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15.12.2017

Raum ohne Ort? Meere in der Geschichtsforschung

"Where are your monuments?", fragt der Schriftsteller Derek Walcott das Meer in seinem Gedicht "The Sea Is History". Das Meer schweigt, Walcott gibt selbst die Antwort: "The sea has locked them up."[1] In den Wracks versunkener Schiffe, Boote und Flugzeuge materialisiert sich die Geschichtlichkeit mariner Räume, ebenso in Seekabeln oder künstlichen Riffs. An der Seite solcher Überreste finden sich seit einigen Jahren die artefaktischen Resultate von Bestrebungen, in den Meeren Museums-, Kunst- und Archivräume zu schaffen: Im Schwarzen Meer etwa haben ukrainische Taucher ab 1992 dutzende Büsten sozialistischer Größen versenkt – und so ein Unterwasser-Pantheon der zerfallenen Sowjetunion entstehen lassen. Vor Grenada, Cancún, Lanzarote und den Bahamas baut der britische Künstler Jason deCaires Taylor seit 2006 submarine Skulpturenparks, die das Verhältnis des Menschen zu seiner meeresökologischen Umwelt thematisieren.

Spuren von Vergangenheit offenbaren auch die Oberflächen der Meere. Als vergegenständlichte Zeugnisse menschlicher Arbeit erheben sich von ihnen etwa die skelettartigen Ruinen aufgegebener Bohrplattformen oder Seebrücken. Auch zeigen Besuche von Veteranengruppen an Schauplätzen einstiger Seeschlachten, dass sich kollektive Erinnerung selbst an die unbebaute Meeresoberfläche zurückbinden lässt.

Und dennoch: Die Zahl der realen wie imaginären Orte, an denen Vergangenheit zu Raum geronnen ist,[2] bleibt in marinen Seeschaften hinter der in kontinentalen Landschaften zurück. Jede Stadt offenbart in ihrer baulichen Gestalt zeitliche und kulturelle Schichten. Jeder Acker kann über den agrarischen Wandel vergangener Zeiten Auskunft geben. Jeder Baum, jede Bank, jede Wiese vermag einen Menschen an intime Erlebnisse seiner individuellen Lebensgeschichte zu erinnern. Und die Meere? Auf ihnen gab und gibt es Grenzen, aber keine Zäune; Verkehr, aber keine Straßen; Kriege, aber keine Gräber. Gemessen an der Ortsfülle des Landes trägt die See nur wenige Spuren des Vergangenen. In der Retrospektive wirkt das historische Geschehen auf den Meeren dem Gebiet seines Entspringens auf seltsame Weise entrückt. Ein Raum ohne Ort, so scheint es fast.

In verflüssigter Umgebung mangelt es an verfestigten Orten, an Wissensspeichern und Erinnerungszeichen, von denen Geschichtserzählungen ihren Ausgang nehmen können. Welche Wege beschreitet die Geschichtsforschung, um in Anbetracht dieser Herausforderungen die Meere als historische Räume zu fassen? Wo liegt der historische Ort des Ozeans?

Arenen und Verkehrswege



Mit den Meeren haben sich Historiker schon in der Frühphase der Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung befasst. Anfang des 19. Jahrhunderts aber beschränkte sich ihr Interesse auf wenige Bereiche des historischen Geschehens zur See, vor allem auf den militärischen: Unter dem Eindruck der Napoleonischen Kriege (1792–1815) entstanden vor allem in Großbritannien und Frankreich ab den 1820er Jahren oft mehrbändige Abhandlungen über die Seeschlachten der zurückliegenden Jahrzehnte und ihre Hauptprotagonisten.[3] So besehen erschien der Meeresraum als weitere Arena des Ringens zwischen Völkern, Staaten und "großen Männern", in dem man seinerzeit die eigentliche Geschichte zu erkennen meinte.

