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16.8.2002

Geschlechtergleichheit in Deutschland?

Reicht Gender Mainstreaming für den Abbau noch bestehender sozialer Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern? Die Beseitigung von Diskriminierungen setze eine Umgestaltung des Alltags im Spannungsfeld beruflicher Entwicklung und familiärer Aufgaben voraus.

Einleitung



Im rechtlichen Sinne sind Frauen in Deutschland heute weitgehend den Männern gleichgestellt. [1] Doch wie sieht es mit der Egalität von Frauen und Männern in sozialer Hinsicht aus? Der folgende Beitrag geht dieser Frage nach. Er beginnt mit einer überblicksartigen Bestandsaufnahme der widersprüchlichen Entwicklungen hinsichtlich sozialer Angleichungsprozesse zwischen Frauen und Männern (Kapitel I). Anschließend werden einige Aspekte der Ausdifferenzierung von Lebensmodellen und Lebenslagen von Frauen und Männern in Deutschland analysiert (Kapitel II). Danach wird auf neuere Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse in Ostdeutschland eingegangen (Kapitel III) und schließlich in Kapitel IV ein Fazit gezogen sowie ein Ausblick auf aktuelle politische Aufgaben gegeben.

I. Angleichung oder fortdauernde Ungleichheiten?



Diskussionen über die Geschlechterverhältnisse werden nicht selten kontrovers geführt: Während die einen betonen, Fortschritte hinsichtlich der Geschlechtergleichheit seien unübersehbar und die Diskriminierung von Frauen gehöre der Vergangenheit an, verweisen die anderen auf die nach wie vor nachweisbare Benachteiligung von Frauen infolge unveränderter zählebiger Grundstrukturen.

Zur Beantwortung der Frage, in welcher Beziehung es Angleichungsprozesse der sozialen Stellung von Frauen und Männern gibt und wo Beharrungstendenzen zu beobachten sind oder wo sich die Schere sogar wieder öffnet, werden einige aktuelle Daten und Entwicklungen analysiert. In einer Gesellschaft, in der die Lebenschancen wie auch die soziale Absicherung von Frauen und Männern zu einem beträchtlichen Teil von der Teilhabe an Erwerbsarbeit abhängig sind, ist es für die soziale Gleichheit von grundlegender Bedeutung, in welchem Maße und in welcher Weise diese an der Erwerbsarbeit partizipieren. Daher stehen hier Entwicklungen der Erwerbs- und Einkommenssituation im Mittelpunkt. [2] Betrachtet werden außerdem die Teilung der unbezahlten Haus- und Familienarbeit sowie die Teilhabe an der politischen Macht. Für eine umfassende Analyse wäre darüber hinaus zu untersuchen, ob Männer und Frauen gleichen Zugang zu Bildung, Wohnraum, gesundheitlicher Versorgung, Alterssicherung, demokratischen Organisationen u. a. m. haben, wobei es nicht nur auf den Zugang schlechthin bzw. die quantitativen Zugangschancen, sondern auch auf qualitative Faktoren [3] ankommt.

1. Erwerbsbeteiligung



Im langfristigen Trend ist die Erwerbsquote [4] von Frauen in Deutschland deutlich angestiegen (Tabelle 1). Dies ist zunächst ein Angleichungsprozess. Doch zeigen sich widersprüchliche Entwicklungen:

- Einerseits sind Frauen auf Basis ihrer - gegenüber früheren Frauengenerationen - deutlich besseren Ausbildung stärker auf dem Arbeitsmarkt vertreten und aus der Volkswirtschaft mit einem Anteil an den Erwerbstätigen von 43 % nicht wegzudenken. Andererseits bleibt ein Teil der Erwerbswünsche von Frauen unerfüllt, u. a. weil es an Einrichtungen für die Kinderbetreuung mangelt. Das bedeutet aus volkswirtschaftlicher Perspektive auch, dass das Potenzial qualifizierter Frauen nicht ausgeschöpft wird.

- Trotz einer Annäherung der Erwerbsquoten von westdeutschen Frauen (rund 62 %) und Männern (80 %, im Jahr 2000) unterscheidet sich die Erwerbsbeteiligung von Frauen nach wie vor deutlich von der der Männer. In Ostdeutschland liegen die Erwerbsquoten von Frauen und Männern mit 72 % bzw. 80 % wesentlich dichter beieinander.

- Die Erwerbsquoten von west- und ostdeutschen Frauen unterscheiden sich nicht nur im Niveau (um 10 Prozentpunkte). Auch die Entwicklungen sind teilweise gegenläufig. Während in Westdeutschland die Erwerbsquote ihren bisherigen Höchststand erreicht hat, ist in Ostdeutschland die Frauenerwerbstätigkeit infolge der drastischen Arbeitsmarkteinbrüche seit 1990 deutlich zurückgegangen - allerdings von einem sehr viel höheren Ausgangsniveau aus.

- Kräftig gestiegen ist vor allem die Erwerbsbeteiligung von Müttern in Westdeutschland, deren Kinder bereits zur Schule gehen. Der größte Teil von ihnen ist allerdings nur bis 20 Stunden pro Woche erwerbstätig. In Ostdeutschland ist nach wie vor Vollzeittätigkeit auch bei Frauen mit Kindern das häufigste Muster. [5]

- Obwohl die Zahl der erwerbstätigen Frauen sowie die Frauenerwerbsquote gestiegen sind, haben Frauen in Deutschland bei in den neunziger Jahren insgesamt gesunkenem volkswirtschaftlichen Arbeitsvolumen dieses zu einem Teil unter sich umverteilt. [6] Der Zuwachs an Frauenarbeitsplätzen im Westen Deutschlands entfiel per Saldo im letzten Jahrzehnt ausschließlich auf Teilzeitarbeitsplätze, [7] darunter in erheblichem Maße auf geringfügige Beschäftigung. Das zeigt auch die geschlechtsspezifische Entwicklung der Arbeitszeiten. Die durchschnittliche tatsächliche Arbeitszeit von Männern blieb im letzten Jahrzehnt nahezu konstant, bei Frauen, vor allem im Westen, sank sie deutlich (Tabelle 2). Die Teilzeitquote unter den Frauen ist stetig gestiegen (West 42 % und Ost 23 % in 2000).

