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1.2.2019

Deaf Studies neu denken - Essay

Vor einigen Jahren löste Horst Ebbinghaus bei einer Deaf-Studies-Tagung unter den anwesenden Gehörlosen Entrüstung hervor, als er in seinem Vortrag den Deaf Studies die Eigenschaften einer Ideologie zuwies.[1] Schließlich war Ebbinghaus selbst Leiter des Studiengangs Deaf Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, und mit seinem Ideologievorwurf stellte er die Wissenschaftlichkeit des noch jungen Fachs infrage. Er konstatierte: "Im Gehörlosendiskurs werden Deaf Studies nicht als akademische Disziplin betrachtet, die ihre eigenen wissenschaftlichen Interessen verfolgt, sondern Deaf Studies erscheinen als aus der Lebensperspektive Gehörloser gewonnene Summe von Anschauungen, Vorstellungen und Werturteilen, die bestimmte Zielvorstellungen klären und politisch umzusetzen helfen sollen. Deaf Studies erfüllen damit die wesentlichen Charakteristika einer Ideologie."[2] Problematisch werden diese Charakteristika dann, wenn damit "zugleich ein wissenschaftlicher Anspruch verbunden wird".[3] Damit reagierte Ebbinghaus auf den Text einer aus Gehörlosen bestehenden Arbeitsgruppe, die Deaf Studies als "Grundlage zur Stärkung des Empowerments" begreift.[4]

Mit dem Vorwurf, die wesentlichen Charakteristika einer Ideologie zu erfüllen, sind auch viele andere "Studies" wie Gender, Disability oder Black Studies konfrontiert. Er bezieht sich auf eine diesen Wissenschaftsformationen eigene Koinzidenz, die im traditionellen Verständnis akademischer Arbeit ausgeschlossen ist, um den normativen Merkmalen von Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden: dass Gegenstand und forschendes Subjekt zugleich Teil des Reflexionsprozesses sind. Dies ergibt sich zunächst aus der Tatsache, dass sich in den sozialen Bewegungen, aus denen die jeweiligen Studies hervorgegangen sind und die es nach wie vor gibt, jene engagieren, die auch in den Studies anzutreffen sind. Die Frage muss also lauten: Erfüllen die Studies per se nicht die normativen Anforderungen, die an Wissenschaftlichkeit gestellt werden, und müssen deswegen mit dem Ideologievorwurf leben? Oder ist dieser unter anderem auch von Ebbinghaus formulierte Begriff von Wissenschaftlichkeit selbst in hohem Maß ideologisch?

Studies explizieren den Zusammenhang von forschendem Subjekt und beforschtem Gegenstand und entfalten ihre erkenntnistheoretischen Interessen darin auf drei Ebenen: erstens in ihrem praxisorientierten Denken; zweitens in ihrer sozial- und kulturkritischen Sicht auf gesellschaftliche Bedingungen; und drittens in ihrer Kritik an binären Konstruktionen wie männlich/weiblich, schwul/hetero, behindert/nichtbehindert, taub/hörend. Forschendes Subjekt und beforschter Gegenstand sind dabei diskursiv miteinander verbunden, allerdings nicht im Sinne normativer Forderungen, wie sie von sozialen Bewegungen gestellt werden, vielmehr als Denk- und Diskurspraxis der kritischen Infragestellung normativer Vorstellungen von Identität, Sprache und Tradition. Insofern sind Studies ein Ort, der allen offensteht.

Studierende, Lehrende und Forschende müssen keine Frau sein, um mit den Denkmodellen der Gender Studies zu arbeiten, nicht schwul oder lesbisch für die Queer Studies, nicht behindert für die Disability Studies, nicht schwarz für die Black Studies, nicht jüdisch für die Jewish Studies und kein Migrant für die Postcolonial Studies, denn Studies fragen nach den Subjektformen der Akteure selbst, die sich vor dem Hintergrund kultureller Codes in den jeweiligen Studies in den historisch-kulturellen Praktiken und Diskursen konstituieren. Studies haben eine inter- oder transdisziplinäre Perspektive. Zwar ist es möglich, an manchen Universitäten einen akademischen Abschluss in einer der Studies zu erwerben; das Besondere an Studies ist jedoch, dass sie ihr innovatives und produktives Potenzial innerhalb der Gegenstände von Fächern entwickeln. Darin liegt das subversive – also politische – Potenzial der Studies, wonach kein Gebiet jenseits der Studies zu denken wäre. Wie verhält es sich aber im akademischen Feld der Deaf Studies? Müssen Studierende, Lehrende und Forschende taub sein, um sich in den Deaf Studies zu engagieren?