Die Beschäftigung mit dem Maritimen weitete sich in der zweiten Jahrhunderthälfte auf zivile Bereiche der Seefahrt aus, etwa auf die Handelsschifffahrt und den Walfang.[4] In der dabei vorherrschenden (national)ökonomischen Betrachtung galten die Meere zuvorderst als Wirtschaftsräume und Verkehrswege. Stärker als in der Marinegeschichtsschreibung schien so die verbindende Dimension des Meeresraums auf, wie sie Immanuel Kant in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) prominent herausgestellt hatte.

Indes verhalfen die geopolitischen Rivalitäten des hochimperialistischen Zeitalters der Geschichtsschreibung über Seemächte und Seekriege ab etwa 1890 zu einem neuerlichen Popularitätsschub. Untersuchungen über Flottenpolitik und Taktikentwicklung galten den politischen und militärischen Eliten Europas und der Vereinigten Staaten als wertvolle Ratgeber; am Vorabend des Ersten Weltkrieges zählten manche Marinehistoriker zu den einflussreichsten Intellektuellen ihrer Zeit.[5]

Weil aber das Geschehen auf See im Weltkrieg entgegen verbreiteter Erwartungen keine entscheidende Rolle spielte, mehrten sich nach 1918 die Zweifel am Anwendungsnutzen der Marinegeschichtsschreibung. Zugleich sahen sich Marinehistoriker alter Schule mit neuen Ansätzen des Zugriffs auf ihre Themen konfrontiert. In Deutschland etwa analysierte Eckart Kehr die wilhelminische Flottenpolitik als imperiales, von Kapitalinteressen durchwirktes Projekt. In den Vereinigten Staaten reüssierte Elmo Hohman mit einer sozialhistorischen Untersuchung über Arbeitsbedingungen einfacher Seeleute.[6] Zwar fanden Studien über Seeschlachten, Marinestrategien und bedeutende Offiziere weiterhin ihr Publikum – und finden es bis heute. Doch ihre Verfasser handelten sich mehr und mehr den Ruf detailversessener Kanonenzähler ein, die über den Tellerrand ihres Spezialgebiets hinaus wenig über die eigentliche Geschichte zu sagen hätten.

Das freilich hing auch mit einem Wandel des Verständnisses davon zusammen, was Geschichte ausmacht. In Frankreich entwarfen Historiker ab den 1920er Jahren das ambitionierte Programm einer Histoire totale: Die bis dahin isoliert voneinander beforschte Politik-, Militär-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte sollte in ganzheitliche Großanalysen zusammengeführt werden. In diesem Sinne untersuchte Fernand Braudel in seinem 1949 erschienenen Hauptwerk über die mediterrane Welt des 16. Jahrhunderts das Mittelmeer als Kristallisationsraum politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Strukturveränderungen. Anders als in Studien zur Marinegeschichte und zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Seefahrt begriff Braudel das Meer nicht als Behältnis, in das sich vom Land ausgehende Vorgänge gewissermaßen verlängerten. Vielmehr galt es ihm als geohistorisches Bedingungsgefüge, auf das Menschen ihr Handeln orientierten und das die Geschichte seinerseits umfassend prägte.[7]


Netzwerke und Welten



Nicht nur diese Perspektivierung des Meeres sollte sich als wegbereitend erweisen. Auch die sie überwölbende Idee, die Ursprünge historischer Prozesse in transmaritimen Bewegungen und Beziehungen und mithin im transitären Dazwischen zu suchen – anstatt von einer territorialen Verwurzelung auszugehen –, inspiriert die Geschichtsforschung bis heute.

Nicht wenige der an Braudels Mittelmeerwelt orientierten Untersuchungen befassen sich ebenfalls mit Nebenmeeren, etwa mit der Ostsee oder dem Schwarzen Meer.[8] Bereits 1959 aber konturierte der US-amerikanische Historiker Robert Palmer auch einen der Ozeane als Geschichtsraum: Die demokratischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts analysierte er als atlantisches Phänomen.[9] Diese und daran anknüpfende Beschwörungen des Atlantiks als historisches Band[10] standen zunächst unverkennbar im Zeichen des Kalten Krieges. Häufig auf den britisch-imperial geprägten Nordatlantik und ideengeschichtliche Fragen verengt, ließen sie sich unschwer als traditionsbildende Rechtfertigungserzählungen für das Konzept einer westlichen Wertegemeinschaft lesen.

