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counter 29.9.2017

Jugoslawien nach Jugoslawien. Erinnerungen an ein untergegangenes Land - Essay

Fast drei Jahrzehnte nach dem von ethnischer Gewalt geprägten Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien gibt es auf ihrem ehemaligen Gebiet sieben unabhängige Staaten. Es scheint, als sei die Desintegration Jugoslawiens abgeschlossen, nicht nur in geografischer, sondern auch in politischer und ideologischer Hinsicht. Zwei parallele und sich gegenseitig verstärkende Prozesse haben dabei eine zentrale Rolle gespielt: der kapitalistische Wandel, in dessen Zuge sich das neoliberale Paradigma etablierte, und die ethnozentrische Restauration von Nationalstaaten.[1] Die greifbaren Erinnerungsträger der jugoslawischen Zeit zeugen von Erfolg und Radikalität dieser Prozesse: Ruinen von großen Infrastrukturprojekten, ausgedehnten Industriekomplexen, von Denkmalen zur Erinnerung an den Kampf gegen den Faschismus oder von modernistischen Gebäuden.

Wichtige Teile der jugoslawischen Vergangenheit sind ausradiert worden, und das nicht nur durch den Zahn der Zeit, sondern häufig im wörtlichen Sinne. So wurden beispielsweise in Kroatien die meisten Denkmale, die an den Befreiungskampf von 1941 bis 1945 erinnerten, in den 1990er Jahren zerstört. Auch in anderen postjugoslawischen Staaten wurden ihre Pendants entfernt, dem Verfall überlassen oder im besten Fall "nationalisiert", sodass Erinnerungen an den antifaschistischen Kampf Jugoslawiens heute etwa serbischen oder slowenischen Partisanen gewidmet sind.[2] Namen von Städten, Straßen, Plätzen und Institutionen wurden geändert, gesetzliche Feiertage, die an die jugoslawische Geschichte und den antifaschistischen Kampf erinnerten, abgeschafft, die Rollen von Tätern und Opfern im Zweiten Weltkrieg relativiert und häufig auch vertauscht – sei es durch revisionistische Geschichtsschreibung, die rechtliche Rehabilitierung von Kollaborateuren oder die Umgestaltung der Erinnerungslandschaft durch den Bau von Denkmalen für Mitglieder der örtlichen faschistischen Militäreinheiten.

Auf den jugoslawischen Sozialstaat, seine internationale Politik der Blockfreiheit, seine Erfahrung der multiethnischen Koexistenz, der Weltoffenheit, der Selbstverwaltung, des Antifaschismus und der Klassensolidarität wird heute weder in politischen Reden noch in den neugestalteten Nationalsymbolen Bezug genommen. Diese Ideen und Werte sind gemeinsam mit den materiellen Resten der jugoslawischen Realität verschwunden, für die sie standen. Von offizieller Seite wird Jugoslawien höchstens auf ein rein historisches Faktum reduziert, eine Seite in einem Geschichtslehrbuch und eine Abweichung vom "natürlichen Kurs" der Nation.

Aber gehört Jugoslawien wirklich definitiv der Vergangenheit an? Ist die Erinnerung an das Land und an die Ideen, auf die es gebaut war, tatsächlich so gründlich und radikal gelöscht? Meinungsumfragen, Kunstprojekte, wissenschaftliche Forschung und die Initiativen aktivistischer Gruppen vermitteln den gegenteiligen Eindruck. Sie legen nahe, dass Jugoslawien in seinen Nachfolgestaaten nicht nur ein wesentlicher Teil der Gegenwart ist, sondern auch ein wichtiges Element bei Imaginationen einer "guten" Zukunft in diesen von Kriegen, Deindustrialisierung sowie undurchsichtigen und oft gewaltsamen Privatisierungen ausgelaugten postjugoslawischen Gesellschaften, vor allem in Gegenden mit zerfallener Infrastruktur, verarmter Bevölkerung und nicht funktionierenden Institutionen, in denen die Kluft zwischen gesellschaftlichen Gruppen immer größer wird.

