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29.6.2018

Ordnende Kraft des Geldes. Zur Geschichte des Schwarzmarkts vor und nach der Währungsreform

Die Erleichterung war groß, als der Spuk vorbei war. Die Währungsreform schied, so betonte die bald formulierte Meistererzählung der Bundesrepublik, eine Zeit des Chaos und der Knappheit von einer neuen Zeit des Aufstiegs und "ordentlicher" Verhältnisse. Sie beendete die gespensterhaften Erscheinungen der illegalen und gefährlichen Schwarzmarktökonomie und legte die Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik.

Ein Gutteil der historischen Forschung hat sich mit der ökonomischen Seite dieser Deutung, mit dem "Wirtschaftswunder", der Stichhaltigkeit des Begriffs und den Auswirkungen des ökonomischen Aufschwungs in der Nachkriegszeit und den Boomjahren beschäftigt.[1] Versteht man das neue Geld, die D-Mark, aber auch alle anderen Währungen, nicht alleine als wirtschaftspolitisches Mittel und Indikator volkswirtschaftlicher Entwicklung, sondern auch als alltägliches Medium sozialer Beziehungen, dann fällt der Blick gewissermaßen auf die andere Seite der Münze, dann rückt das neue Geld als Medium wie als Ausdruck einer sich neu konstituierenden und sich selbst neu beschreibenden Nachkriegsgesellschaft in den Blick.

Geld strukturiert unseren Umgang mit anderen. Im Rekurs auf das Geld organisieren und bewerten wir Dinge, biografische Daten, soziale Räume und unsere Zeitvorstellungen. Die Erfolgsgeschichte der Währungsreform und der D-Mark wird – wenn man solche Aspekte der Geldbedeutung in den Mittelpunkt stellt – erkennbar als die Geschichte von Erfahrungen im Umgang mit einer illegalen Tauschwirtschaft und im Umgang mit dem neuen Geld; und als eine der Deutungen dieser Erfahrungen, denen sowohl die Rückkehr zu "normalen" Verhältnissen als auch neue Zukunftsaussichten und damit ein gewisses Maß an Erwartungssicherheit zugesprochen wurden.

Will man die Erfolgsgeschichte der D-Mark verstehen, dann reicht es nicht, sie als Symbol für wirtschaftliches Wachstum zu begreifen und die gängige und vorherrschende Erzählung vom "Wirtschaftswunder" zu übernehmen. Vielmehr muss man den Blick lenken auf die Episode vor der Währungsreform als eine Erfahrungsgeschichte mit den ökonomischen und sozialen Verwerfungen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Schwarzmarkt als Negativfolie



Einen der wichtigsten Erfahrungsräume alltäglichen ökonomischen Handelns und den mit Sicherheit wichtigsten Referenzpunkt für die erregten Debatten über ökonomisch-moralisches Verhalten bildete spätestens ab 1939 der Schwarzmarkt. Als Ort permanenter Übervorteilung, krimineller Machenschaften, unsicherer Handelspartner, gefälschter Waren, dubioser Praktiken und anrüchiger Verbindungen bildete er in vielem so etwas wie die Negativfolie, vor deren Hintergrund sich die neue bundesrepublikanische Ordnung in den schönsten Farben ausmalen ließ. Dass hier ein gehöriges Maß an Verdrängungsarbeit am Werke war, ließ sich nicht zuletzt daran erkennen, dass der illegale Markt samt seinem halbseidenen Personal die Fantasie von Literaten und Filmschaffenden, aber natürlich auch des Publikums weiterhin beschäftigte. Mit wohligem Schauer mochten manche KinobesucherInnen Marlene Dietrich in Billy Wilders Film "A Foreign Affair" ("Eine auswärtige Affäre", USA 1948) dabei zusehen, wie sie über käufliche Liebe sang, oder den Machenschaften im Film "The Third Man" ("Der dritte Mann", Großbritannien 1949) folgen. Diese und andere Bearbeitungen des Themas malten mit an dem Bild vom Schwarzmarkt als Ort von Unmoral, Raffgier und anrüchigen sozialen Beziehungen.

Für die meisten ZeitgenossInnen wurden damit aber wohl eher Randphänomene ihrer eigenen Erfahrung angesprochen. Für sie bedeutete der Schwarzmarkt – sei es als TeilnehmerInnen oder lediglich als BeobachterInnen – zunächst die Erfahrung von Unsicherheit und Not. Er war ein Ort, dem die meisten mit Misstrauen und Ablehnung gegenüberstanden. Zu einem guten Teil hing das damit zusammen, dass auf dem Schwarzmarkt zwar Regeln galten, diese aber schwer zu durchschauen waren und zudem mit den etablierten Regeln öffentlicher und privater Kommunikation brachen. Zu den beherrschenden Themen gehörten dabei das neue Verhältnis zwischen den MarktteilnehmerInnen, die Unsicherheit im Umgang mit Waren und Währungen auf dem Schwarzmarkt und insgesamt die Verschiebung klarer Grenzen zwischen Räumen, Waren und Personen.

Auf Plakaten erschien der Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit als Gespenst. Unheimlich war er bei Kriegsende scheinbar plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Die Währungsreform von 1948 machte diesem Spuk angeblich ein Ende. Doch drückten diese Darstellungen auch eine Wahrnehmung aus, in der Ängste und Abwehrhaltungen mindestens eine genauso große Rolle spielten wie die tatsächlich – allerdings langsamer – wirkenden Erfolge, die die Währungsreform bei der Bekämpfung des illegalen Handels erzielte. So griffen etwa in Berlin PolizistInnen kleine und große "Schieber" bis in die frühen 1950er Jahre hinein regelmäßig in den Straßen auf. In der Stadt ließ wie im Rest der entstehenden Bundesrepublik erst die verbesserte Versorgungslage gepaart mit der Aufhebung der wichtigsten Rationierungsmaßnahmen die Schwarzmärkte weitgehend verschwinden. Im Osten blieben Formen des "Organisierens" vielen BürgerInnen bis 1989 vertraut.

Auf der anderen Seite war der schwarze Markt auch keineswegs einfach so und erst mit dem Kriegsende entstanden. Am Beginn der "Schwarzmarktzeit" stand zunächst eine staatliche Neudefinition des legalen Marktes: Erst die positive Beschreibung legaler Konsumpraktiken, wie sie mit der organisierten Verteilung durch das Rationierungssystem formuliert wurde, eröffnete den Raum für die Umgehung dieser Vorgaben. Schwarzmärkte gehörten und gehören sozusagen zum Hintergrundrauschen rechtlich geregelter Wirtschaften: Erst wo etwas verboten wird, kann überhaupt ein Schwarzmarkt entstehen.

Der Schwarzmarkt war aus dieser Perspektive das Produkt der 1939 bei Kriegsbeginn eingeführten Rationierung von Waren aller Art. Die sogenannte Kriegswirtschaftsverordnung hatte für das Beiseiteschaffen und den Handel mit solchen "lebensnotwendigen" Dingen empfindliche Strafen angedroht. Trotzdem umging eine erhebliche Zahl von KonsumentInnen die einschlägigen Vorschriften. Das ist insbesondere für einzelne Städte gezeigt worden.[2] Geld- und Gefängnisstrafen waren die Folge – wenn man denn erwischt wurde. Zum Teil wurden "Schieber" im nationalsozialistischen Deutschland sogar zum Tode verurteilt.

Ökonomische Theorien erklären das Auftreten von Schwarzmärkten kurz und plausibel als Folge staatlicher Preisstopps, die eine Reduzierung des Angebots und in letzter Konsequenz einen Nachfrageüberschuss und die Bildung von Schwarzmarktpreisen auf illegalen Märkten bewirken.[3] Diese ökonomischen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Schwarzmärkte zu berücksichtigen, erklärt aber gewissermaßen nur die Hälfte. Denn den Schwarzmarkt lediglich so zu beschreiben, hieße zu übersehen, dass der Markt als soziales Phänomen alltäglich produziert wurde. Erst die AkteurInnen realisierten permanent und in komplexen, soziale Gefüge neu austarierenden Handlungen den Markt als Markt. Die Perspektive auf die Mikroebene unzähliger Aushandlungsprozesse öffnet den Blick für den Markt als "eingebettetes" Phänomen, in dem ökonomische und soziale, kulturelle und politische Ebenen des alltäglichen Lebens miteinander verwoben waren.

Der Umgang mit Geld und Waren nahm hier neue Formen an und bewirkte zugleich, dass auf den illegalen Märkten neue soziale Scheidelinien entstanden: Der Markt als ein "Markt der Gelegenheiten" unterschied zwar weiterhin zwischen denjenigen, die über begehrte Waren und Dienstleistungen verfügten, und denen, die das nicht taten. Er unterschied aber auch nach der Fähigkeit, die neuen Marktbedingungen zu erkennen, sich die Regeln aneignen und umsetzen zu können. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die die neue Schwarzmarktökonomie hervorbrachte, wurden zu einem der wichtigsten Themen empörter Stellungnahmen eines zeitgenössischen Diskurses über raffgierige SchieberInnen oder SpekulantInnen und die notleidenden Anderen. Dieser Diskurs rief die Inflationszeit der 1920er Jahre in Erinnerung, konnte sich aber auf aktuell beobachtbare Formen einer neuen illegalen Tauschkultur beziehen.

Netzwerke und öffentliche Schwarzmarktplätze



Wegen der intensiven, wenngleich auch zunehmend wirkungslosen Verfolgung des illegalen Handels durch die Polizei, Gewerbeaufsichtsämter, aber auch denunzierende "Volksgenossen" selbst, blieb der illegale Handel für die längste Zeit des Zweiten Weltkrieges eine Praxis, die vor allem in Tauschnetzwerken und in semi-öffentlichen oder privaten Räumen stattfand. Hier trafen sich NachbarInnen, ArbeitskollegInnen, hier tauschten Familienmitglieder untereinander oder aber auch Fremde, die sich etwa in einem Restaurant mit anderen KundInnen oder aber den dort arbeitenden KellnerInnen über Tauschgeschäfte verständigten. Angeörige jener Berufe, die mit dem Verkauf oder der Verteilung von nachgefragten Waren beschäftigt waren, spielten auf dem Markt eine große Rolle, weil sie Zugang zu den beliebten Tauschmitteln hatten. Das Kernproblem des illegalen Handels, Vertrauen herzustellen und aufrechtzuerhalten, konnte dadurch gelöst werden, dass man entweder miteinander bereits vertraut war; oder aber dadurch, dass man die Regeln des neuen Marktes lernte und anzuwenden verstand. Dazu gehörten Vertraulichkeit, das Anbieten oder Zurschaustellen von Produkten durch deren demonstrativen Konsum, aber auch zum Beispiel Preisaushandlungsregeln, wonach man gemachte Angebote nicht zurücknehmen konnte. Diese illegalen Tauschgeschäfte wirkten nur an der Oberfläche spontan und ungeregelt. In Wirklichkeit bildeten sich bald relativ stabile Marktordnungen aus, die sowohl die benutzten Räume als auch das Verhalten in ihnen regelten – und damit ein Mindestmaß an Erwartungssicherheit herstellten.

Bereits gegen Ende des Krieges begann der illegale Markt, sein Gesicht zu verändern. Aus klandestinen Treffen in Bars, Cafés oder der eigenen Wohnung wurde jetzt zusehends ein öffentliches Markttreiben, das die Obrigkeit vor erhebliche Probleme stellte. Die Märkte wurden damit einerseits bald zu regelmäßig stattfindenden, im Stadtbild sichtbaren Einrichtungen, die man im Grunde besuchen konnte wie einen Wochenmarkt. Andererseits blieben Unsicherheiten bestehen: Mit wem konnte man gefahrlos tauschen? Wie sollte man sich bei Razzien durch die Polizei verhalten? Was war, wenn man gefälschte oder gepanschte Produkte erworben hatte? Aus diesem Grund avancierten die öffentlichen Marktplätze in den zeitgenössischen Schilderungen zu aufregenden und auch das öffentliche Leben nach dem Krieg zelebrierenden, aber auch gefährlichen Orten, die paradigmatisch für die Paradoxien einer Nachkriegsgesellschaft standen.

Ganz gleich, welche Strategie die Alliierten bei der Bekämpfung der Märkte auch verfolgten – von der kriminalistischen Verfolgung organisierter "Schieberbanden" über großflächige Razzien bis hin zur teilweisen Legalisierung –, der Schwarzmarkt blieb bestehen, teilweise bis über die Zeit der Währungsreformen im Juni 1948 hinaus. Neben den oft in Geschichten über die Nachkriegszeit wieder aufgerufenen Plätzen, wie vor dem Reichstag oder dem Brandenburger Tor in Berlin, war er bald an fast allen Orten vorzufinden, an denen Menschen sich auch sonst trafen: an Bahnhöfen, in oder vor Restaurants und Geschäften, aber auch in den Wärmehallen oder im Klassenzimmer.

Die Währungsreform war eine währungs- und wirtschaftspolitische Weichenstellung, die auf westlicher Seite auf eine grundsätzliche Abkehr von der Rationierungs- und Verwaltungswirtschaft abzielte und mit der langsamen Aufhebung der Bewirtschaftung die illegalen Märkte ins Abseits drängte. Das ist die Makro- und Ex-post-Perspektive. Doch für die ZeitgenossInnen waren die Wochen und Monate vor und nach der Reform wiederum vor allem eine Phase der Unsicherheit: Erwartungen an einen Währungsschnitt verbanden sich mit Fragen nach der weiteren Entwicklung auf der großen politischen Bühne. Und besonders dringlich stellten sich diese Fragen in Berlin. Denn hier hingen Währungspolitik und die Zugehörigkeit zu einer der beiden Seiten im beginnenden Kalten Krieg unmittelbar miteinander zusammen.

Währungsreform und Schwarzhandel in Berlin



Den Kriegsverlauf und die politische Großwetterlage zu beobachten, war für die meisten BewohnerInnen der Stadt bereits während des Krieges zur Normalität geworden.[4] Dazu gehörten auch Planungen für ein etwaiges Kriegsende. Mit der (militärischen) Wende 1943 setzten erste MarktteilnehmerInnen darauf, Waren im illegalen Handel zu erwerben, um Vorräte anzulegen. Ein Schwarzhändler gab in seiner Vernehmung zu Protokoll, er habe sich einen solchen Vorrat für die Nachkriegszeit anlegen wollen, ein anderer berichtet, er habe damit gerechnet, dass "der Gaskrieg" bald kommen würde. Immer wieder wurde bei den Vernehmungen durch die Polizei erkennbar, dass viele sich an die Inflationszeit erinnerten und deshalb etwas zurücklegten. Einige professionellere HändlerInnen antizipierten kommende Gewinnspannen und suchten auf dem schwarzen Markt zum Beispiel gezielt nach Seifen und Toilettenartikeln, weil sie mit einer entsprechenden Nachfrage in diesem Handelssektor rechneten. Mit der drohenden Niederlage hatte sich eine unsichere Zukunftsperspektive als bestimmender Zeithorizont in den Vordergrund geschoben.

Zunehmend rückten nach dem Kriegsende die internationale Politik und das Verhalten der Siegermächte auf die Tagesordnung. Berlin wurde zum Zentrum der allmählich sichtbaren Ost-West-Konfrontation, und das auch in den Augen der "einfachen Leute auf der Straße". Politische Entwicklungen und Tauschalltag verschränkten sich nachhaltig. Die Berliner Zeitungen notierten den Dollar-Kurs und auch die neuesten Preisentwicklungen auf dem Schwarzmarkt.

Die beiden Währungsreformen im Juni 1948 – in den Westzonen und der Sowjetischen Besatzungszone – können in diesem Zusammenhang als Momente besonderer Verdichtung gelten. Dabei war die Währungsfrage in Berlin aufgeladen, weil hier das Schicksal der einzelnen Sektoren eng mit dem Währungsschnitt zusammenhing. Der Zeitfaktor spielte eine entscheidende Rolle. Die Aufforderung der sowjetischen Militärregierung an die amtierende Oberbürgermeisterin Louise Schröder vom 22. Juni 1948, die Währung umzustellen, setzte die westlichen Alliierten unter Zugzwang. Wollten sie den Souveränitätsanspruch für die drei Sektoren behalten, mussten sie an einer eigenen Währung festhalten. Wie aber sollte ein währungspolitisch separiertes Westberlin versorgt, wie die Beschaffungs- und Absatzmärkte organisiert und abgesichert werden? Allen Unwägbarkeiten zum Trotz entschieden die westlichen Stadtkommandanten, dass die westdeutschen Währungsgesetze für Westberlin übernommen werden sollten. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür bot die am 24. Juni erlassene "Verordnung zur Neuordnung des Geldwesens". Damit konnte die "Deutsche Mark der Bank deutscher Länder" zur offiziellen Währung werden. Am Ende des damit einsetzenden Prozesses waren die beiden Stadthälften in das jeweilige Ordnungs- und Wirtschaftssystem integriert.

Dabei hatte die Erwartung des Währungsschnitts bereits ab dem Frühjahr zu Hortungen und einem Aufblühen des Schwarzmarkts geführt. Viele BewohnerInnen versuchten an Fremdwährungen zu gelangen und "flüchteten" in Sachwerte. Ein Bericht des britischen Enforcement Departments, das unter anderem über die Durchsetzung der alliierten Preispolitik zu wachen hatte, stellte schon im April fest: "Das Vertrauen in das Geld ist erschöpft. Der Arbeiter möchte, wo immer es geht, neben seinem kargen Lohn vor allem in Sachleistungen bezahlt werden, damit er sich die Dinge des täglichen Bedarfs besorgen kann. Was die Unternehmer angeht, so lässt sie ihr Misstrauen in die Geldwährung entweder ihre Produkte zurückhalten – oder sie geben sie nur gegen Rohstoffe im Tausch heraus. Große Vorräte werden als das Allheilmittel angesehen, um die Währungsreform unbeschadet zu überstehen."[5]

Als der Währungsschnitt dann erfolgt war, nutzten viele die besondere Situation in der Stadt der zwei Währungen auf eigene Weise. Ein Berliner schilderte die Technik wie folgt: "Seit den ersten Tagen der Währungsreform steht die Berliner Bevölkerung unter ständiger Hochspannung (…). Aus den anfänglichen Schlangen, zunächst vor den Lebensmittelläden, um noch die alten Reichsmarkbeträge unterzubringen, wurden sodann die Schlangen auf den Geldumtauschstellen und schließlich die tollsten Schwarzmarktbörsen, wie sie in dieser Zusammenballung bisher in Berlin noch nicht in Erscheinung getreten waren". Viele BerlinerInnen hoben jetzt gewissermaßen zwei Mal ab und nutzten nun "die Gelegenheit, um zunächst im Ostsektor die RM-70-Quote einzutauschen, da sie ja hier nur den Lebensmittelkartenabschnitt als Ausweis vorzulegen hatten, und holten sich sodann gegen Personalausweis die westliche Kopfquote von 60 DM. Als sich diese Möglichkeit herumgesprochen hatte, setzte ein wahrer Sturm aller Westberliner auf die östlichen Umtauschstellen ein, umso mehr, als nun sogar auch noch die Zeitungen auf diese Möglichkeit hinwiesen und die Berliner aufforderten, diese Chance für sich auszunutzen. Was sich hier vor den Umtauschstellen abgespielt hat, ist kaum zu beschreiben".[6]

Was in diesem Bericht als geschicktes Ausnutzen einer besonderen Situation in einer Stadt mit zwei gültigen Währungen erscheinen mochte, hatte eine Kehrseite, die von anderen BeobachterInnen zum Ausdruck gebracht wurde. Diese empfanden das Nebeneinander zweier Währungen als große Verunsicherung. So hielt eine Berlinerin fest: "Die neue Währung erschwert das Leben sehr, da wir sie uns aus dem Ostsektor holen müssen. Ich habe keine Kraft dazu. Dort stehen Tausende von Menschen an den Banken an. Es gibt Unglücksfälle und sogar Tote. Mit Ostgeld kann man Lebensmittel bezahlen. Für Textilien, Garn, Seife, Schuhe oder auch Obst wird Westgeld verlangt. Mieten und Renten werden in Ostmark ausbezahlt. Ein wüster Handel wird getrieben. Wo früher ‚Gold, Silber, Schokolade, Zigaretten‘ geflüstert wurde, wird jetzt nach Westgeld gefragt. Diese doppelte Währung bringt uns um".[7]

Folgen der Schwarzmarktökonomie



Diese beiden Deutungen begleiteten die Auseinandersetzungen um das ökonomische Durcheinander, für das in den Augen der ZeitgenossInnen paradigmatisch der Schwarzmarkt stand, die gesamten 1940er Jahre hindurch. Die Klage über eine Überforderung durch die illegale Ökonomie des Schwarzmarkts, der eine Folge der umfassenden Rationierung und Verknappung von Waren war, stand neben geschickten Anpassungsstrategien und entsprechenden Abenteuer- und Erfolgsgeschichten. Für manche waren jene, die sich auf dem Schwarzmarkt bewährten, nichts weiter als erfolgreiche MarktwirtschaftlerInnen, für sie hatte der Schwarzmarkt im Grunde genommen als eine "Schule der Marktwirtschaft" funktioniert.

Diejenigen jedoch, und sie bildeten die überwältigende Mehrheit, die die Märkte vor allem als eine Zumutung wahrnahmen, brachten mit ihren Klagen eine Reihe von problematischen Verschiebungen im Feld alltäglicher Praktiken zum Ausdruck, die die Schwarzmarktzeit geprägt hatten. Das betraf erstens das Verhältnis von Ware und Geld: Mit dem Rationierungssystem war eine Form der Bewirtschaftung entstanden, die den Erhalt von immer mehr "Gegenständen des täglichen Bedarfs" an ein starres System von Kartenzuteilungen und Versorgungsperioden band. Das Geld verlor seine Funktion als flexibles, individuelle Konsumentscheidungen ermöglichendes Tauschmittel. Auf dem Schwarzmarkt wiederum herrschte ein unübersichtliches Nebeneinander von Geld und Waren. Während die Reichsmark während des Krieges als Zahlungsmittel noch eine Rolle spielte, traten bald immer mehr Ersatzwährungen und Warentauschgeschäfte an ihre Stelle. Damit verbunden war gewissermaßen eine Verknappung von Zukunft. Weil unter den Bedingungen der illegalen Ökonomie keine staatlich garantierte und vom Vertrauen aller Beteiligten getragene Währung mehr möglich war, hingen Kauf-, Spar- und Investitionsüberlegungen immer von sich ändernden Gelegenheiten und Entwicklungen ab. Die Zeitordnung des Schwarzmarkts blieb bei allen Regelmäßigkeiten, die die Märkte im Laufe der Zeit auszubilden in der Lage waren, relativ volatil und erforderte ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Knowhow.

Zu den wichtigsten Veränderungen, die die illegale Ökonomie der Schwarzmärkte mit sich brachte, gehörte zweitens, dass das Verhältnis der TauschpartnerInnen zueinander etablierte Rollen und Verhaltensmuster auf die Probe stellte. An die Stelle von normalen Kaufbeziehungen zwischen KundInnen und AnbieterInnen, waren vielfach komplizierte, durch keine staatliche Aufsicht abgesicherte Tauschbeziehungen entstanden: Die Rollen des Käufers und Verkäufers konnten wechseln, durch andere soziale Beziehungen überlagert werden oder aber ganz grundsätzlich infrage gestellt werden. Was bedeutete es, mit seinem Nachbarn zu tauschen? Welche Formen von Abhängigkeit entstanden dadurch? Wie veränderten sich die Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, wenn diese zu Tauschpartnern auf Augenhöhe aufstiegen? Kurz: Welche Belastungen brachte es mit sich, wenn man statt eine VerkäuferIn aus einem Ladengeschäft Bekannte, Verwandte oder KollegInnen zugleich als AnbieterIn wie als AbnehmerIn in sein alltägliches Wirtschaften integrieren musste?

Weil der Schwarzmarkt als illegaler Markt nicht in etablierten Konsumräumen stattfinden konnte, unterminierte die illegale Tauschpraxis zudem drittens bestehende Raumordnungen: Restaurants, Bahnhöfe, aber auch private Wohnungen wurden zu Orten, an denen SchwarzhändlerInnen ihren Geschäften nachgingen. Private Räume wurden zu Geschäftsräumen, öffentliche Orte zu Umschlagplätzen, an denen erst unter der Hand, später immer sichtbarer illegale Tauschhandlungen vollzogen wurden.

Und schließlich stellten die illegalen Märkte grundsätzlich die Leistungsfähigkeit und das Vertrauen in staatliches Handeln und seine Rechtmäßigkeit infrage. Mochte man die eigene "kleine" Tauschpraxis auch für unbedeutend und nicht wirklich gravierend halten vor dem Hintergrund der überall beschworenen Schieberfigur – hinter der Ablehnung des Schwarzmarkts (bei gelegentlicher eigener Teilnahme) stand bei vielen auch eine Wahrnehmung der Märkte als Ausdruck der Krise staatlicher Ordnung und drohender weiterer Auflösungserscheinungen.

Schluss



Die Rückkehr zu einer funktionierenden Währung bedeutete für die meisten ZeitgenossInnen mehr als die Chance auf wirtschaftliche Prosperität. Zu den bekanntesten Bildern, mit denen das "Wirtschaftswunder" (bis in aktuelle Schulbücher und historische Darstellungen hinein) illustriert werden sollte, gehörten Aufnahmen von gefüllten Schaufenstern – mit und ohne potenzielle KundInnen, die die Auslage bestaunten. Diese Aufnahmen werden zumeist gelesen als Belege für die "über Nacht" wieder verfügbaren Waren, die in großen Mengen aus Hortungsbeständen wieder zugänglich gemacht wurden, weil die LadenbesitzerInnen in der D-Mark eine vertrauenswürdige Währung sahen, die sie als Zahlungsmittel akzeptierten.

Diese Deutung und diese Bilder haben vieles für sich: Sie sprechen auch von der wiedergewonnenen Stabilität vertrauter Skripte, Rollen und Konsumräume. Statt zu tauschen, so sagen sie sinngemäß, kann man jetzt wieder einkaufen. Die Währungsreform brachte den Schwarzmarkt nicht nur in dem Sinne an sein Ende, dass jetzt wieder angeblich für alle Waren zu erwerben waren. Sie bewirkte in dieser Lesart eben auch, dass man dies gefahrlos und auf vertraute Weise tun konnte, nämlich so, dass die Erfahrungen im alltäglichen Wirtschaften wieder durch stabile und bekannte Beziehungen zwischen Waren, Personen und Räumen gekennzeichnet waren.
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Autor: Malte Zierenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 20112. Siehe hierzu auch den Beitrag von Werner Abelshauser in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
2.
Vgl. Stefan Mörchen, Schwarzer Markt. Kriminalität, Ordnung und Moral in Bremen 1939–1949, Frankfurt/M. 2011; Malte Zierenberg, Stadt der Schieber. Der Berliner Schwarzmarkt 1939–1950, Göttingen 2008.
3.
Vgl. etwa Wilhelm Henrichsmeyer/Oskar Gans/Ingo Evers, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 19919, S. 202ff.
4.
Vgl. hier und im Folgenden Zierenberg (Anm. 2), S. 289–298.
5.
Zit. nach ebd., S. 293.
6.
Zit. nach ebd., S. 294.
7.
Zit. nach ebd., S. 294f.

Malte Zierenberg

Zur Person

Malte Zierenberg

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Humboldt Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stadt-, Medien- und Wirtschaftsgeschichte. malte.
zierenberg@geschichte.hu-berlin.de


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