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14.12.2018

Bayerische Dialektik. Oder: Irgendwie und Sowieso - Essay

"Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische."

(Karl Valentin)

Bayern, wo der Himmel weiß-blau und die Regierung schwarz ist, das Volk gottesfürchtig und die Welt noch in Ordnung – so verkauft sich das flächengrößte deutsche Bundesland gern selbst, tatkräftig unterstützt von der lange Zeit mit Bayern fast symbiotisch verbunden wirkenden Christlich-Sozialen Union, einer der genialsten Erfindungen der deutschen Parteiengeschichte. Unabhängig davon, wer in Berlin regiert, die CSU ist immer irgendwie in der Opposition, und das macht sie für Bankdirektoren wie Bankräuber gleichermaßen wählbar. So kam es für viele durchaus überraschend, dass die bayerischen Wählerinnen und Wähler diese Commedia dell’arte kürzlich mit einem fulminanten Ergebnis ausgerechnet für die Grünen beendeten. Doch man sollte 13 Millionen Bayern eben nie unterschätzen. Bayern ist nämlich weit mehr als das Land, in dem Europas größte Glückskeksanlage steht.

Zum einen ist Bayern ein Freistaat, und auch wenn sich daraus keinerlei föderale Sonderrechte ergeben, sind wir ein bisschen stolz auf diesen Umstand, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Da sind die einen, die glauben, Bayern sei so freiwillig Teil der Bundesrepublik, dass es jederzeit austreten könnte. Immerhin hat der Bayerische Landtag 1949 das Grundgesetz abgelehnt. Die Bayern sind also die Schotten Deutschlands. Bisher aber hat es, sehr zum Leidwesen der Bayernpartei, noch nie ein Austrittsreferendum gegeben. Dabei könnten sich 23 Prozent der Bevölkerung einen eigenen Staat durchaus vorstellen, und manch einer gar eine bayerische Monarchie.

Aus gutem Grund stolz auf den Freistaat kann man jedoch eingedenk der Tatsache sein, dass er das Produkt einer Revolution ist: Vor 100 Jahren fegte der Sozialist Kurt Eisner im Verbund mit Arbeitern, Soldaten, Frauenrechtlerinnen und bayerischen Bauern die Monarchie hinweg und erklärte Bayern als erstes deutsches Land zur Republik. Nun ist eine Revolution nicht unbedingt das, was einem beim Stichwort "Bayern" in den Sinn kommt. Klischeehaft gelten alle, die außerhalb Münchens leben, als grantelnde, Bier trinkende Hinterwäldler, die auch einmal Fünfe gerade sein lassen – was dann als liberalitas bavariae verkauft wird. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Bayern ist das Land der scheinbar unvereinbaren Gegensätze, die sich auf geradezu mysteriöse Weise am Ende in einer für alle passenden Synthese auflösen.

Mia san Mia und Multikulti



So ist das Land, das sich von einem Fußballverein das überhebliche und ausgrenzende Motto "Mia san Mia" borgt, der es wiederum von den k. und k. Soldaten Kaiser Franz Josephs übernommen hat, ein Vielvölkerstaat, der seit Jahrhunderten beweist, dass Multikulti funktioniert. Die Bayern sind eine Verbindung aus drei Stämmen, die sich ihrerseits in einzelne Volksgruppen unterteilen: Altbayern (Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz), Schwaben und Franken (Oberfranken, Unterfranken, Mittelfranken). Seit 1954 bilden die Sudetendeutschen den vierten Stamm. Alle Volksgruppen legen größten Wert auf ihr Brauchtum und ihre Küche. Zudem bedienen sie sich so unterschiedlicher Dialekte, dass es innerhalb Bayerns durchaus zu Verständigungsschwierigkeiten kommen kann. Deutschkenntnisse sind deshalb gerade für einen Bayern unabdingbar. Deutschkurse sind allerdings nicht verpflichtend, und man hat auch noch nie davon gehört, dass die Franken zwecks Integration statt "Drei im Weggla" – drei Rostbratwürstchen im Brötchen – nunmehr Weißwürste essen sollen. Dies würde auch nichts bringen, denn die Weißwurst stammt aus Frankreich, wie eine ganze Menge Ausdrücke des Bayerischen auch: Plafond (Zimmerdecke), Trottoir (Bürgersteig), Böfflamott (bœuf à la mode), Paraplü (Regenschirm) und Sakradi (sacre dieu). Auch aus dem Italienischen haben wir einiges übernommen – Nockerl (gnocchi), strawanzen (stravaganza), Gspusi (sposa) – und zeigen damit, dass die Bayern im Grunde verkappte Lateiner sind. Dass München die "nördlichste Stadt Italiens" ist, weiß ohnehin jeder.

Die bayerischen Stämme sind ihrerseits ein Potpourri aus Kelten, Germanen, Alemannen, Römern, Slawen, Awaren, Böhmen, Nariskern sowie fränkischen, thüringischen, ostgotischen und langobardischen Geflüchteten. Aus all denen, die einst durch unseren Landstrich zogen, entwickelten sich zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert die Bajuwaren und das Stammesherzogtum Bayern, einer der ältesten Staaten Europas. Der Einteilung in drei Volkstämme trägt bis heute der Regionalproporz Rechnung, wonach die CSU Ämter nicht nach Kompetenz, sondern nach Stammeszugehörigkeit vergibt. Dies hindert hier aber niemanden daran, gegen einen anderen Proporz zu wettern: die Frauenquote. Wahrscheinlich ist man der Meinung, es sei ausreichend, dass die höchsten Posten im Freistaat mit der Patrona Bavariae als Schutzheilige und der Bavaria als Symbolgestalt Bayerns ohnehin in Frauenhand sind.

So sehr in Bayern von anderen oftmals nicht nur Integration, sondern gar Assimilation erwartet wird, so viel Rücksicht nimmt man hier auf die angeblichen Eigenheiten der Urbevölkerung: Auf ihrer Homepage erklärt die Bayerische Staatsregierung die Altbayern für weltoffen, beharrlich und musisch. Die Franken hätten "Gemeinschaftssinn, Organisationstalent, Heiterkeit und ein schnelles Auffassungsvermögen", und die Schwaben würden sich durch Sparsamkeit und einen "Hang zur Untertreibung" auszeichnen. Tatsächlich fühlen sich die Franken gegenüber den Altbayern immer ein wenig benachteiligt, bezüglich einiger Dürer-Gemälde fällt da schon einmal das Wort "Beutekunst" in Richtung München. Zu den Ur-Bayern kommen noch etwa 2,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund hinzu – "Preußen" nicht mitgezählt. Migrationshintergrund haben auch die Alpen, das Bier und der Jodler: Die Alpen, an denen Bayern als einziges deutsches Bundesland Anteil hat, verdanken wir bekanntlich dem Zusammenprall der europäischen Kontinentalplatte mit Afrika, das Bier stammt aus dem alten Orient, und gejodelt wird auch im Kaukasus.


Vielfalt zeigt selbst unser heimliches Wappentier. Auch wenn der Bayerische Löwe das offizielle Wappen des Freistaats schmückt, das wichtigste Tier in Bayern ist der Wolpertinger – ein Mischwesen zumeist aus Eichhörnchen, Ente und Hase. Vor etwa 100 Jahren als Resultat einer großen Liebe zwischen einem Hasen und einem Rehbock entstanden, wurde er im Tierreich zum Symbol dafür, dass Liebe alle Grenzen überwinden kann – eine Erkenntnis, für die die CSU, die zunächst eine Verfassungsklage gegen die Ehe für alle erwog, wohl noch Jahrzehnte brauchen wird. Falls Sie nicht glauben können, dass es inzwischen sogar Wolpertinger mit Hechtflossen gibt, empfehle ich Ihnen einen Besuch im Deutschen Jagd- und Fischereimuseum in München, wo zahlreiche präparierte Exemplare dieser seltenen Spezies zu bestaunen sind.

Dass in einem sich so konservativ gebenden Land die Diversität zu Hause ist, zeigt sich einmal mehr in unserer Musik. Den bayerischen Staat verkörpern vor allem die Bayernhymne "Gott mit dir du Land der Bayern" und der "Bayerische Defiliermarsch", die Auftrittsmusik des Ministerpräsidenten. Fast noch bekannter als die offizielle Hymne unterstützt dieses bayerische Kulturgut Politiker dabei, Bierzelte einzunehmen. Der beliebteste Volkstanz in Bayern ist jedoch der Zwiefache, der ganz ohne Pathos auskommt, dafür aber ein Höllentempo vorlegt. Der unregelmäßige Wechsel zwischen Walzer und Dreher macht ihn zur Königsdisziplin der baierischen Tänze. 2016 wurde er von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Die Tatsache, dass sich innerhalb einer einzigen Phrase der Takt verändert, also ein ständiger Wechsel zwischen ungeradem Dreivierteltakt und geradem Zweivierteltakt stattfindet, ist irgendwie typisch bayerisch: Kaum glaubt man, bei etwas durchzublicken, ist wieder alles anders.

Tourismus und Tradition



Was überhaupt nicht typisch bayerisch ist, sondern die Erfindung einer rührigen Tourismusbranche, ist nahezu alles, was man auf den ersten Blick mit Bayern in Verbindung bringt: So ist das Schuhplattln ein Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelter Schautanz für Touristen und ähnlich dem griechischen Sirtaki eine dreiste Brauchtumsfälschung. Dirndl und Lederhosen wurden im 19. Jahrhundert erst durch das Hause Wittelsbach im Zuge einer regelrechten Trachtenbegeisterung salonfähig gemacht. Dass die bayerischen Könige Lederhosen und Trachtenjanker trugen, hatte vor allem mit der Hoffnung zu tun, dass dies die Entwicklung des Nationalbewusstseins fördern würde. Tracht schreit ja förmlich "Heimat" und hat immer dann Hochkonjunktur, wenn die Welt als unsicherer Ort gilt – wie gerade heute. Die touristisch-folkloristische Vermarktung Bayerns war so erfolgreich, dass Deutschland heute weltweit häufig mit Bayern gleichgesetzt wird. Egal ob in China, in den USA oder im Königreich Eswatini, die Vorstellungen von Deutschland ähneln sich: Oktoberfest, Königsschlösser, FC Bayern München, Bier aus riesigen Gläsern, Dirndl, Lederhosen und Blasmusik – welcome dahoam!

Interessanterweise gibt es seit einigen Jahren vor allem junge Kulturschaffende wie die Musikformationen Kofelgschroa und LaBrassBanda, die sich auf tatsächliche Traditionen besinnen und diese neu interpretieren. Dies zeigt sich auch in der Renaissance des Dialekts, der lange als soziales Stigma galt. Während es in den 1970er Jahren an bayerischen Schulen verpönt war, Mundart zu sprechen, weiß man spätestens seit Marcus H. Rosenmüllers Erfolgsfilm "Wer früher stirbt ist länger tot" um die wunderbaren Zwischentöne des Dialekts. Dennoch sind an Münchner Gymnasien nur noch 2,1 Prozent der Schüler des Bayerischen mächtig. 2009 hat die UNESCO Bayerisch neben Sorbisch und Ostfriesisch auf die Liste der gefährdeten Sprachen gesetzt. Dass es eine Hochsprache, die vor allem der einfachen Verständigung dient, mit der Bildhaftigkeit, Sinnlichkeit und dem tiefgründigen Witz einer über Jahrhunderte weiterentwickelten Mundart niemals aufnehmen kann, ist eine Erkenntnis, die sich leider abseits von Kulturschaffenden, Musikern und Heimatpflegern gerade in der bayerischen Landeshauptstadt kaum durchsetzt. Im schlimmsten Fall wird eines Tages niemand mehr die zuschauerstärkste Sendung des Bayerischen Rundfunks, das Politikerderblecken auf dem Nockherberg, verstehen – quo vadis Bayern?

Ruhe und Revolution



Obwohl ein Viertel der deutschen Wälder in Bayern liegt und die Natur im Leben der meisten Bayern eine große Rolle spielt, gilt Bayern nicht unbedingt als grünes Bundesland. Dass die CSU hier 1970 das erste Umweltministerium der Welt ins Leben rief, ist angesichts der Hartnäckigkeit, mit der man 15 Jahre später die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf vorantrieb und dabei auf den unterschätzten Widerstandsgeist der einheimischen Bevölkerung stieß, kaum zu glauben. Vier Jahre lang marschierten die "gutmütigen" Oberpfälzer, unterstützt von Naturschützern und Atomkraftgegnern aus der ganzen Republik, zum Bauzaun, ließen sich beschimpfen, mit CS-Gas besprühen und mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln drangsalieren – ohne zu weichen. Die Hüttendörfer "Freie Oberpfalz" und "Freie Republik Wackerland", die Anti-WAAhnsinns-Musikfestivals und nicht zuletzt die Widerstandssocken, die Irmgard Gietl, Hausfrau und Anti-WAA-Aktivistin, zu Tausenden für die Demonstranten strickte, zeugen von der Kreativität eines letztlich erfolgreichen Widerstands: Am 31. Mai 1989 wurden die Bauarbeiten an der WAA eingestellt.

Wieder einmal hatte eine Regierung fälschlicherweise darauf vertraut, dass in einem über Jahrhunderte agrarisch geprägten Land die Welt statischer und die Bevölkerung nur schwer zu mobilisieren sei. Die Bayern gelten als angepasst, konservativ und ordnungsliebend, und so scheint es nur folgerichtig, dass Law-and-order-Forderungen auf Bundesebene gerne von Politikern aus dem Freistaat erhoben werden. Völlig außer Acht gelassen wird dabei eine urbayerische Eigenart: Renitenz. Anders als das weiß-blaue Klischee glauben macht, sind wir ein Volk von Aufständischen, Widerständlern und Querköpfen. Eine Historie voll von Sozialrebellen, Bauernbündlern, bayerischen Suffragetten und Kaffeehaus-Revolutionären zeugt von einem tief verwurzelten Widerspruchsgeist, in dessen würdiger Nachfolge bis heute nicht nur Schriftsteller und Kabarettisten, sondern auch unzählige bayerische Bürgerinnen und Bürger stehen.


So lehnten sich 1705/06 die bayerischen Bauern mit dem Schlachtruf "Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben" gegen die Habsburger auf und mussten dies in der Sendlinger Mordweihnacht und der Bauernschlacht bei Aidenbach teuer bezahlen. Als Bayern in den Umbruchsjahren des 18. und 19. Jahrhunderts zum Verfassungsstaat wurde, war es Heimat berühmter Räuber und Wildschützen. Sozialrebellen à la Robin Hood wie der Bayerische Hiasl oder Michael Heigl wurden als Staatsfeinde verfolgt, vom Volk jedoch unterstützt und verehrt. Ihre Taten waren Ausdruck eines archaischen vorpolitischen Protests einer Landbevölkerung, die man fälschlicherweise für gleichmütig hielt. Parallel zum ländlichen Widerstand forderte Mitte des 19. Jahrhunderts das emanzipierte Bürgertum in den Städten seine politischen Rechte ein. Die 14 Bamberger Artikel, in denen 1848 das allgemeine Wahlrecht, Pressefreiheit, gleiche Bildungschancen für alle und die Abschaffung der Adelsprivilegien gefordert wurden, zeigen, dass es bei der Märzrevolution um etwas mehr ging als um Ludwigs I. Turtelei mit Lola Montez.

Der Münchner Stadtteil Schwabing war um die Jahrhundertwende ein Hort revolutionärer Ideen. Hier schrieb Lenin an "Was tun?", und Erich Mühsam publizierte die anarchistische Zeitschrift "Kain". Das liberale München war der Gegenentwurf zum preußischen Militarismus und das Zuhause von Frauenrechtlerinnen wie Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, von existenzialistischen Schriftstellern wie Ernst Toller und radikalen Humanisten wie Gustav Landauer.

Auch der ländliche Raum wurde durch Dienstbotenvereine und Knechtsvertretungen politisiert. Sogar die Bauern organisierten sich, und neben dem Bayerischen Christlichen Bauernverein entstand der radikale Bayerische Bauernbund mit dem Sozialisten Ludwig Gandorfer an der Spitze. Auf seinem Hof im niederbayerischen Mallersdorf-Pfaffenberg versteckte Karl Liebknecht während des Ersten Weltkrieges seinen Sohn Helmi. Gandorfer spielte in der Revolution 1918 eine entscheidende Rolle.

Die SPD saß in Bayern schon früh im Landtag. Dass die bayerischen Genossen lange vor der Revisionismusdebatte jeglichen Radikalismus ad acta gelegt hatten, erwies sich als Erfolgsrezept der als "königlich bayerische Sozialdemokraten" verspotteten Parteimitglieder. Der legendäre bayerische SPD-Vorsitzende Georg von Vollmar war ein Verfechter des Frauenstudiums und sorgte dafür, dass dieses Thema im Landtag so lange auf die Tagesordnung kam, bis Bayern 1903 als zweites Land nach dem liberalen Baden das Frauenstudium einführte.

Bei so viel renitentem Geist – ist es da ein Wunder, dass es Bayern war, das Deutschland bei der Revolution 1918 vorauseilte? Und als die Revolution in Berlin längst vorbei war, wurden in Bayern erst eine anarchistische und dann eine kommunistische Räterepublik ausgerufen. Vor allem die erste, die Republik der Literaten, verdient es, in einem Atemzug mit der Pariser Kommune 1871 und dem Petersburger Sowjet 1905 genannt zu werden, als mutiger Versuch, eine radikale Demokratie umzusetzen. Nach der Niederschlagung der Revolution wurde Bayern zur "Ordnungszelle" des Reiches und München zur "Hauptstadt der Bewegung". Doch auch aus diesen schlimmen Zeiten ist von Widerstand zu berichten. Neben den bekannten und unbekannten Helden wäre da Oskar Maria Graf zu nennen, der nach der Bücherverbrennung 1933 in einem Protestaufruf darum bat, man möge doch bitteschön auch seine Bücher verbrennen, Therese Giehse und die Geschwister Mann, die mit ihrem Kabarett Pfeffermühle gegen den Faschismus anspielten, und nicht zuletzt die Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose".

Auch in der bundesrepublikanischen Demokratie blieben wir unserem rebellischen Geist treu. So gab es in Schwabing schon Krawalle, als in Berlin noch studiert wurde. In der Radikalität blieb die Studentenbewegung in Berlin zwar unübertroffen, zumindest aber fand die Gründungsdiskussion der Kommune 1 in der idyllischen Umgebung des Kochelsees statt. Und ganz nebenbei war das schönste Gesicht der Revolte ein Export aus Bayern: Uschi Obermaier.

Egal ob es gegen den Donauausbau oder die Autobahn durchs Isental geht, ob Populisten Rassismus und Xenophobie wieder hoffähig machen wollen und das Residenztheater deshalb vor der "Idiotisierung des Abendlandes" warnt – lautstark geäußerter, bunter Protest findet hier stets zahlreiche Unterstützer, die sich voll Empathie in eine lange Ahnengalerie von rebellischen Vorgängern einreihen, die ihrem Unmut freien Lauf gelassen haben. Und während die Touristen zu den Königsschlössern pilgern, wallfahren wir zum Grab vom Wildschütz Jennerwein und erweisen legendären Räubern wie Mathias Kneißl die Ehre.

Wir Bayern lieben unsere Anarchisten und deren spontane Ausbrüche gegen die Obrigkeit. Mit organisiertem Widerstand tut man sich hingegen ungleich schwerer. Hier geht es selten um die Weltrevolution, sondern meist um konkrete Zwänge. Die Bayern sind Revolutionäre im ursprünglichen Wortsinn von revolvere: zurückdrehen. Meist wird um die Wiederherstellung eines früheren Zustandes gerungen, für den man sich gern auch auf vorstaatliches Naturrecht beruft. Hier wird rebelliert, um am Ende das zu bekommen, was der Bayer am meisten schätzt: seine Ruhe. Oskar Maria Graf hat dies bei einer hitzigen Diskussion im Frühjahr 1919, als es um die Fortsetzung der Revolution ging, selbst erlebt. Nachdem man sich nicht einigen konnte, ergriff schließlich ein verdienter Genosse das Wort: "Naja Genossen, mach mir hoit a Revolution, dass a Ruah is!"[1]


Katholizismus und Kirschgeist



Die Hälfte der Bevölkerung Bayerns ist katholisch, zumindest auf dem Papier. Auch hier hat die Kirche mit massivem Vertrauensverlust und Kirchenaustritten zu kämpfen. Die meisten Katholiken leben in Altbayern, während Teile Frankens evangelisch geprägt sind. Muslime, nach den Christen die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft in Bayern, finden sich vorwiegend in den Städten. Dass Bayern trotz der Reformation eine Hochburg des Katholizismus blieb, verdankt sich einer höchst erfolgreich agierenden Gegenreformation. Mithilfe der Jesuiten, Folter und Zwang haben die Wittelsbacher dereinst den Protestantismus zurückgedrängt. Die Redewendung "jemanden katholisch machen" wird noch heute benutzt, um auszudrücken, dass jemand auf den rechten Weg zurückgebracht werden muss.

Tatsächlich passt das Römisch-Katholische so gut zu Bayern wie die vielen Barockkirchen, die es hier gibt: ausschweifend, sinnlich, prächtig, mit viel Pathos, ein wenig Mystik und einem Schuss Humor. Die Ernsthaftigkeit, das Pflichtbewusstsein und die Strebsamkeit des Protestantismus ist uns immer ein wenig fremd geblieben: Hier ist man eher barock als bigott. In Bayern glaubt man übrigens nicht an Gott, sondern an den Herrgott, zu dem man ein ganz eigenes Verhältnis pflegt. Der Herrgott, früher in jedem Haus im Herrgottswinkel persönlich anwesend, ist kein strafender Gott, sondern gütig und voller Verständnis für die großen und kleinen Sünden, die man in der katholischen Kirche Dank der Beichte ziemlich einfach wieder los wird. Die Vorstellung, als ewiger Sünder auf der Welt zu wandeln, ist ganz und gar nicht bayerisch, das Büßerische, Zerknirschte und Frömmelnde ist hier, zum Glück für die CSU, nicht zu Hause. Obwohl nur 5,5 Prozent der Gläubigen am Sonntag die Messe besuchen, wird auch von Menschen, die längst auf Distanz zur Amtskirche gegangen sind, kollektives religiöses Brauchtum gelebt: Ob Kirchweihfeste, Fronleichnamsumzüge oder Leonhardiritte – die Bayern lieben alles, was einer gewissen Folklore nicht entbehrt.

Ansonsten ist der Glaube hier trotz Kreuzerlass der Bayerischen Staatsregierung immer schon etwas sehr Persönliches gewesen. In Altötting, Bayerns berühmtestem Wallfahrtsort, rutschen die einen mit einem Holzkreuz beladen um die Kapelle der Schwarzen Madonna, während die anderen ihr Papst-Bier aus dem Halbe-Flascherl trinken. Dass die Passionsspiele von Oberammergau 2020 die Rolle des Judas mit einem Muslim besetzen, ist nur eine weitere Facette bayerischer Vielfalt auch in der Religion. Und so ist es kein Wunder, dass eines der Lieblingstheaterstücke der Bayern eine Geschichte von schier gotteslästerlicher Frivolität ist: Kurt Wilhelms Theaterfassung einer Erzählung von Franz von Kobell, in der der Brandner Kasper den Boandlkramer (Tod) mit Kirschgeist betrunken macht und ihm beim Kartenspiel weitere Lebensjahre abluchst. In diesem Stück erfährt man übrigens auch, wie der Himmel der Bayern aussieht: voller Kultur, Gesang, Philosophie und Bier – und gänzlich ohne "Preißn".

Irgendwie und Sowieso



Nichts an Bayern ist so einfach und eindimensional, wie es auf den ersten Blick scheint. So blieben Oskar Maria Graf und Emerenz Meier auch im amerikanischen Exil Bilderbuchbayern und standen dennoch politisch immer weit links.

Wenn Bayern nun so schwer zu fassen ist, wie soll man dann mit diesem Landstrich und seinen Bewohnern umgehen? Der "Spiegel" schrieb in einer Titelgeschichte 1964 über Bayern: "Es ist zu widersprüchlich, sich selbst zu verstehen, geschweige denn von anderen verstanden zu werden."[2] Vielleicht sollte man einfach diejenigen nach dem bayerischen Selbstverständnis fragen, die in Bayern gern zu solch philosophischen Fragen gehört werden: Fußballer, Fernsehköche und Fernsehhelden. In der bayerischen Kultserie "Irgendwie und Sowieso" von Franz Xaver Bogner lautet die Wahrheit über Bayern schlicht und einfach: "Bayern liegt genau in der Mitte von Europa. Und Europa is genau die Mitte von der Welt. Und wemma von irgendwos die Mittn is, komma die Umgebung selbst bestimmen."[3] Noch Fragen?
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Fußnoten

1.
Zit. nach Oskar Maria Graf, Gelächter von außen. Aus meinem Leben 1918–1933, München 1985, S. 64.
2.
Mir san Mir, in: Der Spiegel, 6.1.1964, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46162638.html«
3.
Irgendwie und Sowieso, Folge 3: Sir Quickly und die Frauen, Erstes Deutsches Fernsehen 1986.

Michaela Karl

Zur Person

Michaela Karl

ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Autorin.


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