Zur Charakterisierung der Qualität der Erwerbsarbeit von Frauen [8] sei hier nur auf einen Befund zur Verwertbarkeit der Qualifikation verwiesen. Frauen haben erheblich größere Probleme als Männer, eine ausbildungsadäquate Arbeit zu finden. 1998 waren rund 19 % der westdeutschen und rund 30 % der ostdeutschen Frauen unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt (Männer West 14 %, Männer Ost 20 %). [9]

Auch wenn also die Erwerbstätigkeit von Frauen in der Gesamttendenz ständig zugenommen und sich jener der Männer angenähert hat, unterscheidet sie sich doch quantitativ und qualitativ erheblich von jener der Männer. Erwerbsquote und zeitlicher Umfang der Erwerbsarbeit differieren in Westdeutschland wesentlich stärker zwischen Frauen und Männern als in Ostdeutschland.

2. Einkommensunterschiede



Die durchschnittlichen Einkommen von Frauen liegen deutlich unter denen von Männern. Die auf der Basis einer neuen, umfassenden Datenquelle [10] ermittelten Einkommensrelationen zeigen nicht nur eine erhebliche Lücke in den Durchschnittseinkommen (Tabelle 3), sondern auch, dass sich diese im Laufe von 20 Jahren kaum verringert hat. 1997 erreichte eine abhängig beschäftigte Frau in Westdeutschland durchschnittlich knapp 75 % des Bruttoeinkommens eines Mannes, in Ostdeutschland waren es knapp 94 %. Dies gilt wohlgemerkt beim Vergleich auf der Basis von Vollzeitbeschäftigung. Eine Angleichungstendenz hat es bei den Beschäftigten mit geringer und mittlerer Qualifikation gegeben, bei Frauen und Männern mit Hochschulabschluss dagegen hat sich die Relation zwischen 1977 und 1997 sogar wieder verschlechtert. [11]

In den Einkommensunterschieden widerspiegelt sich zum einem die unterschiedliche Positionierung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt: Frauen sind überwiegend auf unteren Hierarchieebenen tätig und seltener als Männer in Führungspositionen anzutreffen. In den alten Bundesländern waren im Jahr 2000 fast doppelt so viele Männer wie Frauen in Führungspositionen tätig (20,8 % gegenüber 11,1 %), in den neuen Bundesländern lagen die Werte mit knapp 12 % (Frauen) und 14,4 % (Männer) auf niedrigerem Niveau dichter beieinander. [12] Gegenüber der Erhebung im Jahr 1996 haben sich die Werte nur geringfügig verändert.

Bei den älteren Frauen schlägt in den Einkommen noch ein geringeres Qualifikationsniveau zu Buche. Darüber hinaus besitzen die meisten Frauen auch weniger durchgängige Erwerbsbiografien. [13] Teilzeitphasen, Erwerbsunterbrechungen und Wiedereinstiege haben die Möglichkeiten beruflicher Entwicklung eingeschränkt.

Daneben spielen bei der Einkommensbemessung für die jeweiligen Tätigkeiten mittelbare Frauendiskriminierungen eine Rolle. Ein wichtiger Faktor der Einkommenslücke zu Lasten von Frauen ist ihre Konzentration in von Frauen dominierten Branchen, in denen die Einkommen durchschnittlich niedriger liegen: In Branchen wie z. B. Hotel- und Gaststättengewerbe, Bekleidungs- und Nahrungsmittelindustrie liegt das Niveau der Tarifverdienste deutlich unter dem derjenigen Branchen, die von Männern dominiert sind. Auch innerhalb der jeweiligen Tarifverträge werden typische Frauen- und Männertätigkeiten unterschiedlich bewertet. Der Bericht zur Berufs- und Einkommenssituation verweist auf Diskriminierungsmechanismen in Tarifverträgen, die zu ungleichen Verdiensten von Frauen und Männern führen. Sie liegen z. B. in der Nichtbewertung von Anforderungen und Belastungen bei typischen Frauentätigkeiten. [14]

Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass sich bei den Einkommen ein relativ großes Beharrungsvermögen Frauen benachteiligender Strukturen zeigt.

3. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung



Frauen tragen ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko als Männer. An den 3,9 Millionen Arbeitslosen in Deutschland (2000) waren Frauen mit rund 47 % beteiligt. Damit liegt ihr Anteil an den registrierten Arbeitslosen höher als ihr Anteil an den Erwerbstätigen. Dies ist jedoch ausschließlich durch die höhere Frauenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland bedingt; im Westen liegen die Quoten seit 1994 nicht mehr über denen der Männer. Hier hat es eine Angleichung der Arbeitslosenraten gegeben, da westdeutsche Frauen vom Tertiarisierungsprozess - dem Strukturwandel der Volkswirtschaft hin zu Dienstleistungen - profitiert haben, das Arbeitslosigkeitsrisiko von Männern durch Arbeitsplatzabbau in den klassischen Industrien hingegen gestiegen ist.

Anders ist die Situation in Ostdeutschland: Hier ist trotz des (den Arbeitsmarkt entlastenden) vorzeitigen Erwerbsausstiegs vieler Frauen der rentennahen Jahrgänge die Frauenarbeitslosigkeit mit rund 20 % dauerhaft hoch (vgl. Schaubild 1).

In der registrierten Arbeitslosigkeit kommt nur ein Teil der Unterbeschäftigung zum Ausdruck. An der so genannten "Stillen Reserve", [15] die für 2000 auf rund zwei Millionen Menschen in Deutschland geschätzt wird, [16] haben Frauen in Westdeutschland einen Anteil von 70 %. [17]

4. Teilung der Haus- und Familienarbeit



Obwohl für immer mehr Frauen die eigene berufliche Tätigkeit eine große Bedeutung besitzt, weist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Grundstruktur ein starkes Beharrungsvermögen auf. Die Haus- und Familienarbeit wird nach wie vor - wie eine neue Untersuchung [18] für das Jahr 2000 ausweist - überwiegend von Frauen geleistet. Wird der Zeitaufwand für Hausarbeit von Frauen zu dem der Männer ins Verhältnis gesetzt, beträgt die Relation in Ost- wie Westdeutschland im Durchschnitt 2 zu 1. Allerdings ist in Westdeutschland die Entwicklung in Richtung von mehr Egalität verlaufen: 1991 war das Verhältnis noch 2,4 zu 1. In Ostdeutschland liegen die Dinge umgekehrt (s. Kapitel III). [19]

Trotz dieses Ungleichgewichts ist festzuhalten, dass Männer - wenn auch sehr langsam - ihr Verhalten ändern. Insbesondere für die Betreuung der Kinder setzen sie in relevantem Ausmaß Zeit ein. Väter von Schulkindern betreuen diese 13,2 Stunden pro Woche (West) bzw. 11,6 Stunden (Ost). Das ist nicht sehr viel weniger als die Mütter an Zeit aufwenden. [20] Und es entspricht auch dem Selbstverständnis von Vätern, die sich zum überwiegenden Teil (71 %) heute dem Typ von Vaterschaftskonzept "Vater als Erzieher" zurechnen, das heißt sich nicht mehr an erster Stelle als Familienernährer sehen. [21]

Auch die Gesamtbelastung (bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet = "total workload") von Frauen und Männern mit Arbeit geht im Durchschnitt im Jahr 2000 nicht zu Lasten der Frauen. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass Frauen mit vergleichbarer Gesamtarbeitsbelastung durch den höheren Anteil an unbezahlter Arbeit weit weniger Einkommen und berufliches Prestige erwerben. In Ostdeutschland waren die Werte mit 98,3 Stunden pro Woche (Frauen) und 97,9 (Männer) nahezu gleich; im Westen lag die Gesamtbelastung der Männer mit 98 Stunden pro Woche sogar über derjenigen der Frauen (92,3). Auch auf Paarhaushalte mit Kindern trifft die Aussage zu - einzige Ausnahme bilden ostdeutsche Paarhaushalte mit Vorschulkindern. Hier haben Frauen eine durchschnittliche Gesamtbelastung von 103,6 Stunden, Männer 97,7 Stunden pro Woche. [22]

Fazit: Auch wenn bei der Teilung der unbezahlten Arbeit nach wie vor ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern festzustellen ist, gibt es doch im gesamtdeutschen Durchschnitt einen langsamen Veränderungsprozess in Richtung einer Angleichung.

5. Teilhabe an der politischen Macht



Der Anteil von Frauen an der politischen Macht ist zwar in Deutschland bei weitem nicht paritätisch, liegt aber im europäischen Vergleich im oberen Drittel. Mit 29,8 % Frauenanteil im deutschen Bundestag (2001) und 38,6 % in den nationalen Regierungen (März 2001) folgt Deutschland auf die skandinavischen EU-Länder. [23]

In den Länderparlamenten schwankt der Anteil zwischen einem Fünftel und einem Drittel, ist aber in den neunziger Jahren deutlich angestiegen (Schaubild 2).

Die Bestandsaufnahme zeigt, dass insgesamt noch immer von einer benachteiligten Stellung von Frauen gegenüber Männern in der deutschen Gesellschaft gesprochen werden muss. Gleichzeitig sind Tendenzen der Angleichung in der Erwerbssituation und bei der politischen Partizipation nicht zu verkennen, die zu Voraussetzungen weiterer Angleichungsprozesse werden können.

II. Leben "die Frauen" schlechter als "die Männer"? -Notwendige Differenzierungen



Die bisher verwendeten Durchschnittswerte verdecken, dass es eine Streuung und somit soziale Unterschiede innerhalb der Gruppen der Frauen und der Männer gibt. Dabei ändern die Differenzierungen nichts an der Gültigkeit der dargestellten Benachteiligungen der Frauen als soziale Gruppe. Frauen wie Männer unterscheiden sich jedoch im sozialen Sinne hinsichtlich ihrer Bildung und beruflichen Position, ihres Einkommen, des Familienstandes und des Vorhandenseins von Kindern. Oft spielen Alter, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, eine eventuelle Behinderung oder die Herkunft aus West- oder Ostdeutschland eine Rolle. So ist beispielsweise eine gut ausgebildete Frau in Westdeutschland in einem zukunftsträchtigen Angestelltenberuf deutlich besser gestellt als ein älterer arbeitsloser Industriearbeiter in Ostdeutschland.

Karin Gottschall hat gezeigt, dass die Ungleichheitsstruktur mehrere Dimensionen aufweist. "Angesichts zunehmender sozialer Differenzierungen unter Frauen ... kann man fragen, ob ... Geschlechtszugehörigkeit als ein dauerhafter und alle gesellschaftlichen Bereiche gleichermaßen prägender sozialer Platzanweiser noch angemessen ist. Insbesondere gewinnt die alte Frage neue Aktualität, wie soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern mit weiteren Formen sozialer Ungleichheit vermittelt ist." [24] Ungleichheitsrelevant ist neben dem Faktor Familienstand die Zugehörigkeit zu Klassen oder Schichten. Hier haben Petra Frerichs und Margareta Steinrücke mit der "Klassengeschlechtshypothese" [25] den theoretischen Rahmen erarbeitet. Cornelia Koppetsch analysierte jüngst die Verschränkungen von Milieu und Geschlecht. [26]

Die Differenzierungen unter Frauen und Männern werden hier anhand von zwei Kriterien aufgezeigt: anhand der Einkommensverteilung sowie der Pluralisierung der Lebensformen. Betrachten wir die Einkommen am unteren und am oberen Rand, so zeigt sich: Erstens sind Frauen nicht durchgehend schlechter gestellt als Männer. Zweitens aber sind mehr Männer reich und mehr Frauen arm; die Wahrscheinlichkeit, der einen oder anderen Gruppe anzugehören, variiert mit dem Geschlecht. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt, dass 1995 unter den etwa 819 000 BezieherInnen höherer Einkommen [27] 30 % Frauen und 70 % Männer waren. Andererseits ist die Sozialhilfequote von Frauen (3,8 %) höher als die von Männern (3,2 %), gravierend ist sie unter allein erziehenden Frauen (28,1 %). [28] Besonders deutlich wird die Asymmetrie nach dem Geschlecht, wenn die Einkommen nach der Höhe in Dezile [29] zerlegt werden: So betrug der Frauenanteil im obersten Dezil [30] 1997 in Westdeutschland 11,6 % (Ostdeutschland 36 %); in den drei unteren Dezilen erreichte er dagegen die höchsten Werte. [31]

Familienstand und Lebensformen erweisen sich für Frauen und Männer als eine wichtige Dimension, die soziale Ungleichheit hervorbringt. Die Menschen können als Single oder in Ehen/Partnerschaften leben, sich für oder gegen Kinder entscheiden und als Paare unterschiedliche Erwerbskonstellationen wählen. Es gibt in Deutschland nicht (mehr) nur ein Lebensmodell, nach dem die überwiegende Mehrheit lebt. Die Pluralisierung von Lebensformen hat dazu geführt, dass neben das traditionelle Ernährermodell der Ehe (Mann als Haupteinkommensbezieher - Frau nicht erwerbstätig) verschiedene Optionen getreten sind. Am verbreitetsten unter Paarhaushalten von ArbeitnehmerInnen im Westen ist das Zuverdienerin/ErnährermodellÜÜÜ [32] (Haupteinkommensbezieher ist der Mann - die Frau arbeitet in Teilzeit). Das Zweiverdienermodell, bei dem Frauen wie Männer in Vollzeit arbeiten und Kinder vorwiegend in öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen betreut werden, ist in Westdeutschland von untergeordneter Bedeutung; in Ostdeutschland ist es der vorherrschende Familientyp.

In welchem Partnerschaftsmodell Männer und Frauen leben, spielt eine entscheidende Rolle für ihre soziale Situation: Die relative Einkommensposition [33] von Zweiverdienerehepaaren ohne Kinder in Westdeutschland liegt an der Spitze, aber auch Paare mit nichterwerbstätiger bzw. teilzeitbeschäftigter Ehefrau stehen sich vergleichsweise gut (Schaubild 3). Das Vorhandensein von Kindern verändert die Einkommensposition. Am unteren Ende der Skala finden sich Alleinernährerehepaare und allein erziehende Frauen mit mehreren Kindern. Schaubild 4 zeigt die generell schlechtere Einkommensposition ostdeutscher Haushalte. Nur ostdeutsche Paare ohne Kinder überschreiten den gesamtdeutschen Durchschnitt. Der häufigste Haushaltstyp Zweiverdienerehepaar mit Kindern erreicht trotz der Vollzeittätigkeit beider Partner nur eine unterdurchschnittliche Einkommensposition.

Familientyp und Erwerbskonstellation bedingen eine vom individuellen Einkommen abgekoppelte soziale Position: Während Männer in allen Konstellationen fast immer in Vollzeit arbeiten, variiert die Erwerbsbeteiligung der Frauen und damit ihr Einkommensbeitrag stark. Ein nur geringer Anteil der Frau am Haushaltseinkommen wird die beruflichen Interessen des Mannes in den Vordergrund rücken und kann sich auf die innerfamiliäre "Verhandlungsposition" der Frau hinsichtlich der Wahrnehmung beruflicher Chancen, aber auch der Verteilung der Haus- und Familienarbeit zwischen den Partnern auswirken. Umgekehrt können Männer sich in Haushalten mit gut verdienender Partnerin von der Ernährerfunktion entlastet fühlen und eher Teilzeitarbeit oder kindbezogene Ausstiege in Erwägung ziehen.

Auch wenn das Geschlecht nach wie vor eine wichtige Strukturkategorie der Gesellschaft ist, sind Ungleichheitsstrukturen mehrdimensional, das heißt, das Geschlecht verschränkt sich mit anderen Faktoren, die sozial strukturierend wirken. Insgesamt liegt auf diesem Feld noch erheblicher Forschungsbedarf.

III. Nimmt die Ungleichheit der Geschlechter in Ostdeutschland wieder zu?



Rainer Geißler u. a. haben 1992 einen Gleichstellungsvorsprung im Osten konstatiert, und viele Frauen in Ost und West empfanden das auch so. In der DDR war qualifizierte Berufstätigkeit von Frauen eine Selbstverständlichkeit, gleichzeitig standen Frauen nicht vor der Alternative "Beruf oder Kinder", sondern waren zu einem sehr hohen Anteil als Erwerbstätige auch Mütter. Das Ernährermodell hatte nur noch marginale Bedeutung. Nach der Wende wurde die Hoffnung gehegt, den Gleichstellungsvorsprung ostdeutscher Frauen erhalten, ja Angleichungsprozesse vielleicht sogar auf den Westen übertragen zu können.

Im Vergleich zu Westdeutschland lassen sich auch heute noch zentrale Unterschiede festhalten: Wie in Kapitel I gezeigt, sind die Erwerbsmuster und -verläufe von Frauen und Männern in Ostdeutschland ähnlicher, die Einkommensrelation ist weitaus günstiger, der Unterschied hinsichtlich der Führungspositionen geringer.

Doch die im Verhältnis zu Männern günstigere Position ostdeutscher Frauen ist einerseits Folge eines Modells, das Frauen eine relativ weitgehende Anpassung an männliches Erwerbsverhalten abverlangte. Hildegard Maria Nickel nannte es "patriarchales Gleichberechtigungsmodell" [34] . Ob dieses kräftezehrende Modell auch künftig mehrheitlich von den jungen Frauen gewählt wird, bleibt abzuwarten. Andererseits ist zu bedenken, dass sich in der aktuellen Momentaufnahme auch temporäre Besonderheiten der Nachwendezeit niederschlagen. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, inwieweit die spezifisch ostdeutsche Situation erhalten bleiben oder ob sie sich in wenigen Jahren "verwachsen" haben wird, nicht leicht zu beantworten. Zu bedenken ist dabei Folgendes:

1. Ostdeutsche Frauen waren auch vor der Wende nicht sozial gleich. Sie verdienten weniger (die Einkommensrelation bezogen auf die Nettoeinkommen betrug 1988 in der DDR nur 78 %), [35] leisteten im Durchschnitt das 2,3fache an Hausarbeit [36] und waren auf der politischen Ebene unterrepräsentiert (in der Volkskammer der DDR betrug 1989 der Frauenanteil rund 32 %) [37] . So waren zwar ihre Startbedingungen bei der deutschen Vereinigung im Hinblick auf Erwerbsbeteiligung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf günstig, doch die die Frauen benachteiligenden Grundstrukturen gab es nach wie vor. Irene Dölling weist darauf hin, dass "das aus der DDR überkommene, ausschließlich von Frauen praktizierte Vereinbarkeitsmodell durchaus Potenziale für eine (modifizierte) Wiederbelebung des männlichen Ernährermodells birgt" [38] .

2. Beide Geschlechter sind von den Umbrüchen des Transformationsprozesses betroffen. Eindeutige Zuordnungen im Sinne der These von ostdeutschen Frauen als den "Verliererinnen der deutschen Einheit" treffen nicht zu. Auch zahlreiche Männer verloren ihre Arbeitsplätze und damit nicht nur ihr Erwerbseinkommen, sondern oft auch den beruflichen Anschluss. Die Arbeitslosenquoten ostdeutscher Männer haben sich jenen ostdeutscher Frauen immer mehr angeglichen. Frauen sind zwar auch in Ostdeutschland stärker von den Risiken betroffen. Dennoch haben sie sich im Transformationsprozess bisher eine vergleichsweise starke Position erhalten können - allerdings in Relation zu den in ihrer Erwerbs- und Einkommensposition "geschwächten" Männern.

3. Viele Frauen haben offenkundig ihren "Heimvorteil" [39] im privaten Dienstleistungssektor und im öffentlichen Dienst partiell nutzen können und dort qualifizierte Arbeitsplätze behalten. Fraglich ist, welche Entwicklungen sich bei der nachwachsenden Generation abzeichnen: Welche Berufe ergreifen die Mädchen und Jungen? Und wie werden sie sich - angesichts kompliziert gewordener Bedingungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf - beruflich entwickeln können?

4. Die vergleichsweise günstige Einkommensrelation zwischen Frauen und Männern im Osten (94 %) dürfte teilweise auf die höhere Qualifikation und die kontinuierlichere Erwerbsintegration ostdeutscher Frauen zurückzuführen sein. Zu einem erheblichen Teil ist sie aber durch den hohen Anteil von ostdeutschen Frauen in der öffentlichen Verwaltung bedingt. [40] Ohne Berücksichtigung des öffentlichen Dienstes ergibt sich auch für den Osten eine Einkommensrelation bei Angestellten von nur rund 75 %. [41] Außerdem ist bei der günstigeren Einkommensrelation das insgesamt niedrigere Niveau der Verdienste in Ostdeutschland zu berücksichtigen. Auch im Westen öffnet sich die Schere umso weiter, je höher die Einkommen sind.

5. Ostdeutschen Männern ist es nach der Wende vielfach nicht gelungen, ihre Führungspositionen zu behalten. Ein "West-Ost-Transfer" an Führungskräften hat zu einer Verdrängung vieler Ostdeutscher geführt. Es wird sich erst in Zukunft zeigen, ob nach Abschluss des auch politisch gewollten Verdrängungsprozesses ostdeutsche Männer künftig ebenso wie westdeutsche bevorzugt aufsteigen können, insbesondere in der biografischen Phase, in der Frauen unter erschwerten Bedingungen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ringen.

6. Die ostdeutschen Geschlechterverhältnisse ha-ben über Jahrzehnte die Einstellungen von Frauen und Männern geprägt. Den Lebensentwürfen ostdeutscher Frauen liegt nach wie vor die Selbstverständlichkeit zugrunde, berufliche und familiäre Aufgaben vereinbaren zu können. Doch so widerständisch das Denken sein mag, das Handeln wird auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmt. Zu diesen gehört das seit der Vereinigung auch im Osten geltende deutsche Steuer- und Sozialversicherungssystem, das bisher negative Anreize für die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen setzt. Es fragt sich, ob auch im Osten (bei gestiegenem Einkommen der Männer) künftig das Ernährer- oder das Zuverdienerin/Ernährermodell auf dieser Grundlage an Attraktivität gewinnt, möglicherweise vor allem für jene Frauen, denen ein adäquater Arbeitsmarkteinstieg nicht gelingt.

Es gibt Anzeichen für eine allmähliche - sicher nur partielle - Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse in Ostdeutschland:

- Die geschlechtsspezifische häusliche Arbeitsteilung vertieft sich wieder. Anfang und auch noch Mitte der neunziger Jahre war in Ostdeutschland die Teilung der Hausarbeit etwas weniger traditionell. Bis 1995 hatte sich in ostdeutschen Haushalten mit zwei Vollzeiterwerbstätigen die Relation auf 1,4 zu 1 (Zeitaufwand der Frauen zu dem der Männer) verbessert; sie ist nun wieder auf 1,9 zu 1 zurückgefallen. Noch größer ist das Ausmaß der Retraditionalisierung in den Vollzeit-Teilzeit-Haushalten. Leisteten teilzeitbeschäftigte Frauen 1995 noch das 1,7fache an Hausarbeit, so war es im Jahr 2000 das 2,5fache. [42]

- Auch wenn Vollzeit immer noch die am meisten präferierte Arbeitszeitform ist, wird die Teilzeitarbeit unter ostdeutschen Frauen zunehmend akzeptiert. Zwar wollten 39 % der Teilzeitbeschäftigten 1999 lieber in Vollzeit arbeiten. Doch ist der Anteil derjenigen, die bei der Teilzeitarbeit bleiben wollen, in nur vier Jahren um 13 Prozentpunkte gestiegen. [43] Aus dem SOEP 1997 geht hervor, dass 51 % der Frauen im Osten sich kürzere Arbeitszeiten wünschen. [44]

- Bei den jungen Müttern (die seit 1992 mindestens ein Kind geboren haben) ergibt sich zwischen 1995 und 2000 eine merkliche Verschiebung von der Vollzeit- zur Teilzeitarbeit. [45] Auch unter den Präferenzen zeigt sich diese Veränderung: So wird das im Westen beliebteste Modell für Eltern "eine/r Vollzeit - eine/r Teilzeit" von Müttern kleiner Kinder nun auch im Osten mehrheitlich als das bevorzugte angesehen. Das früher dominierende Vollzeit-Vollzeit-Modell wünschte sich im Jahr 2000 nur noch jede fünfte Frau mit Kleinkind. [46]

Auch wenn in Ostdeutschland noch nicht klar absehbar ist, inwieweit sich auf der Basis eines anderen Verständnisses von Frauenerwerbstätigkeit ein vom Westen unterschiedliches Modell wird halten können, sind Tendenzen zu beobachten, die zumindest mittelfristig - mit dem Berufseintritt jüngerer Frauenjahrgangsgruppen - wieder einer stärkeren Ungleichheit der Geschlechter den Boden bereiten könnten. Inwieweit dies geschieht, wird von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einerseits und den Lebensmodellen junger ostdeutscher Frauen und Männer andererseits abhängen.

IV. Fazit



Von Geschlechtergleichheit kann in Deutschland derzeit nicht die Rede sein. Falsch wäre es aber, allmähliche Veränderungen zu übersehen. In Westdeutschland hat es - ausgehend von einem im europäischen Maßstab vergleichsweise traditionellen Modell - Tendenzen in Richtung einer allmählichen Angleichung gegeben. In Ostdeutschland hingegen sind - von mehr egalitären Geschlechterverhältnissen ausgehend - Anzeichen dafür zu beobachten, dass der erreichte Stand möglicherweise nicht gehalten werden kann.

Die Situation ist widersprüchlich. Einerseits gibt es Veränderungen in Richtung von mehr Egalität zwischen den Geschlechtern. Durch den Aufholprozess von Frauen im Hinblick auf ihre Qualifikation hat sich insbesondere unter den Frauen im mittleren und jüngeren Alter die Orientierung auf die eigene qualifizierte Berufstätigkeit immer mehr verbreitet, die weder auf die reine Erwerbsnotwendigkeit (Zuverdienst) zu reduzieren ist noch automatisch im Falle der Geburt von Kindern zur Disposition gestellt wird. Zu den grundlegenden Veränderungen scheint auch ein allmählich zunehmendes Verständnis von Männern für ihre soziale Rolle als Väter zu gehören.

Auf der anderen Seite sind die Fakten ebenso wenig bestreitbar, die eine erhebliche Schlechterstellung von Frauen belegen: Erwerbsbeteiligung, Erwerbsmuster und -verläufe unterscheiden sich zwischen Frauen und Männern nach wie vor beträchtlich. Bei den Erwerbseinkommen haben sich die Relationen nur unwesentlich verbessert. In Führungspositionen dringen Frauen trotz der Qualifikationsgewinne erheblich seltener vor. Der größte Teil der Haus- und Familienarbeit wird weiterhin von Frauen erbracht, und ihr Arbeitslosigkeits- und Verarmungsrisiko ist größer als das von Männern. Die Partizipation von Frauen im politischen Bereich ist keineswegs paritätisch. Es scheint also trotz aller offenkundiger Entwicklung der Veränderungsdruck in jenen Sphären nicht auszureichen, in denen es um die grundlegenden Ressourcen - nämlich Geld und Macht - für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung geht.

Zwei grundlegende gesellschaftliche Probleme sind zu lösen: Erstens ist die Frage nicht beantwortet, wie die gesellschaftlich notwendige Fürsorgearbeit (Care) gegenüber Kindern und Alten zu gewährleisten ist, wenn gleichzeitig der Anspruch aller, Frauen wie Männer, auf eigene berufliche Entwicklung anerkannt wird. Die Etablierung eines "Frauenarbeitsmodells", das die Vereinbarkeit individuell und einseitig von Frauen in Teilzeit abverlangt, die dies mit geringen Verdiensten und schlechten Berufschancen bezahlen, ohne dass sich an der Norm für Männer etwas ändert, ist mit neuen Spaltungen verbunden. Sind Frauen hoch qualifiziert und berufsorientiert, vermeiden sie das Problem, indem sie kinderlos bleiben. Abgesehen von neuen sozialen Ungleichheiten unter Frauen entlang der Kinderfrage ist es ein Freiheitsproblem ersten Ranges, wenn weiterhin nur für Männer beides erreichbar ist: Kinder und Karriere.

Das ostdeutsche Modell der doppelten Vollzeitarbeit mit öffentlicher Kinderbetreuung stößt aber ebenfalls an Grenzen der Belastbarkeit und hat im Übrigen auch nicht zur Geschlechteregalität geführt. Der nun angekündigte längst überfällige Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen ist insofern zwar eine dringend notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Notwendig ist in den Betrieben eine grundsätzliche Rücksichtnahme auf die "andere", außerberufliche Seite des Lebens, zu der eben auch Fürsorgeverpflichtungen gehören. Hierfür bedarf es sicher auch Aktivitäten des Gesetzgebers, die Eltern vor allem zeitlich entlasten. Für jedes Kind könnten Eltern z. B. ein flexibel einsetzbares bezahltes Zeitguthaben erhalten. Rasch sollte der Staat die im deutschen Steuer- und Sozialversicherungsrecht enthaltenen (Fehl)anreize beseitigen, die derzeit eine Arbeitsaufnahme verheirateter Frauen erschweren und ihre Nichterwerbstätigkeit finanziell belohnen. [47]

Doch die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur ein Teil des Problems. Die Gesellschaft muss sich zweitens ernsthaft der Tatsache stellen, dass Frauen auch völlig unabhängig vom Vorhandensein von Kindern in vielen Bereichen diskriminiert werden. In der Tradition jahrhundertelanger Ausschließung von Frauen in vielen Bereichen greifen subtile Mechanismen beim Einstellungsverhalten, beim Aufstieg, bei der Einkommensgestaltung durch Tarifverträge, bei der Eingruppierung zu Lasten von Frauen. Zahlreiche Forscherinnen haben in den letzten Jahren diese Mechanismen untersucht. Die Politik muss nun handeln. Das Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, das betriebliche Gleichstellungsmaßnahmen vorschreibt, gehört ebenso auf die Tages-ordnung wie ein "Lohngleichheitsdurchsetzungsgesetz", das die Tarifvertragsparteien in die Pflicht nimmt, die Tarifverträge diskriminierungsfrei zu gestalten. Hier liegt eine große Verantwortung bei den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Darüber hinaus lässt Gender Mainstreaming als geschlechtersensible Sichtweise auf Veränderungen hoffen.

Doch staatliche Maßnahmen und top-down-Strategien wie Gender Mainstreaming werden für den Abbau noch bestehender sozialer Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern nicht ausreichen. Letztlich kommt es auf das streitbare Eintreten von Frauen - und mit ihnen verbündeter Männer - an, um Diskriminierungen zu beseitigen und den Alltag im Sinne der Vereinbarkeit von beruflicher Entwicklung und familiären Aufgaben umzugestalten.

Internetverweise der Autorin:

http://www.wsi.de


http://www.boeckler-boxen.de

Fußnoten

1.
Siehe hierzu den Beitrag von Sabine Berghahn in diesem Heft.
2.
Aus Platzgründen kann dieser Teil hier nur kurz behan"delt werden. Eine ausführliche Analyse von Erwerbs- und Einkommensstrukturen sowie Ursachen fortdauernder sozialer Ungleichheit wurde im "Bericht zur Berufs- und Einkommenssituation von Frauen und Männern in Deutschland" (i. F. zit. als WSI/INIFES/FG Tondorf 2001) vorgelegt, der vom WSI in der Hans Böckler Stiftung in Kooperation mit dem Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie (INIFES) und der Forschungsgruppe Tondorf im Auftrag des Bundesfrauenministeriums erarbeitet und im April 2002 vom BMFSFJ veröffentlicht wurde. Die Autorin war an diesem Bericht (gemeinsam mit Claus Schäfer) als Projektteam"leiterin beteiligt.
3.
Ein Beispiel ist die duale Berufsausbildung, in die viele typische Frauenberufe bisher nicht einbezogen sind.
4.
Die Erwerbsquote erfasst die Zahl der Erwerbspersonen (= Erwerbstätige plus Erwerbslose) im Verhältnis zu den Personen im erwerbsfähigen Alter (15-65 Jahre).
5.
Vgl. Heribert Engstler, Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik, hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt, Bonn 20015, S. 109 ff.
6.
Vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 (Anm. 2).
7.
Vgl. Ute Klammer/Christina Klenner/Christiane Ochs/Petra Radke/Astrid Ziegler, WSI FrauenDatenReport, Berlin 2000, S. 57 f.
8.
Für zahlreiche differenzierende Befunde zur Erwerbstätigkeit (u. a. nach Qualifikation, Alter, Familienstand und Kinderzahl, Wirtschaftsbereichen, Betriebsgröße) vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 (Anm. 2).
9.
Vgl. Felix Büchel, Unterwertig Erwerbstätige - Eine von der amtlichen Statistik übersehene Problemgruppe des Arbeitsmarktes; in: Jürgen Schupp/Felix Büchel/Martin Diewald (Hrsg.), Arbeitsmarktstatistik zwischen Realität und Fiktion, Berlin 1998, S. 113-129.
10.
Es handelt sich um die IAB-Beschäftigtenstichprobe. (IAB = Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit Nürnberg).
11.
Der 20-Jahresvergleich ist nur für Westdeutschland möglich. Vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 (Anm. 2), S. 60 f.
12.
Vgl. Mikrozensus, StBA, Fachserie 1, Reihe 4.1.2.
13.
Dies wird mithilfe der Untersuchung "Altersvorsorge in Deutschland" (AVID) im "Bericht zur Berufs- und Einkommenssituation..." (WSI/INIFES/FG Tondorf 2001/Anm. 2) ausführlich dargelegt. Über das Leben kumulierte Erwerbszeiten und Erwerbseinkommen von Frauen sind deutlich geringer als die von Männern. Bei den untersuchten Frauen der Geburtsjahrgänge 1936 - 1955 errechnet sich ein im Lebensverlauf kumuliertes Erwerbseinkommen von 42 % der Einkommen vergleichbarer Männer.
14.
Vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 (Anm. 2), Kapitel 6.
15.
In der Stillen Reserve werden Nichterwerbstätige erfasst, die ohne Arbeitsamtsunterstützung Arbeit suchen oder erst bei besserer Arbeitsmarktlage eine Erwerbsarbeit aufnehmen würden.
16.
Vgl. Hans-Uwe Bach, Arbeitszeit und Arbeitsvolumen, Teil 1; in: IAB-Kurzbericht, 3 (2001).
17.
In Ostdeutschland spielt die Stille Reserve nur eine untergeordnete Rolle. Frauen und Männer sind hier in etwa gleich vertreten.
18.
Vgl. Jan Künzler u. a., Gender division of labour in unified Germany, Tilburg 2001, S. 83 - 85.
19.
Vgl. ebd., S. 81 f.
20.
17,8 Stunden pro Woche (West) und 12,1 Stunden (Ost), vgl. ebd., Anhangtabellen 1.6 a und b.
21.
Vgl. Wassilios E. Fhtenakis/Beate Minsel, Die Rolle des Vaters in der Familie, Zusammenfassung des Forschungsberichts im Auftrag des BMFSFJ, Berlin - Bonn 2001, S. 7.
22.
Alle Angaben vgl. J. Künzler u. a. (Anm. 18).
23.
Vgl. Christiane Dienel, Frauenkarriere im europäischen Vergleich, in: Barbara Keller/Anina Mischau, Frauen machen Karriere in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, Baden-Baden 2002, S. 25f
24.
Karin Gottschall, Soziale Ungleichheit und Geschlecht, Opladen 2000, S. 15 f.
25.
Petra Frerichs, Klasse und Geschlecht 1. Arbeit. Macht. Anerkennung. Interessen, Opladen 1997.
26.
Vgl. Cornelia Koppetsch, Milieu und Geschlecht. Eine kontextspezifische Perspektive, in: Anja Weiß u. a. (Hrsg.), Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit, Wiesbaden 2001, S. 112.
27.
Hier wird die 200-Prozent-Grenze des durchschnitt"lichen Einkommens zugrunde gelegt. Die Aussage ist "begrenzt auf alleinveranlagende Steuerpflichtige. Vgl. Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2001, S. 38.
28.
Vgl. ebd., S. 79 f.
29.
Dezile sind zehn nach aufsteigendem Einkommen mit Beschäftigten gleich stark besetzte Gruppen, d. h., die Beschäftigten sind unabhängig von ihrem Geschlecht nach aufsteigenden Einkommen sortiert und in zehn gleich große Personengruppen unterteilt. Im Dezil 1 befinden sich die 10 % der Beschäftigten mit den niedrigsten Einkommen, im Dezil 10 die 10 % der Beschäftigten mit den höchsten Einkommen.
30.
Hier nur Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze.
31.
Vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 (Anm. 2), S. 48.
32.
Birgit Pfau-Effinger, die eine Typisierung der Lebensformen vornimmt, nennt das Alleinernährermodell "Hausfrauenmodell der Versorgerehe" und das Zuverdienerin/Ernährermodell "Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe"; vgl. Birgit Pfau-Effinger, Arbeitsmarkt- und Familiendynamik in Europa - Theoretische Grundlagen der vergleichenden Analyse, in: Birgit Geissler/Friederike Maier/ Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.), FrauenArbeitsMarkt, Berlin 1998, S. 185.
33.
Berechnet wird hierfür das so genannte Nettoäquivalenzeinkommen, das die Zahl der Haushaltsmitglieder berücksichtigt.
34.
Hildegard Maria Nickel, "Mitgestalterinnen des Sozialismus" - Frauenarbeit in der DDR, in: Gisela Helwig/ Hildegard Maria Nickel, Frauen in Deutschland 1945 - 1992, Berlin 1993.
35.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen 1992, S. 244.
36.
Vgl. Christina Klenner, Doppelt belastet oder einfach ausgebeutet? Zur Aneignung weiblicher Reproduktionsarbeit in DDR-Familien, in: Das Argument, (1990) 184, S. 865 - 874.
37.
Vgl. Statistisches Jahrbuch der DDR 1989, Berlin 1989, S. 401.
38.
Irene Dölling, "Ganz neue Inhalte werden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst". Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell (1990 - 1997), in: Ilse Lenz/Hildegard Maria Nickel/Birgit Riegraf, Geschlecht - Arbeit - Zukunft, Münster 2000, S. 233.
39.
Vgl. Hildegard Maria Nickel/Sabine Schenk, Prozesse geschlechtsspezifischer Differenzierung im Erwerbssystem, in: Hildegard Maria Nickel/Jürgen Kühl/Sabine Schenk (Hrsg.), Erwerbsarbeit und Beschäftigung im Umbruch, Berlin 1994, S. 259 - 281.
40.
Vgl. Norbert Schwarz, Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit in den neuen Ländern und Berlin Ost sowie im früheren Bundesgebiet, in: Wirtschaft und Statistik, (2000) 11, S. 844.
41.
Die IAB-Beschäftigtenstichprobe (auf deren Basis sich die 94 %-Relation errechnet) erfasst im Unterschied zur Verdienststatistik des Statistischen Bundesamtes auch den öffent"lichen Dienst. Auf Basis der vierteljährlichen Verdienststatistik des Statistischen Bundesamtes können nur Verdienste im Produzierenden Gewerbe sowie privaten Dienstleistungssektor verglichen werden Vgl. StBA, Fachserie 16, Reihe 2.
42.
Vgl. J. Künzler u. a. (Anm. 18), S. 83 - 85.
43.
Vgl. Jörg Bundesmann-Jansen/Herrmann Groß/Eva Munz, Arbeitszeit '99, Ergebnisse einer repräsentativen Beschäftigtenbefragung zu traditionellen und neuen Arbeitszeitformen in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 2000.
44.
Vgl. Karin Schulze Buschoff, Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten in der Bundesrepublik Deutschland. Ausmaß, Bewertung, Präferenzen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 14 - 15/2000, S. 32 - 38 (SOEP = Sozio-Oekonomisches Panel).
45.
Vgl. Petra Beckmann/Gerhard Engelbrech, Die schwierige Balance: Frauen zwischen Beruf und Familie, in: Personalführung, (2001) 6, S. 128.
46.
Vgl. Gerhard Engelbrech/Maria Jungkunst, Wie bringt man Beruf und Kinder unter einen Hut?, IAB-Kurzbericht, (2001) 7, S. 4.
47.
Die Frauenerwerbstätigkeit dämpfenden Wirkungen, die z. B. vom Ehegattensplitting ausgehen, werden im "Bericht..." (vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 [Anm. 2]) ausführlich analysiert.

Christina Klenner

Zur Person

Christina Klenner

Dr. oec., geb. 1954; wissenschaftliche Referentin für Geschlechterverhältnisse im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans Böckler Stiftung.

Anschrift: Hans Böckler Stiftung, Hans-Böckler-Str. 39, 40476 Düsseldorf.
E-Mail: Christina-Klenner@boeckler.de

Veröffentlichungen u.a.: (Hrsg. zus. mit H. Seifert) Zeitkonten - Arbeit à la carte?, Hamburg 1998.


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