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2.7.2004

Junge Frauen: Bessere Schulabschlüsse - aber weniger Chancen beim Übergang in die Berufsausbildung

Junge Frauen sind vom Rückgang des Angebots an betrieblichen Lehrstellen besonders betroffen. Ungeachet größerer Bildungserfolge werden sie beim Zugang zu qualifizierten Ausbildungsplätzen benachteiligt.

Einleitung



Die Erwartungen junger Frauen an den zukünftigen Beruf sind vielfältig und hoch - ihre Bereitschaft, durch eine qualifizierte Berufsausbildung eine geeignete Grundlage hierfür zu schaffen, ebenfalls. Doch wie sieht es mit den Realisierungschancen aus? Inwieweit gelingt es jungen Frauen heute ihre beruflichen Orientierungen auch umzusetzen? Welche Strategien schlagen sie ein, um eine Ausbildungsstelle zu finden? Welche Chancen bietet ihnen der Ausbildungsmarkt, und welche Perspektiven auf eine qualifizierte Berufsausbildung sind hiermit verknüpft?




Der Übergang zwischen Schule und Berufsausbildung ist zu einer Lebensphase geworden, die von ihrem Ausgang her ungewiss ist. Auch für junge Frauen mit Realschulabschluss, die über gute Voraussetzungen für eine Ausbildung verfügen, gilt ein Ausbildungs- und Berufseinstieg nicht als gesichert. Sind die schulischen Voraussetzungen ungünstiger, erhöht sich das Risiko, dass sie vorübergehend oder dauerhaft ohne Ausbildung und Beschäftigung verbleiben. Doch ist die berufliche Erstausbildung nach wie vor entscheidend für den späteren Berufseinstieg und bei Frauen und Männern zentral für ihre Einmündung in den Arbeitsmarkt. Die nach der "ersten Schwelle" entstandene Verteilung von Frauen und Männern auf Ausbildungsberufe setzt sich mit ungleicher Entlohnung und Anerkennung im späteren Beruf fort. Mit den Wegen in eine Ausbildung, d.h. mit der "ersten Schwelle" des Übergangs in eine berufliche Qualifizierung, beschäftigt sich der vorliegende Beitrag.




Nicht nur soziale Risiken, auch die trotz ihrer Bildungserfolge ungleichen Chancen junger Frauen auf dem Ausbildungsmarkt führen zu der Frage, wie der Übergang von der Schule in eine berufliche Ausbildung verläuft. Eine abgeschlossene berufliche Qualifizierung ist heute Bestandteil der Lebensplanung junger Frauen. Selbst die schwierige Lage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt führt nicht dazu, auf berufsbezogene Lebensentwürfe zu verzichten.

Die Annahme, die Einmündung junger Frauen in ein bestimmtes Spektrum von Ausbildungsberufen beruhe auf ihrer ursprünglichen Berufswahl, ist inzwischen weitgehend widerlegt. Die Berufseinmündung richtet sich auch nach den Gelegenheiten des Ausbildungsmarktes. Doch wie gehen junge Frauen mit den sich bietenden Möglichkeiten um und wie nehmen sie Ausbildungsberufe wahr, die mehrheitlich noch immer von dem einen oder anderen Geschlecht erlernt werden? Über Ursachen und Verlauf des Ausbildungs- und Berufseinstiegs junger Frauen liegen zahlreiche Forschungsergebnisse vor. Sie weisen nicht nur auf eine Vielzahl von Faktoren für ihre Berufsfindung hin, sondern auch darauf, dass Schulabgängerinnen je nach Herkunft und nationaler wie regionaler Zugehörigkeit differenziert zu betrachten sind.

Das Interesse gilt zunächst der Frage, wie sich junge Frauen nach Abschluss der Schule orientieren und inwieweit sie ihre Ausbildungsziele realisieren können. Damit konzentriert sich der folgende Beitrag darauf, welche Chancen sie auf dem heutigen Ausbildungsmarkt, d.h. im dualen Ausbildungssystem haben. Trotz einer hohen Berufsorientierung und der viel beachteten Bildungserfolge von Schülerinnen besteht für junge Frauen auf dem Ausbildungsmarkt - im Verhältnis zu jungen Männern - keine Chancengleichheit. Welche Ursachen dafür ermittelt wurden und welche Schlüsse die Erklärungsansätze nahe legen, diskutiert der Beitrag anschließend.

Berufsorientierung und Berufsfindung junger Frauen



Ausbildung und Beruf haben für junge Frauen einen hohen Stellenwert. Eine qualifizierte berufliche Ausbildung ist für sie die Voraussetzung für ihre spätere Erwerbstätigkeit, denn die Mehrheit plant eine dauerhafte Beteiligung am Erwerbsleben. Diese hohe Bedeutung von Ausbildung und Beruf im Leben junger Frauen wird durch eine Reihe von Untersuchungen belegt.[1] Eignung für den Beruf, Leistung, aber auch die Aussicht auf einen Arbeitsplatz bzw. einen angemessenen Verdienst sind jungen Frauen als Kriterien für den künftigen Beruf ähnlich wichtig wie jungen Männern.[2] Bei der Berufsfindung geht es ihnen jedoch nicht nur darum, einen Weg in Ausbildung und Beruf zu finden, sondern einen Lebensentwurf zu realisieren, der auch die private Lebensführung, wie z.B. eine künftige Familiengründung umfasst. Ein "doppelter Lebensentwurf" - die gleichzeitige Orientierung an Beruf und Familie - galt lange Zeit als eine Besonderheit der weiblichen Lebensplanung. Doch sehen bei weitem nicht alle jungen Frauen heute eine Familiengründung vor.[3] Ausbildungsinteressierte junge Frauen neigen außerdem dazu, Mutterschaft und Familie auf eine spätere Lebensphase zu verschieben. Nach Abschluss der Schule tritt die Frage der Familiengründung zugunsten der beruflichen Qualifizierung zunächst in den Hintergrund. Diese zeitliche Verschiebung hängt nicht zuletzt davon ab, wie jungen Frauen der Einstieg in eine qualifizierte Berufsarbeit gelingt. Für ihre Zukunft erwägen jene mit Kinderwunsch unterschiedliche - zeitliche und familiäre - Konstellationen, um Beruf und Familie in Einklang bringen.

Die Suche nach einer Ausbildung stellt junge Frauen vor hohe Anforderungen. Schulabgängerinnen setzen sich mit unterschiedlichen Strategien für die Realisierung ihrer beruflichen Ziele ein. Aufgrund ihrer geringeren Chancen auf dem Ausbildungsmarkt sind sie - gezwungenermaßen - meist aktiver und flexibler als junge Männer. Sie versenden mehr Bewerbungen, nehmen häufiger an Bewerbungsgesprächen teil und bewerben sich eher in mehreren Berufen und auch außerhalb der eigenen Region; lediglich direkt bei Betrieben fragen junge Männer häufiger nach.[4]

Angesichts der schwierigen Lage auf dem Ausbildungsmarkt kann es bei jungen Frauen auch zu einer Zurücknahme bisheriger Ziele kommen: Ursprüngliche Berufswünsche geraten dann angesichts der Schwierigkeiten und Misserfolge auf dem Ausbildungsmarkt zunehmend in den Hintergrund.[5] Auf der Grundlage positiver Erfahrungen und erster Erfolge können junge Frauen dagegen in ihrem Engagement für eine Ausbildung bestärkt werden. Der Ablauf der einzelnen Etappen und die Art und Weise, wie diese bisherige Erfahrungen verarbeiten, ist entscheidend dafür, wie sie die weiteren Schritte des Übergangs bewältigen. Für diesen Verlauf ist maßgeblich, ob der Einstieg in den Ausbildungsmarkt mit dem Verlust von Vertrauen in die eigenen Handlungschancen einhergeht oder trotz Einschränkungen auch mit Erfahrungen verbunden ist, die das eigene Selbstvertrauen stärken. So gibt es junge Frauen, die ungeachtet erfahrener Schwierigkeiten an der ersten Schwelle an ihrem Ausbildungsziel festhalten und z.B. über Umwege wie Praktika, vorbereitende Lehrgänge etc. versuchen, eine Ausbildung nach ihren Interessen zu erreichen.

Der Zugang junger Frauen auf den Ausbildungsmarkt



Eine Berufsausbildung ist heute für junge Frauen wie für junge Männer eine Selbstverständlichkeit - 84 Prozent der jungen Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren besitzen eine abgeschlossene berufliche Qualifizierung.[6] Dennoch besteht ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den Interessen und schulischen Ausgangsbedingungen junger Frauen und ihren Aussichten auf eine berufliche Ausbildung. Parallel zu wachsenden Handlungsspielräumen in dieser Lebensphase haben in den vergangen Jahren die Risiken und Instabilitäten am Übergang zwischen Schule und Ausbildung zugenommen. Zwar gilt dies für alle Schulabgänger, doch insbesondere für junge Frauen.

Ungeachtet besserer Schulabschlüsse im Vergleich zu jungen Männern hat 2002 mit 49 Prozent nur knapp die Hälfte der Bewerberinnen eine Ausbildungsstelle gefunden (männliche Bewerber: 54 Prozent). Dabei haben sich rund 40 Prozent dieser jungen Frauen nicht zum ersten, sondern zum zweiten bzw. dritten Mal beworben und wiederholt einen Misserfolg bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz einstecken müssen. Doch die meisten Bewerberinnen und Bewerber - rund 90 Prozent - haben weiter Interesse an einer dualen Ausbildung.[7] Daher weichen sie z.B. auf Bildungsangebote von Vollzeitberufsschulen aus, die einen anerkannten Berufsabschluss ermöglichen. Doch nicht immer gelingt eine sinnvolle Überbrückung. Bei den Alternativen handelt es sich nicht selten um chancengeminderte Ausbildungsgänge - meist ohne weiterführende berufliche Zukunftsaussichten. Außerdem münden junge Frauen ohne Ausbildungsplatz zum Teil in berufsvorbereitende Maßnahmen oder in Bildungsgänge der Berufsschulen, die nicht zu einem anerkannten Berufsabschluss führen, sondern eine Warteschleife darstellen, oder sie sind phasenweise arbeitslos.

Angesichts des Rückgangs des betrieblichen Ausbildungsangebots in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt insbesondere für junge Frauen wesentlich verschärft. So wurden im Jahr 2003 rund 558 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen - 2,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Von diesem Rückgang sind vor allem junge Frauen betroffen: Die Zahl derer, die in eine duale Ausbildung einmündeten, sank in diesem Zeitraum erheblich, um 5 Prozent, die der jungen Männer dagegen nur geringfügig um 0,6 Prozent.[8] Es wird daher gerade für junge Frauen zunehmend ungewisser, inwieweit ihnen der Übergang in eine qualifizierte Ausbildung tatsächlich gelingt.

Schulische Voraussetzungen und Ausbildungschancen junger Frauen

Schulabgängerinnen haben ihre männlichen Mitschüler in der schulischen Erfolgsbilanz inzwischen überholt. Sie erreichen häufiger weiterführende Schulabschlüsse; das gilt für das Abitur wie für mittlere Bildungsabschlüsse (vgl. Tabelle 1, s. PDF).

Trotz ihrer - im Vergleich zu jungen Männern - weiterführenden Bildungsabschlüsse sind nur rund 40 Prozent der Auszubildenden im dualen System weiblichen Geschlechts.[9] Junge Frauen sind zwar die Gewinnerinnen der Bildungsoffensive im allgemeinbildenden Bereich, aber dieser Vorsprung wirkt sich beim Zugang zu qualifizierten Ausbildungsplätzen nicht entsprechend aus.

Besonders ungünstig gestaltet sich die Situation für junge Frauen in Ostdeutschland und für jene mit Migrationshintergrund. Schulabsolventinnen in den ostdeutschen Bundesländern haben ein starkes Interesse daran, unmittelbar nach der Schule eine duale Ausbildung zu beginnen (49 Prozent) - häufiger als Schulabsolventinnen in den westdeutschen Ländern (34 Prozent).[10] Aufgrund der besonders ungünstigen Lage auf dem betrieblichen Ausbildungsmarkt haben sie jedoch geringere Chancen auf eine duale Ausbildung: In Ostdeutschland sind 40 Prozent der Auszubildenden im dualen System junge Frauen, in Westdeutschland sind es immerhin 44 Prozent. Auch im Vergleich zum Anteil der erwerbstätigen Frauen an allen Beschäftigten (46 Prozent) ist der Anteil der ostdeutschen jungen Frauen in Ausbildung unterproportional, während er im Westen ausgeglichen ist (43 Prozent der Beschäftigten und 44 Prozent der Auszubildenden sind Frauen). Junge Frauen in Ostdeutschland mit guten bis sehr guten schulischen Bildungsabschlüssen sehen sich daher dennoch häufig gezwungen, mangels Alternativen weiterführende schulische Bildungsgänge zu besuchen oder eine Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Lernstätte aufzunehmen. So werden in den ostdeutschen Ländern 27 Prozent aller Auszubildenden außerbetrieblich ausgebildet, der Anteil junger Frauen dürfte noch höher liegen.[11]

Die Chancen junger Frauen ausländischer Herkunft beim Zugang zu einer dualen Ausbildung entsprechen gleichfalls nicht ihren Schulabschlüssen: Trotz besserer Schulabschlüsse im Vergleich zur männlichen Vergleichsgruppe und eines hohen Engagements an der ersten Schwelle hatten 2002 nur 31 Prozent der jungen Frauen mit ausländischem Pass Zugang zu einer Ausbildung im dualen System - noch seltener als männliche Jugendliche ausländischer Nationalität (37 Prozent), aber wesentlich seltener als junge deutsche Frauen (rund 54 Prozent). Ungeachtet ihrer verbesserten Bildungsabschlüsse im letzten Jahrzehnt hat sich der Anteil junger Frauen ausländischer Nationalität an einer Ausbildung im dualen System seit Mitte der neunziger Jahre nicht erhöht, sondern ist seither sogar rückläufig (1994: 34 Prozent).

Eine Folge hiervon ist, dass nach Auswertungen des Mikrozensus rund 41 Prozent der jungen Frauen ausländischer Nationalität ohne anerkannten Berufsabschluss bleiben (junge Männer: 36 Prozent) - aber nur 12 Prozent der jungen Frauen deutscher Nationalität im Alter zwischen 20 bis 30 Jahren.[12] Die Gründe für die geringen Ausbildungschancen junger Frauen nichtdeutscher Herkunft sind jedoch kaum - wie eine Reihe von Forschungsergebnissen zeigen - in restriktiven persönlichen oder familiären Einstellungen gegenüber einer beruflichen Zukunftsplanung zu finden.[13]

Junge Frauen und Männer in der dualen Ausbildung

Rund die Hälfte der jungen Frauen eines Altersjahrgangs durchlief 2002 eine Ausbildung im dualen System - rund zwei Drittel waren es bei den jungen Männern. Damit bietet das duale System männlichen Schulabgängern weiterhin deutlich bessere Chancen einer qualifizierten Berufsausbildung als jungen Frauen. Die geschlechtsspezifische Einmündung in Ausbildungsberufe betrifft junge Männer wie Frauen gleichermaßen. Es gibt allerdings mehr männlich als weiblich dominierte Berufe und somit mehr Ausbildungsmöglichkeiten für junge Männer. In 56 Prozent der Ausbildungsberufe liegt der Anteil junger Männer bei über 60 Prozent, umgekehrt haben in nur 28 Prozent der Ausbildungsberufe Frauen einen Anteil von über 60 Prozent (vgl. Tabelle 2, s. PDF).

73 Prozent der jungen Männer erhalten eine berufliche Qualifizierung in einem männlich dominierten, 43 Prozent der jungen Frauen in einem weiblich dominierten Ausbildungsberuf. Der Anteil junger Männer in gemischt besetzten Berufen ist halb so groß wie der junger Frauen (11 Prozent zu 24 Prozent). Auch gehen Männer mit rund 6 Prozent seltener in überwiegend weiblich besetzte bzw. dominierte Ausbildungsbereiche als - umgekehrt - Frauen mit 18 Prozent in überwiegend männlich besetzte bzw. dominierte Ausbildungsdomänen. Die These einer geschlechtsspezifischen Einmündung in Ausbildungsberufe trifft damit auf junge Männer deutlich stärker zu als auf junge Frauen.

Im Vergleich zu ihrem bereits verhältnismäßig niedrigen Anteil von 40 Prozent im dualen System ist der Anteil junger Frauen an allen Auszubildenden des Handwerks mit 23 Prozent besonders gering. Im vergleichsweise kleinen Segment der Freien Berufe sind junge Frauen dagegen fast unter sich. Auch im Öffentlichen Dienst, der insgesamt nur knapp 3 Prozent aller Ausbildungsplätze bietet, sind sie mit einer knappen zwei Drittelmehrheit stark vertreten.

Die Frauen benachteiligende Konzentration auf dem Ausbildungsstellenmarkt wird auch darin deutlich, dass über die Hälfte der weiblichen Auszubildenden 2002 in nur zehn Berufen ausgebildet wurde (56 Prozent) - bei den jungen Männern waren es nur circa 20 Prozent.

Die Einmündung junger Frauen in ausgewählte Ausbildungsberufe

Junge Frauen werden am häufigsten als Bürokauffrauen ausgebildet, gefolgt von den Ausbildungsberufen Arzthelferin und Kauffrau im Einzelhandel. Sehr viele münden auch in eine Ausbildung zur Friseurin sowie zur Zahnmedizinischen Fachangestellten ein. Vergleichsweise gute Chancen haben junge Frauen in den "klassischen" wie "neuen" Dienstleistungsberufen.[14] Das gilt für die kaufmännischen Berufe insgesamt wie für die Warenkaufleute, wo 63 Prozent der Auszubildenden 2002 junge Frauen waren, so z.B. bei den Kaufleuten im Einzelhandel (Anteil weiblicher Auszubildender 58 Prozent) wie bei den Verkäufer/innen (69 Prozent). Ebenso positiv ist die Bilanz bei den Dienstleistungsberufen wie in den Büroberufen. In den kaufmännischen Berufen, bei den Bürokaufleuten (75 Prozent), den Industriekaufleuten (63 Prozent) oder den Bankkaufleuten (59 Prozent) stellen sie gleichfalls die (große) Mehrheit der Auszubildenden. Dies gilt für den gesamten Bereich der Dienstleistungskaufleute wie z.B. bei den Versicherungskaufleuten (52 Prozent). Auch in den neuen Dienstleistungsbereichen - so in den neuen Medien- und Serviceberufen - haben sie sich zwischenzeitlich ihren Platz erobert.

Bislang ist es jedoch nicht gelungen, die Teilhabe junger Frauen in technisch orientierten Berufen zu steigern. Das gilt auch für Berufe der IT-Branche. In den gewerblichen Ausbildungsberufen geht der Anteil junger Frauen sogar seit Jahren kontinuierlich zurück. Dieser Rückgang gilt für Handwerksberufe wie Tischler/in (1991 9,3 Prozent, 2002 6,6 Prozent) bzw. Maler/in und Lackierer/in (1991 9,3, 2002 8,3) sowie für eine Reihe industrieller Fertigungsberufe. So ist der Anteil weiblicher Auszubildender bei den Industriemechaniker/innen (Fachrichtung Geräte- und Feinwerktechnik) zwischen 1991 und 2002 von 10 Prozent auf 5 Prozent gesunken. Auch in den Berufen der Holz- und Kunststoffverarbeitung wie in den Chemieberufen sind junge Frauen unterproportional vertreten (7 Prozent bzw. 17 Prozent). Nur 13 Prozent der Auszubildenden zum bzw. zur Chemikanten/in sind Frauen. Noch niedriger liegt ihr Anteil in den industriellen Elektro- und Metallberufen. Beispiele hierfür sind die Informationselektroniker/innen (Frauenanteil 2 Prozent), die Elektroinstallateur/innen (1 Prozent) aber auch die Gas- und Wasserinstallateur/innen (1 Prozent). Dies gilt auch für die Ausbildung als Mechatroniker/in (3 Prozent) bzw. als Energieelektroniker/in (2 Prozent).

Dass junge Frauen sich jedoch auch für technisch orientierte Berufe interessieren, zeigt ihre hohe Teilhabe bei den naturwissenschaftlichen bzw. technischen Laborberufen: 61 Prozent der Auszubildenden zum Chemielaboranten sind junge Frauen, 79 Prozent sind es bei den Biologielaboranten. Auch den Beruf des/der Zahntechniker/in lernen zu 61 Prozent junge Frauen (vgl. Tabelle 3, s. PDF).

Doch auch einige (wenige) andere Berufe im technischen Bereich sind für junge Frauen von Interesse. Dies gilt beispielsweise für die Ausbildung zur Vermessungstechnikerin bzw. zur Mediengestalterin Bild und Ton. Knapp jeder dritte Auszubildende in dieser Berufsgruppe ist eine Frau. Demgegenüber liegt der Anteil junger Frauen in den neuen gewerblich-technischen Berufen bei nur 5 Prozent. Auch ihre Teilhabe an den neuen IT-Berufen liegt mit 14 Prozent weit unter ihrem Anteil an allen neuen Berufen (23 Prozent). Gerade in den zwei stärker technisch orientierten Ausbildungsberufen der IT-Branche werden im Vergleich zu den eher kaufmännisch orientierten deutlich weniger Frauen ausgebildet (vgl. Tabelle 3, s. PDF).

Dass junge Frauen jedoch nicht generell vor neuen Technologien zurückschrecken, zeigt ein Beispiel aus dem Bereich Druck. Lag der Anteil junger Frauen im Ausbildungsberuf des/der Schriftsetzer/in 1987 noch bei 21 Prozent, so waren 2002 über die Hälfte der Auszubildenden im Beruf des/der Mediengestalters/in für Digital- und Printmedien junge Frauen (55 Prozent).

In nur sehr wenigen technisch orientierten Berufen haben junge Frauen einen hohen Anteil. Darunter befinden sich offensichtlich verstärkt solche Ausbildungsberufe, die auf "feinmotorisch-gestalterische Tätigkeiten" hindeuten. Dies gilt innerhalb der Elektroberufe für die Ausbildung zum bzw. zur Hörgeräteakustiker/in mit einem Frauenanteil von 64 Prozent. Im Ausbildungsberuf des bzw. der Mechatroniker/in liegt der Anteil der Frauen demgegenüber nur bei 3 Prozent. Auch in die Berufe der Glasherstellung bzw. -bearbeitung münden nur wenige junge Frauen ein (15 Prozent), bei den Feinoptikern sind es dagegen 36 Prozent. Für andere Berufsfelder lassen sich ähnliche Zusammenhänge zeigen.[15] Allerdings bieten gerade diese wenigen technisch orientierten Ausbildungsberufe, in die junge Frauen - im Vergleich zum gesamten Berufsfeld, dem sie angehören - verstärkt einmünden, nur sehr wenige Ausbildungsplätze. Dies mindert die Teilhabe junger Frauen an technisch orientierten Berufen - obgleich der überwiegende Teil von ihnen hierfür geeignete schulische Voraussetzungen mit sich bringt.

Ursachen ungleicher Chancen in der beruflichen Ausbildung



Warum haben junge Frauen trotz ihrer Orientierung an Ausbildung und Beruf, ihrem hohen Engagement an der ersten Schwelle sowie ihrer größeren Bildungserfolge im Vergleich zu jungen Männern geringere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt? Weshalb gelingt es ihnen nicht, ihre Bildungspotenziale in eine qualifizierte Ausbildung umzusetzen?

Der Verlauf des Übergangs junger Frauen in eine berufliche Ausbildung wird durch zahlreiche Bedingungen und Faktoren beeinflusst. Entsprechend stehen zu der eingangs gestellten Frage unterschiedliche Erklärungsansätze und Thesen zur Diskussion. Nicht selten beruhen diese Ergebnisse auf Untersuchungen bei jungen Frauen westdeutscher Herkunft. Inwieweit sie auf andere Zielgruppen übertragbar sind, kann daher nicht immer als gesichert gelten. Soweit vorliegende Untersuchungen verschiedene Gruppen junger Frauen berücksichtigen, beziehen wir dies in unsere folgenden Ausführungen ein.

Einflüsse sozialer Bezugspersonen: Eltern, Lehrer und Gleichaltrige

Einige Erklärungsansätze gehen von der Frage aus, inwieweit die ungleichen Bildungswege von Männern und Frauen bereits in der Herkunftsfamilie angelegt werden. Einerseits hat die Lebensweise der Eltern Modellcharakter, die - auch ohne dass sich die Beteiligten darüber im Klaren sind - die beruflichen Ziele und Vorstellungen der Töchter prägt. Andererseits sind auch die Interaktionen in der Familie und die Wahrnehmungsmuster gegenüber den Töchtern von Bedeutung. Nach Ergebnissen einer regional angelegten Studie in Hamburg[16] nehmen Eltern in Gesprächen über mögliche Ausbildungsberufe eine geschlechtsspezifische Einschätzung der Begabungen ihrer Töchter vor - und zwar unabhängig von den tatsächlichen schulischen Leistungen und Fähigkeiten. Selbst wenn die Notengebung auf das Gegenteil hinweist, sind Eltern demnach eher davon überzeugt, dass ihre Töchter nicht über naturwissenschaftlich-mathematische Kompetenzen bzw. über Begabungen für die entsprechenden Berufe verfügen. Dagegen werden Fähigkeiten für so genannte frauenspezifische Berufe als selbstverständlich vorausgesetzt.

Als Gründe für die geringe Teilhabe junger Frauen an technisch orientierten Berufen wird in einer Reihe von Untersuchungen weiterhin die ungleiche Förderung in den naturwissenschaftlichen bzw. technischen Fächern in der Schule zur Diskussion gestellt.[17] Demnach erhalten Schülerinnen von Lehrern in solchen Fächern weniger Unterstützung als Schüler; das reicht nicht aus, um Selbstvertrauen in ihre naturwissenschaftlichen wie technischen Fähigkeiten zu entwickeln.

Neben den Eltern neigen auch Lehrer zu einer Wahrnehmung, die von geschlechtsspezifischen Zuschreibungen geprägt ist und den Mädchen im Verhältnis zu Jungen nicht dieselben Fähigkeiten oder Interessen unterstellt. Diese Ergebnisse werfen jedoch auch die Frage auf, inwiefern die Sichtweise von Lehrern und Eltern die Selbsteinschätzung der Schülerinnen und damit tatsächlich auch ihr Berufswahlverhalten beeinflusst. So zeigen Untersuchungen, dass für junge Frauen auch gute Noten in Fächern wie Mathematik nicht in demselben Ausmaß wie bei jungen Männern dazu führen, dass sie sich für einen naturwissenschaftlichen bzw. technischen Beruf interessieren.[18]

Außer Lehrern und Eltern werden auch die Gleichaltrigen zunehmend als soziale Bezugspersonen in der Phase der Berufsfindung zur Kenntnis genommen. Junge Frauen orientieren sich in der Phase der Berufsfindung auch an Geschwistern oder an Gleichaltrigen aus Schule und Nachbarschaft. Wie sich diese Einflüsse auf ihr Berufswahlverhalten auswirken, ist jedoch uneinheitlich und nicht generell zu beantworten.[19] Junge Frauen können im Kreis der Gleichaltrigen z.B. Gegenentwürfe zu den sozialen Erwartungen der Eltern und Lehrer herausbilden und sich an gemeinsamen Vorstellungen orientieren, die nicht vorherrschenden Frauenbildern entsprechen. Sie können sich in dieser Phase aber auch in der Wahl typischer Frauenberufe gegenseitig bestärken. Dann orientieren sie sich beispielsweise an einem Beruf, den sie bei ihrer Schwester oder ihrer Freundin beobachten, oder sie entwickeln gemeinsame Vorstellungen im Freundinnenkreis. Sie streben dann Berufe an, die im jeweiligen Umfeld als interessant und erreichbar gelten, bewegen sich aber gleichzeitig innerhalb eines begrenzten Spektrums.

Gelegenheiten des Ausbildungsmarktes als eine Voraussetzung der Berufsfindung

Zwar werden die Weichen für den Verlauf der Übergangsphase zwischen Schule und Ausbildung nach den bisher dargestellten Ergebnissen bereits früh und nicht erst mit dem Abschluss der allgemein bildenden Schule gestellt. Auch wurde ausgeführt, dass sich die Ausbildung nicht immer an die Schule anschließt und die Übergänge Zwischenschritte wie Praktika, Bewerbungsaktivitäten oder Zeiten der Arbeitslosigkeit umfassen. In welche Ausbildung junge Frauen schließlich einmünden, kann sich - so die Ergebnisse weiterer Untersuchungen - nicht nur im Verlauf der Übergänge zwischen Schule und Ausbildung noch verändern. Vielmehr ist ihre Einmündung in einen bestimmten Ausbildungsberuf auch ein direktes Resultat dieser Übergangsphase und der Gelegenheiten, welche die jungen Frauen dabei auf dem Ausbildungsmarkt vorfinden.

Unter dem Stichwort "Hauptsache eine Ausbildung" wurde angesichts der zunehmenden Verschlechterung der Lage auf dem Ausbildungsmarkt bereits in den achtziger Jahren diskutiert, inwieweit sich Jugendliche zwischen Schule und Ausbildung nicht an ihren Wünschen, sondern an den erreichbaren Optionen orientieren.[20] Am Ende dieser Phase verengt sich vor allem bei jungen Frauen das Spektrum der zur Auswahl stehenden Berufe. Ein vergleichbarer Verlauf wurde inzwischen auch bei jungen Frauen ostdeutscher Herkunft und bei jungen Migrantinnen beobachtet.[21]

Im Gegenzug zu Ansätzen, die jungen Frauen eine Berufswahl als Folge einer Benachteiligung während ihrer bisherigen Sozialisation unterstellen, gilt hier die Berufsfindung als das Resultat der vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Gelegenheiten auf einem lokalen Ausbildungsmarkt. Demnach ist die Einmündung in so genannte "frauenspezifische" Berufe und ihre geringe Teilhabe an technisch orientierten Berufen nicht (allein) eine Folge ihrer ursprünglichen Berufswahl, sondern insbesondere der Schwierigkeit, ihre Berufsziele angesichts fehlender Ausbildungsstellen umsetzen zu können. Ausschlaggebend ist dabei, wie junge Frauen diese Phase bewältigen und daraus weitere Strategien für ihren Einstieg in eine Ausbildung entwickeln. Der Schulabschluss oder auch die Sozialisation im persönlichen Umfeld sind hierbei immer noch bedeutsam, doch haben die vom lokalen Ausbildungsmarkt geprägten Möglichkeiten erheblich an Einfluss gewonnen.

"Doing Gender" in der Wahrnehmung und Vergabe von Ausbildungsberufen

Auch wenn der Einstieg in eine Ausbildung gelingt, erfahren junge Frauen und Männer im Berufsbildungssystem in der Mehrzahl deutlich verschiedene Platzierungen.[22] Wie geht diese Zuordnung zu Männer- und Frauenberufen bereits während des Übergangs zwischen Schule und Ausbildung vor sich? Erklärungsansätze dazu richten sich auf ein komplexes Wechselverhältnis zwischen den Zuschreibungen durch andere und der Selbstwahrnehmung junger Frauen und Männer in der Arbeitswelt. Die Hartnäckigkeit der Geschlechterungleichheit beruht demzufolge auf einem Zusammenspiel zwischen den Erwartungen auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes. "Doing Gender", die interaktive Herstellung von Geschlecht, vermittelt sich z.B. über die geschlechtliche Etikettierung von Berufen, durch die Erwartungshaltungen von jungen Frauen und Männern an ihre Berufslaufbahn sowie überdies durch geschlechtsspezifisch geprägte Einstellungen auf Seiten der Betriebe im Rekrutierungsverfahren.[23]

Für einen solchen Erklärungsansatz sprechen auch folgende Ergebnisse: Berufsbezeichnungen werden von Schulabgängerinnen und Schulabgängern unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Mädchen und Jungen assoziieren mit denselben Berufsbezeichnungen z.B. unterschiedliche Tätigkeitsmerkmale oder unterschiedliche Eigenschaften von Personen, die diese Berufe ausüben.[24] Auf diese Weise beeinflusst die bloße Bezeichnung eines Ausbildungsberufs das Interesse junger Frauen und Männer - unabhängig von dem, was im Beruf tatsächlich abverlangt wird. Eine wichtige Rolle spielt bei der Bewertung der Bezeichnungen, ob diese die Jugendlichen bei ihrer Selbstdarstellung im sozialen Raum unterstützen. Mädchen und Jungen folgen dabei nicht denselben Kriterien.

Auch die Rekrutierungspraktiken der Betriebe sind entgegen dem eigenen Selbstverständnis nicht immer geschlechtsneutral. Zwar gehen Unternehmen der IT-Branche in einer Befragung mehrheitlich davon aus, junge Frauen könnten vorrangig durch ein Mehr an technikorientierten Betriebspraktika sowie durch eine Verstärkung der Kontakte zu jungen Frauen in Schule und Berufsberatung für eine Ausbildung in einem IT-Beruf gewonnen werden.[25] Dass auch verbesserte Eignungstests und Auswahlverfahren dazu beitragen könnten, meinen nur vergleichsweise wenige Betriebe. Die geringe Ausbildungsbeteiligung junger Frauen wird so vorrangig auf ihr mangelndes Interesse an technischen Berufen zurückgeführt - obgleich sich in den technisch orientierten IT-Berufen doppelt so viele Frauen auf eine Ausbildungsstelle bewerben wie eingestellt werden. Vieles weist darauf hin, dass bislang Einstellungstests und Auswahlverfahren von Betrieben in gewerblich-technischen wie bei IT-Berufen noch von geschlechtsspezifischen Mustern geprägt sind. Bewerberinnen werden z.B. eher in kaufmännisch orientierten Berufen bevorzugt, männliche Bewerber dagegen in technisch orientierten Berufen.

Ausblick



Der erhebliche Rückgang des Angebots an betrieblichen Lehrstellen trifft besonders junge Frauen. Inwieweit dies durch die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe tatsächlich verändert werden kann, bleibt abzuwarten. Eine weitere Ausgrenzung junger Frauen aus dualer Ausbildung, die sich verschärft und über Jahre hinzieht, würde möglicherweise bildungspolitische Errungenschaften gefährden: Dies gilt insbesondere dann, wenn junge Frauen von qualifizierten Ausbildungsplätzen ausgeschlossen und der Anteil junger Frauen ohne anerkannten Berufsabschluss steigen sollte.

Doch eine alternde Gesellschaft, die bereits in den nächsten Jahren vor einschneidenden demografischen Veränderungen steht, kann es sich nicht leisten, auf das Qualifizierungs- und Nachwuchspotenzial junger Frauen zu verzichten. Umgekehrt gilt es bereits heute, ihre Kompetenzen und Profile auch in technisch orientierten Berufen stärker auszuschöpfen. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung ist absehbar, dass Auszubildende und junge Fachkräfte in wenigen Jahren in Ostdeutschland und spätestens in zehn Jahren auch in Westdeutschland Mangelware sein werden. Das haben Wirtschaft und Politik im Prinzip erkannt. Mit dem Ziel, den Anteil junger Frauen in den IT-Berufen auf 40 Prozent im Jahr 2005 zu steigern, wurde eine facettenreiche Informationskampagne gestartet, um mehr junge Frauen für eine Ausbildung in einem informationstechnischen Beruf zu gewinnen. Solche Maßnahmen - wie auch der Girl`s Day - konzentrieren sich darauf, das Interesse junger Frauen an einem technisch orientierten Beruf u.a. in der IT-Branche zu wecken. Sie müssten jedoch deutlich stärker als bisher durch Aktivitäten flankiert werden, die darauf zielen, dass sich erstens junge Frauen auch tatsächlich für einen solchen Beruf entscheiden und zweitens, dass von jenen, die sich in einem technisch orientierten Beruf bewerben, deutlich mehr als bisher auch tatsächlich einen Ausbildungsplatz sowie die Aussicht auf eine qualifizierte Beschäftigung erhalten.

Im Hinblick auf das Ziel, junge Frauen für technische Berufe zu gewinnen, existiert eine Bandbreite von Möglichkeiten, wie beispielsweise Schnupperpraktika bei Betrieben, bessere Nutzung von Assessment-Verfahren (z.B. TASTE [26]), Ausweitung von Mentoring-Programmen auf die Zielgruppe junger Frauen etc. Diese sollten stärker als bisher genutzt bzw. gefördert werden.

Weiterhin geht es darum, in Betrieben und Verwaltungen bei der Einstellung in technisch orientierten Berufen stärker als bisher geschlechtersensible Auswahlverfahren zu nutzen. Einstellungstests wie betriebliche Auswahlverfahren sollten also darauf hin überprüft werden, inwieweit sie noch implizit oder explizit Elemente enthalten, die eine geschlechtsspezifische Auswahl bedingen. In diesem Zusammenhang ist auch darauf zu achten, dass junge Frauen nach Abschluss ihrer Ausbildung in einem technisch orientierten Beruf ebenso wie männliche Ausbildungsabsolventen von ihrem Ausbildungsbetrieb ein fachlich adäquates Übernahmeangebot erhalten.

Doch die geschlechtsspezifische Segmentierung trifft - wie die vorliegenden Analysen zeigen - nicht nur junge Frauen. Noch stärker als junge Frauen münden junge Männer in Berufe ein, in der vorwiegend junge Männer ausgebildet werden. Der Blick von Wissenschaft und Politik hat sich bislang zu sehr darauf konzentriert den Anteil junger Frauen in männerdominierten Bereichen zu erhöhen. Ergänzend hierzu sind Angebote notwendig, die das Berufswahlspektrum junger Männer ausweiten, um ihren Anteil in frauendominierten Berufen zu steigern. So gesehen sind die Qualifikationspotenziale junger Frauen wie Männer bislang noch nicht in voller Breite erschlossen. Wie es bei den Mädchen an weiblichen Vorbildern in technischen Berufen bzw. in Führungspositionen mangelt, so fehlt es den Jungen an männlichen Vorbildern in pflegenden, sozialen und ähnlichen von Frauen dominierten Bereichen. Eine Kampagne, die sich zum Ziel setzt, den Anteil junger Männer in diesen Bereichen zu erhöhen, könnte auch dazu beitragen, dass die Leistungen, die Frauen in den so genannten Frauenberufen erbringen, positiver bewertet und diese damit attraktiver würden.

Ob es darum geht, dass junge Männer stärker in so genannte Frauenberufe oder umgekehrt junge Frauen stärker in so genannte Männerberufe Eingang finden, die Signalwirkung, die von den Berufsbezeichnungen ausgeht und die bei Mädchen und Jungen unterschiedliche Assoziationen hervorrufen, sollte stärker berücksichtigt werden. Daher gilt es bei der Schaffung neuer Berufe bzw. bei Neuordnungen Berufsbezeichnungen zukünftig so einzusetzen, dass sie insbesondere auf die Zielgruppe attraktiv wirken, die damit stärker als bisher angesprochen werden soll, also Mädchen für technische und Jungen für soziale und pflegerische Berufe.

Fußnoten

1.
Zu Ergebnissen zur Gestaltung beruflicher und familiärer Lebensformen vgl. die Auswertung vorhandener Studien durch Waltraud Cornelißen u.a., Die Lebenssituation und die Perspektiven junger Frauen und Männer in Deutschland. Eine sekundärstatistische Auswertung vorhandener Umfragedaten, in: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Das Forschungsjahr 2001, München 2002.
2.
Vgl. Ursula Nissen u.a., Berufsfindungsprozesse von Mädchen und jungen Frauen. Empirische Befunde und theoretische Erklärungsansätze, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2000.
3.
Vgl. Barbara Keddi u.a., Lebensthemen junger Frauen. Die andere Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe, Opladen 1999.
4.
Vgl. Joachim Gerd Ulrich/ Bettina Ehrenthal, Verlauf der Lehrstellensuche und Verbleib der Ausbildungsstellenbewerber des Jahres 2002, in: Informationen für die Vermittlungs- und Beratungsdienste der Bundesanstalt für Arbeit (ibv), (2003) 13.
5.
Vgl. zu Übergangsprozessen und ihre Bewältigung durch eine Neuorientierung Karin Schittenhelm, Soziale Lagen im Übergang. Statuspassagen junger Frauen zwischen Schule und beruflicher Ausbildung im interkulturellen Vergleich, Opladen 2004 (i.E.).
6.
Dieser Anteil bezieht sich auf diejenigen, die bereits eine berufliche Qualifizierung abgeschlossen haben, sei es an einer Hochschule, sei es in der beruflichen Bildung. Angaben aus dem Mikrozensus 2002, vgl. Klaus Troltsch, Bildungsbeteiligung und -chancen von ausländischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, in: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Integration durch Qualifikation. Chancengleichheit für Migrantinnen und Migranten in der beruflichen Bildung. Ergebnisse, Veröffentlichungen und Materialien aus dem BIBB, Bonn 2003.
7.
Vgl. J. G. Ulrich u.a. (Anm. 4).
8.
Vgl. BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung), Berufsbildungsbericht, Bonn 2004.
9.
Die im Folgenden verwendeten statistischen Angaben beruhen, wenn nicht anders vermerkt, auf Angaben des Statistischen Bundesamtes und Berechnungen bzw. Auswertungen des BIBB.
10.
Vgl. Bernd Fischer/Barbara Schulte, Schulabgängerbefragung 2001 - Frauen entscheiden anders, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP), (2001) 6.
11.
Vgl. BMBF (Anm. 8).
12.
Vgl. K. Troltsch (Anm. 6).
13.
Vgl. Mona Granato, Jugendliche mit Migrationshintergrund - auch in der beruflichen Bildung geringere Chancen?, in: Georg Auernheimer (Hrsg.), Schieflagen im Bildungssystem? Schüler mit Migrationshintergrund nach PISA, Opladen 2003.
14.
Vgl. Mona Granato, Junge Frauen in der Berufsausbildung, in: Günter Cramer/Hermann Schmidt u.a. (Hrsg.), Ausbilder-Handbuch, Köln 2004.
15.
Vgl. Joachim Gerd Ulrich/Andreas Krewerth/Ingrid Leppelmeier, Disparitäten auf der Nachfrageseite des Ausbildungsstellenmarktes, in: Andreas Krewerth u.a. (Hrsg.), Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen, Bielefeld 2004 (i.E.).
16.
Vgl. Daniela Hoose/Dagmar Vorholt, Der Einfluß von Eltern auf das Berufswahlverhalten von Mädchen. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 25/97. Es handelt sich hier um eine Untersuchung mit Hilfe von Fallanalysen, die keine Verallgemeinerbarkeit zulässt.
17.
Vgl. die Zusammenfassung und Diskussion solcher Ergebnisse in: Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (Hrsg.), Verbesserung der Chancen von Frauen in Ausbildung und Beruf, H. 80, Bonn 2000.
18.
Vgl. Christian Baudelot/Roger Establet, Mathematik am Gymnasium: Gleiche Kompetenzen und divergierende Orientierungen, in: Irene Dölling u.a. (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt/M. 1997.
19.
Zu verschiedenen Voraussetzungen und Folgen einer Peer-Sozialisation siehe K. Schittenhelm (Anm. 5).
20.
Vgl. Walter R. Heintz/Helga Krüger u.a., Hauptsache eine Lehrstelle. Jugendliche vor den Hürden des Arbeitsmarkts, Weinheim 1987.
21.
Vgl. Czarina Wilpert, Berufskarrieren und Zugehörigkeiten, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Lebensverhältnisse und Zugehörigkeiten im neuen Europa, Frankfurt/M. 1993; K. Schittenhelm (Anm. 5).
22.
Vgl. Helga Krüger, Ungleichheiten im Lebenslauf. Wege aus den Sackgassen empirischer Traditionen, in: Bettina Heintz (Hrsg.), Geschlechtersoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (2001) Sonderheft 41.
23.
Vgl. zu einer theoretischen Diskussion und Zusammenfassung entsprechender Forschungsergebnisse Cecilia Ridgeway, Interaktion und die Hartnäckigkeit der Geschlechter-Ungleichheit in der Arbeitswelt, in: B. Heintz (Anm. 22).
24.
Vgl. Joachim Gerd Ulrich/Andreas Krewerth/Tanja Tschöpe, Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf das Berufsinteresse von Mädchen und Jungen, in: Soziologie und Berufspraxis, (2004) 6.
25.
Vgl. Agnes Dietzen/Gisela Westhoff, Qualifikation und Perspektiven junger Frauen in den neuen Berufen der Informations- und Kommunikationstechnologien, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, (2001) 6.
26.
Dieses Assessment-Verfahren ermöglicht es Mädchen, die eigenen Fähigkeiten, gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich, besser kennen- und einschätzen zu lernen (www.taste-for-girls.de).

Mona Granato, Karin Schittenhelm

Zur Person

Mona Granato

Dr. phil.; wiss. Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.
Anschrift: BIBB, Friedrich-Ebert-Allee 38, 53175 Bonn.
E-Mail: granato@bibb.de

Veröffentlichungen u.a.: Jugendliche mit Migrationshintergrund - auch in der beruflichen Bildung geringere Chancen?, in: Georg Auernheimer (Hrsg.), Schieflagen im Bildungssystem?, Opladen 2003.


Zur Person

Karin Schittenhelm

Dr. phil., geb. 1957; Professorin für Soziologie an der Universität Siegen.
Anschrift: Universität Siegen, FB 1 Soziologie, 57078 Siegen.
E-Mail: schittenhelm@soziologie.uni-siegen.de

Veröffentlichungen u.a.: Soziale Lagen im Übergang. Statuspassagen junger Frauen zwischen Schule und beruflicher Ausbildung im interkulturellen Vergleich, Opladen 2004 (i. E.).


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