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30.11.2018

Zur falschen Zeit am falschen Ort. Müll als Ressource

Die stetig wachsende Weltbevölkerung, die nachholende Industrialisierung in den Schwellenländern sowie die nach wie vor hohe Nachfrage nach Rohstoffen in der industrialisierten Welt führen zu einer enormen Beanspruchung der natürlichen Ressourcen und einer erheblichen Belastung der Umwelt. Aktuell verbraucht die Menschheit für die jährliche Produktion von Gütern und Dienstleistungen 1,7 Erden: Das heißt, wir nutzen die Natur 1,7-mal schneller, als Ökosysteme sich regenerieren können, und es ist absehbar, dass die Vorkommen mancher Rohstoffe bald erschöpft sein werden.[1] Seit einigen Jahren wird die zunehmende Verknappung der Ressourcen verstärkt thematisiert, wodurch Fragen zur Ressourceneffizienz und Ressourcensicherheit immer mehr in den Fokus gerückt sind.[2]

Zugleich werden damit auch Fragen nach der Wiederverwertung der bereits genutzten Rohstoffe immer relevanter – und, damit verbunden, wird auch eine andere Betrachtung unseres "Mülls" interessant und notwendig. Denn die Dinge, die wir täglich ausmustern und wegschmeißen, sind zugleich ein Fundus an wichtigen Materialien und Stoffen, die sich wieder nutzbar machen ließen. In unserem Müll sind diese wertvollen Stoffe schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort

Um diese Zusammenhänge zu verdeutlichen, werde ich im Folgenden zunächst auf einige allgemeine Grundlagen zur Reichweite von Rohstoffen und ihrer Verteilung eingehen, um dann im Speziellen drei wichtige Rohstoffe näher zu betrachten, ohne die unser Leben anders aussähe: Phosphor, Kobalt und Kupfer. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie allgegenwärtig sind, aber ebenfalls in großen Mengen ungenutzt oder vermeintlich "verbraucht" auf Deponien landen.

Reichweite und Verteilungsungleichgewicht



Das Problem der Verknappung von Rohstoffen lässt sich durch die Betrachtung der sogenannten statischen Reichweite veranschaulichen. Die Reichweite gibt das Zeitintervall an, wie lange ein Rohstoff nach aktueller Datenlage zur Verfügung steht. Berechnet wird dieser nach den derzeit bekannten und wirtschaftlich gewinnbaren Vorräten (Reserven) und der aktuellen Produktion eines Rohstoffes.[3] Auf Basis der Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe wird für Erdöl zum Beispiel eine statische Reichweite von 41 Jahren berechnet. Werden die Vorkommen berücksichtigt, die zwar bekannt sind, aber nicht mit den heutigen technischen Möglichkeiten wirtschaftlich gefördert werden können (Ressourcen), erhöht sich die Reichweite auf 64 Jahre. Inwieweit die Ressourcenknappheit vorangeschritten ist, verdeutlichen die statischen Reichweiten anderer wichtiger Rohstoffe, wie Antimon, Chrom, Zinn und Zink, die mit unter 20 Jahren angegeben werden.[4]

Global betrachtet sind die Rohstoffe ungleich verteilt: Die Lagerstätten konzentrieren sich oft auf wenige Länder, was mit einer regionalen Abhängigkeit einhergehen kann. Deutschland ist weltweit einer der größten Rohstoffkonsumenten. Die inländischen Rohstoffe beschränken sich jedoch maßgeblich auf Kies, Sand, Kalkstein und Ton – eine Vielzahl von Rohstoffen wie Eisen, Buntmetalle und sogenannte Technologierohstoffe müssen importiert werden.[5] Lithium, das in Batterien verbaut wird, spielt für die Elektromobilität eine entscheidende Rolle. Die Förderung von Lithium in Deutschland ist jedoch marginal. Dies trifft ebenfalls für die sogenannten Seltenen Erden zu, die unter anderem für Magnetwerkstoffe der Generatoren von Windkraftanlagen oder in den Motoren von Elektrofahrzeugen benötigt werden.[6]

Deutschland sichert sich seine Position auf dem Weltmarkt durch Exporte von Technologien. Diese können nicht ohne Energierohstoffe und Metalle produziert werden, was zu einer geopolitischen Abhängigkeit von anderen Ländern führt. Die steigende Nachfrage nach bestimmten Elementen lässt rohstoffreiche Länder an Bedeutung gewinnen, sowohl für den globalen Markt als auch für Deutschland. Damit steigt auch die Bedeutung des Rohstoffsektors für die Entwicklung der Produzentenländer selbst.

Um eine Vorstellung von zukünftigen potenziellen Versorgungsengpässen zu erhalten, wird auf sogenannte Kritikalitätsanalysen zurückgegriffen. In diesen werden einerseits die sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Versorgung (Versorgungsrisiken) und andererseits die Abhängigkeit einer Wirtschaft von den mineralischen Rohstoffen (Vulnerabilität) berücksichtigt. Genauer: Rohstoffe sind als kritisch zu bezeichnen, "wenn das mit ihnen verbundene hohe Versorgungsrisiko in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass sich die weltweite Produktion zum großen Teil in wenigen Ländern konzentriert".[7] In der Regel sind diese Rohstoffe nur schwer durch andere Stoffe ersetzbar und haben eine geringe Recyclingquote.

Beispielsweise wurden in der Studie "Critical Raw Materials for the EU" 20 von 54 untersuchten Rohstoffen für die Europäische Union als "versorgungskritisch" eingestuft.[8] Bei diesen handelt es sich um Borate, Chrom, Kokskohle, Magnesit, Phosphatgestein und Silicium sowie Antimon, Beryllium, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Kobalt, Magnesium, Niob, Metalle der Platingruppe, schwere Seltene Erden, leichte Seltene Erden und Wolfram.

Die Kritikalitätsbetrachtungen basieren in der Regel auf qualitativen Experteneinschätzungen. Dennoch liefern sie wertvolle Hinweise für die Bewertung der Rohstoffverfügbarkeit in einzelnen Ländern, um zukünftige Entwicklungen besser abschätzen zu können. Die folgenden Beispiele – Phosphor, Kobalt und Kupfer – stehen exemplarisch für die Notwendigkeit, unsere Ressourcen intensiver in den Blick zu nehmen. Dabei soll der Fokus verstärkt von den Primärrohstoffen auf die Sekundärrohstoffe gelegt werden. Sekundärrohstoffe sind Elemente beziehungsweise Stoffe, die aus flüssigen oder festen Abfällen stammen und durch gezieltes Recycling für den Wertstoffkreislauf zurückgewonnen wurden.


Lebensessenz Phosphor



Ein lebensnotwendiger Nährstoff für alle Organismen ist Phosphor. Für zahlreiche physiologische und biochemische Prozesse, etwa für die DNA, die Zähne oder den Knochenbau, ist dieser Stoff essenziell. Phosphor wird – in Form von Phosphaten, also Salzen der Phosphorsäure – ausschließlich durch die Nahrung aufgenommen und kann nicht selbstständig vom Körper gebildet werden. Neben Kalium und Sticksoff ist Phosphor einer der drei Hauptnährstoffe für Pflanzen, der nicht durch andere ersetzt werden kann. Um eine optimale Pflanzenentwicklung zu ermöglichen, muss Phosphat in ausreichender Menge und in pflanzenverfügbarer Form im Boden vorhanden sein. Aufgrund seiner Relevanz für die Nahrungsmittelproduktion zählt Phosphor zu den wichtigsten mineralischen Rohstoffen.[9]

Das Hauptanwendungsgebiet von Phosphor ist die Düngemittelindustrie. Von der gesamten Phosphatproduktion fließen 80 bis 90 Prozent in diesen Sektor,[10] weltweit werden jährlich über 40 Millionen Tonnen als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt.[11] Hierbei werden organische sowie mineralische Düngemittel verwendet. Organisches Düngemittel (Wirtschaftsdünger) wird aus Gülle, Mist oder natürlichen Pflanzenrückständen gewonnen. Im Vergleich zu mineralischen Düngemitteln spielen diese jedoch eine eher untergeordnete Rolle, da der Phosphorgehalt im Vergleich zum Stickstoffgehalt geringer ist und zum anderen mineralische Dünger wegen ihrer homogenen Zusammensetzung und besseren Lagerfähigkeit präferiert werden.[12] Weitere große Anwendungsgebiete von Phosphor sind die Futter- und Nahrungsmittelproduktion sowie die Wasch- und Reinigungsmittelherstellung.[13]

