30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
zurück 
15.3.2019

Der Kontakt zu unserer Kultur steht auf dem Spiel.

Acht Leseforscher aus verschiedenen Disziplinen antworten auf Fragen zum Einfluss der Digitalisierung
Immer größere Teile unserer täglichen Lektüre finden auf Bildschirmen statt. Manche Gewohnheiten des digitalen Lesens beeinträchtigen auch das Lesen auf Papier. Wir müssen Schutzmaßnahmen entwickeln und zugleich die Vorzüge des digitalen Lesens ausschöpfen.

Vier Jahre gemeinsamer Forschung und Diskussion von Wissenschaftlern aus ganz Europa zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Lesen fanden Anfang des Monats ihre Zusammenfassung in einer Konferenz. Welche Arbeitsergebnisse halten Sie persönlich für die wichtigsten – und warum?

Adriaan van der Weel: Die Möglichkeit, mit Wissenschaftlern aus so unterschiedlichen Fachgebieten zusammenzuarbeiten, hat gezeigt, wie reich, komplex und vielfältig das Phänomen des Lesens ist. Das ist äußerst wertvoll, wenn wir die zahlreichen Veränderungen verstehen, bewerten und ansprechen wollen, die von der Bildschirmrevolution ausgelöst werden. Unser E-READ-Netzwerk (Kasten, Anm. d. Red.) hat begonnen, das Lesen und die Leseforschung stärker ins Bewusstsein zu heben. Diese Sichtbarkeit ist dringend erforderlich.


Anne Mangen: Es ist uns gelungen, Sozialwissenschaftler, Neurowissenschaftler und Geisteswissenschaftler in empirischen Projekten zusammenzubringen, die inzwischen ein sehr viel nuancierteres Licht auf die Effekte und Implikationen der Digitalisierung hinsichtlich des Lesens werfen. Eine Reihe empirischer Studien haben Lücken und Mängel im bisherigen Modell aufgezeigt und Aspekte sichtbar gemacht, die einer weiteren und genauer abgestimmten empirischen Durchdringung in zukünftigen Forschungen bedürfen.

Miha Kovač: Für mich ist das interessanteste Ergebnis der Zusammenarbeit eine Metastudie von Delgado und anderen zu den Unterschieden zwischen der Lektüre auf Papier und auf dem Bildschirm. Dieser Überblick über 54 Studien mit mehr als 170.000 Teilnehmern aus unterschiedlichen Teilen der Welt hat eindeutig erwiesen, dass auf dem Gebiet des Textverständnisses der Bildschirm dem Druck unterlegen ist. Die digitale Technik macht das Lernen nicht automatisch leichter und erfolgreicher. Der Druck hat immer noch seine Vorzüge, vor allem bei der Lektüre langer und komplexerer Texte.

Anezka Kuzmicova: Studien haben gezeigt, dass die Selbstkontrolle der Schlüssel zur Entwicklung eines guten Textverständnisses ist. Das gilt auch unabhängig vom eingesetzten Medium: Auch beim Lesen eines gedruckten Buchs können wir von digitalen Geräten in unserer Umgebung abgelenkt werden. Aber die Eltern – die Menschen aus der häuslichen Umgebung der angehenden Leser – haben es meist schwer, das Lesen zu lehren oder zu fördern, weil sie selbst nicht die Selbstkontrolle erlernt haben, die notwendig wäre, um digitale Ablenkung zu vermeiden.

Theresa Schilhab: Das wichtigste Ergebnis besagt, dass Leser dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten bei der Lektüre von Lehrmaterialien zu überschätzen. Der multifunktionale Bildschirm vereint eine Vielzahl von Nutzungsweisen, von Schularbeiten über soziale Kommunikation bis zur Unterhaltung, er fördert per se ein oberflächliches Lesen. Das ist sehr wichtig, denn ein tiefes Lesen kann als einer der "natürlichen" und "intuitiven" Bereiche gelten, in denen das Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit, über diese Vorstellungen nachzudenken, gefördert werden. Wenn die vom Bildschirm unterstützte Multifunktionalität die kognitive Erfassung von Texten erschwert, verlieren wir womöglich ein wichtiges Instrument, das uns seit der Aufklärung begleitet.

