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1.12.2017

Kleine mitteleuropäische Wald- und Forstgeschichte

Die Vereinten Nationen definieren eine Fläche ab einem halben Hektar als Wald, wenn sie zu mindestens zehn Prozent von Bäumen bestanden ist, die in winterkalten Gebieten mindestens drei, in Gebieten mit gemäßigtem Klima mindestens sieben Meter hoch wachsen. Bereits in einem solchen sehr lichten Wald bilden sich Ansätze eines Waldbinnenklimas heraus, das von ausgeglicheneren Temperaturen, geringerer Lichtintensität und höherer Luftfeuchtigkeit geprägt ist als das Offenland.[1] Ein solcher Gehölzbestand gilt als Forst, sobald eine Instanz diesen Wald und seine Nutzung plant und verändert. Forstliche Ziele können optimale Holzerträge, aber auch eine Verwilderung des Waldgebietes sein. Ein entsprechendes Ziel muss für einen Forst, nicht aber unbedingt für einen Wald definiert sein.

Den schriftlichen Quellen, auf die sich eine Erforschung der Wald- und Forstgeschichte in Mitteleuropa stützt, liegt nicht immer ein Verständnis von Wald zugrunde, das mit dem heutigen vergleichbar ist. Einige Merkmale eines Waldes bestehen von Natur aus, andere ergeben sich aus einer früheren oder gegenwärtigen Nutzung, und im Laufe der Zeit verändern sich die damit zusammenhängenden Vorstellungen und Interpretationen. Heute sind in einem Wald viel mehr Charakteristika durch menschliche Nutzung bestimmt als gemeinhin angenommen. Darauf soll in diesem Beitrag näher eingegangen werden.[2]

Natürliche Waldentwicklung



Schon vor einigen hundert Millionen Jahren gab es Wälder auf der Erde. So entstanden zum Beispiel vor mehr als 300 Millionen Jahren die Steinkohlewälder des Karbonzeitalters, in denen gewaltige Mengen an organischer Substanz produziert wurden: Baumstämme fielen nach ihrem Absterben in Sümpfe und kamen unter Sauerstoffabschluss. Dort blieb das Holz erhalten und entwickelte sich über die Jahrtausende zu Steinkohle. Je mehr Kohlenstoff auf diese Weise an der Erdoberfläche gespeichert wurde, desto sauerstoffreicher wurde die Atmosphäre. Denn sowohl der Kohlenstoff als auch der Sauerstoff stammen aus dem Kohlenstoffdioxid, das Pflanzen im Zuge der Fotosynthese zerlegen.

Seit dem 19. Jahrhundert sind immer wieder Lebensbilder von Wäldern aus erdgeschichtlich frühen Epochen gezeichnet worden, die den Eindruck vermitteln, als seien diese Wälder stabil gewesen. Es war aber charakteristisch für sie, dass sie sich unentwegt wandelten. Wälder waren nie völlig statische Ökosysteme, und zu keinem Zeitpunkt bestanden dort natürliche oder ökologische Gleichgewichte. Denn in den Ökosystemen verlief die Evolution der Organismen, die immer wieder neue Formen von Leben hervorbrachte. Hinzu kamen Klimaschwankungen, die sich ebenfalls auf die Wälder auswirkten. Im Laufe des Tertiärs, der erdgeschichtlichen Epoche vor dem Eiszeitalter, nahmen die Temperaturen in Mitteleuropa allmählich ab. Damals waren die dortigen Wälder erheblich artenreicher als heute und ähnelten denen anderer gemäßigter Zonen auf der Erde, etwa in Nordamerika und Ostasien.

Im Quartär, dem Eiszeitalter, kam es immer wieder zu erheblichen Klimaschwankungen. In mehreren Kaltphasen, den sogenannten Glazialen oder Eiszeiten, sanken die Jahresmitteltemperaturen um etwa zehn Grad, und alle Bäume im Gebiet nördlich der Alpen starben ab. Zurück blieb ein waldfreies Grasland, das manche Charakteristika einer Tundra, andere einer Steppe aufwies. Ein großer Teil des Wassers auf der Erde war im Eis festgelegt, das sich in Form riesiger Gletscher über weite Gebiete des Planeten erstreckte, sodass das Klima nicht nur erheblich kälter, sondern auch trockener wurde. Mitteleuropäische Baumarten gediehen in diesen Phasen nur noch südlich der Alpen in sogenannten Eiszeitrefugien am Mittelmeer. Diese waren jedoch so klein, dass nur wenige Bäume dort wachsen konnten. Mit der genetischen Vielfalt nahm die Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen ab. Während manche Baumarten wie die Buche oder die Eibe davon weniger betroffen waren und sich in den Warmphasen wieder ausbreiten konnten, starben viele Baumarten wie der Tulpenbaum, die Flügelnuss, der Mammutbaum und die Esskastanie aus und verschwanden aus der europäischen Flora.

