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15.3.2019

Facettenreich und unverzichtbar. Die multiplen Leistungen und Funktionen der Kulturtechnik Lesen

Die Nachrichten der vergangenen Monate und Jahre verheißen nichts Gutes. Die Anzahl der funktionalen Analphabeten liegt in Deutschland schon seit einigen Jahren bei etwa 7,5 Millionen.[1] Der deutsche Buchhandel vermisst seit 2018 sechs Millionen Käufer, und in den regelmäßig durchgeführten PISA-Studien wird der Lesekompetenz der deutschen Schülerinnen und Schüler eine schlechte Note erteilt. Diesen nüchternen empirischen Fakten stehen positive Wertschätzungen und Zuschreibungen der Kulturtechnik Lesen und dem Medium Buch in unserer Gesellschaft konträr gegenüber: Lesen bildet, Lesen erweitert den geistigen Horizont, beflügelt die Fantasie, eröffnet neue Welten. Schließlich macht Lesen glücklich, bisweilen allerdings auch unglücklich. Souveräne, routinierte Leserinnen und Leser schreiben gerne solche und ähnliche Eigenschaften Buch und Lesen zu. Keine andere Kulturtechnik wird so überfrachtet mit positiven Attributen wie das Lesen. Mathematische Schwächen werden im gesellschaftlichen Kontext scheinbar eher verziehen als mangelnde Lesekompetenzen und die Unfähigkeit, den Sinn von längeren Texten zu begreifen. Schriftzeichen zu decodieren und ihnen Sinn zu verleihen, muss aber erst erlernt werden. Lesen macht also auch Mühe. Welche Funktionen das Lesen tatsächlich für Individuum und Gesellschaft einnimmt und wie dabei vor allem die Funktionen der sozialen Distinktion, gesellschaftlich-politische Funktionen und die Funktion der Kommunikation herausstechen, erläutere ich im Folgenden.

Lebensstil und Distinktion: "richtig" lesen



"Die guten Leutchen wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe kostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre." Als Goethe im Januar 1830 über die Mühe des Lesens sprach, meinte er das verstehende Lesen, das über das reine Informationslesen oder leichte Lesevergnügen hinausgeht. Er hatte eine klare Vorstellung vom "richtigen" Lesen, das den Leser tief in Sinn und Bedeutung der Texte eintauchen lässt.

Die Idee, es gäbe ein "richtiges" Lesen, ist bis heute in der Gesellschaft weit verbreitet: Die Kulturtechnik Lesen ist in der allgemeinen Vorstellung eng mit dem Lesen fiktionaler Literatur in langen Texten und dem Medium Buch verbunden. Die Antwort auf die Frage: "Was passiert, wenn wir das richtige Lesen verlernen?"[2] bleibt jedoch offen. Wie diese Frage zeigt, gilt das "richtige" Lesen als gefährdet, und schnell wird von diesem Ausgangspunkt verallgemeinert und die Fähigkeit des Lesens generell in Gefahr gesehen.

Wir lesen allerdings täglich und überall. Wir lesen auf der Straße Hinweisschilder und Busfahrpläne, wir lesen Beipackzettel, Gebrauchsanleitungen und die Boulevardzeitschriften im ärztlichen Wartezimmer oder beim Friseur, wir lesen E-Mails, Whatsapp-Mitteilungen und Tweets. Wir lesen meist flüchtig und schnell und reagieren auf das Gelesene oft prompt, nämlich meist schreibend in der sicheren Gewissheit, damit einen interessierten Leser zu erreichen. Lesen ist ubiquitär, ob rein informative oder unterhaltende Lektüre, ob digitale oder gedruckte Lesemedien. Es wird also heute nicht weniger gelesen als im analogen Zeitalter, sondern eher mehr, denn auch im digitalen Zeitalter werden nicht alle relevanten Medieninhalte durch Bild und Ton verbreitet, sondern schriftlich. Die individuelle Lesekompetenz ist unzweifelhaft nach wie vor eine Grundvoraussetzung, um überhaupt an gesellschaftlicher Kommunikation teilzunehmen, und sie ist das Fundament einer umfassenderen Medienkompetenz, die zum Verstehen komplexer Inhalte und für kritisches Urteilsvermögen erforderlich ist. Selbst die voranschreitenden Fähigkeiten Künstlicher Intelligenz, die uns beispielsweise durch Sprachassistenten den mühsamen Weg schriftlicher Kommunikation bisweilen abnehmen, sind bisher ohne schriftbasierte Kompetenzen nicht denkbar.

Dem schnellen Lesen von Kurznachrichten steht das vertiefte Bücherlesen gegenüber. Und das scheint gesamtgesellschaftlich gesehen immer weniger praktiziert zu werden. In allen Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen wurde im vergangenen Frühherbst höchst besorgt über die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels beauftragte GfK-Studie "Buchkäufer – quo vadis?" vom Juni 2018 berichtet, die den Deutschen eine stark rückläufige Nachfrage nach Büchern attestierte.[3] Der gesellschaftlich wünschenswerte Buchkonsum, der durch den festen Ladenpreis und einen geringeren Mehrwertsteuersatz unterstützt wird, erlebt eine Flaute. Aus den schwindenden Käuferzahlen wurde auf abnehmendes Leseinteresse in der deutschen Bevölkerung geschlossen, was unter anderem auf die Zuwendung der Konsumenten zu konkurrierenden (digitalen), vornehmlich audiovisuellen Medienangeboten zurückgeführt wird. Hinzu kommt eine grundsätzlich wahrgenommene Reizüberflutung und Zeitknappheit derjenigen, die sich vom Buch abwenden und ihre "Sehnsucht nach Entschleunigung" nicht mit dem Medium Buch befriedigen.

Die empirischen Erhebungen stehen im Gegensatz zu den buchbegeisterten Usern von Social-Media-Plattformen, die sich als "richtige" Leser inszenieren. Dort wird vertieftes Lesen gedruckter Bücher oft mit sinnlichem Genuss assoziiert.[4] Ein Blick auf die Fotoplattform Instagram genügt, um unter Hashtags wie beispielsweise #bookstagram, #bookstagrammer oder #booktography sofort zu sehen, dass gedruckte Bücher meist mit Genussmitteln wie Kaffee, Tee, Wein oder Delikatessen fotografisch inszeniert werden. Nicht nur diese Leserequisiten, sondern auch das Interieur, die Leseecke im heimischen Wohnzimmer mit Lesesessel, das Sofa und vor allem das Bett sind Codes in der klassischen Vorstellung einer perfekten Leseumgebung, die das ungestörte stille, zurückgezogene Lesen, das Versinken in andere, fiktionale Welten ermöglicht. Die jeweils präsentierte Leseatmosphäre strahlt eine gewisse Intimität aus, die zwar individuell gestaltet wird, allerdings die immer gleichen Requisiten und Lesemöbel ins Blickfeld rückt. Es scheint einen sozialen Konsens über die erwünschte, "richtige" Leseatmosphäre zu geben, dem man entsprechen möchte. Die Fotos werden zwar von den anderen Usern in der Regel kommentiert, allerdings geht es dabei meist nicht um die Inhalte der Bücher, weil Leseerlebnisse räumlich, zeitlich und habituell zu disparat werden. Stattdessen wird die Materialität der Bücher symbolisch genutzt.

Damit greift man auf den Social-Media-Plattformen bürgerliche Lebensstile auf, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts hat wie in keinem Jahrhundert zuvor den Leseakt mit sozialen Normen und Werten belegt, die weit über die dominierenden Lesefunktionen Information, Unterhaltung, Bildung hinausgehen: Die Wahl des Lektürestoffs entschied maßgeblich über die soziale Anerkennung des Einzelnen. Das Ende des 18. Jahrhunderts als sozialer Stand etablierte Bürgertum wurde somit zur maßgebenden Kontroll- und Lenkungsinstanz der kulturellen Praktiken und damit auch der Kulturtechnik Lesen. Das kulturdominierende Bildungsbürgertum las fortan zur sozialen Distinktion. Entsprechend sind die Wertzuschreibungen an das Lesen sozial aufgeladen. Lesen wurde im Bürgertum habituell, und Lesepraktiken wie auch die Institution der privaten Hausbibliothek wurden zum Ausdruck des Lebensstils – wie Instagram zeigt, bis heute.