Jugoslawien ist zum jetzigen Zeitpunkt zwangsläufig Teil der Gegenwart: Die Lebenserfahrung im jugoslawischen Sozialismus wird noch von Millionen Menschen geteilt. In den Worten der Historikerin Ljubica Spaskovska: Die jugoslawische Zeit ist zwar historisch, aber den (post)jugoslawischen Raum und die Menschen, die ihn zu jener Zeit bewohn(t)en, gibt es noch immer – Jugoslawien ist sowohl "noch-nicht-ganz-vergangen" als auch "teilweise-noch-präsent".[3] Die Erinnerungen ehemaliger Jugoslawinnen und Jugoslawen sind es, durch die das verschwundene Land im Alltag weiterlebt: in Anspielungen, Gerüchen, Geschmäcken und Worten, in den Sensibilitäten und Offenbarungen der Leute, die auf dem ehemaligen Staatsgebiet Jugoslawiens leben.

Gleichzeitig scheint es nicht nur die generationengebundene Erfahrung zu sein, die Jugoslawien weiterleben lässt. So schreibt etwa ein junger Mann, der den jugoslawischen Alltag nicht oder kaum kennen gelernt hat, in seinem Blog: "Yugoslavia is the only way I refer to the place I’m originally from, where I grew up, but also to the place(s) where most of my friends and family live at the moment. I do realise that it may seem as if I’m trying to recreate something that is long gone or to call something into existence, but for me Yugoslavia is right now and right there. It is not an internationally recognised state, nor is it a state that I need to see restored, it is simply the best name I have for all the things I feel to be familiar and intelligible – the music, the dishes, the ideologies, the cities, the patriarchy, the policies, the words, the concepts, and the people."[4]


Erinnerung an die Alternative

Nicht nur der Sozialismus und der jugoslawische Staat gingen in den frühen 1990er Jahren unter. Es war auch das Ende einer Welt, in der es einfacher war als heute, sich Alternativen vorzustellen. Aufgrund seines radikalen Modernisierungskurses, des Selbstverwaltungssozialismus und der internationalen Politik der Blockfreiheit verkörperte Jugoslawien im Kalten Krieg die Möglichkeit einer politischen und ökonomischen Alternative,[5] und innerhalb des Landes herrschte die (Selbst-)Wahrnehmung Jugoslawiens als legitimer und wichtiger internationaler Akteur.

Die Welt sei eine andere gewesen, so der slowenische Philosoph und einstige Aktivist Tomaž Mastnak, und ebenso die Einstellung Jugoslawiens dieser Welt gegenüber im Vergleich zu der seiner Nachfolgestaaten heute. Mit Blick auf den Inhalt der jugoslawischen Tageszeitungen 1989, also am Vorabend des Zusammenbruchs des Landes, bezeichnet er es als aus heutiger Perspektive außergewöhnlich, dass ausführlich und detailliert über Ereignisse rund um den Globus berichtet wurde "Our media had qualified foreign correspondents abroad, and not only in London, Berlin and Washington (Brussels wasn’t on the map back then), and our country had an independent, sovereign foreign policy. It was a factor in world politics and its representatives championed national interests – and not without success. Who back then would have thought that a quarter century later our media in the semi-colony of Slovenia would simply recycle the so-called agency news (…)."[6]

Diese Selbstwahrnehmung als quasikoloniale Peripherie ist heute besonders in denjenigen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens ausgeprägt, die ökonomisch stark benachteiligt sind. Dort handelt es sich bei dem Verweis auf semikoloniale Zustände häufig um mehr als um eine Metapher: So gibt es Berichte, dass etwa im serbischen Leskovac Arbeitskräfte im Werk des koreanischen Konzerns Yura während der Arbeitszeit nicht zur Toilette gehen dürfen. Ihnen werde empfohlen, Windeln zu tragen. In der Olimpias-Textilfabrik in Niš soll es den Arbeitskräften darüber hinaus verboten sein, Wasser zu trinken oder miteinander zu sprechen. Und in der südlich von Belgrad gelegenen Stadt Obrenovac sollen Vertreter eines ausländischen Investors die Gesundheitsakten der Bevölkerung geprüft haben, da dieser nicht in einem Gebiet investieren wollte, in dem der Gesundheitszustand der potenziellen Arbeitskräfte schlecht ist.[7]

