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30.11.2018

Recycelte Sprachbilder. Kleine Geschichte deutscher Abfalldiskurse bis 1990

Abfall als Umweltproblem ist in den vergangenen Jahren wieder in die Diskussion gekommen. Damit hat ein Thema erneut einen Platz in der öffentlichen Debatte gefunden, das in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland zu den am heißesten diskutierten Umweltthemen gehörte. Ab Anfang der 1990er Jahre spielte das Thema dann bestenfalls noch eine Nebenrolle, der Klimawandel und das Artensterben traten nun in den Vordergrund. Die gegenwärtige Renaissance des Themas Müll geht mit neuen Schwerpunktsetzungen einher: So wurde beispielsweise die heute aktuelle Frage der Meeresverseuchung durch Plastikabfälle in den 1980er Jahren noch kaum diskutiert.

Ausgangspunkt des folgenden Überblicks über die Mülldiskurse in der Bundesrepublik Deutschland ist zunächst die Beobachtung, dass Abfall das Umweltproblem ist, das am direktesten mit dem privaten Konsum zusammenhängt. Das ist keineswegs trivial: Während nämlich die DDR hinsichtlich der Verschmutzung von Luft und Wasser gravierende Umweltprobleme hatte, war das in Bezug auf den Abfall nicht der Fall. Darin liegt mit einer gewissen Notwendigkeit ein selbstreflexives Moment. Denn während man mit einem Kohlekraftwerk nur wenige direkte Berührungspunkte hat, werfen wir doch alle täglich Dinge weg und sind deswegen auch ganz persönlich mit der Frage unseres Beitrags zur sichtbaren Umweltzerstörung konfrontiert.

Zugleich ist dabei aber auch klar, dass die Menschen in dem, was sie an Abfall produzieren, keineswegs frei sind. Der historisch beispiellose Anstieg der Abfallmengen nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt vielmehr, dass die moderne Konsumgesellschaft beinahe dazu zwingt, Abfälle zu produzieren. Aus diesem Grund stand bei den Abfalldiskursen auch stets das "System" als Ganzes im Fokus, wobei die Müllproblematik in vielen Fällen dieses System zu "entlarven" und die dunkle Seite hinter den glitzernden Einkaufsstraßen, der schönen neuen Warenwelt und der angeblichen Selbstverwirklichung durch Konsum aufzuzeigen schien. Dabei erzeugte der Diskurs bereits früh starke Sprachbilder, die bis heute gebräuchlich geblieben sind. Die "Müll-Lawine" ist dafür genauso ein Beispiel wie der "Wohlstandsmüll" – beides sind Begriffsbildungen aus den frühen 1960er Jahren.

Für eine Diskursgeschichte des Abfalls ergibt sich daraus aber ein Problem: Bereits früh wurden Deutungen der Konsumgesellschaft angeboten, die bis heute – mit Variationen – die gesellschaftliche Behandlung des Abfalls bestimmen. Typisch dafür sind die mannigfachen Erscheinungsweisen einer "freudianischen" Deutung der Konsumgesellschaft, die den Abfall gewissermaßen als das "Verdrängte" der Konsumgesellschaft herausstellen: Zwar lässt sich der Müll hygienisch sammeln, aus den Städten und Siedlungen herausschaffen, aber man wird ihn doch nicht los. Irgendwann kommt er zurück an die Oberfläche, in der Form von Altlasten, Grundwasserkontamination, Dioxinbelastungen und anderem mehr.[1]

Solche Interpretationen waren und sind eingängig, aber sie muten dem Abfall auch eine enorme interpretatorische Traglast zu. Das stimuliert auf der einen Seite das Interesse der Kunst oder der Kulturwissenschaft am Müll, weil in ihm auf diese Weise eben sehr viel mehr gesehen werden kann als nur das Nebenprodukt einer modernen Einzelhandelslogistik beispielsweise. Auf der anderen Seite werden damit aber weitreichende Interpretationen an den Müll geknüpft, die sich empirisch in vielen Fällen kaum rechtfertigen lassen. Das verführt zu luftigen Thesen, die sich bei einem genaueren Blick auf die konkreten Praktiken der Abfallproduktion und -entsorgung oftmals als gegenstandslos erweisen.[2]

Viele Arbeiten zur Diskursgeschichte des Mülls für Westdeutschland haben vor allem zu wenig beachtet, dass es sich dabei, insbesondere für die Zeit seit den 1960er Jahren, um eine Konfliktgeschichte handelte. Abfallbezogene Semantiken entwickelten sich in der Auseinandersetzung mit dem Problem, eine beständig zunehmende Abfallmenge zu sammeln und vor allem zu entsorgen. Es waren daraus resultierende Konflikte, die hauptsächlich zu der Thematisierung des Abfalls in der öffentlichen Debatte führten. Schließlich wurde, so werde ich zeigen, die Art und Weise, wie über den Müll gesprochen wurde, wesentlich durch diese Auseinandersetzungen geprägt. Die hier präsentierte kleine Diskursgeschichte ist also vor allem eine kleine Konfliktgeschichte.


Müll als stadthygienisches Problem



Ausgangspunkt der Debatten über den Müll ist der städtehygienische Diskurs, der sich vor allem als Reaktion auf die dramatische Urbanisierung des 19. Jahrhunderts und die damit einhergehende soziale Frage ausprägte. Die Städtehygiene hatte ihre Wurzeln in einem bürgerlichen Reinlichkeitsdiskurs, der seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts Reinlichkeit sowohl als Ausweis eines zivilisierten Lebenswandels als auch zur Prävention von Krankheiten propagierte. Allerdings hatten solche semantischen Wandlungen zunächst nur geringe praktische Konsequenzen. Es waren vor allem die zahlreichen Cholera-Epidemien in europäischen Städten seit den 1830er Jahren, die die Städtehygiene zur Grundlage eines Programms zur Verbesserung der urbanen Wohnverhältnisse (Städteassanierung) werden ließen.[3]

Der Städtehygienediskurs brachte bald neue Institutionen und Experten hervor und führte zu einem starken Wissenszuwachs. Auf diese Weise wurde eine Verbesserung der hygienischen Bedingungen ermöglicht, obgleich sich manche Annahmen über Keime und ihre Verbreitung als falsch erwiesen. Das gilt besonders für die sogenannte Miasma-Theorie, die davon ausging, dass Krankheiten wie die Cholera durch Ausdünstungen des Bodens übertragen werden. Auch wenn dieser Ansatz – trotz intensiver Rückzugsgefechte seiner Vertreter bis zur Wende zum 20. Jahrhundert – schon bald nicht mehr zu halten war, ließ sich mit ihm doch eine deutliche Verbesserung der Städtehygiene begründen. So war mit dem Chemiker Max von Pettenkofer einer der vehementesten Vertreter der Miasma-Theorie für den Bau der Münchner Kanalisation verantwortlich. Erst seit den 1880er Jahren gewann die Bakteriologie mit Robert Koch als ihrem prominentesten Vertreter im städtehygienischen Diskurs die Oberhand, woran insbesondere die letzte große Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg Anteil hatte.[4]

Im Rahmen des Städtehygienediskurses spielte der Fortschrittsgedanke eine zentrale Rolle. Es ging um die schrittweise Verbesserung der hygienischen Verhältnisse durch wissenschaftliche Erkenntnisse und deren praktische Umsetzung durch Ingenieure und Techniker. Der wissenschaftliche Ansatz der Städtehygiene ermöglichte es, durch geeignete technische Maßnahmen Städte in Orte zu verwandeln, in denen Seuchen und andere Krankheiten verhindert wurden. Zugleich sollten sie auf diese Weise aber auch generell zu angenehmeren Orten werden, deren Erscheinungsbild nicht mehr durch hygienische Probleme beeinträchtigt wurde. Dass hygienische Fragen in diesem Diskurs latent moralisch konnotiert waren, unterstrich das lediglich. Immer wieder wurden darüber hinaus die Zeiten, in denen die Städte noch schmutzig waren und stanken, mit der bereits verwirklichten oder noch zu schaffenden assanierten Stadt verglichen. Das sollte den positiven Einfluss der wissenschaftlichen Städtehygiene demonstrieren, wobei die Neigung zu farbigen Geruchsmetaphern und sprachlichen hell/dunkel-Kontrastierungen in der Rückschau nicht gerade als subtil erscheint.[5]

Der Diskurs war allerdings streng hierarchisch und exklusiv: Es gab Experten, zumeist mit einem Hintergrund als Mediziner oder Ingenieure, die sich als Aufklärer der Bürgerinnen und Bürger (aber auch der städtischen Verwaltungen) verstanden, um die städtehygienischen Verhältnisse zu verbessern. Eine Beteiligung der Bevölkerung an den Debatten war nicht vorgesehen. Dies sollte sich im Grunde erst in den 1970er Jahren ändern, als Bürgerinitiativen erzwangen, dass Einwände gegen bestimmte Vorhaben nicht mehr einfach mit dem Hinweis auf Planungserfordernisse und Kompetenzunterschiede abgebügelt werden konnten.

Schließlich war es ein vordringliches Anliegen im städtehygienischen Diskurs, dass Abfälle ordnungsgemäß gesammelt und aus urbanen Siedlungsräumen entfernt werden. Weil die Wohnungen vorrangig mit Kohleöfen geheizt wurden, bestand etwa ein Drittel des Abfallaufkommens aus Asche. Eine wesentliche städtehygienische Aufgabe war es deshalb, Staubentwicklung bei der Sammlung der Abfälle zu vermeiden; ferner ging es darum, Müllablagerungen in den Städten zu unterbinden. Kommunen ließen sich von Experten beraten, entsprechende Maßnahmen wurden über Zeitschriften und andere Medien propagiert. Waren die Abfälle erst einmal gesammelt und aus den Städten herausgeschafft, war die Entsorgung offenbar kein ernsthaftes Problem mehr. Genau das aber sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend verändern.[6]


Andere Mengen, andere Stoffe



Ein wesentlicher Grund dafür, dass die gesellschaftlichen Debatten über den Abfall nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere Richtung nahmen, war die in den 1950er Jahren einsetzende, kontinuierliche und starke Zunahme der Abfallmengen. Allein während der 1960er Jahre verdoppelte sich das durchschnittliche Müllaufkommen nahezu. Zugleich änderte sich auch die Materialität des Mülls: Während mit der Durchsetzung geschlossener Heizungssysteme die Aschemengen abnahmen, nahmen die Mengen an Verpackungsmaterialien und Kunststoffen immer stärker zu.[7]

Das hatte sichtbare Konsequenzen: In den Städten bildeten sich zahllose "wilde" Müllablagerungen, und durch die Zunahme an brennbaren Materialien im Müll sowie Haushaltschemikalien entwickelten sich immer häufiger Deponiebrände, die zu einem endemischen Problem wurden. Entsprechend änderte sich auch der gesellschaftliche Diskurs über den Müll. Bereits 1960 hatte der US-amerikanische Gesellschaftskritiker Vance Packard sein Werk "The Waste-Makers" veröffentlicht und darin das "throwaway age" proklamiert, woraus im Deutschen das Schlagwort der "Wegwerfgesellschaft" wurde.[8] Auch das Aufkommen anderer bis heute gebräuchlicher Sprachbilder lässt sich zu Beginn der 1960er Jahre nachweisen, etwa "Müll-Lawine" oder "Wohlstandsmüll".[9] Gleichzeitig wurden die neuen Probleme, die sich durch die veränderte Stofflichkeit des Mülls ergaben, thematisch aufgegriffen und kritisch kommentiert. In der "Rhein-Neckar-Zeitung" etwa wurde 1960 eine vermeintlich gute, alte Müll-Zeit mit der damaligen Gegenwart kontrastiert: "Heute aber steckt der Teufel im Müll: Unzählige Chemikalien, Abfallprodukte von Fabriken, Farbenreste, Öle, Wasch- und Spülmittel, Kunststoffe usw. Manche von diesen sind schon in normalem Zustand schädlich, manche aber werden es erst, wenn sie in den Müllgruben neue, unkontrollierte Verbindungen eingehen."[10]

Die durch Müll erzeugten Probleme bestanden also nicht mehr – wie noch vor dem Zweiten Weltkrieg – darin, dass unkontrollierte Ablagerungen Ratten anzogen oder dass das Trinkwasser faulig schmeckte. Die Befürchtung war nun vielmehr, dass der Müll an sich giftig sein und deshalb gesundheitsschädigend wirken könnte. Die bisherige städtehygienische Priorität der Abfallsammlung und Seuchenprävention wurde dadurch infrage gestellt. Allerdings handelte es sich auch in den 1960er Jahren nicht um einen wirklich demokratischen Diskurs, weil nach wie vor in erster Linie Fachleute über derlei Probleme und mögliche Lösungswege miteinander kommunizierten. Differenzen zeigten sich insofern hauptsächlich zwischen Experten, und zwar einerseits jenen, die weiterhin vor allem in der Sammlung des Mülls das Hauptproblem sahen und entsprechend die Ausbreitung von Ungeziefer sowie die Seuchenprävention in den Vordergrund ihrer Beiträge stellten,[11] und andererseits jenen, die Abfall nicht länger vorrangig als ein städtehygienisches, sondern als ein Umweltproblem behandelten und den Fokus auf die Entsorgung legten.


Müll als Umweltproblem



Die Zeit zwischen 1965 und 1975 kann in gewisser Weise als "Sattelzeit" für den modernen Abfalldiskurs angesehen werden. Das liegt zunächst daran, dass in diesem Zeitraum neue Lösungen für die zunehmend dramatischer werdenden Abfallprobleme der Gesellschaft entwickelt und administrativ durchgesetzt wurden. Mit dem Abfallbeseitigungsgesetz von 1972 reklamierte der Staat die hoheitliche Aufgabe der Abfallentsorgung für sich und ging daran, die zu diesem Zeitpunkt geschätzt 50.000 wilden Müllablagerungen in der Bundesrepublik zu beseitigen und mit der Schaffung von sogenannten geordneten Deponien und Müllverbrennungsanlagen eine ordnungsgemäße Entsorgung zu gewährleisten.[12]

Aber das war nicht alles: In dieser Zeit änderte sich auch grundlegend die Art und Weise, wie gesellschaftlich über Abfall kommuniziert wird. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass sich das Wissen über den Abfall in diesem Zeitraum geradezu explosionsartig ausweitete: So umfasste beispielsweise eine Liste des bayerischen Landwirtschaftsministeriums 1965 lediglich 18 Substanzen, auf die bei der Entsorgung besondere Sorgfalt zu verwenden war. Mitte der 1970er Jahren enthielten solche Gefahrenkataloge bereits mehrere Tausend Stoffe.[13] Nicht zuletzt durch verschiedene Giftmüllskandale wurde die Öffentlichkeit in den frühen 1970er Jahren über die Gefahren der Ablagerung chemischer Abfälle aufgeklärt und zugleich eine ganze Reihe von Angstvokabeln in den Diskurs eingeführt: Furane, Cyanide und seit dem "Seveso-Unglück" 1976 – einem folgenschweren Unfall in einer Chemiefabrik im italienischen Seveso – dann insbesondere auch Dioxine.

Abfall wurde nun auch diskursiv als ein Umweltproblem verhandelt. Das heißt, er wurde in Verbindung mit anderen Problemlagen gebracht, mit denen er früher kaum etwas zu tun hatte, etwa mit der Luftverschmutzung. Zugleich wurde der Hinweis auf die Umweltproblematik des Abfalls durch den impliziten Hinweis auf die Gefährdung des Planeten verstärkt.[14]

Im Zuge der diskursiven Umbettung des Abfallproblems änderte sich zudem die "Phänomenologie" der Gefährdung: Es wurde jetzt nicht mehr als die größte Gefahr angesehen, wenn es stank oder wenn Ungeziefer und Ratten urbanen Siedlungsräumen ihre Aufwartung machten. Ganz im Gegenteil erschien die Gefahr dann am größten, wenn sie nicht sinnlich erfasst werden konnte, weil es ja schleichende, leise, unsichtbare Gifte gab, die ebenso unauffällig wie langfristig wirkten. Am Ende kam dann der Körper als "letzte Müllkippe" ins Spiel, wie es die Osteuropahistorikerin Kate Brown später mit Blick auf die radioaktive Verseuchung von Landschaften und Menschen beschrieben hat.[15] Keime, Viren, Bakterien, auf die der städtehygienische Diskurs seinen Fokus gerichtet hatte, machen krank oder auch nicht – sie tun das aber in der Regel sofort und nicht erst nach Jahrzehnten, wie etwa Dioxine oder andere Gifte. Dem Soziologen Ulrich Beck zufolge bestand ein wesentlicher Angstfaktor des Umweltdiskurses gerade darin, nicht wissen zu können, wie stark individuelle Körper durch schädliche Substanzen belastet waren.[16] Das war vor allem deshalb relevant, weil schließlich die Krankheit des Umweltzeitalters ins Spiel kam: Krebs löste vor allem durch seinen oft langen und schmerzhaften Verlauf besonders starke Ängste aus.[17]

Insbesondere die Kategorie des "Nichtwissens" erwies sich hier und fortan als besonders wirksam: Wenn Mitte der 1960er Jahre noch kaum etwas über die Gefahren der Abfallentsorgung bekannt war – wer garantierte nun dafür, dass dieser Lernprozess jetzt tatsächlich beendet war und man mittlerweile die Gefahren von Mülldeponien oder Verbrennungsanlagen realistisch einschätzen konnte? Die Debatten über den Abfall wurden so zu einem Beispiel reflexiver Modernisierung.


Radikalisierung und Normalisierung



Die genannten Motive spielten in den erbittert geführten Mülldebatten der 1970er und 1980er Jahre eine große Rolle. Dabei ging es in diesen Debatten in erster Linie um die Planung und den Bau neuer Entsorgungsanlagen. Die seit dem Abfallbeseitigungsgesetzes von 1972 neu geschaffenen Mülldeponien und Verbrennungsanlagen zeichnete vor allem zwei Eigenschaften aus: Sie waren signifikant größer als bisherige Anlagen (schließlich sollten sie die zahllosen wilden Kippen ersetzen) und sie wurden häufig an Orten geplant, an denen bislang noch keine Anlagen existiert hatten. Hinzu kam, dass die Deponien in der Regel dazu dienten, den Abfall mehrerer Gemeinden aufzunehmen. Ein Standort musste sich zum Wohle der anderen "opfern", frei nach dem Motto "the loser takes it all".

Diese konfliktträchtige Konstellation führte in der gesellschaftlichen Diskussion über Abfall zu einer Spaltung. Auf der einen Seite führten insbesondere Techniker, Planungsverantwortliche und Politiker einen technisch-pragmatischen Diskurs. In diesem wurde für machbare Lösungen nach dem jeweiligen Stand der Technik plädiert, ohne dass an den bisherigen Entsorgungsstrukturen grundsätzlich etwas geändert werden sollte. Die Problematik des Nichtwissens wurde hier mit dem Hinweis auf die technischen Möglichkeiten entschärft, und es wurde darauf verwiesen, dass Entsorgungsanlagen in jedem Fall geschaffen werden müssten, wolle die Gesellschaft nicht im Müll ersticken. Auf der anderen Seite führten Teile der Presse, eine kritische Öffentlichkeit sowie vor allem die Gegner neuer Entsorgungsanlagen einen eher "kulturkritischen" Diskurs. Sie argumentierten dafür, dass problematische Anlagen in erster Linie Ausdruck eines grundsätzlich verfehlten Entsorgungsregimes waren und dass es neue Ansätze wie etwa Recycling brauche, um das Abfallproblem zu lösen. In dieser Sichtweise zeigten die wachsenden Müllprobleme und die Identifizierung immer neuer Gifte und Risiken aber eigentlich an, dass der Massenkonsum und die chemiebasierte Lebensweise generell verfehlt waren.[18]

Der technisch-pragmatische Diskurs wurde wesentlich durch praktische Erfordernisse geprägt. Diese bestanden zunächst darin, dass Entsorgungsanlagen lange Planungszeiträume brauchten (oftmals fünf Jahre oder länger) und diese stets im Hinblick auf steigende Abfallmengen hin zu konzipieren waren. Weil bei der Ablehnung eines Standorts rasch der Entsorgungsnotstand drohte, gab es eine starke Pfadabhängigkeit, an einmal getroffenen Standortentscheidungen auf jeden Fall festzuhalten.[19] Während die Planer damit argumentierten, dass von den technisch modernen Entsorgungsanlagen kaum mehr ein Risiko ausgehe, war den Vertreterinnen und Vertretern kulturkritischer Positionen dieses Restrisiko immer noch viel zu hoch, gerade weil man dieses aufgrund des Nichtwissens gar nicht adäquat einschätzen könne.

Der Gegensatz der Positionen lässt sich anhand der Konflikte um Müllverbrennungsanlagen in den 1980er Jahren anschaulich demonstrieren: Die Anlagen wurden insbesondere von planenden Ingenieuren als großstädtische Entsorgungslösung stark propagiert, da diese als technisch geschlossenes System (mit einer problematischen Öffnung allerdings: dem Schornstein) im Vergleich zu Deponien besser beherrschbar erschienen.[20] Hinzu kam, dass die Asche des verbrannten Mülls problemlos deponiert werden konnte und, ebenfalls im Unterschied zu Deponien, nicht der jahrzehntelangen Nachsorge bedurfte. Die Gegner der Müllverbrennungsanlagen argumentierten allerdings damit, dass die Planer über die Emissionen der Anlagen überhaupt keine Aussage treffen konnten, weil sie gar nicht wüssten, was sie dort verbrannten. Ein in den 1980er Jahren immer wieder vorgebrachtes Argument lautete, dass von geschätzten 500.000 chemischen Verbindungen, die bei einem Verbrennungsvorgang erzeugt werden, bestenfalls 10.000 bekannt seien.[21] Der in der Umweltbewegung prominente Toxikologe Othmar Wassermann verdeutlichte dies 1989 mit einem eindrücklichen Bild: "In einem großen Saal sind die Wände in kleiner Schrift (…) dicht mit den Namen der in Emissionen, Chemiemüll, Abwässern etc. enthaltenen Stoffen – anorganische (auch radioaktive) und organischen – beschrieben. Die Chemiker stehen im Dunkeln. Sie sind mit einigen Stabtaschenlampen ausgerüstet, die auf der Wand nur eng begrenzte Flächen ausleuchten, auf denen sie einige Namen mit chemischen Stoffen erkennen können. Die Lampen sind ihre verschiedenen analytischen Methoden. Nur für einen kleinen Teil der vorhandenen Stoffe haben sie Methoden. Die außerhalb des beleuchteten Feldes im ‚Dunkeln‘ liegenden Stoffe sehen sie nicht. Toxikologisch sind jedoch auch diese relevant, denn sie wirken selbstverständlich, auch ohne analytisch erkannt worden zu sein."[22]

Auch hier spielte die Kategorie des Nichtwissens also eine wichtige Rolle, vor allem deswegen, weil es automatisch mit Gefahr assoziiert wurde. Wie eine Bielefelder Bürgerinitiative Anfang der 1980er Jahre in bezeichnender Widersprüchlichkeit formulierte, waren die meisten Substanzen, die aus dem Schornstein der örtlichen Müllverbrennungsanlage stammten, zwar unbekannt, aber "unvorstellbar giftig".[23] Von besonderer Bedeutung war dabei die insbesondere in den Jahren 1984/85 hochkochende Dioxindebatte, welche die Angst vor Krebs mit einer Substanz assoziierte, die bereits in geringsten Dosen schädlich wirken konnte. Was nützte folglich der pragmatische Hinweis der Techniker auf das geringe Vorkommen von 2,3,7,8 TCDD (so der technische Name des Seveso-Dioxins), wenn "bereits ein einziges Dioxin-Molekül Krebs verursachen" konnte?[24]

Ende



Während der 1980er Jahre eskalierten die Konflikte um neue Entsorgungsanlagen, und zeitweise erschien es so, als seien neue Müllverbrennungsanlagen in der Bundesrepublik überhaupt nicht mehr durchsetzbar. Den Ausweg sah man auch aus diesem Grund immer öfter im "letzten Notanker einer desolaten Willensbildung",[25] nämlich im Müllexport in die DDR. Man ist fast versucht, sich das entsetzte Gesicht vieler Abfallwirtschaftsexperten vorzustellen, als mit der Wiedervereinigung 1990 der alte Westmüll doch wieder zum eigenen Problem wurde.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Einführung des Dualen Systems beziehungsweise des Recycling-Ansatzes sowie angesichts des Aufstiegs neuer umweltpolitischer Themen schlief der Müllprotest in den 1990er Jahren weitgehend ein. Die diskursiven Frontstellungen innerhalb der Abfalldebatten verloren an Schärfe, und andere Umweltprobleme rückten in den Vordergrund. Die Modernisierung der ostdeutschen Deponien ging im Rahmen der Sanierung der industriellen Altlasten in den neuen Bundesländern (mit Kosten von etwa 80 Milliarden DM bis heute die größte Umweltaktion aller Zeiten)[26] mehr oder weniger unter. Die Durchsetzung neuer Müllverbrennungsanlagen erwies sich als längst nicht mehr so kompliziert wie noch ein Jahrzehnt zuvor.

Zugleich scheinen aber die aktuellen Mülldebatten zu demonstrieren, dass die semantischen Gehalte der Abfalldebatten der 1970er und 1980er Jahre immer noch plausibel erscheinen und bei Bedarf aktualisiert werden können. Die Rede über den Müll versetzt uns insofern in einen Modus der kritischen Reflexion über die moderne Lebensweise, was uns in direkter Weise als konsumierende Individuen anspricht und an unsere Verantwortung erinnert.
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Autor: Roman Köster für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Reiner Keller, Müll. Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen. Die öffentliche Diskussion über Abfall in Deutschland und Frankreich, Wiesbaden 20092.
2.
Vgl. Sonja Windmüller, Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem, Münster 2004.
3.
Vgl. Reinhold Reith, Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, München 2011, S. 102f.
4.
Vgl. Richard Evans, Death in Hamburg, Society and Politics in the Cholera Years 1830–1910, Oxford 1987, S. 490–511.
5.
Als idealtypisches Beispiel vgl. Heinrich Erhard, Aus der Geschichte der Städtereinigung, Stuttgart 1954.
6.
Vgl. Roman Köster, Hausmüll. Abfall und Gesellschaft in Westdeutschland 1945–1990, Göttingen 2017, S. 149f.
7.
Vgl. ders., S. 48–62.
8.
Vgl. Vance Packard, The Waste-Makers, New York 1960, S. 43.
9.
Vgl. Köster (Anm. 6), S. 246.
10.
Die Konjunktur hat auch eine Kehrseite. Ersticken wir im Wohlstandsmüll?, in: Rhein-Neckar-Zeitung, 1.9.1960, S. 5.
11.
Für ein typisches Beispiel vgl. Alfons Erbel/Walter Kaupert, Müll und Abfall. Behandlung und Verwertung, Köln–Berlin 1965.
12.
Vgl. Raymond G. Stokes/Roman Köster/Stephen C. Sambrook, Business of Waste, 1945 to the Present, Cambridge–New York 2013, S. 129–156.
13.
Vgl. Bayerisches Staatsministerium des Innern, Beseitigung von Hausmüll und ähnlichen Abfällen in kommunalen Anlagen, August 1965, Stadtarchiv Augsburg, Bestand 49, Nr. 1473.
14.
Vgl. Sabine Höhler, Spaceship Earth in the Environmental Age, 1960–1990, Routledge 2014.
15.
Vgl. Kate Brown, The Last Sink: The Human Body as the Ultimate Radioactive Storage Site, in: Rachel Carson Center Perspectives 1/2016, S. 41–48.
16.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 34.
17.
Vgl. Andrea Westermann, Plastik und politische Kultur in Westdeutschland, Zürich 2007.
18.
Vgl. Keller (Anm. 1).
19.
Vgl. Matthias Gather, Kommunale Handlungsspielräume in der öffentlichen Abfallentsorgung. Möglichkeiten und Grenzen einer aktiven Umweltplanung auf kommunaler Ebene im Raum Frankfurt am Main, Frankfurt/M. 1992, S. 94f.
20.
Vgl. Werner Schenkel, Die geordnete Deponie von festen Abfallstoffen. Theoretische Grundlagen und praktische Durchführung, Berlin 1974, S. 9.
21.
Vgl. Volker Grassmuck/Christian Unverzagt, Das Müll-System. Eine metarealistische Bestandsaufnahme, Frankfurt/M. 1991, S. 173.
22.
Otmar Wassermann, Toxikologische Bewertung von Emissionen aus Deponien und Müllverbrennungsanlagen, in: Reiner Schiller-Dickhut/Harald Friedrich (Hrsg.), Müllverbrennung. Ein Spiel mit dem Feuer, Bielefeld 1989, S. 69–84, hier S. 76.
23.
Christian Möller, Abfallpolitik zwischen Ökonomie und Ökologie. Die lange Suche nach Entsorgungswegen in Bielefeld (1957–1995), in: Jahresbericht des historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 97/2012, S. 129–162, hier S. 154.
24.
Hans-Dieter Degler/Dieter Uentzelmann, Supergift Dioxin. Der unheimliche Killer, Hamburg 1984, S. 26.
25.
Werner Schenkel zit. nach Thomas Barbian, Umweltpolitik in Hessen. Handlungsspielräume der rot-grünen Koalition in der Abfallwirtschaft, London 1990, S. 186.
26.
Vgl. Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011, S. 535.

Roman Köster

Zur Person

Roman Köster

ist Historiker und Privatdozent an der Professur für Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte an der Universität der Bundeswehr München. 2015 wurde er mit einer Arbeit zur Geschichte der westdeutschen Abfallwirtschaft nach 1945 habilitiert. roman.koester@unibw.de


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