So wurde spätestens mit Anbruch der Moderne Lesen zu einer sozialen Norm. Das Buch wurde im 19. Jahrhundert im gehobenen bürgerlichen Milieu erstmals kunstästhetisches Leitmedium, das einerseits der individuellen Geschmacksbildung diente, andererseits aber auch Instrument der Selbstvergewisserung einer ganzen sozialen Gruppe war.


Tradierte Funktionen und Leistungen des Lesens



Der Kulturtechnik Lesen werden heute noch viele Werte zugeschrieben,[5] die sich zum Teil aus jahrhundertelangen Lesepraktiken ableiten lassen. Die Auffassung, Lesen bereite sinnliches Vergnügen und ästhetischen Genuss, ist im Vergleich mit den Leistungen und Funktionen des Lesens zu Bildungszwecken und Beseitigung von Informationsdefiziten oder zur religiösen Kontemplation und Erbauung relativ jung. Funktionen und Leistungen des Lesens haben sich im Laufe der Jahrhunderte erweitert, ohne dass eine Funktion oder Leistung vollständig verschwunden ist. Die Bedeutung des Lesens hat sich nicht nur für das Individuum geändert, sondern auch für die soziale Gemeinschaft.

In der christlichen Tradition des Mittelalters war die Kontemplation ein wesentlicher Effekt des klerikalen Lesens. Auch in Laienkreisen spielte die religiöse Erbauung als eine Funktion des Lesens eine Hauptrolle, wenn auch die Predigt und mündliche Unterweisung in moralischen Fragen weiterhin dominant blieb. Im 12. und 13. Jahrhundert wurde das Lesen von Büchern zur Grundlage geistiger Arbeit der Gelehrten; daneben wurde Lesefähigkeit in kaufmännischen Kontexten professionell erforderlich. Nach Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Bleitypen durch Johannes Gutenberg und dem Anwachsen großer Handelszentren, die allesamt zu Standorten großer Medienunternehmen avancierten, wurde nicht nur die allgemeine Lesefähigkeit in den Städten beflügelt. Auch eine neue Funktion des Lesens kam hinzu: Lesen hatte nun nicht mehr nur eine allgemeine Erbauungs- und Bildungsfunktion, sondern diente der säkularen Berufsausübung, machte sie überhaupt erst möglich. Funktional war der Leseprozess nun neben liturgischen, gelehrten oder administrativen Zwecken vor allem auf kaufmännische Ziele gerichtet. Während die Funktionseliten aus Staat, Verwaltung, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Teilsystemen wie der Kirche in erster Linie aus professionellen Gründen lesen mussten, griff das wohlhabendere Bürgertum in den Städten nach der Erfindung des Buchdrucks vor allem zu Ratgeberliteratur und religiösen Erbauungsschriften, bisweilen auch zu erzählender Literatur.

Ein wesentliches Motiv in der Frühen Neuzeit, zum Buch zu greifen, war die Bewältigung des lebensweltlichen Alltags. Während die deutschsprachige Fachprosa des Mittelalters noch das Ziel verfolgt hatte, Wissensbestände für individuelle, nämlich gedächtnisentlastende Zwecke zu erhalten, ging es im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert stärker darum, Wissen an ein Laienpublikum zu vermitteln. Die zahlreichen volksmedizinischen Schriften, die Kräuterbücher und die Kochbücher, die als thematische Schnittmenge die Gesundheit des Menschen aufweisen, zeigen beispielhaft, wie sich die Funktion des Lesens vom individuellen Nutzen weiterentwickelt hat hin zu einer Standardisierung des gesellschaftlichen Wissens über prophylaktische und therapeutische Maßnahmen im Krankheitsfall. Solche Lesestoffe für existenzielle Situationen und alltagsweltliche Herausforderungen erweiterten den Kanon der Lesefunktionen um eine weitere Facette, die bis heute Bestand hat: Die Buchhandlungen sind mit vielen Regalmetern Ratgeberliteratur gefüllt, die zu sämtlichen alltagsrelevanten Themen eine breite Palette von Titeln offerieren.

Mit dem Aufkommen der periodischen Zeitungen zu Anfang des 17. Jahrhunderts erhält das Lesen eine neue soziale Dimension, und zwar die der Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Die Zeitungslektüre diente anfangs zur reinen Information, in politisch brisanten Zeiten ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert, vor allem aber im 19. Jahrhundert auch zur öffentlichen Meinungsbildung und politischen Partizipation des bürgerlichen Publikums. Der Literaturwissenschaftler Werner Graf beschreibt Partizipation als einen (individuellen) Lesemodus, der sowohl "die aktualitätsbezogene Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre als literarische Teilnahme am öffentlichen Diskurs"[6] als auch die "Belletristiklektüre als Teilnahme am literarischen Leben" umfasst. Die allgemeinen kulturellen Ziele in der Spätaufklärung waren die individuelle wie kollektive Durchsetzung von Rationalität, das Erlangen einer geistigen wie moralischen, ethischen und sittlichen Bildung und die Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit. Ziel des Lesens war es, ein vernünftiger Mensch mit ästhetischem Urteilsvermögen und sozialer Verantwortung zu werden und politische Willensbildung einzuüben. Auch diese damals neue Facette der Lesefunktionen hat bis heute Bestand: In der heutigen Mediengesellschaft sind Fragen der politischen Meinungsbildung durch Medienkonsum aktueller denn je.

Allerdings erfährt das Lesen in der Spätaufklärung noch eine weitere erhebliche und folgenreiche Funktionserweiterung: Auf der individuellen Ebene diente Lesen zwar einerseits der moralischen Unterweisung, andererseits bald aber auch der reinen Unterhaltung und Zerstreuung ohne Bildungsanspruch. Bestimmte Formen des Lesens wurden sogar zur Modeerscheinung, zum Beispiel das Lesen im Freien. Dieses einsame Lesen zur Unterhaltung, sei es in der Natur oder zurückgezogen im Haus, war ein Leseerlebnis ohne soziale Kontrolle und damit gesellschaftlich suspekt. Insbesondere die weit verbreitete Romanlektüre wurde in scharf formulierten Wertungen als negativ beurteilt. Sie galt als schädlich, weil eskapistisch. Zeitgenössisch wurde sie als Lesesucht und Lesewut stigmatisiert. Die reine Unterhaltungsfunktion der Lektüre beim Lesen von Romanen wurde dennoch höchst populär. Hier liegen die Wurzeln für die bis heute gängige Auffassung, Lesen bedeute sinnlichen Genuss.

Eine andere Form des Lesens mit dem Ziel der individuellen geistigen Emanzipation war das kollektive Lesen, das den kritischen Diskurs und die Reflexion des Lesestoffs im Austausch mit anderen vorantreiben sollte. Bürgerliche Lesegesellschaften wurden zunächst aus ökonomischen Gründen zur Verbilligung der Lektüre für den einzelnen gegründet. Sie boten aber auch eine Möglichkeit der Partizipation an der politisch-kritischen Öffentlichkeit. Diese temporäre Lesefunktion und -praxis erlebt heute online auf den Social-Media-Plattformen eine Auferstehung, allerdings aktuell meist nicht mit dem Anspruch, einen bürgerlich-kritischen Diskurs zu führen.


Die politische Dimension des Lesens



Auf individueller Ebene war der Leseakt fortan ab dem 19. Jahrhundert auf das literarisch-ästhetische Erleben gerichtet, bis in die Hochkultur der Gegenwart. Auf sozialer Ebene wurde die Herausbildung und Verfestigung einer kollektiven kulturellen Identität beziehungsweise kulturellen Gedächtnisses angestrebt. Im deutschen Sprachraum wird dies durch die sozialen und politischen Konstellationen ab dem 19. Jahrhundert erklärbar. Neben die ästhetischen und sozialen Funktionen des Lesens trat die Vorstellung, Lesen und Lesestoffe konstituierten eine nationale Identität.[7] Die politische Dimension war unter dem Eindruck der napoleonischen Kriege und der daraus resultierenden Neuordnung Europas, die für die deutschen Staaten keine Einheit, sondern die anhaltende Zersplitterung brachte, zu verstehen. Insbesondere die schöne Literatur sollte integrative Leistungen erbringen. Der privaten bürgerlichen Hausbibliothek kam somit auch eine wichtige Aufgabe für die deutsche Kulturnation zu: So sollte die kulturelle Einheit der Deutschen unterstützt werden, wenn schon keine politische abzusehen war. Lesen zur individuellen und kulturellen Identitätsbildung ließ sich integrieren zur politischen Identität. Der Bürger hatte die moralische Pflicht, durch das Lesen ausgewählter Lektürestoffe und Lesemedien seine politische Meinungsbildung zu forcieren.

