Sinn 1/2001, S. 35–81; ders., Klinische Soziologie auf der Basis der Methodologie der objektiven Hermeneutik, Frankfurt/M. 2002.
3.
Ivan Lovrenović, Bosnien und Herzegowina, Wien 1999, S. 200.
4.
Neben der Republika Srpska und der Föderation wurde 1995 mit dem Dayton-Abkommen aus geopolitischen Gründen der Sonderbezirk Brčko eingerichtet, der als Kondominium beiden Entitäten zugehörig ist.
5.
Vgl. Katherine Verdery, Ethnicity, Nationalism, and State-Making, in: Hans Vermeulen/Cora Govers (Hrsg.), The Anthropology of Ethnicity, Amsterdam 1994, S. 33–58, hier S. 38.
6.
Slavenka Drakulić, Sterben in Kroatien, Reinbek 1992, S. 83.
7.
Georg Simmel, Deutschlands innere Wandlung, in: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen, München–Leipzig 1917, S. 9–29, hier S. 12.
8.
Michael Ignatieff, Reisen in den neuen Nationalismus, Frankfurt/M. 1996, S. 33.
9.
Vgl. Herfried Münkler, Politik und Krieg, in: Armin Nassehi/Markus Schroer (Hrsg.), Der Begriff des Politischen, Baden-Baden 2003, S. 471–490, hier S. 479.
10.
Norbert Elias, Zur Theorie der Etablierten-Außenseiter-Beziehungen, in: ders./John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 1990, 16ff.
11.
Vgl. Andreas Wimmer, Ethnische Grenzziehungen, in: Marion Müller/Dariuš Zifonun (Hrsg.), Ethnowissen, Wiesbaden 2010, S. 99–152, hier S. 111.
12.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 19764 (1920/21), S. 237.
13.
Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt/M. 1969, S. 94.
14.
Vgl. Clifford Geertz, Primordial Ties, in: Anthony D. Smith/John Hutchinson (Hrsg.), Ethnicity, New York 1996, S. 40–45.
15.
Vgl. Rogers Brubaker/Mara Loveman/Peter Stamatov, Ethnizität als Kognition, in: Rogers Brubaker, Ethnizität ohne Gruppen, Hamburg 2007, S. 96–128, hier S. 124.
16.
Vgl. Berger/Luckmann (Anm. 13), S. 163.
17.
Rogers Brubaker, Ethnizität ohne Gruppen, in: ders. (Anm. 14), S. 16–45, hier S. 44.
18.
Vgl. Jens Brockmeier, Remembering and Forgetting. Narrative as Cultural Memory, in Culture & Psychology 1/2002, S. 15–43, hier S. 15.
19.
Vgl. etwa Luca Andrighetto et al., Reducing Competitive Victimhood in Kosovo, in: Political Psychology 4/2012, S. 513–529; Neil Ferguson/Mark Burgess/Ian Hollywood, Victimhood Experiences in Postagreement Northern Ireland, in: Political Psychology 6/2010, S. 857–886; Marcel M. Baumann, Contested Victimhood in the Northern Irish Peace Process, in: Peace Review 2/2010, S. 171–177; Nurit Shnabel/Masi Noor, Competitive Victimhood Among Jewish and Palestinian Israelis Reflects Differential Threats to Their Identities, in: Kai J. Jonas/Thomas A. Morton (Hrsg.), Restoring Civil Societies, Chichester 2012, S. 192–207; Johanna R. Vollhardt, The Role of Victim Beliefs in the Israeli-Palestinian Conflict, in: Peace and Conflict: Journal of Peace Psychology 2/2009, S. 135–159.
20.
Andreas Ernst, "Ich bin ein jugoslawischer Schriftsteller". Gespräch mit Miljenko Jergović über seine Liebe zu Autos, die Balkantragödie als triviales Genre sowie die Lust der Völker, Opfer zu sein, 21.4.2012, http://www.nzz.ch/-1.16541823«.
21.
Herfried Münkler, Unter Abwertungsvorbehalt. Vom Bombenkrieg bis zur Vertreibung, in: Frankfurter Rundschau, 24.9.2003, S. 9.
22.
Vgl. Daniel Bar-Tal et al., A Sense of Self-Perceived Collective Victimhood in Intractable Conflicts, in: International Review of the Red Cross 874/2009, S. 229–258; Vgl. Shnabel/Noor (Anm. 19).
23.
Münkler (Anm. 21).
24.
Vgl. Masi Noor et al., The Psychology of Competitive Victimhood Between Adversarial Groups in Violent Conflicts, in: Personality and Social Psychology Review 4/2012, S. 351–374; ders./Shnabel (Anm. 19).
25.
Zit. nach Mijić (Anm. 1), S. 245.
26.
Robert K. Merton, Soziologische Theorie und soziale Struktur, Berlin 1995, S. 405.
27.
Henri Tajfel/John C. Turner, The Social Identity Theory of Intergroup Behavior, in: William G. Austin/Stephen Worchel (Hrsg.), Social Psychology of Intergroup Relations, Chicago 1978, S. 7–24, hier S. 19f.
28.
Zit. nach Mijić (Anm. 1), S. 276.
29.
Vgl. Martin Hoch, Zur Bedeutung des Krieges für das Menschen- und Geschichtsbild, in: Mittelweg 36 6/1999, S. 30–48, hier S. 38.
30.
Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich, Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 198416 (1967), S. 60.
31.
Vgl. John Mack, The Psychodynamics of Victimization Among National Groups in Conflict, in: Joseph V. Montville/Vamik D. Volkan/Demetrios A. Julius (Hrsg.), The Psychodynamics of International Relationships: Concepts and Theories, Lexington 1990, S. 125.
32.
Vgl. Noor et al. (Anm. 24), S. 365.

Ana Mijić

Zur Person

Ana Mijić

ist promovierte Soziologin und bekleidet derzeit eine Hertha-Firnberg-Forschungsstelle am Institut für Soziologie an der Universität Wien. ana.mijic@univie.ac.at


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