Wälder und die Jäger der frühen Nacheiszeit



Auch in der letzten Eiszeit, die man in Norddeutschland Weichseleiszeit, im Süden Würmeiszeit nennt, gab es keine Wälder in Mitteleuropa. Vor etwa 20.000 Jahren hatte das Eis seine maximale Ausdehnung erreicht, vor rund 18.000 Jahren begannen die Temperaturen wieder zu steigen und das Eis abzuschmelzen. Einige Jahrtausende später breiteten sich wieder erste Wälder in Mitteleuropa aus, in denen sich zunächst Birken und Kiefern häuften. Doch anders als nach den vorangegangenen Kaltphasen verlief die Waldentwicklung in Mitteleuropa dieses Mal unter neuen Vorzeichen. Denn auch hier lebten nun Menschen, die sich vor allem von der Jagd auf Rentiere, Wildpferde und andere große Tiere ernährten. In manchen Jahreszeiten ergänzten sie ihren Speisezettel durch das Sammeln von Pflanzen und Pilzen.

Dass der Mensch durch die Jagd auf große Pflanzenfresser die Ausbreitung von Wald nach der letzten Eiszeit begünstigt hätte, ist immer wieder vermutet worden. Allerdings werden durch eine große Zahl an Huftieren mit ihren tief eingedrückten Hufspuren auch Plätze geschaffen, an denen sich Samen sammeln und später keimen können. Insgesamt wird der Einfluss von Tieren, Jägern und Jagd auf die Ausbreitung von Wald begrenzt gewesen sein, denn in den vorangegangenen Warmphasen, in denen es noch keine Jäger gegeben hatte, war sie zunächst sehr ähnlich verlaufen.

Die Ausbreitung von Bäumen hatte allerdings Folgen für die Menschen. Denn die Tiere, auf die sie Jagd gemacht hatten, wanderten nach Norden und Osten ab, als sich der Wald schloss. In einem dichten mitteleuropäischen Wald gibt es nur wenige Tiere zum Jagen und nicht das ganze Jahr über Pflanzen und Pilze zum Sammeln. Nur in der Nähe von Gewässern konnten Menschen dauerhaft überleben; sie fingen Fisch und erlegten Vögel. Die Jagdkultur änderte sich und mit ihr das verwendete Gerät. Die Ausbreitung von Wald nach der letzten Eiszeit und der Kulturwandel von der Altsteinzeit (Paläolithikum) zur Mittleren Steinzeit (Mesolithikum) fanden zur gleichen Zeit statt und sind in einem Zusammenhang zu sehen.

Die Waldentwicklung verlief dann bald anders als in vorangegangenen Nacheiszeiten: Vor knapp 10.000 Jahren wurden Haselbüsche in den mitteleuropäischen Wäldern häufig. Ihr Wachstum konnte zwar auch durch eine weitere Klimaverbesserung begünstigt worden sein, aber anders als bei Birken und Kiefern, deren Früchte vom Wind verweht werden, müssen die schweren Haselnüsse von Tieren oder Menschen verbreitet und in den Boden gedrückt werden, damit Haselbüsche wachsen können. Weil sich offenbar in kurzer Zeit im gesamten Gebiet zwischen den Alpen und weiten Teilen Skandinaviens Haselbüsche stark vermehrten, wird vermutet, dass Menschen die Nüsse verbreiteten, denn Haselnüsse sind nahrhaft und gut aufzubewahren.

Mitteleuropa wurde zum Laubwaldland. Im feuchten Klima der gemäßigten Zonen können Laubbäume aufgrund der ihnen eigenen Art des Wassertransports in den Stämmen schneller wachsen als Nadelbäume. Die Wasserleitbahnen der Nadelbäume haben alle ungefähr den gleichen (geringen) Durchmesser. Bei Laubbäumen gibt es zusätzliche deutlich größere Wasserleitbahnen, in denen mehr Wasser in die Baumwipfel geleitet wird, sodass besonders viel Fotosynthese betrieben werden kann. Daher konnten sich Eichen, Linden, Ulmen und Eschen leicht gegenüber den Kiefern durchsetzen.

