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5.1.2004

Von Feinden und Helden

Inszenierte Politik im realen Sozialismus

Die bipolare Wahrnehmung der Welt durch die SED-Führung äußerte sich in ebenso bipolaren Inszenierungen: "Feinde" und "Saboteure" repräsentierten die dunkle Seite des Kapitalismus, "Freunde" und "Helden" die lichte Sphäre der sozialistischen Zukunft.

Einleitung



"Liebe Eltern! - Alljährlich begegnen wir in den ersten Septembertagen in unseren Straßen den kleinen Lernanfängern. An ihren erwartungsfrohen, festlich gestimmten Gesichtern kann man erkennen, dass dies ein großer Tag für sie ist. Vor unseren Kindern liegt eine glückliche Schulzeit in unserer sozialistischen Schule, und wohl keiner, der sie an ihrem ersten Schultag sieht, geht ohne Anteilnahme vorüber. In diesem Jahr wird Ihr Kind, liebe Eltern, auch dabeisein. Es ist vielleicht das erste Kind, das Sie in unsere Schule bringen, und Sie werden viele Fragen auf dem Herzen haben. Was wird das Kind lernen? Wie wird es erzogen werden? Was können wir Eltern tun?"





In der Broschüre für Eltern von Schulanfängern aus dem Jahr 1973, aus der hier zitiert wird, herausgegeben vom Ministerium für Volksbildung der DDR, bekamen die verunsicherten Väter und Mütter selbstverständlich auch die Antworten seitens der staatlichen Erziehungsbevollmächtigten mitgeliefert: "Helfen Sie Ihrem Kind, zwischen Gut und Böse, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden!"



Das Kind höre die Erwachsenen von Krieg und Frieden reden und frage, was das bedeute. Es würde die Soldaten der Volksarmee sehen und wolle doch wissen, warum sie Soldaten seien. "Antworten Sie richtig - die Soldaten bewachen unsere Grenze vor Feinden, damit du in Ruhe spielen kannst, damit Vati und Mutti arbeiten können und niemand unsere Wohnung zerstört? Oder geben Sie keine Antwort und meinen, dass das Mädchen oder der Junge dazu noch zu klein seien? Lassen Sie nicht zu, dass die Feinde des Sozialismus, die Feinde der Deutschen Demokratischen Republik, mit Hilfe von Fernseh- und Rundfunkstationen durch Lüge und Hetze versuchen, auf Sie und auf Ihr Kind Einfluss zu gewinnen! Ihr Kind soll nicht diesem Gift ausgesetzt werden! Sie würden es in große Konflikte bringen, ihm und seiner Entwicklung schaden.

Es gibt so unendlich viele Fragen, und die müssen wir Erwachsenen ihnen in einer verständlichen Form, die beim Kinde ganz bestimmte Vorstellungen hervorruft, beantworten. Wir müssen sie so beantworten, dass wir schon bei den kleinen Kindern beginnen, die Liebe zu ihrem Arbeiter-und-Bauern-Staat anzuerziehen. Wenn sie in der Schule sind, merken sie sehr bald, ob Mutti, Vati und Lehrer sich einig sind. Gerade das ist so wichtig, weil es ihnen hilft, sich zurechtzufinden. Das ist dann der Keim zu einem sich neu entwickelnden Menschen, der den Sozialismus und den Frieden über alles liebt und den Krieg und die Kriegstreiber hassen wird."[1]

Dieser Elternratgeber ließ keinerlei Zweifel daran aufkommen, wie das Bild der Kinder vom politischen Feind auszusehen hatte, wo die Feinde des Sozialismus standen und wer die Freunde eines friedlichen Alltags der Kinder waren. Und er ließ auch keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass die Antworten in der Schule und zu Hause nicht unterschiedlich auszufallen hatten! Unmissverständliche Freund- und Feindbilder[2] sollten nach Auffassung der Parteioberen gerade in den siebziger Jahren verstärkt propagiert werden, denn eine ideologische Entspannung durfte es nicht geben. Die "neue Ostpolitik" der Bundesrepublik und die "neue Westpolitik" der Sowjetunion sollten weder einem neuen Welt- noch einem neuen Selbstbild des Sozialismus Vorschub leisten. Die Grenzen mussten aus der Sicht der Partei gewahrt bleiben - gerade in Zeiten, in welchen sie in Bewegung zu geraten schienen.

Die zweigeteilte Welt des Marxismus-Leninismus



Mit der Entstehung neuer, "sozialistischer" Gesellschaftsordnungen seit dem Oktober 1917 konstituierten sich neben positiven Selbstbeschreibungen auch entsprechende negative Bilder von dem "Anderen". In theoretischen Abhandlungen, mit publizistischen und propagandistischen Mitteln, aber auch administrativ, also mit Gesetzen, Direktiven und Verordnungen, zuweilen sogar mit Hilfe des Strafgesetzbuches, legten Ideologen und Propagandisten die Grundlagen für eine möglichst frühzeitige Vermittlung stereotyper Feindbilder. "Es kommt darauf an", heißt es etwa im Gefolge des 11. Plenums des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im Jahr 1965, "der Jugend zu helfen, gegen den Imperialismus und die bürgerliche Ideologie selbstbewusst und standhaft aufzutreten und die Lügen und Verleumdungen des Feindes zu entlarven. Die klare Abgrenzung von der Geisteswelt des imperialistischen Feindes ist eine immer aktuelle Forderung an unsere politische Arbeit, weil der Kampf der gegensätzlichen ideologischen Konzeption in unserer Epoche natürlich auch der Kampf um die Jugend ist."[3]

In den sozialistischen Staaten entsprachen die Bilder von Feinden und Freunden einem durch und durch zweigeteilten Denkschema. Polare Argumentationsfiguren ließen nirgendwo dritte Wege, nirgendwo Schattierungen und Abstufungen zu. Ebenso unversöhnlich wie unverrückbar schienen sich die Pole konfrontativ gegenüberzustehen.

