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30.11.2018

Deponierte Schätze. Archäologien des Mülls als Spiegel der Gesellschaft - Essay

Müll und Abfall sind nicht für die Nachwelt bestimmt. Wer etwas in den Müll wirft, möchte es nicht wiedersehen. Was in der Kippe landet, soll zur Seite geschafft werden, weil es unbrauchbar oder unansehnlich ist, weil es riecht oder schmutzig ist. Die britische Anthropologin Mary Douglas hat bereits vor einem halben Jahrhundert demonstriert, dass Abfall und Schmutz nicht als Substanzen, sondern als Kategorien zu verstehen seien: "Schuhe", schrieb sie, "sind nicht an sich schmutzig, aber es ist schmutzig, sie auf den Esstisch zu stellen".[1] Abfall oder Dreck (dust) sind demnach nicht ihrem Wesen nach Abfall, sie werden es nur, wenn sie am falschen Ort zu finden sind. Wenn etwas Wertvolles nicht mehr gebraucht wird, kann es von einem Moment zum anderen zu Abfall werden. Was für den einen ein Sammlerstück ist, ist für den anderen zuweilen Müll. Die Tatsache, dass Müll nicht nur etwas Materielles ist, sondern auch etwas sozial Konstruiertes sein kann, macht ihn zu einem faszinierenden Forschungsgegenstand für nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen – von der Ökologie bis zur Ethnologie und von der Archäologie bis zur Ethik.[2] Im vorliegenden Essay werfe ich einige Schlaglichter auf die Bedeutung von Abfall in Geschichte und Gegenwart; und ich zeige, wie eine Analyse von Müll Vergangenes zum Sprechen bringt.

Was Abfall ist, ist relativ



Dass es mitunter subjektiv ist, was als Müll gilt und was nicht, verdeutlicht die Geschichte der Collyer Brothers: Es gibt kaum einen Namen in der US-amerikanischen Geschichte, der enger mit Müll verbunden ist als jener dieser zwei exzentrischen Einsiedler, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem herrschaftlichen Sandstein-Reihenhaus im New Yorker Stadtteil Harlem residierten und auf vier Stockwerken Unmengen an Gegenständen horteten. Aus Furcht vor ihrer afroamerikanisch geprägten Nachbarschaft hatten sie sich zunehmend von der Außenwelt abgeschottet. Im März 1947 fand man die beiden "Harlem Mystery Men", denen sagenhafter Reichtum nachgesagt wurde, tot in ihrem Haus. Um sich vor Einbrechern und Schnüfflern zu schützen, hatten sie mehrere Fallen gebaut, eine war ihnen selbst zum Verhängnis geworden: Langley Collyer war unter schweren Zeitungsbündeln erstickt, sein erblindeter und auf ihn angewiesener Bruder Homer daraufhin verhungert. Die Sensationspresse erging sich in endlosen Aufzählungen der wunderlichen Gegenstände, die der zuständige Sheriff, der zum Archäologen stilisiert wurde, aus dem Haus barg. Die Collyer Brothers hatten unter anderem mehrere Klaviere gesammelt, Violinen und Cellos, Spielzeugautos und Fahrräder, Schallplatten, Zeitungen und Bücher, Revolver und Öllampen, Pin-up-girl-Poster und eine hölzerne Krippe mit menschlichen Knochen und Schädeln. Nach der Räumung des Hauses landete alles auf einem Haufen an der Ecke zur 128. Straße. Die Entrümpelung nivellierte die Bedeutung der gesammelten Gegenstände: Zierrat und Memorabilien, Plunder und Nützliches waren mit einem Mal zu einem tonnenschweren Müllberg geworden, der nur darauf wartete, entsorgt zu werden. Die Collyers wurden als "Messies" stigmatisiert; das Collyer-Brothers-Syndrome bezeichnet seither eine ausgeprägte Sammelwut, das pathologische "Horten".[3]

Vor dem 20. Jahrhundert, erklärt die US-Kulturhistorikerin Susan Strasser, gab es kaum Müll: "Frauen verkochten Essensreste zu Suppe oder verfütterten sie an Haustiere; Hühner zum Beispiel fraßen fast alles und revanchierten sich mit Eiern. Langlebige Güter wurden an Menschen aus anderen Schichten oder Generationen weitergegeben oder auf Dachböden und in Kellern für eine spätere Nutzung gelagert. Gegenstände, die Erwachsene nicht mehr benötigten, gingen als Spielsachen an Kinder."[4] Defekte Gegenstände wurden von Handwerkern repariert oder gingen an Trödler über. Die Dreckeimer und Kehrichtfässer blieben im 19. Jahrhundert noch weitgehend leer.