Gewiss fördern solche sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ein Interesse am jugoslawischen Sozialismus, dessen Erbe dadurch zunehmend auch zur Inspiration für eine Politik der Zukunft wird, die neue linke Aktivisten und Theoretiker in- und außerhalb der Region vertreten.

Ein interessantes Phänomen in diesem Zusammenhang ist die Gründung selbstorganisierter Chöre, die eine antifaschistische Musiktradition des ehemaligen Jugoslawiens wiederbeleben. Beispielsweise singt der Chor "Kombinat" aus Ljubljana, der 2008 am 27. April gegründet wurde, also am "Tag des Widerstands", ehemals sozialistischer "Tag der Befreiungsfront" und heute Nationalfeiertag in Slowenien, antifaschistische und Partisanenlieder aus verschiedenen Teilen des ehemaligen Jugoslawien, um Lieder und Werte aus der Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren. Der lesbische Chor "Le Zbor" aus Zagreb schenkt den Themen Arbeit, Arbeiter und deren Rolle im Sozialismus besondere Aufmerksamkeit und singt auch Revolutionslieder. Lieder über "Arbeit und Bau" aus der sozialistischen Zeit, als Arbeit als von allen geteilter Wert gefördert wurde und Arbeiter die zentrale Figur der sozialistischen Ideologie waren, sind ein wichtiger Teil des Repertoires. Gleiches gilt für den Belgrader Chor "Horkestar", dessen Mitglieder häufig in blauen Arbeitsoveralls auftreten, während die Chorleiterin borosane trägt, die unverwechselbaren Arbeitsschuhe aus dem Hause Borovo, die Frauen während des Sozialismus trugen, und der häufig an Orten auftritt, die wie Fördertürme oder stillgelegte Fabriken einst Symbole der Industriearbeit im Sozialismus waren. Der 2009 gegründete mazedonische Chor "Raspeani Skopjani" trat bereits mehrfach mit dem Lied "Gradot ubav pak ke nikne" (Die schöne Stadt wird wieder emporschnellen) auf, das während des Wiederaufbaus von Skopje nach dem katastrophalen Erdbeben von 1963 gesungen wurde. Damit protestieren die Sänger gegen die ökonomisch undurchsichtige architektonische Neugestaltung der mazedonischen Hauptstadt, die zugunsten von antik oder barock anmutenden Monumenten und Gebäuden die sozialistische Geschichte der Stadt unsichtbar gemacht hat.

Zahlreiche Gruppen von Künstlern und Aktivisten versuchen mit ihren Projekten, Jugoslawien vom heutigen "nationalistisch-kapitalistischen Konsens" aus zu verstehen.[8] So werden etwa auf mehreren Archivplattformen breit gefächerte geisteswissenschaftliche Publikationen aus der jugoslawischen Zeit gesammelt, gespeichert und zugänglich gemacht. Beispielsweise versteht sich das Portal "Učitelj neznalica i njegovi komiteti" (Der ignorante Lehrer und seine Komitees) als "Ort der Selbstbildung und öffentliches Bibliotheksarchiv für Texte, Zeitschriften und Bücher aus den jugoslawischen Geisteswissenschaften".[9] Künftig sollen auch zeitgenössische Veröffentlichungen gesammelt werden, die "der besten Tradition der jugoslawischen Geisteswissenschaften" folgen.[10] Für die Mitwirkenden ist ein solches Archiv für die ohnehin in der akademischen Wissensproduktion marginalisierten Geisteswissenschaften unentbehrlich. Denn diese Texte, denen in den postjugoslawischen Gesellschaften keine intellektuelle Aufmerksamkeit zuteilwird, transportieren ihrer Ansicht nach die Alternative zum existierenden System in Serbien und weltweit und sind für ein Verständnis des 20. Jahrhunderts der jugoslawischen Nationen essenziell.

