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8.6.2018

Zwischen Stigmatisierung und Differenzierung. Krankheit in Filmen und Fernsehserien

Die Darstellung von Krankheiten in Spielfilmen und Fernsehserien kann auf vielfältige Art und Weise erfolgen,[1] zum Beispiel in Form einer mit HIV infizierten Figur in Filmen wie "Philadelphia" (USA 1993) und "Dallas Buyers Club" (USA 2013) oder eines an Krebs erkrankten Patienten in Krankenhausserien wie "Grey’s Anatomy" (USA 2005–) und "Club der roten Bänder" (Deutschland 2015–2017). Krankheit kann aber auch in Form des psychopathischen Gewalttäters und Mörders in Filmen wie "Psycho" (USA 1960) oder Fernsehserien wie "Bates Motel" (USA 2013–2017) dargestellt werden und sogar in Gestalt von durch Viren veränderten Untoten in Filmen wie "28 Days Later" (Großbritannien 2002) oder Serien wie "The Walking Dead" (USA 2010–). Dabei steht, anders als bei Dokumentationen, eine realitätsnahe Darstellung eher selten unmittelbar im Vordergrund. Spielfilme und Fernsehserien bieten vielmehr metaphorische Symbolisierungen, die bisweilen auch höchst problematische Implikationen aufweisen.

Im Filmlexikon der Universität Kiel etwa heißt es, dass "die Inszenierung der Krankheit immer davon abhängig [ist], wie tabuisiert der Diskurs über Krankheit(en) – insbesondere deren visuelle Darstellung – zur Produktionszeit eines jeweiligen Films ist".[2] Nicht selten führe dies zu stereotypisierten Überzeichnungen, für die Krankheiten als Basis klischeebeladener Zuschreibungen verwendet werden. So diene zum Beispiel die Inszenierung von sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV/Aids oft "zu schlüpfrigen oder klischeebeladenen Thematisierungen von (Homo-)Sexualität [oder] zur Vermittlung bürgerlicher Sexualmoral und Hygienevorstellungen".[3]

Die Frage nach der Rolle fiktionaler audiovisueller Erzählungen ist dabei insofern interessant, als Filme und Fernsehserien durch die Bilder von Kranken und ihr Erzählverläufe die öffentliche Diskussion beeinflussen. Daran anschließend ist nicht zu Unrecht eine oft negative, zu simplifizierende Darstellung kritisiert worden.

Spielfilme und Fernsehserien sind als Teil eines kollektiven kulturellen Kommunikationsprozesses vorrangig emotional und unterhaltend. Sie vermögen bei ihrem Publikum bestimmte affektiv-kognitive Zustände (wie etwa Vergnügen oder Trauer) hervorzurufen sowie gerade bei komplexen Unterhaltungsangeboten jenseits hedonistischer Aspekte auch eine emotional-bewegende, nachdenklichere Medienrezeption zu zeitigen.[4] In diesem Sinne können sie aufseiten der Zuschauenden ein (populär)kulturelles Wissen über ein Thema schaffen beziehungsweise eine gewisse Haltung zu einem Thema beeinflussen.[5]

Um dies genauer auszuführen, wird im Folgenden zunächst der kulturelle Bedeutungsrahmen reflektiert, in dem Spielfilme und Fernsehserien Krankheiten verhandeln. Daran anschließend werden innerhalb der Rezeptions- und Wirkungsdiskurse die damit verbundenen Medieneffekte wie vor allem Stigmatisierung und Diskriminierung, aber auch Komplexität und Differenzierung diskutiert. Als Beispiel dienen dabei vornehmlich die populärkulturellen Repräsentationen von psychischen Krankheiten.


Krankheit und Populärkultur



Der Inszenierung psychischer Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen wird seit der Erfindung des Kinos kontinuierlich eine große Aufmerksamkeit zuteil. Im Fokus stehen Depressionen, Panikattacken, Angst- und Wahnzustände, Halluzinationen, Störung der Wahrnehmung, der Erinnerung, des Gefühls- und Gemütszustandes.[6] Frühe Filme wie "Das Cabinet des Dr. Caligari" (Deutschland 1920), vor allem aber jüngere Erzählungen wie "Adaption" ("Adaption – Der Orchideen-Dieb", USA 2002), "Hedi Schneider steckt fest" (Deutschland 2015), "Donnie Darko" (USA 2001) oder "Requiem for a Dream" (USA 2000), aber auch TV-Serien wie "The Sopranos" (USA 1999–2007) oder die crossmediale Fernsehproduktion "About:Kate" (Deutschland/Frankreich 2013) widmen sich den Konflikten und Differenzen im Spannungsverhältnis zwischen individueller Situation und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zwischen Subjekt (Körper, Geist, Persönlichkeit) und Sozialem, zwischen Ursachen und Bewältigungsstrategien, zwischen Selbsttechnologien, aber auch Formen der Fremdführung.

Spielfilme und TV-Serien entfalten ihr Bedeutungspotenzial in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und Herausforderungen, ihre ästhetische Inszenierungsweise bleibt dabei jedoch unterhaltungsspezifisch. Ausprägungen symbolischer Ordnungen, unterschiedliche Handlungen und Aussagen (von Akteuren), in denen sich bestimmte Selbst-, Welt- und Menschenbilder sowie individuelle als auch kollektive Wahrnehmungsweisen widerspiegeln, werden narrativ verfasst und sind auf diese Weise Teil eines populärkulturellen Interpretations- und Aushandlungsprozesses.[7] Mit ihren präsentierten Figuren, erzählten Welten, zentralen Konflikten etc. bieten Spielfilme und TV-Serien somit unterschiedliche Erklärungsansätze (und möglichweise auch Bewältigungsformen) mit Blick auf verschiedene gesellschaftliche Themenbereiche an, die nun von Zuschauenden unterschiedlich wahrgenommen, inhaltlich dekodiert und angenommen werden können.[8] Bisweilen können bestimmte Filmreihen, vor allem aber Fernsehserien für ihre Fans auch Anteil an der Beeinflussung des individuellen Denkens und Handelns nach den populärkulturell verfertigten Werte- und Normensystemen haben;[9] hier sind parasoziale Interaktionen und Beziehungsgeflechte zwischen medialen Figuren und Zuschauenden in der Regel besonders stark ausgeprägt.[10]

Audiovisuelle Erzählungen befördern infolge der medialen Inszenierung zumeist einen "externalisierte[n] Blick" auf Krankheiten und leisten somit auch einer vornehmlich von außen nachvollziehbaren "Interpretation dessen [Vorschub], was mit einem Individuum, einer Gesellschaft und beiderlei Interaktionen im Krankheitsfalle geschieht".[11] Allerdings hat der Medienwissenschaftler Jens Eder – unter anderem zur Untersuchung von Depression in Spielfilmen – herausgestellt, dass audiovisuelle Erzählungen auf unterschiedliche Art die Gefühle von Zuschauenden durch subjektivierende Verfahren beeinflussen. Diesbezüglich versteht Eder Spielfilme wie auch TV-Serien als "Qualia-Maschinen",[12] insofern sie "Zuschauer dazu bringen [können], die dargestellte Welt teilweise aus einer Figurenperspektive mitzuerleben".[13] Darüber hinaus bewirkt die emotional-kognitive Verarbeitung des Gezeigten und Erzählten, dass sich Zuschauer und Zuschauerinnen nachhaltig mit den Medieninhalten beschäftigten, sie beurteilen und wertschätzen.[14]

So betrachtet, stellen Spielfilme und Fernsehserien kulturelle Wissensressourcen dar, indem sie das Erkennen und Verstehen auch von Krankheiten beeinflussen können. Ihnen ist "eine Verfremdung spezialdiskursiver Komponenten [das heißt aus dem Diskursbereich der Wissenschaft] sowie deren Anbindung an alltagsnahe, mediale oder cineastisch relevante Diskurse aus ästhetischen Gründen bereits inhärent".[15] Dabei operieren populärkulturelle Erzählungen im Zuge symbolischer Aufladungen jedoch in der Regel mit "normativen" Wertungszuschreibungen, die sowohl stigmatisierende wie auch differenzierende Effekte, das heißt ein Spektrum an Kommunikations- und Interpretationsweisen in der öffentlichen Auseinandersetzung, hervorrufen.


Medieneffekte



Das Sprichwort "madness is as madness looks" (deutsch "Wahnsinn ist, was nach Wahnsinn aussieht") legt, wie der Medien- und Kulturwissenschaftler Simon Cross schreibt, in der kulturellen Auslegung von psychischer Krankheit nicht selten eine angsteinflößende Distanzhaltung nahe.[16] In medialen Darstellungen wird dies vielfach stereotyp aufgegriffen und populärkulturell verfestigt – insbesondere dadurch, dass psychische Krankheit und gewalttätiger, zerstörerischer Wahnsinn miteinander verknüpft werden. Dies ist im Motiv des psychisch gestörten Mörders in Filmen wie "Psycho" (USA 1960) oder "The Silence of the Lambs" ("Das Schweigen der Lämmer", USA 1991) der Fall, aber auch in "Profiler"-Fernsehserien wie "Criminal Minds" (USA 2005–) oder "Mindhunter" (USA 2017–).

Dagegen finden sich ebenso fiktionale Erzählungen, die psychische Erkrankungen jenseits solch bedrohlicher und vor allem angstbesetzter Inszenierungsmuster verhandeln. Filme wie "Still Alice" ("Still Alice – Mein Leben ohne Gestern", USA 2014), der den Umgang einer Linguistin mit ihrer Alzheimererkrankung erzählt, oder auch "Angel Baby" (Australien 1995), der die Geschichte zweier an Schizophrenie erkrankter Personen präsentiert, widmen sich dem Thema auf komplexere Art und Weise. Auch Serien wie "ER" ("Emergency Room", USA 1994–2009), "Grey’s Anatomy" und auch "Club der roten Bänder" verfolgen auf jeweils eigene Art eine differenziertere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen, auch psychischen Krankheiten. Neben dem Kriterium der "Genauigkeit" in der Darstellung gilt es jedoch, noch weitere Aspekte hinsichtlich Komplexität und Differenzierung zu reflektieren.

Stigmatisierung und Diskriminierung
Inszenierungen, die Wahnsinn und Gewalttätigkeit beziehungsweise Gefährlichkeit miteinander verknüpfen, zeichnen sich durch eine jahrzehntelange populärkulturelle Beständigkeit aus. Trotzdem sollte man sich auch ihren Entwicklungs- und Veränderungsprozess vergegenwärtigen, um zeitgenössische Darstellungen in einem medialen und gesellschaftlichen Referenzrahmen betrachten zu können.[17] Das gilt besonders für die Auseinandersetzung mit entsprechenden Rezeptions- und Wirkungsdiskursen bezüglich stigmatisierender Medieneffekte. Für psychische Krankheiten etwa gibt es eine ganze Reihe negativer medialer Darstellungsmuster: Psychisch Kranke werden in großer Häufigkeit als gefährlich, unberechenbar, unsozial, aggressiv und beruflich wenig erfolgreich dargestellt.[18] In der medialen Inszenierung wird ein Erkrankter dabei in erster Linie über ein Krankheitsbild definiert und erst anschließend als Individuum. Diese Inszenierungen sind übertrieben in ihrer Simplifizierung und somit ungeeignet für eine umfänglichere Beschreibung psychischer Erkrankungen.[19] Gesundheitswissenschaftler verweisen in diesem Zusammenhang auf potenzielle Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls, des Umgangs mit Medikamenten und der Genesung insgesamt von Erkrankten.[20]

Auf der anderen Seite wirft der Medienwissenschaftler Stephen Harper dem medienkritischen Diskurs vor, die stigmatisierenden Effekte populärkultureller Erzählungen zu negativ-generalisierend zu betrachten. Er plädiert stattdessen für eine differenziertere Analyse medialer Texte unter Beachtung der spezifischen Komplexität medialer Formen, den genrespezifischen Eigenschaften und somit auch den unterschiedlichen Bedeutungsebenen gerade fiktionaler Erzählmuster.[21] So verwendet er "madness" beispielsweise als funktionalen Begriff, dem nicht nur ausschließlich im Sinne medizinisch-psychiatrischer Dimensionen Bedeutung zukommt, sondern auch in diversen metaphorisch aufgeladenen Zusammenhängen eine Wertung, etwa als Symbol für soziale Entfremdung und politischen Widerstand, zugeschrieben werden kann. In Filmen wie "Donnie Darko" zeige sich "Wahnsinn" so gesehen als symbolische Chiffre für eine gesellschaftliche Zurichtung von anti-sozialem Verhalten, die eine psychiatrische Klassifizierung übersteige.[22]

Komplexität und Differenzierung
In ihrer vielfach beachteten Publikation "Movies and Mental Illness" verweisen auch Danny Wedding und Ryan M. Niemiec auf den kritischen Diskurs zu Filmen, die eindimensionale stereotype und dabei zumeist negativ besetzte Bilder entwerfen und so zu einer Stigmatisierung beitragen.[23] Daneben aber gebe es ebenfalls eine große Anzahl an Filmen, die differenziertere Geschichten erzählen, komplexe Handlungen entwerfen und auf diese Weise produktive, erkenntnisreiche Kulturerzeugnisse darstellten wie zum Beispiel die Filme "Silver Linings Playbook" ("Silver Linings", USA 2012) rund um eine Hauptfigur mit bipolarer Störung oder "Michael Clayton" (USA 2007).[24]

Trotzdem muss eine ausgewogene Darstellung eben nicht immer auch einer Stigmatisierung entgegenwirken. So wurde der Film "Angel Baby" dafür gelobt, im Sinne einer kulturellen Wissensvermittlung eine weitestgehend akkurate und differenzierte Inszenierung der Krankheitsschübe von an Schizophrenie erkrankten Personen darzustellen.[25] Gleichzeitig aber hat eine Rezeptions- und Wirkungsstudie zu diesem Film gezeigt, dass er gerade aus diesem Grund Irritationen bei den Testpersonen hervorgerufen habe und somit infolge einer möglichst akkuraten Darstellung stigmatisierend wirken kann. Folglich ist für eine kulturelle Wissensvermittlung durch Spielfilme jenseits stigmatisierender Effekte eine Genauigkeit von Krankheitsdarstellungen mit dem erzählerischen Bedeutungspotenzial fiktionaler Erzählungen auszubalancieren, um den Zuschauenden ein differenzierteres Bild nahezubringen.[26]

Ein ähnlich komplexes Bild ergibt sich für das Wissen und die Einschätzungen von Testpersonen bezüglich Schizophrenie, Zwangsstörungen und Depressionen. In einer Untersuchung, in der Testpersonen beurteilen sollten, ob Erkrankte stärker zu Gewalttätigkeit neigen, zeigte sich, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Medienkonsum der Testpersonen und ihren Beurteilungen gab.[27] Zugleich zeigt die Studie, dass bei einer differenzierten Inszenierung – sowohl in dokumentarischen wie auch in fiktionalen Erzählungen – Zuschauende Wissen aus audiovisuellen Erzählungen ziehen können. Der "Lernerfolg" hängt dabei vor allem von der Bereitschaft der Testpersonen ab, sich intensiver mit dem Gesehenen zu befassen, das heißt sich auf eine höhere kognitive Anstrengung einzulassen.[28] Differenziertere Inszenierungen von Krankheiten können also auch in fiktionalen Medien kulturelles Wissen vermitteln, sofern das Material eine gesteigerte kognitive Auseinandersetzung auf Seiten der Zuschauenden zu bewirken vermag.

Im Bereich der Serienerzählungen des Fernsehens sind in den vergangenen knapp drei Jahrzehnten vergleichbar differenziertere Geschichten auch über Krankheiten und die damit verbundenen individuellen und gesellschaftlichen Herausforderungen entstanden. Im Zuge dessen, was als sogenanntes Qualitätsfernsehen diskutiert und in der Forschung mittlerweile fundierter als "komplexes Erzählen" konzeptualisiert wird,[29] sind narrativ stärker verdichtete und diegetisch herausfordernde Erzählungen entstanden, die das Vergnügen aufseiten der Zuschauenden mit einem "kognitiven Workout" verbinden.[30] Die US-amerikanische Serie "ER" beispielsweise ist in diesem Zusammenhang für ihre mehr oder weniger realistische Art der Darstellung gelobt worden,[31] da sie sich zumindest von tradierten Klischeebildern einer Krankenhausserie abgrenze. "ER" setzte sich aber nicht nur mit einer Reihe auch kontroverser Themen wie HIV/Aids und Organhandel auseinander, sondern thematisierte auch psychische Erkrankungen wie beispielsweise bipolare affektive Störungen, ohne aber die Krankheit als prinzipiell destruktiv zu stigmatisieren.

Auch Serien wie "Grey’s Anatomy" und "Club der roten Bänder" setzen auf eine differenziertere Erzähl- und Darstellungsweise. Gerade letztere zeigt jugendliche Figuren, denen infolge einer Krebserkrankung Gliedmaßen amputiert werden müssen, die Rückschläge durch erneut gestreuten Krebs auszuhalten haben, die an Magersucht erkrankt sind, mit Ängsten zu kämpfen haben oder Merkmale autistischer Störungen aufweisen. Dennoch werden sie als lebensbejahend dargestellt, die trotz ihrer schweren und zum Teil auch unheilbaren Erkrankungen soziale und intime Beziehungen eingehen wollen; das heißt Krankheiten – hier im Spannungsfeld von physischen wie psychischen Leiden, Formen der Bewältigung und der sozialen Einbindung in Strukturen von Gemeinschaftlichkeit – werden nicht grundlegend als bedrückend oder desillusionierend dargestellt. Stattdessen stehen die individuellen als auch und gerade die sozialen, gemeinschaftlichen Herausforderungen im Umgang damit im Vordergrund. Zuschauende wiederum sind hier mit Geschichten konfrontiert, die keine eindimensionale Rezeption provozieren, sondern kognitiv-emotional nachhaltig herausfordern. Solcherart Krankenhausserien wird in diesem Zusammenhang ein "ethnografischer Wert" zugeschrieben, da sie eine kulturelle Übersetzungsleistung vollziehen zwischen Alltagskultur und medialer Inszenierung in Hinblick auf die Darstellung und Aushandlung von Gesundheit, Krankheit und Behandlung.[32]

Fazit



Populärkulturelle Inszenierungen von Krankheit können durch ihre Darstellungs- und Erzählmuster zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Krankheit beitragen. Rezeptions- und Wirkungsstudien haben jedoch gezeigt, dass eine vermeintlich stärker realitätsorientierte Darstellung nicht immer ausreichend ist, um eine Stigmatisierung durch die mediale Inszenierung zu verhindern.[33] Stattdessen müssen die Zuschauenden während ihres Rezeptionsprozesses von einem "Unterhaltungsmodus" zu einem "Lernmodus" wechseln. Eine solche intensivere kognitive Verarbeitung beinhaltet bei komplexen Darstellungsformen, wie es Filme und Fernsehserien sind, auch erzählerische, kontextualisierende und differenzierende Aspekte eben auch unter Rückgriff auf und Berücksichtigung von dramaturgischen und Genre-Mustern.[34]
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sven Stollfuß für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Für einen ersten Eindruck vgl. etwa den Themenindex in Jens Eder/Ludger Kaczmarek/Hans J. Wulff, Medienwissenschaft: Berichte und Papiere, 2.2.2018, http://berichte.derwulff.de/index.pdf«.
2.
Philipp Brunner/Caroline Amann, Krankheit im Film, 30.12.2011, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=7256«.
3.
Ebd.
4.
Vgl. u.a. Peter Vorderer/Christoph Klimmt/Ute Ritterfeld, Enjoyment. At the Heart of Media Entertainment, in: Communication Theory 4/2004, S. 388–408; Dohyun Ahn/Seung-A Annie Jin/Ute Ritterfeld, "Sad Movies Don’t Always Make Me Cry". The Cognitive and Affective Processes Underpinning Enjoyment of Tragedy, in: Journal of Media Psychology 1/2012, S. 9–18; Mary Beth Oliver/Anne Bartsch, Appreciation as Audience Response. Exploring Entertainment Gratifications Beyond Hedonism, in: Human Communication Research 1/2010, S. 53–81.
5.
An anderer Stelle (und anhand eines anderen Beispiels) habe ich dies auch als politisierendes Potenzial fiktionaler Erzählungen beschrieben. Vgl. Sven Stollfuß, Cyborg-TV. Genetik und Kybernetik in Fernsehserien, Wiesbaden 2017, hier S. 109ff.
6.
Vgl. Markus Fellner, Psycho Movie. Zur Konstruktion psychischer Störung im Spielfilm, Bielefeld 2006.
7.
Vgl. Jens Eder/Joseph Imorde/Maike Sarah Reinerth, Zur Einleitung. Medialität und Menschenbild, in: dies. (Hrsg.), Medialität und Menschenbild, Berlin 2013, S. 1–42; Marcus S. Kleiner, Die Methodendebatte als blinder Fleck der Populär- und Popkulturforschungen, in: ders./Michael Rappe (Hrsg.), Methoden der Populärkulturforschung, Berlin-Münster 2012, S. 11–42, hier S. 21f.
8.
Vgl. u.a. Stuart Hall, Encoding/Decoding, in: ders. et al. (Hrsg.), Culture, Media, Language. Working Papers in Cultural Studies, London 1980, S. 128–138.
9.
Vgl. John Fiske, The Cultural Economy of Fandom, in: Lisa A. Lewis (Hrsg.), The Adoring Audience. Fan Culture and Popular Media, London 1992, S. 30–49; Henry Jenkins, Textual Poachers. Television Fans and Participatory Culture, New York 1992.
10.
Zum Modell parasozialer Interaktionen und Beziehungen vgl. Christoph Klimmt/Tilo Hartmann/Holger Schramm, Parasocial Interactions and Relationships, in: Jennings Bryant/Peter Vorderer (Hrsg.), Psychology of Entertainment, Mahwah 2006, S. 291–314.
11.
Arno Görgen, Funktionale Störungen der Normalität. Krankheit in der Populärkultur, in: Sascha Bechmann (Hrsg.), Sprache und Medizin. Interdisziplinäre Beiträge zur medizinischen Sprache und Kommunikation, Berlin 2017, S. 215–238, hier S. 220.
12.
"Qualia" ist ein philosophischer Fachbegriff, der das phänomenale Bewusstsein beschreibt, also die besondere Qualität bewussten subjektiven Erlebens mentaler Zustände.
13.
Vgl. Jens Eder, Depressionsdarstellung und Zuschauergefühle im Film, in: Sandra Poppe (Hrsg.), Emotionen in Literatur und Film, Würzburg 2012, S. 219–245, S. 224.
14.
Vgl. Oliver/Bartsch (Anm. 4).
15.
Fellner (Anm. 6), S. 29.
16.
Simon Cross, Mediating Madness. Mental Distress and Cultural Representation, New York 2010, S. 129.
17.
Vgl. ebd., S. 34.
18.
Elaine M. Sieff, Media Frames of Mental Illnesses. The Potential Impact of Negative Frames, in: Journal of Mental Health 3/2003, S. 259–269, hier S. 260ff.
19.
Vgl. ebd.
20.
Vgl. Heather Stuart, Media Portrayal of Mental Illness and its Treatments, in: CNS Drugs 2/2006, S. 99–106; Greg Philo et al., The Impact of the Mass Media on Public Images of Mental Illness. Media Content and Audience Belief, in: Health Education Journal 3/1994, S. 271–281.
21.
Vgl. Stephen Harper, Media, Madness and Misrepresentation. Critical Reflections on Anti-Stigma Discourse, in: European Journal of Communication 4/2005, S. 460–483.
22.
Vgl. ebd., S. 479.
23.
Vgl. Danny Wedding/Ryan M. Niemiec, Movies and Mental Illness. Using Films to Understand Psychopathology, Boston 2014.
24.
Vgl. ebd., S. 2f.; Sieff (Anm. 18), S. 262.
25.
Vgl. Ute Ritterfeld/Seung-A Jing, Addressing Media Stigma for People Experiencing Mental Illness Using an Entertainment- Education Strategy, in: Journal of Health Psychology 2/2006, S. 247–267.
26.
Vgl. auch Ute Ritterfeld/Matthias R. Hastall/Alexander Röhm, Menschen mit Krankheit oder Behinderung in Film und Fernsehen. Stigmatisierung oder Sensibilisierung?, in: Zeitschrift für Inklusion 4/2014, http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/248/239«.
27.
Vgl. Joachim Kimmerle/Ulrike Cress, The Effects of TV and Film Exposure on Knowledge About and Attitudes Towards Mental Disorders, in: Journal of Community Psychology 8/2013, S. 931–943, hier S. 940.
28.
Vgl. ebd.
29.
Jason Mittell, Complex TV. The Poetics of Contemporary Television, New York 2015.
30.
Steven Johnson, Everything Bad Is Good for You: How Today’s Popular Culture is Actually Making Us Smarter, New York 2005, S. 14.
31.
Ritterfeld/Hastall/Röhm (Anm. 26); Josep M. Comelles/Serena Brigidi, Fictional Encounters and Real Engagements. The Representation of Medical Practice and Institutions in Medical TV Shows, in: Nova època 7/2014, S. 17–34; Robert J. Thompson, Television’s Second Golden Age. From Hill Street Blues to ER, Syracuse 1997, S. 188f.
32.
Vgl. Comelles/Brigidi (Anm. 31), S. 28f.
33.
Vgl. Kimmerle/Cress (Anm. 27); Ritterfeld/Jing (Anm. 25).
34.
Vgl. hierzu auch die Argumentation von Harper (Anm. 21).

Sven Stollfuß

Zur Person

Sven Stollfuß

ist Junior-Professor für Digitale Medienkultur am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.

sven.stollfuss@uni-leipzig.de


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