Auf der philosophisch-ideologischen Ebene[4] gilt das Gesetz vom Kampf der Gegensätze, die gleichwohl eine Einheit bilden. Lenin hatte es als den Kern dialektischen Denkens bezeichnet, für die marxistisch-leninistische Lehre stelle dieses eherne Gesetz die "innere Quelle aller Bewegung und Entwicklung in der materiellen Welt" dar.[5] Die unmittelbare Ursache von Fortschritt ist demzufolge der Kampf antagonistischer Gegensätze: "Er bewirkt die Veränderung und Umwandlung der Dinge und Erscheinungen; er führt zum Untergang des Alten, Überlebten und zum Sieg des Neuen."[6] Der Kampf der Gegensätze wird hier zum gottgleichen Beweger erhoben; eine neue Qualität der Entwicklung kann nur durch ein Um-Schlagen, eine Auf-Hebung der Gegensätze, erreicht werden.

Tertium non datur - eine dritte Möglichkeit gibt es nicht: Als der "grundlegende weltweite Widerspruch der gegenwärtigen Epoche" wird nicht zuletzt von daher "der Widerspruch zwischen den beiden Weltsystemen" definiert. Der grundlegende politische und ökonomische Antagonismus wird ausschließlich als Kampf zweier Pole interpretiert. Hierbei ringen das sozialistische und das kapitalistische Lager um die Vormacht, wobei der politische Antagonismus der USA und der Sowjetunion das Leitmotiv schlechthin darstellt. Dort die Vormacht des Imperialismus und des Militarismus, hier die des Friedenslagers. Dort die volksfeindliche Herrschaft des Monopolkapitals, hier die Herrschaft des Volkes, das die Produktionsmittel als sein Eigentum erkennt. In dieses polare Weltsystem ordnen sich wie selbstverständlich die beiden deutschen Nachkriegsstaaten ein: Westdeutschland und Westberlin werden zu Horten des Faschismus und des Revanchismus, zu Brutstätten der Feinde des Sozialismus.

Tertium non datur: Ein strenges Entweder-oder soll alles Denken und Fühlen durchziehen, das zweigeteilte Weltverständnis wird auf alle Ebenen heruntergebrochen. Das Geschichtsbild wird ebenso dichotom konstruiert wie die Bilder von der Zukunft. Die Gründungserzählung der DDR legitimiert diesen ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden mit seinem angeborenen Antifaschismus. Die DDR, so das propagandistische Selbstbild der fünfziger und sechziger Jahre, ist das Kind einer moralischen Tabula rasa: unschuldig am Krieg, unschuldig am "Faschismus".[7] Das Propagem[8] des historischen Antagonismus verbannt die "Geißel der Menschheit", so Erich Honecker, rigoros in eine Vorzeit, jedwede Verbindung des neuen Staatswesens zur unmittelbaren Vergangenheit wird negiert: Die DDR ist absolut rein und wird daher in den fünfziger Jahren häufig als Neugeborene dargestellt.[9] Ebenso verhält es sich mit den offiziösen Erwartungen an das Morgen: "Die Zukunft ist unwiderruflich auf unserer Seite", schreibt Walter Ulbricht 1969. Der Kommunismus sollte im Jahr 2000 verwirklicht sein, dem sozialistischen Weltsystem würde das neue Jahrtausend gehören:[10] Für die überkommenen und überholten Gegner im Westen gab es schlicht keine Fortexistenz.[11]

Tertium non datur: Nicht anders verhält es sich mit dem Menschenbild: Das Propagem des sozialen Antagonismus lokalisiert auf der einen Seite die Gebeutelten und Ausgebeuteten, die Entrechteten und Geknechteten, die Ausgesetzten und Passiven, im Sozialismus aber, unter der Führung der Partei, die lichte Welt der Befreiten und Wissenden, der Gerechten, der Besseren und der Aktiven: Hier ist der Ort der Freunde, der Kämpfer und der Helden des Sozialismus.[12] Dort dagegen, im Widerstreit der gesellschaftlichen Klassen, muss die Sehnsucht nach Einheit eine Schimäre bleiben, hier, im Sozialismus, ist die Einheit aller Teile und Schichten des Volkes unter der schöpferischen Führung der Arbeiterklasse längst verwirklicht.

Wir haben es mit einem dichotom ausgerichteten Denk- und Fühlschema, einem Muster zur Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit zu tun, das mit den kommunikativen Machtmitteln von Partei und Staat explizit und implizit das Welt-, Fremd- und Selbstverständnis der Bevölkerung durchdringen soll. Alle kognitive Ordnung der Dinge hatte im Sinne dieser unbedingten Polarität zu erfolgen. Außerhalb dieser durfte es keine Möglichkeit der Orientierung, der Ein- oder Unterordnung geben. Dem Feindbild des Ostens liegt ein durchdringender Denk- und Fühlstil zugrunde, der einen ebenso polaren Kommunikationsstil nach sich zieht: Eine derart monolithische Philosophie requiriert eine monologische Kommunikation für sich.