Keine Quelle informiert besser über die "Mülllandschaften" Mitte des 19. Jahrhunderts als die Artmutsreportagen des britischen Journalisten und Sozialreformers Henry Mayhew (1812–1887).[5] Sie legen Zeugnis darüber ab, dass es im Zwielicht der Londoner Unterwelt von Müllsammlern nur so wimmelte. Die dust men, die die Straßen im Auftrag der City of London räumten, standen ganz oben in der Hierarchie. Sie hatten als Einzige ein doppeltes Einkommen, denn sie wurden nicht nur für die Abfuhr von Abfall bezahlt, sie konnten das Weggeworfene auch gewinnbringend an Landwirte und Fabrikbetriebe weiterverkaufen. Mit nahezu allem, was weggeworfen wurde, ließ sich Geld machen. Im viktorianischen England wurde alles Papier aus Lumpen hergestellt; die boomende Zeitungsbranche und der expandierende Buchmarkt machten Lumpen zu einem raren und immer begehrteren Rohstoff. Ladengeschäfte hatten ihre eigenen "Kehrer", und so manche Papierfabrik verfügte über Kohorten von Lumpensammlern. Blut und Knochen wurden zu wertvollem Dünger und zu Seifen verarbeitet, und selbst Schweine- und Hundekot fand in den zahlreichen Gerbereien begehrte Abnehmer. Die Sammler von Hundekot, genannt pure-finders, hatten sich die City of London untereinander aufgeteilt, manche von ihnen arbeiteten mit Unterlieferanten zusammen, unter ihnen Iren, die vor der Hungersnot in ihrem Heimatland geflohen waren. Die Wohnbezirke der Wohlhabenden waren beliebter, weil sich die Qualität des Hundefutters auf die Konsistenz des Kots, der zum Lederbeizen benötigt wurde, niederschlug.

Mehr als zwanzig verschiedene Typen von Müllsammlern sorgten in London für den Abtransport von Essensresten und Fäkalien, verfaulten Lebensmitteln und Altpapier, Schrott und Scherben, Tierkadavern und alten Kleidern. Wer im 19. Jahrhundert durch die Straßen von Englands Hauptstadt zog, watete durch Dreck und roch den Mief. Die Zeitgenossen konnten die verschiedenen Müllmänner schon von Weitem unterscheiden: Die Knochensammler (bone-grubbers) und Lumpensammler (rag gatherers) trugen Säcke und Stöcke mit sich herum, die pure-finders hatten schwarze Handschuhe an, mit denen sie ihre stinkenden Findlinge in mit Lumpen bedeckte Körbe warfen. Die dust men wiederum verwendeten zum Abtransport von Müll Karren. Was nicht in der Themse landete, wurde auf gigantischen dust heaps aufgetürmt – auf Müllbergen, die fürchterlich stanken und gelegentlich niedergebrannt wurden, und doch für die Armen voller Schätze waren, die den Lebensunterhalt einer ganzen Bevölkerungsschicht sicherten. Charles Dickens hat einen dieser Müllberge in der Nähe der Battle Bridge, in der "Vorstadt-Sahara" von London, beschrieben: Dort wurden "Ziegel und Ziegelsteine gebrannt, Knochen verkocht, Teppiche geklopft (…) Hunde weggejagt und Müll von Lieferanten aufgetürmt".[6] Das Müllmilieu des frühindustriellen England erscheint aus heutiger Sicht wie ein wuseliges, von Krankheitserregern verseuchtes Schattenreich. Eine verlorene Welt, der heute keiner mehr nachtrauert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwanden nach und nach nicht nur Schutt und Schmutz, sondern auch Trödler und Lumpensammler. Gesundheitsreformen und städtische Müllsammlungen veränderten das Gesicht der Großstädte grundlegend. Die Massenherstellung machte industrielle Produkte billig und wohlfeil. Was einst noch wertvoll war – Reste und Schrott – landete in der Mülltonne, und der Sinn des Flickens, Reparierens und Bastelns geriet zunehmend in Vergessenheit. Laissez-faire-Kapitalismus und industrielle Produktion beförderten überall in der westlichen Welt die Entstehung von "Überfluss-, Müll-, Konsum- und Wegwerfgesellschaften", denn Gebrauchsgegenstände, die aus der Mode kamen, landeten zunehmend rasch auf Müllkippen oder in Verbrennungsanlagen, denn das Deponieren war günstiger geworden als das Reparieren und Wiederverwerten. Der US-amerikanische Soziologe Vance Packard bezeichnete seine Landsleute 1960 als waste makers – Müllproduzenten.[7]


Garbologie: Müllkippen als Fundgruben



Müll ist jedoch auch eine Quelle: In den verdichteten Schichten der Deponie finden Historikerinnen und Historiker ein Archiv, das Einsichten in Welten eröffnet, über die sich traditionelle Quellen ausschweigen. Die Spurensicherung im "Entsorgungspark", wie Deponien zuweilen euphemistisch genannt werden, muss Behinderungen nicht befürchten. Hier will niemand Gegenstände oder deren ehemalige Bedeutung zurechtrücken. Was in der Mülldeponie landet, hat neben seiner einstigen Deutung auch seinen Wert verloren. Die Müllhalde täuscht nichts vor. Sie will nichts anderes sein als ein Endlager und wird just dadurch zur Fundgrube par excellence.

Im privaten Abfalleimer lässt sich der Müll noch zuordnen. Wer ihn untersucht, erfährt etwas über den vorigen Besitzer oder kommt ihm gar auf die Schliche. Der legendäre Mafia-Boss Joe Bonanno aus Tucson etwa wurde durch den Müll, den er in der Tonne am Straßenrand hinterließ, überführt: Drei Jahre lang schnüffelten Polizeibeamte des Bundesstaats Arizona durch Bonannos Müll und fanden darin Beweismittel, die am Ende zur Verhaftung wegen illegalen Drogenhandels führten. Bonanno hatte die auf Sizilianisch verfassten Belege seiner Transaktionen zwar in kleinste Papierschnipsel zerrissen, aber den Forensikexperten der zuständigen Drogenbekämpfung und Spezialisten des FBI gelang es, die einzelnen Teile wieder zusammenfügen, zu entziffern und die codierte Sprache zu übersetzen. Bonnanos Müll enthielt wertvolle Informationen und brachte den Mafioso jahrelang hinter Gitter.[8]

Anders als der Müll im privaten Abfalleimer ist der Deponiemüll anonym. Über die vorigen Besitzer sagt er in aller Regel nichts mehr aus. Das Weggeworfene erscheint geradezu alltäglich und banal. Und doch ist es in hohem Maße aufschlussreich, enthüllend, ja verräterisch. Anfang der 1970er Jahre startete der Anthropologe William Rathje ein archäologisches Projekt, das im Laufe der Jahre unser Verständnis von Müll als etwas Banalem und Wertlosen von Grund auf verändern sollte.

Rathje hatte nach Untersuchungen im kleineren Stil im Bundesstaat Arizona bewusst die New Yorker Mülldeponie Fresh Kills ausgewählt. Fresh Kills ist nicht nur die voluminöseste Mülldeponie der Welt, sondern überhaupt die größte vom Menschen geschaffene Erdformation. Selbst vom Weltraum aus ist sie deutlich zu sehen. Rathje und sein Team machten sich systematisch an die Ausgrabung. "Es gab keine Leitfäden in Buchform", erklärte Wilson Hughes, Rathjes Grabungsleiter. "Wir benutzten die Methoden der Archäologie" und "entwickelten das, was heute Garbologie [Wissenschaft vom Abfall] heißt".[9] Ausgerüstet mit Stoffschürzen und Gummihandschuhen brachten Rathje, Hughes und deren Team Eimerladungen von Müll ans Tageslicht. Sie gruben Bohrlöcher und Schächte, maßen die Temperatur im Boden, entnahmen Proben aus verschiedenen Müllschichten und etikettierten ihre Funde. Sobald der Müll aus der Erde gehievt war, folgten Teams von Mikrobiologen und Ingenieuren. Sie luden die Proben in Behälter und versiegelten diese sauerstofffrei, sodass die anaeroben Bakterien überleben konnten. Den Biologen folgten technische Mitarbeiter und Studierende, die kleinere Müllproben durch ein Drahtsieb strichen und in Taschen, Kanister oder Gläser abfüllten, um die Substanzen später in Labors untersuchen zu lassen. In den trockenen Ausgrabungsschichten fanden sich bestens erhaltene Dokumente und Tageszeitungen, die eine genaue Datierung des Abfalls zuließen; und aus den feuchten Schichten wurden (oft schleimige) Flüssigkeiten präserviert, die die wissenschaftlichen Teams auf ihre Zusammensetzung hin untersuchten. Die unterschiedlichen Objekte und Substanzen, die bei grober Betrachtung trivial und wertlos erscheinen mochten – Hot Dogs und Medikamente, gemähter Rasen und Kondome, Brotreste und Bierflaschen –, erwiesen sich für die Archäologen als kostbare Fundsachen, die sich wie Teile eines Puzzlespiels zu einem immer größeren Ganzen zusammenfügten.

Was an Rathjes Projekt so neu war: Die Archäologen aus New York untersuchten Bierdosen nicht anders als klassische Archäologen minoische Vasen oder römischen Schmuck. Dieses Vorgehen ging von der Prämisse aus, dass moderne Artefakte, ebenso wie archaische, wichtige Informationen über technische Produktion, Konsumverhalten und Wegwerfpraktiken preisgeben, und dass es sich lohnt, Objekte zu beschreiben und zu klassifizieren. "Für einen Archäologen", schrieb Rathje, "gehören antike Müllgräben und Müllsenken, die sich in aller Regel in der Nähe von Ruinen befinden, zu den glücklichsten Funden überhaupt, weil sie angehäufte Artefakte, Nahrungsreste und andere Relikte enthalten, die Rückschlüsse auf das Verhalten derjenigen Menschen enthalten, die diese einst benutzt haben. Während jeder Archäologe davon träumt, spektakuläre Objekte zu finden, besteht die Brot-und-Butter-Arbeit des Archäologen darin, das absolut Banale und routinemäßig Weggeworfene zu untersuchen."[10] Dementsprechend forderte Rathje, man solle den zeitgenössischen Müll erforschen, gerade weil keine phantastischen, stattdessen aber repräsentative Funde zu erwarten seien.

Innerhalb der drei Jahrzehnte dauernden Laufzeit des Projekts identifizierte Rathje in Arizona und New York eine Fülle von Mustern, von denen einige nicht sonderlich überraschend waren – wie die rasante Zunahme von Plastikmüll –, andere aber brisante Entdeckungen zutage förderten. Hierzu gehörten etwa die Diskrepanzen zwischen behauptetem und realem Konsumverhalten. So erklärten Nachbarschaften durchweg, wesentlich gesünder zu leben, als es ihr Müll widerspiegelte: Denn grundsätzlich war der Anteil von Alkohol und Fertiggerichten signifikant höher, als Befragungen der gleichen Gruppen vermuten ließen. Es zeigte sich jedoch auch, dass Konsumenten auf alarmierende Nachrichten über gesundheitsschädliche Nahrungsmittel unmittelbar reagierten. Zum Beispiel hatten Berichte über den negativen Einfluss von tierischem Fett, die auf eine großangelegte Studie der National Academy of Science 1982 zurückgingen, zur Folge, dass innerhalb kürzester Zeit enorme Mengen von Fettabfällen auf den Müllhalden landeten.[11]

Ähnlich wie klassische Archäologen klassifizierten die Garbologen ihre Fundgegenstände. Sie fanden zum Beispiel heraus, dass Dosenringe sich, je nach Firmen- und Produktprovenienz, in Form und Farbe signifikant voneinander unterscheiden. Mit archäologischem Scharfsinn schlossen sie, dass Bewohner von Wohngebieten, in denen es zwar viele Dosenringe, aber kaum Blechdosen gibt, ihren blechernen Müll offensichtlich der Wiederverwertung zuführen. Mehr als 250.000 Tonnen Müll haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Rathjes "Garbage Project" im Laufe der Jahre ausgehoben und damit einschlägige Entdeckungen zu den Ess- und Trinkgewohnheiten, zum Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln und zu unzähligen anderen Verhaltenskonventionen gemacht.[12]

Untersuchungen aus anderen Ländern sprechen ebenfalls Bände. In einer Studie von 1997 wurde etwa festgestellt, dass 68 Prozent des britischen Mülls kompostierbar und 60 Prozent recyclebar waren. Dennoch landeten 90 Prozent auf Deponien. Authentisch und nahezu ungebrochen, so lautete die Erkenntnis des Projekts, spiegelt Müll das tatsächliche Konsum- und Recyclingverhalten unserer Gesellschaft wider.[13]


Aus den Augen, aus dem Sinn?



Wer sich vor Augen führt, dass ein Kind, das in einem Industrieland geboren wird, innerhalb der ersten sechs Lebensmonate so viel Abfall hinterlässt wie ein Mensch in einem Entwicklungsland in seinem ganzen Leben, mag sich darüber wundern, wie wenig der Müll im Alltag zum Vorschein kommt. Zum einen hat dies damit zu tun, dass wir den Abfall – rund 600 Kilogramm fallen pro Jahr pro Person in Deutschland an – tagtäglich in farbige Tonnen und Container stecken, die ihrerseits nicht selten hinter Zäunen und Mauern versteckt sind. Zum anderen wird ein Teil unseres Mülls ins Ausland verfrachtet. Dies gilt vor allem für Elektroschrott. Hier gilt die Devise: aus den Augen, aus dem Sinn. In den Hinterhofbetrieben von Schwellenländern werden die wertvollen Metalle, etwa aus den Motherboards von Computern, ausgebaut. Immerhin 250 bis 300 Gramm Gold – 50 Mal mehr als im Goldbergbau – finden sich in einer Tonne mit Leiterplatten. Dass Elektroschrott Edelmetalle enthält, die einen hohen Wiederverwertungswert besitzen, hat den ehemaligen Chefökonom der Weltbank, Lawrence H. Summers, zu der zynischen Aussage veranlasst, man solle den Schrott in die am wenigsten entwickelten Länder exportieren, da die Lebenserwartung dort ohnehin niedrig sei und der Müll die ökonomische Situation der Menschen verbessere.[14] Wie Rosinen aus einem Kuchen picken Arbeiterinnen und Arbeiter in Afrika und Asien Metalle – neben Gold auch Silber, Kupfer, Zinn und Palladium – aus den Computern. Von den beim Verkauf erzielten Gewinnen sehen sie fast nichts, stattdessen bezahlen sie mit ihrer Gesundheit, denn die Umweltbelastungen sind horrend.

In Europa gibt es strenge Gesetze, die die regionalen und globalen Müllströme regulieren. Wer aber genau wissen will, wohin die ausrangierten elektronischen Geräte wandern, stößt rasch an Grenzen. Die Spuren von Altgeräten verlieren sich. Zwar tragen in der Europäischen Union die Produzenten die Verantwortung für die Entsorgung des Elektromülls. Die haben sie aber, meist gegen eine geringe Zahlung, an unterschiedliche Akteure abgegeben, je nach Land: an Gemeinden, an den Staat, an Händler oder Unternehmen. So kommt es, dass sich über den Verbleib von mehr als neun Millionen Tonnen Elektromüll, der in der EU alljährlich anfällt, nur wenig sagen lässt. Heute wissen wir zwar auf die Minute genau, wohin Elektrogeräte ausgeliefert werden, aber über ihre Weiternutzung oder Verschrottung ist wenig bekannt. Doch je mehr "Gold" im Müll steckt, desto mehr – so viel lässt sich prophezeien – werden sich Unternehmen zukünftig darum bemühen, den Weg von Elektrogeräten besser nachzuverfolgen.[15]

Vergangenheit zum Sprechen bringen



Menschen und Müll lassen sich nicht isoliert voneinander denken. In der "Kehrseite der Dinge" stecken Geschichten über unsere Vergangenheit und subtile Appelle für eine Zukunft mit weniger Müll.[16] Müll und Weggeworfenes geben Aufschluss über Bedürfnisse und Wertvorstellungen, über einstmals Geschätztes und über das, was wir vergessen wollten. Sie markieren Phasen von Zurückhaltung im Umgang mit Ressourcen und von Überschwang und Verschwendung. Sie zeugen – wie etwa die Trümmer der "Monte Scherbelinos", die Schuttberge in vielen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg – von menschlichen Schicksalen, von Hybris und zerstörten Hoffnungen. Texten und Bildern ähnlich, sind sie Ablagerungen menschlicher Kultur. Sie bringen Vergangenes zum Sprechen. Dabei sind ihre Botschaften untrüglich, weil sie niemals dazu bestimmt waren, "gelesen" zu werden. Für die Geschichtswissenschaft ist die Archäologie des Mülls von unschätzbarem Wert. Der Großteil der deponierten Schätze wartet noch darauf, gehoben zu werden.
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Autor: Christof Mauch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Mary Douglas, Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo, London 1966, S. 35f.
2.
Vgl. Jens Kersten, Inwastement: Abfall in Umwelt und Gesellschaft, Bielefeld 2016.
3.
Vgl. Scott Herring, Collyer Curiosa: A Brief History of Hoarding, in: Criticism 53/2011, S. 159–188; Harold Faber, Homer Collyer, Harlem Recluse, Found Dead at 70, in: The New York Times, 22.3.1947.
4.
Susan Strasser, Waste and Want: A Social History of Trash, New York 1999, S. 12.
5.
Vgl. Henry Mayhew, London Labour and the London Poor, Oxford 2012 (1851).
6.
Charles Dickens, Our Mutual Friend, London–New York 1997 (1865), S. 42. Vgl. auch Jerry White, London in the Nineteenth Century: "A Human Awful Wonder of God", London 2007, S. 68f.; Martin O’Brien, A Crisis of Waste? Understanding the Rubbish Society, New York 2011, S. 61ff.
7.
Vance Packard, The Waste Makers, Philadelphia 1960. Vgl. auch Strasser (Anm. 4), S. 13ff.; Franz-Josef Brüggemeier, Schranken der Natur: Umwelt, Gesellschaft, Experimente. 1750 bis heute, Essen 2014, S. 124; Martin O’Brien, Consumers, Waste and the "Throwaway Society" Thesis: Some Observations on the Evidence, in: International Journal of Applied Sociology 3/2013, S. 19–27.
8.
Vgl. William Rathje/Cullen Murphy, Rubbish! The Archaeology of Garbage, Tucson 2001, S. 18f.; Paul L. Allen, Joe Bonanno: 1905–2002, in: Tucson Citizen, 13.5.2002.
9.
Zit. nach Jeff Harrison, William L. Rathje: 1945–2012, 5.6.2012, http://web.sbs.arizona.edu/college/news/william-l-rathje-1945–2012«.
10.
Rathje/Murphy (Anm. 8), S. 10.
11.
Vgl. ebd., S. 74f.
12.
Vgl. ebd., S. 6–14; Jeffrey Mervis, Working with Waste: World of Waste, in: Science 337/2012, S. 664–667; La Vergne Lehmann, The Garbage Project Revisited: From a 20th Century Archaeology of Food Waste to a Contemporary Study of Food Packaging Waste, in: Sustainability 7/2015, S. 6994–7010; Martin V. Melosi, Fresh Kills: The Making and Unmaking of a Wastescape, in: Christof Mauch (Hrsg.), Out of Sight, Out of Mind: The Politics and Culture of Waste, München 2016, S. 59–66.
13.
Vgl. Murray J. Gray, Environment, Policy and Municipal Waste Management in the UK, in: Transactions of the Institute of British Geographers 22/1997, S. 69–90, hier S. 70.
14.
Vgl. Simone Müller, Rettet die Erde vor den Ökonomen? Lawrence Summers’ Memo und der Kampf um die Deutungshoheit über den internationalen Giftmüllhandel, in: Archiv für Sozialgeschichte 56/2017, S. 353–373.
15.
Vgl. Djahane Salehabadi, Making and Unmaking E-Waste: Tracing the Global Afterlife of Discarded Digital Technologies in Berlin, unveröff. Dissertation, Cornell University, Mai 2014; Deutsche Umwelthilfe e.V., Deutschland ist Exportweltmeister – auch dank Elektroschrott!, Pressemitteilung, 20.6.2007.
16.
Sonja Windmüller, Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem, Münster 2014.

Christof Mauch

Zur Person

Christof Mauch

ist Historiker und Direktor des Rachel Carson Centers for Environment and Society sowie Professor für Amerikanische Kulturgeschichte und Transatlantikstudien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. mauch@lmu.de


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