Ferner setzt sich eine sehr produktive Kulturszene in den postjugoslawischen Gesellschaften reflexiv und kritisch mit dem Erbe des sozialistischen Jugoslawien und seiner gewaltsamen Auflösung auseinander. Schriftsteller, Künstler, Architekten, Theaterregisseure arbeiten zusammen und überwinden dabei nationale Grenzen. Ihre Produktionen, die bereits als postjugoslawischer Film, Literatur, Theater und so weiter bekannt sind, sorgen dafür, dass die postjugoslawischen Räume bei der künstlerischen Verarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit miteinander verbunden bleiben.[11]


Umstrittene Nostalgie

Schon ein flüchtiger Blick in regionale Medienportale, Meinungsumfragen und soziale Netzwerke zeigt, dass über diese Entwicklungen hinaus recht viele "Durchschnittsbürger" der Nachfolgestaaten Jugoslawiens trotz der zeitlichen Distanz und intensiven Nationalisierung des postjugoslawischen Raums lieb gewonnene positive Erinnerungen an das Leben im gemeinsamen sozialistischen Land pflegen.[12] Dieses Phänomen der sogenannten Jugonostalgie ist eng verknüpft mit der jugoslawischen Devise der "Brüderlichkeit und Einheit". Es steht in scharfem Kontrast zu nationalistischen Diskursen in den neu gegründeten Staaten und wurde daher in den vergangenen Jahren bei ideologischen Auseinandersetzungen häufig als Anschuldigung vorgebracht.[13]

Sowohl von den politischen und ökonomischen Eliten im öffentlichen Diskurs vor Ort als auch im "Westen" wird die Jugonostalgie als eher unangenehme Überraschung wahrgenommen, als geradezu unerwartet von diesen Gesellschaften, die gerade begonnen haben, die Vorzüge einer pluralistischen Demokratie und kapitalistischer Märkte zu genießen, und endlich, nach mehr als 50 Jahren "künstlicher Einheit im Sozialismus" zu ihrem "wahren Wesen" und ihren "historischen Wurzeln" zurückgekehrt seien. Im europäischen Kontext, wo das Paradigma der beiden europäischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts stark präsent ist, das den Sozialismus auf eine Ebene mit dem Nationalsozialismus setzt, begegnen EU-Vertreter und Politiker positiven Erinnerungen an den Sozialismus nicht mit Wohlwollen. Vielmehr betrachten sie jegliche Nostalgie als Folge eines Gefühls, beim Übergang vom Kommunismus zur Demokratie schlecht weggekommen zu sein,[14] oder lehnen sie mit dem moralistischen Argument ab, dass es unhaltbar sei, sich positiv zu einem totalitären System zu äußern. Nationale politische Eliten in den postsozialistischen Staaten neigen dazu, den Sozialismus als eine Ideologie zu behandeln, die im Grunde uneuropäisch ist, ihren Ursprung in Asien hatte, ihnen aufgezwungen wurde und dabei ihre ansonsten tief verankerte europäische Identität bedrohte. Deshalb wird der Beitritt zur EU fast immer als "Heimkehr" dargestellt.

Sogar Aktivisten, Künstler und Wissenschaftler, die sich bei ihrer Kritik an der gegenwärtigen Politik selbst auf Jugoslawien beziehen, sehen die "Mainstream-Jugonostalgie" mitunter als problematisch und politisch schädlich an. Normalerweise als Überbegriff für die nachdrückliche emotionale Erinnerung an verschiedene Aspekte des Lebens im Sozialismus verwendet, wird die Jugonostalgie fast ausschließlich im Lichte von Konsumpraktiken interpretiert, von Produkten mit Symbolcharakter für den jugoslawischen Alltag wie das Cockta-Getränk, die Zastava-Autos, YU-Rock und Popmusik – "Mode, Lebensmittel und andere solche Dinge".[15] Nach dieser Auffassung sind etwa Balkan-Partys und ritualisierte Besuche im "Haus der Blumen", Titos Mausoleum in Belgrad, und in Titos Geburtsort Kumrovec an seinem Geburtstag am 25. Mai Ausdruck von Jugonostalgie.

Statt durchdachte und politisch relevante Ansprüche zu artikulieren, belebt diese Art der Jugonostalgie der Anthropologin Svetlana Slapšak zufolge nur jene Aspekte der jugoslawischen Kultur wieder, die am sichtbarsten und zugänglichsten waren, aber auch am banalsten und kitschigsten. Daher optiert sie für eine andere, intellektuell legitimierte Sehnsucht nach Jugoslawien und "seinen realen, produktiven und immer noch wichtigen Errungenschaften, von denen manche direkt in die gegenwärtige Weltkrise eingeschrieben sind: Gleichheit, das Recht auf Arbeit, Krankenversicherung, Gleichberechtigung".[16] Eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Sozialismus ist aber nicht Intellektuellen vorbehalten und sollte auch kein Privileg der Elite sein.


Sehnsucht nach Handlungsmächtigkeit

Folgt man der Aufforderung des Anthropologen Dominic Boyer, positive Bezugnahmen auf Jugoslawien durch die Bürgerinnen und Bürger der postjugoslawischen Gesellschaften ernster zu nehmen,[17] so ist festzustellen, dass die Menschen weder ausschließlich über die banalsten, unmittelbarsten und "konsumierbarsten" Aspekte ihrer sozialistischen Erfahrung sprechen, noch ausschließlich über den Verlust von Sicherheit, gesellschaftlicher Unterstützung und der Gewissheit, dass sich um alles gekümmert wird.

So sind etwa die Erinnerungen der Arbeiter an ihre Tätigkeit in einer großen sozialistischen Fabrik, die ich während meiner Feldforschung in Serbien gesammelt habe, zwar tief im persönlichen Erleben verankert. Aber sie reflektieren mehr als die physische Erfahrung der Industriearbeit in Jugoslawien und die unmittelbare körperliche Demütigung in der Zeit nach dem Sozialismus. Denn diese Erinnerungen sind im Grunde Narrative der sozialistischen Modernisierung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und der scharfe Kontrast, den sie verdeutlichen, ist auch einer zwischen der Vergangenheit, in der Arbeiter sich als Akteure der Modernisierung wahrnahmen, und der Gegenwart, in der sie keine gesellschaftliche Handlungsmächtigkeit haben.[18]

Mehrere kollektive Aktionen der vergangenen Jahre bestätigen diese Verknüpfung zwischen jugoslawischen Erfahrungen und der Wahrnehmung von Autonomie und Handlungsmächtigkeit: Im Februar 2014 entstanden aus landesweiten Protesten in Bosnien-Herzegowina zahlreiche sogenannte Plena. Diese Volksversammlungen waren nach mehr als zwei Jahrzehnten der Verfangenheit in ethnisch definierter Politik der erste nennenswerte Versuch, eine staatsbürgerliche Form von Nationalität wiederherzustellen. Die Bezeichnung "Plena" bezieht sich sogar direkt auf die in der sozialistischen Zeit erfahrene Gemeinschaft und die kollektive Handlungsmächtigkeit, die im Transformationsprozess verloren gegangen ist.

Ein weiteres Beispiel ist die überwältigend rasche und leidenschaftliche Reaktion von Bürgerinnen und Bürgern im gesamten postjugoslawischen Raum bei den Überschwemmungen in Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina im Mai 2014: Kroaten, Serben, Slowenen und Mazedonier organisierten nicht nur die Sammlung und den Transport von enormen Mengen Hilfsgütern in die betroffenen Gebiete, auch Leute aus dem einen Teil des ethnisch geteilten Bosnien halfen Menschen im anderen Teil, Asylbewerber retteten Bürger in Not und beteiligten sich bei den Aufräumarbeiten, während chinesische Ladenbesitzer kostenlose Gummistiefel verteilten. Diese Solidarität ging mit Bezugnahmen auf das sozialistische Jugoslawien und sein Erbe einher, und noch ehe das Wasser völlig zurückgegangen war, hatten sich die Freiwilligen für den Wiederaufbau in "Arbeitsbrigaden" organisiert.

Diese Beispiele legen nahe, dass die Jugonostalgie Ausdruck eines verlorenen Gefühls ist, sowohl Akteur des eigenen Lebens als auch breiter angelegter ökonomischer und sozialer Prozesse zu sein. Sie verweist auf jene Sehnsucht, "ein Faktor in der Welt" zu sein, wie sie Tomaž Mastnak artikuliert. Anders als die vorherrschenden neoliberalen und "transitionalen" politischen Diskurse zum Sozialismus suggerieren, nahmen sich die Bürgerinnen und Bürger im Sozialismus offenbar stärker als gesellschaftlich Handelnde wahr als heute, da sie sich gegenwärtig nicht in der Lage sehen, ihre Wünsche und Visionen in die Tat umzusetzen.[19]

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist die Jugonostalgie kein reaktionäres, irrationales und prototalitäres Gefühl, sondern eine mobilisierende, legitimierende und sogar emanzipatorische Praxis. Im Gegensatz zur vorherrschenden Ansicht, postsozialistische Nostalgie verhindere eine selbstständige Reflexion über die Vergangenheit und dränge so bereits marginalisierte Subjekte in postjugoslawischen Gesellschaften zusätzlich an den Rand, scheint ihr eine affektive Kraft innezuwohnen, die sich aus einem tiefergehenden Wissen über gesellschaftliches Leben speist.[20] Obwohl ihr sentimentaler Charakter in den dominanten Diskursen das Hauptargument ist, um der Jugonostalgie jegliche Relevanz für politisches und gesellschaftliches Handeln abzusprechen, ist es gerade diese affektive Dimension, die Bezüge zur jugoslawischen Erfahrung zu legitimen politischen Argumenten macht. Denn die emotionale Verbundenheit und Auseinandersetzung beziehungsweise ihre Möglichkeit legen nahe, dass Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens sich als autonome und handlungsfähige Subjekte wahrnahmen.

Diese These der politischen Relevanz einer emotionalen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stützt auch der Philosoph Boris Buden. Ihm zufolge bildet die soziale Anästhesie, die die mit der Ausradierung der sozialistischen Vergangenheit einher gehende soziale Amnesie ermöglicht, die Grundlage für die Transitionsideologie: "Die gesellschaftlichen Widersprüche des Postkommunismus – die immer weiter aufreißende Kluft zwischen Arm und Reich, die Auflösung aller Formen sozialer Solidarität, die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, das weit verbreitete soziale Leid, usw. – bleiben affektiv unbesetzt. (…) Die Rede ist von einer Art sozialer Anästhesie, die zu den auffälligsten und zugleich rätselhaftesten Phänomenen der postkommunistischen Transformation gehört."[21]

Die emotional aufgeladene Nostalgie verhindert, dass Ruinen des sozialistischen Jugoslawien und seiner modernistischen Utopie friedlich "eingebürgert" und zum Teil der Geschichte gemacht oder schlicht als Zeichen der "unangemessenen sozialistischen Vergangenheit" ignoriert und vergessen werden. Durch die Nostalgie bleiben sie "unruhig und beunruhigend".[22] Denn von ihr belebt, werden diese Ruinen zur Erinnerung nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch an die Werte, die für Zukunftsvorstellungen notwendig sind, etwa Solidarität, Verantwortung, Gemeinschaft, die Arbeit an sich sowie, vielleicht am wichtigsten, an das Gefühl persönlicher und kollektiver Autonomie.

Übersetzung aus dem Englischen: Sandra H. Lustig, Hamburg.
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Fußnoten

1.
Vgl. Nikola Dedić, Yugoslavia in Post-Yugoslav Artistic Practices: Or, Art as …, in: Vlad Beronja, Stijn Vervaet (Hrsg.), Post-Yugoslav Constellations: Archive, Memory, and Trauma in Contemporary Bosnian, Croatian, and Serbian Literature and Culture, Berlin–Boston, S. 169–190, hier S. 170.
2.
Der erste Präsident des unabhängigen Kroatiens, Franjo Tuđman, begann die Idee des "kroatischen Antifaschismus" bereits in den 1980er Jahren voranzutreiben, als er General beim jugoslawischen Militär war. Vgl. Nikica Barić, Antifašistička borba u drugom svjetskom ratu u političkim interpretacijama hrvatskih predsjednika 1991–2006 (Antifaschistischer Kampf im Zweiten Weltkrieg – Politische Interpretationen kroatischer Präsidenten 1991–2000), in: Vera Katz (Hrsg.), Revizija prošlosti na prostorima bivše Jugoslavije (Die Prüfung der Vergangenheit auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien), Sarajevo 2007, S. 211–233, hier S. 213. Milorad Dodik, der Präsident der Republika Srpska, des serbisch dominierten Teils von Bosnien-Herzegowina, behauptet, dass "der Antifaschismus in diesen Gebieten den Serben gehört". Zit. nach SRNA, Dodik u Milića Gaju: Antifašizam vlasništvo Srba (Dodik in Milić Gaj: Antifaschismus gehört Serben), 27.7.2017, http://www.nezavisne.com/novosti/bih/Dodik-u-Milica-Gaju-Antifasizam-vlasnistvo-Srba/436453«.
3.
Ljubica Spaskovska, The Yugoslav Chronotope – Histories, Memories and the Future of Yugoslav Studies, in: Florian Bieber/Armina Galijaš/Rory Archer (Hrsg.), Debating the Dissolution of Yugoslavia, London 2014, S. 241–253, hier S. 241.
4.
Marko Simonović, Being a Yugoslav #1, o.D., http://www.philopolitics.org/being-a-yugoslav-1-marko-simonovic«.
5.
Dies soll keinesfalls implizieren, dass es sich um eine "ideale" Gesellschaft ohne soziale oder politische Spannungen handelte. Zum Umfang der sozialen Ungleichheiten und ökonomischen Missverhältnisse in mehreren Bereichen wie Bildung, Wohnraum und Tourismus in verschiedenen Regionen des sozialistischen Jugoslawiens vgl. etwa Igor Duda/Rory Archer/Paul Stubbs, Social Inequalities and Discontent in Yugoslav Socialism, London 2016.
6.
Tomaž Mastnak, Twenty Eight Years Later, Ljubljana 2017, S. 2.
7.
Vgl. Ljiljana Bukvić, Ne daju im da idu u toalet, teraju ih da nose pelene (Verbiete ihnen, zur Toilette zu gehen und zwinge sie, Windeln zu tragen), 27.4.2016, http://www.danas.rs/danasrs/ekonomija/_ne_daju_im_da_idu_u_toalet_teraju_ih_da_nose_pelene.4.html?news_id=319688«; Danas, Sloga: Tortura u Juri, radnicima savetuju da nose pelene (Gewerkschaft Sloga: Folter in Jura, Arbeiter sollen Windeln tragen), 28.4.2016, http://rs.n1info.com/a155764«; Južne Vesti, Olimpias: Toaleti za radnike ostaju zaključani (Toiletten bleiben für Arbeiter geschlossen), 14.9.2017, http://www.b92.net/biz/vesti/srbija.php?yyyy=2017&mm=09&dd=14&nav_id=1303499«; AP, Dosta je bilo: Obrenovac krši pravo građana na tajnost podataka o zdravlju (Genug: Obrenovac verletzt Recht auf Schutz von Gesundheitsdaten, 8.8.2016, http://www.novimagazin.rs/vesti/dosta-je-bilo-obrenovac-krsi-pravo-gradjana-na-tajnost-podataka-o-zdravlju«.