Bald jedoch löste sich die Geschichtsschreibung zum Atlantik aus ihrem ideologischen Entstehungszusammenhang. Studien über die atlantischen Imperien der iberischen Seemächte[11] und die transmaritimen Beziehungen afrikanischer und lateinamerikanischer Gesellschaften erweiterten das Forschungsfeld nicht nur regional, sondern auch thematisch – unter anderem um religions- und migrationsgeschichtliche Aspekte.[12] Überdies bildete sich seit Ende der 1960er Jahre ein Forschungszweig zum atlantischen Sklavenhandel heraus,[13] dessen Einsichten in raumsystemische Zusammenhänge auch Studien zum Atlantikhandel etwa mit Zucker, Mais oder Tabak befruchtet haben.[14]

Parallel zu diesen Entwicklungen versuchten Historiker, auch den Widerstand gegen die beschriebenen westlichen Ordnungsmodelle atlantisch herzuleiten. 1986 identifizierte Julius Sherrard Scott die Kommunikation unter Seeleuten, Hafenarbeitern und weiteren Subalternen als entscheidenden Faktor dafür, dass sich Nachrichten über soziale Unruhen in der Zeit der Haitianischen Revolution in Windeseile über das Karibische Meer verbreiteten.[15] In Erweiterung dieser Perspektive legten Peter Linebaugh und Marcus Rediker 14 Jahre später den imposanten Entwurf einer "Geschichte des revolutionären Atlantiks" vor. Geteilte Erfahrungen und Motive vereinten demnach verschiedene Gruppen von Besitzlosen über das Meer hinweg zu einem atlantischen Proletariat, das im 17. und 18. Jahrhundert als Antagonist zur Formierung der kapitalistischen Weltwirtschaft auftrat.[16]

Betrachtungen der übrigen Weltmeere als Geschichtsräume ließen nicht lange auf sich warten. Bereits 1961 reüssierte der mauritische Archivar Auguste Toussaint mit einer Geschichte des Indischen Ozeans.[17] Daran anknüpfend und den Ansatz von Braudel erweiternd analysierte der indische Historiker Kirti Chaudhuri in den 1980er Jahren die Welt des Indischen Ozeans als ein räumliches System, in dem über Jahrhunderte gewachsene, durch die Monsunwinde rhythmisierte Fernhandelsbeziehungen weitreichende migratorische, religiöse und kulturelle Verflechtungen hervorgebracht haben.[18] Manche Gesellschaften, die weit entfernt voneinander am und mit dem afro-asiatischen Meer lebten, verband oft mehr untereinander als mit benachbarten Gesellschaften im Landesinnern. Von dieser Beobachtung her haben Historiker des Indischen Ozeans die "litorale Gesellschaft" (Küstengesellschaft) als spezifischen Typus historischer Gesellschaften konzeptualisiert.[19] Fragen nach der Übertragbarkeit dieses Ansatzes, den distinktiven Merkmalen des Indiks und seiner Stellung im globalen Zusammenhang haben viele weitere Studien angeregt.[20]