Auch die politische Dimension des Lesens ist bis in die Gegenwart ein Thema. Angesichts von Fake News und den Möglichkeiten digitaler Massenmanipulation ist das kritische Urteilsvermögen des Individuums ein hohes Gut. Dem Lesen werden "idealtypisch meist erwünschte politische Implikationen zugeschrieben und konsonant dazu das Medium Buch und die Lesekultur als unverzichtbare Voraussetzung demokratischer Gesellschaften betrachtet", konstatiert der Schweizer Medienwissenschaftler Heinz Bonfadelli.[8] In einem Vergleich der Effekte von Online-Medien und Büchern auf das Individuum beschreibt er für das Bücherlesen eine Stärkung von Konzentration und Ausdauer, Abstraktionsvermögen, Fantasie und Kreativität, Reflexionsvermögen und Kritikfähigkeit. Im Gegensatz dazu förderten die Online-Medien die Individualkommunikation, führen häufiger zur Bestätigung der eigenen Meinung und fördern die Anschlusskommunikation.

Daraus resultiert nach Bonfadelli, dass Print-Medien wie auch Online-Medien gleichermaßen der Information dienen, die Integrationsfunktion und politische Partizipation beim Lesen von Büchern aber einer Fragmentierung von Wissen und Themen in den Online-Medien gegenübersteht. Die politische (Online-)Partizipation, so Bonfadelli, bringe eine verstärkte Individualisierung hervor, womit die Gefahr der gesellschaftlichen Fragmentierung steige.[9] Die empirische Medienwirkungsforschung hat diesen Aspekt bisher nicht systematisch untersucht, obwohl es "konsistente Belege dafür [gibt], dass die (Print-)Medien durch Fokussierung auf gemeinsame Themen bei den Bürgern geteilte Prioritäten erzeugen, welche für das Funktionieren der Politik als unabdingbar betrachtet werden".[10]

Nicht nur für die postmodernen Industriegesellschaften der westlichen Welt gelten diese Charakteristika. Die Fähigkeit der souveränen Buchnutzung und eine hohe Lesekompetenz werden weltweit als Grundvoraussetzungen für individuelle Freiheit und kollektiven Frieden angesehen, was zum Beispiel der UNESCO jahrzehntelang als Handlungsmotiv für ihre Fördermaßnahmen in Entwicklungsländern gedient hat.[11] Analphabetenrate und ökonomische Situation stehen in ärmeren Ländern in relationalem Zusammenhang. Das Bildungsniveau eines Landes hat sowohl erheblichen Einfluss auf die Individuen als auch auf die gesamte Wirtschaftssituation. Dass die Rechnung "Mehr formale Bildung gleich mehr Leser in einer Gesellschaft" aber nicht aufgeht, sieht man momentan in Deutschland, wo der formale Bildungsabschluss Abitur noch nie so weit verbreitet war wie heute, es aber nicht mehr so viele passionierte Leser gibt.

Lesen in der Kommunikationsgesellschaft



In unserer Gesellschaft ist Kommunikation ein zentraler Wert. Dementsprechend ist Anschlusskommunikation – der Austausch über die rezipierten Inhalte – eine wesentliche Dimension der Mediennutzung, die ein impulsgebender Reflex im Leseprozess ist und die Aneignung des Gelesenen unterstützt:[12] Medien werden nicht nur deswegen genutzt, weil sie konkrete Informations- oder Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen, sondern auch, weil sie Kommunikationsprozesse als soziale Handlung ermöglichen. Der fehlende Austausch über das Gelesene ist in der GfK-Studie als ein Motiv genannt worden, nicht mehr oder weniger häufig zum Buch zu greifen. Es werden vor allem Medien – zum Beispiel Serien – genutzt, die eine soziale Anschlusskommunikation ermöglichen.

Dem steht ein neuer Trend entgegen: "Slow Reading". Langsames, intensives Lesen ist ein Phänomen, das aus Neuseeland und den USA, insbesondere US-amerikanischen Colleges und Universitäten, als neue Lesepraktik nach Europa exportiert wird. Man kann es als Reaktion auf die seit Jahrzehnten existierenden Überlegungen und Tipps zur Beschleunigung des Lesetempos bei gleichzeitig effizienter Erfassung komplexer Texte verstehen, man kann es aber auch als Reaktion auf das häppchenweise, oberflächliche und eher flüchtige Lesen verstehen, das bei der Nutzung von Online-Medien geradezu unvermeidlich scheint. Grundsätzlich geht es beim Slow Reading in erster Linie um das intensive, konzentrierte und entsprechend langsame Lesen literarischer Texte und ihr Verstehen.[13] Mittlerweile sind etliche Bücher darüber erschienen, sowohl Analysen als auch praktische Handreichungen.[14] Das Ziel der neuen Lesepraktik ist es, eine "vergessene Art des Lesens wieder aufleben zu lassen, "die Geschwindigkeit und Hektik des Alltags" aus dem Leseprozess zu verbannen und dabei "zu mehr Verständnis des Gelesenen und mehr Spaß beim Lesen"[15] zu kommen. Es geht mehr ums Reflektieren des Gelesenen als um das langsame Lesen. Die Wertschätzung dem Buch und der alten Kulturtechnik gegenüber wird beim Slow Reading mit dem Lesegenuss verbunden, indem sich Leser zur gemeinsamen, stets schweigsamen Lektüre zusammenfinden, um sich ganz und gar auf das Buch und seinen Text einzulassen. Leseglück und Flow-Erlebnis sind erstrebenswerte Begleiterscheinungen der geistigen und lautlosen Versenkung ins Buch. Das Einüben dieser "neuen", eigentlich alt bewährten, Lesepraktik ließe sich unproblematisch im heimischen Wohnzimmer verwirklichen, aber der soziale Effekt ist anscheinend wichtig, denn seit 2014 etwa werden immer mehr Slow Reading Clubs eingerichtet und Slow Reading Partys veranstaltet. Anstatt über das Gelesene wird hier jedoch über die Wertschätzung des Lesens an sich diskutiert, wodurch das Lesen wieder Mittel zu einer Anschlusskommunikation wird und soziales Integrationspotenzial entfaltet.

Je nach Lesemodus kann Lesen heute also einen unterschiedlich hohen Integrationsgrad besitzen. Hoch ist das soziale Integrationspotenzial, wenn Lesen erstens Ausdruck des Lebensstils ist und zum Habitus gehört oder zweitens ein Mittel zur Herausbildung der kulturellen und politischen Identität ist oder drittens der Partizipation am literarischen und politischen Diskurs dient. Eher gering ist sein soziales Integrationspotenzial, wenn Lesen lediglich kognitives Hilfsmittel ist, wenn es rein der Bewältigung des lebensweltlichen Alltags dient oder in erster Linie aus professioneller Erfordernis gelesen wird.

Fazit



Im Vergleich mit anderen (audiovisuellen) Medien wird den schriftbasierten Medien wie dem Buch die Förderung der genannten Eigenschaften in der Persönlichkeitsbildung zuerkannt: Eigeninitiative statt passiver Konsum, umfassende Information statt punktuelle. Unterstützung in der Herausbildung seiner Persönlichkeit findet der Leser im Buch, denn Lesen ist probates "Mittel der Welterfahrung"[16] und konfrontiert den Bücherleser mit unterschiedlichen Verhaltensmustern und -modellen, die er in gradueller Abstufung ablehnen oder annehmen kann. Wir versetzen uns in sozial erwünschte Lebensmodelle und individuelle Eigenschaften oder grenzen uns gegen unerwünschte ab. Wir setzen uns ins Verhältnis zu anderen Lebensentwürfen, Ideen, Wertvorstellungen und Normen. Die Identifikationsmöglichkeit mit Figuren aus literarischen Texten, die Reflexion literarischer Weltdeutung und das Angebot, Lebensentwürfe, Konventionen und Werte zu überdenken, anzunehmen oder zu verwerfen, dienen unzweifelhaft der Persönlichkeitsentwicklung. In der pluralistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gelten nach wie vor Leistungsanforderungen an das Individuum wie Toleranz, Selbst- und Fremdverantwortlichkeit, rationales Problemlösungsverhalten und geistige Offenheit, um ein sozial funktionierendes und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu werden und zu bleiben. Lesen hilft dabei.
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Autor: Ute Schneider für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Anke Grotlüschen/Wibke Riekmann, leo. – Level-One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus, Hamburg 2011, S. 2.
2.
Diese Frage stellte Joachim Müller-Jung an den Hirnforscher Wolf Singer in einem gleichnamigen Interview, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2018, http://www.faz.net/-15833090.html«.
3.
Börsenverein des deutschen Buchhandels, Buchkäufer – quo vadis? Kernergebnisse, Juni 2018, http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Buchk%C3%A4ufer_quo_vadis_Bericht_Juni_2018_Kernergebnisse.pdf«; siehe auch den Beitrag von Heinrich Riethmüller in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Siehe hierzu auch die frühere Umfrage aus dem Jahr 2001 von Sabine Groß, Das Buch in der Hand. Zum situativ-affektiven Umgang mit Texten, in: Stiftung Lesen (Hrsg.), Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend. Eine Studie der Stiftung Lesen, Mainz–Hamburg 2001, S. 175–197; Ute Schneider, Bücher zeigen und Leseatmosphären inszenieren – vom Habitus enthusiastischer Leserinnen und Leser, in: Carlos Spoerhase/Steffen Martus (Hrsg.), Gelesene Literatur. Sonderband Text und Kritik 2018, S. 111–120.
5.
Für einen kurzen Überblick über die gängigsten Werte, die wissenschaftlich fundiert sind, vgl. Bettina Gartner, 11 Gründe, warum Lesen klug macht, in: Bild der Wissenschaft 7/2018, S. 2–8.
6.
Werner Graf, Lektüre zwischen Literaturgenuss und Lebenshilfe, in: Stiftung Lesen (Anm. 4), S. 199–224, hier S. 208.
7.
Siehe hierzu auch Aleida Assmann, Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee, Frankfurt/M.–New York–Paris 1993.
8.
Heinz Bonfadelli, Politische Implikationen des Lesens, in: Ursula Rautenberg/Ute Schneider (Hrsg.), Lesen. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin–Boston 2015, S. 815–831, hier S. 826.
9.
Vgl. ebd., S. 827f.
10.
Ebd., S. 829.
11.
Siehe hierzu ausführlich Christina Lembrecht, Bücher für alle. Die UNESCO und die weltweite Förderung des Buches 1946–1982, Berlin 2013.
12.
Vgl. Yvonne Niekrenz, Lesen in der Wissens- und Mediengesellschaft, in: Jörg F. Maas/Simone C. Ehmig (Hrsg.), Zukunft des Lesens. Was bedeuten Generationswechsel, demographischer und technischer Wandel für das Lesen und den Lesebegriff?. Mainz 2013, S. 33–36, hier S. 33.
13.
Siehe Josefine Johanna Mohrhard, Slow Reading. Der neue Lesetrend, Mainz 2016.
14.
Siehe zum Beispiel David Mikics, Slow Reading in a Hurried Age, Cambridge–London 2013; Thomas Newkirk, The Art of Slow Reading, Portsmouth 2012; John Miedema, Slow Reading, Duluth 2009.
15.
Mohrhard (Anm. 13), S. 65.
16.
Ruth Meyer, Lesen als Welterfahrung, in: Herbert G. Göpfert et al. (Hrsg.), Lesen und Leben, Frankfurt/M. 1975, S. 193–205.

Ute Schneider

Zur Person

Ute Schneider

ist Professorin am Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien/Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. uschneid@uni-mainz.de


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