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23.8.2019

West-Berlin. Stimmungsbilder aus dem letzten Jahr

Das 41. Jahr West-Berlins war ein langes Jahr – es reichte von Mai 1989 bis in den Winter 1990. Zugleich wurden in diesem Jahr in verschiedenen Bereichen die Weichen für die zukünftige Entwicklung Berlins gestellt, und langfristige Trends deuteten sich an. Auch wenn in West-Berlin seit dem Mauerbau der Verlust des Ostteils thematisiert worden war, und die Vereinigung mit dem Osten als politisches Ziel in aller Munde war, so zeigte sich doch schon in den ersten Tagen nach der Maueröffnung, dass die Umsetzung dieses Ziels nicht ohne Abstriche zu haben war. Es lohnt deshalb, sich die turbulentesten Wochen dieses Jahres genauer anzusehen.[1]

Auftakt



1. Mai 1989 – der rot-grüne Senat des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD) war gerade sechs Wochen im Amt, als ihm mit der "revolutionären 1.-Mai-Kundgebung" eine schwere Prüfung ins Haus stand. Wie würden sich die Mitglieder der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL), die später im Bündnis 90/Die Grünen Berlin aufgegangen ist, verhalten, wenn es um die Durchsetzung von Recht und Ordnung gegen die "eigene" Klientel ging? Der Senat verordnete der Polizei eine Deeskalationsstrategie, die allerdings – wie Plünderungen vor laufenden Kameras zeigten – nicht aufging: Zwar fühlten sich die grünen Senatorinnen verpflichtet, andere Politik zu machen, für die linke Szene aber ging es weiter gegen "das System", für das in ihren Augen nun auch die AL stand.[2]

Auch dem sogenannten Polenmarkt gegenüber fiel es dem Senat schwer, einen stringenten Kurs zu finden: Seit 1988 gelangten polnische Bürgerinnen und Bürger nach West-Berlin und verkauften dort alle möglichen Güter an Touristen und Einheimische, deren Haltung zwischen Ablehnung und Faszination schwankte. Schon der Vorgängersenat unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) war mit Verboten gescheitert und hatte den Markt lediglich vorübergehend verdrängt. Anwohnerklagen blieben lange wirkungslos; eine Lösung deutete sich nicht an. Der "Polenmarkt" war mit rechtsstaatlichen Mitteln anscheinend kaum zu unterbinden.

Auf energischen Widerstand stieß zudem die Verkehrspolitik des rot-grünen Senats. Die Einführung eines Tempolimits auf der Avus, die Einrichtung von Busspuren und die geplante Sperrung der Havelchaussee für den privaten Autoverkehr wurden von vielen West-Berlinerinnen und -Berlinern als unzumutbare Schikanen angesehen.[3] Leserzuschriften in der "Berliner Morgenpost" spekulierten über angebliche Gefahren für ältere Menschen durch die Busspuren, und Geschäftsleute beklagten dramatische Umsatzrückgänge. Immer wieder wurde der Vorwurf laut, die AL plane eine autofreie Stadt.[4]

Ein weiteres Problem – auch angesichts der stetig steigenden Zahl von Zuwanderern aus der DDR, aus Polen und Rumänien – war die Wohnungsnot. Im Sommer 1989 scheiterten die Versuche der Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (SPD), zumindest einen Teil der Zuwandernden ins Bundesgebiet zu lenken. Zwar gab es im Aufnahmeverfahren einen Verteilungsschlüssel für Übersiedler, aber dessen Missachtung blieb ohne Konsequenzen. Beginnend mit dem Abbau der Grenzanlagen an der österreichisch-ungarischen Grenze im Mai 1989 und der einsetzenden Massenzuwanderung ging es immer mehr darum, wenigstens ausreichend Notunterkünfte bereitzustellen. Wie angespannt die Lage war, belegen die Überlegungen Walter Mompers, Bauland in Brandenburg zu erwerben, um dort neue Exklaven für Wohnungssuchende einzurichten.[5] Senatorin Stahmer appellierte an die Bundesregierung, die finanziellen Mittel zur Bewältigung des Zustroms aufzustocken – ohne dies seien die Herausforderungen nicht zu bewältigen. Die Signale aus Bonn blieben indes verhalten.[6] Anfang November stellte sich West-Berlin mit Notunterkünften auf Hunderte von DDR-Flüchtlingen ein, die über Ungarn und die Tschechoslowakei einfliegen sollten.[7] Auch auf dem Arbeitsmarkt machte sich der Zuzug bemerkbar. Zwar fanden sich die Neuankommenden meist rasch in die neuen Verhältnisse ein, aber die Zahl der Arbeitssuchenden stieg, und nicht alle Ankommenden besaßen die geforderten Qualifikationen.