Mineralisches Phosphat wird fast ausschließlich im Tagebau gewonnen. Die Lagerstätten sind zu 85 Prozent aus sedimentären und rund 15 Prozent magmatischen Ursprungs.[14] Je nach Entstehungsort variiert der Erzgehalt des Gesteins zwischen 5 und 37 Prozent. Nach dem Abbau werden die Erze mittels physikalischer Verfahren (Flotationsverfahren) zu Rohphosphat aufkonzentriert und der weiteren Aufarbeitung zugeführt. Über zwei Drittel der globalen Rohphosphatförderung entfallen auf nur drei Länder: Mit einem Anteil von 45 Prozent ist China das größte Förderland, gefolgt von Marokko mit 14 Prozent und den USA mit 12 Prozent. Auch auf der Produktionsseite spielen diese Länder eine große Rolle. Damit zeigt sich eine relativ hohe regionale und unternehmerische Konzentration bei der Rohphosphatversorgung.[15]

Die Nachfrage an Düngemitteln ist seit den 1980er Jahren um rund 30 Prozent angestiegen. Speziell in den Schwellenländern hat sie sich stark erhöht, vor allem wegen des gestiegenen Bedarfs an Lebensmitteln, Futtermitteln und Biokraftstoffen.[16] Aktuell wird die weltweite Phosphatnachfrage stark von China, Indien, den USA und Brasilien bestimmt. Rund 70 Prozent aller verfügbaren Phosphatdüngemittel werden dort verbraucht. Aufgrund des zu erwartenden Bevölkerungswachstums ist langfristig mit einem weiteren Anstieg der Phosphatnachfrage zu rechnen.

Da Phosphor ein nicht erneuerbarer Rohstoff ist, wird in den vergangenen Jahren vermehrt auf seine Knappheit hingewiesen. Der sogenannte peak phosphor – also der Zeitpunkt, zu dem die maximale globale Phosphorproduktionsrate erreicht ist – soll in etwa 20 Jahren erreicht sein. Die globalen Phosphatreserven werden aktuell noch auf rund 70 Milliarden Tonnen geschätzt. Bei einem jährlichen Verbrauch von etwa 260 Millionen Tonnen ergibt sich daraus eine statische Reichweite von mehr als 300 Jahren.[17] Demzufolge steht Phosphat aus geologischer Sicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Die langfristige Verfügbarkeit hängt jedoch auch von der Wirtschaftlichkeit der Lagerstätten ab und in wieweit diese technisch nutzbar sind. Folglich muss es das Ziel sein, den Rohstoff optimal und effizient zu nutzen, um auch nachfolgenden Generationen eine ausreichende Versorgung mit Phosphor zu gewährleisten.

Wegen fehlender Lagerstätten sind die Länder der Europäischen Union fast zu 100 Prozent abhängig von ausländischen Phosphorimporten. Auch die Europäische Kommission hat Phosphor als kritischen Rohstoff eingestuft. Begründet wird dies unter anderem durch geopolitische Unwägbarkeiten sowie starke Preisschwankungen durch unerwartete Nachfrageschübe aus Drittländern.[18] Folglich rückt die Sicherung der Rohstoffbasis für Phosphat in der EU und in Deutschland zunehmend in den Fokus.

Tatsächlich aber ist Deutschland gar kein phosphorarmes Land. Allein der Klärschlamm, der jährlich in der Bundesrepublik anfällt, enthält rund 60.000 Tonnen Phosphor. Dieses gelangt über die Ausscheidungen der Menschen in die Abwässer und wird in Kläranlagen teilweise aufbereitet. Etwa ein Viertel des Klärschlamms wird in der Landwirtschaft genutzt.[19] Der Großteil, rund 65 Prozent, geht in die Verbrennungsanlagen. Dort entsteht die Klärschlammasche, die immer noch zu 10 bis 20 Prozent aus Phosphaten besteht. Aktuell werden unterschiedliche Verfahren getestet, um aus der Klärschlammasche Düngemittel, Phosphorsäure oder elementaren Phosphor zu gewinnen. Weitere Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit Phosphor-Rückgewinnungsverfahren direkt aus Abwasser beziehungsweise aus dem anfallenden Klärschlamm.

Das Interesse an neuen Rückgewinnungsverfahren ist nicht zuletzt deshalb groß, weil mit der Neufassung der Klärschlammverordnung vom 3. Oktober 2017 die Rückgewinnung aus Klärschlamm beziehungsweise Verbrennungsaschen zur Pflicht geworden ist. Bis 2029 müssen Kläranlagen ab 100.000 Einwohnerwerten und ab 2032 mit einer Ausbaugröße über 50.000 Einwohnerwerten eine Phosphorrückgewinnung vorweisen. Schlämme mit einem höheren Phosphorgehalt als 20g/kg Trockenmasse dürfen dann nicht mehr direkt landwirtschaftlich genutzt werden, um der Sorge eines Schadstofftransfers in die Futtermittel- beziehungsweise Nahrungsmittelkette vorzubeugen. Aktuell werden in Deutschland rund 70 Verfahren zur Phosphatrückgewinnung diskutiert. Von diesen sind etwa 30 in der Erprobung. Nur wenige werden gegenwärtig im Pilotmaßstab getestet, der die notwenigen Parameter für einen Einsatz in industriellen Großanlagen liefert.[20] Es besteht weiterhin Forschungsbedarf, um ein effizientes und wirtschaftliches Rückgewinnungsverfahren für Phosphor zu gewährleisten.


Handyrohstoff Kobalt



Der Aufschwung der Hightechbranche in den vergangenen Jahrzehnten hat dazu geführt, dass ein Rohstoff aus unserem Umfeld nicht mehr wegzudenken ist: Kobalt. Das Metall ist ferromagnetisch und sehr hart. Es behält seine Stabilität sowie die magnetischen Eigenschaften auch bei hohen Temperaturen bei und ist ein guter Strom- und Wärmeleiter. Sein Hauptanwendungsgebiet ist der Batteriesektor, wo es in Lithium-Ionen-Akkus verbaut wird. Weiterhin ist Kobalt ein wichtiger Rohstoff für temperaturbeständige Superlegierungen, Hochleistungsschnellschnittstahl, Katalysatoren, Hartmetalle, Färbemittel und Magnete. Die weltweite Nachfrage nach Kobalt ist zuletzt stark gestiegen. 2010 lag der jährliche Bedarf bei 65.000 Tonnen, 2015 betrug er über 90.000 Tonnen. Schätzungen zufolge wird die Nachfrage bis 2025 auf etwa 155.000 Tonnen pro Jahr ansteigen.[21] Allein für den Einsatz in Batterien für Elektrofahrzeuge wird für das Jahr 2035 ein Bedarf an 122.000 Tonnen prognostiziert.[22]

2017 wurden weltweit etwa 118.500 Tonnen Kobalt abgebaut, 64 Prozent davon (76.000 Tonnen) allein in der Demokratischen Republik Kongo.[23] Weitere relevante Abbaugebiete sind in China, Kanada und Australien. Kobalt wird fast ausschließlich als Nebenprodukt der Nickel- und Kupferproduktion gewonnen, die Förderung aus Primärlagerstätten macht lediglich 2 Prozent aus.[24] Folglich ist der Kobaltabbau stark an den Abbau dieser Metalle gekoppelt, was dazu beiträgt, dass sowohl das Angebot als auch die Preise für Kobalt erheblichen Schwankungen unterliegen. Reserven sind in großem Maße vorhanden (weltweit rund sieben Millionen Tonnen), unter Berücksichtigung des derzeitigen Verbrauchs liegt ihre statische Reichweite bei 61 Jahren.[25] Trotzdem wird Kobalt in Rohstoffrisikobewertungen als sehr kritisch betrachtet: Da etwa 48 Prozent der Reserven in der DR Kongo liegen und dieses Land stark von Unsicherheit, Ausbeutung und Korruption geprägt ist, gilt das Metall als Konfliktmaterial.

In manchen Anwendungsbereichen, etwa für Legierungen, lässt sich Kobalt durch andere Stoffe ersetzen, jedoch macht dies nur einen geringen Teil aus und geht meist mit Einbußen der gewünschten Eigenschaften einher. Vor diesem Hintergrund und angesichts der zentralen Rolle, die Kobalt für die Hightechbranche spielt, ist es insbesondere in den Industrienationen angebracht, verstärkt über Recyclingmöglichkeiten nachzudenken. Einige Unternehmen haben bereits erfolgreiche Verfahren entwickelt, etwa die belgische Firma Umicore und die Firma Accurec aus Krefeld. Seit einigen Jahren wird Kobalt aus Katalysatoren, Hartmetall- und Superlegierungsschrott zurückgewonnen. Auch aus Lithium-Ionen-Batterien kann Kobalt in Form von Kobaltsulfat erfolgreich zurückgewonnen werden. Das Problem des Recyclings liegt indes weniger in den Verfahren als in der Sammlung und Vorbehandlung der Batterien. Weltweit werden rund 30.000 Tonnen Kobalt in kleinen Batterien verbaut, wie sie etwa in Smartphones und Laptops gebraucht werden. Nur ein kleiner Teil davon gelangt durch Recycling zurück in den Stoffkreislauf.[26]

Angesichts schwankender beziehungsweise steigender Preise versuchen Unternehmen auf der gesamten Welt, ihre Kobaltversorgung zu sichern. Aktuell plant beispielsweise der südkoreanische Bildschirm- und Batteriehersteller Samsung SDI, Kobalt aus gebrauchten Mobiltelefonen zu recyceln. Das Recycling von Althandys und Smartphones birgt durchaus großes Potenzial: Es wird geschätzt, dass sich schon bald jährlich mehrere Tausend Tonnen Kobalt aus alten Batterien gewinnen lassen.[27] Immer mehr Batteriehersteller sind an neuen Recyclingtechnologien interessiert und versuchen auf diese Weise, die Abhängigkeit von dem Hauptförderland DR Kongo zu verringern.

Althandys in deutschen Haushalten, in Millionen. (© Bitkom Research, 2018 (Schätzung auf Grundlage einer Befragung von 1009 Personen ab 14 Jahren in Deutschland))

Allein 2018 wurden in Deutschland rund 22,7 Millionen Smartphones verkauft, und jährlich werden neue Absatzrekorde gemeldet.[28] Durchschnittlich wechseln die Besitzer alle zweieinhalb Jahre ihr Handy beziehungsweise Smartphone. Durch immer neue Innovationen wird diese Nutzungsdauer konstant bleiben oder sich noch verringern. Die Folge: Es werden auch mehr Geräte ausgemustert. Diese Altgeräte werden jedoch meist zu Hause in der Schublade gehortet, statt sie einer Verwertung zuzuführen. Mittlerweile werden in deutschen Haushalten über 120 Millionen Altgeräte unbenutzt aufbewahrt (Abbildung). Ähnlich verhält es sich mit Laptops und Tablets. Verschiedene Hersteller und Netzbetreiber bieten mittlerweile einfache Rücknahmemöglichkeiten an, um Altgeräte in den Rohstoffkreislauf zurückzuführen. Nach wie vor ist das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass alte Elektronikgeräte nicht nur Abfall, sondern wertvolle Rohstoffquellen sein können, jedoch noch ausbaufähig.

Erstes Gebrauchsmetall: Kupfer



Kupfer ist eines der ersten Metalle, das von Menschen verwendet wurde. Und auch heute – trotz immer komplexer werdender technischer und industrieller Prozesse – gehört dieses Metall zu den am weitesten verbreiteten Materialien in unserem alltäglichen Umfeld. Seine vielfältigen Eigenschaften machen es zu einem der nützlichsten Werkstoffe überhaupt, der durch das Legieren mit anderen Metallen noch optimiert werden kann. Denn Kupfer hat eine hervorragende Wärme- und elektrische Leitfähigkeit, ist sehr korrosionsbeständig und lässt sich gut verarbeiten und formen. Daraus ergeben sich vielfältige Anwendungsbereiche. Der wichtigste ist die Elektrotechnik, wo Kupfer beispielsweise als elektrischer Leiter für die Kabelindustrie zum Einsatz kommt. Das zweitwichtigste Anwendungsgebiet ist das Bauwesen, hier wird das Buntmetall unter anderem für Rohre im Sanitär- und Heizungsbereich benötigt.[29]

Gewonnen wird Kupfer aus Erzen, Kiesen und Sanden, je nach den geografischen Gegebenheiten im oberflächennahen Tagebau oder "unter Tage" in Bergwerken. Das geförderte Erz wird durch Flotation zu Kupferkonzentrat aufbereitet. Dieses hat einen durchschnittlichen Kupfergehalt von 25 bis 35 Prozent. Anschließend wird das Konzentrat verhüttet und raffiniert. 2017 wurden weltweit rund 19,7 Millionen Tonnen Kupfer abgebaut. Das größte Abbauland ist Chile mit 5,3 Millionen Tonnen, gefolgt von Peru mit rund 2,4 Millionen Tonnen und China mit 1,8 Millionen Tonnen. Chile verfügt über die größten bekannten Kupfervorkommen der Welt (etwa 40 Prozent) und gehört zu den führenden Produzenten dieses Metalls. Die Reserven Chiles beliefen sich 2017 auf insgesamt 170 Millionen Tonnen. Die Länderkonzentration der Produktion ist trotz des großen chilenischen Anteils gering. Insgesamt werden die geopolitischen Risiken für den Kupfermarkt als unkritisch bis mäßig kritisch bewertet. Deshalb, aber auch wegen der weltweiten Verteilung der Produktionsstandorte, ist nicht zu befürchten, dass es zu einer Firmenkonzentration oder Konzentration der Rohstoffproduktion auf Länderebene kommt. Für Deutschland wird die Importabhängigkeit im Kupferbereich insgesamt als unkritisch eingeschätzt.[30]

Die weltweiten Reserven werden auf 720 Millionen Tonnen und die statische Reichweite auf 39 Jahre geschätzt. Berücksichtigt man die vorhandenen Kupferressourcen (rund 2100 Millionen Tonnen), erhöht sich die geschätzte statische Ressourcenreichweite auf 112 Jahre.[31] Folglich ist unter geologischen Gesichtspunkten die Verfügbarkeit von Kupfer mittelfristig sichergestellt – sofern es gelingt, die Vorkommen durch neue Technologien zu erschließen. Bei dieser Berechnung ist allerdings nicht berücksichtigt, dass sich der Kupferbedarf in den kommenden Jahren, unter anderem im Zuge der eingeleiteten Energiewende in Deutschland, voraussichtlich deutlich steigern wird.

Um die Verfügbarkeit von Kupfer also auch für die nächsten Jahrzehnte zu sichern, gilt es, die Voraussetzungen sowohl für den Abbau als auch für das Recycling des Metalls zu verbessern. Denn Kupfer wird in der Regel nicht "verbraucht": Kupfer ist einer der wenigen Rohstoffe, der ohne jeden Leistungsverlust immer wieder recycelt werden kann. Folglich gibt es keine Qualitätsunterschiede zwischen Primär- und Sekundärkupfer.[32] Zwei Drittel des seit 1900 geförderten Kupfers werden noch immer produktiv genutzt. Dieser hohe Anteil ist vor allem durch Anwendungsbereiche mit langer Nutzungsdauer zu erklären: Rund 55 Prozent des Kupfers werden in Gebäuden mit einer Nutzungsdauer von bis zu 80 Jahren eingesetzt, 15 Prozent werden für Infrastruktur und 10 Prozent in der Industrie verwendet.

An und für sich ist Kupfer leicht zu recyceln, allerdings ergeben sich Schwierigkeiten bei der Sammlung. Aktuell werden jährlich etwa neun Millionen Tonnen Kupfer aus der Wiederverwertung von "altem" Schrott (Kupfer in Altprodukten) und "neuem" Schrott (der bei Produktions- und Fertigungsprozessen anfallende Schrott) gewonnen.[33] Die Recyclingrate, die sich aus der jährlich produzierten Menge aus Sekundärmaterial bezogen auf die Jahresproduktion ergibt, beträgt für Kupfer 45 Prozent. Das heißt, bereits 45 Prozent des gesamten Kupferbedarfs können durch Schrotte und Rücklaufmaterialien abgedeckt werden. Eine Versorgung ausschließlich durch Sekundärkupfer ist zwar kaum möglich, aber dennoch kann das Recyclingmaterial einen erheblichen Beitrag zur Deckung des Bedarfs leisten und somit zu einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen. Speziell für Deutschland, das fast ausschließlich auf Kupferimporte angewiesen ist, ist das Recyclingmaterial also eine wichtige Ressource zur Deckung des Kupferbedarfes.[34]


Abfall als Zukunftsrohstoff



Soll ein nachhaltiger und effizienter Umgang mit heutigen und zukünftigen Ressourcen erreicht werden, ist der Versorgung mit Sekundärrohstoffen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. Das Recycling von ausrangierten Produkten wie Althandys und -laptops, Schrott und Klärschlamm kann die Reichweite der primären Ressourcen maßgeblich verlängern. Somit birgt der "Müll" von heute erhebliches Potenzial, die zukünftige Versorgung mit Rohstoffen zumindest teilweise zu gewährleisten.

In Deutschland stand lange Zeit die sichere und umweltfreundliche Entsorgung im Mittelpunkt der Abfallwirtschaft. Die stoffliche und thermische Verwertung hatte primär die Reduktion der Restabfallmengen zum Ziel. Mittlerweile haben sich jedoch die Verwertungskonzepte der Kreislaufwirtschaft erfolgreich durchgesetzt, und mit dem Altpapier-, Kunststoff- und Glasrecycling sowie der getrennten Bioabfallsammlung und -kompostierung wurden wichtige Schritte hin zu einer geschlossenen Rohstoffwirtschaft getan. Zu einer zukunftsfähigen Kreislaufwirtschaft gehört aber auch der Blick auf das sortenreine und vollständige Wiedergewinnen knapper Ressourcen. Die Aufbereitung von Elektro- und Elektronikgeräten, die verschiedenste knappe Rohstoffmetalle enthalten, ist noch ausbaufähig. Hindernde Faktoren sind bislang einerseits die Aufbereitungskosten und andererseits der Mangel an praxistauglichen Aufbereitungs- sowie effizienten Trenntechnologien.

Darüber hinaus gilt es, Rückholkonzepte zu entwickeln beziehungsweise zu optimieren, um die hochkonzentrierten "kleinen Rohstoffminen", die in unseren Schubladen schlummern, wieder ins System zurückzuführen. Zu einer nachhaltigen Rohstoffpolitik gehört demnach auch, dass Wirtschaftsmodelle erdacht werden, bei denen nicht der Besitz beziehungsweise Kauf eines Gerätes im Vordergrund steht, sondern die Nutzung beziehungsweise die Miete eines Gerätes. Erst dann wird der Produzent seiner Produktverantwortung vollumfänglich gerecht und kann das von ihm gefertigte Gerät als Rohstofflager für die nächsten Gerätegenerationen nutzen.

Zu guter Letzt sollte der Effekt des Rohstoffrecyclings für den Klima- und Umweltschutz nicht unbeachtet bleiben. Die Erdbewegungen durch den Abbau von Rohstoffen aus geologischen Lagerstätten sowie die nachfolgende Aufbereitung bringen erhebliche Umweltbelastungen mit sich, unter anderem Bodendegradierung, Wasserknappheit, Verlust der biologischen Vielfalt und Beeinträchtigungen der Ökosystemfunktionen. Hinzu kommt der Energieaufwand, der mit der Produktion von Primärrohstoffen verbunden ist. Im Vergleich zur Primärrohstoffgewinnung entfallen beim Recycling und der Sekundärrohstoffgewinnung diese erheblichen Umweltbelastungen. Beispielhaft sei das Kupferrecycling angeführt, das rund viermal weniger Energie benötigt als die Primärgewinnung.[35] Demnach hat das konsequente Wiedernutzbarmachen von Altrohstoffen mehrere Vorteile, die nicht zuletzt die natürlichen Rohstoffquellen schützen und sie damit für spätere Generationen bewahren.
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Autoren: Stefan Gäth, Frances Eck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Earth Overshoot Day 2018: Ressourcenbudget verbraucht, 1.8.2018, http://www.umweltbundesamt.de/themen/earth-overshoot-day-2018-ressourcenbudget«.
2.
Vgl. Peter Hennike/Kora Kristof/Ulrike Dorner, Ressourcensicherheit und Ressourceneffizienz – Wege aus der Rohstoffkrise, Policy Paper zu Arbeitspaket 7 des Projekts "Materialeffizienz und Ressourcenschonung" (MaRess), Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, 2009.
3.
Vgl. Dieter Lohmann/Nadja Podbregar/Harald Frater, Im Fokus: Bodenschätze. Auf der Suche nach Rohstoffen, Heidelberg u.a. 2012.
4.
Vgl. Lukas Egle/Helmut Rechberger/Matthias Zessner, Vergleich von Verfahren zur Rückgewinnung von Phosphor aus Abwasser und Klärschlamm, in: Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft 1–2/2014, S. 30–39.
5.
Vgl. Malte Drobe/Franziska Killiches, Vorkommen und Produktion mineralischer Rohstoffe – ein Ländervergleich, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Hannover 2014.
6.
Vgl. Michael Schmidt, Rohstoffrisikobewertung – Lithium, Deutsche Rohstoffagentur, DERA Rohstoffinformationen 33/2017.
7.
Europäische Kommission, Große Herausforderung für die Industrie der EU: 20 kritische Rohstoffe, Pressemitteilung, 26.5.2014.
8.
Vgl. Europäische Kommission, Report on Critical Raw Materials for the EU. Report of the Ad-hoc Working Group on Defining Critical Raw Materials, Mai 2014, http://ec.europa.eu/DocsRoom/documents/10010/attachments/1/translations«.
9.
Vgl. Egle/Rechberger/Zessner (Anm. 4); Franziska Killiches et al., Phosphat. Mineralischer Rohstoff und unverzichtbarer Nährstoff für die Ernährungssicherheit weltweit, BGR, Hannover 2013.
10.
Vgl. Alexander Maurer et al., Phosphor und Phosphatrecycling, in: Chemie in unserer Zeit 5/2018, S. 350–358.
11.
Vgl. Industrieverband Agrar e.V. (Hrsg.), Wichtige Zahlen: Düngemittel. Produktion, Markt, Landwirtschaft, 2013–2014, Frankfurt/M. 2014.
12.
Vgl. Mark M. Alley/Bernard Vanlauwe, The Role of Fertilizers in Integrated Plant Nutrient Management, Paris 2009.
13.
Vgl. Maurer et al. (Anm. 10).
14.
Vgl. Killiches et al. (Anm. 9).
15.
Vgl. Stephen M. Jasinski, Phosphate Rock, in: U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2018, Washington, D.C. 2018, S. 122f.
16.
Vgl. Killiches et al. (Anm. 9).
17.
Vgl. Maurer et al. (Anm. 10).
18.
Vgl. Martin Bertau et al., Statuspapier Phosphatrückgewinnung, Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, Frankfurt/M. 2017.
19.
Vgl. Jasinski (Anm. 15).
20.
Vgl. Maurer et al. (Anm. 10).
21.
Vgl. Siyamend Al Barazi et al., Kobalt aus der DR Kongo – Potenziale, Risiken und Bedeutung für den Kobaltmarkt, Commodity TopNews 53/2017.
22.
Vgl. Frank Marscheider-Weidemann et al., Rohstoffe für Zukunftstechnologien 2016, DERA Rohstoffinformationen 28/2016.
23.
Vgl. Siyamend Al Barazi, Vortrag auf dem DERA Industrieworkshop zur Verfügbarkeit von Kobalt für den Industriestandort Deutschland, Berlin, 2.7.2018.
24.
Vgl. Marscheider-Weidemann et al. (Anm. 22).
25.
Vgl. Al Barazi et al. (Anm. 21).
26.
Vgl. Al Barazi (Anm. 23).
27.
Vgl. Jan Harvey, Metal Recyclers Prepare for Electric Car Revolution, 17.11.2017, http://www.reuters.com/article/idUSKBN1DH1DS«.
28.
Vgl. Statista, Absatz von Smartphones in Deutschland in den Jahren 2009 bis 2018 (in Millionen Stück), August 2018, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/77637«.
29.
Vgl. Ulrike Dorner et al., Rohstoffrisikobewertung – Kupfer, DERA Rohstoffinformationen 16/2013.
30.
Vgl. ebd.
31.
Vgl. Daniel M. Flanagan, Copper, in: U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2018, Washington, D.C. 2018, S. 52f.
32.
Vgl. Dorner et al. (Anm. 29).
33.
Vgl. Deutsches Kupferinstitut, Die langfristige Verfügbarkeit von Kupfer, 2018, http://www.copperalliance.de/uploads/2018/06/langfristige-verfuegbarkeit-von-kupfer.pdf«.
34.
Vgl. dass., Recycling von Kupfer und Kupferlegierungen, 2018, http://www.kupferinstitut.de/de/werkstoffe/system/recycling-kupfer.html«.
35.
Vgl. Abfallwirtschaftsbetrieb München, Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Abfall – eine Rohstoffquelle der Zukunft?, Pressehintergrundgespräch mit Gabriele Friderich und Helmut Schmidt, München, 7.2.2011.

Stefan Gäth, Frances Eck

Zur Person

Stefan Gäth

ist Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Managementsysteme in der Abfallwirtschaft sowie das Stoffstrommanagement. stefan.a.gaeth@umwelt.uni-giessen.de


Zur Person

Frances Eck

ist promovierte Ökotrophologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Stoffstrommanagement und Kreislaufwirtschaftssysteme. frances.eck@umwelt.uni-giessen.de


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