In einigen Gebirgen, in denen die klimatischen Bedingungen weniger günstig waren, breiteten sich eher Nadelbäume aus, die Tanne vor allem in den Vogesen, im Schwarzwald, auf der südwestlichen Schwäbischen Alb und in den Alpen, später kamen auch einzelne Tannen in den Bayerischen Wald und in einige nordbayerische Mittelgebirge. In den östlichen Gebirgen breiteten sich mehr Fichten aus, in den Ostalpen, im Bayerischen Wald, in den nordbayerischen Mittelgebirgen, von denen eines bezeichnenderweise "Fichtelgebirge" heißt, im Thüringer Wald, im Erz- und Elbsandsteingebirge, schließlich im Harz. In der Rhön und weiter westlich gelegenen Mittelgebirgen kam es dagegen zu keiner natürlichen Ausbreitung von Fichten.


Erste Ackerbauern, erste Waldrodungen



Vor etwas mehr als 7.000 Jahren begann mit der Landwirtschaft, mit Ackerbau und Viehhaltung die Etablierung einer neuen Lebensweise in Mitteleuropa, die sich zuvor im Südwesten Asiens entwickelt hatte. Felder zum Anbau von Getreide und anderen Kulturpflanzen konnte es nur dort geben, wo zuvor der Wald beseitigt worden war. Die Menschen rodeten vor allem Eichen und andere Laubbäume, denn das haltbare Eichenholz eignete sich gut zum Bau von Häusern, und bauten auf dem so geschaffenen offenen Land Einkorn, Emmer, Gerste, Erbsen, Lein und andere Kulturpflanzen an. Rinder, Schafe und Ziegen wurden zum Weiden in die Wälder getrieben.

Allerdings gaben die Menschen häufig schon nach wenigen Jahrzehnten ihre Siedlungen wieder auf. Vielleicht ließen die Erträge auf den Feldern nach, wahrscheinlicher ist aber der Mangel an Holz als Grund für dieses Vorgehen. Auf dem verlassenen Gebiet der Siedlung und der zu ihr gehörenden Nutzflächen konnte sich erneut Wald ausbreiten. Zuerst überwucherte Gebüsch die Brachflächen, und die ersten Bäume, die in die Höhe wuchsen, waren die üblichen Pioniere neuen Waldes: Birken und Kiefern. Auch Eichen und andere Laubbäume wuchsen mit der Zeit wieder in die Höhe.

Dadurch, dass nicht überall stets geschlossene Wälder bestanden, sondern Wald auf Freiflächen neu entstand, wurde die Ausbreitung von weiteren Bäumen erleichtert. So kam in Mitteleuropa im Laufe der Jahrtausende, in denen stets neue Siedlungen gegründet und andere verlassen wurden, an immer mehr Orten auch die Buche auf. Auch die Ausbreitung der Hainbuche im Osten Mitteleuropas lässt sich darauf zurückführen; in den Westalpen und in weiten Teilen Skandinaviens breitete sich die Fichte aus.

Es zeigt sich also, dass die Interaktion zwischen Mensch und Wald die Waldgeschichte schon sehr früh und tief greifend beeinflusste. Die Prägung durch den Menschen scheint sogar stärker gewesen zu sein als die Auswirkungen von Klimaschwankungen. Denn Letztere hätten überall zur gleichen Zeit zu einer Veränderung der Wälder führen müssen. Die Ausbreitung der Buche aber nahm Jahrtausende in Anspruch, in denen es mal etwas wärmer, mal etwas kühler war. Die Waldveränderung hing also vor allem von der Inbesitznahme und Aufgabe von Flächen durch den Menschen ab.

Als im ersten Jahrtausend vor Christus mit der Eisenzeit immer mehr Holz benötigt wurde, um Erz zu schmelzen, stellte sich in vielen Gegenden eine dauerhafte Nutzung von Wäldern ein. Dies benachteiligte die Buche, die nicht so häufig wie etwa die Hainbuche, die Eiche, die Linde oder die Esche aus Baumstümpfen neu austreiben kann, sodass in ständig genutzten Wäldern Eichen und Hainbuchen zu den vorherrschenden Arten wurden.

Beständige Siedlungen, beständige Waldnutzung



Mit den Römern kam eine neue Lebensweise nach Mitteleuropa. Siedlungen und ihre Wirtschaftsflächen wurden in aller Regel nicht mehr verlagert und blieben nun dauerhaft bestehen. Wenn es an Korn, Holz oder anderen überlebenswichtigen Gütern mangelte, mussten Waren über ein Handelsnetz geliefert werden.

Gegenden, in denen schon diese neue Siedlungsweise bestand, grenzten nun an andere, in denen noch wie Jahrtausende zuvor Siedlungen gegründet und wieder aufgegeben wurden. Die Grenze war der Limes, die befestigte Grenze des Römischen Reiches, die quer durch Mitteleuropa verlief. Im römisch besiedelten Gebiet, wo die Wälder nun dauerhaft bewirtschaftet wurden, ging die Präsenz der Buche zurück. Nördlich des Limes, wo durch die Aufgabe von Siedlungen nach wie vor immer wieder neue Wälder entstehen konnten, breitete sich die Buche hingegen weiterhin aus.

Ebenso wenig wie es aus heutiger Sicht verständlich erscheint, dass in vorgeschichtlicher Zeit regelmäßig Siedlungen verlagert wurden, war dies auch für die römischen Zeitgenossen nachvollziehbar. Aus Sicht des römischen Historikers Tacitus, der als Erster ausführlich über die Germanen schrieb, lebten diese im Wald. Tacitus erwähnte zwar, dass die Germanen auch Ackerbauern waren, schrieb aber nicht, dass dafür Wald gerodet werden musste. Die Germanen lebten jedoch nicht in einem Wald, der einem heutigen Baumbestand entsprach. Denn sie waren auch Ackerbauern und trieben ihr Vieh in den Wald. Das führte dazu, dass einige Waldparzellen etwas lichter waren als andere. Eine dauerhaft fixierte Grenze zwischen Wald und Offenland gab es also nicht, sodass der damalige Wald ganz anders ausgesehen haben muss als der heutige mit seinen scharf gezogenen Waldrändern. Wie groß der Anteil von Waldflächen in der Zeit um Christi Geburt war, lässt sich also kaum sagen – auch nicht für die römisch besiedelten Flächen. Denn dort bestanden zwar dauerhaft bearbeitete Ackerflächen, aber keine abgegrenzten Viehweiden, und die Tiere wurden zur Weide weiterhin in den Wald getrieben.

Zu einer vollständigen Fixierung von Siedlungen in ganz Mitteleuropa kam es erst im Mittelalter. Damals hatte die Buche diejenigen Verbreitungsgrenzen im Südosten Englands, im Süden Skandinaviens und unmittelbar östlich der Weichselmündung erreicht, die heute noch bestehen und die aus rein ökologischer Sicht schwer zu verstehen sind. Danach breiteten sich in Europa keine Buchen mehr aus, und ihr Anteil ging mit der Zunahme der Nutzungsintensität von Wäldern in allen Gehölzen sogar zurück.

Um die ländlichen Siedlungen herum entstand eine Markung oder Kernflur mit den Flächen für den Ackerbau. Vielerorts wurde eine Dreifelderwirtschaft eingeführt. Jedes Feld wurde in schmale und lange Äcker aufgeteilt, die von der Bevölkerung eines Dorfes bewirtschaftet wurden. Festgelegt war deren Breite, aber oft nicht deren Länge; die Äcker erstreckten sich daher mehr oder weniger weit in das Umland hinein. Jeder Bauer hatte in jedem Feld mindestens einen Acker zu bewirtschaften. Auf den Feldern bestand Flurzwang, alle Bauern hatten also auf jedem Acker die gleiche Kulturpflanze anzubauen. Von Jahr zu Jahr wurde die angebaute Kulturpflanze gewechselt, sodass es auf den drei Feldern zu einer Rotation der angebauten Feldfrüchte kam. Auf dem einen Feld wuchs eine Winterfrucht heran, auf dem zweiten eine Sommerfrucht, und das dritte Feld lag brach.