Im Westen regierte ebenfalls ein polares Politikverständnis, vor allem in den fünfziger Jahren, gerade auch bei den herrschenden politischen und kulturellen Eliten.[13] Die dichotomen Freund-Feind-Erzählungen, welche in den politischen Öffentlichkeiten der sozialistischen Staaten von der politischen Propaganda angeboten wurden, unterschieden sich jedoch von den dichotomen Erzählungen, die man im Westen vermittelte.[14] Hier wurde dieses Schema nicht von einer zentralistischen Diktatur durchgesetzt, und es ließ sich nicht auf alle denkbaren Ebenen durchdeklinieren. Sicherlich reklamierten auch die politischen Machthaber im Westen einen Durchsetzungs-anspruch für ihr Interpretationsmuster - doch ließen die dortigen pluralen Öffentlichkeiten stets Arenen für andere Propageme offen.

Das Denkschema der unbedingten Polarität fand sich in den sozialistischen Gesellschaften indes konsequent und abgestimmt von der Wiege bis zur Bahre umgesetzt: in Kinderzeitschriften wie "Bummi", "Frösi" oder "Atze" respektive deren Pendants,[15] in der vorschulischen und schulischen Erziehung, bei den Pionier- und Jugendorganisationen, zur Jugendweihe und bei den Streitkräften, im Fernsehen und im Kino, in der Propaganda im Betrieb und auf der Straße: Alle Stationen der Sozialisation waren nicht zuletzt der Vermittlung dieses dichotomen Weltverständnisses und Wahrnehmungsschemas gewidmet.[16] "Wir gehen davon aus, dass ein subjektiv vermitteltes Freund-Feind-Bild, das nicht auf der Grundlage marxistisch-leninistischer Erkenntnisse beruht, zu einer Verschleierung des Freundes beziehungsweise des Feindes führt und nicht zur Herausbildung grundlegender Überzeugungen und eines festen Klassenstandpunktes bei den Schülern beiträgt", so ein Pädagoge und Propagandist programmatisch 1970. Es komme darauf an, keine abstrakten Freund-Feind-Vorstellungen zu schaffen, "sondern das Freund-Feind-Bild mit typischen Vorstellungen, Erkenntnissen, Begriffen und Überzeugungen über gesellschaftliche Probleme, insbesondere über den Zusammenhang zwischen Imperialismus - Sozialismus und nationaler Frage, zu füllen." Denn: "Die Entwicklung eines klassenmäßigen Freund-Feind-Bildes bei unseren Schülern und Jugendlichen (...) hat für das Erkennen und Werten gesellschaftlicher Prozesse in der Gegenwart und Vergangenheit sowie für die Haltung in der Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus in Deutschland und in der Welt eine große Bedeutung."[17]

Inszenierungen von Ideologie



Mit der durch Wladimir I. Lenin vollzogenen Gleichsetzung von Marxismus und Revolution wurde auch für die nach 1945 unter sowjetischer Hegemonie stehenden Staaten ein regelrecht militantes Freund-Feind-Denken zur obersten Maxime kommunistischer Ideologie und Politik. Ein zentrales Element der intentional monologischen Kommunikation "von oben" bildete ein ganzer Reigen propagandistischer Routinen und Rituale. Diese sollten nicht nur politische Symbole darstellen,[18] sondern sie sollten symbolische Politik sein! Von den Bürgerinnen und Bürgern der DDR wurde daher nicht bloß passive Teilnahme erwartet, sondern aktive Teilhabe am rituellen Geschehen.

Wie sehr Rituale in der sozialistischen Gesellschaft nicht nur Politisches repräsentierten, sondern Politik waren, zeigt exemplarisch das Geschehen an den so genannten Ehrentribünen auf: In regelmäßigen zeitlichen Intervallen, zum Ersten Mai und zu den "Geburtstagen der Republik", fand an diesen Tribünen eine rituelle Begegnung von Herrschenden und Beherrschten statt, eine Begegnung, die Loyalität und Legitimität vorführen und stiften sollte.[19] Auch hier ist das dichotome Grundmuster mitsamt seinen klaren Grenzmarkierungen nachweisbar. Auf der einen Seite marschierten die Werktätigen: Sie zeigten im Vorbeimarsch, dass sie die vorgegebenen Pläne erfüllt oder sogar "übererfüllt" hatten, sie beglaubigten ihre Treue zur Partei und zum Staat, scharten sich hinter die gültigen Losungen, demonstrierten die traditionellen deutschen Tugenden, ergänzt um sozialistische Werte wie "Friedensliebe", "Geschlossenheit", "Fröhlichkeit". Auf der anderen Seite, auf der Tribühne, standen die Repräsentanten der Partei- und Staatsführung, sorgfältig ausgewählt und mit Bedacht aufgereiht: Ihr väterlich-wohlwollender Blick versprach, auch künftig für Ruhe und bescheidenen Wohlstand, für soziale Sicherheit und für relative Ungestörtheit in geduldeten privaten wie halböffentlichen Nischen zu sorgen. Dieses Versprechen bekräftigten sie durch das Volksfest, das sie unmittelbar nach dem Vorbeimarsch farbenfroh offerierten. Den Kern dieses Rituals bildete ein archaisch-"paternalistisches" Tauschgeschehen.[20] Das archaisch-feudale Ritual des Austausches von Gaben und "Geschenken"[21] gehörte zu den zentralen kommunikativen Akten der Rituale in der DDR; geradezu mustergültig wurde dieser Handel an der Tribüne zelebriert. Hier trafen also nicht nur "Oben" und "Unten" aufeinander, sondern wurde darüber hinaus auch immer wieder der Versuch gemacht, die von oben kommenden ideologischen und politischen Forderungen mit den von unten kommenden Ansprüchen des Alltags in Einklang zu bringen. Das Treffen von Führung und Volk an der Tribüne erneuerte somit in regelmäßigen Zeiträumen ein "Treue-Schutz-Gelöbnis" zwischen "Bürgern und Obrigkeit". Und selten wurde die Grenze zwischen den Sphären so deutlich markiert: Die Oberen standen oben, während die von unten auch unten liefen.

