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22.3.2019

Nur Bauhaus? Zur Moderne in Tel Aviv

Bei einer Fahrt auf dem den Ayalon Highway ins Zentrum von Tel Aviv fallen einem sofort die vielen neuen Wolkenkratzer auf, die sich aus einem Wald aus Kränen zum Himmel recken. Die Straße umschließt die historische Altstadt wie eine Art riesiger Badewannenrand. Aber auch die "Weiße Stadt", das zehn Hektar umfassende UNESCO-Weltkulturerbe in der Stadtmitte, droht im aktuellen Bauwahn verschlungen zu werden.

Tel Aviv rühmt sich, eine "globale Stadt" zu sein, eine Stadt, die niemals schläft. Sie ist geprägt vom Kontrast zwischen historischem Stadtkern und den sich fortwährend weiterentwickelnden Randgebieten, zwischen den Bemühungen, einerseits die bestehenden Strukturen zu erhalten und andererseits neue Gebäude zu errichten – was zuweilen direkt auf den Dächern der historischen Häuser geschieht. Während die historische Bausubstanz auf Straßenniveau also in ihrem jetzigen Zustand erhalten oder ihr früherer Glanz durch Restaurierungen wiederhergestellt wird, kommen einige Stockwerke darüber vollständig neue Etagen hinzu. Diese Bebauungsform ist das lokale Konzept zur Bestandserhaltung und resultiert aus dem Spannungsverhältnis, wichtige kulturelle Merkmale der Stadt erhalten zu wollen und gleichzeitig dringend benötigten Wohnraum schaffen zu müssen. Dabei ist die 110 Jahre alte Stadt bestrebt, sich dem hektischen Lifestyle Israels als "Startup-Nation" anzupassen.

Auch wenn Tel Aviv seit Langem als "Bauhaus-Stadt" gilt: Der wissenschaftlich angemessene Begriff für die Architektur der Weißen Stadt ist "Internationaler Stil", wie er bereits 1932 von dem Architekturtheoretiker Henry-Russell Hitchcock und dem Architekten Philip C. Johnson eingeführt wurde. Der Stil repräsentiert einen damals zeitgemäßen Gestaltungsansatz: Er steht für funktionelles, schnörkelloses Design, das die moderne europäische Architektur ab den 1920er Jahren zunehmend prägte und sich von dort aus weltweit verbreitete. Auf Tel Aviv bezogen brachte er das Verlangen der damals jungen Stadt zum Ausdruck, so modern wie möglich zu erscheinen. Zugleich versuchte man dort, ein neues architektonisches Umfeld zu schaffen, das einen bewussten Kontrapunkt sowohl zu den Bautraditionen der Herkunftsländer der vielen Einwanderinnen und Einwanderer als auch zum lokalen Architekturstil der Levante setzte.

Trotzdem ist "Bauhaus" zum umgangssprachlichen Synonym des Internationalen Stils in Tel Aviv geworden – nicht zuletzt, weil damit eine aussagekräftige Werbebotschaft transportiert wird, mit der sich zudem der Glanz einer realisierten Sozialutopie verbindet. Die Architektur der Stadt ist jedoch viel zu komplex, als dass sie schlichtweg als Bauhaus-Stil bezeichnet werden könnte. Sie vereint zahlreiche Theorien und Einflüsse diverser Protagonistinnen und Protagonisten der Moderne in sich. Tel Aviv hat somit vielmehr einen eigenen "glokalen" architektonischen Ausdruck gefunden: einerseits geprägt von den europäischen Einflüssen, andererseits angepasst an die gegebenen klimatischen und kulturellen Bedingungen.

Anfänge



Der Ursprung der Weißen Stadt liegt im sogenannten Geddes-Plan: 1925 beauftragten die Briten, unter deren Mandat die Region seit 1922 verwaltet wurde, den schottischen Stadtplaner Patrick Geddes damit, neue stadtplanerische Ideen in Palästina umzusetzen. Geddes schlug vor, Tel Aviv in eine Gartenstadt zu verwandeln.[1] Mit seinem ökologischen Ansatz und seinem Verständnis für das Wesen der Stadt als sich fortwährend verändernder Organismus entwickelte er einen Plan, der viele kleine Grundstücke und freistehende Gebäude vorsah. Ein Grundprinzip bestand darin, Licht und Luft in die Häuser zu lassen und die Belüftung der Straßen durch den vom Meer wehenden Wind zu gewährleisten. Entsprechend wurde das Straßennetz hierarchisch in Hauptverkehrsachsen, Wohnstraßen und Fußwege aufgeteilt.

Der visionäre Entwurf, den Geddes bis 1929 ausarbeitete, sollte mehr sein als nur ein städtebaulicher Masterplan. Er sollte ein politisches, soziales und kulturelles Werkzeug sein, das dabei helfen sollte, in einem idealen Lebensraum einen "neuen Juden" zu schaffen. Dieses "human engineering" war ein zentraler ideeller Baustein in jenen Teilen der zionistischen Bewegung, die davon träumten, eine stolze makkabäische Nation wiederaufzubauen. Sie glaubten, dieses Ziel könne unter anderem durch die Umsiedlung von Emigrantinnen und Emigranten aus den osteuropäischen Ghettos in eine gesunde, grüne Gartenstadt erreicht werden, die sich als lebenswertes Umfeld erweisen und sowohl physische als auch spirituelle Bedürfnisse befriedigen würde. Jedoch hätte sich niemand träumen lassen, dass die junge Stadt, die direkt außerhalb der Mauern der alten Hafenstadt Jaffa liegt, in so kurzer Zeit ein so massives Wachstum erfahren würde: Zwischen 1932 und 1938 – insbesondere nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 – flohen rund 200.000 europäische Jüdinnen und Juden nach Palästina. Binnen weniger Jahre verdreifachte sich die Bevölkerung von Tel Aviv bis 1938 auf rund 150.000 Einwohnerinnen und Einwohner, wodurch viele von Geddes’ ursprünglichen Entwürfen obsolet wurden.

Errichtet von Zehntausenden Einwanderern und als in Betonsilhouetten im Internationalen Stil gegossener Schmelztiegel der Kulturen hat Tel Aviv weder herausragende gebaute Ikonen noch als solche anerkannte eigenständige architektonische Bauhaus-Meisterwerke, die aus sich selbst heraus den Stil der Stadt definieren könnten. Was der Weißen Stadt ihre herausragende kulturelle Bedeutung verleiht, ist vielmehr die Verschmelzung der Gebäude mit ihrem urbanen Umfeld, mit der historischen Stadtlandschaft, die sich weit über die Grenzen des zum Weltkulturerbe erklärten Bereiches mit seinen zahlreichen unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden hinaus ausdehnt. Die Weiße Stadt inklusive ihres Umfeldes ist ein lebendiges, sich bis heute veränderndes urbanes Gefüge, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Sanddünen am Meer erhob und sich ständig weiterentwickelt – und als solches sollte sie auch verstanden werden.

Die Bauphase der Moderne währte in Tel Aviv lediglich etwa sechs Jahre, von 1931 bis 1937. Es war zugleich die Blütezeit des Internationalen Stils und der Bauhaus-Bewegung. Der Einfluss der europäischen Architektur der Zwischenkriegszeit und neue lokale Entwicklungen führten zu vielfältigen Ausformungen der Moderne, die sowohl gesellschaftliche als auch kulturelle Bedürfnisse berücksichtigten. So wurde der Internationale Stil an die örtlichen Sachzwänge angepasst, etwa an die starke Sonneneinstrahlung und das vorhandene Baumaterial.


Gebauter Idealismus



Tel Aviv wurde überwiegend von einer Gruppe junger Architekten gestaltet, die Palästina zuvor für ihre Ausbildung verlassen hatten. Sie hatten in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien oder Russland in den Werkstätten der berühmtesten Architekten der Avantgarde gelernt. Arieh Sharon, Shmuel Mestechkin, Shlomo Bernstein, Munio Gitai Weinraub und Chanan Frenkel gingen im Bauhaus in die Lehre, Joseph Neufeld studierte in Rom, Bruno Taut in Moskau, Zeev Rechter bei Erich Mendelsohn in Berlin, Samuel Barkai bei Le Corbusier in Paris. Dov Karmi, Benjamin Ankstein, Genia Awerbuch und zahlreiche andere erlernten ihr Handwerk in Rom, Gent, Venedig oder Neapel, später auch in Wien und Paris. Viele von ihnen wurden bedeutende Architekten im späteren Staat Israel. Angetrieben wurden sie von ihren durch die Moderne geprägten Anschauungen des damals herrschenden Zeitgeistes, und sie einte der Wunsch, ihre Überzeugungen in dem neugegründeten Staat in Beton zu fassen.

Einige von ihnen bildeten unter dem Namen "Chug" (die hebräische Übersetzung der Berliner Architektenvereinigung "Der Ring") eine Art "urbane Denkfabrik". Es war diese Gruppe junger Visionäre, die durch die Schaffung einer einheitlichen, einfachen Architektursprache und die Erfüllung bestimmter stilistischer und ideologischer Kriterien versuchte, Probleme der zionistischen Bewegung zu beheben. Der neue Baustil sollte die kulturellen Unterschiede aller nach Palästina eingewanderten Juden überbrücken; der Aufbau der Moderne sollte der Aufbau des Landes sein: Wer ein entsprechendes Haus baute oder in einer entsprechenden Wohnung lebte, galt in jeder Hinsicht als Gleicher unter Gleichen. Während die Moderne auf diese Weise in Palästina neuen Schwung erhielt, wurde das sogenannte Neue Bauen in Deutschland als "jüdisch-bolschewistisch" beziehungsweise "semitisch-orientalisch" diffamiert – wie etwa im Falle der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, die als "Araberdorf" geschmäht wurde.

Um Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, gab der Chug unter anderem eine Zeitschrift namens "Habinyan Bamizrach Hakarov" ("Das Bauen im Nahen Osten") heraus und richtete Architekturwettbewerbe aus. Dabei konnten innovative Ideen gefördert werden wie etwa das Bauen auf Pilotis: Diese offenen Pfeilerkonstruktionen erlauben zum einen, dass die Meeresbrise ungehindert – beziehungsweise unter den Häusern hindurch – durch die Straßen zirkulieren kann, zum anderen werden die Gebäude durch begrünte Durchgänge subtil mit der Straße verbunden. Tatsächlich gelang es dem Chug, die Ästhetik des Jischuw – jener Gemeinschaft zionistischer Juden, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Palästina niedergelassen hatten – zu verändern: Die zionistische Bewegung eignete sich die moderne Architektur an, die Bauten wurden zum architektonischen Ausdruck des Wunsches, eine neue nationale Identität zu schaffen. Die Moderne in Tel Aviv wurde zu einem Symbol der Geburt der neuen hebräischen Nation.

Transfers



Dabei schadete nicht, dass es der einheitliche und relativ nüchterne moderne Stil erleichterte, den vielen Tausend jüdischen Flüchtlingen, die in den 1930er Jahren nach Palästina einwanderten, ein Dach über dem Kopf zu geben. Häuser mit Stahlbetonrahmen zu errichten, erforderte weniger Zeit und Mittel als der bis dahin vorherrschende eklektische Stil mit seinen tragenden Wänden und üppigen Verzierungen. Die von den Architekten der Avantgarde in Europa entwickelten Lösungen und Baukonzepte erwiesen sich als zweckmäßig für Palästina und wurden bereitwillig übernommen.

Das wichtigste Baumaterial, Kalkstein, war problemlos vor Ort zu gewinnen und erforderte keine besonderen handwerklichen Kenntnisse. Die moderne Bauweise ermöglichte größere Wanddurchbrüche, weit auskragende Balkone und flexible Innenräume. Terrazzo konnte mit lokalen und importierten Steinen gegossen werden, Gips wurde unter Verwendung verschiedener Verfahren mit den neuesten aus Deutschland importierten Techniken hergestellt. Die Nachahmung von Steinoptiken durch die Mischung von Mineralien wie Kalk und Weißzement mit unterschiedlich großen Kieseln verlieh den Fassaden ein dreidimensionales Erscheinungsbild und erwies sich zudem als besonders widerstandsfähig.

Ein deutscher Ingenieur namens Emanuel Teiner reiste sogar eigens nach Palästina, um dort Bauarbeiter zu schulen und ihnen die Herstellung diverser in Deutschland geläufiger Putzmörtel beizubringen. Bestes Beispiel für den enormen Einfluss der deutschen Bautechniken auf das Land ist die Tatsache, dass die Namen dieser Techniken bis heute von israelischen Arbeitern verwendet werden: von "Waschputz", "Kratzputz" und "Steinputz" über "Oberkante" und "Unterkante" bis zu "Sockel" und "Stecker".

Aus Deutschland wurde jedoch nicht nur Know-how importiert. 1933 handelte die Zionistische Vereinigung für Deutschland mit dem deutschen Reichswirtschaftsministerium das sogenannte Haavara-Transferabkommen aus. Dieses ermöglichte es "ausreisewilligen" Juden, denen ansonsten der Zugriff auf ihr Barvermögen verweigert wurde, einen Teil ihres Vermögens nach Palästina zu transferieren. Dafür zahlten sie ihr Geld bei einer Transferbank ein, für das anschließend über das in Tel Aviv ansässige Treuhand-Unternehmen Haavara Maschinen, Baumaterialien und andere Waren aus Deutschland eingekauft und in Palästina veräußert wurden. Dort angekommen, wurde den Auswanderern der Erlös abzüglich angefallener Kosten ausgezahlt. Während das NS-Regime die Emigration von Juden als Glücksfall betrachtete und sich angesichts internationaler Wirtschaftsboykotte von dem Abkommen die Einnahme von Devisen erhoffte, gelang bis zum Kriegsbeginn 1939 mehr als 50000 deutschen Juden auf diese Weise die Ausreise und damit die Flucht vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager.[2]

Ein großer Teil der durch das Abkommen nach Palästina eingeführten Waren wurde beim Aufbau der Weißen Stadt verwendet, etwa Fliesen, Glasfenster, Klinken, Armaturen sowie Metall und Beton. Aus Sehnsucht nach dem europäischen Lebensstil, in dem sie verwurzelt waren, verwendeten viele Einwanderer diese Materialien – nicht zuletzt auch, um zu demonstrieren, dass sie über neuesten Trends architektonischer Gestaltung im Bilde waren.


Direkte Bauhaus-Spuren



Zwar haben nur wenige Architekten, die am Bauhaus gelernt haben, später in Tel Aviv gebaut, aber der Einfluss dieser kleinen Gruppe auf den Architekturdiskurs war enorm. Als Beispiel können die 1935 an der Frishman Street fertiggestellten Hod-Genossenschaftswohnungen gelten: Hier lässt sich der Einfluss von Hannes Meyer, dem zweiten, weniger bekannten Direktor des Bauhauses erkennen, sowohl in der einfachen und bescheidenen Gestaltungslinie als auch in der Sozialstruktur des Gebäudeblocks. Den Bewohnerinnen und Bewohnern wurden zwar nur kleine Wohnungen zugeteilt, doch sie teilten sich großzügige Gemeinschaftseinrichtungen, beispielsweise einen großen Garten in der Mitte des Grundstücks, einen Kindergarten, eine Waschküche, mehrere Läden und einen Speisesaal. Ganz im Einklang mit der sozialistischen Weltanschauung der tonangebenden Elite diente der gemeinsame öffentliche Raum als Erweiterung der relativ kleinen Wohneinheiten und sollte die neue hebräische Gesellschaft zu einem homogenen Ganzen zusammenschweißen. Dies entsprach exakt der Lehre Meyers, der Parolen wie "Volksbedarf statt Luxusbedarf" prägte und seine Schüler anwies, sich vorrangig auf soziale Aspekte der Gestaltung zu konzentrieren.

Meyers Schüler Arieh Sharon, der seine Zeit am Bauhaus mit dem Diplom Nr. 6 abschloss, sollte Israels wichtigster Bauhaus-Architekt werden. Da Sharon bereits vor seiner Lehre am Bauhaus im Kibbuz Gan Shmuel im Bereich Planung und Bau tätig gewesen war, ist es nicht schwer, sich die spontane Verbindung zwischen ihm und seinem Lehrmeister vorzustellen; gemeinsam waren beide bestrebt, die Ideale des Sozialismus in architektonische Formen umzusetzen. Es ließe sich sogar argumentieren, dass der Schüler auch seinen Meister beeinflusst hat, etwa im Zusammenhang mit dem 1930 abgeschlossenen Bau der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin. Das 2017 zum Weltkulturerbe erklärte Gebäude vereint zahlreiche Eigenschaften, die in Form und Funktion Parallelen zu einer Kibbuzsiedlung aufweisen. Hier wie dort wurde der Raum so gestaltet, dass er das Gemeinschaftsverhalten seiner Bewohner beeinflusst; das Spektrum reicht von kleinen Wohnräumen über halböffentliche Räume bis hin zu den großen gemeinschaftlichen Versammlungsräumen wie etwa dem Speisesaal – alles darauf ausgelegt, die Identität des Individuums als Teil der Gruppe zu prägen.

Sein bedeutendstes Werk vollendete Sharon nach der Blütezeit der frühen Moderne in Palästina: 1949 beauftragte ihn David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels, einen Masterplan für den neugegründeten Staat auszuarbeiten. Zwei Jahre später wurde der Plan unter dem Titel "Physical Planning in Israel" veröffentlicht. In ihm wurden die Standorte neuer Städte, Industrie- und Agrarflächen, das allgemeine Infrastruktursystem, Nationalparks und Naturschutzgebiete sowie die grundsätzliche Raumplanung des Landes ausgewiesen. Es ist daher nicht übertrieben zu behaupten, dass der Bauhaus-Schüler Sharon nicht nur ein paar Wohngebäude in Tel Aviv entworfen, sondern auch das strategische Gesamtkonzept für ganz Israel mitgestaltet hat.

Darüber hinaus wirkte Sharon ab den 1960er Jahren in Afrika: In Nigeria, das gerade 1960 seine Unabhängigkeit erlangt hatte, war er etwa am Bau der Universität von Ile-Ife beteiligt. Hier nahm Sharon Bezug auf die visuelle Kultur der lokalen Stämme, was es ihm ermöglicht haben könnte, sich dem Brutalismus zuzuwenden, der bereits Einfluss auf den architektonischen Zeitgeist nahm.

Lokale Adaption und Pflege



Das Stadtbild Tel Avivs wurde auch von zahlreichen europäischen Architekten geprägt, die weder etwas mit dem Bauhaus zu tun hatten noch aus tiefer zionistischer Überzeugung heraus nach Palästina eingewandert waren. Viele von ihnen flohen schlicht vor Berufsverboten und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Obwohl sie in ihren Heimatländern bereits etablierte Architekten waren, sahen sie sich in Tel Aviv nun häufig vom verantwortlichen Stadtplaner Yaakov Shifman gezwungen, den Internationalen Stil zu übernehmen, was zur Ausprägung individueller Formen führte. Der lokale Tel Aviver Stil war daher nie bloß eine simple Kopie europäischen Know-hows. Vielmehr zeigte sich in ihm die Entwicklung einzigartiger lokaler Ausdrucksweisen innerhalb der funktionalen Doktrin der Moderne, die zugleich die Bedürfnisse einer entstehenden Nation berücksichtigten.

Das vielleicht dominanteste Merkmal der lokalen Adaption ist das Verhältnis der Gebäude zur Straße: Die Häuser stehen in ständigem Dialog mit ihrer Umgebung und fördern soziale Interaktionen zwischen ihren Bewohnern und den Passanten. Dies wurde nicht nur durch das erwähnte Bauen auf Pilotis erreicht, sondern auch durch die zahlreichen Balkone, die in Tel Aviv als wesentliche Kommunikationsplattformen zwischen Nachbarn genutzt wurden und als nach außen gelegte Erweiterungen der Wohnzimmer somit vor allem eine soziale Funktion erfüllten. Dem Dialog mit der Straße dienten auch die einzigen vertikalen Fensterelemente in den Häusern, die sogenannten Thermometer-Fenster: Tagsüber ließen sie natürliches Licht ins Treppenhaus, während sie nachts ihrerseits die Straße erhellten.

Wegen ihrer herausragenden kulturellen Bedeutung für die vielfältigen Trends der Architektur und Stadtplanung der Moderne wurde die Weiße Stadt 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Sie gilt heute als das größte zusammenhängende im frühen Internationalen Stil errichtete Architekturensemble. Sie umfasst insgesamt etwa 3700 Gebäude, von denen rund 1000 unter Denkmalschutz und 180 unter erhöhtem Schutz stehen.

Die Erklärung zum Weltkulturerbe führte zur Umsetzung eines einfach klingenden und doch komplexen Instandhaltungsplanes: Da sich die meisten Gebäude in privater Hand befinden, sind die Verordnungen zum Bestandsschutz vor allem darauf ausgelegt, die relativ hohen Erhaltungskosten für die Bewohner bezahlbar zu machen. Dies geschieht, indem man auf den Dächern der denkmalgeschützten Gebäude Baugenehmigungen erteilt, wobei die durch die zusätzliche Wohnfläche erzielten Erlöse eingesetzt werden sollen, um die Renovierungskosten zu decken. Mit anderen Worten: Besitzer denkmalgeschützter Gebäude können die Instandhaltung ihrer Häuser finanzieren, indem sie ihr Haus um mindestens eine Etage aufstocken, die sie anschließend (teuer) vermieten oder verkaufen. In der Praxis können Baugenehmigungen für bis zu drei Etagen erteilt werden. Über die Renovierungsverpflichtung hinaus ist die Erteilung zusätzlicher Baugenehmigungen an weitere Auflagen geknüpft: So sind die Hausbesitzer verpflichtet, die Gebäude durch eine Verstärkung der bestehenden Bausubstanz erdbebensicherer zu machen; außerdem ist ein raketensicherer Schutzraum einzurichten, vorzugsweise in Form eines Schachtes im hinteren Bereich des Gebäudes, der von vorne nicht eingesehen werden kann.

Bei der Planung der Erweiterungsbauten ist die Aufgabe der Architekten alles andere als einfach, müssen sie doch berücksichtigen, dass die Architektur der Moderne den Gebäudeproportionen einen immensen Stellenwert einräumte. Werden die Erweiterungen im gleichen Stil gebaut wie das ursprüngliche Gebäude, drohen die sensiblen horizontalen Proportionen verlorenzugehen. Ein Imitieren des ursprünglichen Stils macht es zudem unmöglich, zwischen Originalgebäude und Erweiterung zu unterscheiden. Werden hingegen alle Erweiterungen in einem abweichenden Architekturstil erbaut, würde diese neuartige "Oberstadt" die historischen Gebäude in den unteren Etagen bald erdrücken. Erschwerend kommt hinzu, dass jedes Haus in Tel Aviv einen einzigartigen Charakter hat – daher ist es wichtig, sowohl die ursprünglichen Proportionen als auch die Position auf dem Grundstück jeweils sorgfältig zu analysieren, ehe man sich an die Gestaltung einer Erweiterung macht.

Das Aufstockungskonzept dürfte bei manchen Denkmalschutzpuristen Stirnrunzeln hervorrufen. Doch die Stadtverwaltung zahlt durchaus einen hohen Preis für den Versuch, den historischen Stadtkern zu schützen, und wehrt sich tapfer gegen den enormen Druck seitens einiger Immobilienriesen, indem sie den Bau von Hochhäusern nur außerhalb des historischen Zentrums zulässt und hohe Kompensationsklagen von Investoren in Kauf nimmt. Die beiden primären Herausforderungen beim Bestandsschutz sind somit einerseits die Bedrohung durch Naturkatastrophen sowie andererseits das Ausloten von Wegen und Mitteln zur Förderung einer positiven Mentalität hinsichtlich des Erhalts des kulturellen Erbes der Weißen Stadt.

2019ff.



In Zusammenarbeit mit der deutschen Bundesregierung rief die Stadt Tel Aviv-Jaffa 2015 das White City Center ins Leben, um das historische Erbe der Weißen Stadt zu pflegen. In einem ganzheitlichen Ansatz wird das Architekturensemble dabei in Verbindung mit allen Ebenen und sozioökonomischen Aspekten der wachsenden Metropole insgesamt gesehen. Das White City Center ist im Max-Liebling-Haus beheimatet, das 1936 von Dov Karmi als typisches Wohnhaus im Herzen der Weißen Stadt erbaut wurde. Es dient als zentrale Anlaufstelle für alle Belange, die mit dem Weltkulturerbe in Verbindung stehen. In ihm sollen in Zukunft ein Informationsraum mit einem kleinen Café und Shop, ein Gemeinschaftsgarten, ein Forschungsbereich, ein Raum für Workshops sowie ein Raum für zeitgenössische Wechselausstellungen Platz finden. Zudem soll ein Residency-Programm aufgelegt werden, in dessen Rahmen Künstlerinnen und Künstler, die sich mit Stadtgestaltung auseinandersetzen, nach Tel Aviv eingeladen werden. Die offizielle Eröffnung des White City Centers soll im September 2019 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Bauhaus-Gründung stattfinden.

Mag es mit dem bestehenden Stadtentwicklungsplan auch zahlreiche Probleme geben, so liefert er doch die richtigen Antworten auf die heutigen Zwänge und Notwendigkeiten. Israel ist ein sehr junger Staat, kaum mehr als 70 Jahre alt, kämpft aber nach wie vor um sein Überleben. Vielen Israelis erscheint der Schutz des kulturellen Erbes, insbesondere der Moderne (die nicht unbedingt jeder ästhetisch ansprechend findet), wie ein Luxus – vor allem in Anbetracht der existenziellen Bedrohung, mit der das Land konfrontiert ist. Nichtsdestotrotz werden mit dem bestehenden Konzept Geddes’ einzigartige Ideen und die Proportionen der modernen Stadt geachtet und gewahrt, während zugleich Erneuerung und Entwicklung möglich sind. Das historische Herz der Stadt ist nicht so privilegiert, dass es einfach ein Museum werden könnte – es muss weiterhin auch als Zentrum der wichtigsten israelischen Großstadt funktionieren.

Übersetzung aus dem Englischen: Peter Beyer, Bonn.
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Autor: Sharon Golan Yaron für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Das Konzept der Gartenstadt geht zurück auf den britischen Stadtplaner Ebenezer Howard, der 1898 in Reaktion auf die durch die Industrialisierung verschlechterten städtischen Wohn- und Lebensbedingungen vorschlug, große Städte durch die Gründung angrenzender neuer Städte auf dem Lande zu entlasten. Diese Gartenstädte sollten großzügig begrünt sein und die Vorteile des Land- und des Stadtlebens miteinander verbinden.
2.
Vgl. hierzu Axel Meier, Das Haavara-Transfer-Abkommen, 18.11.2014, http://www.bpb.de/195259« (Anm. d. Red.).

Sharon Golan Yaron

Zur Person

Sharon Golan Yaron

ist Architektin und Denkmalpflegerin sowie Mitbegründerin und Programmdirektorin des White City Centers Tel Aviv. sharon@whitecitycenter.org


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