Abgesehen davon, dass einzelne Äcker kürzer oder länger waren, bestand eine einigermaßen feste Außengrenze der Ackerflur, jenseits derer die Allmende, Gemeinheit oder Gemeine Mark lag, die von allen Bauern eines Dorfes gemeinsam sowohl als Viehweide als auch für die Gewinnung von Holz, Streu und anderen Ressourcen genutzt werden durfte. Allmenden lagen "draußen", also außerhalb der Feldmark, wie es auch in einem bekannten deutschen Volkslied heißt: "Schäfer, sag, wo tust du weiden? Draußen im Wald und auf der Heiden." Das Vieh musste auf dem Allmendland stets von einem Hirten beaufsichtigt werden, der die Herde zu den besten Weidegründen lenkte und verhinderte, dass die Tiere dorthin gelangten, wo Flächen gerade anderweitig genutzt werden sollten.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden von den Grundherren mehr und mehr Regelungen erlassen, in denen die Widersprüche zwischen den verschiedenen Nutzungen aufgehoben werden sollten. Wo Bäume in die Höhe wachsen sollten, konnte man nicht zugleich Tiere weiden lassen. In der Gemeinen Mark gab es keine Grenze zwischen Wald und Offenland, das wird auch in der Liedzeile über den Schäfer zum Ausdruck gebracht. Offenere und von Bäumen bestandene Bereiche gingen allmählich, ohne klaren Waldrand, ineinander über. Daher lässt sich ein mittelalterlicher Wald nicht mit einem späteren Wald vergleichen, und Angaben dazu, welche Flächen damals von Bäumen bestanden waren, können nur auf sehr groben Schätzungen basieren.

Wo die Wälder dauerhaft genutzt wurden, wurde die Buche seltener. Die Gehölzbestände, in denen Sekundärtriebe seitlich aus den Baumstümpfen in die Höhe wuchsen, wurden zu sogenannten Niederwäldern, die vom Erscheinungsbild her Gebüschen ähneln. Aus diesen wurde in kurzen Abständen von einigen Jahren immer wieder Brennholz geholt. Auch die Gewinnung von Holz zur Schmelze von Erzen oder Glas führte zur Bildung von Niederwäldern, es entstanden aber auch sogenannte Mittelwälder, in denen einzelne Stämme noch in die Höhe wachsen durften. Dort gab es zwei Schichten von Bäumen übereinander: einzelne hochwachsende Bäume, meistens Eichen, die zum Hausbau verwendet wurden, und darunter andere Gehölze, die für die Brennholzgewinnung wesentlich häufiger geschlagen wurden. Zum Teil ließ man Niederwälder allerdings auch durchwachsen: Die Baumstämme wurden dicker, und man konnte die krummen Sekundärtriebe anschließend als weiteres Bauholz schlagen. Dass diese Stämme nicht gerade gewachsen waren, bereitete kein Problem. Für den Bau von Fachwerkhäusern waren gerade gewachsene Stämme nicht zwingend nötig. Die einzelnen Gefache wurden nach der Konstruktion des Fachwerks mit Lehm, Getreidespreu oder anderem Material aufgefüllt.

Andere Häuser wurden dort gebaut, wo Nadelholz vorkam. Dort war es möglich, aus den gerade gewachsenen Nadelbaumstämmen massive Blockbauten zu errichten. Nadelwälder lassen sich nicht im Stockausschlagbetrieb bewirtschaften, denn Koniferen schlagen im Allgemeinen nicht wieder aus, wenn man sie einmal geschlagen hat. An der heutigen Verbreitung von Block- und Fachwerkbauten ist noch immer gut zu erkennen, wo schon vor Jahrhunderten Nadel- oder Laubbäume dominierten. Es gibt massive Blockbauten in den Alpen, im Schwarzwald, im Bayerischen Wald, im Harz. Auch in Ost- und Nordeuropa dominiert der Blockbau. In den anderen Gegenden Mittel- und Westeuropas sind dagegen vor allem Fachwerkbauten in den Dörfern und auch in den Städten vorherrschend.

Viele der neuen Städte, die im Laufe des Mittelalters gegründet wurden, hatten eigene Stadtwälder, mussten aber mit zusätzlichem Holz versorgt werden. Wenn eine Stadt dicht am Wasser lag, konnte das entweder durch Trift von Einzelstämmen oder durch Flößerei geschehen; dabei wurden mehrere nebeneinanderliegende Stämme zu einer Plattform verknüpft. Besonders gut ließ sich Nadelholz auf dem Wasser transportieren, denn es hat ein geringes spezifisches Gewicht und schwimmt auf dem Wasser. Das Flößen des schwereren Laubholzes war komplizierter, es war "senk", wie die Flößer sagten. Man musste leere Tonnen zwischen die Stämme binden, damit das Floß genügend Auftrieb hatte, oder abwechselnd Laub- und Nadelholzstämme aneinanderbinden.

Besonders viel Holz wurde in den Hafenstädten zum Schiffsbau gebraucht. Für den Bau der Schiffsrümpfe waren vor allem Eichen wichtig, deren sehr haltbares Holz eine große Menge an Gerbstoff enthält und eine recht lange Lebensdauer für Schiffe garantiert. Für die Beplankung der Decks und die Masten wurde hingegen eher das gerade gewachsene und leichtere Nadelholz verwendet, denn je geringer das Gewicht der Schiffe, desto wendiger waren sie und besser zu navigieren.

In Form von Flößen gelangte Holz aus den Alpen nach Venedig und in andere Städte Norditaliens. Aus dem Schwarzwald und den Vogesen kam vor allem Tannenholz bis in die Niederlande – besonders hochgewachsene Tannen werden im Schwarzwald noch immer als "Holländertannen" bezeichnet. Aus dem Fichtelgebirge wurden Fichten ebenfalls nach Holland transportiert. Weitere Nadelholzstämme gelangten aus Nordeuropa in die Niederlande; sie wurden im Schlepptau von Segelschiffen durch die Nordsee an ihre Bestimmungsorte gezogen. Über die Elbe wurde Hamburg mit Fichten aus dem Elbstandsteingebirge versorgt, Holz aus weiter östlich gelegenen Mittelgebirgen kam auf der Oder nach Stettin und auf der Weichsel nach Danzig. Bis noch vor einigen Jahrzehnten wurde auch in Skandinavien, Finnland und im Baltikum viel Nadelholz in die Hafenstädte an den Küsten geflößt.

Die Abnahme der Holzvorräte in den Wäldern beunruhigte immer mehr Menschen. Ob und wann es tatsächlich zu einem Holzmangel kam, ist eine viel diskutierte Frage, die sich nicht abschließend beantworten lässt. Heute bewegen uns sehr ähnliche Gedanken: Wir wissen zwar, dass einzelne Rohstoffe wie etwa Erdöl nur in begrenzter Menge vorhanden sind, können aber nicht sagen, wie viel noch gefördert werden kann. Ebenso wenig ließ sich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bestimmen, wie lange es noch genügend Holz geben würde. Aus Angst vor einem Holzmangel wurden die Bürger zahlreicher Städte verpflichtet, Bäume in der Nähe ihrer Wohnorte zu pflanzen, beispielsweise in Dortmund. Im Hoch- und Spätmittelalter wurden erstmals ganze Waldflächen aus Baumsaat aufgeforstet. Peter Stromer, ein Nürnberger Unternehmer, befasste sich 1368 erstmals mit dem "Tannensäen" in der Nähe seiner Heimatstadt. Diese Erfindung, bei der vor allem Kiefern eingesät wurden, machte Schule. Wenig später verfuhr man im Frankfurter Stadtwald und in vielen weiteren Gegenden Mitteleuropas in ähnlicher Weise und schuf auf diese Art künstliche Wälder.


Landreformen, Waldreformen



Zu umfassenden Landreformen, in deren Verlauf das komplette Landnutzungssystem umgestellt wurde, kam es erst ab dem späten 17. Jahrhundert. Vielerorts zogen sie sich bis ins 19. Jahrhundert hin. Sie waren nicht nur ökonomisch, sondern in vielerlei Hinsicht auch kulturell begründet.

Schon vor Beginn der Reformen wurde unter anderem in der sogenannten Hausväterliteratur zum sparsamen Umgang mit Holz und anderen Ressourcen aufgerufen. Dabei ging es auch um die Konstruktion besserer Öfen, etwa durch die Nutzung wärmeleitender Ofenkacheln. Zu jenen, die diese Art der Literatur erstmals herausgaben, gehörte auch Martin Luther.[3]

Die Reformation setzte sich unter anderem in mitteleuropäischen Bergbauregionen besonders gut durch, im Mansfeldischen am Ostrand des Harzes, im Westharz und seinem Umland, im sächsischen Erzgebirge. Dies waren auch die Regionen, in denen besonders viel Holz gebraucht wurde, um die Schmelzöfen zu befeuern, und man daher seit dem späten 17., vor allem aber zu Beginn des 18. Jahrhunderts erstmals für eine nachhaltige Waldnutzung eintrat.

1680 wurden Wälder im Harz inventarisiert,[4] und 1713 schrieb der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der im sächsischen Erzgebirge für den Betrieb der Erzgruben zuständig war, in seiner "Sylvicultura oeconomica" über das Prinzip der nachhaltigen Nutzung von Wäldern. Offensichtlich machte er sich weniger Sorgen um die Zukunft der Bergwerke, die ihm unterstellt waren, als um die Nachlieferung von Holz, das damals noch der einzige Rohstoff war, mit dem sich Erz oder Glas schmelzen ließen. Carlowitz unterstrich seine Forderung, Wälder zu schützen oder sogar neu aufzubauen, mit einem Hinweis auf die "Germania" des Tacitus. Die alten Wälder sollten wiederhergestellt werden. Carlowitz mag davon ausgegangen sein, dass sich mit diesem historischen Zitat seine Forderung besser bekräftigen ließ als mit dem Hinweis auf einen aktuell drohenden Holzmangel bei der Verhüttung von Erzen.

Zwischen den Bergbauregionen gab es zahlreiche Kontakte. Auch Methoden des Umgangs mit Wäldern gelangten rasch von einer Bergbauregion in die andere. Aber eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ließ sich nur dort durchsetzen, wo keine Tiere mehr zur Weide in die Wälder getrieben wurden. Deswegen wurde nun eine klare Nutzungsgrenze zwischen Wald und Offenland gezogen. Die waldfrei bleibenden Gemeinheitsflächen wurden unter den Berechtigten aufgeteilt und ebenso wie die verkoppelten Ackerländer mit Hecken oder Wallhecken umzogen. Dort konnte die arme Landbevölkerung nun Holz schlagen, was ihr im eigentlichen Wald verwehrt war, wo nun allein der Grundherr und sein Förster über den Einschlag von Holz bestimmten.

Bei der Neueinteilung des Landes wurden in vielen Fällen ehemalige Ackerflächen in Wald überführt. Dort sind heute noch Reste von schmalen Wölb- oder Hochackerbeeten unter Wald zu finden. Zu dieser Transformation kam es vor allem dort, wo die Böden nur wenige Mineralstoffe enthielten, sodass die Erträge an Ackerfrüchten gering waren. So wurde der sich nun herausbildende scharfe Waldrand zwischen Gehölz und Offenland auch zur Grenze zwischen den Einflussbereichen von Land- und Forstwirtschaft. Erst diese Waldgrenze ließ sich in Landkarten gut eintragen. Wie sich aber die Größen der Waldflächen und die Holzvorräte in den Wäldern im Zeitalter der Reformen veränderten, lässt sich kaum sagen, denn die Waldbilder vor und nach den Landreformen unterschieden sich erheblich.

Die umfassenden Landreformen des 17. bis 19. Jahrhunderts wurden zu großen Teilen von den Grundherren oder den Fürsten durchgesetzt.[5] Obwohl sich die Landschaft dadurch von Grund auf veränderte, protestierte die Bevölkerung nicht. Dazu mag beigetragen haben, dass im Zuge der Landreformen versucht wurde, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden. Nicht nur bessere Nutzungsmöglichkeiten waren das Ziel, sondern auch eine Verschönerung der Landschaft, etwa durch die Pflanzung dekorativer Bäume und Hecken.

Kulturelle Argumente trugen ihren Teil zur Akzeptanz der Reformen bei. Denn zunehmend galt der Wald als fest mit allem Deutschen verbunden.[6] Immer wieder spielte dabei Tacitus und seine Darstellung des germanischen Waldes eine Rolle. Heinrich von Kleist und andere Literaten beriefen sich darauf, wenn sie darüber schrieben, wie die Germanen in der Zeit um Christi Geburt in "ihren" Wäldern gelebt hatten: Der Wald war eine wichtige wirtschaftliche Ressource, aber er bot auch Schutz. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts forderte Friedrich Ludwig Jahn, "Turnvater" Jahn, die Aufforstung von Wäldern an den Grenzen zu Frankreich. Man sagte den Franzosen nach, dass sie keinen so intensiven Bezug zum Wald hatten wie die Deutschen. Sollten sich die Franzosen in den aufgeforsteten deutschen Wäldern gewissermaßen verlaufen? Eine solche Szene malte der Künstler Caspar David Friedrich nach der "Völkerschlacht" bei Leipzig 1813, die Napoleons Truppen verloren hatten: Der "Chasseur im Walde", ein eigentlich berittener französischer Soldat, läuft durch einen dichten Wald (Seite 11); dabei handelt es sich interessanterweise um einen aufgeforsteten Fichtenwald, also einen künstlich aufgebauten Bestand. Zur gleichen Zeit erschienen auch die von Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten und herausgegebenen Kinder- und Hausmärchen, in denen der Wald eine besonders wichtige Rolle spielt.

Angst vor dem Waldsterben



Ab dem 17., besonders aber im 18. Jahrhundert brachten Forschungsreisende zahlreiche Bäume aus anderen Kontinenten nach Europa, vor allem aus Nordamerika und Ostasien.[7] Darunter waren der Tulpenbaum, die Sumpfzypresse, die Magnolie und der Mammutbaum. Sie wurden zuerst in Parkanlagen angepflanzt, und es herrschte allgemeine Verwunderung darüber, wie gut sie gediehen. Dabei waren diese Baumarten vor dem Eiszeitalter in Mitteleuropa vorgekommen, hier allerdings ausgestorben, während sie auf den anderen Kontinenten die Zeit überdauern konnten. Dort gab es nicht nur eng begrenzte Eiszeitrefugien wie am Mittelmeer, sondern auch keine Alpen, die die Ausbreitungswege für Pflanzen versperrten. Nun aber ließen sich beispielsweise Zuckerahorn, Robinie und Weißesche als Symbole für die Freiheit Amerikas in europäischen Parks pflanzen,[8] und einige davon verwendete man bei der Aufforstung von Ländereien. Vielerorts entstanden aber vor allem ausgedehnte Fichtenforste, tatsächlich im deutschen Grenzgebiet zu Frankreich, etwa in der Pfalz und in der Eifel, wo die Fichte natürlicherweise nicht heimisch ist.

Zur gleichen Zeit nahm der Nutzungsdruck auf die Wälder ab. Das lag an der immer häufigeren Verwendung von Dampfmaschinen, etwa im Bergbau zum Betrieb großer Aufzüge oder der Bewetterungsanlagen in tiefen Schächten. Der Kohlebergbau konnte erheblich ausgeweitet werden, und Kohle, die sich mit der Eisenbahn auch weit über Land transportieren ließ, entwickelte sich zum wichtigsten Brennstoff. Die mitteleuropäischen Waldflächen nahmen seither insgesamt wieder zu, immer wieder unterbrochen von Rückschlägen vor allem rund um die Weltkriege.

Die Angst, der Wald könnte erneut übernutzt und zerstört werden, blieb jedoch vor allem in Deutschland bestehen. Dort bemerkte man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein vermehrtes Absterben von Bäumen. Dieses "Waldsterben" wurde auf den sogenannten sauren Regen zurückgeführt, der geringe Mengen an Schwefel- und schwefliger Säure, Salpeter- und salpetriger Säure enthält, die bei der Verbrennung von Kohle und Erdöl freigesetzt werden und Blätter und Wurzeln von Pflanzen schädigen. Die Angst um die Zukunft der Wälder war in Deutschland so groß, dass zahlreiche Filter in Verbrennungsanlagen und Katalysatoren in Autos eingebaut wurden, sodass sich die Qualität der Luft innerhalb weniger Jahre verbesserte und auch wieder weniger Bäume abstarben. Mittlerweile haben umfassende Forschungsprojekte gezeigt, dass das Waldsterben nicht nur mit dem sauren Regen zusammenhing. Doch an der Sorge um den Wald zeigte sich das besondere Verhältnis der Deutschen zu "ihrem" Wald. Dazu führten unter anderem ökonomische Gründe, vor allem aber Ideen und Geschichten, die stärker wirkten und wirken als wirtschaftliche oder ökologische Begründungen für den Schutz der Wälder.
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Autor: Hansjörg Küster für Informationen zur politischen Bildung/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Was ist Wald?, o.D., http://www.sdw.de/waldwissen/oekosystem-wald/was-ist-wald/index.html«.
2.
Für detailliertere Ausführungen und weiterführende Literaturangaben vgl. im Folgenden Hansjörg Küster, Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, München 2008.
3.
Vgl. Gotthardt Frühsorge, Luthers Kleiner Katechismus und die "Hausväterliteratur", in: Pastoraltheologie 73/1984, S. 380–393.
4.
Vgl. Brage bei der Wieden/Thomas Böckmann, Atlas vom Kommunionharz in historischen Abrissen von 1680 und aktuellen Forstkarten, Hannover 2010.
5.
Vgl. hierzu Bernd Weyergraf (Hrsg.), Waldungen. Die Deutschen und ihr Wald, Berlin 1987.
6.
Siehe dazu auch den Beitrag von Johannes Zechner in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Vgl. Jörgen Ringenberg/Cordelia Stieler/Ludwig Trauzettel, Dendrologischer Atlas der Wörlitzer Anlagen, Hamburg–Wörlitz 2001.
8.
Vgl. Friedrich Heinrich Mayer, Abhandlung von dem Verfall der Waldungen und deren Wiederherstellung, Stuttgart 1780.

Hansjörg Küster

Zur Person

Hansjörg Küster

ist Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik der Leibniz-Universität Hannover. kuester@geobotanik.uni-hannover.de


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