zurück 
10.5.2019

Lebensschutzdebatte im Zeitalter der Digitalisierung. Über Schwangerschaft als Gestaltungsprojekt

"Treffe Dein Baby vor der Geburt." Die Aussicht klingt verlockend: Warum sich mit den wenigen kassenärztlich genehmigten Terminen zum pränataldiagnostischen Screening begnügen? Warum nicht öfter, gerne wöchentlich, idealerweise zu jeder Tages- und Nachtzeit und damit je nach Lust und Laune einfach mal nachsehen, ob (noch) "alles in Ordnung" ist? Schließlich gilt eine Schwangerschaft in der westlichen Moderne als etwas, das allenfalls noch rund zwei Mal im Leben eines Menschen vorkommt und entsprechend als biografisch attraktive Ausnahme – als singuläre Sensation – wahrgenommen wird.

Mit dem "Baby Scan" soll dieser vorgebliche Traum werdender Eltern Wirklichkeit werden. Neben dem Scanner in Form eines kleinen länglichen Geräts werden einzig die dazugehörige App plus stabile WLAN-Verbindung benötigt. "Der Baby-Scanner ermöglicht es Schwangeren, zum Vergnügen Ultraschallaufnahmen von ihrem Baby im entspanntem Ambiente ihrer eigenen Wohnung zu machen und so die Entwicklung des Babys in ihrem Bauch zu verfolgen. Die aufgenommenen Bilder können in der Baby-Scan-App gespeichert sowie mit Freunden und Familie geteilt werden", verspricht der Anbieter.[1]

Damit vollendet dieses Produkt, was sich in den zurückliegenden Jahrzehnten immer stärker herauskristallisiert hat: dass die Sichtbarmachung des Ungeborenen zu den am stärksten nachgefragten medialen Praktiken unserer Kultur gehört. Bilder vom Ungeborenen gelten vor allem in westlichen Gesellschaften als ebenso suggestiv-wirkungsvolle wie überzeugend-dokumentierende visuelle Artefakte. Wer eine bildliche Darstellung vom Ungeborenen betrachtet, meint den ersten greifbaren Nachweis eines kommenden Menschen zu erblicken. Folglich scheinen derartige Bilder – jene "virtuellen Schwangerschaften"[2] – das ultimative Zukunftsversprechen abzugeben: Als sei auf ihnen zu sehen, was bald schon sein werde.

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem öffentlichen Design der Schwangerschaft. Folglich wird hier keine "Abtreibungsdebatte" geführt, sondern es werden jene ästhetischen und medialen Praktiken untersucht, die dazu beitragen, dass das Ungeborene mit einem spezifischen Image ausgestattet wird. Als These arbeite ich heraus, dass Digitalisierung in Form der Sozialen Netzwerk- und Kommunikationskultur erheblichen Einfluss auf die Frage ausübt, wie Ungeborene subjektiviert werden und die Schwangerschaft insgesamt semantisiert wird. Abschließend benenne ich schlaglichtartig Leerstellen der aktuellen Debatten um das Recht auf Abtreibung – um dazu beizutragen, dass die (politische) Diskussion um den Lebensschutz die Bedingungen der heutigen Zeit angemessen berücksichtigt.

Technologiekritische Einwände

In ihrem grundlegenden Werk "Der Frauenleib als öffentlicher Ort" setzt sich die Körper- und Wahrnehmungshistorikerin Barbara Duden mit der Frage nach der "Preisgabe des Intimen" auseinander. [3] Im Zentrum steht das Ungeborene als mediales Faszinosum. Dieses wird als ein vor allem visuell entäußertes und damit optisch erfassbares Gegenüber untersucht. Insbesondere in Kampagnen der Lebensschutzbewegung reüssiere das Ungeborene als Werbe- und Indoktrinationsobjekt. "Schamlos" werde es öffentlich "der Schaulust aufgezwungen", mit der Folge, dass die "Wirkweise dieser anatomischen Weltausstellung" kaum zu unterschätzen sei: "Unter dem Bombardement mit Föten", konstatiert Duden, "gibt es immer mehr Schwangere, die sich fragen, wie sie in ihrem Erleben dem Schatten dieser biologischen Abstraktion entgehen können."[4]