8.
Dedić (Anm. 1), S. 172.
9.
Siehe die Selbstbeschreibung des Projekts unter http://novi.uciteljneznalica.org«.
10.
Ebd.
11.
Vgl. etwa Dino Murtić, Post-Yugoslav Cinema: Towards a Cosmopolitan Imagining, London 2015; Gordana Crnković, Post-Yugoslav Literature and Film: Fires, Foundations, Flourishes, London–New York 2012; Dijana Jelača, Dislocated Screen Memory: Narrating Trauma in Post-Yugoslav Cinema, New York 2016.
12.
Vgl. etwa Sven Milekić, Rise of Yugo-Nostalgia "Reflects Contemporary Problems", 14.3.2017, http://www.balkaninsight.com/en/article/yugonostalgia-as-result-of-unfinished-nation-building-processes-03-14-2017«; "Yugo-Nostalgia" Is Widespread in Serbia and Bosnia – Survey, 26.5.2017, http://www.b92.net/eng/news/world.php?yyyy=2017&mm=05&dd=26&nav_id=101379«.
13.
Vgl. Dejan Kršić, Work in Progress, Radonja Leposavić (Hrsg.), VlasTito iskustvo Past Present, Belgrad 2004, S. 31.
14.
Vgl. Joakim Ekman/Jonas Linde, Communist Nostalgia and the Consolidation of Democracy in Central and Eastern Europe, in: Journal of Communist Studies and Transition Politics 3/2005, S. 354–374, hier S. 357.
15.
Primož Krašovec, (Yugo)Nostalgia, Atlas of Transformation, 2011, http://monumenttotransformation.org/atlas-of-transformation/html/n/nostalgia/yugonostalgia-primoz-krasovec.html«.
16.
Svetlana Slapšak, Jugonostalgija i smeh (Die Jugonostalgie und das Lachen), 13.12.2008, http://pescanik.net/jugonostalgija-i-smeh«.
17.
Vgl. Dominic Boyer, From Algos to Autonomos: Nostalgic Eastern Europe as Postimperial Mania, in: Maria Todorova/Zsuzsa Gille (Hrsg.), Post-Communist Nostalgia, New York–Oxford 2010, S. 17–28.
18.
Für eine detaillierte Erörterung vgl. Tanja Petrović, "When We Were Europe": Socialist Workers in Serbia and Their Nostalgic Narratives, in: Maria Todorova (Hrsg.), Remembering Communism: Genres of Representation, New York 2010, S. 127–153.
19.
Diesen Verlust der Handlungsmächtigkeit diskutieren auch Jessica Greenberg, On the Road to Normal: Negotiating Agency and State Sovereignty in Postsocialist Serbia, in: American Anthropologist 1/2011, S. 88–100; Maja Petrović Šteger, Parasecurity and Paratime in Serbia, in: Morten Axel Pedersen/Martin Holbraad (Hrsg.), Times of Security: Ethnographies of Fear, Protest and the Future, London 2013, S. 141–162.
20.
So Elisabeth Blackmar, Modernist Ruins, in: American Quarterly 2/2001, S. 324–339, hier S. 328.
21.
Boris Buden, Zone des Übergangs: Vom Ende des Postkommunismus, Frankfurt/M. 2009, S. 69.
22.
Blackmar (Anm. 20), S. 333.

Tanja Petrović

Zur Person

Tanja Petrović

ist promovierte Linguistin und Anthropologin und leitet das Institute of Culture and Memory Studies in Ljubljana, Slowenien. tanja.petrovic@zrc-sazu.si


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