Die Herrschenden kommunizierten mit den Beherrschten durch Rituale.[22] Mehr noch: Es ist davon auszugehen, dass jegliche Kommunikationen zwischen Volk und Führung im Sozialismus überwiegend rituelle Anteile aufwiesen: Ästhetisierte, visuelle und verbale Ritualisierungen stellten kanalisierte und restringierte politische Kommunikationen dar, die der Partei- und Staatsführung ein Maximum an Sicherheit vor unkontrollierten, eigenwilligen Artikulationen durch die aus ihrer Sicht stets suspekten Vielen boten. Hierbei handelt es sich um Kommunikationsformen, die gleichwohl bedeutende soziale, kulturelle und politische Leistungen erbrachten. Freilich, auch Rituale und scheinbar festgezurrte, unverrückbare Kommunikationen vermochten keinen hundertprozentigen Schutz vor eigenwilligen Äußerungen und Handlungen zu bieten.

Die Rituale des Sozialismus setzten einen Akt der Vergemeinschaftung in Szene: Sie sollten ein DDR-eigenes Wir-Verständnis und Wir-Gefühl nicht nur öffentlich vorführen, sondern tatsächlich aufbauen. Das leisteten sie nicht nur durch feierlich inszenierte gemeinschaftliche Handlungen, sondern auch, indem sie das polare Denk- und Fühlschema aufriefen. Daher vergaßen die Regisseure politischer Öffentlichkeiten niemals, auch die polaren Freund-Feind-Erzählungen in die Dramaturgie der politischen Rituale als integrierenden Bestandteil einzubauen.

Protagonisten der Propaganda: Das Heer "der Feinde"



"Hast Du sie Dir genau angesehen, Joe? Die Teens und die Twens? Die Bürstenhaare? Die auf die Haut geklebten Bluejeans? Die Lederjacken à la Marlon Brando? Die grellbunten Nickys?" Diese rhetorischen Fragen stellte die Ostberliner "Wochenpost" 1961, kurz nach dem Mauerbau, einem fiktiven farbigen und demnach mutmaßlich unterprivilegierten US-Soldaten, der in Berlin stationiert war. Die jungen Leute, die hier als Feinde figurierten, wurden nicht nur als "gekaufte" Provokateure des Westens gebrandmarkt, sondern überdies als die Agenten der herrschenden weißen Bourgeoisie entlarvt. Solcherart Feinde, "die Teens" und "die Twens", werfen jetzt mit Steinen nach der Volkspolizei, die doch bloß ihre Pflicht tut! Und, so die Argumentation weiter, in den Vereinigten Staaten würden dieselben Typen zur gleichen Zeit gegen "unschuldige Negerkinder" vorgehen.[23] Die Provokateure sind leicht auszumachen, denn sie tragen die Symbole westlicher Jugendkultur: Nickys, Lederjacken und Blue Jeans - und sie überschreiten die Grenze in mehrfacher Hinsicht.[24]

Dieses Feindbild-Narrativ kennzeichnet Jugendliche aus Westberlin als Feinde der sozialistischen Ordnung - mithin auch als Feinde der neuen Grenze und der neuen Wirklichkeit, die sie einrichtet. Dies scheint symptomatisch: Feindbilder markieren immer auch Grenzen, in diesem Fall ist die Grenze sogar physisch wahrnehmbar, die Mauer in Berlin nämlich. Die Vorstellung von Freunden auf der einen und Fremden auf der anderen Seite impliziert zwangsläufig eine scharf gezogene Demarkationslinie - und zwar im ursprünglichen Wortsinn.

Der hier vorgestellte Feind-Typus zählt zu den äußeren Feinden - Figuren, die ihre Wühlarbeit gegen das Neue vom Boden des Alten aus organisieren: die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik, in den vierziger und fünfziger Jahren ab und an noch Großbritannien. Damit ist die Topographie des politischen Feindbildes in der DDR hinlänglich beschrieben, andere Länder des Westens werden in der Regel nicht mit Feindbildern aufgeladen.

Vor allem aber "Berlin-West" musste als das feindliche Territorium par excellence gelten: "Währungsspekulanten, Grenzgänger und Schieber sorgten für einen ständigen Aderlaß der DDR an Gütern und geistigen Werten. Ausländische Agenten nutzten die offene Grenze nach Berlin-West zur Sabotage und Spionage. Als 'Brückenkopf' und 'Frontstadt' geisterte Berlin-West in den Köpfen Bonner Politiker und in NATO-Kriegsplänen(...) Berlin mit seinen offenen Grenzen war ein idealer Tummelplatz für Provokateure, für Gelichter aller Art, für Geschäftemacher, für Schmutzfinken(...) Achtzig Agentenorganisationen hatten sich dort etabliert. Und Agentenorganisationen befassen sich bekanntlich nicht mit Volkstänzen und anderem erbaulichen Zeitvertreib. Von Westberlin wurde eine großangelegte Abwerbung betrieben, Fachleute, Techniker, Ärzte, Lehrer wurden bestochen, und viele ließen sich bestechen. Von Westberlin aus wurde eine nie gekannte Hetze gegen die Deutsche Demokratische Republik betrieben. Die 'Flüchtlings'propaganda der Springer-Zeitungen erinnerte fatal an die 'Flüchtlings'propaganda der Hitler-Presse kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Von Westberlin aus wurde der Versuch unternommen, die DDR 'auszukaufen'."[25]

In Bonn regierten diesem Welt- und Selbstverständnis zufolge "Nazis", "Faschisten" und "Kriegsverbrecher". Von den westdeutschen Statthaltern des "US-Imperialismus" und "-Kolonialismus", den "Handlangern der Rüstungsmonopole" und "Marionetten der Springerpresse", von den dortigen "Bankherren", "Aktionären", "Großgrundbesitzern" und "kapitalistischen Meinungsfabrikanten"[26] war nur das Schlimmste zu erwarten: Sie mussten als "Kriegstreiber" gelten, rüsteten permanent auf und schickten ihre Agenten zur Sabotage der sozialistischen Ordnung.