Eine dieser gesellschaftlichen Konsequenzen, der man sich nach Dudens Einschätzung nur schwer entziehen könne, bestehe in der Etablierung der "Scheinwirklichkeit ‚Leben‘": Was als körperliches, quasi-menschliches "Würmchen mit dem großen Kopf" in Erscheinung trete, werde als "wissenschaftlich hergestellte Tatsache" ins Bewusstsein gehoben. Erst dadurch erlange es "staatlichen Schutz". Dieses so geschaffene Rechtssubjekt befördere wiederum eine allgemeine "Zustimmung zum verwaltenden Zugriff auf die Frau".[5] Sie erscheine als ihrem eigenen Ungeborenen untergeordnet, richte sich doch der wesentliche Fokus in der Phase der Schwangerschaft weniger auf die Sorgen, Empfindungen und Erlebnisse der Frau als auf die – gesunde – Entwicklung dessen, was sich in ihr vollziehe.

Duden argumentiert aus einer feministischen Position, deren Argumente in einer technologiekritischen Perspektive entwickelt werden. Die mediale Durchleuchtung des Frauenkörpers – insbesondere die Sichtbarmachung des Ungeborenen – wird demzufolge als umfassend entfremdender An- und Eingriff gewertet, der dazu führe, dass das authentische Selbsterleben von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt mit der Erweiterung diagnostischer Instrumentarien verloren gehe. Folglich implementiere der medizinische Apparat mit der ausgreifenden Autorität eines vermeintlichen Mehrwissens ein System "öffentliche[r] Überwachung".[6] "Natur", so schließt Duden, "ist (…) das technisch vermittelte Konstrukt, das [die Frau] sich selbst zuschreibt" – und weiter: "Ein Fötus ‚organisiert‘ sich im mütterlichen Feld. Er ist primär weder Eizelle noch Zygote, weder Embryo noch Kind, sondern ein kybernetischer Zustand". In "diesem zur Wüste gewordenen Inneren der Frau" sei letztlich "jede Sinnlichkeit ausgelöscht".[7]

Duden lancierte ihre Thesen zu Beginn der 1990er Jahre und damit zu einer Zeit, in der Ultraschallverfahren erstmals derart verfeinert wurden, dass auch Laien in den sonografischen Aufnahmen vorgeburtlicher Frühstadien zumindest ungefähre körperliche Konturen entdecken konnten. Zwar gab es bekanntlich weit früher – etwa Mitte der 1960er Jahre durch den Fotografen Lennart Nilsson – zahlreiche Versuche, dem Ungeborenen als körperlich-wesenhafter Sensation auf die Schliche zu kommen, um ihm ein vermeintlich angemessenes, weil massenmedial verbreitbares Bild zu verleihen.

Doch erst später wurde das Screening in der diagnostischen Praxis nicht länger allein der Deutungskraft medizinischer Autoritäten unterstellt; nach und nach resultierte aus ihm eine Art visuelles Allgemeingut: Die Bildchen – jene ästhetischen Mitbringsel von der ärztlichen Reise in den eigenen Uterus – wurden ab den 1990er Jahren zunehmend mit Familie und Freunden geteilt, sie fanden Eingang in Fotoalben und Portemonnaies und nisteten sich damit regelrecht in der Alltagskultur ein.

Dies bedeutete, dass das Ungeborene in Form eines scheinbaren Porträts bereits vor seiner Geburt in das Bildgedächtnis aufgenommen und somit als vollgültiges Mitglied in der Gemeinschaft der Geborenen – und deren Porträts – aufgefasst wurde. Manche sprachen denn auch von "Fetal Galaxies",[8] die mit der weiteren Entwicklung optischer Kontrollgeräte erschlossen und als vorgebliche Bilddokumente in den massenmedialen wie privaten Umlauf gebracht wurden – und damit im Grunde immer weiter popularisierten, was Nilsson mit seinem "Kosmos-Fötus"[9] bereits bildästhetisch gesetzt hatte.


Mediale Vergegenwärtigung

Aktuell entfalten solche Überlegungen neue Brisanz. Schließlich wurden die wesentlichen kultur-, körper-, medien- und sozialwissenschaftlichen Beobachtungen zur allgemeinen Ästhetisierung der Schwangerschaftsphase historisch vor dem Aufkommen der Sozialen Medien formuliert. Dies ist insofern nicht unerheblich, als vor allem bildzentrierte Plattformen im Grunde jeder und jedem die Möglichkeit bieten, nahezu sämtliche Dimensionen der Schwangerschaft und ihre einzelnen Stadien öffentlich – und das heißt: prinzipiell weltweit einsehbar – in Szene zu setzen. Eine Schwangerschaft lässt sich also zumindest potenziell mit allen anderen Menschen teilen und somit zu einer kollektiven kommunikativen Praxis ausweiten. Man könnte sogar davon sprechen, dass sich in den Sozialen Medien nun tatsächlich und massenkompatibel vollzieht, was Duden bereits 2002 als "‚fötale Umgebung‘" beschrieb,[10] als eine technologie-visuelle, mediale Allgegenwart des Pränatalen.

Insbesondere das zum Bild gewordene Ungeborene erlebt auf Plattformen wie Instagram, Tumblr und Flickr unter Hashtags wie #babyscan oder #ultraschall eine bislang ungeahnte Öffentlichkeitskarriere. Millionen Menschen posten Sonogramme, die sie entweder von ärztlichen Ultraschalluntersuchungen mitbringen oder von rein kommerziell arbeitenden Ultraschallstudios erhalten, die teilweise selbst in den Sozialen Netzwerken präsent sind.[11] Solche Studios bieten werdenden Eltern – lange vor Entwicklung eines privathäuslichen "Baby-Scans" – ohne jeglichen medizindiagnostischen Auftrag scheinbare Einblicke in den Uterus. In einer Kultur, in der das Sichtbare zumeist auch als das Beweisbare und damit hinlänglich Identifizierbare ausgelegt wird, bedienen solche Angebote das Bedürfnis nach einem möglichst frühzeitigen "Bonding" mit dem kommenden Kind.

Das Kommende soll bereits pränatal in Sichtbarkeit überführt werden, da diese – technologisch hergestellte und damit künstlich konstruierte – Sichtbarkeit ein Gefühl sozialer Gegenwärtigkeit stiftet. Die Bilder vom Ungeborenen dienen somit einmal mehr der Vergewisserung, es im Bauch der Frau mit einer anthropologisch-wesenhaften Tatsache zu tun haben. Gefeiert werden im Anschluss an solche Termine sogenannte Fötus-Partys, die sich vor allem in den USA steigender Beliebtheit erfreuen: Wie um einen postmodernen Gral versammeln sich Familie und Freunde um die ersten Bilder vom Ungeborenen – was bedeutet, dass gerade nicht der Körper an sich bestaunt wird, sondern dessen bildhaftes Zeichen.

Der Fötus im Netz

Vor diesem Hintergrund ist es nur ein kleiner (medialer) Schritt, diese solcherart visuell und sozial adoptierten Ungeborenen nun auch in die Sozialen Netzwerke einzuspeisen. Dort fungieren sie schließlich als ihre eigenen Ausweismarken, was unter anderem dadurch unterstrichen wird, dass die begleitenden Texte zumeist auch den Namen des "Kindes" nennen, ja diesen – ergänzend zur Nennung des Geschlechts – erstmalig-feierlich öffentlich bekanntgeben.

Da religiöse Glaubensdimensionen in diesem Fall keine oder allenfalls untergeordnete Rollen spielen dürften, ließen sich solche Formen der Namensgebung als profaniert-mediale Taufakte interpretieren: Indem das Bild vom eigenen Ungeborenen mit dem ihm zugedachten Namen belegt wird, findet der präsentierte Körper zugleich Eingang in die Gemeinschaft all jener, die sich als bereits zugehörig zu dieser und jener Plattform erwiesen haben. Das digital child wird paradoxerweise bereits vorgeburtlich geboren, sodass auf Ebenen der medialen Repräsentation und sozialen Eingliederung die Grenze zwischen Prä- und Postnatalität aufweicht: "Children’s social media presence often begins before birth as parents share ultrasounds images to announce the imminent arrival of a baby, and the joys of early childhood are often shared on Facebook, Instagram, Flickr and elsewhere."[12]

Bild- und medienethisch – und womöglich auch aus juristischer Perspektive – betrachtet, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Recht am eigenen Bild: Wem gehören Bilder, die "jemanden" zu zeigen scheinen, der möglicherweise – je nach Ausgestaltung der Fristenregelung – zwar schon als eigenständiges Rechtssubjekt gilt und trotzdem noch nicht geboren wurde? Die abertausenden Sonogramme auf Instagram fungieren im besten Sinne als Vor-Bilder: Sie gehen den Körpern voraus, sodass die Bilder als ästhetische Objekte auf jene Körper gewissermaßen "warten", die auf ihnen selbst gezeigt werden. So kann es passieren, dass man als heutiger frischgeborener Mensch auf seine eigene Bildkarriere in den Sozialen Medien stößt – und man somit bereits Bestandteil eines global agierenden Kommunikationsnetzwerkes geworden ist. Die eigene Geburt bedeutet demnach, Bildern jene physische Entsprechung nachzureichen, die in der bildlichen Darstellung behauptet wird.

Wo dereinst Bilder unter dem Verdacht standen, die Wirklichkeit immer nur unvollständig oder gar bewusst verfälschend wiederzugeben, wird heute von Körpern erwartet, den Vorgaben der Bilder zu entsprechen. Die weitere Entwicklung dieser Trends scheint vorgezeichnet – zumindest wenn es nach Auffassung einer thematisch prägnanten Illustration geht, die die Kulturwissenschaftlerin Deborah Lupton in ihrem Buch zur sozialen Funktion ungeborener Körper schildert: "This trend was lampooned by a cartoon in the New Yorker magazine appearing in December 2012, which showed a pregnant woman undergoing an ultrasound in a medical setting. The foetal ultrasound image on the screen was accompanied by the options to share it on Facebook, Twitter or YouTube."[13]


Porträtvergleich

Dass ein geborener Körper heute jenen Vorgaben nachkommen soll, die durch die Bilder seines vorgeburtlichen Stadiums bereits vorgezeichnet scheinen, belegt eine weitere Darstellungspraxis, die wiederum vor allem auf Instagram zu verfolgen ist. Dabei werden – typischerweise in Leserichtung geordnet und somit ein Vorher-Nachher suggerierend – eine dreidimensionale Ultraschallaufnahme mit einem der ersten Fotoporträts des jeweiligen Kindes parallelisiert.[14]

Grundlage dieser Inszenierungspraxis ist die Faszination, die 3D-Ultraschallaufnahmen offenbar auslösen. Obwohl die medizindiagnostischen Zusatzfunktionen solcher Verfahren im Vergleich mit zweidimensionalen Schnittbildern nicht eindeutig und entsprechend umstritten sind, sprechen gerade Laien diesen Darstellungen eine gesteigerte Abbildgenauigkeit im Sinne einer zusätzlich erhöhten visuellen Verlässlichkeit zu – mit der nicht unerheblichen Folge, dass die suggestiv-emotionale Wirkung wiederum dem ärztlichen Handeln dienlich wird, wie einem Lehrbuch zum Ultraschalleinsatz in Gynäkologie und Geburtshilfe zu entnehmen ist: "Psychologisch betrachtet, übt der 3D-Ultraschall in der Geburtshilfe auf Schwangere eine hohe Anziehungskraft aus. Die positive Wahrnehmung des Kindes wird durch seine Anwendung gesteigert, die Anspannung gesenkt und die Bereitschaft gefördert, mit schwangerschaftsinduzierenden Störungen besser zurechtzukommen."[15]

Der Porträtvergleich gibt denn auch Auskunft über all jene sozialen, familiären und gewiss auch persönlichen Hoffnungen, die auf 3D-Darstellungen projiziert werden: Das Kind erscheint durch sie als nochmals stärker vergegenwärtigt, es wirkt ungleich greifbarer und damit als Wesen fassbar – und dies, obwohl die allermeisten dieser Darstellungen nach wie vor einem teig- oder lehmartigen, eher mühevoll denn gekonnt zu gesichtsähnlichen Konturen geformten Klumpen entsprechen. Die physiognomische Schrulligkeit wird jedoch kaum einmal als verstörend oder irritierend deklariert, vielmehr kennzeichnet man die Sonografie-Fotografie-Diptychons mit #similarlook, #beforeandafter oder schlicht #amazing. Dies mag unterstreichen, wie sehr vermeintliche Ähnlichkeitsmerkmale ins Auge fallen (sollen) und wie insgesamt ästhetisch verführerisch der Reiz dieser visuellen Arrangements interpretiert wird.

Damit aber vollzieht sich in den Sozialen Medien lediglich, was auch in Schwangerschaftsratgebern und entsprechenden Zeitschriften ebenso breit wie euphorisch gestimmt ausgeführt wird. Dort nämlich existiert eine regelrechte Bekenntniskultur zum Ultraschall. Artikel, Ratschläge und interviewte Paare berichten im Tonfall trunkener Freude davon, wie die Begegnung mit dem eigenen Kind via Ultraschall-Bildschirm Identifikations- und sogar bislang ungeahnte Initiationserlebnisse auslösen könne. So wird beispielsweise "Thomas P., 28" in einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit den in diesem Zusammenhang geradewegs prototypischen Worten zitiert: "Als ich das erste Ultraschallbild sah, fühlte ich zum ersten Mal, dass dieses Wesen da im Bauch meiner Freundin auch ein Teil von mir war."[16]

Folglich wird suggeriert, dass das Bild nicht nur den emotionalen Brückenschlag zum Ungeborenen im Bauch der Freundin ermöglichen kann, sondern ebenso den Schlüssel zum eigenen Rollenverständnis zu liefern vermöge. Das Anblicken des Bildes wird zur Erstbegegnung zweier Personen, zum Blind Date zwischen Vater und Kind überhöht. Damit wird deutlich, dass die rhetorische Versinnlichung des Ultraschalls auf einer grundsätzlich bildanimistischen, beinahe okkulten Vorstellung aufbaut: Durch das Bild selbst möge eine Verbindung herzustellen sein, deren verlebendigende Wirkung ohne das Bild nie möglich gewesen wäre.


Körper zeigen

Diese inzwischen millionenfache Repräsentation ungeborener Körper in den Sozialen Medien ist freilich nicht isoliert zu betrachten; schließlich gliedert sie sich in eine breite Medienkultur physischer Selbstdarstellungen und deren stilistische Verbesserungen ein: "Ganz nach den Maximen der Selbstoptimierung scheint (…) die Liebe zum eigenen Körper zugleich mit Arbeit einherzugehen; die ‚Leinwand‘ Körper muss kreativ bearbeitet werden",[17] beobachtet die Geschlechtersoziologin Käthe von Bose mit Blick auf die Rolle, die dem expliziten Zeigen von Körpern insbesondere auf Instagram zugesprochen wird.

Wünsche nach körperästhetischer Optimierung manifestieren sich allerdings weniger in der Veröffentlichung von Ultraschallaufnahmen als in der – ebenfalls millionenfachen – öffentlichen Darstellung schwangerer Körper. Gleichwohl sind auch sie nicht entkoppelt von benachbarten Phänomenen zu betrachten. Vielmehr sind nahezu alle Körperdarstellungen innerhalb der Sozialen Medien in kommunikative Akte eingebettet. Mit dem Zeigen des jeweils eigenen Körpers wird in der Regel auf bereits gezeigte Körper reagiert mit dem Ziel, wiederum andere zu textlichen oder bildlichen Reaktionen herauszufordern.

So schließen sich die schwangeren Einzelkörper zu einem techno-medialen Hybrid zusammen, bei dem nicht mehr eindeutig anzugeben ist, wo die Grenze zwischen individuellen Gestaltungsvorstellungen und kollektiv ausgehandelten, ästhetischen Normen verläuft: "Einerseits fungieren sie als Träger für die symbolischen und virtuellen Körper der Bilder, andererseits schreiben sie sich selbst in menschliche Körper ein und verändern diese",[18] so die Beobachtung der Kultur- und Medienwissenschaftlerin Katja Gunkel. Bedauerlicherweise wird gerade dieser Umstand nach wie vor und mehrheitlich unter kulturkritischen Gesichtspunkten diskutiert. Dabei wird meist von einem körperästhetischen Machtgefälle – von idealisierten Körper-Siegen und realweltlichen Körper-Niederlagen – ausgegangen: "Die Grundannahme der meisten Studien zu Medien und Körperbild beruht auf der Theorie des sozialen Vergleichs (…), also dem Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen, um eine adäquate Selbsteinschätzung treffen zu können", fasst die Ernährungswissenschaftlerin Eva-Maria Endres zusammen. Und weiter: "Wer realistische Informationen über sich selbst gewinnen will, vergleicht sich mit Gleichgestellten. Da in den Medien aber häufiger Celebrities oder beschönigte Körperbilder, die in der Realität nicht existieren, dargestellt werden, entsteht ein Gefühl der Unterlegenheit."[19]

Solche Einschätzungen reduzieren das Moment des Vergleichens auf die Frage nach dem Erreichen einer Überlegenheit – wobei diese strikt negativ gewertet wird: Dem Gefühl der Überlegenheit stehe doch immer auch der Eindruck eines Defizits – eines schandhaften Makels – gegenüber. Und tatsächlich scheint es, als sei gerade das Thema der öffentlich präsentierten Schwangerschaft in besonderer Weise in solche Wertungskategorien eingespannt. Wenn schwangere Frauen ihre Bäuche auf Instagram wie als Beweise des Erreichens der anderen Umstände zur Darstellung bringen und sich dafür in Demi-Moore-ähnliche Posen[20] werfen, geht es zumeist auch darum, einen Leistungsnachweis abzulegen: Die sichtbaren Anzeichen der Schwangerschaft sollen mit den ebenso sichtbaren Zeichen einer beibehaltenen Fitness – mit der Schlankheit des übrigen Körpers – in spannungsvolle Kombination gebracht werden.[21]

Damit aber erweist sich das Schwangergehen zumindest im Feld seiner medialen Sichtbarkeit in der Tat als körperästhetisches Design-Projekt. Die Arbeit am After-Baby-Body beginnt bereits während der Schwangerschaft. Die damit verbundene ästhetische Logik ist zweifellos in einem wechselseitigen, kollektiven Kontrollverfahren fundiert: Spekuliert wird auf zustimmende Bekundungen der anderen, die lobend die angebliche Disziplin und demonstrierte Willensstärke der werdenden Mutter erwähnen, wie die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout jüngst herausgearbeitet hat: "Der Hashtag #afterbabybody richtet sich nicht an die lässig-entspannte Mutter, der es egal ist, ob sie einen straffen Bauch hat, sondern an die motivierte sportliche Mutter, die durch Vergleiche mit anderen einen Ansporn sucht, ihr Idealgewicht zu erreichen."[22]

Die in dieser Weise auf Instagram ausagierte Schwangerschaft ermöglicht somit die Vereinigung gleich mehrerer sozialer Bedürfnisse: Einerseits kann ein starkes Zukunftssignal gesendet werden, was umso effektvoller ist, da die Kommunikationspraktiken der allermeisten Sozialen Netzwerke einzig auf das Hier und Jetzt beschränkt bleiben und kaum auf andere Zeitdimensionen verweisen. Andererseits kann mit solchen Schwangerschaftsdarstellungen dem eigenen Körper- und Selbstbild Geltung verschafft werden: Fürsorge ist nun etwas, das sich nicht nur auf das Werden des Ungeborenen richtet, sondern das zugleich gegenüber dem eigenen Körper unter Beweis gestellt wird.

Schwächen und Chancen aktueller Abtreibungsdebatten

Wenn heute Diskussionen um den Lebensstatus des Ungeborenen geführt werden, kommen diese Debatten sinnvollerweise nicht mehr ohne dezidierte Beachtung der ästhetisch ausformulierten Schwangerschaftspraktiken aus. Denn vor allem durch die mediale Repräsentation in den Sozialen Medien wird Schwangerschaft als umfassendes Körperprojekt inszeniert und entsprechend semantisch angeeignet. Man mag solche Phänomene ausklammern und als modische Zeitgeisterscheinungen marginalisieren. Dann aber bleibt unberücksichtigt, dass in den Sozialen Medien sowohl das als Bild scheinbar präsente – und somit als Subjekt erfasste – Ungeborene als auch die Frau, die ihre Schwangerschaft als Phase wie Mittel der Selbstgestaltung begreift, kulturelle Bedeutungen entfaltet haben.

Umgekehrt böten gerade diese Praktiken Anlass zur Schärfung einer kritischen Haltung. Denn wenn das Ungeborene zum Star kollektiver Zukunftshoffnungen aufsteigt und diese Karriere wesentlich durch Bilder vom Ungeborenen initiiert ist, müsste eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Abtreibungsfrage zugleich als Bilder- und Medienfrage verhandelt werden. Wer sich heute allein auf physische und physiologische Dimensionen bezieht – und allenfalls noch Glaubenssätze berücksichtigt –, wird kaum zu einer ethisch oder moralisch belastbaren Auffassung gelangen. Die Wirklichkeit der pränatalen Bildkultur ist gesellschaftlich bedeutungstragend geworden. Sie muss umfassend und viel genauer untersucht und ausgewertet werden, als bislang geschehen. Erst dann wird ersichtlich, wie tief greifend visuelle und kommunikative Praktiken im Zeitalter der Digitalisierung dazu beitragen, Auffassungen von Leben, Lebensbeginn, Lebenswerten und Gestaltungen des Lebens zu prägen.

Neben den Slogan "Mein Bauch gehört mir" ist die Auffassung "Die Bilder meines Bauches und meines Ungeborenen gehören mir" getreten. Das Moment der Selbstbestimmung hat sich – wenn man so will – auf mediale Zusammenhänge ausgedehnt. Selbstbestimmung bedeutet gerade mit Blick auf die Subjektivierung und Individualisierung des Ungeborenen auch, es durch seine Bilder anzueignen – und zugleich den Körper der Frau diesem Ungeborenen nicht länger unterzuordnen. Die beiderseitige (visuelle) Inszenierung wird in den Sozialen Medien als Instrument der Selbstentfaltung und damit als ein Zurückdrängen systemischer Fremdbestimmung wahrgenommen. Solange diese Aspekte keinen Eingang in die Abtreibungsdebatte finden, bleibt sie hinter den Erfordernissen der heutigen Zeit zurück.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Daniel Hornuff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
http://www.baby-scan.com/Home/FrequentlyAskedQuestions«. Siehe auch https://twitter.com/baby_scan_«.
2.
Barbara Orland, Virtuelle Schwangerschaften. Eine Mediengeschichte aktueller Formate pränataler Bildgebung, in: Zeitenblicke 3/2008, http://www.zeitenblicke.de/2008/3/orland«.
3.
Barbara Duden, Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Mißbrauch des Begriffs Leben, München 1994, S. 67.
4.
Ebd.
5.
Ebd., S. 66.
6.
Ebd., S. 121.
7.
Ebd., S. 141.
8.
Meredith W. Michaels, Fetal Galaxies: Some Questions About What We See, in: dies./Lynn M. Morgan (Hrsg.), Fetal Subjects, Feminist Positions, Philadelphia 1999, S. 113–132.
9.
Verena Krieger, Der Kosmos-Fötus. Neue Schwangerschaftsästhetik und die Elimination der Frau, in: Feministische Studien 2/1995, S. 8–24. Krieger setzt sich kritisch mit der populärkulturellen Sichtbarmachung des Ungeborenen auseinander und arbeitet das damit einhergehende wahrnehmungstheoretische Paradoxon heraus: "Ein Fötus tritt (…) ans Licht der Welt. Denn die Welt hat ein Licht auf ihn geworfen, noch bevor er als Mensch zur ebensolchen kommen wird", in: ebd., S. 8.
10.
Barbara Duden, Die Gene im Kopf – der Fötus im Bauch. Historisches zum Frauenkörper, Hannover 2002, S. 91.
11.
Siehe als Beispiel https://twitter.com/windowtothewomb«.
12.
Sean McBlain/Jill Dunn/Ian Luke, Contemporary Childhood, London 2017, S. 171.
13.
Deborah Lupton, The Social Worlds of the Unborn, London 2013, S. 42.
14.
Ein Beispiel ist hier zu finden: http://www.instagram.com/p/BvXZchjnltk«.
15.
Alexander Scharf/Christof Sohn, Dreidimensionale Ultraschalldarstellung und andere neue Technologien in Gynäkologie und Geburtshilfe, in: Christof Sohn/Sevgi Tercanli/Wolfgang Holzgreve (Hrsg.), Ultraschall in Gynäkologie und Geburtshilfe, Stuttgart 20032, S. 782–816, hier S. 800.
16.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Schwangerschaft. Ich bin dabei! Vater werden, Köln 2007, S. 11.
17.
Käthe von Bose, "Mit Liebe handgemacht". Nachhaltige Do-It-Yourself-Mode als körperlich-affektive Geschlechterpraxis, in: dies. et al. (Hrsg.), Körper, Materialitäten, Technologien, Paderborn 2018, S. 197–214, hier S. 206.
18.
Katja Gunkel, Der Instagram-Effekt. Wie ikonische Kommunikation in den Social Media unsere visuelle Kultur prägt, Bielefeld 2018, S. 28.
19.
Eva-Maria Endres, Ernährung in den Sozialen Medien. Inszenierung, Demokratisierung, Trivialisierung, Wiesbaden 2018, S. 83.
20.
Siehe http://www.vanityfair.com/news/2011/08/demi-moore-201108«.
21.
Eines von vielen Beispielen ist zu finden unter http://www.instagram.com/p/Batw4BQA_1i«.
22.
Annekathrin Kohout, Netzfeminismus, Berlin 2019, S. 67f.

Daniel Hornuff

Zur Person

Daniel Hornuff

hat zum Thema "Pränatalismus. Figuren des Ungeborenen und die Kultur der Schwangerschaft" habilitiert und ist zurzeit Vertretungsprofessor für Theorie und Praxis der Gestaltung an der Kunsthochschule in der Universität Kassel. http://www.daniel-hornuff.de«


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln