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9.8.2019

Mehr als nur Pflege. Care in Alten(pflege)heimen

Pflege im Alter wird vielfach damit in Verbindung gebracht, dass jemand "gut aufgehoben" ist, was in alltäglichen wie massenmedialen Diskussionen oft auf "Waschen, Wickeln, Drehen, Füttern" reduziert wird. Doch auch ohne solch einen negativ-bewertenden Ton ist häufig eine Verkürzung auf Grund- und Behandlungspflege[1] zu rekonstruieren, die mit der Vernachlässigung vieler anderer Formen von Zuwendung, Fürsorge und Ähnlichem einhergeht. Um den Blick auf das gesamte Spektrum an Tätigkeiten und Praktiken zu lenken, die für das Wohlbefinden im Alter in Heimen notwendig erscheinen, bietet sich der Sammelbegriff "Care" an. Dieser wurde bereits breit theoretisch rezipiert, wird aber ambivalent gebraucht und ist nicht unumstritten. So betonen verschiedene, an der Care-Debatte beteiligte Disziplinen jeweils andere Aspekte und nutzen den Begriff für unterschiedliche Ziele. Philosophisch betrachtet, geht es um universelle anthropologische Rechte und Pflichten, pflegewissenschaftlich orientiert um Pflegeethiken oder Berufsethos, politischen, kapitalismuskritischen oder feministischen DenkerInnen um die Sichtbarmachung von Ungleichheiten, Ausbeutungen und Intersektionalität sowie um Positionierungen in Kämpfen um Gleichberechtigung.[2]

Trotz dieser Ambivalenz und der den verschiedenen Konzeptualisierungen entgegengebrachten Kritik[3] erweist sich der Begriff als hilfreich: Mit "Care" können sprachliche Verengungen und negative Assoziationen vermieden werden, die mit Alternativen wie Sorge (z.B. Angst) oder Pflege (z.B. Last, Mühe, Pflicht) verbunden sind, weil damit alles von Haushaltstätigkeiten über die händische Pflege von (kranken) Alten sowie emotionale und finanzielle Unterstützungsleistungen bis hin zu Formen der Selbstsorge angesprochen wird. Mit dieser Arbeitsdefinition von Care setze ich mich im Folgenden empirisch auseinander. Im Fokus stehen dabei die vielfach vernachlässigte Perspektive von HeimbewohnerInnen und die Frage: Was erwarten und brauchen HeimbewohnerInnen, um "gut aufgehoben" zu sein beziehungsweise damit ihre Care-Bedürfnisse erfüllt werden, und in welchem Verhältnis steht das zu der Care, die Heimpersonal leisten kann und will?

Zur Bearbeitung dieser Frage wird Material aus dem Projekt "Lebensqualität in bayerischen Alten(pflege)heimen" herangezogen.[4] Dem Prinzip des strukturierten Samplings folgend wurden in zwölf bayerischen Heimen unterschiedlicher Größe (30 bis 150 Betten), variierender Trägerschaft (privat/gemeinnützig/konfessionell) und geografischer Lage (Stadt/Land) mit jeweils acht bis zwölf BewohnerInnen halbstandardisierte Interviews geführt. Gesprochen wurde über das Leben im Heim, das Erleben von Pflege und Fürsorge sowie Erwartungen und Wünsche unter anderem hinsichtlich verschiedener Arten von Zuwendung. Ergänzend wurden die Heim- und/oder Pflegedienstleitungen der zwölf besuchten Einrichtungen als ExpertInnen für die Heimorganisation und die institutionellen Abläufe interviewt und unstrukturierte, aber dokumentierte Gespräche mit dem Personal geführt. Die Auswertung erfolgte nach qualitativ-inhaltsanalytischen (Grobanalyse) und hermeneutischen (Feinanalyse) Verfahren.[5]

Hinsichtlich der Reichweite und Gültigkeit der im Folgenden präsentierten Befunde ist die Freiwilligkeit der Teilnahme an der Studie und die eingeschränkte Befragbarkeit von Personen mit erheblichen kognitiven, aber auch körperlichen Einschränkungen zu berücksichtigen, weshalb Selektionen auf Ebene der BewohnerInnen und der Heime vorhanden sind. Es können daher keine empirisch fundierten Aussagen über das Care-Verständnis entsprechender BewohnerInnen, insbesondere von Menschen mit fortgeschrittener Demenz, getroffen werden. Bei befragten BewohnerInnen kann aber ein relativ klares Verständnis für das festgestellt werden, was aus analytischer Perspektive als "Care" bezeichnet wird, sowie eine recht genaue Vorstellung davon rekonstruiert werden, was an Care in Heimen nötig und möglich ist.


Was verstehen HeimbewohnerInnen unter Care?



BewohnerInnen differenzieren zwischen Care-Bereichen und -Formen, in denen Hilfe, Unterstützung und Sorge geleistet werden, sowie zwischen Akteuren, die aus ihrer Sicht für eine oder mehrere der Care-Tätigkeiten verantwortlich sind oder sein sollten: das Heim und das Personal, die Familie und sie selbst.[6]

"Wie in einem Hotel"
Viele BewohnerInnen nehmen das Heim als Dienstleistungseinrichtung mit All-inclusive-Service wahr: Es würden hauswirtschaftliche Tätigkeiten übernommen, womit alles von der Reinigung von Kleidung über die Raumpflege bis hin zur Bereitstellung von Essen gemeint ist, und Möglichkeiten zur Beschäftigung angeboten. Der Einrichtung werden somit Care-Aufgaben zugeschrieben, die die Grundlagen des Lebens (re)produzieren.

Das Heimpersonal hingegen wird, oftmals durch die Erwähnung der Namen der zuständigen Pflegekräfte personifiziert und vielfach weiblich als "Schwester" markiert, für die händische, körperbezogene Pflege zuständig erkannt. Einige BewohnerInnen unterscheiden dabei Pflegeleistungen, die sie selbst oder andere BewohnerInnen empfangen, nach dem Grad der Selbstbeteiligung sowie der Bedarfsdauer: Zum einen geht es ihnen dabei um "Hilfe" und "Unterstützung" beispielsweise beim Waschen, Eincremen oder Ankleiden, selbst wenn aus einer BeobachterInnenperspektive der Eindruck entsteht, dass diese körperpflegerischen Tätigkeiten gänzlich durch eine Pflegekraft übernommen werden. Zum anderen verweisen BewohnerInnen auf die medizinische Versorgung sowie die Krankenpflege bei chronischen wie akuten Leiden. Sie erkennen damit gleichzeitig an, dass sich Bedürfnislagen mit vorübergehenden Erkrankungen oder durch die irreversible Verschlechterung des Gesundheitszustands verändern, dass Pflege zu unterschiedlichen Zeitpunkten oder für unterschiedliche BewohnerInnen verschiedene Formen und Umfänge annimmt sowie, dass das Pflegepersonal variierende Aufgaben zu erfüllen und differierende Unterstützungsbedarfe zu befriedigen hat.

Mit der Häufigkeit und Dauer des Kontakts zu den Pflegekräften scheinen sich auch Beziehungen zu verändern; sie werden offenbar persönlicher. Parallel dazu ist eine Erweiterung der dem Pflegepersonal zuerkannten Care-Tätigkeiten zu rekonstruieren: BewohnerInnen erklären, vom Pflegepersonal auch emotionale Zuwendung zu empfangen. Mit Personengruppen hingegen, die von Seiten des Heims für emotionale Unterstützung zuständig erklärt werden – Betreuungspersonal oder Seelsorger und psychologische Fachkräfte, die teilweise in die Einrichtungen kommen – scheint die Intensität des Kontakts nicht ausreichend oder das Zusammentreffen zu formalisiert, sodass BewohnerInnen sie nicht als AnsprechpartnerInnen für persönliche Belange wahrnehmen. Im Kontext der Zeitknappheit des Pflegepersonals stellt dies offenbar insbesondere für BewohnerInnen ein Problem dar, die keine Familie oder Freunde (vor Ort) haben. Sie meinen, der Kontakt zu Betreuungskräften oder Seelsorgern sei "zu selten" und "zu unauthentisch", als dass sich hier eine persönliche Beziehung und damit die offenbar nötige Grundlage für emotionale Unterstützung entwickeln könne. Darüber hinaus teilen sie mit den "mit Angehörigen gesegneten" BewohnerInnen die Haltung, dass Kontakte mit Pflegekräften zwar freundschaftlich sein und in manchen Fällen sogar innig werden könnten, es aber nicht deren Aufgabe, sondern wenn dann "privates Engagement" sei, sich um emotionale Belange der BewohnerInnen zu kümmern. Stattdessen stünde die Grundpflege im Vordergrund und müsse dies angesichts des Zeitdrucks in der Pflege auch, während für Emotionales und Persönliches gelte: "Dafür ist die Familie zuständig."

"Wichtig: Gesundheit, Besuch von der Familie"
BewohnerInnen beschreiben in Bezug auf Care durch ihre Angehörigen eine Mischung verschiedener Formen der emotionalen Zuwendung und persönlichen Unterstützung. BewohnerInnen wünschen sich, besucht zu werden, oder jemanden, dem sie sich in allen Belangen anvertrauen und mit dem sie Persönliches, Sorgen und Ängste besprechen können.[7] Darüber hinaus werden Angehörigen, allen voran (Schwieger-)Töchtern und Söhnen, entscheidende Funktionen im Kontext alltäglicher Fürsorge zugeschrieben. Primär männliche Angehörige scheinen mit den finanziellen Angelegenheiten betraut; über sie heißt es in den Gesprächen mit BewohnerInnen, sie kümmerten sich etwa um die Abrechnung mit dem Heim oder Anträge auf finanzielle Unterstützungsleistungen. Von (Schwieger-)Töchtern wiederum wird im Zusammenhang mit regelmäßig, dauerhaft oder alltäglich anfallenden Aufgaben gesprochen: die Besorgung von Dingen, die es im Heim nicht oder zu wenig gibt, die Organisation von und die Begleitung zu Friseur- und Arztbesuchen.[8]

In der Regel verbinden BewohnerInnen all diese Formen inter- und intragenerationaler Unterstützung mit Vorstellungen von Solidarität, Reziprozität und Verantwortung. Befragte erklären: "Das ist in Familien halt so. Eltern kümmern sich um die Kinder, ältere Geschwister um die Jüngeren und irgendwann kehrt sich das um." Neben dem Verweis auf eine gewisse "Tradition" eines zeitversetzen Tausches innerhalb von Care-Beziehungen wird vielfach auch eine moralische Anspruchshaltung erkennbar: "Die sollen sich kümmern!"

In keinem Widerspruch zu dieser stark ausgeprägten Erwartung, dass die Familie weiterhin Präsenz zeigt und Care übernimmt, ist die Aussage vieler BewohnerInnen zu lesen, "niemandem zur Last fallen" zu wollen und daher in ein Heim gezogen zu sein. Stattdessen wird die Unterscheidung von Care-Bereichen und -Zuständigkeiten deutlich und sichtbar, dass aus Sicht der BewohnerInnen nicht alle Care-Leistungen abzugeben oder für Geld zu erbringen sind, während es klar, gegebenenfalls sogar vertraglich geregelte Dienstleistungsverhältnisse oder gerade eine gewisse persönliche Distanz beziehungsweise Fremdheit erleichtern, Pflege anzunehmen: Wird das Personal von BewohnerInnen für die Pflege und die Rund-um-die-Uhr-Betreuung für zuständig erklärt, sehen sie Angehörige hinsichtlich emotionaler Care-Bedarfe in der Pflicht – wollen Letzteren aber nicht die Körperpflege, eine 24-Stunden-Betreuung oder eine dauernde Sorge um alleinlebende Eltern zumuten. Auffallend ist in dieser Hinsicht eine ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterscheidung von "erwartbaren Handlungen". Eine Bewohnerin meint: "Meine Söhne sind liebevoll, aber diese Pflege oder auch das Kümmern – das kann man von Söhnen nicht erwarten."

"Zuhause nicht mehr geschafft"
Nicht alle, aber doch viele BewohnerInnen erkennen die Notwendigkeit eines Umzugs ins Heim, während die Einsicht in die Abnahme ihrer eigenen Fähigkeit, für sich Care zu leisten, wachsende Hilfsbedürftigkeit bei täglichen Aufgaben oder der Körperpflege sowie Unsicherheiten, Ängste oder Einsamkeit "allein zuhause" viele zur Feststellung veranlasst: "Im Heim ist es in mancher Hinsicht besser." Erkennbar wird dabei ebenfalls, dass sich Care durch den Umzug verändert. Die Äußerungen der BewohnerInnen verdeutlichen eindrücklich, dass dies eine Ausdifferenzierung oder Erweiterung der Care-Konstellationen und keine Verengung bedeuten sollte: Einerseits kommen Formen von Care hinzu (z.B. Hilfe bei der Körperpflege) und/oder werden im Kontext stationärer Unterbringung von anderen AkteurInnen, den Pflegekräften, übernommen. Andererseits unterstreichen BewohnerInnen in den Interviews, dass bestimmte, bislang bedeutende Care-AkteurInnen sich nicht gänzlich befreit fühlen oder ausgeschlossen werden sollten. Nicht nur das Engagement Angehöriger, auch die eigene Beteiligung an Care ist BewohnerInnen wichtig: Einige sehen ihre Möglichkeit zur Selbstsorge hinreichend darin erfüllt, dem Personal "Anweisungen zu geben", damit dieses sie nach ihren Wünschen pflegen kann; anderen reicht es nicht, ausschließlich verbal Einfluss auf die sie betreffende Care zu haben. Allen scheint es aber wichtig, Selbstwirksamkeit zu erkennen, weshalb sie es offenbar weniger als Defizit empfinden, auf andere angewiesen zu sein, als auf ihre Hilfsbedürftigkeit und die passive EmpfängerInnenrolle reduziert zu werden; gelitten wird unter dem Gefühl, bevormundet und nicht als kompetente, mündige Erwachsene behandelt zu werden, und/oder nur Care-EmpfängerIn, keine Care-GeberIn sein zu können oder zu dürfen. Heim- und Pflegedienstleitungen halten es manchmal jedoch für notwendig, Care-Tätigkeiten der BewohnerInnen zu beschränken und andere für sie entscheiden zu lassen.


Was verstehen HeimleiterInnen und Personal unter Care?



Wie schon die BewohnerInnen-Interviews dokumentieren auch die Gespräche mit dem Heimpersonal ein ausdifferenziertes Care-Verständnis. Auch hier wird zwischen verschiedenen Tätigkeiten und Zuständigkeiten unterschieden. Die wichtigsten Akteure aus dieser Sicht sind die BewohnerInnen, die Angehörigen, das Pflege-/Betreuungspersonal und die Leitungsebenen.

"Manchmal sind uns die Hände gebunden"
In verschiedenen Gesprächen mit dem Heimpersonal wird formuliert, Care in Heimen bedeute neben Grundpflege und Betreuung, die Kompetenzen der BewohnerInnen richtig einzuschätzen, deren Selbstsorge soweit wie möglich zu fördern – unter Umständen aber auch zu beschränken, beispielsweise aufgrund sozialpolitischer und juristischer Vorgaben. So dürfen HeimbewohnerInnen in manchen Einrichtungen "aus versicherungsrechtlichen Gründen" keine Rollstühle schieben oder werden aus der Küche ausgeschlossen, selbst wenn sie gerne helfen würden und es kognitiv und körperlich auch könnten, weil das mit Hygienevorschriften nicht vereinbar sei. Anstelle dieser gerade von BewohnerInnen als sinnvoll verstandenen Aufgaben, blieben so oftmals nur die "hausintern angebotenen, altersgerechten Aktivierungen", die in Gesprächen mit BewohnerInnen vielfach und vom Personal manchmal als sinnfrei, kindisch oder "bloßer Zeitvertreib" dargestellt werden. Davon wissen offenbar auch Heimleitungen: Überzeugt davon, dass es zur Aufgabe stationärer Einrichtungen gehört, "sinnstiftende Tätigkeiten anzubieten", "nutzen [sie] den gegebenen rechtlichen Spielraum". Indem sie etwa "mit BewohnerInnen gemeinsam Gärten anlegen" oder "Tiere im Heim erlauben", bieten sie diesen nicht nur "sinnvolle Aktivitäten", sondern ermöglichen BewohnerInnen auch, sich um etwas kümmern und damit ihr Bedürfnis befriedigen zu können, trotz Alter und stationärer Unterbringung weiterhin auch Care-GeberIn zu sein.

Allerdings begrenzen körperliche, vor allem aber kognitive Einschränkungen, beispielsweise in Form von Demenz oder Verwirrtheit, die Care-Tätigkeiten einiger BewohnerInnen. "Zu ihrem eigenen Wohl" würden daher manche BewohnerInnen von Care-Aufgaben entbunden und von Selbstsorge befreit.[9] Gemeint ist damit nicht nur die Übernahme von Körperpflege für jene BewohnerInnen durch die Pflegekräfte, die sich nicht mehr selbst waschen oder anziehen können, sondern auch die Aneignung oder Beanspruchung des Wissens über das, was BewohnerInnen brauchen beziehungsweise für ihr Wohlbefinden für notwendig erachtet wird. Manchmal wird eine solche Entscheidungskompetenz vom Heimpersonal aber auch Angehörigen zugeschrieben.[10]

"Manche Angehörige sind stärker involviert"
In den Gesprächen mit dem Personal heißt es, nur zusammen mit Angehörigen sei Care adäquat zu leisten. Angehörige gelten hierbei unter anderem als Mittelspersonen, die dem Personal helfen, einerseits neue BewohnerInnen kennenzulernen und zu erfahren, was diese wahrscheinlich brauchen; insbesondere bei Menschen, die sich selbst nicht mehr äußern können, wird diese Informationsquelle vom Personal als Schlüssel dargestellt, um Care-Leistungen individuell anzupassen. Andererseits unterstützten Angehörige das Heim, indem sie BewohnerInnen die Eingewöhnung erleichterten oder Heimrichtlinien und pflegerische Notwendigkeiten erklären würden, was die Arbeit der Pflegekräfte vereinfache.

Die Familie wird aber noch in vielerlei anderer Hinsicht als soziale Ressource präsentiert: Sie sorge dafür, dass Care-Leistungen des Heims bei BewohnerInnen (besser) ankommen und das gesamte, für das Wohlbefinden der BewohnerInnen nötige Spektrum an Care-Praktiken abgedeckt werden könnten. Angehörige würden BewohnerInnen erleichtern, mit den Veränderungen, die ein Heimeinzug mit sich bringt, umzugehen (z.B. Verlassen des bisherigen Zuhauses, Verlust von Aufgaben, neue Umgebung), würden BewohnerInnen die Teilnahme an Heimveranstaltungen und Ausflügen ermöglichen,[11] seien aufgrund der vorliegenden persönlichen Beziehung allein in der Lage, eine bestimmte Form emotionaler Zuwendung, etwa in Form der Anerkennung als Person, zu erbringen.

Ob zur familialen Care im Kontext stationärer Unterbringung auch "händische Pflege" gehören soll, wird vom Personal ambivalent betrachtet. Manche sehen die Familie auch in diesem Bereich als willkommene Unterstützung, die das Personal entlaste. Andere meinen, Angehörige sollten sich aus der Pflege raushalten, da ihnen das Fachwissen fehle, sie daher "nicht richtig pflegen" könnten oder ihr pflegerisches Tun die "Ausbildung des Personals entwerte". Wieder andere finden klare Trennungen von Tätigkeitsbereichen gut, weil BewohnerInnen "Angehörige nicht mit der Pflege in Verbindung setzen" sollen, sodass Angehörige "lieber was Schönes mit denen machen".

In einigen Fällen werden Angehörige vom Personal aber auch als Problemfaktor wahrgenommen. Trotz eines ausgeprägten Verständnisses für Angehörige, die "auch ohne Pflege genug um die Ohren haben", heißt es in Gesprächen mit dem Heimpersonal anklagend: "Es gibt solche, die wollen jegliche Verantwortung abgeben", "die schieben ihre Eltern ab". Oftmals wertend und BewohnerInnen bemitleidend, äußern Heimleitungen und Pflegekräfte, ein solches Verhalten von Angehörigen basiere auf der fälschlichen Annahme, die vom Heim zu leistende Grund- und Behandlungspflege sei für das Wohlbefinden im Alter hinreichend beziehungsweise es gehöre zur Aufgabe des Personals, auch emotionale Bedürfnisse der BewohnerInnen zu bedienen.

Eine andere vom Heimpersonal angesprochene Schwierigkeit mit Angehörigen ergibt sich ebenfalls aus Perspektiven- oder Verständnisdifferenzen hinsichtlich Care: Selbst wenn Angehörige die Breite des Care-Spektrums erkennen würden, übertrügen einige unreflektiert das eigene Verständnis von "gutem Leben" auf die BewohnerInnen oder setzten ihre Sicht auf "richtige Versorgung" mit der von BewohnerInnen gleich. Das sei jedoch problematisch, weil einige Angehörige beispielsweise Sicherheit mehr als Wohlbefinden schätzten und sich die Konsequenzen ihrer Forderungen nicht vorstellen könnten. Es sei schon vorgekommen, dass Angehörige "Fixierungen verlangen, damit auch ja jede Sturzgefahr ausgeschlossen ist", ungeachtet dessen, was es bedeutet, "wenn man sich nicht rühren kann".

"Man kriegt viel zurück vom Herzen"
Zu den Care-Aufgaben des Personals gehöre es daher manchmal auch, so die in den Gesprächen geäußerte Selbsteinschätzung, BewohnerInnen vor Angehörigen zu schützen, primär aber die medizinisch-gerontologisch angemessene Versorgung und Pflege der BewohnerInnen. Im Zuge dessen gelte es, die Grenzen der Selbstsorge von BewohnerInnen richtig einzuschätzen und die Fähigkeiten dazu nach Möglichkeit zu erhalten oder zu fördern. Emotionale Zuwendung hingegen sei vor allem von Angehörigen zu erbringen und wird insbesondere von einigen Heimleitungen explizit aus dem Tätigkeitsbereich des Heimpersonals ausgegliedert. Das Pflegepersonal sieht das etwas anders und meint, sie könnten die Familie zwar nicht ersetzen, aber aufgrund der körperlichen Nähe und des intensiven Kontakts entstünden vielfach persönliche Beziehungen zwischen Personal und BewohnerInnen. Sei ein solches Verhältnis gegeben, könnten auch Care-Dimensionen jenseits der Körperpflege oder medizinischen Versorgung bedient werden. Damit verbundene wechselseitige Anerkennung und zwischenmenschliche Wärme seien für sie einerseits Motivation, ihren Beruf auszuüben und sich "über den Dienst nach Vorschrift hinaus zu engagieren". Andererseits erleichtere guter, persönlicher und vertrauter Kontakt die Pflege und sei notwendig, wenn keine Angehörigen präsent sind. Bei all dem gelte es aber, da sind sich Pflegekräfte und Leitungsebenen überwiegend einig, Grenzen zu ziehen. Zu enge Bindungen zwischen Personal und BewohnerInnen würden zu große Verlusterfahrungen produzieren, seien zu Kräfte zehrend und so sei es Teil der heiminternen Care-Verpflichtung, sich um sich selbst beziehungsweise die Angestellten zu kümmern und etwa zu raten, "eine Wand zwischen sich und BewohnerInnen" zu errichten.

Schutzwälle sowie emotionale Fürsorge müssten zunehmend aber nicht nur im Kontakt mit den BewohnerInnen, sondern auch mit deren Angehörigen zur Anwendung kommen. Denn es gebe zwar Fälle, in denen Angehörige nie im Heim auftauchen, "die Mehrheit ist [jedoch] präsenter als früher" und müsse daher "mitbetreut" werden; entsprechende Care-Leistungen für Angehörige kämen letztlich auch BewohnerInnen zugute, insbesondere, wenn es nicht um (Sonder-)Wünsche oder Beschwerden von Angehörigen, sondern um deren praktische Unterstützungen gehe.


Wie stehen diese Care-Verständnisse zueinander?



Es zeigt sich ein Spannungsverhältnis der hier rekonstruierten praxiswirksamen Care-Verständnisse und der erwähnten theoretischen Positionen zu Care einerseits, eine Auflösung darin anklingender Probleme andererseits: Angesichts der empirischen Pluralität wäre es verfehlt, die theoretische Ambivalenz und Uneindeutigkeit der Care-Debatte zugunsten einer einzigen Definition oder Position aufzugeben. Stattdessen sollte die Bandbreite an theoretischen Konzeptualisierungen als Mahnung verstanden werden, die dargestellte empirische Vielfalt zu berücksichtigen, die, unter Beibehaltung des Fokus auf die BewohnerInnen, in drei thesenhafte Antworten auf die Frage mündet, wie das, was in Alten(pflege)heimen geleistet wird und zu leisten ist, mit den Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen der BewohnerInnen an Care korrespondiert.

Erstens, alle befragten BewohnerInnen wollen ernst und als ExpertInnen ihres Selbst wahrgenommen werden. Überzeugt davon, dass sie selbst am besten wissen, was sie brauchen, wollen diese BewohnerInnen weiterhin Selbstsorge betreiben und aktiv in die sie betreffenden Care-Praktiken oder zumindest in die Entscheidungen eingebunden sein; das wird aus BewohnerInnensicht offenbar jedoch nicht immer hinreichend berücksichtigt und/oder ist angesichts der gegebenen Rahmenbedingungen nur eingeschränkt möglich.

Zweitens, die Pflegeausbildung oder die persönliche Beziehung zu BewohnerInnen weisen einerseits dem Personal, andererseits Angehörigen und/oder BewohnerInnen selbst Sonderwissen zu, das die Basis für Grund- und Behandlungspflege, emotionale Zuwendung beziehungsweise Selbstsorge darstellt. Dementsprechend differenzieren BewohnerInnen und Heimpersonal entlang von "ExpertInnenwissen" Care-Leistungen und -Bereiche.

Drittens, Familienangehörige bleiben auch im Heimkontext wichtige Care-Akteure, während insbesondere dort, wo es keine (präsenten) Angehörigen gibt, Pflegekräfte entsprechende Care-Lücken füllen müssen. Infolgedessen umfassen selbst institutionalisierte Formen von Care immer gleichzeitig bezahlte und unbezahlte sowie professionell und privat, vor allem von Frauen geleistete Arbeit; vielfach bleiben diese privat erbrachten Care-Tätigkeiten ungesehen und unbezahlt – ungeachtet, wie zentral oder essenziell sie für das Wohlbefinden der BewohnerInnen sind. Mindestens heimintern ist jedoch ein Konsens darüber festzustellen, dass Care in Alten(pflege)heimen weit mehr bedeutet als Grund- und Behandlungspflege.

Neben den Ähnlichkeiten der statusgruppenübergreifenden Sichtweisen sind somit verschiedene Akzentsetzungen festzuhalten und darauf zu verweisen, dass viele Themen und Bedeutungen, etwa der Selbstsorge für BewohnerInnen, nicht erkannt werden können, wenn nur über Pflege in Heimen und nicht mit Care-EmpfängerInnen geforscht wird. Das verweist gleichzeitig auf weiteren Forschungsbedarf, beispielsweise geeignete Verfahren zur Erfassung der Perspektive von Menschen mit Demenz zu finden, oder auch andere Settings, etwa häusliche Pflege, in den Blick zu nehmen.[12]
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Marie-Kristin Döbler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Grundpflege umfasst regelmäßig, wiederholt auszuführende Tätigkeiten, die insbesondere die Körperpflege und die Ernährung, aber auch die Mobilisierung betreffen. Behandlungspflege wiederum bezeichnet Praktiken wie Medikamentengabe, Wundversorgung, Verbandwechsel oder Blutzuckermessung. Vgl. Ilka Köther, Altenpflege, Stuttgart u.a. 2016.
2.
Vgl. z.B. Ilona Ostner, Care – eine Schlüsselkategorie sozialwissenschaftlicher Forschung?, in: Adalbert Evers et al. (Hrsg.), Handbuch Soziale Dienste, Wiesbaden 2011, S. 461–481.
3.
Kritisiert wird etwa, dass die theoretisch entwickelten oder diskutierten Begriffe zu formalisierte Prozedere vorsehen, das Menschliche (Emotionalität, Betroffenheit, persönliche Involvierung etc.) genauso wie die Relevanz von Beziehungen vernachlässigen und zu idealisierte Prädispositionen (Gerichtetheit, Resonanzfähigkeit, bestimmte Formen von Empathie, Selbstaufgabe) bei Care-GeberInnen und -EmpfängerInnen voraussetzen würden. Vgl. z.B. Michael May, Auf dem Weg zu einem dialektisch-materialistischen Care-Begriff, in: Widersprüche: Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich 34/2014, S. 11–51; Helen Kohlen/Christel Kumbruck, Care-(Ethik) und das Ethos fürsorglicher Praxis (Literaturstudie), Bremen 2008.
4.
Teilprojekt des Forschungsverbunds ForGenderCare (http://www.forgendercare.de«), gefördert durch das Bayrische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.
5.
Vgl. Philipp Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse, Weinheim 2010; Uwe Flick, Qualitative Sozialforschung, Reinbek 2017; Rainer Diaz-Bone/Christoph Weischer, Methoden-Lexikon für die Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2015.
6.
Alle in den folgenden zwei Abschnitten durch Anführungszeichen gekennzeichnete Formulierungen sind Zitate aus den Interviews mit BewohnerInnen und den Gesprächen mit dem Heimpersonal. In den Zwischenüberschriften sind Zitate aus platztechnischen Gründen verkürzt wiedergegeben.
7.
Kontakte zu "Menschen, die man von früher kennt", insbesondere zu Angehörigen, helfen bei der Pflege von Erinnerungen, fördern das Selbst(wert)gefühl oder ermöglichen den Erhalt der Identität, weil sie die Person im Idealfall nicht nur auf die Rolle eines alten, pflegebedürftigen Menschen, der im Heim lebt, reduzieren.
8.
Voraussetzung hierfür sind die Existenz von Verwandten sowie räumliche und emotionale Nähe; Angehörige müssen auch zu Besuch kommen oder medial für BewohnerInnen erreichbar sein, um diese Aufgabe zu erfüllen. Das impliziert gleichzeitig die Relevanz der Präsenz des Personals und der Notwendigkeit von (emotionalen) Fürsorgeleistungen, die heimintern zu übernehmen sind, wenn jemand keine (präsenten) Angehörigen hat.
9.
Erkennbar wird in einigen Personalgesprächen, dass Care-Aufgaben unter anderen Rahmenbedingungen länger von BewohnerInnen selbst ausgeübt werden könnten beziehungsweise das gänzliche Entbinden von Selbstsorge gar nicht oder erst deutlich später erfolgen müsste. Aber jemanden unter "Aufsicht und Anleitung etwas selbst machen zu lassen, bindet eben mehr personelle Ressourcen, als es geschwind selbst zu machen".
10.
Ob es berechtigt ist, BewohnerInnen von Selbstsorge zu befreien, und in welchem Umfang beziehungsweise in welchen Bereichen dies legitimiert ist, gilt es im Einzelfall zu prüfen.
11.
Ausflüge etwa haben oft eine Teilnahmegebühr, mit der die Busfahrt, Eintritt oder Kaffee und Kuchen vor Ort gezahlt werden, oder erfordern zusätzliche BetreuerInnen, die beispielsweise Rollstühle schieben können. Ohne die Unterstützung von Angehörigen (oder Ehrenamtlichen) wären in vielen Heimen außeralltägliche Aktivitäten oft nicht möglich.
12.
Auch wenn sich die Analysen auf Interviews mit HeimbewohnerInnen und -Angestellten stützen und es Gegenstand dieses Artikels war, das Care-Verständnis in diesem spezifischen Setting darzulegen, sind viele der Erkenntnisse sicherlich auch auf andere Care-Arrangements zu übertragen.

Marie-Kristin Döbler

Zur Person

Marie-Kristin Döbler

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.
marie-kristin.doebler@fau.de


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