Ebenfalls in den 1960er Jahren avancierte der Pazifik zum Gegenstand der Geschichtsschreibung.[21] Unter dem Eindruck der zeitgleichen Unabhängigkeitswerdung weiter Teile der ozeanischen Inselwelt orientierten sich dahingehende Studien früh an postkolonialen Theorie- und Kritikansätzen. Ein in Canberra begründeter Forschungsstrang legte das Hauptgewicht auf das Handlungsvermögen indigener Inselgesellschaften; schulenbildende Kontroversen entbrannten um die Gewichtung der europäischen Kolonialpräsenz und um die Erklärung der Tötung des Seefahrers James Cook 1779 auf Hawaii.[22] Neben sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Untersuchungen, die meist auf Inseln fokussierten, entstanden bald auch kulturgeschichtliche Studien.[23] Diese griffen nicht nur die selbstreflexiven Ansätze der Kultur- und Sozialanthropologie auf, sondern konzeptualisierten auch Schiffe und Strände als spezifische Typen historischer Kontaktzonen.[24] Nicht zufällig finden sich unter den Vordenkern der historisch-anthropologischen Strömung der Geschichtsforschung manche Historiker des Pazifiks.[25]


Gegenräume und Eigenwelten



Die in der Historiografie zum Pazifik früh beobachtbare Polarisierung zwischen einer empirisch ausgerichteten Sozialgeschichtsforschung und einer hermeneutisch orientierten Kulturgeschichtsforschung entwickelte sich in den 1980er Jahren zu einem zentralen Spannungsfeld innerhalb der Geschichtswissenschaft. Wahlweise in Opposition oder Ergänzung zu der Tendenz, maritime Welten und Netzwerke den Panoramaperspektiven sozialhistorischer Großentwürfe einzuverleiben, erkundeten Historiker – und immer häufiger auch Historikerinnen – den Geschichtsraum Meer verstärkt in kultur-, alltags- und mikrogeschichtlichen Betrachtungen.

In einer Kulturgeschichte der Küste zeigte Alain Corbin 1988, wie sich in Europa der lange als bedrohlich gefürchtete Grenzraum zwischen Land und Meer im Zuge von Aufklärung und Romantik in einen Sehnsuchtsort verwandelte. Wie die neuzeitliche "Meereslust" über die Ebene populärer Imaginationen hinaus die materielle Gestalt von Küsten verändert hat, legte der Landschaftshistoriker John Stilgoe am Fall Neuenglands eindrucksvoll dar.[26] Untersuchungen, die Meeres- und Küstenräume in Anlehnung daran als Projektionsflächen für Phantasien, Wünsche und Emotionen in den Blick nehmen, können sich auf eine Überlegung von Michel Foucault stützen. Schon in den 1960er Jahren hatte der französische Philosoph die Bedeutung der neuzeitlichen Seefahrt als "Reservoir für die Phantasie" herausgestellt und Schiffe als idealtypisches Beispiel für sein Konzept der "Heterotopien" benannt: randständige Orte, die in einer Gesellschaft als normabweichend gelten und sich deshalb in besonderem Maße eignen, Illusionen einer anderen Wirklichkeit anzuregen.[27]

Einen kulturgeschichtlichen Zugriff auf das Meer, der dieses in ähnlicher Weise als Gegenraum begreift, legte 1993 der britische Soziologe Paul Gilroy vor. In seiner Studie über die Herausbildung der Schwarzen Diaspora in der Folge des Sklavenhandels konzipierte er den Atlantik als Entstehungsraum einer Gegenkultur zur westlichen Moderne.[28] Gilroys "Black Atlantic" begründete einen Forschungszweig zur Geschichte afro-atlantischer Selbstverständigung und inspirierte weitere Diasporastudien, etwa über die Iren in der Atlantischen Welt ("Green Atlantic").[29] In seiner großen Frage- und Beobachtungsreichweite steht Gilroys Ansatz den sozialhistorischen Studien über die Welten der Weltmeere durchaus nahe. Als lohnender Weg, kultur- und sozialgeschichtliche Perspektiven zusammenzuführen, sollte sich indes das mikrogeschichtliche Verfahren erweisen. So hat der australische Historiker Greg Dening in einer Studie über die berühmt gewordene Meuterei auf der "Bounty" 1789 im Südpazifik das Schiff als eine Bühne metaphorisiert, auf der sich neuzeitliche Sozialpraktiken und Kulturtechniken in nuce studieren lassen.[30]

Das in den 1980er Jahren zunehmende Forschungsinteresse an Schiffen – in Deutschland als "Schifffahrtsgeschichte" gefasst – speiste sich auch aus aufsehenerregenden Funden der Unterwasserarchäologie, Nachbauten historischer Wasserfahrzeuge und außerwissenschaftlichen Impulsen wie der Präsenz maritimer Sujets in der Populärkultur. Im Zusammenspiel mit der Restaurierung historischer Segel- und Dampfschiffe in einer wachsenden Zahl maritimer Museen erfuhren zugleich die Technik- und Wirtschaftsgeschichte der Seefahrt einen Aufschwung.[31]

Aus der Beschäftigung damit kam 1986 der Anstoß für die Gründung einer internationalen Maritime Economic History Group, aus der die heutige International Maritime History Association hervorging. Um die Vereinigung und ihre Zeitschrift, das "International Journal of Maritime History", formierte sich eine neuartige Forschungsrichtung, die maritime Geschichte. Ihr geht es gewissermaßen um Spezialisierung ohne Verengung: Mit der Marinegeschichtsschreibung verbindet sie der Anspruch, das meeresbezogene historische Geschehen in seinen spezifischen Eigenheiten zu durchdringen – anstatt die Meere bloß ergänzend in sozial- oder kulturgeschichtliche Großerzählungen zu integrieren. Anders aber als die klassische Marinegeschichte bietet die maritime Geschichte eine breite thematische Offenheit. Zu ihren Dauerthemen zählen der Arbeits- und Lebensalltag auf Schiffen, meeresbezogene Gesetzgebungen und Rechtsordnungen, Schifffahrtsunternehmen, Hafen- und Transportinfrastrukturen sowie die Geschlechterkultur der Seefahrt – letztere popularisiert etwa durch die britische Historikerin Jo Stanley.[32] Jüngere Forschungszweige befassen sich mit der Geschichte von Tauchen und Surfen, von Yachtsport und Kreuzfahrttourismus, vom Lesen und Schreiben an Bord, von Schiffstieren, Meeresgöttern, Musikkulturen – die Liste ließe sich schier endlos fortführen.


Akteure und Lebensräume



Obschon manche Forschungsstränge und Zugangsweisen noch gar nicht genannt sind – etwa aus der Umweltgeschichte oder der Alten und Mittelalterlichen Geschichte –, zeigt sich deutlich: Trotz ihrer relativen Ortsarmut entziehen sich die Meere dem Zugriff der Geschichtswissenschaft keineswegs. Den einen historischen Ort des Ozeans gibt es indes nicht, vielmehr scheinen sich die Perspektiven auf den Geschichtsraum Meer beständig zu vervielfältigen und auszudifferenzieren.

Und heute? Unter den in jüngster Zeit erstarkten Forschungsbereichen erkennt gerade die Globalgeschichte den Meeren eine eminente Bedeutung zu – resultierten doch Prozesse globaler Interaktion und Integration für den längsten Teil der Geschichte aus transmaritimen Bewegungen.[33] Globalgeschichtliche Untersuchungen, die in Anlehnung an Verfahren der mobilen Ethnografie den Bewegungen von Menschen, Objekten oder etwa Metaphern folgen,[34] vermögen die Meere aus dem Containerraum-Denken zu lösen, das manche Forschungen etwa zur atlantischen Geschichte noch immer durchwirkt. Allerdings durchdringen auch die globalhistorischen Studien die maritime Dimension ihrer Themen unterschiedlich tief. Durch den Rückgriff auf Einsichten der maritimen Geschichte gelangen manche frische Perspektiven auf das Gewordensein der globalisierten Gegenwart.[35] Viele Untersuchungen aber bringen die Meere kaum als distinktive Geschichtsräume zur Geltung. Der Schifffahrts- und Fischereihistoriker Ingo Heidbrink spricht von dieser Leerstelle als dem "blauen Loch" der Globalgeschichtsforschung; zu ihren Ursachen zählt er einen Mangel an meereskundlichem Wissen unter Historikerinnen und Historikern.[36]

Unterzieht man jenes meereskundliche Wissen seinerseits einer Historisierung, so erweitert sich der Blick auf den Geschichtsraum Meer um zusätzliche Facetten. Die Geschichte der wissenschaftlichen Exploration des Antarktischen Ozeans etwa offenbart, dass dieser den Forschenden eine Fülle von Antizipations- und Anpassungshandlungen abverlangte – vom Bau geeigneter Schiffe über die Konstruktion passender Instrumente bis hin zur Entwicklung angemessener Verfahren der Datenerhebung.[37] Studien zur Wissensgeschichte, einem derzeit ebenfalls stark beforschten Feld, legen es angesichts solcher Prägekräfte nahe, die Meere ihrerseits als Akteure in historischen Prozessen zu begreifen.[38]

Dazu kann die Wissensgeschichte – und nicht nur sie – an Ideen von Bruno Latour anknüpfen. Der französische Soziologe hat die soziale Welt als ein Netzwerk konzipiert, das auch Dinge und Tiere agierend ausgestalten.[39] Auf die Meere gewendet lässt sich das Handlungsvermögen nichtmenschlicher Entitäten etwa an der Geschichte des Walfangs zeigen: Indem Wale in ihrem Wanderungsverhalten die Routen ihrer Jäger maßgeblich vorbestimmten, gestalteten sie die ab Mitte des 18. Jahrhunderts global dimensionierte Topografie des Walfangs ihrerseits mit. Einen mittelbaren Anteil hatten die Tiere folglich auch am Provianthandel der Walfänger mit Küstengesellschaften, von denen manche dadurch erst in maritime Interaktionsnetze eingebunden wurden.[40]

Am Thema des Walfangs erweist sich zuletzt exemplarisch, wie die Geschichtsforschung über die Meere durch die Erweiterung ihrer Themen und Herangehensweisen ein vielversprechendes Potenzial für die inner- und interdisziplinäre Zusammenarbeit aufgebaut hat. So haben Forscherinnen und Forscher aus der Geschichtswissenschaft und der Meeresbiologie von 2000 bis 2010 gemeinsam Logbücher nordamerikanischer Walfänger ausgewertet, um Einsichten in die historischen Bestandsgrößen und Migrationswege von Walpopulationen zu gewinnen.[41] Ähnlich angelegte Kooperationsprojekte nutzen die auf Schiffen geführten Wetteraufzeichnungen, um historischen Klimaveränderungen nachzuspüren.[42] Im Zeichen des Klimawandels und der fortschreitenden Zerstörung mariner Lebensräume scheint die meeresbezogene Geschichtsforschung auch wieder unter Anwendungsgesichtspunkten gefragt zu sein. Der Marinegeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ist sie damit näher gerückt, als ihre Vertreterinnen und Vertreter es selbst wohl erwartet hätten.
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Autor: Felix Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Derek Walcott, Selected Poems, New York 2007, S. 137.
2.
Zur Idee der raumgewordenen Vergangenheit siehe Walter Benjamin, Das Passagen Werk, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt/M. 1982, S. 1041.
3.
Prominente Vertreter der ersten Generation von Marinehistorikern sind etwa Edward Pelham Brenton, Charles Cunat, Alberto Guglielmotti und William James.
4.
Vgl. etwa William Schaw Lindsay, History of Merchant Shipping and Ancient Commerce, 4 Bde., London 1874–1876; Alexander Starbuck, History of the American Whale Fishery from Its Earliest Inception to the Year 1876, Waltham 1878.
5.
Breite Rezeption erfuhren etwa Darstellungen von Julian Corbett, Alfred Thayer Mahan, Philip Howard Colomb, Raoul Castex und Cesáreo Fernández Duro.
6.
Vgl. Eckart Kehr, Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894–1901, Berlin 1931; Elmo P. Hohman, The American Whaleman, New York u.a. 1928.
7.
Vgl. Fernand Braudel, La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’epoque de Philippe II., 3 Bde., Paris 1949.
8.
Vgl. Charles King, The Black Sea, Oxford 2004; Michael North, Geschichte der Ostsee, München 2011.
9.
Robert R. Palmer, The Age of the Democratic Revolution. A Political History of Europe and America, 1760–1800, Bd. 1: The Challenge, Princeton 1959.
10.
Vgl. John G. A. Pocock, The Machiavellian Moment. Florentine Political Thought and the Atlantic Republican Tradition, Princeton 1975.
11.
Vgl. Pierre Chaunu/Huguette Chaunu, Séville et l’Atlantique (1504–1650), 12 Bde., Paris 1955–1960.
12.
Einen Überblick gibt Bernard Bailyn, Atlantic History, Cambridge 2005. Seither erschienen u.a. Thomas Benjamin, The Atlantic World. Europeans, Africans, Indians and their Shared History, 1400–1900, Cambridge 2009; Susanne Lachenicht, Hugenotten in Europa und Nordamerika. Migration und Integration in der Frühen Neuzeit, Frankfurt/M.–New York 2010; Ulrike Schmieder/Hans-Heinrich Nolte (Hrsg.), Atlantik. Sozial- und Kulturgeschichte in der Neuzeit, Wien 2010.
13.
Für einen Wegbereiter vgl. Philip Curtin, The Atlantic Slave Trade, Madison 1969.
14.
Vgl. Alfred Crosby, The Columbian Exchange: Biological and Cultural Consequences of 1492, Westport 1972; Sidney Mintz, Sweetness and Power. The Place of Sugar in Modern History, New York 1985; Marcy Norton, Sacred Gifts, Profane Pleasures: A History of Tobacco and Chocolate in the Atlantic World, Ithaca 2008.
15.
Vgl. Julius S. Scott, The Common Wind. Currents of Afro-American Communication in the Era of the Haitian Revolution, Dissertation, Duke University 1986.
16.
Vgl. Peter Linebaugh/Marcus Rediker, The Many-Headed Hydra. Sailors, Slaves, Commoners, and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic, Boston 2000.
17.
Vgl. Auguste Toussaint, Histoire de l’Ocean Indien, Paris 1961.
18.
Vgl. Kirti N. Chaudhuri, Asia before Europe. Economy and Civilization of the Indian Ocean from the Rise of Islam to 1750, Cambridge 1990.
19.
Vgl. Michael Pearson, Littoral Society, in: Journal of World History 4/2006, S. 353–373.
20.
