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27.4.2018

Gustav Stresemann und die Perspektive der Anderen

"Weimars größter Staatsmann"[1] war lange ein Rätsel. Wie konnte es sein, dass ein glühender Nationalist aus der Zeit vor 1918 zum europäischen Verständigungspolitiker, zur unerfüllten Hoffnung der deutschen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit wurde?

Zunächst war Gustav Stresemann, 1878 in Berlin geboren, in vielerlei Hinsicht ein echter Liberaler der wilhelminischen Ära, und zwar sowohl Nationalliberaler als auch linksliberaler Freisinniger.[2] Als Student trat er 1897 nicht einer der zunehmend antisemitischen traditionellen Burschenschaften bei, sondern der Reformburschenschaft "Neogermania". Damit waren die Vorzeichen bereits gesetzt, denn die Reformburschenschaften vertraten einerseits eine positive Einstellung gegenüber dem liberalen Erbe von 1848 und bekannten sich andererseits zum nationalen Machtstaat. Als Syndikus des Verbands Sächsischer Industrieller war Stresemann später ein Wirtschaftslobbyist, der zugleich im Sinne Friedrich Naumanns für sozialen Fortschritt ohne Klassenkampf und einen sozialpolitisch orientierten Liberalismus eintrat. Zugrunde lag diesen Verortungen eine grundsätzlich optimistische Weltsicht Stresemanns, die sich mit Kompromissfähigkeit und einer Tendenz zur Mitte verband.

Sozialliberalismus, Weltpolitik und Annexionismus



1907 zog Stresemann als damals jüngster Parlamentarier für die Nationalliberale Partei in den Deutschen Reichstag ein, wo er bald seine außergewöhnliche rednerische Begabung unter Beweis stellte. Der nationale Liberalismus, den er vertrat, stand für einen Dreiklang aus innenpolitischen Reformen, darunter die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts und eine Parlamentarisierung des politischen Systems, einer weltwirtschaftlichen Orientierung und einer deutschen Weltpolitik, die auf eine verstärkte Flotten-, Wehr- und Kolonialpolitik setzte.

1914 war Stresemann wie so viele seiner Landsleute überzeugt, dass Deutschland ein Verteidigungskrieg aufgezwungen worden sei, und im Laufe des Kriegs radikalisierte auch er seine Auffassungen: England galt als der Hauptfeind, und Stresemann plädierte für einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Bis 1918 forderte er einen deutschen Siegfrieden mit umfangreichen Gebietsgewinnen. Die Kriegsniederlage im November 1918 stellte daher auch für Stresemann eine traumatische Enttäuschung dar. Während weite Teile der deutschen Öffentlichkeit sich jedoch ganz im Habitus des Opfers ergingen und versuchten, Verantwortung abzuwehren – Dolchstoßlegenden, wie sie vor allem Militärs verbreiteten, beschuldigten Parlament und Zivilisten, Sozialisten, Gewerkschaften und Juden, die Kampfkraft der eigentlich siegesgewissen Armee von der Heimat aus untergraben zu haben[3] –, erwies sich Stresemann als Realist. Er sei und bleibe Monarchist, erklärte er 1919, aber er akzeptierte die Republik als Status quo, zumal er mit dem parlamentarischen System schon immer sympathisiert hatte. Es gehe nicht mehr um die Unterscheidung "hier theoretische Republikaner, dort theoretische Monarchisten", sondern um den Gegensatz "Staatsbejahung oder Staatszerstörung". [4]

Bei den Parteien der Weimarer Koalition – der SPD, der katholischen Zentrumspartei und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) – war Stresemann allerdings als Annexionist in Verruf. So scheiterte auch die Wiedervereinigung des deutschen Liberalismus, der sich über den preußischen Verfassungskonflikt und Bismarcks Sieg im Deutschen Krieg von 1866 gespalten hatte. Neben der DDP entstand daher in der Nachfolge der Nationalliberalen mit der Deutschen Volkspartei wieder eine rechtsliberale Partei, die Stresemann unter seiner Führung als "rechte Mittelpartei" positionierte und die zwischen 1920 und 1930 zu einer tragenden Säule der parlamentarischen Regierungen wurde. Und das galt ab 1923 auch und gerade für Stresemann persönlich.


Artikel 231 und der Wille zur Revision



Die Pariser Friedenskonferenz von 1919/20 war mit einer so großen Fülle von Problemen und unterschiedlichen Vorstellungen konfrontiert, dass ihr Ergebnis nur ein Kompromiss sein konnte. Allerdings begründete der Friede keine für alle Seiten akzeptable und somit tragfähige Ordnung, wie es mit dem Westfälischen Frieden von 1648 oder dem Wiener Kongress 1815 geglückt war.

Das Deutsche Reich wurde territorial, militärisch und ökonomisch erheblich geschwächt. Es verlor knapp ein Siebtel seines Gebietes an Frankreich, Belgien, Dänemark, Polen und Litauen, die Kohlengruben an der Saar wurden Frankreich unterstellt, das Deutsche Reich musste seine Kolonien abgeben, und es wurde militärisch bestenfalls auf den Status einer Mittelmacht gestutzt, indem sein Heer auf 100.000 Mann reduziert – 1918 hatten 4,5 Millionen deutsche Soldaten unter Waffen gestanden –, die Flotte kassiert und eine Luftwaffe verboten wurde. Das Rheinland und die rechtsrheinischen Brückenköpfe wurden auf bis zu 15 Jahre besetzt, und Deutschland wurde verpflichtet, Reparationen für die entstandenen Kriegsschäden zu zahlen. Eine Gesamtsumme wurde in Versailles noch nicht festgesetzt, aber in den mittleren 1920er Jahren bewegten sich die Reparationsverpflichtungen in einer Größenordnung zwischen 10 und 15 Prozent des Reichshaushalts (dieser Anteil entspräche 2018 zwischen 33 und 50 Milliarden Euro) – jährlich, mit unabsehbarem Ende.[5]

Zugleich blieben jedoch nicht nur das Deutsche Reich an sich, sondern auch seine ökonomischen, technologischen und geopolitischen Machtpotenziale grundsätzlich erhalten. Zudem war der "eiserne Ring" um Deutschland, den die wilhelminische Reichsleitung so sehr gefürchtet hatte und den sie in der Julikrise 1914 hatte sprengen wollen, durch die Revolution in Russland tatsächlich zerbrochen. Frankreich war durch den Krieg geschwächt, die USA zogen sich aus Europa zurück, und in Ostmittel- und Südosteuropa tat sich ein Raum neuer deutscher Einflussmöglichkeiten auf. Alles in allem hatte Deutschland "aktuell seine Großmachtposition verloren, sie potentiell aber behalten" – und mehr noch: Nie zuvor hatte, jedenfalls lässt sich dies aus der Rückschau in der Vogelperspektive erkennen, "eine größere Chance bestanden (…), ein von der deutschen Großmacht geführtes ‚Mitteleuropa‘ zu schaffen".[6]

Die Lage war für Deutschland besser, als die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sie sahen. Doch in großer Breite konnten und wollten sich die Deutschen mit der Niederlage nicht abfinden; der einzige grundsätzliche Konsens innerhalb der Weimarer Republik lag im Willen zur Revision des demütigenden "Diktatfriedens" und seines "Schmachparagrafen", des Artikels 231, der Deutschland die Schuld am Kriege auferlegte.

Die Frage war nur, wie dies geschehen solle. Und da begann schon wieder der Dissens: Sollte Deutschland die Bedingungen erfüllen und auf dieser Grundlage schrittweise eine friedliche Revision anstreben, oder sollte es auf eine Politik der Konfrontation setzen? Dahinter stand ein strukturelles Problem: Die Pariser Friedensordnung hatte den europäischen Kontinent, wie es der britische Staatssekretär Robert Vansittart formulierte, in "haves" und "have-nots" geteilt,[7] in Status-quo- und Revisionsmächte. Und die grundlegende Frage war, was Deutschland betraf, ob die Revision der Friedensbedingungen von Versailles und ein Wiederaufstieg Deutschlands zu einer gleichberechtigten europäischen Großmacht möglich sein würden, ohne die Ordnung von Paris zu zerstören. Das zentrale Problem lag darin, dass die Schwächung Deutschlands durch den Versailler Vertrag für Frankreich die Garantie der eigenen Sicherheit darstellte, für Deutschland hingegen das Objekt der Revision.

Aus ebendiesem Grunde wurde sogar Frankreich selbst bald nach 1919 zu einer Revisionsmacht, freilich in ganz anderer Richtung als Deutschland. Auf französischer Seite war die Niederlage von 1870/71 gegen Preußen-Deutschland ein Trauma. Denn der Nachbar im Osten, den man bis dahin eher für rückständig und in jeder Hinsicht unterlegen gehalten hatte, erwies sich plötzlich als militärisch überlegen. Und dann stieg Deutschland im späten 19. Jahrhundert auch noch zum ökonomischen und technologischen powerhouse in Europa auf, dessen Bevölkerung – welch ein Unterschied zum 21. Jahrhundert – rapide wuchs, während die französische beinahe stagnierte.

Sicherheit vor Deutschland wurde daher zur obersten Maxime Frankreichs, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, den Frankreich ohne seine Alliierten ebenfalls verloren hätte. Daher zielten die französischen Nachkriegsplanungen auf eine substanzielle Schwächung Deutschlands, vor allem seiner Schwerindustrie. Bald nach der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles musste Frankreich allerdings erkennen, dass diese Sicherheit nicht hinreichend gewährleistet war, zumal der Senat der USA die Ratifizierung des Vertrags verweigerte. Frankreich war, so die bedrohliche Perspektive, wieder allein mit einem Deutschland, dessen Krallen eben nicht ein für alle Mal beschnitten waren, wie es der Journalist und Historiker Jacques Bainville gefordert hatte.[8]


Zweite deutsche Kapitulation



Anfang der 1920er Jahre, zugespitzt im Jahr 1922, gewannen die Pariser Verantwortlichen vielmehr den Eindruck, dass sich das Deutsche Reich seinen Verpflichtungen entzog. Die Reichsregierung erklärte, sie könne auf Jahre hin keine Reparationen zahlen.[9] Vor diesem Hintergrund entschied der französische Ministerpräsident und Außenminister Raymond Poincaré, auf eigene Faust zu handeln. Deutsche Lieferrückstände für Reparationsleistungen dienten als Rechtfertigung, um am 11. Januar 1923 mit französischen und belgischen Truppen das Ruhrgebiet, die Herzkammer der deutschen Schwerindustrie, zu besetzen.

Der Krieg flammte wieder auf, diesmal auf deutschem Territorium. Die deutsche Seite reagierte mit dem sogenannten passiven Widerstand, die französische mit harten Gegenmaßnahmen. Über Monate herrschte ein erbittertes Patt, doch Deutschland saß am kürzeren Hebel. Am 12. August 1923 musste Reichskanzler Wilhelm Cuno zurücktreten, der einem Kabinett von parteilosen Experten vorgestanden hatte. Tags darauf wurde Gustav Stresemann zu seinem Nachfolger ernannt – für ein politisches Himmelfahrtskommando. Da die französische Regierung jegliche Verhandlungen verweigerte, solange der passive Widerstand andauerte, blieb Stresemann nichts anderes übrig, als am 26. September 1923 dessen Abbruch und damit die zweite deutsche Kapitulation vor Frankreich innerhalb von fünf Jahren zu erklären.

Poincaré sah sich kurz vor dem Ziel – und machte einen folgenreichen Fehler: Als die Reichsregierung am 24. Oktober 1923 bei der alliierten Reparationskommission den Antrag stellte, die deutsche Zahlungsfähigkeit zu überprüfen, stellte Poincaré sich eine große internationale Konferenz über alle ungelösten Probleme vor, auf der Frankreich aus der Position des Stärkeren heraus seine Vorstellungen durchsetzen könne. Deutschland hatte aber mit der Einstellung des passiven Widerstands nach britischer und US-amerikanischer Auffassung seine Bringschuld erbracht, während die französische Unnachgiebigkeit einen Umschwung der Sympathien zu deutschen Gunsten herbeiführte:[10] Der Dawes-Plan, der 1924 aus dem Antrag der Reichsregierung hervorging, war der erste internationale Versuch, den Versailler Vertrag so zu gestalten, dass er für Deutschland tragbar wurde. Eine amerikanische Anleihe schob einen wirtschaftlichen Aufschwung an; wenn es so etwas wie die "goldenen Zwanziger" gab, dann in den Jahren nach 1924. Jedenfalls hatte Deutschland Mitte der 1920er Jahre seine politische Position in Europa substanziell verbessert.

Mit den Verträgen von Locarno, die auf Initiative Gustav Stresemanns als mittlerweile Außenminister ausgehandelt wurden, garantierten sich Deutschland und Frankreich (und Belgien) im Oktober 1925 gegenseitig den Status quo am Rhein. In der Sache änderte Locarno nichts und schrieb vielmehr Bestimmungen von Versailles sogar noch einmal freiwillig fest. Dafür verzichtete Frankreich aber auf die Möglichkeit militärischer Strafaktionen wie die der Ruhrbesetzung von 1923. Als vertrauensbildende Maßnahme war Locarno vor allem eine Investition in soft power, deren Ertrag in Form von weiteren Revisionen erwartet wurde. Als Deutschland 1926 in den Völkerbund aufgenommen wurde, gehörte es zu den drei großen europäischen Mächten. Im selben Jahr erhielt Stresemann gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis – jener Gustav Stresemann, der im Ersten Weltkrieg als Anhänger eines extremen Annexionsfriedens aufgetreten war. So drängt sich die Frage auf: Wie stand es um das Verhältnis von Revisionismus und Verständigung?


Zwischen Revisionismus und Verständigung



Stresemanns Revisionsagenda umfasste eine Lösung der Reparationsfrage, die Überwindung der einseitigen deutschen Abrüstung sowie die Interessenvertretung für zehn bis zwölf Millionen Deutsche, die nach 1919 außerhalb des Deutschen Reichs lebten. Hinzu kam, anders als im Falle Elsass-Lothringens, das Ziel einer friedlichen Revision ("nur eine solche kommt für uns in Betracht") der Ostgrenzen. Dabei ging es Stresemann nicht darum, den Status quo von 1914 wiederherzustellen, sondern die deutschsprachigen Gebiete in Pommern, also den sogenannten Korridor, in Posen und Oberschlesien wiederzugewinnen. Die überwiegend polnischsprachigen Teile, die 1919 abgetreten worden waren, vor allem in der Provinz Posen, insgesamt wohl etwas weniger als die Hälfte der nach dem Krieg abgetretenen Gebiete, sollten bei Polen verbleiben. Als Fernziele kamen schließlich der Anschluss Österreichs und der Rückgewinn der Kolonien hinzu.[11]

Diese Zielstellung war für Weimarer Verhältnisse nichts Besonderes.[12] Die Besonderheit Stresemanns machte etwas anderes aus: Er ging nicht ausschließlich von den deutschen Ansprüchen aus, sondern er bezog die Perspektive der Anderen ein. Frankreich war für ihn nicht nur der übelwollende Erzfeind – auch wenn er einmal vom "Würger" sprach, den man "vom Halse haben" müsse[13] –, sondern ein Nachbar mit einem überragenden Bedürfnis nach Sicherheit gegenüber dem potenziell immer noch (oder bald schon wieder) übermächtigen Deutschland. Das unterschied ihn von jener "rücksichtlosen Missachtung" der Anderen, die der britische Diplomat Eyre Crowe in einem langen Memorandum 1907 analysiert hatte,[14] und von jener Kultur der Unbedingtheit, die in Deutschland gang und gäbe war und die Stresemann selbst beklagte: "Ich habe die Empfindung, daß wir Deutsche zu wenig oder kein Verständnis haben für das, was der Franzose die schöne Geste nennt. Das ist uns überhaupt nicht eigen, und das schadet uns außenpolitisch ganz ungemein. Wir können nicht höflich und liebenswürdig sein, ohne im eigenen Volk sofort angegrobst zu werden. Wir können nicht Weltpolitik treiben mit der Idee: es soll sich keiner mit den Kerlen irgendwie zusammensetzen."[15]

Stresemann bemühte sich stattdessen, das Ziel der Revision von Versailles mit einer "großzügigen Politik" der "vernünftigen Verständigung"[16] zu erreichen, die deutsche Interessen mit europäischen Rücksichten in Einklang zu bringen versuchte. Allerdings blieb dieses Verhältnis ungleichgewichtig. Denn die Konzilianz gegenüber Frankreich galt in dieser Form nicht gegenüber Polen. Zu einem Ost-Locarno war Stresemann nicht bereit, wobei die Verhältnisse dort auch deutlich komplizierter lagen, zumal die Verantwortlichen des neu gegründeten polnischen Staates ihrerseits alles andere als kompromissbereit auftraten. Die Revision der deutsch-polnischen Grenze, deren "Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit" für Stresemann außer Frage stand, ließ sich nach seiner Auffassung nur mit wirtschaftlichem Druck erreichen.[17]


"Gesamtlösung aller Fragen"?