Als störend wurden indes andere Zuwanderer wahrgenommen. Besonders im überfüllten Aufnahmelager Berlin-Marienfelde stießen Übersiedler auf Asylsuchende aus Subsahara-Afrika und Sri Lanka, die über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nach West-Berlin gelangten, und Konflikte eskalierten mitunter. Dass die Ablehnung gegenüber den Zuwanderern bereits weit in die West-Berliner Gesellschaft reichte, zeigten die Abgeordnetenhauswahlen am 28. Januar 1989: 7,5 Prozent der West-Berliner Wahlberechtigten hatten für die fremdenfeindlichen und in Teilen rechtsextremen Republikaner gestimmt. Obschon die Partei sich schon im Laufe des Jahres heillos zerstritt, verschob sich der öffentliche Diskurs nach rechts.

West-Berlin war außerdem stärker noch als die Bundesrepublik als Ganzes abhängig von den Entwicklungen in Ost-Berlin. Der erzwungene Rücktritt des schwerkranken Erich Honecker von allen Ämtern und die Auftritte des "jugendlichen" Nachfolgers Egon Krenz ebenso wie die Ankündigungen eines liberaleren Reisegesetzes für DDR-Bürger bestärkten die Verantwortlichen darin, sich Gedanken über das zukünftige Nebeneinander zu machen, etwa was zusätzliche Grenzübergänge anbelangte. [8] Momper regte etwa die Einrichtung eines Gesamtberliner "Runden Tisches" an,[9] selbst die deutsche Einheit schien wieder denkbar. In Frankreich warnte der Diplomat François Puaux im "Figaro" Anfang November 1989, dass diese eine Verschiebung des europäischen Gefüges zur Folge haben werde.[10] Sogar der Abriss der Berliner Mauer schien im Bereich des Möglichen. SPD-Politiker Jürgen Schmude setzte sich für diesen Fall dafür ein, Teile der Mauer als Denk- und Mahnmal zu erhalten. Er wurde daraufhin in Leserbriefen aufgefordert, er solle doch "sein Anwesen einmauern und unter Denkmalschutz stellen"; sein Ansinnen sei eine "Unverfrorenheit".[11] Andere meinten gar, Schmude sei wohl "krank im Kopf"[12] oder zumindest "verwirrt", sein Vorschlag ein "absurder Gedankenflitzer".[13] Kurzum: Wesentliche Veränderungen lagen gleichsam "in der Luft". Auf die Geschwindigkeit der Ereignisse aber war kaum jemand vorbereitet.


Ausnahmezustand



Angesichts der historischen Bedeutung der Maueröffnung erschienen die vergangenen Diskussionen und Auseinandersetzungen kleinlich. Noch heute wirken nicht nur die politischen Akteure in den Fernsehaufnahmen dieser Tage wie besoffen vor Freude. Tausende Menschen trafen sich an neu eröffneten Grenzübergängen, sammelten sich an der Mauer am Potsdamer Platz oder liefen mehr oder weniger ziellos am Kurfürstendamm, an der Gedächtniskirche und am Bahnhof Zoo herum.

In diesen Tagen zeigte sich West-Berlin quer durch alle Milieus den ostdeutschen Besucherinnen und Besuchern gegenüber gastfreundlich. So mancher beherbergte für eine Nacht Gäste aus Ost-Berlin oder der restlichen DDR. Für kurze Zeit kannte die Großzügigkeit keine Grenzen – Kaffee, Kuchen, Schokolade und Bananen wurden gratis an die Ostdeutschen verteilt, und Museen und Theater verzichteten darauf, Eintritt von ihnen zu kassieren.[14] Die Berliner Sparkasse und andere Geldinstitute erklärten sich bereit, die 100 D-Mark Begrüßungsgeld auszuzahlen, und entlasteten damit die zuständigen Sozialämter.[15] Über 150 Millionen D-Mark Begrüßungsgeld flossen in den ersten Tagen nach dem Mauerfall – Geld, das in den meisten Fällen direkt dem West-Berliner Einzelhandel zugutekam. Nach dem Weihnachtsgeschäft hoffte dieser Anfang Januar 1990, mit der Auszahlung des 1990er-Begrüßungsgeldes gar auf einen weiteren Boom.[16] Nur vereinzelt wurden die "Brüder und Schwestern" schon jetzt als "leichte Beute" ausgemacht, Menschen, denen man überteuerte Südfrüchte[17] und jedweden Ramsch andrehen konnte.[18]

Willy Brandt und Walter Momper auf der Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus (© dpa – Fotoreport)


Schon für den Abend nach dem Mauerfall lud der Senat zu einer "Freiheitskundgebung" am Rathaus Schöneberg, dem Sitz des West-Berliner Parlaments, ein (Abbildung). Allem Anschein nach sollte die Wahl des Veranstaltungsortes auch an jene Versammlung im Augsut 1961 erinnern, auf der der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt (SPD) gegen den Mauerbau am 13. August protestiert hatte – allerdings sollte die Veranstaltung am 10. November unter umgekehrten Vorzeichen stehen. Sie sollte der euphorischen Stimmung angemessenen Ausdruck geben, sollte dafür stehen, dass man gemeinsam die historische Stunde feierte. Während indes Willy Brandt und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) mit Beifall bedacht wurden, gingen die Worte des bei vielen West-Berlinerinnen und -Berlinern unbeliebten Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) in einem gellenden Pfeifkonzert unter.[19] Kohl reagierte auf diese Störung dünnhäutig und wehrte Versuche Mompers, die Menge zu beschwichtigen, unwirsch ab.[20] Als "flegelhaft" verurteilte ein auswärtiger Leser der "Berliner Morgenpost" das Verhalten dieser "Berliner" (die er wohlweislich, weil sie angeblich keine "echten" Berliner seien, in Anführungszeichen setzte).[21] Bis in den Dezember 1989 hinein äußerten weitere Leserinnen und Leser der "Berliner Morgenpost", die dem Bundeskanzler eher nahe stand, Scham und Unverständnis für die Szenen vor dem Schöneberger Rathaus. Nicht wenige vermuteten, dass es sich um "bestellte" (möglicherweise von "Ost-Berlin" gelenkte) Proteste gehandelt habe, ohne dies zu präzisieren. "Es war ein Meer des Glücks. Es gab keine Parteien, es gab nur Deutsche, die zueinander gehörten", beschrieb der Leser U. Manteufel die Situation, die die "Chaoten" gestört hatten.[22] Wenig erstaunlich angesichts solcher Hochgefühle war, dass die Parole "Nie wieder Deutschland!", mit der linke Wiedervereinigungskritiker wenig später auf die Straße gingen, auf völliges Unverständnis traf.[23] Selbst die Worte Mompers, der vom "Volk der DDR" sprach, stießen auf Kritik.[24] Man müsse, im Gegenteil, die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, alles Notwendige zur Vereinigung anstreben und die Mauer baldmöglichst beseitigen. Abwägendere Stimmen waren selten.[25]

Die Berliner Mauer als das sichtbarste Zeichen der Teilung stand ein ums andere Mal im Mittelpunkt des Interesses. Gerade in den ersten Tagen wurde jede weitere Grenzöffnung, jedes weitere Loch in der Mauer begeistert gefeiert. Mitte Dezember 1989, als sich der erste Jubel gelegt hatte, sorgte die Öffnung der Mauer am symbolträchtigen Brandenburger Tor für einen Höhepunkt, für das "schönste Weihnachtsgeschenk an alle Berliner", wie Oppositionsführer Diepgen meinte.[26] Parteizugehörigkeiten waren in der Auseinandersetzung über die Zukunft der Mauer nebensächlich: Auch Momper hätte es am liebsten gesehen, dass die ostdeutsche Regierung die Mauer stückweise verkauft und rasch abbaute. Wenn sich Teile davon verkaufen ließen – umso besser. Stimmen für den Erhalt von Teilstücken kamen aus der Kulturszene, etwa vom späteren Kultursenator Ulrich Roloff-Momin und dem Direktor des im Aufbau befindlichen Deutschen Historischen Museums Christoph Stölzl.[27] Die West-Berliner Fachleute erörterten die Denkmalwürdigkeit des Bauwerks ebenfalls, erinnerten aber daran, dass in dieser Angelegenheit Ost-Berlin zu entscheiden habe.[28] Im Alltag nahmen außerdem Hunderte von "Mauerspechten" den Betonwall in Eigeninitiative aufs Korn – mit Werkzeugen aller Art schlugen sie kleine und größere Brocken aus der Mauer, wobei ihr Interesse vor allem der bemalten Westseite galt.[29] Die West-Berliner Polizei schritt nur sporadisch ein.[30] Es überwog der Stolz darauf, dass auch Prominente, wie die TV-Moderatorin Carolin Reiber, Mauerbrocken mit nach Hause nahmen.[31]

In diesen ersten euphorischen Tagen gab es nur wenige Missklänge. Lediglich die enormen zusätzlichen Kosten, für die West-Berlin aufzukommen hatte, etwa für Notunterkünfte und Versorgung von Übersiedlern, von denen sich weiterhin täglich bis zu 500 meldeten,[32] oder für die Verkehrsbetriebe, bereiteten den Verantwortlichen Sorgen.[33] In der Frage zusätzlicher Subventionen vom Bund waren sich sogar die ansonsten erbitterten Kontrahenten Momper und Diepgen einig,[34] aber erst Ende November kamen positivere Signale aus Bonn.[35]


"Neue Normalität"



Für die "Berliner Morgenpost" herrschte ab dem 21. November eine "neue Normalität",[36] die sich äußerlich kaum von den vorangegangenen Tagen unterschied. Aber nun klagten einzelne über die drangvolle Enge in der Straßenbahn oder über die Abgase von Trabant und Wartburg auf den West-Berliner Straßen.[37] Es könne nicht angehen, so der Tenor, dass West-Berliner von Fahrverboten bedroht würden, Ostdeutsche aber nicht. "Gleiches Recht für alle" lautete auch die Parole, wenn es um die Forderung nach Beseitigung der Visumspflicht für West-Berliner bei Reisen in die DDR und nach Ost-Berlin ging. Gerade für Rentnerinnen und Rentner seien die geforderten 25 D-Mark "Zwangsumtausch" schwer aufzubringen.[38] Der Senat griff diese Forderungen Ende November 1989 auf.[39]

Verkehrssenator Horst Wagner (SPD) und Umweltsenatorin Michaele Schreyer (AL) riefen die Ostdeutschen wiederholt auf, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach West-Berlin zu kommen.[40] Nicht allein die Umweltbelastung wurde dabei angesprochen.[41] Ebenfalls zur Sprache kam die "Überforderung" ostdeutscher Fahrerinnen und Fahrer mit dem West-Berliner Verkehr. Allzu häufig würden Autos falsch geparkt, zudem habe die Gefahr für Radfahrende durch die unsicheren Verkehrsteilnehmer zugenommen.[42]

"Normalität" bedeutete aber auch, dass sich die kurzzeitig verdrängten Alltagsprobleme und -ärgernisse wieder in den Vordergrund schoben. Eine Spitzenposition unter diesen nahm nach wie vor der "Polenmarkt" ein. Anwohnerinnen und Anwohner beschwerten sich wiederholt über Dreck, Prostitution und Kriminalität, die im Umfeld des Marktes herrschten. Bürgermeister Momper wies – wenig geschickt – darauf hin, dass man es mit Problemen zu tun habe, die das Metropolendasein mit sich bringe.[43] Eine neue Stoßrichtung erhielt die Kritik dadurch, dass sie sich mit den ostdeutschen Klagen über polnische "Spekulanten" traf, die angeblich massenhaft ohnehin knappe und zudem stark subventionierte Waren aufkauften, um sie anschließend in West-Berlin anzubieten.[44] Berichten zufolge machten sich die in erster Linie gegen Polen gerichteten ostdeutschen Ausfuhrbestimmungen am Reichpietschufer durch eine "Flaute" und eine zwischenzeitlich geringere Anzahl von Anbietern bemerkbar.[45] Ungeachtet der Vorbehalte kamen auch ostdeutsche Besucher, einige verkauften zeitweise Tafelgeschirr oder Modelleisenbahnen auf dem "Polenmarkt";[46] andernorts begann der Handel mit Devotionalien der Nationalen Volksarmee.[47]

Polen und Polinnen blieben nicht die einzigen, die sich das unmittelbare Nebeneinander von zwei Währungen so unterschiedlicher Stärke zunutze machten. Nicht wenige Ostdeutsche nutzten die teils chaotischen Verhältnisse bei der Ausgabe des Begrüßungsgeldes, um mehrfach zu kassieren. Andere versuchten, wie etwa die Ost-Berliner Rentner, ihre knappen Einkünfte wenigstens vorübergehend aufzubessern. Die 100 D-Mark Begrüßungsgeld wurden "schwarz" in Ostmark getauscht, wobei die Rentner vom rasch fallenden Kurs der DDR-Mark profitierten.

Die offenen Grenzen begünstigten zudem die Schwarzarbeit von Ost-Berlinern im Westteil.[48] Sorgte sich die West-Berliner Politik vor allem um die Konkurrenz auf dem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt, so befürchtete die Ost-Berliner Verwaltung eine weitere Schwächung ihrer Betriebe. DDR-Regierungschef Hans Modrow befürchtete durchaus zu Recht, dass die wirtschaftlichen Folgen der offenen Grenze für die DDR katastrophal sein könnten. Anders als vor 1961 bemühten sich aber nun West und Ost gemeinsam , das illegale "Grenzgängertum" zu bekämpfen.[49] In diesem Sinne war auch die Idee, (arbeitslose) West-Berliner Ärzte nach Ost-Berlin einzuladen, zu verstehen.[50] Als eher randständiges Problem erschien es, dass sich vietnamesische "Vertragsarbeiter" aus Ost- nach West-Berlin absetzten, solange es bei Einzelfällen blieb.[51]

Die Aufnahme von Übersiedlern aus Ost-Berlin wurde Streitthema. Ende November 1989 "schob" der Senat erstmals einzelne von ihnen ins Bundesgebiet "ab".[52] Nicht nur bei der CDU-Opposition sorgte dies für Empörung: Eberhard Diepgen äußerte Unverständnis darüber, dass Innensenator Erich Pätzold (SPD) zwar selbst abgelehnten Asylbewerbern Aufenthalt gewähre, den "eigenen Landsleuten", denen, "die hier in Berlin aufgewachsen und zur Schule gegangen sind", aber ähnliches verweigere.[53] Die Gegenüberstellung Diepgens ist insofern symptomatisch, als der Prozess der Ausgrenzung von Fremden, seien dies nun "Asylanten" oder "Gastarbeiter", fortschritt. Ingrid Stahmer und Barbara John (CDU) als Ausländerbeauftragte machten insbesondere unter den Zuwandernden aus der DDR und Osteuropa fremdenfeindliche Tendenzen aus.[54]


Alltag Einheit



Es überwogen die optimistischen Stimmen: Dass ein geeintes Berlin Hauptstadt der Bundesrepublik sein werde, daran zweifelte hier kaum jemand. Die Pläne aber reichten weiter, und insbesondere ein Gedanke gewann in Ost- und West-Berlin rasch prominente Unterstützer: Beide Stadthälften sollten gemeinsam die Olympischen Sommerspiele 2004 ausrichten. Der Bundestag mit Ausnahme der Grünen setzte sich für die Bewerbung ein, der US-amerikanische Präsident George H.W. Bush und der sowjetische Regierungschef Michail Gorbatschow hatten Zustimmung signalisiert. Nicht nur in diesem Kontext war es verständlich, dass ein Verzicht auf den Ausbau des Flughafens Tegel (wie er zuvor erörtert worden war) nicht mehr infrage kam. Stattdessen schien eine Erweiterung der Flugkapazitäten zwingend notwendig, ob dies nun den Ausbau Schönefelds beträfe oder die Entwicklung eines weiteren Standortes.

Intensiv diskutiert wurde auch die Planung der Innenstadt. Schon wenige Tage nach Maueröffnung erörterte die "Berliner Morgenpost" Pläne zur Bebauung des Potsdamer Platzes. Als Basis dafür dienten Planungen aus dem Jahr 1983. Der zu Mauerzeiten vernachlässigte Stadtraum sollte so wiederbebaut werden, dass seine Ergänzung nach Osten kein Problem darstelle – allein die Verkehrsführung war in diesem Konzept offen.[55] Erörtert wurden Vorschläge, den nun obsolet gewordenen Grenzstreifen in eine Autobahn umzuwidmen;[56] die neue Metropole schien mit der Verringerung des Individualverkehrs nicht mehr vereinbar.

Berlin sollte zukünftig als westliche Metropole noch stärker nach Ost- und Südosteuropa ausstrahlen. Nach dem Mauerfall wurde das Umland immer stärker in diese Überlegungen miteinbezogen.[57] Dazu gehörte auch, dass findige West-Berliner mittels "Strohmann" ab November versuchten, Immobilien im Umland, aber auch in Dresden und Leipzig zu erwerben.[58] Mancher West-Berliner tauchte auch unvermittelt vor einem Eigenheim in Kleinmachnow oder anderswo auf und machte Besitzansprüche geltend.[59]

West-Berlin "wuchs" auch in anderen Bereichen nach Ost-Berlin und ins Umland. Die Freigabe des Gebrauchtwagenimports in die DDR Anfang 1990 erlaubte es nicht nur Hunderten von DDR-Bürgern sich den Traum vom eigenen Auto zu erfüllen, sondern es begannen auch goldene Zeiten für windige Geschäftemacher. Schon vor der Währungsunion verkauften sie etliche, meist überteuerte und teils schrottreife West-PKW nach Ost-Berlin und in die DDR. Sekten wie die Scientology-Kirche rekrutierten ebenso Anhänger wie die fremdenfeindlichen Republikaner.[60] Selbstverständlich trieb viele West-Berliner auch schlichte Neugier ins Umland.

Andere wurden von den Freiräumen im Osten angezogen: Junge Leute aus West-Berlin besetzten leer stehende Häuser in Ost-Berlin. Teils organisierten sie sich gemeinsam mit Ost-Berliner Gleichgesinnten, teils herrschte aber auch Unverständnis wegen der unterschiedlichen "Besetzerkultur". Nicht selten meinten auch diese "Wessis", den "Ossis" erst beibringen zu müssen, wie man etwas "richtig" macht.[61] Die Ost-Berliner Stadtregierung stand den Besetzungen hilflos gegenüber, ebenso wie den illegalen Clubs und Bars. Letztlich war es die West-Berliner Polizei, die die Mainzer Straße im November 1990 räumte. Der rot-grüne Senat zerbrach über dieser Auseinandersetzung endgültig, und bis auf Weiteres standen die Zeichen in der nun vereinten Stadt für politische "Experimente" schlecht. Denn im Laufe des Jahres 1990 deutete sich bereits an, dass die Einheit mit einem Verzicht auf Subventionen, die an den bisherigen Sonderstatus der Stadt geknüpft gewesen waren, verbunden war. Hinzu kamen wirtschaftliche und soziale Probleme, die durch den Wegzug von Unternehmen entstanden.

Der "Polenmarkt" machte eine neue von Osteuropa ausgehende Armuts- und Arbeitsmigration bereits vor der Wende deutlich. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich diese Tendenz fort. Überfüllte Pendlerzüge von der polnischen Grenze nach Berlin sprechen bis heute eine deutliche Sprache.[62]

Aber nicht nur aus Polen kommen die Berufspendler: Tausende von Menschen pendeln heute täglich aus dem "Speckgürtel" in die Innenstadt, die Metropolenregion Berlin wächst Jahr um Jahr. Damit steht Berlin im krassen Gegensatz zu West-Berlin, das auch seine Besonderheit als Insel mit begrenztem Wachstum auszeichnete. Der Mauerfall leitete nicht nur das Ende der Isolierung vom Umland ein – er war auch ein Zeichen dafür, dass von den "Roten" keine existenzielle Gefahr mehr ausging. Gleichzeitig verlor die "Mauerstadt" einen Teil ihrer Identität. Der Kampf um den Erhalt von West-Berliner Nischen dauert bis heute an – auch unabhängig von sporadisch verkündeten Revivals.[63]
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Autor: Elke Kimmel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Als Basis dafür dient eine Durchsicht insbesondere der "Berliner Morgenpost" (im Folgenden BM abgekürzt), ergänzend des "Berliner Tagesspiegel" (BT) und der "Tageszeitung" (taz). Aussagekräftig ist insbesondere die BM, da hier täglich Leserzuschriften in großer Anzahl abgedruckt wurden.
2.
Vgl. "Wir machen nicht aus Spaß Krawall". Spiegel-Interview mit den Kreuzberger Autonomen Alex und Ronnie über ihre Strategie der Gewalt, in: Der Spiegel, 8.5.1989, S. 115–120.
3.
Vgl. 800 Unterschriften gegen Busspur in der Königsberger, in: BM, 3.11.1989, S. 12; Leserzuschrift "Existenzen werden bedroht" von Jan M. Dittmann aus Berlin, in: BM, 3.11.1989, S. 28.
4.
Vgl. Leserzuschrift "Autofreie Stadt" von Sven Nießen aus Berlin, in: BM, 7.11.1989, S. 22.
5.
Vgl. Berlin: Mompers Landsuche in der DDR, in: Der Spiegel, 25.9.1989, S. 14.
6.
Vgl. Michael L. Müller, Fluchtwelle bringt dramatische Probleme für Berlin mit sich, in: BM, 8.11.1989, S. 1f.
7.
Vgl. Ursula von Bentheim, Berliner Millionär: Flüchtlinge können in meinem Park wohnen, in: BM, 7.11.1989, S. 5.
8.
Vgl. Uwe Dannenbaum, Krisensitzung bei BVG und Senat: So soll der Ansturm von "drüben" bewältigt werden, in: BM, 8.11.1989, S. 3.
9.
Vgl. Michael L. Müller, Momper für "Runden Tisch" in Berlin, in: BM, 9.11.1989, S. 2.
10.
Vgl. Berlin bald wieder Zentrum Europas?, in: BM, 9.11.1989, S. 1.
11.
Leserzuschrift "Unverfrorenheit" von Gerhard Kiank, in: BM, 5.11.1989, S. 44.
12.
Leserzuschrift "Krank im Kopf" von M. Freyer, in: BM, 12.11.1989, S. 86.
13.
Vgl. Leserzuschrift "Gedankliche Verwirrung" von Walter Schaumann aus Berlin, in: BM, 12.11.1989, S. 86.
14.
Vgl. Volksbühne vergibt Karten, in: BM, 10.11.1989, S. 4; vgl. auch Sabine Puthz, Am Obststand bekam ein Ehepaar feuchte Augen, in: BM, 11.11.1989, S. 4; Christoph Lang, Freibier, Oper, Fußball für die Ost-Besucher, in: BM, 11.11.1989, S. 8.
15.
Vgl. Noch vor Mitternacht strömten Tausende von Ost-Berlinern nach West-Berlin, in: BM, 10.11.1989, S. 1f.
16.
Vgl. Christoph Lang, Begrüßungsgeld – ein Motor für die West-Berliner Wirtschaft, in: BM, 14.11.1989, S. 4.
17.
Vgl. Wucherpreise für Weintrauben, in: BM, 15.11.1989, S. 4.
18.
Vgl. Händler locken mit Ramsch aus ganz Europa, in: BM, 19.11.1989, S. 5.
19.
Vgl. Frank Langrock, Ein Tag, auf den die Berliner 28 Jahre lang gewartet haben, in: BM, 11.11.1989, S. 2.
20.
Vgl. Kanzler beschwert sich über Pfiffe, in: BM, 12.11.1989, S. 16.
21.
Vgl. Leserzuschrift "Wie flegelhaft" von Dieter Karbenk aus Hattingen, in: BM, 1.12.1989, S. 28.
22.
Leserzuschrift "Es war wie ein Meer des Glücks" von U. Manteufel aus Berlin, in: BM, 24.11.1989, S. 29. 1987 hatte der damalige Regierende Bürgermeister Diepgen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen am 1. Mai in Kreuzberg von "Antiberlinern" gesprochen: West-Berliner-Sein und zugleich "Chaot" war in dieser Sichtweise, die sich auch die Morgenpost und ihre Leser zu eigen machten, nicht möglich.
23.
Leserzuschrift "Krenz und die Karte Momper" von Horst Stutz, Berlin, in: BM, 18.11.1989, S. 14.
24.
Vgl. Leserzuschrift "Die Chance war nie so groß" von Daniel Coybes aus Berlin und "Verfassungseid nicht beiseite schieben" von Joachim F. Schultz aus Berlin, in: BM, 1.12.1989, S. 28.
25.
Vgl. Leserzuschrift "Freiheit lassen" von Jürgen Kohlschmidt, in: BM, 18.11.1989, S. 14.
26.
"Das schönste Weihnachtsgeschenk an alle Berliner", in: BM, 20.12.1989, S. 3.
27.
Vgl. Susanne Holl, Schandfleck oder Kulturdenkmal? Zukunft der Mauer ist umstritten, in: BM, 19.11.1989, S. 5.
28.
Vgl. Rainer Stache, Denkmalschützer denken über die Mauer nach, in: BM, 14.11.1989, S. 6.
29.
Vgl. Rüdiger Scharf, "Mauerspechte": Das große Geschäft mit den kleinen Steinen, in: BM, 16.11.1989, S. 4; ders., Ein Stück Mauerkrone für den Garten in Texas, in: BM, 17.11.1989, S. 4.
30.
Vgl. Kurz notiert: Behörden verboten Handel mit Mauer, in: BM, 30.11.1989, S. 7.
31.
Vgl. Ein Brocken für Carolin Reiber, in: BM, 3.12.1989, S. 6.
32.
Vgl. Rüdiger Scharf, 500 pro Tag: Zahl der Übersiedler pendelt sich ein, in: BM, 21.11.1989, S. 5.
33.
Vgl. Frank Langrock, Senat besteht auf erhöhter Bundeshilfe, in: BM, 18.11.1989, S. 12.
34.
Vgl. Michael L. Müller, Momper will 785 Millionen zusätzlich aus Bonn, in: BM, 1.12.1989, S. 9.
35.
Vgl. Waigel will Finanzhilfe an Berlin prüfen, in: BM, 29.11.1989, S. 15.
36.
Titel einer Rubrik, die die BM ab 21.11.1989 einführte.
37.
Vgl. Leserzuschrift "Lebensgefährliches Gedränge" von Hertha Schütze aus Berlin 47, in: BM, 15.12.1989, S. 20.
38.
Vgl. Leserzuschrift "Keinen Pfennig" von Günter Förster aus Berlin 42, in: BM, 22.11.1989, S. 43.
39.
Vgl. Michael L. Müller, Momper fordert Ende des Zwangsumtauschs, in: BM, 24.11.1989, S. 1.
40.
Vgl. Senator Wagner appelliert: Laßt die Autos zu Hause, in: BM, 16.11.1989, S. 4.
41.
Vgl. Rainer Stache, Nein zum Auto auch nach der Maueröffnung, in: BM, 25.11.1989, S. 3.
42.
Vgl. Radfahrer fürchten Auto-Fahrer von drüben, in: BM, 30.11.1989, S. 7; Christoph Lang, "Noch gibt’s keine Strafzettel für falsch geparkte Trabis", in: BM, 5.12.1989, S. 4.
43.
Vgl. Leserzuschrift: "Politikern sollten mit Anwohnern tauschen" von Heinz Schlischka aus Berlin 42, in: BM, 3.12.1989, S. 44.
44.
Vgl. Leserzuschrift "Mehrzahl der Polen sind Touristen" von Uwe Skodowski, in: Berliner Zeitung, 25.11.1989, S. 3.
45.
Vgl. Flaute auf dem Polenmarkt, weil DDR den Billig-Kauf erschwerte, in: BM, 26.11.1989, S. 1.
46.
Vgl. Polen bekommen auf dem Polenmarkt Konkurrenz, in: BM, 18.11.1989, S. 5.
47.
Vgl. Lutz-Peter Naumann, An der Mauer floriert der Ost-West-Handel mit DDR-Militaria, in: BM, 9.12.1989, S. 4.
48.
Vgl. Rüdiger Scharf, Schwarzarbeit: Schnelle Mark mit einem West-Job?, in: BM, 21.11.1989, S. 5.
49.
Vgl. Momper und Krack wollen Schwarzarbeit bekämpfen, in: Berliner Zeitung, 22.12.1989, S. 1.
50.
Vgl. Martina Fischer, 500 Ärzte wollen in Ost-Berlin arbeiten, in: BM, 21.11.1989, S. 5.
51.
Vgl. Chris Sommer, Vietnamesen nutzten offene Grenzen, in: BM, 16.11.1989, S. 8.
52.
Vgl. Rüdiger Scharf, Aufnahmebeschränkung für Umsiedler, in: BM, 30.11.1989, S. 7.
53.
Michael L. Müller, Diepgen: Senat darf Berlin nicht "noch mal teilen", in: BM, 30.11.1989, S. 7.
54.
Vgl. "Schiefes" Bild von Ausländern?, in: BM, 30.11.1989, S. 8.
55.
Vgl. Michael Dieterici, Berlin Mitte: Scharnier zwischen Ost und West, in: BM, 14.11.1989, S. 11.
56.
Vgl. Ost-Berliner Planer schlägt vor: Stadt-Autobahn statt der Mauer, in: BM, 26.11.1989, S. 1.
57.
Vgl. Michael L. Müller, Neue CDU-Pläne zum "Großraum Berlin": Berlin – wichtigste Metropole zwischen Paris und Moskau, in: BM, 24.11.1989, S. 4.
58.
Vgl. Christoph Lang, Von Strohmännern, Erbtanten und Immobilienspekulanten, in: BM, 24.11.1989, S. 7.
59.
Vgl. Klaus-Jürgen Warnick zit. nach Elke Kimmel, Lebensgeschichte Einheit. Eine Interviewcollage, in: Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft, Berlin 2015, S. 62f.
60.
Vgl. