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12.7.2019

Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion

Frisch ins Amt gewählt, hielt US-Präsident John F. Kennedy am 25. Mai 1961 eine alarmierende Rede vor beiden Häusern des Kongresses in Washington. Sie war angekündigt als "Special Message to the Congress on Urgent National Needs" und begann mit den Worten: "These are extraordinary times. And we face an extraordinary challenge. (…) The adversaries of freedom plan to consolidate their territory – to exploit, to control, and finally to destroy the hopes of the world’s newest nations (…). It is a contest of will and purpose as well as force and violence – a battle for minds and souls as well as lives and territory."[1] Seine Wortwahl war an Dramatik kaum zu überbieten, doch worauf bezog sich Kennedy?

Im Zentrum seiner emotionalen Rede standen der Kalte Krieg und die Sowjetunion, von denen Letztere mit ihren bahnbrechenden Erfolgen in der Raumfahrt, aber auch in weiteren Bereichen der Wissenschaft und Technik, die Weltgemeinschaft seit Ende der 1950er Jahre in Staunen versetzt hatte. Gerade in der Systemkonfrontation, dem erbitterten Kampf um das "bessere" Gesellschaftssystem, und im damals anlaufenden Prozess der Dekolonisierung vermochte die UdSSR mit ihren beeindruckenden Leistungen viele junge Staaten des globalen Südens für sich und das kommunistische Gesellschaftsmodell zu begeistern.[2] Dieser "kommunistischen Flutwelle", die sich langsam über den Globus ausbreite, müssten die Vereinigten Staaten als Verteidiger der Demokratie und Freiheit dringend Einhalt gebieten, so Kennedy. Neben Ausführungen zu geplanten propagandistischen, wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen nahm ein Projekt einen hervorgehobenen Rang in Kennedys Rede ein: die Raumfahrt. Er beschwor den Kongress: "If we are to win the battle that is now going on around the world between freedom and tyranny, the dramatic achievements in space which occurred in recent weeks should have made clear to us all, as did the Sputnik in 1957, the impact of this adventure on the minds of men everywhere, who are attempting to make a determination of which road they should take. (…) Now it is time (…) for this nation to take a clearly leading role in space achievement, which in many ways may hold the key to our future on Earth."[3]

Die Eroberung des Weltalls wurde als entscheidend für die Gegenwart und Zukunft der Menschheit dargestellt und der Kalte Krieg kurzerhand zu einem "Ersatzkrieg im Weltraum".[4] Auf die zitierten Ausführungen folgte Kennedys berühmte Ankündigung, innerhalb einer Dekade einen US-Amerikaner auf den Mond zu schicken und ihn unversehrt wieder zurückzubringen. Die Dramatik der Rede hatte ihre Ursache also in den welthistorischen Raumfahrterfolgen der Sowjetunion, die das eigene US-amerikanische Selbstverständnis als global führende Techniknation, aber auch als Weltmacht, in seinen Grundfesten erschüttert hatten.


Wettlauf ins All



In eine tiefe Krise gestürzt waren die Vereinigten Staaten nach dem erfolgreichen Testflug der ersten sowjetischen Interkontinentalrakete im August 1957 und den darauffolgenden Erdumrundungen des ersten künstlichen Erdtrabanten im Oktober 1957. Die Welt hielt den Atem an, als am 4. Oktober 1957 eine sowjetische Trägerrakete überraschend den ersten Satelliten namens Sputnik in den Orbit schoss und nur einen Monat später eine zweite Trägerrakete mit der Hündin Laika das erste Lebewesen in eine Erdumlaufbahn katapultierte. Denn der Sowjetunion war in jenen Herbsttagen 1957 etwas gelungen, wovon die Menschheit bisher nur geträumt hatte: Sie hatte die Grenzen des Himmels durchbrochen – und damit den erbitterten Wettstreit der Systeme vorerst für sich entscheiden können. Es war egal, dass Sputnik lediglich ein monotones, schrilles Funksignal von sich geben konnte oder Laika bereits kurz nach dem Start einen qualvollen Hitzetod im All erleiden musste. Die Tatsache, dass die Sowjetunion nur zwölf Jahre nach ihren verheerenden Verlusten im Zweiten Weltkrieg das technische Knowhow und die interkontinentalen Langstreckenraketen für ein solches Unterfangen besaß, war eine Weltsensation.

Dieser Meilenstein der Technikgeschichte, der das Raumfahrtzeitalter einläutete, ging im Westen als "Sputnikschock" in die Geschichtsbücher ein.[5] Doch der Sputnik war bei genauerem Hinsehen nicht dermaßen unerwartet, wie bis heute kolportiert. Zwar stellte der erste künstliche Erdtrabant für das breite Publikum in der Tat eine große Überraschung dar. Doch sowohl für westliche Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als auch für gut informierte Laien hatte es in der internationalen Presse schon im Vorfeld zahlreiche Hinweise auf einen baldigen Satellitenstart gegeben, etwa sowjetische Agenturmeldungen über die geplante Umlaufhöhe und die exakten Radiofrequenzen, auf denen das Piepsen des Satelliten zu empfangen sein würde.

Die (Vor-)Geschichte des ersten Sputnik hatte bereits 1952 begonnen, als der International Council of Scientific Unions (ICSU) beschloss, vom 1. Juli 1957 bis zum 31. Dezember 1958 ein "Internationales Geophysikalisches Jahr" auszurichten. Dieses Unterfangen sollte zur größten internationalen Wissenschaftskooperation der damaligen Zeit werden und nichts weniger als die geophysikalische Erforschung und Neuvermessung der Erde bezwecken.[6] Das Organisationskomitee hatte im Vorfeld die beiden Supermächte aufgefordert, erste Satelliten zur Erforschung der oberen Erdatmosphäre und der kosmischen Strahlung zu konstruieren und in eine Erdumlaufbahn zu bringen. Beide hatten daraufhin Satellitenpläne angekündigt, nur der Zeitpunkt ihrer Umsetzung blieb unklar.

Die unerwartet rasche Umsetzung auf sowjetischer Seite erschütterte besonders die USA, wurde damit doch deutlich, dass die Vereinigten Staaten den Erfolgen des bis dahin als rückständig eingeschätzten russischen Raumfahrtprogramms nur wenig entgegenzusetzen vermochten. Der erste US-amerikanische Satellitenversuch ging als "Kaputnik" und schmachvoller "Flopnik" in die Medienberichterstattung ein. Als der amerikanische Erdtrabant "Explorer" am 31. Januar 1958 schließlich erfolgreich in den Orbit gelangte, gaben ihm ostdeutsche Beobachter gelangweilt und hämisch den Übernamen "Spätnik".[7]

Bevor die 1958 eigens als Antwort auf den sowjetischen Sputnik gegründete National Aeronautics and Space Administration (NASA) auch nur einen kleinen Etappensieg für sich verbuchen konnte, gelang es dem sowjetischen Kontrahenten, mit einer ganzen Reihe an neuen space firsts die Welt in Staunen zu versetzen. Dazu zählten etwa die erste Sonde auf dem Mond (Luna 2) sowie die ersten Fotografien von der bislang unbekannten Rückseite des Mondes (Luna 3) 1959. Am 12. April 1961 flog schließlich der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in Vostok 1 als erster Mann ins All. Sein Kosmosflug ging in die Weltgeschichte ein, und auch heutzutage zählt Gagarin zu den wenigen Helden der Sowjetunion, an die man sich weltweit noch erinnert.

Die USA konnten den ersten erfolgreichen Flug eines Sowjetmenschen ins All und den technischen, geostrategischen und propagandistischen Triumph der UdSSR 1961 einmal mehr kaum kontern. Am 5. Mai 1961 gelang es zwar, den Astronauten Alan Shepard in Freedom 7 ins All zu schicken, doch dieser wie auch Gus Grissoms Flug am 21. Juli 1961 in Liberty Bell 7 galten technisch beide nicht als ordentliche orbitale Weltraumflüge. Es war in diesem historischen Kontext, dass Kennedy im Frühsommer 1961 seine eingangs zitierte Rede vor dem amerikanischen Kongress hielt. In Anbetracht der Unmöglichkeit, die Sowjetunion in diesem space race einzuholen, geschweige denn sie zu überholen, musste seitens der Vereinigten Staaten ein Projekt her, dass in seiner technischen Machbarkeit heldenhaft und utopisch anmutete. Der kleine, für Menschenaugen sichtbare Erdtrabant schien hierfür wie prädestiniert. So wurde das Projekt vom ersten Mann auf dem Mond zum neuen Fluchtpunkt aller US-amerikanischen Raumfahrtanstrengungen.


Kulturhistorische Wurzeln der Sowjetraumfahrt



Charakteristisch für die Vereinigten Staaten war, die gesamte Raumfahrtgeschichte als ein erbittertes Rennen, einen Wettkampf zwischen zwei verfeindeten Kontrahenten zu sehen und sie damit vollständig und einseitig in den Kontext des Kalten Krieges einzubetten. In der Sowjetunion jedoch lag die Hinwendung zum Kosmos und zur Raumfahrt historisch viel weiter zurück und speiste sich aus einer Vielzahl faszinierender Quellen.

Philosophisch verwurzelt im 19. Jahrhundert, erhielten Ideen zum menschlichen Ausgreifen ins All gerade in der Zeit der Russischen Revolution von 1917 ungekannten Auftrieb.[8] Die Revolution und die darauffolgenden Jahre markierten eine Hochzeit überschießender utopischer Projekte und deutlich "raumübergreifender" Visionen. Viele Revolutionärinnen und Revolutionäre waren überzeugt, dass die Revolution nicht auf Russland beschränkt bleiben, sondern dass der Aufruf "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" einen "roten Weltsturm" auslösen und schließlich zu einer allumfassenden Weltrevolution führen werde, die den gesamten Planeten von Grund auf verändern würde.

In diesem Zusammenhang wurde der Planet Erde in seiner ganzen welträumlichen Dimension ein wichtiges Element in der Bildsprache der ersten bolschewistischen Propagandaplakate.[9] Man ging davon aus, dass der sozialistische Neue Mensch sich in der zu errichtenden Welt von jeglicher Unterdrückung und Eingrenzung befreien werde. Die Weltrevolution als grenzüberschreitendes, transnationales Moment von welthistorischer Bedeutung werde, so hoffte man, sämtliche nationalen, ethnischen, religiösen und sozialen Grenzen niederreißen, ferne Kontinente zusammenwachsen lassen und schließlich die gesamte Erde zu einem "roten Planeten" umgestalten.

Doch die visuelle Kultur jener frühen Revolutionsjahre brachte nicht nur Hunderte von Plakatvariationen des Globus in Rot, in Ketten, mit titanenhaften Arbeitern, mit Lenin und Besen hervor. Die welthistorische Semantik und Befreiungsmetaphorik der bolschewistischen Bildsprache schoss immer wieder weit über die Weltkugel hinaus und bediente sich des Repertoires des Kosmos. Denn die vollständige Befreiung und totale Entgrenzung des Neuen Menschen würde im Endeffekt bedeuten, dass er über kurz oder lang nicht mehr nur an sein irdisches Dasein gebunden sein, sondern den Himmel erstürmen und schließlich sogar das Weltall erobern werde. Für diesen spezifisch sowjetischen šturm neba – den titanenhaften Himmelssturm – lässt sich kein US-amerikanisches oder westeuropäisches Pendant finden. Es handelte sich um eine grundlegend neue Sichtweise auf die Welt und den Kosmos.

Im revolutionären Himmelssturm schlummerten auch atheistische Vorstellungen von der Entsakralisierung und Säkularisierung des Himmels. Mit vereinten Kräften würde es gelingen, den bislang unberührten, sakralen Himmelsraum zu erobern und sich so den Weg zur Selbstperfektion und Selbstvergöttlichung zu bahnen. Der schwärmerische Ausblick auf den Kosmos suggerierte, dass mit der bevorstehenden "letzten Entscheidungsschlacht" der endgültige Sieg über die Erde errungen sein werde und man bald schon – nach einer letzten gemeinsamen Anstrengung – weiter in neue galaktische Sphären fortschreiten könne. Der Blick in die vielverheißende kosmische Zukunft sollte die zeitgenössischen Entbehrungen, die durch Bürgerkrieg, Hunger und Versorgungsknappheit entstanden waren, erträglicher machen (Abbildung 1).[10]

Abbildung 1: Plakat "Bald wird das ganze Universum uns gehören", Leonid V. Sajanskij, 1919. Ein Arbeiter weist einem Bauern den Weg in den Kosmos. Plakat der Organisation UralROSTA. (© www.russianposter.ru)


Eine Begeisterung für den Kosmos und das Ausgreifen in bisher unbekannte und ungekannte Sphären erfasste nach der Revolution nicht nur die bolschewistische Plakatkunst, sondern ganz unterschiedliche Kreise der Bevölkerung. Werke der künstlerischen Avantgarde in Literatur, Film und Architektur kreisten häufig programmatisch um den Kosmos.[11] Besonders bekannt wurden die Schwerelosigkeit der fliegenden Objekte in Bildern von Kasimir Malewitsch, El Lissitzky und Alexander Rodtschenko oder die fliegenden Städte von Georgi Krutikow. Populär gemacht hatte das Raumfahrtthema bereits Alexander Bogdanow mit seinen Science-Fiction-Romanen "Der rote Stern" (1908) und "Ingenieur Menni" (1912). Die aufwendige Verfilmung des Marsromans "Aelita" (1922/23) von Alexei Tolstoi erlangte besondere Berühmtheit.


Roter Stern



Sowohl bei Bogdanow als auch bei Tolstoi war die Wahl des Planeten Mars keineswegs zufällig. Die aufsehenerregende Entdeckung der sogenannten Marskanäle und die Publikation detailliert gezeichneter erdähnlicher Marskarten seit den 1870er Jahren hatten international zu einem Jahrzehnte anhaltenden Marsfieber geführt. Gleichzeitig ließ sich mit der semantischen Bedeutung dieses Planeten als "rotem Stern" spielerisch umgehen. Unter den Bolschewiki wurde das rote Pentagramm schließlich zum heilsbringenden Fixstern und bis 1991 zum wichtigsten Signet der Sowjetmacht (Abbildung 2). Dabei entwickelte sich der rote Stern nach der Oktoberrevolution nur schrittweise zu jenem wirkungsvollen und einprägsamen Sinnbild. Bis heute sind der Ursprung und die genaue Urheberschaft dieses zentralen kosmischen Sowjetsignets vollständig unbekannt. Eingeführt wurde der fünfzackige rote Stern am 19. April 1918 als Kenn- und Abzeichen für die Soldaten der damals aus Freiwilligen bestehenden "Roten Arbeiter- und Bauern-Armee" (RKKA). Kurz darauf verbreitete sich das kosmische Zeichen in Lichtgeschwindigkeit und entwickelte sich zu dem visuellen Repräsentanten der Sowjetmacht. Seine Eigenschaft, das "szientifisch-utopische Selbstverständnis" der Revolutionäre zu treffen und zugleich eine Deutung in "religiös-magischen, populären Begriffen"[12] zu ermöglichen, mag zur steilen Karriere des Sterns beigetragen haben.

Abbildung 2: Plakat "Weihnachten", Dmitrij S. Moor, 1921. Während die alten reaktionären Mächte über die Opfer der Geschichte hinweg dem Stern von Bethlehem folgen, marschieren die jungen Anhängerinnen und Anhänger der Sowjetmacht dem Roten Stern und einer verheißungsvollen kommunistischen Zukunft entgegen. (© www.russianposter.ru)


Mit dem roten Stern, respektive dem roten Planeten Mars, der Sonne als Sinnbild für Aufklärung und eine lichte Zukunft sowie Saturn und Mond fanden gleich mehrere Himmelsgestirne Eingang in die transplanetare Weltanschauung der Bolschewiki. In dem Traum von neuen Horizonten und der Faszination für das menschliche Ausgreifen in den Kosmos äußerten sich zudem eine ungebremste Begeisterung für Technik und Wissenschaft sowie der Glaube an den Imperativ des Fortschritts – hier auch im Sinne eines kontinuierlichen Fortschreitens. Hinter dem Interesse an der Entwicklung neuester Technologien, das sich in der frühen Sowjetunion bald in einen regelrechten Maschinen- und Technikkult wandeln sollte, stand die erklärte Absicht, den Menschen nun tatsächlich aus alten Abhängigkeiten und dem beengenden Korsett der Natur zu befreien. Der Schriftsteller Maxim Gorki fasste in einem Vortrag im März 1920 die künftigen Fähigkeiten des sozialistischen Neuen Menschen folgendermaßen zusammen: "Arbeit und Wissen besiegen alles (…). Zweifellos wird eine Zeit kommen, da der Mensch Herr über die Natur sein wird und ein solcher Wundertäter, dass es für ihn keinerlei Hindernisse mehr geben wird. Vielleicht wird er auch die interplanetaren Räume erobern."[13]

Ziolkowski und der Kosmismus



Wurzeln dieses Denkens finden sich im russischen Kosmismus, zu dessen Vertretern neben dem Philosophen Nikolai Fjodorow auch der Forscher Konstantin Ziolkowski gehörte, der als "Großvater" des sowjetischen Raumfahrtprogramms in die Geschichte eingehen sollte. Gerade um den Raketenpionier Ziolkowski entwickelte sich im Verlauf der 1920er Jahre ein regelrechter Kult. Er experimentierte mit einem selbstgebauten Windkanal – dem ersten in Russland –, befasste sich mit der Entwicklung des Rückstoßantriebs, entwarf mehrstufige Raketen mit Flüssigtreibstoff und zeichnete Pläne für künftige bemannte Raumstationen. Oft musste er feststellen, dass seine Erfindungen bereits Jahre zuvor von anderen Wissenschaftlern gemacht worden waren; andere, wie die "Ziolkowski-Gleichung", mit der sich die Endgeschwindigkeit einer Rakete errechnen lässt, waren hingegen bahnbrechend. Um seine kosmischen Visionen zu popularisieren, schrieb er phantastische Erzählungen; am bekanntesten wurde sein 1920 erstmals vollständig publizierter Roman "Außerhalb der Erde". In seiner 1903 verfassten und mehrmals erweiterten Publikation "Die Erforschung der Welträume mittels Rückstoßapparaten" rief er dazu auf, die Erde zu verlassen und den Kosmos zu besiedeln.

Wenig bekannt ist, dass Ziolkowski die Entwicklung von Luft- und Raumfahrt lediglich als Mittel betrachtete, um seine welterlösende "kosmische Philosophie" umzusetzen. Das Ziel seiner Visionen bildeten die Selbstvervollkommnung der Menschheit im Kosmos und die Erlangung ewiger Glückseligkeit. Ziolkowski glaubte, dass die revolutionären Umwälzungen von 1917 die Verwirklichung seiner radikalen Gesellschaftsentwürfe möglich machen würden. Seine positive Haltung gegenüber den Revolutionären äußerte sich auch darin, dass seine Schriften zum Teil das neue politische Vokabular jener Zeit aufnahmen. Auch hoffte er, dass die neuen bolschewistischen Machthaber endlich in ihm das Genie proletarischer Herkunft sehen würden. Und tatsächlich: Im November 1921 unterzeichnete Lenin einen Beschluss, der Ziolkowski "in Anbetracht besonderer Verdienste als Gelehrter und Erfinder, als Spezialist des Flugwesens" bis an sein Lebensende eine Pension zusicherte.[14] Zu einer regelmäßigen Auszahlung kam es hingegen nie. Unterstützung erhielt er vor allem von seinen zahlreichen Anhängern, die es ihm ermöglichten, sich ganz seinen Forschungen und Spekulationen zu widmen. Unter seinen Bewunderern befanden sich auch spätere Raumfahrtingenieure. So beriet er das im selben Jahr gegründete wissenschaftliche Forschungslabor für Raketentechnik und die 1924 in Moskau ins Leben gerufene weltweit erste Raumfahrtgesellschaft. Zu den Protagonisten von damals zählten unter anderen Friedrich Zander und Sergei Koroljow, der spätere Chefkonstrukteur und "Vater" des sowjetischen Raumfahrtprogramms.


Der Himmel unter Stalin



Auch Stalin ließ den Raketenpionier Ziolkowski ehren. Anlässlich seines 75. Geburtstages erhielt Ziolkowski 1932 den Orden des Roten Arbeiterbanners. Aus Dankbarkeit unterzeichnete er kurz vor seinem Tod ein vorformuliertes Schreiben, das besagte: "Alle meine Arbeiten über das Flugwesen, das Fliegen mit Raketen und den interplanetaren Verkehr übergebe ich der Partei der Bolschewiki und der Sowjetmacht – den wahren Führern beim Fortschritt der menschlichen Kultur."[15] Als er 1935 starb, erließ der Rat der Volkskommissare ein Dekret, das sein Andenken unsterblich machen sollte.

Doch mit der Wende zum Stalinismus wurde immer deutlicher, dass die allzu visionären kosmischen Ideen und utopischen Höhenflüge der frühen Sowjetzeit – zumindest vorerst – nicht mehr erwünscht waren. Für Stalin war mit seiner Allmacht und Allwissenheit die Utopie in der Wirklichkeit angekommen – die Gegenwart wurde zur "vorweggenommenen Zukunft".[16] Träume, Visionen und Phantasien mussten der materiellen Machbarkeit und Umsetzung konkreter Projekte weichen. Stalins Vorstellungen vom Himmelssturm trugen folglich weit "bodenständigere" Züge und beschränkten sich vornehmlich auf die erdnahe Aviatik. Diese konnte aber durchaus ebenfalls weite Teile der Bevölkerung faszinieren, begeistern und mitreißen. Bei der Eroberung der Lüfte hatte man insbesondere die sowjetische Jugend im Blick, weshalb man 1931 dem Jugendverband Komsomol die Obhut über Stalins Rote Luftflotte übertrug. Die Massenorganisation mobilisierte Zehntausende Jungen und Mädchen für den Flugsport und das Fallschirmspringen. Die Ausbildung in Aviatik genoss hohes Ansehen und galt als eine Art Kaderschmiede. So durchliefen die späteren Kosmonauten ebenfalls die Fliegerklubs des Komsomol.

Die eigentliche Raketenforschung hingegen erhielt unter Stalin erstaunlicherweise bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kaum staatliche Unterstützung. Im Gegenteil, Pioniere wie Koroljow wurden während der großen "Säuberungen" für Jahre in Arbeitslager verbannt. Hingegen beeilte man sich 1945, die Pläne der deutschen Vergeltungswaffe V2 und einige ihrer Entwickler in die Sowjetunion zu transportieren, nachdem die USA mit Wernher von Braun und seinen Mitarbeitern wichtige Köpfe der deutschen Raketenentwicklung vereinnahmt hatten. Die massive Intensivierung der Raketenforschung führte schließlich im Sommer 1957 zum erfolgreichen Testflug der ersten sowjetischen Interkontinentalrakete, die dem Sputnik im Herbst desselben Jahres als Trägerrakete dienen sollte.

Beginn einer "kosmischen Ära"



Die unzähligen sowjetischen space firsts, die auf Sputnik mit Laika, Gagarin und der ersten Frau im All, Walentina Tereschkowa, folgten, läuteten gemäß Nikita Chruschtschow eine neue "kosmische Ära der Menschheit" ein, in der die Sowjetunion ungebremst eine Vorreiterrolle einzunehmen schien. Diese Ära mit ihren neuen Heldinnen und Helden zeichnete sich durch eine völlig neuartige Bild- und Medienkultur aus. Mit den ersten Menschen im All erhielt die streng geheim gehaltene Raumfahrttechnik ein menschliches Antlitz, das sich bestens vermarkten ließ. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Kosmonauten zu "Superstars", und das – entgegen allen Gesetzmäßigkeiten des Kalten Krieges und über die symbolischen und physischen Mauern des Eisernen Vorhangs hinweg – in fast allen Ländern. Sie waren die ersten sowjetischen transnationalen, wenn nicht gar "postplanetaren" Heldenfiguren.

Innerhalb der Sowjetunion galten die Kosmonauten als die neuen Nachkriegshelden. Damit füllten sie eine Lücke, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war. Die Tatsache, dass die kosmischen Himmelsstürmer als Kinder den Krieg selbst miterlebt hatten und nun von verschiedenen Generationen gleichermaßen enthusiastisch gefeiert und bewundert wurden, zeigt, dass es gelungen war, einen wichtigen Generationenvertrag zwischen der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft herzustellen, aber auch zwischen den Fliegern und Kosmonauten.

Das Kosmos- und Raumfahrtfieber vermochte unter Chruschtschow Massen von Menschen zu begeistern. Die Faszination des Himmelssturms lag sicherlich nicht nur an einer Wissenschaftsbegeisterung und einem Technikkult, sondern wahrscheinlich auch in entscheidendem Maße an dem subversiven und eskapistischen Potenzial der Thematik. Die unendliche Freiheit des weiten Weltraums stand in eklatantem Gegensatz zur Immobilität des sowjetischen Seins. War die Reisefreiheit inner- und besonders außerhalb der Sowjetunion auf einer horizontalen Ebene eingeschränkt, verhieß sie zumindest in der Vertikalen, also im Kosmos, grenzenlos zu sein.

Gleichzeitig beschwor der Kosmos auch ein neues Lebensgefühl und eine moderne Alltagskultur. Die Kosmonauten vermittelten eine neue, erträgliche "Leichtigkeit des Seins", einen Hauch von Besonderheit, eine Traumwelt voller Sterne, Glitzern und Funkeln, kurz Glamour. Mit den Raumfahrterfolgen sollten Sowjetbürgerinnen und -bürger neuen Aufschwung, Modernität, Erfolg, Euphorie, Selbstbewusstsein, Zukunft und wortwörtlichen Fortschritt verbinden. Auf die alte niederdrückende Vergangenheit des Stalinismus, des Terrors, Gulags, Krieges und der Mangelwirtschaft würde unter Chruschtschow eine Ära der Entspannung, der Tauwetter-Lockerungen und der "friedlichen Koexistenz" folgen. Es sollte vor allem vorwärts, also aufwärts gehen.

Der Kosmos und die Raumfahrt verbanden paradigmatisch alles, wofür Sowjetrussland einstand: für eine erfolgreiche Naturbezwingung durch den Neuen Menschen, für die völlige Entgrenzung der Erdenbürgerinnen und Erdenbürger aus den Fesseln der Schwerkraft, für avantgardistische Neulandgewinnung, für sowjetische Wissenschafts- und Technikgläubigkeit und schließlich auch für eine revolutionäre Vertikalität, also eine neue, vertikale Ausrichtung der Koordinaten sowjetischer Lebenswelten.
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Autor: Julia Richers für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
John F. Kennedy, Special Message to the Congress on Urgent National Needs, 25.5.1961, in: Public Papers of the Presidents of the United States: John F. Kennedy, Containing the Public Messages, Speeches, and Statements of the President, January 20 to December 31, 1961, Washington, D.C. 1962, S. 396–406, hier S. 396.
2.
Vgl. Tobias Rupprecht, Soviet Internationalism after Stalin. Interaction and Exchange between the USSR and Latin America during the Cold War, Cambridge 2015.
3.
Kennedy (Anm. 1), S. 403.
4.
Karsten Werth, Ersatzkrieg im Weltraum. Das US-Raumfahrtprogramm in der Öffentlichkeit der 1960er Jahre, Frankfurt/M.–New York 2006.
5.
Zum "Sputnikschock" siehe etwa Roger D. Launius/John M. Logsdon/Robert W. Smith (Hrsg.), Reconsidering Sputnik. Forty Years Since the Soviet Satellite, Amsterdam 2000; Paul Dickson, Sputnik. The Shock of the Century, New York 2001; Igor J. Polianski/Matthias Schwartz (Hrsg.), Die Spur des Sputnik. Kulturhistorische Expeditionen ins kosmische Zeitalter, Frankfurt/M.–New York 2009.
6.
Vgl. Walter Sullivan, Angriff auf das Unbekannte. Das internationale geophysikalische Jahr, Wien–Hannover–Bern 1962.
7.
U.S. Calls It Kaputnik, in: Daily Express, 7.12.1957, S. 1; Oh, What a Flopnik!, in: Daily Herald, 7.12.1957, S. 1; Rudolf Rochhausen, Der Sputnik und der liebe Gott, Berlin 1958, S. 36.
8.
Vgl. Asif A. Siddiqi, The Red Rockets’ Glare. Spaceflight and the Soviet Imagination, 1857–1957, Cambridge 2010; Michael G. Smith, Rockets and Revolution. A Cultural History of Early Spaceflight, Lincoln 2014.
9.
Zum planetaren Weltbild und der kosmischen Symbolik in der Revolutionszeit siehe Julia Richers, Himmelssturm, Raumfahrt und "kosmische" Symbolik in der visuellen Kultur der Sowjetunion, in: Polianski/Schwartz (Anm. 5), S. 181–209.
10.
Vgl. Karl Schlögel, Utopie als Notstandsdenken – einige Überlegungen zur Diskussion über Utopie und Sowjetkommunismus, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Utopie und politische Herrschaft im Europa der Zwischenkriegszeit, München 2003, S. 77–96.
11.
Vgl. V. Bajdin, "Kosmičeskij bunt" russkogo avangarda, in: Rossijskij ežegodnik ’90 2/1990, S. 181–207; Peter Nisbet, The Response to Science and Technology in the Visual Arts, in: Loren R. Graham (Hrsg.), Science and the Soviet Social Order, Cambridge, MA 1990, S. 341–358.
12.
Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 322.
13.
Zit. nach Michael Hagemeister, "Unser Körper muss unser Werk sein." Beherrschung der Natur und Überwindung des Todes in russischen Projekten des frühen 20. Jahrhunderts, in: Boris Groys/Michael Hagemeister (Hrsg.), Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2005, S. 19–67, hier S. 20.
14.
Protokoll vom 9. November 1921, zit. nach Arkadi A. Kosmodemjanski, Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski, Moskau–Leipzig 1979, S. 162f.
15.
Ebd., S. 165.
16.
Carsten Goehrke, Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3: Sowjetische Moderne und Umbruch, Zürich 2005, S. 186.

Julia Richers

Zur Person

Julia Richers

ist Professorin für Neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern. julia.richers@hist.unibe.ch


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