Paul van den Broek: Die eigentlich wichtige Frage lautet nicht, ob digitales oder herkömmliches Lessen "besser" ist, sondern welche Verarbeitungsarten beide jeweils am besten bereitstellen und wie diese Verarbeitungsarten sich am besten für optimales Lesen und Lernen nutzen lassen. Anders gesagt: Wir müssen über die Möglichkeiten, Probleme und Vorzüge der verschiedenen Formate nachdenken – und sie auch explizit vermitteln. Dabei steht fest, dass die einzigartigen Vorzüge digitaler Leseumgebungen nicht auf angehende, in Entwicklung begriffene und noch mit Problemen kämpfende Leser beschränkt sind. Auch bei guten, auch bei erwachsenen Lesern sind die Vorteile möglicherweise sehr groß.

In welchem Austausch steht die E-READ-Community mit Lehrern, Eltern, Unternehmen und Politikern?

Theresa Schilhab: Ein solcher Austausch unterzieht uns Wissenschaftler einem höchst willkommenen Realitätstest.

Anne Mangen: Es hat sich gezeigt, dass ein solcher Kontakt erstaunlich schwer herzustellen ist. Wir können nur hoffen, dass die Informationsveranstaltungen in Stavanger, an denen Vertreter aus einigen wichtigen Bereichen wie dem Verlagswesen, der Leseförderung und der Politik teilnahmen, der Beginn eines häufigeren und wechselseitig informativen Dialogs waren. Leider fehlten auf der Konferenz Vertreter der Europäischen Kommission und aus der Praxis, zum Beispiel von Lehrergewerkschaften. Eingeladen waren sie.

Miha Kovač: Ich wundere mich über die Blindheit europäischer wie auch vieler nationaler Entscheidungsträger aus dem Bildungsbereich für die Forschung auf diesem Gebiet. Abgesehen von einigen Technikgegnern, die die Digitalisierung verteufeln, verhält sich die Mehrheit der Entscheider so, als wäre der vollständige Ersatz des Papiers durch digitale Medien nur eine Frage der Zeit und als gäbe es keine Studien, die belegen, dass der Bildschirm beim Lesen langer Texte dem Papier unterlegen ist. Selbst die jüngsten Dokumente der EU zu Digitalisierung und Bildung ignorieren die Tatsache, dass Druck und Bildschirm unterschiedliche Anforderungen stellen, die unterschiedliche kognitive Prozesse unterstützen und deshalb sorgfältig bedacht werden sollten.

Ihre ausgewogene Position steht unter Druck von zwei Seiten: von Kritikern der Digitalisierung wie von deren Initiatoren und Befürwortern. Ist das richtig?

Adriaan van der Weel: Das ist richtig. Wir erleben heute im Blick auf die Digitalisierung eine erstaunliche Polarisierung. Unsere größte Herausforderung ist die Frage, wie wir Menschen an beiden Extremen dieses Spektrums ansprechen können. Solange uns das nicht gelingt, gibt es keine Hoffnung auf einen konstruktiven Dialog über die lebenswichtigen Entscheidungen, die wir und alle interessierten Beteiligten zu treffen haben.

Ladislao Salmerón: Entscheidend wird sein, das richtige Verhältnis zwischen Digitalisierung und Druck zu finden. Beide haben wichtige Aufgaben zu erfüllen. Ein Beispiel wäre die Entwicklung digitaler Lesefähigkeiten. Bis im vierten Schuljahr eine gute Grundlage für das Leseverständnis gelegt ist, könnten Kinder sich mit gedruckten Texten auf die Einübung grundlegender Verstehensprozesse ohne die in digitalen Umgebungen üblichen Ablenkungen konzentrieren. Werden diese Fähigkeiten erst beherrscht, könnten wir die Schüler in die Benutzung fortgeschrittener Lese-Tools einführen, da sie dann in der Lage wären, mit potentiellen Ablenkungen zurechtzukommen.

Studien zeigen, dass Texte auf digitalen Geräten eher überflogen als konzentriert durchgelesen werden. Das könnte zunehmend auch das Lesen von gedruckten Texten betreffen. Welche Grundlage hat diese Sorge?

Anne Mangen: Eine ganze Reihe empirischer Studien auf diversen Fachgebieten.

Theresa Schilhab: Wir erleben möglichweise einen vollkommen neuen Umgang mit Texten. Die durchschnittlich pro Tag und Kopf konsumierte Textmenge ist gewaltig angestiegen. Die Gefahr einer Informationsüberlastung geht einher mit dem Lesen digitaler Texte. Das Überfliegen von Texten ist eine Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen. Das Überfliegen wird zur Gewohnheit, und wir laufen Gefahr, oberflächliche Leser zu werden, Info-Konsumenten, die verzweifelt browsen und süchtig zum nächsten "Info-Schuss" hasten. Dann verlernen wir die Strategie des geduldigen Verweilens beim Ungewohnten, oder wir haben sie nie erlernt. Wir verlernen es, uns von den Worten des anderen berühren zu lassen und darüber nachzudenken, was diese Worte in unserer persönlichen Welt bedeuten mögen. Wir tauschen das geduldige, sensible Lesen, das Zeit braucht, um sich zu nahezu körperlich empfundenen Erfahrungen und wilden Assoziationen zu entwickeln, gegen ein hastiges Lesen ein, das sich nach gar nichts anfühlt.

In der Debatte liegt der Fokus immer noch auf einem Vergleich zwischen dem Lesen auf Papier und dem auf digitalen Geräten. Sollten wir da nicht genauer unterscheiden? Gibt es vielversprechende Forschungen in diese Richtung?

Jenny Thomson: Ja, die gibt es. Die Fokussierung auf Papier und digitale Geräte führt zu einer Dichotomisierung und ignoriert sowohl die Variationen innerhalb des Mediums – wie verschiedene Arten digitaler Geräte wie Smartphone, E-Reader und andere – als auch die Variationen in der Präsentation des Textes, die sich quer durch die verschiedenen Medien ziehen: Schriftarten, Abstände, Textfluss und Bilder. Geräte von der Größe eines Smartphones können vor allem jungen Erwachsenen mit Dyslexie das Lesen erleichtern, während das alltägliche Leseverständnis durch die Einfügung von Hyperlinks in den Text – positiv wie negativ – beeinflusst werden kann, egal, ob man dem Link nun tatsächlich nachgeht oder nicht.

Die Forschung zeigt: Wie und was wir lernen, wissen und können, hängt in beträchtlichem Maße von Aspekten ab, die den gesamten Körper betreffen. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den körperlichen Aspekten der Kognition und dem Lesen auf Papier oder auf digitalen Geräten?

Anezka Kuzmicova: Wir lesen in mehrfacher Hinsicht mit dem ganzen Körper. Beim Lesen gedruckter Texte organisieren wir unser Wissen über den Text wie auch unsere Erinnerung an räumlichen Aspekten, etwa daran, wie viele Seiten wir körperlich zu jedem Zeitpunkt in beiden Händen halten. Beim digitalen Lesen fehlt diese Verleiblichung. Ein weiterer Aspekt ist die Fähigkeit, unser Wissen über die Welt zu entfalten, wenn wir zulassen, dass Geschichten uns sinnliche Erfahrungen vermitteln. Die Phantasie ist ein wichtiges Moment beim Lesen fiktionaler Literatur, aber multifunktionale Geräte können diese Fähigkeit beeinträchtigen, weil sie so stark mit realer visueller Stimulation verbunden sind.

Theresa Schilhab: Das Lesen eines linearen Textes auf einem Bildschirm wird von taktilen, auditiven, haptischen, sensomotorischen und ergonomischen Aktivitäten bestimmt. Durch die Wiederholung simultaner Aktivitäten sind neuronale Verknüpfungen auch nach dem Ende der eigentlichen Stimulation in stärkerem Maße verfügbar. Selbst wenn nur ein kleiner Teil des neuronalen Netzes bei der betreffenden Aktivität erregt wird – etwa bei der Empfindung des Gewichts des Buches und dessen Lage in der Hand –, stellt dieser Mechanismus sicher, dass das gesamte Netz beteiligt ist. Solche Prozesse sind wichtig, wenn wir das Lesen eines linearen Textes auf dem Bildschirm oder auf Papier vergleichen. Der stoffliche Charakter des Papiers bietet eine bessere Grundlage für das Memorieren des Textes. Das Umblättern stützt die Fähigkeit, sich den Zeitverlauf des Plots aufgrund der Anzahl der umgeblätterten Seiten einzuprägen. Das gedruckte Buch bietet eine größere Ähnlichkeit mit Raum und Zeit als dessen elektronisches Gegenstück.

Worin besteht der nächste wichtige Schritt bei dem Versuch, das Lesen einschließlich seiner immersiven Formen gegen mögliche Verluste aufgrund der Digitalisierung zu verteidigen?

Anne Mangen: Es geht uns hier weniger um "Verteidigung". Wir möchten vor allem deutlich machen, wie wichtig das Lesen von Texten – und insbesondere das geduldige Lesen langer Texte – in kultureller und kognitiver Hinsicht ist. Maryanne Wolf hat das in ihrem Hauptreferat in Stavanger sehr schön zum Ausdruck gebracht: "Wenn das Lesen sich in erheblichem Maße verändert und an digitale Eigentümlichkeiten anpasst, werden wir das tiefe Lesen verringern und weniger Zeit haben, komplexe Zusammenhänge zu begreifen, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen, Schönheit wahrzunehmen und das kulturelle Erbe zu schätzen." In den massiven und rapiden Veränderungen unserer Zeit zeigt sich, wie wichtig das tiefe Lesen auf persönlicher, aber auch auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene ist.

Worauf sollte man sich als Nächstes konzentrieren, um eine gut informierte Debatte über Lesen und Digitalisierung zu fördern?

Anezka Kuzmicova: Auf die Entwicklung und Vermittlung von Strategien der Selbstkontrolle für Erwachsene und Kinder.

Theresa Schilhab: Wir müssen darüber diskutieren, wie wir mit den Defiziten des Bildschirms umgehen sollen und wie wir der jüngeren Generation beibringen können, sich in der Informationsflut zurechtzufinden. Müssen wir unsere kritischen Sinne sehr viel stärker trainieren als bisher? Müssen wir, da die Stofflichkeit uns nicht mehr helfen kann, Strategien entwickeln, die uns Raum und Zeit für Reflexion und Nachdenken sichern?

Adriaan van der Weel: Können wir unser Verständnis des Phänomens der unbeabsichtigten Technikfolgen verbessern, also der Tatsache, dass manche Auswirkungen des Einsatzes von Technologien – ob sie nun "gut" oder "schlecht" sein mögen – nicht vorausgesehen werden? Und können wir dieses Verständnis nutzen, um die Auswirkungen des Bildschirms auf unser tiefes Lesen abzuschwächen?

Miha Kovač: Ist das Lesen langer Texte per se etwas Gutes, verweist die abnehmende Zahl der Buchleser also auf einen zivilisatorischen Rückschritt? Oder gibt es gar keinen Unterschied zwischen der Lektüre eines Unterhaltungsromans, dem Anschauen einer skandinavischen Fernsehkrimiserie und der Versenkung in ein Computerspiel, so dass der Rückgang der Buchverkäufe gar keinen kulturellen Verlust darstellt? Falls die Antwort auf diese Frage "ja" lautet und es gibt keine kulturellen Verluste, könnten wir dann nicht zum Beispiel Bibliotherapie durch Fernseh-Therapie und Spiele-Therapie ersetzen und das Lesen von Büchern aus dem Primar- und Sekundarschulunterricht einfach hinauswerfen? Und falls die Antwort "nein" lautet, fragt sich, wodurch sich denn nun die Versenkung ins Lesen von der Versenkung ins Fernsehen oder in Computerspiele unterscheidet.

Paul van den Broek: Wie sehen die Prozesse aus, wenn Kinder unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft auf digitalen Plattformen nach Informationen suchen? Wie lassen sich verschiedene digitale Geräte miteinander und mit der traditionellen Verarbeitung von Texten vergleichen? Wir wissen viel darüber, wie Kinder und Erwachse traditionelle Texte verarbeiten, wie sie eine mentale Karte der Textinhalte erstellen, wie sie dadurch Wissen erwerben und aus Texten lernen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob verschiedene digitale Formate dieselben Prozesse nutzen oder vielleicht neue Prozesse ermöglichen, die zu einem tieferen Verständnis führen könnten. Was sollte bei den digitalen Formaten vermieden werden? Was sollten Lehrer tun, und was sollten sie nicht tun?

Das Interview erschien zuerst in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2018, S. B 6. Die Fragen stellte Fridtjof Küchemann; aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln