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29.6.2018

Ängste und Sehnsucht. Von der D-Mark zum Euro

Für die meisten Menschen in Deutschland beginnt die Geschichte des Euro mit der Bargeldeinführung am 1. Januar 2002. Seitdem ist der Euro Teil ihres Alltags. Aber die Geschichte der Einheitswährung reicht weit zurück. Eine europäische Währungsunion mit festen Wechselkursen existiert seit 1999. Erste Vorläufer zur Stabilisierung schwankender Wechselkurse zwischen D-Mark, Franc oder Lira gab es schon in den 1970er Jahren. Den Beginn des Euro zu datieren, ist daher nicht einfach. Denn seine Einführung war nicht das Ergebnis eines spontanen Einfalls sentimentaler Europapolitiker. Natürlich war der Euro auch ein "Friedensprojekt", ein Symbol und Wegbereiter europäischer Integration. In erster Linie aber war er eine Antwort auf Probleme, mit denen wirtschaftlich verflochtene Nationen schon lange zu kämpfen hatten, auch wenn der Euro in seiner rund 20-jährigen Geschichte neue Probleme geschaffen hat.

In Deutschland sorgte die Einführung des Euro für eine Welle an Sentimentalität und Nostalgie. Die anfängliche Skepsis verflog rasch, als das neue Geld da war, und der Euro erwies sich hinsichtlich seiner Wertstabilität als zuverlässig. Die alten Sorgen vor Inflation, einst ebenso verbreitet wie Nostalgie für die D-Mark, sind wenig präsent. Dafür sind neue Ängste gekommen. Und ganz verflogen ist die Nostalgie nicht.

Als Helmut Kohl am 25. September 1992 im Bundestag den Vertrag von Maastricht verteidigte, der den Aufbruch in eine gemeinsame Währung besiegelte, begründete er den Euro so: Die Deutschen könnten ihre "wirtschaftliche und monetäre Stabilität" nur dann bewahren, wenn sie in Zukunft enger mit den anderen Staaten in Europa zusammenarbeiteten – "mit dem Ziel einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungspolitik". Keiner in Europa solle sich der Illusion hingeben, "dass er dazu noch allein in der Lage ist".[1] Das erste zentrale Thema in der Rede waren die unkontrolliert schwankenden Wechselkurse. Das zweite Thema war die Geldwertstabilität, die vor dem Hintergrund der deutschen Inflationserfahrungen relevant war. Diese beiden Bezugspunkte – der Kontext internationaler Verflechtungen und die Frage eines stabilen Geldwerts – prägten die Geschichte des Euro in Deutschland.

Vorgeschichte und Vorbereitungen



Die internationale Abstimmung von Ländern mit jeweils nationalen Währungen, die im Zuge von grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen getauscht wurden, ist so alt wie die nationalen Währungen selbst. Noch vor der Gründung des Deutschen Reichs 1871 versuchten europäische Länder, den Wert ihrer Währungen aufeinander abzustimmen. Zu dieser Zeit war der Wert des Geldes in Europa durch eine bestimmte Menge an Edelmetall vorgegeben. Mit dem Entschluss des Deutschen Reichs, eine Goldwährung einzuführen, begann die Geschichte des "klassischen Goldstandards". Jedes Land versprach, sein Geld gegen eine klar definierte Menge an Gold zu tauschen. Dadurch standen die Währungen untereinander in einem festen Wechselkursverhältnis. Die politischen Zerwürfnisse des 20. Jahrhunderts führten immer wieder zu einer Aufhebung des Goldstandards. Am Ziel fester Wechselkurse aber hielten sowohl ökonomische Experten als auch Politiker fest. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss eine Gruppe von Ländern unter der Führung der USA das System von Bretton Woods. Auch dieses System sah feste Wechselkurse vor, erlaubte jedoch kleinere Anpassungen. In den frühen 1970er Jahren war Bretton Woods am Ende. Seitdem wird der Wechselkurs der meisten Währungen durch Angebot und Nachfrage ständig neu bestimmt. Deutsche Touristen in den USA machten nun die Erfahrung, dass sie für die gleiche Menge an D-Mark, die sie während ihres Aufenthalts tauschten, jedes Mal eine andere Menge an US-Dollar erhielten. Die gleiche Erfahrung machen sie heute mit Euro.

Noch während im internationalen Zahlungsverkehr das System fester Wechselkurse zusammenbrach, keimte in Europa der Gedanke einer gemeinsamen Währung. 1969 bekundeten die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien, und Luxemburg ihre Absicht, eine Währungsgemeinschaft anzustreben.[2] Schon wenige Monate später begannen sie mit der Ausarbeitung eines "Stufenplans", der aufgrund der Währungsturbulenzen allerdings kurz darauf stockte. Stattdessen führten die Länder im April 1972 die sogenannte Währungsschlange ein. Damit sorgten sie für wechselseitige Stabilität zwischen ihren Währungen. Wer als deutsches Unternehmen einen Vertrag mit einem französischen Unternehmen abschloss, sollte sicher sein, dass er am Ende nur so viele D-Mark in Franc umtauschen musste, wie bei dem Vertragsabschluss geplant war. Die enge Verflechtung der europäischen Wirtschaft ließ einen solchen Plan notwendig erscheinen. Es war der Beginn einer auf Europa beschränkten Währungspolitik mit gegenseitigen Absprachen.[3]

Im März 1979 trat das Europäische Währungssystem (EWS) in Kraft. Es führte ein ausgeklügeltes System fester Wechselkurse mit geringen Schwankungsbreiten ein. Der unmittelbare Auslöser war, dass die Länder Europas auf sich allein gestellt den internationalen Währungsturbulenzen hilflos ausgeliefert waren. Seit dem EWS gab es in Europa eine fiktive Einheitswährung: ECU (European currency unit). Wie bei dem Bretton-Woods-System blieb jedoch ein Risiko bestehen. Arrangements mit festen Wechselkursen können Spekulanten auf den Plan rufen, sobald der Verdacht einer Auf- oder Abwertung im Raum steht. Die Möglichkeiten der Zentralbanken, dagegen zu halten, sind gerade für kleinere Länder begrenzt. Die Währungen werden zum Spielball, mit weitreichenden Folgen. Ein vergleichbares Risiko besteht bei einer gemeinsamen Währung nicht.

Die Ausarbeitungen für eine vollständige Währungsunion begannen im Sommer 1988 unter Jacques Delors, damaliger Präsident der Europäischen Kommission. Das Gefühl, dem Dollar eine alternative Leitwährung entgegensetzen zu müssen, hatte sich in den 1980er Jahren verstärkt. Im Winter 1991 kamen die Teilnehmerstaaten in Maastricht zusammen und einigten sich auf einen festen Fahrplan. Der für die Entwicklung der EU grundlegende Vertrag trat am 1. November 1993 in Kraft. 1994 wurde das Europäische Währungsinstitut (EWI) gegründet, ein Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) und bereits mit Sitz in Frankfurt. Der Fahrplan zur Einführung des Euro wurde schließlich im Dezember 1995 in Madrid angenommen. Seitdem stand auch der Name der Währung fest.

Im Mai 1998 beschloss der Europäische Rat, welche Länder bei der Einführung dabei sein werden. Auch die Wechselkurse wurden festgelegt. Am 1. Januar 1999 begann die Währungsunion. Die Wechselkurse waren nun fest und unwiderruflich. Genau drei Jahre später ersetzten die Euroländer ihre Bargeldbestände durch die neue Währung. Für den Beginn der Geschichte des Euro lassen sich also viele Jahre nennen. Anders als die vertraglich unwiderruflichen Wechselkurse der nationalen Währungen gegenüber dem Euro war die europäische Gemeinschaftswährung allerdings durchaus widerruflich. Während die ersten Vorbereitungen in den 1970er und 1980er Jahren von der Öffentlichkeit kaum beachtet wurden, begann in den 1990er Jahren ein politischer Kampf um die Einführung, der die europäischen Gesellschaften spaltete. Mehr als einmal schien die Einführung gefährdet.

Streit der Nationen



Die durch zahlreiche Feste markierte Einführung verdeckte, dass der Euro in Europa keineswegs von großer Eintracht getragen war. Schon die Wahl des Zentralbankchefs, die am Ende auf den Niederländer Wim Duisenberg fiel, war umkämpft. Tiefgreifender jedoch war der Streit zwischen Frankreich und Deutschland: Die Franzosen waren wesentliche Impulsgeber für die gemeinsame Währung, da sie diese als Möglichkeit sahen, Deutschland wirtschaftlich zu integrieren. Zugrunde gelegen habe dem, so der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt, "die französische Besorgnis vor einem übermächtigen Deutschland – genauer gesagt: vor einer übermächtigen D-Mark".[4] In der öffentlichen Debatte, die sich Mitte der 1990er Jahre zuspitzte, stritten die beiden Länder vor allem um die Frage, wie unabhängig die Zentralbank sein sollte.[5]

Die Perspektive auf nationale "Interessen" oder "Kulturen" prägte zwar den öffentlichen Diskurs, aber im transnationalen Projekt der Europawährung war sie nur ein Aspekt unter vielen. Aus Sicht der deutschen Wirtschaft beispielsweise verliefen die Konfliktlinien keineswegs zwischen den Ländern. Mit ihrer Politik einer starken D-Mark hatte die Bundesbank Unternehmen und Arbeiterschaft immer wieder frustriert. Bankiers und Industrielle waren daher frühzeitig für den Euro. Innenpolitisch formierte sich in den späten 1990er Jahren dagegen parteiübergreifender Widerstand.[6] Skeptisch zeigte sich nicht nur SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder. Auch parteiintern hatte Kohl gegen Widerstand zu kämpfen, insbesondere gegen Edmund Stoiber und Kurt Biedenkopf, die ihre Sorge eines "weichen" oder "labilen" Euro äußerten. Auch die Ökonomen waren tief gespalten in eine kleine Zahl von Unterstützern und eine größere Zahl von Gegnern.[7] Viele der Argumente beruhten auf kaum belastbaren Prognosen. Der Euro war eben ein noch nie dagewesenes Experiment. Lange waren die Deutschen eine der euroskeptischsten Gruppen, auch wenn in den frühen 1970er Jahren noch eine Mehrheit die Ablösung der D-Mark durch ein "einheitliches europäisches Geld" befürwortet hatte.[8] Danach sanken die Zustimmungswerte kontinuierlich. Anfang der 1990er Jahre sprach sich gerade einmal ein knappes Drittel der Deutschen in Ost und West für den Euro aus.[9] Europäische Kommission und Bundesregierung hatten sich frühzeitig auf einen Mangel an Informationen und Verständnis seitens der europäischen Bevölkerung eingestellt.[10] Viele Werbe- und Informationsaktionen – etwa ein Euro-Infomobil, das in die Ostseebäder geschickt wurde –, verpufften jedoch. Es war schwierig, eine Währung zu vermitteln, die nicht greifbar existierte. Kurz vor der Einführung 1999 konnte sich immerhin gut die Hälfte der Bevölkerung für die Einheitswährung erwärmen.

Stabilitätskriterien und EZB



Stabilität und Wohlstand waren offensichtlich keine rein "deutschen" Tugenden, sondern auch Ziele der internationalen Experten der EZB. Sie hatten bei der Konstruktion der zukünftigen Währung nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Geldwertstabilität ein primäres Ziel darstellen müsse.[11] Zwei Grundlagen sollten inflationäre Entwicklungen verhindern: erstens die Unabhängigkeit der Bank und zweitens die wirtschaftliche Stabilität der Beitrittsländer. Beides wurde bereits 1995 vereinbart, wobei die Unabhängigkeit der Zentralbank deutlich konsequenter umgesetzt wurde als die Einhaltung der Stabilitätskriterien.

Das institutionelle Gebilde des gemeinsamen Währungsraums war insofern einmalig, als die Entstehung moderner Nationalstaaten im 19. Jahrhundert immer eine eigene Währung mit sich gebracht hatte, sodass jede Nation ihre eigene Währungsgeschichte machte. Die Zentralbanken waren mit der Regierung häufig eng verknüpft und instrumentalisierbar. Die Deutschen machten diese Erfahrung zunächst während der Inflation von 1914 bis 1923, als die Reichsbank dem Geldbedarf des Staates durch die Notenpresse nachkam, später dann im Kontext der Schwarzmarktpreise der 1940er Jahre.[12] Das hatte bekanntermaßen traumatische Folgen, die auch nachfolgende Generationen prägten.[13] Die Bundesbank hob daher stets das Ziel der Geldwertstabilität und ihre Unabhängigkeit hervor. In dem Wissen, dass es gerade mit zunehmender Demokratisierung wichtig geworden war, das Vertrauen der Bevölkerung durch symbolische Handlungen und Kommunikation zu sichern, trat sie zudem als "energischer öffentlichkeitspolitischer Agent" hervor.[14] Auch deshalb galt die Bundesbank in den öffentlichen Medien als eine "für Politiker uneinnehmbare Festung",[15] die von zwölf deutschen Schäferhunden bewacht wurde.[16]

Die D-Mark aber blieb ein nationales Gebilde. Und eben das war der Euro nicht mehr. Von ihren Grundstrukturen her entspricht die 1998 gegründete EZB der Bundesbank insofern, als es ein Direktorium gibt, in dem Präsident, Vizepräsident sowie eine Gruppe von vier Generaldirektoren sitzen. Die Aufgabe dieses Gremiums ist es, Weisungen an die Nationalbanken entsprechend der Geldpolitik des EZB-Rates zu erteilen. Der EZB-Rat wiederum setzt sich aus den Mitgliedern des Direktoriums sowie den Zentralbank-Präsidenten der beteiligten EU-Länder zusammen und ist das oberste Entscheidungsorgan. Als internationale Institution und von der Zusammensetzung ihrer Mitglieder her war die EZB jedoch ein Novum, auch wenn die Mitglieder explizit nicht als Vertreter ihres Landes in Rat und Direktorium sitzen.

Ganz wohl war den meisten Beteiligten bei diesem transnationalen Experiment nicht, sodass neben der Unabhängigkeit die zweite Grundlage als gegenseitiger Vertrauensbeweis dienen sollte: die Vereinbarung von Stabilitätskriterien. Die Kriterien waren unter anderem eine geringe Inflationsrate, ein öffentliches Defizit, das nicht höher als drei Prozent des BIP sein durfte, sowie ein öffentlicher Schuldenstand von unter 60 Prozent des BIP. Im Vordergrund stand in der zeitgenössischen Debatte die Frage der Staatsschulden, die mit dem sogenannten Stabilitäts- und Wachstumspakt von 1997 zusätzliche Verbindlichkeit und Öffentlichkeit erhielt.

Die Realität der wirtschaftlichen Entwicklung in den 1990er Jahren ließ die am Reißbrett entworfenen Zahlen bald utopisch erscheinen. Ein Land nach dem anderen drohte aus dem Raster zu fallen. Am Ende erfüllten nur Luxemburg und Finnland die Kriterien. Eines der vieldiskutierten Sorgenkinder in den Jahren vor der Einführung war die Bundesrepublik, die lange Zeit sowohl an der 60-Prozent-Grenze (Schuldenstand) als auch an der 3,0-Prozent-Grenze (öffentliches Defizit) zu scheitern schien – auf den letzten Metern erfüllte sie zumindest letzteres Kriterium. Die genau festgelegten Grenzen erwiesen sich als Problem, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Art Damm betrachtet wurden. Einmal durchbrochen, müsste auch höher verschuldeten Ländern der Zugang gewährt werden. Das war an sich kein logischer Schluss. Klar war aber, dass sich Deutschland mit der Verschuldung in eine problematische Verhandlungsposition begab.

Dass die Bundesrepublik die Kriterien nicht erfüllen konnte, führte zu Buchungstricks, die alles andere als stabilitätstauglich waren. Einen Knalleffekt bewirkte die Forderung an die Bundesbank, ihren Goldschatz neu zu bewerten. Da der Goldwert seit der letzten Bewertung stark gestiegen war, ließ sich der Wert derselben Menge an Gold – in D-Mark berechnet – über Nacht vergrößern. Ein Teil des dadurch "gewonnenen" Geldes sollte nach Bonn überwiesen werden, was als Rückgriff auf die Notenpresse interpretiert wurde. Eine solche Strategie war mit dem Trauma der Inflation belastet, das Kohl und Finanzminister Theo Waigel unterschätzt hatten. Die Regierung musste unter dem öffentlichen Druck einen Rückzieher machen. Hierbei handelte es sich primär um ein psychologisches und symbolisches Problem. Das wird dadurch deutlich, dass der Wert der D-Mark in keiner Weise vom Gold der Bundesbank abhängig war und stabile Länder wie Finnland und Luxemburg vergleichsweise geringe Goldbestände in ihren Zentralbanken hatten.

Euro als Buchgeld



1. Januar 1999, der Euro wird offizielles Zahlungsmittel: Der Umrechnungskurs ist unwiderruflich festgelegt. Das Geld taucht auf den Konten auf. Die Geschäfte zeichnen die Preise bereits doppelt aus. Was die europäische Bevölkerung vom Euro mitbekommt, sind aber zunächst nur vereinzelte Feiern mit jungen Menschen in merkwürdigen Euro-Kostümen. Ansonsten ist der Euro noch kaum Teil ihres Alltags. Verglichen mit dem Tag der Währungsreform von 1948 geht das Ereignis unter. Die meisten Steuern werden nach wie vor in D-Mark gezahlt. Auf den Tastaturen taucht das Euro-Zeichen nicht auf. Aus den Geldautomaten ziehen die Menschen Scheine, die immer noch Carl Friedrich Gauß und Annette von Droste-Hülshoff zeigen. Entsprechend kalkulieren die Deutschen in D-Mark. Nur vereinzelte Unternehmen stellen ihre Bilanzen auf die neue Währung um. Ansonsten machen nur Schauspieler, deren Filme nach 2002 erscheinen, erste Bekanntschaft mit dem neuen Geld.

In den drei Jahren des Übergangs vom offiziellen, aber virtuellen Buchgeld zum tatsächlichen Zahlungsmittel war der Euro vor allem ein Wechselkursphänomen. Mit der Einführung änderte sich der Fokus, der zuvor meist im Kontext widerstreitender nationaler Interessen gestanden hatte. Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung führte dazu, dass sich ein einheitliches Europa den USA gegenübergestellt sah. Um die Jahrtausendwende stand allerdings der schwache Kurs des Euro im Zentrum der Debatte. Innerhalb eines knappen Jahres war der Euro von 1,17 Dollar auf unter die magische Grenze von einem Dollar gesunken.

Auch im neuen Jahrtausend schien der Trend nicht zu stoppen. Die "Bild" spottete über die "Weicheiwährung". Der "Spiegel" sah es nationalpatriotisch: "Was die Urlaubsweltmeister grämt, erfreut den Exportkönig – und der heißt ebenfalls Deutschland."[17] Ökonomisch hatte der "schwache" Euro in der Tat durchaus Vorteile: Im Inland blieben die Preise trotz "Weicheiwährung" stabil, und verglichen mit vorherigen Währungsturbulenzen verlief die Entwicklung moderat. Die dennoch große Aufmerksamkeit lässt sich vor allem dadurch erklären, dass niemand die Kontrollfähigkeit der noch jungen EZB einschätzen konnte. Das Wechselkursproblem verkehrte sich dank einer Erstarkung des Euro allerdings bald in sein Gegenteil, sodass nun vom Euro als der neuen globalen "Leitwährung" die Rede war.[18] Zuvor aber wandelte sich der Euro erst einmal vom Buchgeld zum Bargeld.

Euro als Bargeld



Die Dimensionen der Einführung des Euro als Bargeld waren enorm. Allein in Deutschland standen die Behörden vor der Herausforderung, die Zahl von 2,6 Milliarden Euro-Geldscheinen in Umlauf zu bringen. Die 12,1 Milliarden Euro-Münzen mit einem Gewicht von 100.000 Tonnen hätten nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums rund 35 Güterzüge mit je 20 Waggons füllen können. Sicherheitsexperten befürchteten Überfälle und eine Falschgeldschwemme. Man dachte zwischenzeitlich sogar daran, UV-Lampen im Taschenformat auszuhändigen, um der Bevölkerung die Erkennung von Blüten zu ermöglichen. Am Tag der Notenausgabe war von der langjährigen Skepsis wenig zu spüren. Das neue Geld in den Händen der Menschen erzielte eine völlig andere Wirkung als das kryptische Buchgeld. Wie 1948 bildeten sich lange Schlangen vor den Bankschaltern.

In den Händen war der Euro angekommen; in den Köpfen war die Umstellung schwieriger. Noch über Jahre hinweg rechnete die große Mehrheit in der alten Währung. Ohne diese Rechenübung fehlte ihnen schlicht das Gefühl für die Preise, das heißt, ob das, was sie auf dem Preisschild sahen, auch ein gutes Angebot war. Die meisten Deutschen waren bald der Überzeugung, dass der Euro in Wahrheit ein "Teuro" sei. Von einem Vertrauensverlust in die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, einer Krise im Einzelhandel und einer allgemeinen Lähmung war die Rede. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach hatten 70 Prozent der Befragten wenige Monate nach der Einführung "wenig oder kein Vertrauen in den Euro".[19] Interessant an der Debatte war zum einen, dass die Behörden den Einschätzungen der breiten Bevölkerung nie gefolgt sind. Die vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden berechnete Inflationsrate blieb niedrig. Das Preisniveau stieg in den 1990er Jahren in Deutschland sogar stärker als danach mit dem Euro.[20] Von offizieller Seite fand die Wahrnehmung eines "Teuro" also keine Unterstützung. In den Supermärkten standen dagegen die Leute und zeigten kopfschüttelnd auf die Preisschilder, die nicht so recht dem offiziellen Umrechnungskurs zu entsprechen schienen.

An diesem Punkt setzten Wirtschaftspsychologen an, um den "Teuro" zu erklären: Es handele sich um einen systematischen Rechenfehler, der durch die Erwartungen, die öffentliche Debatte und die selektiven Berichte über tatsächlich vorhandene Preistreibereien begründet und verstärkt worden war. Um den Euro-Preis eines Angebots einschätzen zu können, rechneten die Deutschen diesen in D-Mark um. Dabei verrechneten sie sich sowohl nach oben als auch nach unten. Aber weil sie einen "Teuro" erwarteten, korrigierten sie nur die Resultate, die ihnen zu günstig erschienen. Dadurch wurde der Eindruck einer Preissteigerung verstärkt. Die tatsächlichen und wahrgenommenen Preistreibereien blieben im Gedächtnis, während die ausgleichenden Preissenkungen nicht wahrgenommen wurden.[21]

Neue Sehnsucht?



In langfristiger Betrachtung war der Euro zu keinem Zeitpunkt "weich" oder "teuer". Im Außenverhältnis zum Dollar war er stabiler als die D-Mark vor der Währungsreform. Im Inneren lag die Inflationsrate in Deutschland meist nah an den Zielvorgaben der EZB und führte die geldpolitische Tradition der Bundesbank in dieser Hinsicht nahtlos weiter. An den Kriterien der zeitgenössischen Kritik gemessen, war der Euro also erfolgreich. Die EZB hat unter der Führung eines Niederländers, eines Franzosen und eines Italieners nie Erinnerungen an die Instabilität der Lira erweckt. Auch in Deutschland erhält der Euro aktuell ansehnliche Zustimmungswerte von über 80 Prozent.[22]

Gleichzeitig gibt es nach wie vor lautstarke Gegenstimmen. Um festzustellen, wie groß eine Währungsunion sein sollte, gibt es in der Ökonomie die Theorie des "optimalen Währungsraums". Sie besagt, dass die Vorteilhaftigkeit einer gemeinsamen Währung durch die wirtschaftlichen Strukturen und Ähnlichkeiten innerhalb eines Raums definiert ist, sodass ökonomische Schocks nicht durch Änderungen der Wechselkurse ausgeglichen werden müssen. Voraussetzung dafür sind ein hohes Maß an Faktormobilität – das heißt, dass Arbeit und Kapital leicht den Ort wechseln können – sowie eine große Produktdifferenzierung. Demnach erfüllt die europäische Währungsunion das Kriterium eines optimalen Währungsraums nur bedingt.[23]

Die Staatsschuldenkrise Griechenlands hat – wie schon im Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich – zu einer Gegenüberstellung vermeintlich nationaler Interessen und erneut zum Denken in nationalen Kategorien geführt. Sie hat eine neue Sehnsucht nach der D-Mark befeuert. So ganz verschwunden war diese allerdings nie. Ende des Jahres 2017 waren Schätzungen zu Folge noch fast 13 Milliarden D-Mark im Umlauf, 5,93 Milliarden in Form von Banknoten und 6,7 Milliarden in Form von Münzen. Der in der Geldtheorie geläufige Begriff des "Umlaufs" ist in diesem Fall allerdings irreführend. Denn anders als die Münzen und Banknoten, die als Euro täglich Portemonnaies wechseln, bezahlt heute kaum noch jemand in D-Mark. Wo genau sich das alte Bargeld befindet, weiß niemand. Es könnte im Ausland versteckt, im Garten vergraben oder schlicht zerstört sein. Nur in vereinzelten Handelsketten, die nach wie vor D-Mark akzeptieren, taucht die alte Währung gelegentlich auf, bei der Modekette C&A im Wert von monatlich 50.000 bis 100.000 Mark. Danach wird sie aus dem Verkehr gezogen.[24] Als Zahlungsmittel existiert die D-Mark also noch, in den Erinnerungen der Menschen ohnehin. Insofern ist auch die Geschichte der D-Mark noch nicht ganz zu Ende. Doch mit jeder D-Mark, die in den Kassen der Kaufhäuser landet, wird sie ein bisschen kleiner.
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Autor: Sebastian Teupe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll vom 25.9.1992, S. 9217–9221, http://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/12/12108.pdf«.
2.
Vgl. Henry Krägenau/Wolfgang Wetter, Europäische Wirtschafts- und Währungsunion. Vom Werner-Plan zum Vertrag von Maastricht, Baden-Baden 1993.
3.
Vgl. Dieter Lindenlaub, Vom Wechselkursverbund zur gemeinsamen Währung. Stufen und Probleme der europäischen Währungsintegration seit dem Zerfall des Bretton Woods-Systems fester Wechselkurse Anfang der 1970er-Jahre, in: Rüdiger Hohls/Hartmut Kaelble (Hrsg.), Geschichte der europäischen Integration bis 1989, Stuttgart 2016, S. 246–262; David Marsh, Der Euro. Die geheime Geschichte der neuen Weltwährung, Hamburg 2009.
4.
Helmut Schmidt, Deutschland in und mit Europa, in: Dirk Meyer (Hrsg.), Die Zukunft der Währungsunion. Chancen und Risiken des Euros, Berlin 2012, S. 9–22, hier S. 12.
5.
Vgl. Bernhard Löffler, "Eine Art Religionskrieg". Argumentationsmuster, Diskursstrategien und politische Symbolik in den deutsch-französischen Debatten um die Einführung des Euro, in: ders. (Hrsg.), Die kulturelle Seite der Währung, S. 123–168; Markus Konrad Brunnermeier/Harold James/Jean-Pierre Landau, Euro. Der Kampf der Wirtschaftskulturen, München 2018.
6.
Vgl. Jens Peter Paul, Zwangsumtausch. Wie Kohl und Lafontaine die D-Mark abschafften, Frankfurt/M. u.a. 2010.
7.
Vgl. Ronald I. McKinnon, Mundell, the Euro and the World Dollar Standard, in: Journal of Policy Modeling 22/2000, S. 311–324.
8.
Vgl. Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 8/1983, S. 603.
9.
Vgl. Eurobarometer, ec.europa.eu/echo/eurobarometer_en.
10.
Vgl. Pia Maria Froehlich, Das Problem der Politikvermittlung in der Demokratie. Die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung bei der Einführung des Euro, Würzburg 2001.
11.
Vgl. Harold James, Making the European Monetary Union. The Role of the Committee of Central Bank Governors and the Origins of the European Central Bank, Cambridge MA 2012.
12.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Malte Zierenberg in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Vgl. Dieter Lindenlaub, Deutsches Stabilitätsbewußtsein. Wie kann man es fassen, wie kann man es erklären, welche Bedeutung hat es für die Geldpolitik?, in: Löffler (Anm. 5), S. 63–100.
14.
Bernhard Löffler, Währungsgeschichte als Kulturgeschichte? Konzeptionelle Leitlinien und analytische Probleme kulturhistorischer Ansätze auf wirtschafts- und währungsgeschichtlichen Feld, in: ders. (Anm. 7), S. 3–35, hier S. 25.
15.
Die Gold-Sucher, in: Der Spiegel, 2.6.1997, S. 28.
16.
Siehe hierzu auch die Beiträge von Ulrike Herrmann und Ralph Michael Wrobel in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
17.
Aufschwung dank Absturz, in: Der Spiegel, 1.5.2000, S. 88ff.
18.
Leitwährungen sind besonders stabil, sodass es ohne große Risiken möglich ist, sie zu horten und Verträge in ihr abzuschließen.
19.
Paul (Anm. 6), S. 41.
20.
Vgl. Berthold Busch/Manfred Jäger, Der Weg zum Euro, in: Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Zehn Jahre Euro. Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen, Köln 2008, S. 10f.
21.
Vgl. Eva Traut-Mattausch et al., Illusory Price Increases after the Euro Changeover in Germany. An Expectancy-Consistent Bias, in: Journal of Consumer Policy 30/2007, S. 421–434.
22.
Eurobarometer (Anm. 9).
23.
Vgl. Barry J. Eichengreen, The Political Economy of European Monetary Unification, Boulder 20012.
24.
Vgl. Michael Kläsgen, Die D-Mark ist unsterblich, 4.1.2016, http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/d-mark-unsterblich-1.2805026«.

Sebastian Teupe

Zur Person

Sebastian Teupe

ist Juniorprofessor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bayreuth. Sein Forschungsschwerpunkt ist die deutsche Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit.
sebastian.teupe@uni-bayreuth.de


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