Zwischen den äußeren Feinden und den inneren Feinden gab es vielfältige dunkle Verbindungen. Die inneren Feinde wurden von den äußeren nicht nur angeleitet, sondern auch "bezahlt" - ebenso wie die schon genannten jugendlichen "Grenzprovokateure" an der Mauer. Sie werden zu Söldnern des Kapitalismus und Militarismus. Wer die Grenze überschreitet, wird zum Feind, lautet die Regel. Zu den inneren Feinden zählten in den fünfziger Jahren daher auch die so genannten Grenzgänger[27] in Berlin. Diese Gruppe von Arbeitern war der Partei deshalb ein Dorn im Auge, weil sie in Betrieben Westberlins arbeiteten und im Ostteil der Stadt wohnten und lebten: "Zum anderen bestahlen sie uns. Sie tauschten ihr Westgeld 1 zu 4, 1 zu 5, 1 zu 6 um, nutzten bei uns die niedrigen Mieten, die Tarife, die Lebensmittelpreise, spielten dafür den 'dicken Max'."[28]

Eine der wichtigsten Gruppen aus der Vielzahl innerer Feinde stellten die tatsächlichen und vermeintlichen Wirtschaftssaboteure dar, personifiziert etwa als "Otto Murks" und in unzähligen Kampagnen gegeißelt: "Es wird nicht leicht sein, sich das Gesicht des Bösewichtes einzuprägen, denn Murks hat tausend Gesichter! Sah er noch vor dem Frühstück aus wie Werkdirektor Krause - um zehn Uhr kann er schon dem Meister Müller ähneln. Er könnte mit dem Genossenschaftler Brauer ebenso verwechselt werden wie mit dem Architekten Blau; und sicher wird er irgendwo mit unruhigem Gewissen mit dem Malermeister Schrupp in einen Topf geworfen werden können. Darum: Hinfort mit ihm!"[29]

Nicht nur die Westberliner Jugend, auch Vertreter des eigenen Nachwuchses konnten zu Zeiten in den Verruf kommen, Feind zu sein. Junge Leute, die sich in den sechziger Jahren am Rhythmus und an den Rhythmen des Westens begeisterten, die nicht dem Bild der Staatsjugend entsprachen, liefen stets Gefahr, als Rowdies erkannt und entsprechend behandelt zu werden. Der Terminus "Rowdytum" beschrieb nicht nur ein propagandistisches Feindmuster, einen Typus, der an Elementen westlichen Kleidungs-, Musik- und Lebensstils zu erkennen war, sondern auch eine strafrechtliche Kategorie. Seit 1968 konnte man wegen "Rowdytums" angeklagt und verurteilt werden.[30]

Auf propagandistischer Ebene wurde der ideologische Dualismus in leicht kommunizierbare Bilder gegossen: Positiv besetzte Figuren, die "neuen Menschen", personifiziert in "den Helden" oder "den Freunden", und negative Figuren, "die Feinde", "die Militaristen", "die Kapitalisten" oder "die Saboteure", bevölkerten die Propagandabühne der sozialistischen Staaten. Mit diesen Figuren und den mit ihnen verbundenen Erzählungen sollte "das Eigene" und "das Andere" "vermenschlicht" werden. Damit dienten diese Figuren den Machthabern als Sinnbilder des komplexen ideologischen Systems des Sozialismus und seiner nicht minder komplexen politischen und sozialen Deutungen. Nichts konnte die Bedrohung durch "den Kapitalismus" und "den Militarismus" des Westens eingängiger veranschaulichen als Bilder vermeintlicher "Kapitalisten" und "Militaristen". Nichts war im Stande, die postulierte Überlegenheit des Sozialismus glaubhafter zu machen als Bilder von überzeugten Sozialisten: Ein richtig gewähltes Gesicht vermag mehr als tausend Worte zu sagen: Die moderne Verhaltensforschung weiß, dass es Hierarchien der Einprägsamkeit und Hierarchien der Vertrauensbildung gibt: Durch Bilder lässt sich ein Maximum an Informationen weit schneller und weit wirksamer als durch Sprache vermitteln. Und die Erfahrung wirklicher Menschen und die Bilder von Menschen stehen in diesen Hierarchien an erster Stelle. Menschliche Zeugen und ihre Abbilder werden sehr viel besser erinnert als konkrete Wörter.[31] Mit Bedacht ausgewählte Figuren der Propaganda vermögen das Risiko zu vermindern, dass eine politische Botschaft unverständlich formuliert und kommuniziert wird, denn die Physiognomie solcher Figuren kann im Idealfall essenzielle Kernaussagen bündeln und sie auf die Gesichts- und Wesenszüge eines Menschen projizieren. Der Einsatz einer Propaganda mit menschlichem Antlitz macht die Kommunikation aus dem Blickwinkel der Ideologen und Propagandisten präziser. Überdies lässt sich dieKommunikationsabsicht recht genau auf bestimmte Zielgruppen zuschneiden, indem man adäquate Figuren "schafft". Ideologische Schulungen, trockene Agitationsbroschüren oder langatmige Reden lassen sich womöglich mit einigem Geschick umgehen, aber an den nahezu allgegenwärtigen menschlichen Inkarnationen von Gut und Böse, von Schlecht und Recht, den Helden und Feinden des Sozialismus, kommt keine Generation vorbei: Diese Figuren und ihre Narrative fordern immer wieder Wahrnehmung und Aufmerksamkeit - unbeschadet dessen, wie man sich zu ihnen stellen und verhalten will.

Das Grenzregime der Feindbilder



"Feindbilder" können somit als Kommunikationsmuster verstanden werden, die "das Andere" personifizieren und typisieren. Sozialpsychologen charakterisieren diese Erzählungen vom feindlichen Gegenüber als "negative, hoch emotionale veränderungsresistente Vorurteile", die - und das ist entscheidend - bis "zur phantasierten oder gar realen Vernichtung des Gegners" führen können.[32]

Feindbild-Narrative leben von extrem negativen inhaltlichen Zuschreibungen und zeichnen sich durch hohe Stereotypisierungen aus. Sie sind integrierende Bestandteile von übergeordneten bipolaren Schemata, von dichotomen Welt- und Selbstbildern, und ermöglichen durch eine Semantik des Entweder-oder eingängige Verbalisierungen und Visualisierungen. Die einfache semantische Struktur und die Möglichkeit, Feindbilder in unkomplizierte Bilder gießen zu können, schaffen bei den Vielen in der Regel eine rasche Wahrnehmung und Akzeptanz. Freund-Feind-Konstellationen weisen schließlich eine beachtliche Stabilität auf, die über Generationen hinweg im kommunikativen wie kulturellen Gedächtnis weitergegeben werden. Im Gegensatz zu anderen Verallgemeinerungen wie etwa bloßen Vorurteilen sind sie, einmal mit Erfolg kommuniziert, nur mit großem Aufwand zu modifizieren.

Feindbilder - seien es nun Vorstellungen traditioneller Gemeinschaften oder moderner Gesellschaften - folgen stets ähnlichen Mustern: Die eigene Gruppe, die eigene Gesellschaft, die eigene Nation wird überwiegend mit positiven Attributen versehen, "die anderen" erfahren rigide Abwertungen. Feindbilder gehen stets von einem Worst-Case-Denken aus. Vergleichbare Verhaltensweisen der eigenen und der anderen Seite werden nach unterschiedlichen Maßstäben bewertet. Die militärischen, ideologischen und ökonomischen Intentionen und Möglichkeiten des Gegners werden übertrieben wahrgenommen, denn der Feind hegt ja von Natur aus aggressive Absichten. Der Feind gibt ein monolithisches Bild ab: Die Zentralität und Geschlossenheit des Gegners wird maßlos überschätzt. Dabei scheint es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einer weithin homogenen Wahrnehmung des Gegners und dem subjektiven Bedrohungspotential zu geben: Je größer und schlagkräftiger der Feind ist, desto höher ist die Bedrohung und - als Erwiderung - desto stärker ausgeprägt das Feindbild.

Gemeinschaften, und das trifft sowohl für Diktaturen wie für Demokratien zu, bestimmen auf eine ähnliche Weise ihr Verhältnis zum Raum, ihr Verhältnis zu ihrer Umwelt. Sie idealisieren das Hier, das eigene Territorium, indem sie ihm alles Gute und alles Ganzheitliche anheften, alles Üble und Fragmentierte jedoch der Außenwelt zuschreiben.[33] Der jenseits dieser Grenze verwiesene Feind wird zwar damit aus dem eigenen Territorium entfernt und unschädlich gemacht, gleichzeitig aber wird er zur eigenen Stabilisierung benutzbar. Dabei sind die Vorstellungen vom "Draußen" - dem Ort der Anderen - in hohem Maße projektiv gefärbt. Gefährliches Material aus dem Unbewussten, das im Hier nicht geduldet werden kann, wird auf die externe Welt, auf die Welt "der Feinde" gespiegelt. Das bedeutet, dass es teilweise eigene, negierte Anteile sind, die dem Gegenüber angeheftet werden. Insofern repräsentiert "der Feind" die negative Spiegelung des positiven Selbstbildes der eigenen Gruppe.

Die solchermaßen gesellschaftlich akzeptierte oder gar geförderte Externalisierung eigener negativer Anteile scheint für das Überleben von Gruppen von hoher Bedeutung zu sein. Die Verlagerung drohender gruppeninterner Konflikte ermöglicht - zumindest zeitweilig - die Überdeckung der inneren Spannung und die Förderung der eigenen Kohärenz. Die innere Integration wird also auf Kosten der Verfestigung des Konflikts mit einem äußeren Feind erreicht.[34]

So sind der in der frühen Bundesrepublik verbreitete Antikommunismus ebenso wie der gegen Westdeutschland gerichtete Vorwurf des "Revanchismus" seitens der DDR-Regierung vor dem Hintergrund der Konsolidierung des jeweiligen politischen Systems zu analysieren. Die gegenseitig gepflegten und inszenierten Freund- wie Feindbilder sollten mithelfen, das eigenstaatliche respektive das "nationale" Selbstbewusstsein der Deutschen in Ost und West zu stabilisieren. Entsprechend diesem Funktionszusammenhang scheint sich jede der an wechselseitigen Projektionen beteiligten Gesellschaften darum zu bemühen, die Separierung von den jeweils Anderen aufrechtzuerhalten. Um einer gerade drohenden Vermischung des eigenen Wir und mit demjenigen der Anderen vorzubeugen, müssen reale, vor allem aber symbolische Grenzen errichtet werden.[35] Die immer und immer wieder erzählten Feindbilder produzieren daher präzise Vorstellungen von der Scheidelinie dieser bipolaren Welt, und sie fordern ein rigides Grenzregiment ein - in den Köpfen und Herzen der Menschen ebenso wie an einem "Eisernen Vorhang".

Die persönliche, familiale und soziale Nähe zu den vermeintlichen Feinden im Innern wie draußen verlieh den meisten Feindbildkonstruktionen in der DDR freilich wenig Durchsetzungskraft. An das globale Feindbild eines faschistisch-revanchistisch-militaristischen "Westdeutschland" vermochten nur wenige zu glauben. Überdies wurde das feindliche Fremdbild von der "BRD" stets durch das replizierte Selbstbild Westdeutschlands konterkariert. In der DDR handelte es sich ja nicht um eine in sich abgeschlossene politische Öffentlichkeit, sondern um eine, die durch westliche politische und kulturelle Botschaften aufgebrochen war. Das westliche Selbstbild wurde durch konventionelle Medien wie Rundfunk und Fernsehen, aber auch durch westliche Produkte[36] und durch die begeisterten Erzählungen der Westreisenden im Rentenalter transportiert. Diese mannigfaltigen kommunikativen Überlagerungen des Freund-Feind-Diskurses in der DDR führten manche vom Sozialismus aufgebaute gruselige Schimäre in den Augen der Vielen ad absurdum.

Internethinweise

"Helden" des Sozialismus:

1. Rezension des Buches "Sozialistische Feindbilder"

Artikel "Von Menschen und Übermenschen"

Currculum vitae von Dr. Rainer Gries

"Feinde" des Sozialismus:

2. Rezension des Buches "Sozialistische Feindbilder"

Tagungsbericht

Leipziger Kreis

Fußnoten

1.
Unser Kind kommt in die Schule, hrsg. vom Ministerium für Volksbildung der DDR, Berlin (Ost) 1973, S. 2f.
2.
Dieser Beitrag basiert auf der Tagung "Sozialistische Feindbilder. Zur Konstruktion des 'Anderen' in osteuropäischen Ländern und in der DDR", die von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, der Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung, Weimar, der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, dem Goethe-Institut Inter-Nationes, Weimar, und den Autoren im September 2003 veranstaltet wurde. Die Ergebnisse der Konferenz sollen in einem Sammelband dokumentiert werden, der 2004 im Leipziger Universitätsverlag erscheinen wird.
3.
Rede von Egon Krenz, Erster Sekretär der FDJ: "Die Aufgaben der FDJ und der Pionierorganisation ,Ernst Thälmann` nach der 11. Tagung des Zentralkomitees der SED", in: Pionierleiter, hrsgg. vom Organ des Zentralrates der FDJ für Funktionäre in der Pionierorganisation "Ernst Thälmann", Berlin (Ost) (1980) 1, S. 3.
4.
Vgl. die grundlegende Schrift von Norbert Kapferer, Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR 1945 - 1988, Darmstadt 1990.
5.
Dialektischer und historischer Materialismus. Lehrbuch für das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium, Berlin (Ost) 1977, S. 198ff., hier S.199.
6.
Ebd., S. 203.
7.
Vgl. Antonia Grunenberg, Antifaschismus - ein deutscher Mythos, Reinbek bei Hamburg 1993; Annette Leo, Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus, Berlin 2001; Manfred Agethen, Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken, Freiburg im Breisgau 2002.
8.
Unter Propagemen seien im Folgenden "semantische Marker" politischen Inhaltes verstanden, "Erzählungen" begrenzter Komplexität, die wiederholt und über lange Zeit mit Hilfe von Massenmedien einer breiten Zielgruppe vermittelt werden. Aufgrund ihrer elementaren semantischen Struktur sind sie in der Regel eingängig zu bebildern und erfolgreich zu kommunizieren. Propageme haben daher eine hohe Chance auf Aneignung und Akzeptanz durch die Vielen. Vgl. Rainer Gries, Ästhetik und Architektur von Propagemen, in: ders./Wolfgang Schmale (Hrsg.), Propagandageschichte als Kulturgeschichte, erscheint in der Reihe "Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit", Wien 2004 (i.E.).
9.
Vgl. Rainer Gries/Monika Gibas, Die Inszenierung des sozialistischen Deutschland. Geschichte und Dramaturgie der Dezennienfeiern in der DDR, in: Monika Gibas/Rainer Gries/Barbara Jakoby/Doris Müller (Hrsg.), Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999, S. 11 - 40, hier S.32f.
10.
Vgl. Rainer Gries: "(...) Und der Zukunft zugewandt". Oder: Wie der DDR das Jahr 2000 abhanden kam, in: Enno Bünz/Rainer Gries/Frank Möller (Hrsg.), Der "Tag X" in der Geschichte. Erwartungen und Enttäuschungen seit tausend Jahren, Stuttgart 1997, S. 309 - 333, 375 - 378.
11.
Vgl. auch Reinhard Günther, Feindbild Bundesrepublik aus der Sicht der DDR, Bonn-Bad Godesberg 1973.
12.
Zur Konstruktion und zum kulturellen Leistungsvermögen der "Helden des Sozialismus" vgl. Silke Satjukow/Rainer Gries (Hrsg.), Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Berlin 2002, und dies., Von Menschen und Übermenschen. Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 17/2002, S. 39 - 46.
13.
Vgl. Ute Benz/Wolfgang Benz, Deutschland, deine Kinder. Zur Prägung von Feindbildern in Ost und West, München 2001; Vorurteile - Stereotype - Feindbilder. Informationen zur politischen Bildung, München 2001; Zur Analyse außenpolitisch relevanter Feindbilder in der Bundesrepublik 1949 - 1971, Studien 1 - 9 (Studien aus der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung), Frankfurt/M. 1977.
14.
Zu wissenschaftlichen Konjunkturen, Theorieentwicklungen und Begriffsbildungen des Feindbildes in der westlichen Forschungslandschaft vgl. Christoph Weller, Feindbilder. Ansätze und Probleme ihrer Erforschung, Bremen 2001; Anne Katrin Flohr, Feindbilder in der internationalen Politik: ihre Entstehung und ihre Funktion, Münster 1993.
15.
Vgl. Olga M. Prawossudowitsch, Freund und Feind in den Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR. Eine Studie über die wehrerzieherischen Inhalte in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR in dem Zeitraum von 1966 - 1971, Bonn-Bad Godesberg 1973.
16.
Vgl. Lothar von Balluseck, Die guten und die bösen Deutschen. Das Freund-Feind-Bild im Schrifttum der DDR, Bonn-Bad Godesberg 1972; Wolfgang Henrich, Das unverzichtbare Feindbild, Bonn 1981.
17.
Horst Adam, Entwicklung des Freund-Feind-Bildes im Staatsbürgerkundeunterricht der Klassen 7 und 8, in: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde, Heft 2, Berlin (Ost) 1970.
18.
Zur Inszenierung von "oben" vgl. Andreas Pribersky, Symbole und Rituale des Politischen. Ost- und Westeuropa im Vergleich, Frankfurt/M. 1999.
19.
Vgl. Rainer Gries/Monika Gibas, "Vorschlag für den Ersten Mai: die Führung zieht am Volk vorbei!" Überlegungen zu einer Geschichte der Tribüne in der DDR, in: Deutschland Archiv, 28 (1995) 5, S. 481 - 494.
20.
Vgl. Birgit Sauer, "Es lebe der 1. Mai in der DDR!" Die politische Inszenierung eines Staatsfeiertages, in: Horst Dieter Braun/Claudia Reinhold/Hannes A. Schwarz (Hrsg.), Vergangene Zukunft. Mutationen eines Feiertages, Berlin 1991, S. 115ff.
21.
Im Sinne von Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt/M. 19842; Rainer Gries, "(...) deckt alle mit den Tisch der Republik!" Kleine Geschichte der Geburtstagsgeschenke, in: M. Gibas/R. Gries u.a. (Anm. 9), S. 86 - 90.
22.
Vgl. Dieter Vorsteher (Hrsg.), Parteiauftrag: Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR, München-Berlin 1996.
23.
Hallo Joe!, in: Wochenpost, (1961) 36, S. 8.
24.
Vgl. Wochenpost, (1961) 44, S. 3.
25.
Kurt Rückmann, Sonntag, der dreizehnte, in: Wochenpost, (1986) 33, S. 16f.
26.
Walter Ulbricht, Zum Geleit, in: Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED (Hrsg.), Werk der Millionen, Leipzig-Jena-Berlin 1969, S. 7.
27.
Zur Grenzgänger-Agitation vgl. Jörn Schütrumpf, Das Grenzgänger-Problem im Berliner Raum 1948/1949 bis 1961. Dissertation, Berlin (Ost) 1986.
28.
K. Rückmann (Anm. 25).
29.
Der Mann mit den tausend Gesichtern, in: Eulenspiegel, 18 (1963) 2, S. 2.
30.
Vgl. Thomas Lindenberger, Volkspolizei. Herrschaftspraxis und öffentliche Ordnung im SED-Staat 1952 - 1968, Köln-Weimar-Wien 2003, S. 382 - 448.
31.
Vgl. Werner Kroeber-Riel, Bildkommunikation. Imagerystrategien für die Werbung, München 1995, S. 75.
32.
Gert Sommer, Zur Psychologie von Feindbildern, in: Hartmut Voit (Hrsg.), Geschichte ohne Feindbild?, Erlangen 1992, S. 13 - 31, hier S.15f.
33.
Vgl. Peter Jüngst, Territorialität und Psychodynamik. Eine Einführung in die Psychogeographie, Gießen 2000.
34.
Vgl. Stavros Mentzos, Pseudostabilisierung des Ich durch Nationalismus und Krieg, in: Christa Rohde-Dachser (Hrsg.), Über Liebe und Krieg. Psychoanalytische Zeitdiagnosen, Göttingen 1995, S. 66 - 103, hier S.74f.
35.
Vgl. Howard F. Stein, Developmental Time, Cultural Space. Studies in Psychogeography, Norman-London 1987, S. 53.
36.
Zur Kommunikationsleistung von Waren und Produkten vgl. Rainer Gries, Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR, Leipzig 2003.

Rainer Gries, Silke Satjukow

Zur Person

Rainer Gries

Dr. phil. habil., geb. 1958; a. o. Gastprofessor für Kultur- und Kommunikationsgeschichte am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien; Privatdozent für neuere und neueste Geschichte am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Anschrift: Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (IPKW), Universität Wien, Schopenhauerstraße 32, A-1180 Wien.
E-Mail: Rainer.Gries@univie.ac.at

Veröffentlichungen, u. a.: Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR, Leipzig 2003; Die Mark der DDR. Eine Kommunikationsgeschichte der sozialistischen deutschen Währung, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2003.


Zur Person

Silke Satjukow

Dr. phil., geb. 1965; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Projekt: "Russen und Deutsche-Eine Beziehungsgeschichte").
Anschrift: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Historisches Institut, Fürstengraben 13, 07743 Jena.
E-Mail: satjukow@t-online.de

Veröffentlichungen u. a.: Bahnhofstraßen. Geschichte und Bedeutung, Weimar-Köln-Wien 2002; (Hrsg. zus. mit Rainer Gries) Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Berlin 2002.


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