Exklusive Deaf Studies?



In Studiengängen, deren Gegenstand die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist, hat es den Anschein, als ob Deaf Studies eine Funktion erfüllen, die in Form von "Landeskunde" Bestandteil fremdphilologischer Studiengänge ist und Informationen über Land und Leute vermitteln will, um einen kulturellen Zugang zu der Gemeinschaft zu ermöglichen, deren Sprache die Studierenden lernen. Den Hamburger Studierenden etwa werden zu Beginn ihres Studiums im Deaf-Studies-Modul Einblicke in die Kultur und in unterschiedliche Lebensbereiche tauber Menschen gewährt. Dabei ist den dort behandelten Themen eine Haltung als Selbstverständnis eigen, nach der es sich bei der Gehörlosengemeinschaft um eine geschlossene Sprachgemeinschaft handelt. Den Studierenden, von denen die meisten bisher keinen Kontakt zu tauben Menschen hatten, wird das Bild einer Gemeinschaft vermittelt, die sich ihrer Traditionen, Geschichte(n) und Kultur bewusst ist und durch das Band der gemeinsamen Gebärdensprache zusammengehalten wird.

Zweifellos hat das Erlernen der DGS viele Ähnlichkeiten mit dem Erlernen einer anderen Fremdsprache. Und doch wird gerade am Thema "Landeskunde" ein zentraler Unterschied zu anderen Fremdsprachen deutlich: Eigentlich bedürfte es keiner landeskundlichen Unterweisung, denn DGS ist eine Sprache, die in Deutschland gesprochen wird, einem Land also, das den Studierenden sehr vertraut ist. Aber – und das unterscheidet den DGS-Unterricht vom Erwerb anderer Fremdsprachen – sie wird von Menschen gesprochen und gelehrt, die nicht hören. Es ist also kein anderes Land, sondern die grundlegend andere Lebenserfahrung des Nichthörens, die es in DGS-Studiengängen zu denken gilt. Allerdings ist es auffällig, dass sich diese andere Lebenserfahrung nicht als Erfahrung des Nichthörens, sondern als Erfahrung eines Lebens in einer anderen Welt vermittelt, als ob Gehörlosigkeit erst unter Zuhilfenahme dieser Metapher denkbar werde.

Nun kann das Nichthören auf zweierlei Weise verstanden werden: Zum einen in einer Gesellschaft leben, in der Hören, Schwerhören und Nichthören Lebenserfahrungen auslösen, die sich fundamental unterscheiden – also eine Sichtweise, die "Normalität" kritisch befragt und die Auseinandersetzung damit betont. Die Fragen an Studierende der Deaf Studies, die sich in Bezug auf diese Sichtweise stellten, wären: Was gelingt und misslingt den einen anders als den anderen? Worin unterscheiden sich die Lebenserfahrungen von Hörenden, Schwerhörigen und Gehörlosen? Mit welchen akademischen Disziplinen und in welcher Sprache lassen sich diese differenten Erfahrungen beschreiben? Es sind Fragen, die Alterität und gleichzeitige Verwobenheit sowie das Miteinander-Sein hörender, schwerhöriger und tauber Menschen und somit ihre körperliche Verfasstheit reflektieren.

Die andere Lesart von Gehörlosigkeit bestünde darin, in einer Welt gehörloser Menschen zu leben, die zwar irgendwo in einem Kosmos hörender Menschen verortet ist, doch den Kontakt mit diesem Kosmos nicht denkt, sondern sich auf das Leben in der "Welt der Gehörlosen" beschränkt – im Sinne einer normativen Sichtweise, bei der das Nichthören selbst ein Tabu bleibt. Die Fragen an Studierende der Deaf Studies aus dieser Sichtweise heraus entsprechen jenen, die im Fach "Landeskunde" gestellt werden und die von einer substanziellen Trennung der Lebensbereiche hörender und tauber Menschen ausgehen im Sinne eines "Zwei-Welten-Konstrukts".

Die Idee einer "Welt der Gehörlosen" basiert unter anderem auf ethnisierenden Konzepten wie Deaf Ethnicity und Deafhood. Das Konzept Deaf Ethnicity, das mit dem Namen Harlan Lane verknüpft ist, begreift die Gehörlosengemeinschaft als eigene Ethnie, die über eine "kollektive Sprache, kollektive Identität, kollektive Kultur, kollektive Geschichte, kollektive Kunst, kollektive Epistemologien und Ontologien" verfügt, während das von Paddy Ladd entwickelte Deafhood-Konzept den Blick auf die jeweils regionalen gehörlosen Kulturgemeinschaften richtet und fordert, "traditionelles gehörlosenkulturelles Wissen, Weisheit und Erfahrungen zu respektieren und gleichzeitig die Tatsache anzuerkennen, dass Gehörlosenkulturen über einen Zeitraum von etwa 130 Jahren durch Audismus und Kolonialismus negativ beeinflusst und sogar aktiv geformt worden sind".[5]

Beide Konzepte prägt ein gemeinsames Merkmal: Sie leugnen die Existenz eines behinderten Körpers, der mit Bevormundung und Ausschluss verbunden wird. Eine taube Identität als Behinderte ist für die gehörlosen Vertreterinnen und Vertreter der Deaf Studies nicht vorstellbar. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Deaf Studies keinen Anschluss an Disability Studies suchen. Die durch Deafhood gewährleistete Stabilisierung der Gehörlosengemeinschaft ermögliche es, "Brücken zu anderen Fachdisziplinen aufzubauen", zu denen "Soziologie und Anthropologie, Philosophie, die Künste, Humangeografie, Minority Studies und Cultural Studies" gehören.[6] Disability Studies gehören offensichtlich nicht dazu, obwohl das von den Disability Studies formulierte soziale Modell von Behinderung mit dem kulturellen Modell der Deaf Studies große Ähnlichkeiten aufweist.


Für eine körperorientierte Wende



Die Entscheidung der Deaf Studies für die Rezeption des dichotomen "Zwei-Welten-Konstrukts" mit einer Welt der Gehörlosen, die über eine eigene Geschichte und Kultur verfügt und sich von der kulturellen Sicht eines behinderten Körpers distanziert, befindet sich in der Tradition der metaphysischen Geist-Körper-Dichotomie mit ihrer Idealisierung von Geist und Kultur und ihrer Verachtung des defizitären und hinfälligen Körpers. In den Vorstellungen der gehörlosen Vertreter der Deaf Studies von Sprache und Kultur Gehörloser spiegelt sich jenes platonische Ideal der Unsterblichkeit von Geist, Idee, Schönheit und Logos, während sich am tauben Leib das Vergängliche, Defizitäre, Hinfällige und Nichtvollkommene des Körpers zeigt.

Die bei den Deaf Studies zu erkennende Körperablehnung beziehungsweise Körpervergessenheit beobachtet die Soziologin Anne Waldschmidt mit Blick auf die Disability Studies sowohl für deren medizinisches Modell von Behinderung mit seiner Vorstellung der Reparaturbedürftigkeit des behinderten Körpers als auch für das soziale Modell mit seiner Unterscheidung von Beeinträchtigung (impairment) und Behinderung (disability). "Vor allem in körpertheoretischer Hinsicht verdient das soziale Modell tatsächlich Kritik", denn mit seinem Fokus auf die kulturelle Bedingtheit von Behinderung und seinem Verschweigen körperlicher Differenz basiere es "ganz offensichtlich auf einer kruden Dichotomie von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘, von ‚impairment‘ und ‚disability‘". Es seien vor allem politische Gründe, die diese Dichotomie motivierten: "Von den Vertretern des sozialen Modells wird heftig bestritten, dass es eine kausale Beziehung zwischen ‚impairment‘ und ‚disability‘ gibt. Man befürchtet offenbar, dass das Zugeständnis einer Verbindung die Politikfähigkeit der Behindertenbewegung schwächen könnte."[7]

Sowohl das medizinische als auch das soziale Modell der Disability Studies und damit analog sowohl das medizinische (deaf) als auch das kulturelle Modell (Deaf) der Deaf Studies teilen eine gemeinsame Sicht auf Behinderung. Mit Blick auf die Disability Studies schreibt Waldschmidt: "Beide Ansätze nehmen Behinderung primär als ein ‚Problem‘ wahr, das in irgendeiner Weise der ‚Lösung‘ bedarf",[8] wobei sich die "Lösungsansätze" der beiden Studies nicht wesentlich unterscheiden: Die Anhänger des sozialen Modells der Disability Studies und des kulturellen Modells der Deaf Studies sehen die Verantwortung bei der Gesellschaft und fordern Barrierefreiheit; Deaf Studies zudem die Anerkennung als sprachliche Minderheit.

Das soziale Modell der Disability Studies versucht Waldschmidt durch ein kulturelles Modell zu ergänzen, welches dichotome Konstruktionen von Normalität und Nichtnormalität, von Behinderung und Nichtbehinderung infrage stellt. Es ist das Modell, das das normative Körperbild des medizinischen und die Körpervergessenheit des sozialen Modells kritisiert und den Körper in den Mittelpunkt seines Denkens positioniert. Für Deaf Studies hieße das: Wenn mit Gehörlosigkeit weniger ein zu bewältigendes Problem als vielmehr eine spezifische Form der Problematisierung körperlicher Differenz dargestellt wird,[9] ließe sich in Bezug auf Deaf Studies fragen: Was wäre, wenn sich ein Nachdenken auf eine Kritik des Hörens richtet und damit den Körper (nicht)hörender Menschen in den Fokus seiner Überlegungen rückt?

Wenn es um eine körperorientierte Wende geht, dann werden Deaf Studies als Raum dieser Wende differente körperliche Erfahrungen in den Mittelpunkt stellen und das Hören einer radikalen Kritik unterziehen, die sich in der Kritik an der dichotomen Ordnung des "Zwei-Welten-Konstrukts" ausdrückt. Der Vorschlag des Philosophen Homi Bhabha, nicht Diversität, sondern Differenz in den Mittelpunkt zu rücken,[10] hieße übertragen auf Deaf Studies, statt auf die Diversität einer tauben und einer hörenden Welt und auf eine Konstruktion tauber und hörender Identitäten und Kulturen zu bauen, den Fokus auf die Differenz unterschiedlich hörender beziehungsweise tauber Menschen zu richten. Das wäre ein Weg, Studierende der Deaf Studies für Sprachen und Sprecher zu sensibilisieren, in denen sich die Ausdrucksmöglichkeiten des eigenen und fremden Körpers zwischen performativer Präsentation und symbolischer Repräsentation bewegen. Wie ist ein solcher Raum vorstellbar, der die Differenz nicht nur zeigt, sondern sie auch gestaltet? Während Alltagssituationen in der Regel darauf ausgerichtet sind, diese Differenz zu überwinden und auszulöschen, eröffnen Literatur, Film, darstellende und bildende Kunst Räume, die ihren Reichtum aus dieser Differenz schöpfen.

Differente körperliche Erfahrungen in der Gebärdensprachkunst



In den vergangenen 30 Jahren haben gebärdensprachliche Kunstformen eine besondere Beachtung durch die Veränderungen des Verständnisses von Gebärdensprache erfahren. Diese haben nicht nur die traditionellen Formen des Gehörlosentheaters beeinflusst, sondern auch neue Möglichkeiten einer Zusammenarbeit von Gehörlosen und Hörenden geschaffen.

Mit Blick auf das Gebärdensprachtheater betrifft das Produktionen, die gemeinsam von Hörenden und Gehörlosen erarbeitet worden sind und dabei Ausdrucksformen des bürgerlichen Repräsentationstheaters kritisch reflektieren. Ihre sprachkritischen Inszenierungen wollen einen Raum schaffen, in dem sich taube und hörende Menschen begegnen; in dem die Konflikte, die in der Zusammenarbeit entstehen, das Material produzieren, aus dem heraus eine künstlerische Form entwickelt wird. Beispielhaft sei auf die aktuelle Produktion "Und wir flogen tausend Jahre" hingewiesen,[11] die damit wirbt, dass hier sowohl gebärdet als auch gesprochen wird. In dem interaktiven Theaterstück imaginieren sich ein hörender und ein tauber Held zu Astronauten, die auf ihrer Reise durch den Kosmos vor ungeahnten Herausforderungen stehen. Um sich zu verständigen, nutzen die beiden Helden neben ihrer Laut- und Gebärdensprache, die sie beim jeweils anderen kaum verstehen, mimetische Mittel, derer sich jedes Kind und jeder Erwachsene bedient und die so etwas wie ein universelles Register darstellen. Damit gelingt es ihnen, eine Rakete zu bauen, fremde Planeten kennenzulernen, zwischenmenschliche Konflikte zu bestehen und schließlich, nach tausend Jahren, zur Erde zurückzukehren. Das Theaterstück thematisiert nicht den Kulturkonflikt zwischen einem hörenden und einem tauben Akteur, es stellt auch keine Dolmetscherin zwischen die beiden Helden. Vielmehr versucht es, die Möglichkeiten von (Nicht-)Kommunikation zu erproben und greift dabei auf etwas zurück, das Walter Benjamin einmal das "mimetische Vermögen"[12] des Menschen nannte.

Die Frage nach einem Gehörlosen und Hörenden gemeinsamen kulturellen Erbe der Gebärdensprache befindet sich in einer Tradition, die – ohne das Sprachsystem der Gehörlosen im Blick gehabt zu haben – die Sprache des Körpers, seiner Gesten und Gebärden zu fassen versucht und dabei Wissen aus vielerlei Quellen speist, seien es Untersuchungen zur Logik der Gesten oder zu Gebets- und Geschlechtsgebärden oder zu den Pathosformeln des Mnemosyne-Projekts des Kunsthistorikers Aby Warburg. Dieser Ansatz betrifft die sprachliche Besonderheit der Bildhaftigkeit, die uns vor allem in der Poesie ausgeprägt begegnet, in besonders verdichteter Form beispielsweise im japanischen Haiku. Daher riefen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Dichter, die sich mit japanischer Lyrik beschäftigten, eine Poetik des Imagismus aus, die die US-amerikanische und englische Lyrik und später die der Beatgeneration der 1950er Jahre prägte und bis heute nachwirkt. Das Neue dieser Poetik bestand darin, Bildhaftigkeit nicht länger metaphorisch als Beiwerk und Ausschmückung, sondern als das Wesen ihrer selbst zu begreifen.[13] Der Beschäftigung mit der Bildhaftigkeit von Gesten und Gebärden eröffnet die Gebärdensprache eine völlig neue Dimension. Vor allem aber macht Letztere Erstere zu einem zentralen Gegenstand einer kulturwissenschaftlichen Reflexion in den Bildwissenschaften und den Visual Culture Studies.[14]

"Die Gebärdensprache ist die eigentliche Muttersprache der Menschheit",[15] feierte der Kritiker Béla Balázs 1924 in seinem Essay zum Stummfilm das neue Medium und begrüßte damit eine "visuelle Kultur", die das Ende der Schriftkultur einläutete. Diese Vorstellung von Gebärdensprache verweist auf einen Zwischenraum, der davon ausgeht, dass dem Körper immer ein Überschuss eingeschrieben ist, der über die Semiotik der Sprache hinausweist: "Denn auf der Leinwand der Kinos aller Länder entwickelt sich jetzt die erste internationale Sprache: die der Mienen und Gebärden."[16] Vermutlich ist es genau dieser Überschuss, den viele Hörende in der Gebärdensprache tauber Menschen sehen und bewundern; die Lust, die sich im mimetischen Spiel des Körpers entfaltet, und eine Internationalität, die keine Sprachgrenze trennt. Und wahrscheinlich ist es auch genau dieser Überschuss, der den Stummfilm oder vielleicht besser den Film, der auf lautsprachliche Kommunikation verzichtet, bis heute lebendig hält – sei es in Form erfolgreicher kommerzieller Filme wie dem oscarprämierten Stummfilm "The Artist" von 2011 oder in Form unzähliger experimenteller Stummfilme aus den Off-Kinos.

Diese Beispiele sind beileibe nicht die einzigen, die das Hören einer kritischen Reflexion unterziehen. Kritik des Hörens findet dort statt, wo sich Gehörlose und Hörende befinden. Sie sagt etwas von dem Miteinander-Sein, das zwischen beiden besteht, und dem Voneinander-Lernen, das möglich ist. Deaf Studies werden dabei niemals ein friedlicher Ort sein. Er ist erfüllt von Isolations- und Unterdrückungserfahrungen, von Frustrationen und Einsamkeit, von Erfahrungen des Nichtverstehens und des Nichtverstandenwerdens, aber auch von Freude, Lust und Glück – Erfahrungen, denen jeder ausgesetzt ist und die jede Biografie prägen. Er ist ein Raum, der Mittel zur Verfügung stellt, diesen Erfahrungen körperlichen und sprachlichen Ausdruck zu verleihen und anderen mitzuteilen. Dadurch kann sich Veränderung für jeden ereignen, der sich in dem Raum befindet. Homi Bhabha nennt ihn den "Dritten Raum" und schreibt dazu: "Indem wir diesen Dritten Raum erkunden, können wir der Politik der Polarität entkommen und zu den anderen unserer selbst werden."[17] In diesem Sinne versuche ich, Deaf Studies zu denken.

Der vorliegende Text beruht auf einem Vortrag des Autors am 20. Oktober 2018 bei der Tagung "Disability Studies im deutschsprachigen Raum" an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Für eine ausführliche Fassung siehe Tomas Vollhaber, Deaf Studies neu denken, in: Das Zeichen. Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser 110/2018, S. 394–409.
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Autor: Tomas Vollhaber für bpb.de
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Fußnoten

1.
Horst Ebbinghaus, Ist Deaf Studies ein akademisches Fach?, Vortrag, Tagung "Eine Standortbestimmung der Deaf Studies in Deutschland", Berlin 17.11.2012.
2.
Ders., Deaf Studies zwischen Ideologie und Wissenschaft, in: Das Zeichen 95/2013, S. 392–400, hier S. 393.
3.
Ebd., S. 394.
4.
Katja Fischer et al., Leitbild: Deaf Studies in Deutschland, in: Das Zeichen 83/2009, S. 438f., hier S. 438.
5.
Paddy Ladd/Harlan Lane, "Deaf Ethnicity" und "Deafhood". Klärung zweier Konzepte und ihrer Beziehung zueinander, in: Das Zeichen 96/2014, S. 42–53, hier S. 51, S. 48.
6.
Ebd., S. 49.
7.
Anne Waldschmidt, Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?, in: Psychologie und Gesellschaftskritik 1/2005, S. 9–31, hier S. 20f.
8.
Ebd., S. 23.
9.
Vgl. ebd., S. 24.
10.
Vgl. Homi K. Bhabha, Die Verortung der Kultur, Tübingen 20002, S. 52.
11.
Konzept und Regie: Frauke Rubarth, Susanne Tod; Schauspieler: Eyk Kauly, Thomas Nestler, Hamburg 2018.
12.
Walter Benjamin, Über das mimetische Vermögen, in: ders., Aufsätze, Essays, Vorträge. Gesammelte Schriften, Bd. 2, Teil 1, Frankfurt/M. 1980, S. 210ff.
13.
Vgl. Tomas Vollhaber, Zeig es ihnen! Haiku und Gebärdensprache, in: Jörg Dierken (Hrsg.), Geisteswissenschaften in der Offensive. Hamburger Standortbestimmungen, Hamburg 2009, S. 168–186.
14.
Vgl. ders., Ikonische Differenz. Übersetzen literarischer Texte in und aus Gebärdensprachen, in: Katharina Mevissen/Franziska Winkler (Hrsg.), Text kommt in Bewegung. Über Literatur in Deutscher Gebärdensprache, Berlin (i.E.).
15.
Béla Balázs, Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, Frankfurt/M. 2001 (1924), S. 18.
16.
Ebd., S. 22.
17.
Bhabha (Anm. 10), S. 58.

Tomas Vollhaber

Zur Person

Tomas Vollhaber

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Deutsche Gebärdensprache der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Phänomenologie von Gebärdensprachen, Gebärdensprachkunst, Übersetzungsfragen, Gehörlose in der Literatur und Deaf Studies als akademisches Fach. tomas.vollhaber@uni-hamburg.de


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