Einschlägig sind insbesondere die Arbeiten von Edward Alpers, Gwyn Campbell, Ashin Das Gupta, Kenneth McPherson und Michael Pearson. Zur in Deutschland und Österreich betriebenen Forschung siehe Roderich Ptak, Die maritime Seidenstraße. Küstenräume, Seefahrt und Handel in vorkolonialer Zeit, München 2007; Dietmar Rothermund/Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Hrsg.), Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum, Wien 2004; Jan-Georg Deutsch/Brigitte Reinwald (Hrsg.), Space on the Move. Transformations of an Indian Ocean Seascape in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries, Berlin 2002.
21.
Vgl. etwa Ron G. Crocombe, Land Tenure in the Pacific, Oxford 1971; Jim Davidson, Problems of Pacific History, in: Journal of Pacific History 1/1966, S. 5–21; Harry Maude, Of Islands and Men, Melbourne 1968; Dorothy Shineberg, They Came for Sandalwood. A Study of the Sandalwood Trade in the South-West Pacific, 1830–1865, Melbourne 1967.
22.
Vgl. Kerry Howe, The Fate of the "Savage" in Pacific Historiography, in: New Zealand Journal of History 2/1977, S. 137–154; Alan Moorehead, The Fatal Impact. An Account of the Invasion of the South Pacific, 1767–1840, New York 1966; Gananath Obeyesekere, The Apotheosis of Captain Cook. European Mythmaking in the Pacific, Princeton 1992; Marshall D. Sahlins, How "Natives" Think. About Captain Cook, for Example, Chicago 1995.
23.
Einen Überblick geben Donald Denoon et al. (Hrsg.), The Cambridge History of the Pacific Islanders, Cambridge 1997.
24.
Vgl. Greg Dening, Islands and Beaches. Discourse on a Silent Land – Marquesas 1774–1880, Honolulu 1980. Zum Konzept der Kontaktzone in der meeresbezogenen Geschichtsforschung siehe Gesa Mackenthun/Bernhard Klein (Hrsg.), Das Meer als kulturelle Kontaktzone, Konstanz 2003.
25.
Vgl. Greg Dening, History’s Anthropology. The Death of William Gooch, Lanham–London 1988; Marshall D. Sahlins, Historical Metaphors and Mythical Realities, Ann Arbor 1981.
26.
Vgl. Alain Corbin, Le territoire du vide. L’occident et le désir du rivage, 1750–1840, Paris 1988; John R. Stilgoe, Alongshore, New Haven–London 1994.
27.
Vgl. Michel Foucault, Die Heterotopien, der Utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Berlin 2013, S. 7–22.
28.
Vgl. Paul Gilroy, The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness, Cambridge 1993.
29.
Vgl. Peter D. O’Neill/David Lloyd (Hrsg.), The Black and Green Atlantic, Basingstoke 2009.
30.
Vgl. Greg Dening, Mr Bligh’s Bad Language, Cambridge 1992.
31.
Vgl. Lars U. Scholl (Hrsg.), Technikgeschichte des industriellen Schiffbaus in Deutschland, 3 Bde., Hamburg–Wiefelstede 1994–2014.
32.
Vgl. Jo Stanley, Women and the Royal Navy, New York 2017.
33.
Vgl. Patrick Manning, Global History and Maritime History, in: International Journal of Maritime History 1/2013, S. 1–22.
34.
Vgl. Robert Harms, The Diligent. A Voyage Through the Worlds of the Slave Trade, New York 2002. Zur mobilen Ethnografie vgl. James Clifford, Routes. Travel and Translation in the Late Twentieth Century, Cambridge 1997; George E. Marcus, Ethnography in/of the World System, in: Annual Review of Anthropology 24/1995, S. 95–117.
35.
Vgl. Charles C. Mann, 1493. Uncovering the New World Columbus Created, New York 2011; Lincoln Paine, The Sea and Civilization. A Maritime History of the World, New York 2013.
36.
Vgl. Ingo Heidbrink, Closing the "Blue Hole". Maritime History as a Core Element of Historical Research, in: International Journal of Maritime History 2/2017, S. 325–332.
37.
Vgl. Pascal Schillings, Der letzte weiße Flecken. Europäische Antarktisreisen um 1900, Göttingen 2016.
38.
So einige Beiträge in Alexander Kraus/Martina Winkler (Hrsg.), Weltmeere. Wissen und Wahrnehmung im langen 19. Jahrhundert, Göttingen 2014.
39.
Zunächst in Bruno Latour, Les microbes. Guerre et paix suivi de irréductions, Paris 1984.
40.
Vgl. Felix Schürmann, Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas, 1770–1920, Frankfurt/M.–New York 2017.
41.
Vgl. Tim D. Smith et al., Spatial and Seasonal Distribution of American Whaling and Whales in the Age of Sail, in: PLoS ONE 4/2012.
42.
Siehe etwa http://www.oldweather.org« oder http://icoads.noaa.gov/reclaim«.

Felix Schürmann

Zur Person

Felix Schürmann

ist promovierter Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel. 2017 erschien seine Monografie "Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas, 1770–1920". schuermann@uni-kassel.de


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