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2.7.2004

Neue Wege der Berufsausbildung

Eine Ausbildungsabgabe würde nicht zu einem Zuwachs, sondern zu einem Rückgang des Lehrstellenangebotes führen. Stattdessen könnten vorhandene Ressourcen besser genutzt und die betriebliche Ausbildungsbereitschaft gefördert werden.

Ausgangssituation und Fragestellung



Im Vordergrund der bildungspolitischen Diskussion steht derzeit die große Aufgabe, junge Menschen in Berufsausbildung zu bringen. Von Seiten der Regierung, von Verbänden, Kammern und Gewerkschaften wird viel unternommen, um zusätzliche Ausbildungsplätze und neue Ausbildungsbetriebe zu gewinnen. Dank dieser Aktivitäten in den vergangenen Jahren sind trotz angespannter konjunktureller Situation zum Schluss 95 bis 97 Prozent der Bewerber in eine Berufsausbildung vermittelt worden.






Dennoch ist die Zahl der Ausbildungsverträge seit 1998 stetig zurückgegangen. Sie hat sich bis 2003 um insgesamt 63 000 verringert.[1] Obwohl viele Betriebe (rund 60 Prozent) ausbildungsberechtigt sind, bilden doch nur etwa 30 Prozent aus. Besonders alarmierend sind die Daten aus den ostdeutschen Ländern. Hier ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge von 1999 bis 2003 um 26000 gesunken, wodurch sich die Chancen junger Menschen auf eine Berufsausbildung verschlechtert haben. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage stellt die Wirtschaft dort nur 58 Prozent der Ausbildungsplätze zur Verfügung, 32 Prozent der Jugendlichen werden mit öffentlichen Mitteln gefördert.

Angesichts dieser Daten stellt sich die Frage nach dem Bestand oder der Krise der Berufsausbildung im dualen System. Nun ist der Streit über die Zukunft der dualen Berufsausbildung nicht neu. Im Rückblick von 35 Jahren zeigt sich, dass dieses System beruflicher Qualifizierung junger Menschen immer wieder angefeindet und nicht angemessen bewertet wurde.[2] Einen ersten Höhepunkt erreichte die Kritik an der Berufsausbildung Anfang der siebziger Jahre, einen zweiten in den achtziger Jahren. Die dritte große Welle der Kritik an der Ausbildungsarbeit der Wirtschaft rollte in den neunziger Jahren. Derzeit meinen manche Experten Auflösungserscheinungen und Zerfallsprozesse beim dualen System der Berufsausbildung zu beobachten.[3] Es wird behauptet, die Unternehmen würden in der Ausbildung nichts unternehmen. Doch es sind objektive Schwierigkeiten der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes, die zu einer Verringerung des Ausbildungsplatzangebotes führen.

Der Streit über die Ausbildungsabgabe und das Berufsausbildungssicherungsgesetz hat das Thema Ausbildung in der Rangliste der öffentlichen Aufmerksamkeit nach vorn gebracht. Während in der Gesellschaft gegenüber der allgemeinen hohen Arbeitslosigkeit vielfach Gleichgültigkeit bis Resignation zu verzeichnen ist, aber keine Solidarität, herrscht hier großes Interesse. Dies ist ein erfreuliches Zeichen. Der Verfasser möchte mit diesem Aufsatz dazu beitragen, dass möglichst viele Jugendliche - in Köln oder Trier, in Crimmitschau/Pleiße oder Bad Freienwalde/Oder - eine Ausbildung erhalten.

Eine Vorschau auf den Lehrstellenmarkt zeigt, dass in den nächsten vier Jahren besonders in den westdeutschen Ländern 45 000 zusätzliche Ausbildungsstellen benötigt werden. Angesichts der gegebenen wirtschaftlich schwierigen Bedingungen sind die Ressourcen an betrieblicher dualer Berufsausbildung begrenzt. Deshalb gilt es, neue Wege zu gehen, um junge Menschen verstärkt in eine Berufsausbildung zu vermitteln. Bevor diese Wege skizziert werden, sind zunächst die Struktur der Berufsausbildung und die Ursachen für das geringere Ausbildungsplatzangebot zu beleuchten.

Struktur der Berufsausbildung



Innerhalb des Berufsbildungswesens in Deutschland hat die Berufsausbildung im dualen System traditionell einen hohen Stellenwert. Nach wie vor stellt diese Form der beruflichen Qualifizierung in Betrieb und Berufsschule für über 60 Prozent der 16- bis 20-jährigen Jugendlichen den Einstieg in das Berufs- und Arbeitsleben dar. Ende des Jahres 2002 gab es insgesamt 1 622 441 Auszubildende bzw. Schüler.

Um das duale System der Berufsausbildung herum sind in vielen Jahren zahlreiche andere Organisationsformen der Berufsausbildung entstanden.[4] Exemplarisch seien verschiedene Formen der Verbundausbildung - Berufsausbildung in außerbetrieblichen Bildungsstätten, wie im Handwerk - und Bildungsgänge in schulischer Trägerschaft, besonders in Berufsfachschulen, die zu einem eigenen Abschluss führen oder die Zulassung zur Kammerprüfung ermöglichen, genannt.

In rechtlicher Hinsicht verdeutlichen diese Berufsfachschulen, dass sich auch der Staat in der Berufsausbildung engagiert und Verantwortung übernimmt, nicht nur die Wirtschaft. Dagegen wird immer auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes verwiesen, wonach Berufsausbildung allein Sache der Wirtschaft sei. In diesem Urteil vom 10. Dezember 1980 zur Berufsausbildungsabgabe nach dem Ausbildungsplatzförderungsgesetz heißt es: "In dem in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden dualen Berufsausbildungssystem mit den Lernorten Schule und Betrieb (Behörde) liegt die spezifische Verantwortung für ein ausreichendes Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen der Natur der Sache nach bei den Arbeitgebern, denn nur sie verfügen ... typischerweise über die Möglichkeit, Ausbildungsplätze zu schaffen und anzubieten."[5]

Aber seit diesem Urteil vom Dezember 1980 hat sich die Ausbildungslage geändert. Denn nach der Vereinigung Deutschlands hatte der Staat in verschiedener Weise die Berufsausbildung in den ostdeutschen Ländern gefördert - mit verschiedenen Programmen, die vielen tausend Jugendlichen erst eine Ausbildung ermöglichten. Unter rechtlichem Aspekt bedeutet diese staatliche Förderung, dass die Wirtschaft nicht die alleinige, sondern nur eine Teil-Verantwortung für Ausbildung hat. Insgesamt gesehen ist die Berufsausbildung junger Menschen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der die Wirtschaft allerdings eine besondere soziale Verantwortung zu tragen hat.

Neben der rechtlichen Struktur ist der pädagogische Aspekt der dualen Berufsausbildung bedeutsam. Die Verbindung von Betrieb und Berufsschule, mithin von Theorie und Praxis, ist - wie auch der internationale Bildungsvergleich zeigt - das tragende Prinzip eines modernen Berufsbildungssystems.

Gegenwärtig wird vielfach gefordert, dass die Berufsausbildung im dualen System reformiert werden muss. Dabei wird die fortwährende Modernisierung der Berufsausbildung verkannt. Dieser Prozess ist in vollem Gange. Betroffen sind: die Modernisierung der Ziele der Berufsausbildung, die Neuerungen bei den Ausbildungsordnungen und Lehrplänen der beruflichen Schulen, neue ganzheitliche Prüfungsformen und Zusatzqualifikationen als weiterer Anreiz für leistungsstärkere Jugendliche.[6] Diese Modernisierung wird erweitert durch beachtliche, innovative Modelle von Verbänden. Besonders herauszustellen ist die Ausbildungs- und Qualifizierungsinitiative "Start 2000Plus" des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Diese Initiative umfasst 13 Programme, z.B. einen Grundausbildungslehrgang Metall, das Berufspraktische Jahr, die Berufsvorbereitung in Kooperationsklassen oder die Verbundausbildung. Auch der Kölner Arbeitgeberverband ist in der Berufsausbildung initiativ, etwa in der Qualifizierung jugendlicher Ausländer.

Seit vielen Jahren sind um die duale Berufsausbildung zahlreiche andere Organisationsformen entstanden. Von den bereits genannten Formen sind hier besonders die Bildungsgänge in schulischer Trägerschaft wichtig. Sie führen entweder zu einem eigenen Abschluss oder ermöglichen die Zulassung zur Kammerprüfung. In quantitativer Hinsicht hat die Zahl der Berufsfachschüler, die einen beruflichen Abschluss außerhalb des dualen Systems anstreben, zugenommen. So gab es im Schuljahr 2002/2003 rund 191 000 Schüler an Berufsfachschulen, die an Ausbildungsgängen für Berufe außerhalb des dualen Systems teilnahmen. Die Zahl der Berufsfachschüler ist in diesem Schuljahr um 8,6 Prozent gestiegen.

Unter den stark besetzten Ausbildungsgängen außerhalb des dualen Systems sind besonders zu nennen die Ausbildung zum Kinderpfleger, zum Technischen Assistenten für Informatik und Assistenten für Wirtschaftsinformatik, Kaufmännische und Wirtschaftsassistenten, Sozialassistenten und Sozialpädagogische Assistenten sowie Altenpfleger.[7] Solche voll qualifizierenden Berufsausbildungen an Schulen werden bildungspolitisch als eine wichtige Ergänzung der dualen Berufsausbildung gewertet.

Neben den vollqualifizierenden Berufsfachschulen gibt es Berufsfachschulen, die einen Ausbildungsabschluss gemäß Berufsbildungsgesetz/Handwerksordnung in Vollzeitform vermitteln. Hier wurden im Jahr 2002 rund 33 000 Schülerinnen und Schüler gemeldet und damit ist die Schülerzahl gegenüber dem Vorjahr um 4,2 Prozent gesunken. Insgesamt wurden lediglich 8 Prozent der Schüler von Berufsfachschulen in einem anerkannten Ausbildungsberuf ausgebildet.

Analysen von Berufsforschern zeigen, dass lediglich 12 Prozent der Absolventen von Berufsfachschulen auf dem Arbeitsmarkt landen; für über 80 Prozent handelt es sich um eine Teilphase in der beruflichen Qualifizierung.[8] So kann z.B. ein Absolvent einer Realschule zwei Jahre eine kaufmännische Berufsfachschule besuchen. Anschließend bewirbt er sich um eine Ausbildung als Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Damit hat der Jugendliche den Ausbildungsgang an der Berufsfachschule nur als Überbrückung bis zur Aufnahme einer dualen Berufsausbildung genutzt.

In einer Zeit knapper Ausbildungsressourcen sind diese "Warteschleifen" weder bildungsökonomisch gerechtfertigt noch mit Blick auf die vergleichende Bildungsforschung legitimiert. So ist es bildungsökonomisch nicht zu billigen, wenn ein Jugendlicher nach der Absolvierung einer Berufsfachschule oder einer hochwertigen Assistentenausbildung anschließend erneut eine Ausbildung im dualen System absolviert, während andere Jugendliche gar keine Ausbildung erhalten.[9] Auch aus Sicht der vergleichenden Berufsbildungsforschung sind diese Warteschleifen bis zur Aufnahme einer dualen Berufsausbildung nicht gerechtfertigt. Im internationalen Vergleich verfügt ein hoher Anteil von Absolventen des Sekundarbereichs II in Deutschland über eine Doppelqualifikation; dieser Anteil liegt fast doppelt so hoch wie im internationalen Mittel.[10] Die Folge ist, dass die Absolventen von Berufsfachschulen und einer dualen Berufsausbildung später in den Arbeitsmarkt eintreten als die Absolventen in anderen Ländern. Im internationalen Maßstab werden solche Doppelqualifikationen nicht eigens bewertet. So weist die OECD nur idealtypische Bildungsverläufe ohne Wiederholungen aus. Es ist deshalb erforderlich, die knappen Ausbildungsressourcen in Deutschland besser auszuschöpfen und Doppelqualifikationen möglichst zu vermeiden.

Ursachen für den Angebotsrückgang am Ausbildungsmarkt



Die schwierige wirtschaftliche Lage hat sich entsprechend negativ auf die Entwicklung des Ausbildungsstellenmarktes ausgewirkt. Verschiedene Faktoren sind dafür verantwortlich. So trägt die Krise des Arbeitsmarktes wesentlich dazu bei, dass die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sinkt. Für den Zeitraum der letzten Jahre lässt sich eine hohe Korrelation zwischen Arbeitslosenrate und Angebot an Ausbildungsstellen nachweisen. Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass es im Jahr 2003 rund 40 000 Unternehmensinsolvenzen gab. Damit sind nicht nur Arbeits-, sondern auch Ausbildungsplätze verloren gegangen. Angesichts der derzeit schwachen wirtschaftlichen Zukunftserwartungen und geringer Zuversicht sinkt auch die vorausgesehene Entwicklung des Fachkräftebedarfs; denn wenn nicht sicher ist, ob ein Betrieb die kommenden Jahre wirtschaftlich überlebt, wird er aus Verantwortung keine Auszubildenden einstellen. Aus dieser Sicht fördert eine bessere gesamtwirtschaftliche Lage das Angebot an Ausbildungsplätzen.

Hinzu kommt der generelle Strukturwandel der Wirtschaft vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Die Berufsausbildung im dualen Ausbildungssystem hatte entwicklungsgeschichtlich ihre stärkste Verankerung im produzierenden Gewerbe. Im Strukturwandel verlieren ausbildungsstarke Branchen wie die Industrie an Bedeutung, hingegen wachsen viele junge dynamische Betriebe im Dienstleistungsbereich. Diese rekrutieren ihre Mitarbeiter oft auf anderen Wegen, etwa über Praktika. Sie haben noch keine Ausbildungskultur. Deshalb müssen neue Ausbildungsberufe entwickelt werden, um das Ausbildungspotenzial des Dienstleistungssektors besser auszuschöpfen - etwa für die Automatenwirtschaft oder die Altenpflege.[11]

Außerdem hat sich die Kosten-Nutzen-Relation der Ausbildung für die Betriebe verschlechtert.[12] Eine objektive Beurteilung des Verhältnisses ist zwar schwierig, weil sehr verschiedene Dimensionen des Nutzens bedacht werden müssen, von der Wettbewerbsfähigkeit bis zur Unternehmenskultur. Zudem ist die Kostenseite gut überschaubar, hingegen bleiben die Vorstellungen vom Nutzen oft diffus. Aber ungeachtet dieser Schwierigkeiten sind die Kosten der Ausbildung in den vergangenen 10 bis 15 Jahren wesentlich gestiegen, der Nutzen aber nicht in gleicher Weise. So wird bezüglich der Kostenerhöhung darauf hingewiesen, dass die Ausbildungsvergütungen sich seit 1976 mehr als verdreifacht hätten, während die Löhne und Gehälter für die Fachkräfte nur um den Faktor 2,5 gestiegen seien.[13] Trotzdem rechnet sich die Ausbildung und hat einen Nutzen. Nach Auffassung mancher Experten ist die Zukunft des dualen Systems von der Einschätzung des Nutzens der beruflichen Ausbildung abhängig (Helmut Pütz).[14] Deshalb bleibt es eine wichtige Aufgabe, Betriebe bei der Kalkulation des Ausbildungsnutzens mit geeigneten Instrumenten zu unterstützen.[15]

Neben diesen wirtschaftlichen Faktoren sehen viele Betriebe in der mangelnden Qualifikation von Schulabgängerinnen und -abgängern ein starkes Hindernis.[16] Auf diese Ausbildungshürde hatte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln seit vielen Jahren in verschiedenen Studien hingewiesen;[17] aber die Ergebnisse dieser Untersuchungen haben nicht zu nachhaltigen Bildungsmaßnahmen in Schulen geführt. Erst die PISA-Studien haben die Verantwortlichen für allgemein bildende Schulen zu Reformen veranlasst. Die schlechten Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien waren nicht mehr zu ignorieren: 20 bis 25 Prozent eines Altersjahrgangs zählen zur PISA-Risikogruppe und verfügen nicht über die erforderliche Ausbildungsreife, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufsausbildung ist.

Insgesamt sind also die Gründe für das geringere Ausbildungsangebot vielschichtig. Das vom Deutschen Bundestag beschlossene Berufsausbildungssicherungsgesetz greift hier zu kurz. Mit der Formel: "Wer nicht ausbildet, soll zahlen" wird die komplizierte Ausbildungssituation nicht gelöst. Zudem wird völlig verkannt, dass das System der dualen Ausbildung nicht wundersam zwischen einem schlechten Schulsystem und einem zunehmend schwierigeren Arbeitsmarkt eine solide Brücke schlagen kann. Die Kernfrage ist daher: Welche Handlungsoptionen ergeben sich für die Berufsausbildung der nächsten vier bis fünf Jahre?

Neue Anforderungen an die Berufsausbildung



Die Berufsausbildung steht vor neuen Herausforderungen. Diese betreffen die veränderten Qualifikationsanforderungen, die Aufgaben von Betrieb und Berufsschule und die demographische Entwicklung. In den Betrieben verändern sich technische Verfahren, Produktionsprozesse und Formen der Arbeitsorganisation ständig. Sie werden immer komplexer, womit sich in der gesamten Berufswelt die Anforderungen verändern.[18] Die Aufgabe der Berufsausbildung besteht darin, die Qualifizierung diesen Entwicklungen rasch, effektiv und dynamisch anzupassen. Nur so können die Fachkräfte zeitgemäß ausgebildet werden.

Aber nicht nur die Betriebe, sondern auch die Berufsschulen sind durch diese Veränderungen herausgefordert. Die Berufsschule hat systembedingt immer Mühe, bei beschleunigter Veränderungsrate auf dem neuesten technischen Stand zu bleiben. Zudem fallen Unterrichtsstunden aus, wenn es in bestimmten Fachbereichen zu wenig Lehrer und Lehrerinnen gibt. Vor allem in den IT-Fächern fehlt nicht selten pädagogisches Fachpersonal. Auch für die Fächer Elektrotechnik und Maschinenbau werden ebenso dringend Pädagogen gesucht wie für kaufmännische Ausbildungsfächer.

Angesichts dieser skizzierten Veränderungen ist der Bildungsauftrag von Betrieb und Berufsschule neu zu überdenken. Sicher können komplexe Aufgaben heute im Betrieb nicht ohne theoretische Vermittlung gelöst werden, wie umgekehrt komplexe Theorie in der Berufsschule nicht ohne Praxis vermittelt werden kann. Bei einer Konvergenz der Bildungsinhalte und der -formen zwischen Betrieb und Berufsschule stellt sich aber die Frage nach der Differenz zwischen beiden Bildungsbereichen.[19] Außerdem hat sich heute die Berufsausbildung von einer Ausbildung von Jugendlichen zu einer Berufsausbildung junger Erwachsener verändert, da das durchschnittliche Alter der Auszubildenden 19,3 Jahre beträgt. Diese Entwicklung fordert von Ausbildern und Lehrern, jugendgemäße durch erwachsenenspezifische Lehrmethoden zu ersetzen und zunehmend binnendifferenzierte Unterrichtsformen einzusetzen.

Neben diesen Veränderungen stellt die demographische Entwicklung eine große Herausforderung für das gesamte Bildungswesen dar und damit auch für die Berufsausbildung. Es wird damit gerechnet, dass im Jahr 2020 über ein Drittel der Erwerbsbevölkerung über 50 Jahre alt sein wird; im Jahr 2002 waren es 22 Prozent. Der Anteil der 30- bis 39-Jährigen sinkt von derzeit 30 auf 23 Prozent. Das Erwerbspersonenpotenzial geht ab dem Jahr 2010 dramatisch zurück, wenn keine Umsteuerung vollzogen wird.[20]

Diese absehbaren Entwicklungen stellen eine einzigartige Herausforderung für das Bildungswesen dar. Das bedeutet für die Schulen, dass die Rate der nicht-berufsbildungsfähigen unter den lernschwachen Schülern - derzeit 20 bis 25 Prozent - drastisch gesenkt werden muss. Die demographische Entwicklung stellt die Berufsausbildung vor die Aufgabe, alle Anstrengungen zu unternehmen, um möglichst alle Begabungspotenziale auszuschöpfen.

Eine langfristige Vorausschätzung der Lehrstellen-Nachfrage hat das Bundesinstitut für Berufsbildung bereits im Jahr 2001 vorgelegt. Demzufolge wird es auf dem Ausbildungsmarkt auch künftig weiter deutliche regionale Unterschiede geben. Während die Bewerberzahl in Ostdeutschland in den kommenden Jahren zunächst leicht sinken und ab 2005 dramatisch zurückgehen wird, steigt in Westdeutschland die Zahl der Ausbildungsplatz-Nachfrager bis 2008 zunächst an (vgl. Tabelle 1, s. PDF).

Ausgehend von dieser demographischen Entwicklung hat das Bundesinstitut für Berufsbildung neuerdings die erforderlichen Neuverträge geschätzt.[21] Dabei wurde davon ausgegangen, dass sich die Ausbildungschancen der Jugendlichen gegenüber dem Basisjahr 2002 nicht verschlechtern sollen. Demnach werden allein im Jahr 2004 rund 10 500 zusätzliche Ausbildungsstellen in den westdeutschen Ländern erforderlich, wenn die Ausbildungsbeteiligung der Jugendlichen nicht weiter zurückfallen soll (vgl. Tabelle 2, s. PDF). Im Jahr 2005 wären es 9 400 Plätze. Insgesamt müssen nach dieser Rechnung in den westdeutschen Ländern bis 2008 schrittweise bis zu 45 000 zusätzliche Ausbildungsplätze angeboten werden.

Vor diesem Hintergrund befindet sich die Berufsausbildung im dualen System in einer schwierigen Situation. So muss bis 2008/2009 in den westdeutschen Ländern das Angebot gesteigert werden, was aufgrund der bisher schwachen Konjunktur schwer zu schultern sein wird. Denn wie die Schwelle für mehr Beschäftigung liegt auch die Schwelle für eine größere Ausbildungszahl bei rund zwei Prozent Wirtschaftswachstum.[22] Viele Wirtschaftsexperten rechnen für das laufende Jahr zwar mit einer Erholung der Konjunktur; aber eine wirkliche Verbesserung der Beschäftigung ist nicht in Sicht. Daher dürften die so notwendigen Impulse des Arbeitsmarktes für die Ausbildung in diesem Jahr wohl eher schwach ausfallen. Deshalb müssen alle im Vorjahr begonnenen Ausbildungsaktivitäten der Politik und der Verbände fortgesetzt werden. Aber es gilt zugleich, Übergangsmaßnahmen zu entwickeln, die Jugendliche in Berufsausbildung bringen.

Übergangsmaßnahmen



In den nächsten vier, fünf Jahren wird die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen voraussichtlich weiter ansteigen. Deshalb bleibt die duale Berufsausbildung ein unerlässlicher Ausbildungsbereich, den es zu stärken gilt. Denn das duale System der beruflichen Bildung hat unbestreitbare Vorteile, etwa die Praxisnähe. Außerdem führt diese Form der beruflichen Qualifizierung leichter in den Arbeitsmarkt als schulische Systeme. Ferner ermöglicht die Ausbildung in einem Beruf eine Identifikation mit der Tätigkeit, und die Akzeptanz dieser Ausbildung ist in der Gesellschaft recht hoch. Wegen dieser Vorzüge ist es wichtig, die Berufsausbildung zu stärken. Es gibt eine ganze Palette von Aktivitäten zur Förderung der betrieblichen Ausbildungsbereitschaft. Zu nennen sind hier beispielsweise regionale Ausbildungsnetze, Verbundausbildung, verschiedene Formen der Ausbildungsberatung und externes Ausbildungsmanagement. Außerdem lässt sich die Ausbildungsbereitschaft der bestehenden Ausbildungsbetriebe dadurch stärken, dass die Ausbildung wirtschaftlicher gestaltet wird. Einen der wichtigsten Kostenfaktoren stellen die Ausbildungsvergütungen dar. Im längerfristigen Trend sind diese deutlich stärker gestiegen als die Tariflöhne. Folglich rechnet sich eine Berufsausbildung für die Betriebe nur, wenn sie die Auszubildenden anschließend beschäftigen können. Wenn diese jedoch den Betrieb verlassen oder dieser keine Anschlussbeschäftigung bieten kann, bedeutet dies eine betriebliche Fehlinvestition. Daher kann die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe durch eine flexiblere Gestaltung der Ausbildungsvergütung erhöht werden. Ein weiterer Ansatz, die Berufsausbildung noch wirtschaftlicher zu gestalten, liegt in der Verkürzung oder Einhaltung der Ausbildungsdauer. Die Verbundausbildung trägt zudem dazu bei, die Berufsausbildung noch kostengünstiger durchzuführen. Insgesamt gibt es also einige Ansätze, den Nutzen der Ausbildung zu erhöhen und damit das Ausbildungsangebot zu steigern.

Doch diese Lösungsansätze können nur dann erfolgreich sein, wenn sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verbessert und die Wirtschaft insgesamt in Schwung kommt. Angesichts der derzeit schwachen konjunkturellen Entwicklung ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Betriebe Befragungen zufolge das Ausbildungsangebot in den nächsten fünf Jahren nicht steigern wird. Nur ein kleiner Teil der Betriebe erwartet einen leichten Anstieg an Ausbildungsplätzen.[23]

Dessen ungeachtet steigt die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen, und es ist ein wichtiges gesellschaftspolitisches Ziel, allen ausbildungsbereiten und ausbildungsreifen jungen Menschen einen Ausbildungsplatz zu vermitteln. Deshalb ist es unumgänglich, die begrenzten betrieblichen Ausbildungskapazitäten für eine Übergangszeit um Formen der vollzeitschulischen beruflichen Qualifizierung zu erweitern. Die erforderlichen Plätze sind bereits vorhanden, denn in allen Ländern besteht ein großes Angebot an Berufsfachschulen. Die Ressourcen, die zusammen mit betrieblichen Kapazitäten das Angebot an Ausbildungsplätzen für junge Menschen vergrößern können, sind an diesen Schulen gegeben.[24] Es gibt viele gute Beispiele für die Verbindung von Berufsfachschulen mit der dualen Ausbildung. So besuchen etwa in Baden-Württemberg angehende Energieelektroniker ein Jahr die Berufsfachschule und setzen ihre Ausbildung in einer zweijährigen dualen Ausbildung fort. Auch in Brandenburg wird die Berufsausbildung in Kooperation zwischen Berufsfachschule, Trägern der fachpraktischen Ausbildung und Betrieben (Praktika) mit finanzieller Förderung der Öffentlichen Hand durchgeführt.[25] Diese und andere Beispiele weisen darauf hin, dass Berufsfachschulen in Kooperation mit Betrieben den Mangel an Ausbildungsplätzen mindern können.

Wenn diese Ausbildungsgänge für eine Übergangszeit eingerichtet werden, sollten sie mit der regionalen Wirtschaft mit dem Ziel abgestimmt werden, dass die Absolventen bestmöglich anschließend eine Beschäftigung erhalten. Daher haben die im Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung zusammengeschlossenen acht Spitzenverbände der Wirtschaft verschiedene Kriterien für die Einrichtung vollzeitschulischer Bildungsgänge und die Öffnung zur Kammerprüfung vereinbart. Zu diesen Kriterien gehören der regionale Ansatz, die Bedarfsorientierung, die Ausbildungsreife der Bewerber, das Einvernehmen mit der Wirtschaft, die praxisnahe Gestaltung sowie die zeitliche Befristung.[26] Dreh- und Angelpunkt für die Einrichtung des vollzeitschulischen Ausbildungsganges ist ein Betriebspraktikum. Dafür ist ein Drittel der Ausbildungszeit vorzusehen.

Wichtig ist, dass die Qualifikationen von Absolventen solcher Übergangsmaßnahmen zur quantitativen Entlastung der betrieblichen Ausbildung anerkannt werden. Seit Jahren, ja Jahrzehnten wird darüber gestritten, inwieweit die Abschlussprüfungen zu voll qualifizierenden Ausbildungsgängen in Berufsfachschulen vor den Prüfungsausschüssen der Kammern abgelegt werden können. Die Bundesregierung strebt in der Reform des Berufsbildungsgesetzes eine Lösung an, derzufolge verschiedene Qualifizierungswege anrechnungsfähig sind.[27] So sollen Schulabgängerinnen und Schulabgänger einer vollzeitschulischen Ausbildung einen Rechtsanspruch auf die Zulassung zur Kammerabschlussprüfung erhalten, soweit die zuständige Landesbehörde bestätigt, dass dieser Ausbildungsgang der Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf entspricht. Diese Regelung beinhaltet zugleich das Angebot der Bundesregierung an die Länder, ihre schulischen Berufsbildungsgänge von Anfang an am Ziel einer Kammerabschlussprüfung zu orientieren.

Die dargestellten Übergangsmaßnahmen sind unerlässlich, wenn alle ausbildungsbereiten jungen Menschen eine berufliche Chance erhalten sollen. Wie oben dargestellt, ist die duale Berufsausbildung mit der Erwartung, allen jungen Menschen eine Berufsausbildung zu geben, überfordert. Der Ausweg aus dieser selbstgestellten "Falle" liegt in der Ergänzung der dualen Berufsausbildung durch vollzeitschulische Ausbildungsgänge mit einem möglichst hohen Praxisbezug, die auch auf dem Arbeitsmarkt akzeptiert werden. Nach statistischen Berechnungen gibt es genügend Ressourcen in der Bundesrepublik.

Die Ausbildungsprobleme stellten sich heute nicht mit dieser Schärfe, gelänge es, die dargestellten Kapazitäten über die Bildungsebenen hinweg effizient zu nutzen und das berufliche Bildungswesen internationalen Standards gemäß von der Schule bis zur Universität durchlässig anzulegen. Die derzeitige Diskussion der Berufsausbildung ist auf quantitative Fragen fixiert. Aber bei der Entwicklung der Berufsausbildung dürfen qualitative Aspekte nicht vernachlässigt werden, wofür die Kompetenz von AusbilderInnen und LehrerInnen ein Garant ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Berufsbildungsbericht 2004, Bonn 2004 (Manuskript).
2.
Vgl. Winfried Schlaffke, Die duale Berufsausbildung: Ein geschmähtes Erfolgssystem, in: Winfried Schlaffke/Reinhold Weiß (Hrsg.), Das duale System der Berufsausbildung: Leistung, Qualität und Reformbedarf, Köln 1996, S. 11ff.
3.
Vgl. Klaus Lorenz/Felix Ebert, Duales System - Quo vadis?, in: Günter Cramer (Hrsg.), Ausbildungspraxis 2004, Köln 2004, S. 33.
4.
Vgl. Dieter Euler, Berufsausbildung zwischen Krisenverwaltung und Reformgestaltung, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Berufsausbildungskonferenz "Ausbilden jetzt - Erfolg braucht alle", Bonn 2004, S. 23.
5.
Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Urteil vom 10. Dezember 1980. Berufsausbildungsabgabe nach dem Ausbildungsplatzförderungsgesetz, 55. Band, Tübingen 1981, S. 312f.
6.
Vgl. Andreas Schelten, Einführung in die Berufspädagogik, Stuttgart 2004(3), S. 82ff.
7.
Vgl. Gisela Feller, Berufsfachschulen: Glänzendes oder stumpfes Element im Berufsbildungssystem?, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung, (Anm. 4), S. 108.
8.
Vgl. Werner Dostal, Die arbeitsmarktpolitische Rolle der Berufsfachschule, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm. 4), S. 112.
9.
Vgl. D. Euler (Anm. 4), S. 23.
10.
Vgl. Dirk Werner u.a., Berufsbildung: Bedarfsorientierung und Modernisierung, in: Hans-Peter Klös/Reinhold Weiß (Hrsg.), Bildungs-Benchmarking Deutschland, Köln 2003, S. 344f.
11.
Vgl. Reinhold Weiß (Hrsg.), Aus- und Weiterbildung für die Dienstleistungsgesellschaft, Köln 1997, S. 19.
12.
Vgl. Hans Dietrich/Susanne Koch/Michael Stops, Ausbildung muss sich lohnen - auch für die Betriebe, in: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg 2004.
13.
Vgl. Ludger Wößmann, Entwicklung betrieblicher Kosten und Nutzen der Berufsausbildung, in: ifo-Schnelldienst, (2004) 57, S. 22.
14.
Vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Nutzen der beruflichen Bildung, Bielefeld 1998, S. 7.
15.
Vgl. Ursula Beicht/Günter Walden/Hermann Herget, Kosten und Nutzen der betrieblichen Ausbildung in Deutschland, Bielefeld 2004.
16.
Vgl. Dirk Werner, Angebotsrückgang am Ausbildungsmarkt: Ursachen und Maßnahmen, in: Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), iw-trends, 30 (2003) 2, S. 60.
17.
Vgl. Uwe Göbel, Was Ausbilder fordern - was Schüler leisten, Köln 1982; Michaele Gartz/Marion Hüchtermann/Barbara Mrytz, Schulabgänger. Was sie können und was sie können müssten, Köln 1999.
18.
Vgl. Helmut Flöttmann, Weiterentwicklung des dualen Berufsausbildungssystems, in: Arbeitsgruppe Forum Bildung (Hrsg.), Bildungs- und Qualifizierungsziele von morgen, Bonn 2001, S. 67.
19.
Vgl. Andreas Schelten, Einführung in die Berufspädagogik, Stuttgart 2004, S. 160ff.
20.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Alexander Reinberg und Markus Hummel in dieser Ausgabe.
21.
Vgl. Walter Brosi/Klaus Troltsch, Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen und Fachkräftebedarf der Wirtschaft - Zukunftstrends der Berufsbildung bis zum Jahr 2015, Bonn 2004.
22.
Vgl. Axel Plünnecke, Bildungsreform in Deutschland, Köln 2003, S. 34.
23.
Vgl. Deutsche Gesellschaft für Personalführung (Hrsg.), Betriebliche Berufsausbildung, Düsseldorf 2004, S. 11.
24.
Vgl. Bärbel Schröder, Alternative Ausbildungswege zur dualen Berufsausbildung, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm. 4), S. 133f.
25.
Vgl. Michael Ranft, Das Kooperative Modell in Brandenburg, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm. 4), S. 121ff.
26.
Vgl. Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (Hrsg.), Maßnahmen zur Entlastung der Ausbildungssituation - Öffnung vollzeitschulischer Bildungsgänge - Kriterien, Bonn 12. März 2004.
27.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm.1), 1. Kapitel.

Reinhard Zedler

Zur Person

Reinhard Zedler

Dr., M. A., geb. 1941; Berufspädagoge, Dozent an der Fachhochschule Koblenz.
Anschrift: IW Köln, Postfach 51 06 69, 50942 Köln.
E-Mail: reinhard.zedler@web.de

Veröffentlichungen u. a.: (Hrsg. zus. mit Reinhard Czycholl) Stand und Perspektiven der Berufsbildungsforschung, Nürnberg 2004.


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