Die strategischen Möglichkeiten, aber auch die kurzfristigen Grenzen der Verständigungspolitik offenbarten sich am 17. September 1926 im französisch-schweizerischen Grenzort Thoiry. Dort trafen Stresemann und Briand am Rande der Genfer Tagung des Völkerbundes, auf der Deutschland in den Völkerbund aufgenommen wurde, in einem kleinen Landgasthof zusammen. Und worüber sie sprachen, drei Jahre nach der Kapitulation im Ruhrkampf, war eine Sensation: eine "Gesamtlösung aller Fragen, die zwischen Deutschland und Frankreich ständen", wie Stresemann noch am selben Abend unmittelbar nach der Besprechung notierte.[18]

Keine Teillösungen, sondern die Rückgabe des Saargebietes und die "Aufhebung der gesamten Rheinlandbesetzung", das war Briands Angebot. Dafür erwartete er wirtschaftliche Unterstützung von deutscher Seite, denn 1926 war Frankreich in eine tiefe Krise geraten, und die Kräfteverhältnisse drehten sich wieder um. Stresemann und Briand überlegten, wie das Deutsche Reich Reparationszahlungen auf Vorschuss leisten könne, und sie erwogen, dass Deutschland die Kohlegruben an der Saar vorzeitig von Frankreich zurückkaufen könne.

Aber die beiden hatten die Rechnung im Gasthaus von Thoiry ohne die Wirte gemacht. Die finanztechnischen Modalitäten waren nicht praktikabel, Vorbehalte kamen aus Washington und London und vor allem aus Berlin und Paris. Öffentlich desavouierte Ministerpräsident Poincaré die Versuche Briands, Vertrauen gegenüber Deutschland zu bilden, indem er abermals "die Verantwortung der Reichsregierung für den Krieg" und die Notwendigkeit der Entwaffnung des Deutschen Reichs betonte.[19] Vor diesem Hintergrund berichtete Briand der französischen Regierung über das Gespräch von Thoiry – so der Eindruck des deutschen Botschafters in Paris – "sagen wir, nur mit größter Vorsicht".[20]

So verlief der Plan einer friedlichen, auf gegenseitiger Großzügigkeit beruhenden Gesamtlösung ergebnislos im Sande. Thoiry war "zuerst eine Sensation, dann eine Hoffnung und zum Schluss eine Enttäuschung".[21] Auf beiden Seiten fehlte die Basis in der politischen Kultur. Stresemann wiederum hatte sein Konzept, mit wirtschaftlicher Macht – "dem Einzigen", wie er einmal formuliert hatte, "womit wir noch Großmacht sind"[22] – Politik zu treiben und Deutschland im Einvernehmen mit den anderen Mächten wieder zu einer europäischen Großmacht zu machen, nicht zum Erfolg bringen können.

Stattdessen machte sich in der deutschen politischen Öffentlichkeit Enttäuschung darüber breit, dass weitere Revisionserfolge ausblieben, obwohl Deutschland innerhalb von weniger als zehn Jahren ungleich mehr erreicht hatte, als bei Unterzeichnung des Versailler Vertrags zu erwarten gewesen wäre. Aber offenbar hatte auch Stresemann selbst diese Möglichkeiten überschätzt. Hinzu kam Ende der 1920er Jahre eine zunehmende Krise des politischen Systems. Stresemann hatte sich als in der Wolle gefärbter Parlamentarier und mit seiner Kompromissbereitschaft zum Garanten der parlamentarischen Regierungen der Weimarer Republik entwickelt, auch wenn sie allzu häufig wechselten. Seine Reichskanzlerschaft hatte im Herbst 1923 zwar gerade einmal hundert Tage Bestand gehabt, aber danach hatte er ununterbrochen als Außenminister amtiert und war zum starken Mann der Regierungen geworden.

1929 beklagte jedoch auch er eine "Krise des Parlamentarismus":[23] Die Funktionsschwäche des parlamentarischen Systems verhindere stabile Regierungen, und vor allem erwiesen sich die Parteien als destruktiv, weil sie sich permanent als Opposition zu den von ihnen selbst gestellten Regierungen verhielten, statt Verantwortung zu übernehmen. Als im Mai 1930 die Große Koalition zerbrach, kamen tatsächlich keine parlamentarisch getragenen Regierungen mehr zustande. Ohne Stresemann wurde die Weimarer Republik zu einer "Republik ohne Republikaner", die in der großen Staatskrise der 1930er Jahre unterging.

Stresemanns Erbe



Am 3. Oktober 1929 erlag Gustav Stresemann, der zeitlebens unter einer anfälligen Gesundheit gelitten hatte, im Alter von 51 Jahren einem Schlaganfall. Im August 1929 hatte er den letzten großen Erfolg seines Verständigungsrevisionismus errungen: Im Gegenzug zum Young-Plan, der eine langfristige Regelung der Reparationen sicherstellen sollte, sagte Frankreich eine vorzeitige Räumung des besetzen Rheinlands zum 30. Juni 1930 zu.

Stresemann erlebte nicht mehr, wie das, was zu einem Akt der Annäherung und zum Ausdruck des gegenseitigen guten Willens hätte werden können, in beiderseitiger Verstimmung endete.[24] Dass die französische Seite penibel auf der Einhaltung von Entmilitarisierungsvorschriften, auch auf dem Abriss zivil genutzter Gebäude beharrte, hielt Stresemanns Nachfolger Julius Curtius für schikanöse Bürokratie. Dafür verweigerte Berlin den Franzosen nicht nur, wie Briand vorgeschlagen hatte, "irgendeinen gemeinsamen Akt", sondern jede öffentliche Geste der Anerkennung. "Während wir die Rheinlandräumung als einen unter schweren Opfern erkauften und viel zu spät gewährten Akt der Gerechtigkeit ansehen", so schrieb der deutsche Boschafter in Paris an das Auswärtige Amt in Berlin, "stellt sich für die Franzosen die Preisgabe des linken Rheinufers dar als eine gewaltige, fast unbegreifliche Tat des Entgegenkommens".[25]

Das Problem war wieder da, das Stresemann als einziger verantwortlicher Politiker der Weimarer Republik konstruktiv zu adressieren vermocht hatte. Stresemann war in der Lage gewesen, die Perspektive der Anderen in seine politischen Überlegungen einzubeziehen, statt nur von den eigenen Ansichten und Anforderungen auszugehen. Eine Einschränkung ist zu machen: Dies galt gegenüber Frankreich sehr viel mehr als gegenüber Polen. Aber es geht um das Prinzip: Der Geist des internationalen Zusammenwirkens, so sagte Stresemann nach dem Abschluss der Verträge von Locarno im November 1925, "wird am besten fundiert sein, wenn Idealismus und reale Interessen sich dazu verbinden, den Weg aus dem europäischen Zusammenbruch gemeinschaftlich zu suchen".[26]

Der Versuch, deutschen Revisionismus und französisches Sicherheitsbedürfnis, nationale Interessen und die Perspektive der Anderen, Realismus und Ideen, deutsche Stärke und europäische Ordnung miteinander zu vereinbaren – diese Lösung der deutschen Frage blieb Stresemanns unerfülltes Vermächtnis. Sie ist zugleich ein historisches Erbe von unverminderter Bedeutung.
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Autor: Andreas Rödder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Jonathan Wright, Gustav Stresemann. Weimar’s Greatest Statesman, Oxford 2002.
2.
Vgl. hier und im Folgenden Eberhard Kolb, Gustav Stresemann, München 2003, S. 18–75.
3.
Vgl. Boris Barth, Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914–1933, Düsseldorf 2003; Gerd Krumeich, Die Dolchstoß-Legende, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, S. 585–599.
4.
Zit. nach Kolb (Anm. 2), S. 73, das folgende Zitat S. 71.
5.
Vgl. Statistisches Reichsamt (Hrsg.), Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 45 (1926), S. 411 und 50 (1931), S. 448.
6.
Andreas Hillgruber, "Revisionismus" – Kontinuität und Wandel in der Außenpolitik der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 237/1983, S. 597–621, hier S. 600.
7.
Robert Vansittart, An Aspect in International Relations in 1930, 1.5.1930, Documents on British Foreign Politics, Series IA, Bd. 7, S. 834–852, hier S. 850, S. 835.
8.
Vgl. Jacques Bainville, Geschichten zweier Völker, Bremen 1985, S. 54f.
9.
Hermann J. Rupieper, The Cuno Government and Reparations 1922–1923, Den Haag 1979, S. 24.
10.
Vgl. Thomas Witteck, Auf ewig Feind? Das Deutschlandbild in den britischen Massenmedien nach dem Ersten Weltkrieg, München 2005, S. 272f.
11.
Vgl. Gustav Stresemann an die deutsche Botschaft in London, 19.4.1926, Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik (ADAP), Serie B, Bd. 2, 1, Dok. 150, S. 363–376, Zitat S. 363 sowie die Karte im Anhang zu diesem Band; Aufzeichnung des Ministerialdirigenten Dirksen vom 29.12.1925, ADAP Serie B, Bd. 2, 1, Dok. 21, S. 72f.; siehe auch Hillgruber (Anm. 6), S. 604, S. 609; Wright (Anm. 1), S. 324–329.
12.
Vgl. z.B. Oberst von Stülpnagel an den Vortragenden Legationsrat von Bülow, 6.3.1926, ADAP Serie B, Bd. 1, 1, Dok. 144, S. 343.
13.
Gustav Stresemann an Kronprinz Wilhelm, 7.9.1925, in: Henry Bernhard, Gustav Stresemann. Vermächtnis, Bd. 2: Locarno und Genf, Berlin 1932, S. 553ff., hier S. 555.
14.
Eyre Crowe, Memorandum on the Present State of British Relations with France and Germany, 1.1.1907, British Documents on the Origins of War 1898–1914, Bd. 3, S. 402–406.
15.
Gustav Stresemann, Rede vor dem Zentralvorstand der DVP, 22.11.1925, in: Wolfgang Elz (Bearb.), Stresemann-Reden 1925, http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/Dateien/Text_1925.pdf«, S. 399.
16.
Ders., Rede vor Studenten in Dresden, 31.1.1926, in: Wolfgang Elz (Bearb.), Stresemann-Reden 1926, http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/Dateien/Text_1926.pdf«, S. 25 (erstes Zitat); Rede auf dem Parteitag der DVP in Köln, 2.10.1926, in: ebd., S. 319 (zweites Zitat).
17.
Ders. an die deutsche Botschaft in London, 19.4.1926, ADAP Serie B, Bd. 2, 1, Dok. 150, S. 363, S. 369 (Zitat) S. 374.
18.
Gustav Stresemann, Was in Thoiry besprochen wurde, 20.9.1926, in: Henry Bernhard (Hrsg.), Gustav Stresemann. Vermächtnis, Bd. 3: Von Thoiry bis zum Ausklang, Berlin 1933, S. 15–24, hier S. 16. Zum Gespräch von Thoiry vgl. vor allem Christian Baechler, Gustave Stresemann (1878–1929). De l’impérialisme à la sécurité collective, Straßburg 1996, S. 687–695.
19.
Georges Suarez, Briand. Sa vie, son œuvre avec son journal et des nombreux documents inédits, Bd. 6: L’artisan de la paix, Paris 1952, S. 228.
20.
Leopold von Hoesch an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt von Schubert, 5.11.1926, ADAP, Serie B, Bd. 1, 2, Dok. 182, S. 426–433, hier S. 431.
21.
Erich Eyck, Geschichte der Weimarer Republik, Bd. 2, Erlenbach-Zürich–Stuttgart 1956, S. 100.
22.
Stresemann (Anm. 15), S. 423.
23.
Ders. vor dem Zentralvorstand der DVP, 26.2.1929, in: Bernhard (Anm. 18), S. 428–433.
24.
Vgl. dazu Andreas Rödder, Stresemanns Erbe. Julius Curtius und die deutsche Außenpolitik 1929–1931, Paderborn 1996, S. 104–113.
25.
Leopold von Hoesch an das Auswärtige Amt, 25.7.1930, ADAP, Reihe B, Bd. 15, Dok. 160, S. 385.
26.
Gustav Stresemann, Rede vor dem Deutschen Reichstag, 24.11.1925, in: Elz (Anm. 15), S. 461.

Andreas Rödder

Zur Person

Andreas Rödder

ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 2015 veröffentlichte er "21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart", 2018 erscheint "Wer hat Angst vor Deutschland? Die Geschichte eines europäischen Problems". andreas.roedder@uni-mainz.de


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