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4.1.2019

Die Nummer 10 mit Migrationshintergrund. Fußball und Zuwanderung im Ruhrgebiet

Der Fußballsport spielt europaweit eine wichtige Rolle für die bergmännische Kultur: als aktiv betriebener Sport und als Zuschauersport. Beispiele für Fußballvereine, die eine besondere Bedeutung für die regionale Identität und für die Einwohner in Bergbauregionen besitzen, sind zahlreich: vom Nordosten Englands im "Mutterland" des Fußballs, "Where coal was king and football was a religion", mit Vereinen wie dem AFC Sunderland und Newcastle United über die Regionen, aus denen Menschen zur Arbeit ins Ruhrgebiet kamen, wie Górnik (Bergmann) Zabrze in Oberschlesien und Kömurspor (Kohlensport) in der Kohleregion von Zonguldak in der nördlichen Türkei.[1] Zum Kohlerevier an der Ruhr zog es seit den 1890er Jahren Hunderttausende polnisch und masurisch sprechende Menschen. Hier sind deshalb über mehrere Generationen Menschen mit Migrationsbiografien in den Fußballvereinen präsent. Die Namen von Spielern mit polnischer oder masurischer Herkunft finden sich mit über 50 Erwähnungen auch in der deutschen Fußballnationalmannschaft.[2] Vereine wie Rot-Weiss Essen, der deutsche Meister von 1955, und der siebenfache Meister Schalke 04 zählten seit den 1920er Jahren zahlreiche Spieler mit polnischen Namen in ihren Reihen. Die "neue" Migration nach dem Zweiten Weltkrieg setzte diese Tradition fort. Der 92-fache Nationalspieler Mesut Özil mit der Nummer 10 des Spielmachers auf dem Deutschlandtrikot, der bis zum Sommer 2018 ein Schlüsselspieler der Nationalelf war, wurde in Gelsenkirchen geboren, spielte unter anderem für Rot-Weiss Essen und Schalke 04.

Schimanski spielt Fußball: Polen und Masuren im Ruhrgebietsfußball



Die Zuwanderung von polnisch sprechenden Menschen aus den Ostprovinzen Preußens war unter anderem der agrarischen Überbevölkerung im Osten und den besseren Lebensperspektiven an der Ruhr geschuldet.[3] Aus Ostpreußen wanderten Masuren.[4] Sie sprachen einen altpolnischen Dialekt und unterschieden sich von den Polen durch ihren evangelischen Glauben und ihre preußentreue Haltung. Die einheimische Bevölkerung ignorierte solche Unterschiede. Vor 1914 kann im Revier geschätzt von einer polnischen Wohnbevölkerung von etwa 300.000 bis 400.000 Menschen ausgegangen werden,[5] dazu kam noch etwa die Hälfte an Masuren. Die polnischen Zuwanderer, die die preußische Staatsangehörigkeit besaßen und in der Regel im Bergbau beschäftigt waren, organisierten bald ihre eigene Zivilgesellschaft in einem weit differenzierten Vereinswesen, zu dem auch Turnvereine, die sogenannten Sokolvereine, gehörten.[6] Diese Klubs vereinten die männlichen polnischen Zuwanderer im Geiste eines polnischen Nationalismus.

Fußball war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg keine Angelegenheit des Proletariats, sondern der neuen Klasse der Angestellten, die versuchte, sich im modernen Sport zu vergesellschaften.[7] Mit dem Ende des Krieges änderte sich diese Situation von Grund auf: Die polnische Kolonie an der Ruhr löste sich durch Rückwanderung in den wieder gegründeten polnischen Nationalstaat und in die Kohlengruben Nordfrankreichs, Belgiens und der Niederlande zum großen Teil auf.[8] Gleichzeitig erlebte der Fußballsport einen fulminanten Take-off. Der Westdeutsche Spielverband, zu dem die meisten Ruhrgebietsvereine gehörten, erhöhte seine Mitgliedszahl von 140.000 Mitgliedern in 900 Vereinen im Jahr 1920 auf 250.000 Mitglieder in 1700 Vereinen im Jahr 1925.[9] In der Nähe zu den großen Zechen des Ruhrgebiets entwickelten sich bald Mannschaften mit überwiegend proletarischen Mitgliedern und proletarischem Anhang, unter anderem aus dem Umfeld der polnischen und der masurischen Migration. In vielen Vereinen des Reviers finden sich jetzt Menschen mit polnischen beziehungsweise masurischen Namen. Ein Beispiel ist Rot-Weiss Essen: Dem Verein traten seit 1919 zahlreiche Mitglieder mit einschlägigen Namen bei. Diese stellten bis 1939 etwa zehn Prozent der Mitgliedschaft und rekrutierten sich häufig aus Arbeitern der Zeche Emscher in der Nachbarschaft.[10] Auch im sozialistischen Arbeitersport des Ruhrgebiets erscheinen jetzt Sportler mit polnischen Namen.[11] Die aktive Mitgliedschaft als Fußballer in einem Verein des Reviers gewann für die Nachkommen der Migranten aus dem 19. Jahrhundert den Charakter einer rationalen Wahl zur Verbesserung ihrer sozialen Situation und ihrer Wertschätzung.[12] Der höherklassige Fußball im Ruhrgebiet wurde bald stark von Spielern mit einer polnischen oder masurischen Migrationsbiografie geprägt: Von 15 Vereinen, die 1937/38 in den Ligen Westfalen und Niederrhein um die Gaumeisterschaft spielten, schickten alle "in mindestens einer Begegnung Spieler mit polnischen Familiennamen wie beispielsweise Rodzinski, Pawlowski, Zielinski, Sobczak, Lukasiewicz, Tomaszik oder Piontek auf das Spielfeld".[13] Unter allen Spielern, die eingesetzt wurden, führten in dieser Saison 68 einen polnischen Nachnamen. Auch die zeitgenössische deutsche Fußballnationalmannschaft hatte mit Szepan, Kuzorra, Gellesch, Urban, Kobierski, Zielinski und Rodzinski solche Spieler im Tableau.


Der FC Schalke 04 und die deutsche Nationalmannschaft – Entstehung eines "Ruhrvolks"?



Vier der genannten Nationalspieler gehörten dem FC Schalke 04 an, der zwischen 1934 und 1942 sechsmal die deutsche Meisterschaft gewann. Die Mannschaft war gespickt mit Spielern, die polnisch klingende Namen trugen, am bekanntesten waren die Nationalspieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan. Als Schalke 1934 die Meisterschaft zum ersten Mal gewann und das Team vor der Kamera mit Hitlergruß posierte, erschien in der polnischen Sportpresse die Schlagzeile "Die deutsche Meisterschaft in den Händen der Polen".[14] Das Fußball-Magazin "Kicker" forderte empört eine deutsche Reaktion, und die Schalker Vereinsführung beeilte sich, das Gegenteil zu beweisen, nämlich, "dass die Eltern unserer Spieler sämtlich im heutigen oder früheren Deutschland geboren und keine polnischen Emigranten sind".[15] Gelsenkirchen war das Wanderungszentrum der Masuren, deshalb stammten die Eltern vieler Schalker Spieler aus dem südlichen Ostpreußen, gehörten also zum genannten Kreis der Masuren: "In der ersten Hälfte der 1920er Jahre stellten sie die überwiegende Mehrheit der ersten Mannschaft und auch die Meistermannschaft von 1934 bestand noch zur Hälfte aus Kindern von Zuwanderern aus den preußischen Ostprovinzen". Die Gelsenkirchener Meistermannschaft aus dem Umfeld der Zeche Consolidation spiegelte so die Migrationsgeschichte des Reviers. Spieler mit polnischer oder masurischer Familienbiografie bürgten ausgerechnet in der Zeit des "Dritten Reiches" für die Spielstärke des Ruhrgebietsfußballs, besonders Schalkes, aber auch der deutschen Nationalmannschaft.

Die nationalsozialistische "Volkstumsforschung", die antipolnische, rassistische und biologistische Ansätze verfolgte, löste dieses Dilemma dadurch, dass ihre Vertreter im Revier nur noch Masuren sichteten, und diese für "ihrer Kultur und Denkungsart nach rein deutsch" erklärten, so der Mitarbeiter der "Forschungsstelle für das Volkstum im Ruhrgebiet" Eberhard Franke 1934 in der Zeitschrift "Fußball. Illustrierte Sportzeitung". Der Leiter der "Forschungsstelle" Wilhelm Brepohl sah hier bereits Anzeichen für die "Umvolkung" beziehungsweise Eindeutschung der "minderwertigen, fremden Zuwanderer (allen voran Polen)" und Tendenzen zur Entstehung eines "Ruhrvolks". Die ideologisch geprägte Denkfigur "Ruhrvolk" blieb nach 1945 weiter wirksam und speiste Erzählungen über gelungene "Integration" bis hin zum angeblichen "Schmelztiegel" Ruhrgebiet.[16] Gegen diese Harmonisierung konfliktreicher Prozesse ist anzuführen, dass in der Zeit, als Spieler mit masurischer oder polnischer Migrationsbiografie im deutschen Elitefußball reüssierten, die Organisationen der polnischen Minderheit im "Dritten Reich" hart verfolgt wurden. Bis 1939 waren bereits 249 Funktionäre der Minderheit in Konzentrationslager verbracht worden.[17] Anfang September 1939, wenige Tage nach dem Überfall auf Polen, wurden alle Organisationen der polnischen Minderheit verboten, das Vermögen wurde beschlagnahmt.[18]

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Folklorisierung und Harmonisierung



Der Zivilisationsbruch und seine Folgen zwischen 1939 und 1945 wirkten wie eine Wasserscheide auf die kollektive Erinnerung in Deutschland,[19] und diese prägte auch die imaginierte Geschichte des Fußballs im Ruhrgebiet. Das bunte gesellschaftliche Feld des Sports vor 1933 mit polnischen Klubs, jüdischen Vereinen, den katholischen Sportvereinen der Deutschen Jugendkraft und den zahlreichen Vereinen der sozialistischen Arbeitersportbewegung[20] wurde genauso wenig erinnert wie die konflikt- und repressionsreiche Geschichte der polnischen und masurischen Zuwanderung. Dabei waren die Kinder und Enkel der Migranten, wie ein Essener Beispiel zeigt, ständig präsent: "Jerosch, Kosinski, Pisarski, Majewski, Mieloszyk, Radziejewski und Rynkowski, so hießen die Spieler der ersten Mannschaft der Sportfreunde Katernberg zwischen 1945 und 1950."[21]

Das Ruhrgebiet zog mit der Weiterführung der Steinkohleförderung nach dem Krieg stetig Arbeitskräfte an. Der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen unter den Bergleuten verdreifachte sich zwischen 1947 und 1950.[22] Zechenvereine spielten weiter eine Rolle bei der Integration dieser Menschen und nahmen viele von ihnen auf. Bei Schalke begann der Oberschlesier Georg Rudinger, der eigentlich Rudzki hieß, sein Engagement in der Spielzeit 1948/49 und zog bald zur Alemannia nach Aachen weiter. Am Beispiel des SV Sodingen zeigte sich paradigmatisch die Kontinuität der alten polnischen und masurischen Erwerbsmigration. Als sich der Verein 1955 für die Endrunde der deutschen Meisterschaft qualifizierte, hatte die Hälfte der Mannschaft polnisch beziehungsweise masurisch klingende Namen wie Sawitzki, Kropla, Lika, Nowak, Adamik, Dembski und Konopczinski. Sie waren zwar im Ruhrgebiet geboren, aber stammten in der dritten Generation aus der Zuwanderung vor dem Ersten Weltkrieg.

Im Elitefußball gab es Spieler wie Hans Tilkowski, 1935 geboren, als "Mann im Wembley-Tor" für die deutsche Nationalmannschaft spätestens seit 1966 eine deutsche Fußball-Legende.[23] Tilkowski hat eine Musterbiografie: Der Athlet ist der Sohn eines Bergmanns aus Dortmund-Husen, der Sozialdemokrat und Gewerkschaftler war, und wuchs in der Zechenkolonie der Zeche Kurl auf, wo er seine ersten Erfahrungen als Straßenfußballer sammelte. Sein Großvater war aus dem westpreußischen Schöneberg (Ostaszewo) in den Bergbau des Ruhrgebiets eingewandert. Die Karriere begann er als Torwart bei Westfalia Herne, Höhepunkte seiner Laufbahn erlebte der Fußballer bei Borussia Dortmund und dann als Vizeweltmeister bei der Weltmeisterschaft in England 1966. Viele andere Beispiele, die von einer solchen Kontinuität zur polnischen Migration zeugten, existierten im Ruhrgebiet. In der Öffentlichkeit herrschten jedoch jetzt anekdotenhafte, folklorisierende und harmonisierende Erzählungen, die die Geschichte der "alten" Migration im Prinzip als geschichtslos und konfliktfrei ganz im Sinne der "Ruhrvolk"-Ideologie ad acta legten. In diesen Kontext gehören auch Statements prominenter Politiker verschiedener parteipolitischer Couleur.[24] Unterschwellig verwies dieses Narrativ bereits auf die Vorstellung, dass die Zuwanderung abgeschlossen und bewältigt sei.


Özil, Gündogan und Andere: Die "neue" Migration und ihre Spuren im Ruhrgebietsfußball



Die seit dem Anwerbeabkommen mit der Türkei (1961) ins Ruhrgebiet zuwandernden Türken fanden ebenfalls einen Wanderungsschwerpunkt im rheinisch-westfälischen Industriegebiet und Arbeit im Bergbau. 1982 waren 83 Prozent der von der Ruhrkohle AG beschäftigten ausländischen Arbeiter Türken, die anders als Polen und Masuren staatsrechtlich Ausländer waren.[25] Seit dem Anwerbestopp 1973 und dem Familiennachzug kam es bald zur Community-Bildung in den städtischen Ballungsgebieten. Um die Jahrtausendwende lebten von den damals etwa 2,1 Millionen türkischen Staatsbürgern in Deutschland, darunter geschätzt 350.000 bis 500.000 Kurden, etwa ein Drittel in Nordrhein-Westfalen.[26] Fußball war für die männlichen Angehörigen der türkischen Communities von Anfang an ein strukturierendes Element ihrer Freizeitkultur. Zur Irritation des organisierten deutschen Sports und der einheimischen Bevölkerung organisierten sich die türkischen Arbeiter, die wie ihre italienischen, spanischen, griechischen und jugoslawischen Kollegen als "Gastarbeiter" bezeichnet wurden, in eigenen Vereinen. Die "Suggestion der Geschichtslosigkeit" (Ulrich Herbert) für die Zuwanderung nach Deutschland hatte die Erinnerung an polnische und andere Vereine gründlich getilgt. Nachdem ausländische Mannschaften länger um den sogenannten Gastarbeiterpokal gespielt hatten, erlaubte der Westdeutsche Fußballverband seit der Saison 1971/72 ihre Teilnahme am regulären Ligenbetrieb.[27] Damit begann die auch auf dem Spielfeld nicht immer konfliktfreie Integration dieser Mannschaften in den organisierten deutschen Fußball. Türkische Mannschaften dominierten bald die Zahl der ausländischen Mannschaften im Ruhrgebiet, und in der Saison 2009/10 spielten hier fünfzig türkische Klubs.[28] Sukzessive wich im Verband und in der Öffentlichkeit die Reserve gegenüber den "ethnischen" Klubs, ihre Brückenfunktion im Integrationsprozess und ihre sozialpräventiven Aufgaben wurden wertgeschätzt.[29]

Die Mehrheit der männlichen Migranten im Ruhrgebiet kickten jedoch in deutschen Vereinen,[30] und erstaunlich bleibt in der Phase des fortschreitenden Einbürgerungsprozesses der Zuwanderer seit dem Ende der 1990er Jahre die späte Integration besonders von Spielern mit türkischer Migrationsbiografie in den deutschen Elitefußball. Im Prinzip illustriert diese Bestandsaufnahme die These, dass Einbürgerung nicht gleich Integration ist. Denn am Beispiel der im Ruhrgebiet aufgewachsenen und ausgebildeten Spieler Nuri Şahin sowie der Brüder Hamit und Halil Altintop,[31] die für die türkische Nationalmannschaft optierten, und dem Gegenbeispiel der aus Gelsenkirchen stammenden Fußballer Mesut Özil[32] und Ilkay Gündogan, die für das deutsche Team antraten, zeigt sich die Zerrissenheit der türkischen Minderheit in Deutschland. Für die Fans in der türkischen Community war die Lage eindeutiger: Bei einer Umfrage unter Fußballfans nach ihrem favorisierten Klub votierten im Jahre 2008 39,0 Prozent für Galatasaray Istanbul, 29,6 Prozent für Fenerbahçe Istanbul und 9,1 Prozent für Beşiktaş Istanbul. Schalke 04 landete mit 4,3 Prozent weit abgeschlagen dahinter, Borussia Dortmund brachte es auf 2,3 Prozent, aber beide Ruhrgebietsvereine lagen immerhin noch vor Bayern München mit 2,2 Prozent.[33]

Der Gelsenkirchener Özil, dessen Großväter als Zechenarbeiter aus der türkischen Kohleregion um Zonguldak Mitte der 1960er Jahre zugewandert waren, avancierte indessen bis zu seinem Rücktritt im Sommer 2018 zum Modell einer gelungenen Integration und wurde 2010 durch einen Besuch der Kanzlerin in der Umkleidekabine des Berliner Olympiastadions in dieser Rolle bestätigt und nobilitiert.[34] Das Ruhrgebiet kann so bis heute durch die lange Zuwanderungsgeschichte verknüpft mit der Zivilreligion Fußball als Beispiel für die – wenn auch nicht konfliktfreie – sozial-kulturelle Kreativität in ethnisch-heterogenen Erfahrungsräumen gelten. Dies betrifft den Elitefußball wie den Amateursport, letzterer symbolisch präsentiert durch Mesut Özils Bruder Mutlu, der lange für Firtina Spor 95 Gelsenkirchen in der Kreisliga B auflief, und Ilkay Gündogans Bruder Ilker, der für Blau-Weiß Gelsenkirchen in der Kreisliga A die Fußballschuhe schnürte.

Von Lore Karlowski zu Fatmire Alushi: Frauenfußball und Migration im Revier



Die Entwicklung des Frauenfußballs im Ruhrgebiet wurde massiv durch das bis 1970 bestehende Verbot durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) behindert. Trotz dieser Diskriminierung existierten schon in den 1950er Jahren Frauenfußballmannschaften im Revier, die den Stamm für eine inoffizielle Nationalmannschaft bildeten, die bis 1963 70 "Länderspiele" austrug. Protagonistinnen des Frauenfußballs im Revier waren die "Nationalspielerinnen" Brunhilde Zawatzky von Fortuna Dortmund und Lore Karlowski von Kickers Essen, die beide aus Zuwandererfamilien stammten. Der Vater von Lore Karlowski mit masurischer Migrationsbiografie arbeitete als Bergmann auf der Zeche Nordstern.[35] Die Frauen aus der "neuen" Migration, darunter Flüchtlinge aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg, mussten nicht mehr mit den patriarchalischen Vorstellungen des DFB kämpfen. Im Verband hatten sich inzwischen Kräfte durchgesetzt, die den Frauenfußball sogar als "Überlebenschance für die Vereine" sahen. [36] Hindernisse resultierten eher aus den Traditionen agrarischer Gesellschaften, die die gesellschaftliche Rolle der Frau ähnlich vormodern wie der alte DFB definieren.[37] Vorbild und Modellfall einer Emanzipation aus diesem Umfeld ist die Nationalspielerin Fatmire Alushi, 1988 als Fatmire Bajramaj im Kosovo in einer albanischen Familie geboren und 1992 mit ihrer Familie vor den serbischen Übergriffen gegen Muslime unter Lebensgefahr nach Remscheid geflohen. [38] Sie spielte für den FCR 2001 Duisburg, dann für den 1. FFC Turbine Potsdam, für den 1. FFC Frankfurt und für Paris Saint-Germain. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde sie Weltmeisterin (2007), zweifache Europameisterin (2009, 2013) und Bronzemedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. 2011 wurde Alushi "Fußballerin des Jahres" in Deutschland und spielte, mehrfach ausgezeichnet, im Grunde die Rolle für den Frauenfußball, die Mesut Özil bis 2018 für den Elitefußball der Männer als Beispiel gelungener Integration vorlebte. Die Fußballerin äußerte sich dabei kritisch zur Rolle eines orthodoxen Islam für eine Karriere im Sport.[39]

Schluss: Vom Selbstbild einer Region



Das von der Montanindustrie bestimmte Ruhrgebiet war während des "Zeitalters der Kohle"[40] eine Einwandererregion, die zuerst von polnisch und masurisch sprechenden Menschen, dann von Vertriebenen und Flüchtlingen, schließlich in der Zeit der "Gastarbeiter" von Arbeitern aus den Anrainerstaaten des Mittelmeerraums, besonders von türkischen Migranten, bestimmt wurde, ein heterogener ethnoscape par excellence. Die Vereinskultur des Fußballs im Revier wurde seit dem Ersten Weltkrieg stark von den Zuwanderern geprägt. Eine Ausstellung in Essen, die sich 2015 dem Thema widmete, hat mit ihrem Titel "Von Kuzorra zu Özil" zu Recht dieser historischen Evidenz das Sigel aufgedrückt.[41] In der Selbstreflexion des Reviers in Museen, wissenschaftlicher und populärer Publizistik sowie Politikerstatements beziehungsweise Äußerungen von Vereinspräsidenten spielt die multikulturelle Zusammensetzung von Spielern, seit einiger Zeit auch Spielerinnen, in der Regel keine Rolle. Hier überwiegt deutlich der Rekurs auf das Arbeitsethos der Bergleute und die bergmännisch bestimmte Kultur. Dies gilt nicht nur für die Innenperspektive, sondern auch für den Blick von außen. Als der FC Schalke 04, das Paradebeispiel einer multikulturellen Mannschaft schon seit den 1920er Jahren, 1997 den UEFA-Cup gewann, galt die Mannschaft der "Süddeutschen Zeitung" aus München als "Malocherbrigade" und "Arbeiterklub".[42] Trainer der Mannschaft war der Niederländer Huub Stevens, Torschützenkönig des Turniers der Schalker Marc Wilmots, ein Belgier.
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Autor: Diethelm Blecking für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Michael Walker, Where Coal was King and Football was a Religion, 19.12.2014, http://www.independent.co.uk/sport/football/premier-league/where-coal-was-king-and-football-was-a-religion-9937185.html«; ders., Up there. The North-East Football Boom & Bust, Liverpool 2014; Diethelm Blecking, Integration through Sports? Polish Migrants in the Ruhr, Germany, in: International Review of Social History 23/2015, S. 275–293, hier S. 276f.
2.
Stand vom 23. Juli 2018, zusammengestellt in Dietrich Schulze-Marmeling, Der Fall Özil. Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus, Göttingen 2018, S. 179f.
3.
Vgl. Christoph Kleßmann, Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870–1945. Soziale Integration und nationale Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft, Göttingen 1978, S. 23–43.
4.
Vgl. Andreas Kossert, Kuzorra, Szepan und Kalwitzki. Polnischsprachige Masuren im Ruhrgebiet, in: Dittmar Dahlmann/Albert S. Kotowski/Zbigniew Karpus (Hrsg.), Schimanski, Kuzorra und andere. Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen der Reichsgründung und dem Zweiten Weltkrieg, Essen 2005, S. 169–181.
5.
Vgl. Brian McCook, Polnische industrielle Arbeitswanderer im Ruhrgebiet ("Ruhrpolen") seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, in: Klaus J. Bade et al. (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa: Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn u.a. 2008, S. 870–879, hier S. 871.
6.
Vgl. Diethelm Blecking, Die Geschichte der nationalpolnischen Turnorganisation "Sokół" im Deutschen Reich 1884–1939, Münster 1987.
7.
Vgl. Christiane Eisenberg, "English sports" und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800–1939, Paderborn 1999, S. 178–214.
8.
Vgl. Kleßmann (Anm. 3), S. 165f. Polnische Migranten, die aus dem Ruhrgebiet nach Nordfrankreich einwanderten, spielten eine wichtige Rolle in der dortigen Fußballkultur und stellten Spieler für die französische Nationalmannschaft. Siehe Marion Fontaine, Football, Migration, and Coalmining in Northern France, 1920s–1980s, in: International Review of Social History 23/2015, S. 253–273.
9.
Vgl. Dietmar Osses, Von der deutschen Vielfalt zur Gleichschaltung. Fußball im Ruhrgebiet zwischen den Kriegen, in: ders. (Hrsg.), Von Kuzorra bis Özil. Die Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet, Essen 2015, S. 37–47, hier S. 39.
10.
Eine ausführliche Darstellung der Verhältnisse in Essen und ein quellenkritischer Hinweis auf die Problematik der Identifikation polnischer Zuwanderer über ihre Namen bei Britta Lenz, Vereint im Verein? Städtische Freizeitkultur und die Integration von polnischen und masurischen Zuwanderern im Ruhrgebiet zwischen 1900 und 1939, in: Archiv für Sozialgeschichte 2006, S. 183–203. Über Rot-Weiss Essen siehe ebd., S. 196–201.
11.
So im Essener Arbeiter-Turn- und Sportverein Schonnebeck, der Mitglied im sozialistischen Arbeiter-Turn- und Sportbund war. Von 1923 bis 1929 waren durchgängig im Vorstand Migranten vertreten, Bergleute und Arbeiter mit polnischen Namen. Vgl. ebd., S. 201.
12.
Vgl. Blecking (Anm. 6), S. 198.
13.
Britta Lenz, "Gebürtige Polen" und "deutsche Jungen": Polnischsprachige Zuwanderer im Ruhrgebietsfußball im Spiegel von deutscher und polnischer Presse der Zwischenkriegszeit, in: Diethelm Blecking/Lorenz Peiffer/Robert Traba (Hrsg.), Vom Konflikt zur Konkurrenz: Deutsch-polnisch-ukrainische Fußballgeschichte, Göttingen 2014, S. 100–113, hier S. 105.
14.
Przegląd Sportowy (Sportrundschau), zit. nach ebd., S. 100.
15.
Dieses und alle folgenden Zitate bei Lenz (Anm. 13), S. 102, S. 105, S. 109f.
16.
Vgl. Wilhelm Brepohl, Der Aufbau des Ruhrvolkes im Zuge der Ost-West-Wanderung, Recklinghausen 1948. Vgl. z.B. Richard C. Murphy, Gastarbeiter im Deutschen Reich. Polen in Bottrop 1891–1939, S. 184. Zu den Narrativen, die häufig zu politischen Statements über gelungene Integration verdichtet wurden, vgl. Diethelm Blecking, Sport and Immigration in Germany, in: The International Journal of the History of Sport 8/2008, S. 955–973, hier S. 956, S. 967, Anm. 10.
17.
Vgl. Valentina Maria Stefanski, Die polnische Minderheit zwischen 1918 und 1939/45, in: Dagmar Kift/Dietmar Osses (Hrsg.), Polen-Ruhr: Zuwanderung zwischen 1871 und heute, Essen 2007, S. 33–43, hier S. 42.
18.
Vgl. Blecking (Anm. 6), S. 207.
19.
Vgl. Phillip Ther, Soll und Haben: Warum das deutsche Kaiserreich kein Nationalstaat war, in: Le Monde diplomatique, Mai 2005, S. 16f.
20.
Vgl. Osses (Anm. 9), S. 40ff.
21.
Lenz (Anm. 10), S. 203.
22.
Vgl. für diesen Abschnitt Bartholomäus Fujak, Schmelztiegel Ruhrgebiet. Eine Spurensuche zwischen Oberliga und Bundesliga, in: Osses (Anm. 9), S. 71–79, hier S. 73ff.
23.
Vgl. zur Biografie Hans Ost/Hans Tilkowski, Und ewig fällt das Wembley-Tor – Geschichte meines Lebens, Göttingen 2006.
24.
Vgl. Blecking (Anm. 16), S. 967, Anm. 10.
25.
Vgl. ebd., S. 962.
26.
Zahlen und weitere Belege bei Diethelm Blecking, Polish Community before the First World War and Present-Day Turkish Community Formation – Some Thoughts on a Diachronistic Comparison, in: John Belchem/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Irish and Polish Migration in Comparative Perspective, Essen 2003, S. 183–197, hier S. 190ff.
27.
Vgl. Ole Merkel, Verbandspolitik im Wandel. Der Umgang mit zugezogenen Menschen seit der Zeit der Gastarbeiter, in: Osses (Anm. 9), S. 107–115, hier S. 108.
28.
Vgl. Daniel Huhn/Hannes Kunstreich/Stefan Metzger, Türkisch geprägte Fußballvereine im Ruhrgebiet und in Berlin, Münster 2011, S. 145f.
29.
Vgl. Merkel (Anm. 27), S. 110ff.
30.
Da Statistiken die Nationalität nicht ausweisen, lassen sich keine belastbaren quantitativen Aussagen machen.
31.
Zu Şahin und Hamit Altintop vgl. Schulze-Marmeling (Anm. 2), S. 30. Zu Halil Altintop siehe "Warum sollte ich nur Döner essen?" – Halil Altintop im Gespräch mit Ronny Blaschke, in: Diethelm Blecking/Gerd Dembowski, Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland, Frankfurt/M. 2010, S. 38–42.
32.
Vgl. "Die türkischen Fans respektieren meine Entscheidung". Mesut Özil im Gespräch mit Mike Glindmeier, in: ebd., S. 69ff.
33.
Vgl. Blecking (Anm. 23), S. 964.
34.
Vgl. Mesut Özil, Die Magie des Spiels. Und was du brauchst um deine Träume zu verwirklichen, Köln 2017, S. 33ff. Die Diskussion um die symbolische oder tatsächliche Rolle Özils beim Scheitern der deutschen Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft in Russland 2018 wird bei Schulze-Marmeling (Anm. 2) diskutiert. Vgl. Diethelm Blecking, Fußball und Migration in Deutschland, in: Schulze-Marmeling (Anm. 2), S. 161–178, hier S. 170ff.
35.
Vgl. Vanja Mandic, Frauenfußball und Migration im Ruhrgebiet. Von Emanzipationshebeln, Wiederholungen und einer anderen Geschichte, in: Osses (Anm. 9), S. 127–135; dies., Lore Barnhusen, geborene Karlowski. Nationalspielerin trotz Verbots, in: ebd., S. 154f.
36.
So der DFB-Präsident Theo Zwanziger, zit. nach Mandic (Anm. 35), S. 132.
37.
Für eine differenzierte Sicht vgl. das Interview mit der Filmemacherin Aysun Bademsoy, die mehrere Dokumentarfilme über migrantischen Frauenfußball gedreht hat: Doppelt benachteiligt? Die türkischen Mädchen nahmen sich einfach den Platz. Aysun Bademsoy im Gespräch mit Gerd Dembowski, in: Blecking/Dembowski (Anm. 31), S. 111–118.
38.
Vgl. Vanja Mandic, Fatmire Alushi. Vom Flüchtling zur Weltmeisterin, in: Osses (Anm. 9), S. 194f.
39.
Vgl. Mandic (Anm. 35), S. 134. Ursula Zender geht der Frage nach, warum der Organisationsgrad türkisch-muslimischer Migrantinnen im Sport im Allgemeinen so gering ist. Vgl. Ursula Zender, Sportengagements türkisch-muslimischer Migrantinnen. Der Einfluss von Kultur, Religion und Herkunftsfamilie, Wiesbaden 2018.
40.
Vgl. den Katalog zur Ausstellung auf Zeche Zollverein Franz-Josef Brüggemeier/Michael Farrenkopf/Heinrich Theodor Grütter (Hrsg.), Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte, Essen 2018.
41.
Für das Begleitbuch zur Ausstellung vgl. Osses (Anm. 9).
42.
Vgl. Stefan Goch, Zwischen Mythos und Selbstinszenierung: Fußball im Ruhrgebiet und das Image der Region, in: Westfälische Forschungen 2013, S. 103–118, hier S. 113.

Diethelm Blecking

Zur Person

Diethelm Blecking

ist außerplanmäßiger Professor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Sportgeschichte Osteuropas sowie der historische Zusammenhang von Sport und Migration. blecking@aol.com


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