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23.11.2018

Zur "Wiederkehr" des Nationalismus - Essay

Der Nationalismus kehrt wieder. Diese oft gestellte Diagnose nimmt zugleich an, dass er einmal überwunden schien. Und in der Tat: Blickt man auf die Jahrtausendwende zurück, bietet sich ein scheinbar ganz anderes Bild als heute. Die binneneuropäischen Grenzkontrollen waren abgeschafft, eine europäische Währung in Sicht, wir diskutierten über eine europäische Verfassung, und die wissenschaftliche wie öffentliche Debatte wurde von den Themen Globalisierung und transnationale Vernetzung geprägt. Heute werden die Grenzen wieder undurchlässiger, ein Zerfall der EU scheint nicht mehr völlig abwegig, und fast überall erstarkt ein populistischer, identitärer Nationalismus.

Konjunkturen der Wiederkehr-Debatte



Dennoch ist diese Diagnose eigentümlich blind gegenüber einer nur ein wenig weiter zurückreichenden Vergangenheit: Bereits die wissenschaftliche wie öffentliche Debatte in den 1990er Jahren wurde vom Thema Nationalismus dominiert. Der Zerfall Jugoslawiens in seine nationalen Einzelgemeinschaften (inklusive ethnischer Säuberungspraktiken), der Völkermord in Ruanda, die Frage, welche Weltordnung dem Blocksystem des Kalten Krieges nachfolgen sollte, nicht zuletzt die Rückkehr eines aggressiven, ausländerfeindlichen Nationalismus in Deutschland (inklusive rassistischer Gewalt) – all das führte im ersten Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer zu einer massiven Beschäftigung mit dem Nationalismus. Und auch damals drehte sich die Debatte um die unheimliche Wiederkehr eines Phänomens, das man für überwunden hielt.

Wissenschaftlich beruhte die Diskussion der 1990er Jahre größtenteils auf einer noch älteren Nationalismusforschung, die mit den Namen Ernest Gellner, Benedict Anderson oder Eric Hobsbawm verbunden ist. Sie alle haben ihre grundlegenden Arbeiten bereits in den 1980er Jahren geschrieben; damals vor allem in Reaktion auf jene große Welle des Nationalismus, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar weniger Europa, aber umso mehr die sogenannte Dritte Welt beherrschte, als koloniale Grenzen und Zugehörigkeiten in moderne, nationale übersetzt werden mussten, was in den wenigsten Fällen konfliktfrei geschah.[1]

Und noch einen Schritt weiter in der Vergangenheit zurück, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, lässt sich die Überwindung des Nationalismus – unter weitgehender Ausblendung dessen, was sich in der sich dekolonisierenden Welt abspielte – als so etwas wie ein Grundkonsens bezeichnen, als Ideal, das den weltpolitischen Großprojekten dieser Zeit zugrunde lag: den Vereinten Nationen, den ersten Bestrebungen einer europäischen Zusammenarbeit, dem Konzept einer freien, westlichen Welt und – auf seine eigene Weise – auch der sozialistischen Staatengemeinschaft des Ostens. "Nationalismus" war nach 1945 so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Schlachten zweier Weltkriege und die extremen Gewalterfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bringen ließen. Der Nationalismus, vermitteln Schulbücher bis heute, habe in den Ersten Weltkrieg geführt, kehrte danach in nochmals radikalisierter Form wieder, um schließlich – angereichert mit antisemitischen und rassistischen Ideologien – auch in den Zweiten Weltkrieg zu führen.

Entsprechend hieß es in den 1990er Jahren rückblickend – auch angesichts der Tatsache, dass es in den Nachrichten um eben jene serbisch-kroatisch-bosnischen Nationalitätenkonflikte ging, die schon 1914 die Schlagzeilen beherrschten –, die Welt kehre zum Nationalismus der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Dieser Nationalismus, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hatte, sei durch Faschismus und den Ost-West-Konflikt nur verschüttet gewesen und tauche jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, wieder auf. In einem ähnlichen historischen Kurzschluss heißt es heute, wir lebten wieder in Weimarer Zeiten, und der Nationalismus der Zwischenkriegszeit kehre wieder.[2]


Das "Zeitalter des Nationalismus"



Das 19. Jahrhundert wird bis heute als "Zeitalter des Nationalismus" geführt – und das obwohl dieser Begriff erst an seinem Ende populär wurde.[3] Nationalgefühle, nationalistische Vorurteile und nationalpolitische Bewegungen gab es massenhaft, doch erst um 1900 wurde all das – in affirmativer wie in kritischer Absicht – in jenem "-ismus" zusammengefasst, den wir heute noch verhandeln. Anlass für diese Begriffsbildung war aber nicht nur die sich in den vorangegangenen hundert Jahren in der gesamten europäischen und westlichen Welt vollziehende Verwandlung dynastisch-ständischer in zumindest tendenziell demokratisch-nationalstaatliche Formen der politischen Gemeinschaft. Vielmehr war es – wie heute – auch im späten 19. Jahrhundert eine eigentlich gegenläufige Tendenz, die die Nation nicht mehr nur als eine natürliche Lebensform der modernen Völker und Gesellschaften, sondern als ideologisches Programm, als einen aktiv zu schützenden Wert oder gar als eine überhaupt erst in der Zukunft wahrhaft herzustellende Einheit erscheinen ließ. Denn die sich mühsam herausgebildete "nationale" Ordnung Europas war am Ende des 19. Jahrhunderts schon längst überformt, entstellt und herausgefordert durch eine sich im Namen des Imperialismus so gewaltvoll wie effektiv vollziehende Form der Globalisierung.

Es ist eine historisch illegitime Verkürzung, den Imperialismus der damaligen Zeit schlicht als eine Art wild gewordenen Nationalismus zu verstehen. Zwischen dem nationalen Anspruch auf partikulare Besonderheit gegenüber Anderen und dem imperialen Anspruch auf globale Einverleibung alles Anderen liegt ein so grundlegender Widerspruch, dass er zeitgenössisch nur durch die Einführung einer weiteren Zugehörigkeitskategorie versöhnt werden konnte: den Rassenbegriff.[4] Denn er hatte den Vorteil, die Nation statt in festen Grenzen als etwas zu denken, das vom Lokal-Familiären bis zum Globalen dehnbar war und dessen Erhalt und Größe von biopolitischen Praktiken der Reinhaltung und der Bekämpfung des Fremden abhing.

In diesem Kontext entstand der Nationalismus-Begriff als Name einer Ideologie, die mit dem hergebrachten Anspruch auf nationale Selbstbestimmung schon kaum mehr etwas zu tun hatte und sie durch Programme der nationalen Selbsterhaltung und Selbstverbesserung ablöste. Auch dort wo eine gemeinsame nationale Vergangenheit verherrlicht wurde, wie etwa im nationalen Denkmalskult der Jahrhundertwende, wurde nicht historisch erinnert, sondern ein mythischer Ursprung erfunden, um zu seiner praktischen Wiederherstellung noch radikaler aufrufen zu können.

Wie wir heute – und nicht zum ersten Mal – von der "Wiederkehr des Nationalismus" sprechen, ging der Nationalismus des 19. Jahrhunderts immer schon von einer Rück- und Wiederkehr der Nation und des Nationalen aus. Nicht nur die bloße Überhöhung der eigenen Nation und die Anfeindung Anderer zeichnete ihn aus, sondern ebenso die Idee, zu einer idealen, ursprünglich einmal existenten, dann aber verlorenen Einheit und Gemeinschaftlichkeit zurückzukehren beziehungsweise diese um jeden Preis wiederherzustellen. Von der nationalen Mythisierung des Arminius in Deutschland oder des Vercingetorix in Frankreich um 1800 bis zum heutigen identitären und rechtspopulistischen Aufruf, das eigene Land und die ursprüngliche Heimat zurückzuerobern, finden sich in allen Nationalismen Verweise auf eine solche mythische Ursprünglichkeit.

Dieses Ursprungsdenken erklärt sich aus dem historischen Entstehungszusammenhang der modernen Nationalidee, die selbst aber mit solchen Ursprüngen und fernen Idealzuständen nichts zu tun hatte. Denn nüchtern betrachtet, entstand die Idee der Nation genau dort, wo im 18. und 19. Jahrhundert staatliche Herrschaft immer weniger über das Ständische und immer stärker über das Prinzip der Volkssouveränität legitimiert wurde, was die Frage aufwarf, wer zu den Trägern dieser neuen Legitimitätsquelle gehören sollte. Hier ging es um die Ablösung und Überwindung hergebrachter Zugehörigkeiten und um die Etablierung einer neuen, rationalen und politischen Willensgemeinschaft, nicht um Wiederherstellung eines Ursprungszustands. Die Nation war anfänglich nichts Anderes als ein Teil der Menschheit, das sich eine gemeinsame staatlich-politische Ordnung gibt. Sie war Ausdruck der partikularen Konkretisierung jener universalen und demokratischen Werte, die die Aufklärung formuliert hatte.

Doch um die neue politische Gemeinschaft zu begründen und gegen restaurative Kräfte durchzusetzen, wurde eine mythische Ursprungs- und Herkunftsgeschichte erfunden. Den Deutschen dienten die Germanen, den Franzosen die Gallier, den Engländern die Angelsachsen und den US-Amerikanern die angeblich Besten und Stärksten Europas als mythische Ur- und Vorbilder der eigentlich völlig neu zu errichtenden Nationalgemeinschaft. Damit wurde die moderne Nation politischer Platzhalter eben jener vormodernen, hergebrachten Bindungen, die sie eigentlich radikal auflöste. Und seitdem ist sie Ausdruck eines doppelten und in sich widersprüchlichen Versprechens: nämlich Zugehörigkeit zum einen als rational, politisch und damit wählbar, zum anderen als vorgegeben, festgelegt und unteilbar zu denken. Es sind diese Befunde, aus denen die Nationalismusforschung seit den 1980er Jahren den Leitsatz ableitet, dass nicht die Nationen den Nationalismus, sondern der Nationalismus die Nationen hervorbringt – einschließlich ihrer Herkunftsmythen.[5]

Bezeichnenderweise kannte die deutsche Sprache des 19. Jahrhunderts für jene beiden Formen, nationale Zugehörigkeit zu denken – die rational-politische und die organisch-vorpolitische –, auch zwei verschiedene Begriffe. Während der Begriff der Nation damals vor allem jene angeblich gewachsene, auf der Gemeinsamkeit von Sprache, Kultur und Abstammung basierende Einheit meinte, wurde die rein politische Einheit eines staatlichen Verbandes als "Volk" bezeichnet. Der Staatsrechtler Johann Caspar Bluntschli formulierte es in seiner Ausführung des Nationalitätenprinzips so: "Jede Nation hat das Recht, einen Staat zu bilden, das heißt: Volk zu werden."[6] Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es für die meisten Zeitgenossen selbstverständlich, dass die Österreicher zwar ein eigenes Volk bildeten, aber keine eigene Nation waren. Erst die völkische Bewegung und der rassistische Nationalismus machten aus dem Begriff der Nation eine politische Programmatik und aus dem Begriff des Volkes eine biologisch-populationstheoretische Größe. Nach dieser semantischen Verkehrung und Verwirrung war es dem Nationalsozialismus ein Leichtes, die Bedeutungen fast aller Zugehörigkeitsbegriffe, der Nation, des Volkes, der Kultur, der "Rasse" oder des Stammes, in seinem biopolitischen Konzept der "Volksgemeinschaft" einzuschmelzen.


Ein neuer Nationalismus



Die Verschmelzung des politischen mit dem vorpolitischen Bedeutungsgehalt im Begriff der Nation ist bis heute nicht rückgängig gemacht worden. Noch heute fällt es uns schwer, die formale Staatszugehörigkeit als hinreichendes Kriterium nationaler Zugehörigkeit zu akzeptieren. Wir wollen einerseits Nationen primär als politische Gemeinschaften denken, wehren uns gegen Ansprüche einer biologisch-ethnischen Bestimmbarkeit von Nationen und sind der Überzeugung, erst kürzlich noch auf dem Weg zu Europäern und Weltbürgern gewesen zu sein, für die nationale Grenzen eigentlich keine Bedeutung mehr haben. Andererseits aber denken wir unsere Nation unwillkürlich als etwas, das dann doch aus mehr besteht als nur aus einem Pass und den damit einhergehenden Rechten und Pflichten. Wir reden von notwendigen Sprach- und Integrationskursen für Neubürger, von Anpassung, von Leitkulturen, Werten und Traditionen, die nun mal zu uns gehören; wir reden von nationalen Identitäten, Kulturen und Eigenheiten; und wir reden von Einwanderern und anderen Kulturen, die besser, und solchen, die schlechter zu uns passen.

Die Trennung zwischen einem politischen und einem vorpolitischen Verständnis der Nation ist idealtypisch. Denn vorpolitische Zugehörigkeitsgefühle können jederzeit politisiert werden ebenso wie umgekehrt, etwa im Konzept des Verfassungspatriotismus, versucht wurde, aus der rechtlich-formalen Zugehörigkeit eine emotionale Bindung abzuleiten.[7] Dennoch scheint es gerade heute wichtiger denn je zu sein, an diese Unterscheidung zu erinnern: nicht nur, weil die Geschichte des modernen Nationalismus ohne sie kaum angemessen zu verstehen ist, mehr noch, weil der politische Sinn des Nationalen heute vielleicht gefährdeter ist, als er es je war. Denn was sich in den jüngsten, meist populistisch agierenden Formen des Nationalismus zeigt, ist weit mehr als nur eine Rückbesinnung und neue Überhöhung des national Eigenen. Vielmehr wird dieses national Eigene derzeit in gleich doppelter Weise völlig neu erfunden.

Erstens geht es, statt um den klassischen Ruf des Nationalismus nach politischer Anerkennung von Partikularität, heute in vielen Fällen um die national-partikulare Besetzung des Politischen überhaupt. So vertritt etwa der deutsche Rechtspopulismus eine Nation, die faktisch eine sehr kleine, geradezu eine Mikro-Partikularität darstellt: Ausgeschlossen ist, neben den einschlägigen Feindbildern Ausländer und Muslime, eigentlich jeder, der anders denkt und die "Lügenpresse" liest. Dieser, glücklicherweise noch recht kleinen Nationalgemeinschaft, geht es in ihren Kampagnen und Slogans nicht darum, ihr besonderes Bild der Nation – oder wie sie sein sollte – in den Vordergrund zu stellen und etwa durch mythische oder historische Erzählungen zu begründen. Der heutige Nationalismus ist viel geschichtsvergessener als alle seine Vorläufer, nur selten mobilisiert er Herkunfts- und Ursprungsmythen. Stattdessen stellt er sein enges, ethnozentrisches und vollkommen vorpolitisches Nationsverständnis unmittelbar in den Raum des Politischen – und das gerade nicht mehr im Namen der Nation, sondern mit dem Anspruch, das Politische und die Demokratie selbst neu zu erfinden: "Wir sind das Volk". Vielleicht ist dieser neue Nationalismus in der Tat der erste, der eine solche unmittelbare, fast kurzschlussartige Gleichsetzung und Identität zwischen dem Demos und dem Ethnos herstellt. Das ist das doppelte Versprechen, das dieser neue Nationalismus verkaufen will: die Neuerfindung von Demokratie und Volkssouveränität bei gleichzeitigem Festhalten an der Idee, dass dieses Volk im Kern eine biologische Abstammungsgemeinschaft ist. Weder von der Nation als politischer Willensgemeinschaft noch von der vorpolitischen Nation als ein historisch gewachsenes Stück Menschheit bleibt in dieser Melange viel übrig. An ihre Stelle treten Populismus und Biopolitik.

Zweitens unterläuft oder überspringt der neue Nationalismus die gegebenen nationalen und nationalstaatlichen Grenzen mühelos – ein weiteres Indiz für ein neues Nationsverständnis. So bilden die nationalpopulistischen Bewegungen Europas eine auch öffentlich auftretende Interessengemeinschaft, die wenig mit einer internationalen Solidarität der Nationalisten, viel aber mit einem transnationalen Bund der Fremdenfeindlichkeit zu tun hat. Diese Verbrüderung der neuen, eigentlich streng ethnozentrischen Nationalismen greift noch weiter aus, bis nach Russland und über den Atlantik. Und selbst dort, wo wir es – wie in Sachsen – scheinbar mit regional und kommunal besonderen Spielformen des neuen Nationalismus zu tun haben, verrät schon die Namensgebung eine ganz andere Dimension: "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Als hätte dieser Nationalismus von der Umweltbewegung gelernt: "Think globally, act locally." Die Nation, für die hier geworben und protestiert wird, ist eigentlich keine gegebene Partikularität mehr, sondern ein diffuses, aber umso flexibleres Programm der Stiftung von Gemeinschaftlichkeit durch Ausgrenzung und Anfeindung von allem, was irgendwie fremd erscheint.

Angesichts solcher Phänomene und Merkmale fällt es schwer, diesen neuen Nationalismus als eine Wiederkehr überwunden geglaubter Partikularismen und nationaler Identitäten zu beschreiben. Vielmehr muss die uns geläufige Entgegensetzung von nationalen und sub- oder transnationalen Zugehörigkeiten sowie das Verhältnis von politischen und vorpolitischen Bindungen hinterfragt werden. Das betrifft nicht nur unseren Blick auf die neuen Nationalismen, sondern ebenso auf den Prozess der europäischen Einigung. Die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums ohne Zölle und ohne Grenzen kann immer noch als eine erstaunliche, wenn auch inzwischen höchst gefährdete Leistung der europäischen Nachkriegsgeschichte gelten. Aber ohne eine europäische Verfassung, ohne europäische Öffentlichkeit, ohne eine erneuerte Legitimierung der europäischen Institutionen und ohne europäische Solidarität wird es mit Europa nicht weitergehen.

Es wäre aber verfehlt, den europäischen Einigungsprozess als eine große, endgültige Überwindung des Nationalen zu denken. Denn das würde Instanz, Begriff und Idee der Nation für eben jene neuen Nationalismen freistellen, die jetzt schon dabei sind, sie in ihrem Sinne in etwas ganz Anderes zu transformieren. Vor diesem Hintergrund ebenso wie angesichts der Tatsache, dass unser Europa einmal mit dem Versöhnungsakt vormals verfeindeter Nationalstaaten begann, wäre es vielleicht an der Zeit, die Nation gleichsam "gegen ihre Liebhaber und Verächter" zu verteidigen. Politische Gemeinschaften, das zeigt nicht zuletzt die Geschichte der modernen Nationen selbst, gelingen dort am ehesten, wo sie gegebene, hergebrachte Zugehörigkeitsformen nicht einfach überwölben oder gar verdrängen, sondern auf diesen aufbauend eine neue, übergreifende Form der Solidarität stiften. Trotz aller Probleme, die sie mit sich bringen, zeugen nicht zuletzt föderale Strukturen von diesem Effekt.

Die Zugehörigkeitsformen innerhalb Europas aber sind primär nationalstaatliche. Den von Staatsoberhäuptern beschlossenen und umgesetzten Strukturen und Institutionen Europas müsste also eine europäisch-demokratische Legitimitäts- und auch Solidaritätsquelle nachwachsen.[8] Träger dieser Legitimitätsquelle können aber weder ein imaginäres europäisches Volk noch eine imaginäre europäische Nation sein, sondern nur die europäischen Nationen selbst, die jenseits des Europäischen Parlaments, wie es bisher existiert, als partikulare Willensgemeinschaft gleichberechtigt an der größeren europäischen Gemeinschaft und ihrer politischen Gestaltung teilhaben müssten. Das wäre das Ideal; seine Konkretisierung würde derzeit etwa den osteuropäischen Staaten wohl ebenso schwerfallen wie dem ökonomischen Monopolisten Deutschland. Wichtiger aber als die Realisierbarkeit solcher Ideen ist die prinzipielle Einsicht, dass ein Europa, das sich weiterhin primär als Überwindung nationaler Grenzen und Differenzen versteht, eben jenem neuen Nationalismus Tür und Tor öffnet, der mithilfe seiner übergreifenden, flexiblen und beliebig verschiebbaren Logik der Fremdenfeindlichkeit in dieser Überwindung gegebener Zugehörigkeiten schon viel weiter ist.

Zurückblicken, nicht gleichsetzen



Historische Rückblicke können zur Lösung dieser Probleme im zukünftigen Umgang mit dem Nationalen beitragen. Historisch zurückzublicken heißt aber nicht gleichzusetzen, wie es derzeit oft mit dem Verweis auf Weimarer Zeiten geschieht. So sehr sie zum Debattieren oder sogar zum historischen Denken anregen können, haben geschichtliche Parallelisierungen immer auch zwei problematische bis fatale Effekte: Zum einen projizieren sie gegenwärtige Verhältnisse in die Vergangenheit zurück und verfälschen diese bis zu dem Punkt, an dem sie als eine andere Vergangenheit, die historiografisch ein neues Licht auf die Gegenwart werfen könnte, verschwindet. Zum zweiten reden sie herbei, was sie als Diagnose ausgeben: Wenn wir uns genügend einreden, in einer Situation wie kurz vor 1933 zu leben – dann wird sich früher oder später auch jemand finden, der zur "Machtergreifung" aufruft.

So oft es derzeit auch zu lesen ist, wir leben nicht in Weimarer Zeiten, denen ein überhöhter und radikaler Nationalismus nachgesagt wird, der sich in einer schwachen Demokratie breitgemacht habe, die ihm schließlich zum Opfer gefallen sei. Ein genauerer Blick auf die Weimarer Zeit wie auch auf die Jahrzehnte zuvor kann demgegenüber auch eine ganz andere Lehre aus der Geschichte ziehen: dass nämlich nationalistische Bewegungen ihre gewalttätigsten und grausamsten Formen keineswegs nur dort annehmen, wo die Nation überhöht und verherrlicht wird, sondern dort, wo sie als politischer-partikularer und auch identitärer Bezugsrahmen untergraben, ausgehöhlt und durch neue imaginäre Zugehörigkeiten ersetzt wird. Ebenso kann historisch erkennbar werden, dass der größte Feind der Demokratie nicht unbedingt in der Gestalt einer veralteten, sich direkt gegen Modernisierung und Demokratie richtenden und rückwärts orientierten Weltanschauung auftreten muss, sondern ebenso in Gestalt einer Ideologie, die unser Verständnis von Nation wie von Demokratie völlig neu erfinden will. Mit anderen Worten: Gerade die scheinbar ewige Wiederkehr des Nationalismus sollte uns nicht blind machen: weder für das, was heute wirklich neu und gewiss nicht wiedergekehrt ist, noch für das, von dem wir nie geglaubt hätten, dass es wiederkehren könnte.

Der Beitrag beruht auf dem Einführungsvortrag zur Tagung "'Wir zuerst!' Nationalismus in Deutschland und Europa" der Bundeszentrale für politische Bildung, die vom 5. bis 6. September 2018 in Mainz stattfand.
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Autor: Christian Geulen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, Berlin 1991 (1983); Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/M. 2007 (1983); Eric Hobsbawm, Nationen und Nationalismus: Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt/M. 2005 (1990).
2.
Zur Debatte vgl. etwa Andreas Wirsching et al. (Hrsg.), Weimarer Verhältnisse? Historische Lektionen für unsere Demokratie, Stuttgart 2018.
3.
Vgl. hierzu Reinhart Koselleck u.a., Art. "Volk, Nation, Nationalismus, Masse", in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 141–451.
4.
Vgl. Christian Geulen, Wahlverwandte. Rassendiskurs und Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, Hamburg 2004.
5.
Vgl. etwa Hans-Ulrich Wehler, Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2011.
6.
Johann Caspar Bluntschli, Art. "Volk und Nation", in: ders./Carl Ludwig Brater (Hrsg.), Deutsches Staatswörterbuch, Bd. 7, Stuttgart 1862, S. 155.
7.
Vgl. Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus, Frankfurt/M. 1990.
8.
So ähnlich formuliert bei Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation, Frankfurt/M. 1998.

Christian Geulen

Zur Person

Christian Geulen

ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Koblenz-Landau. geulen@uni-koblenz.de


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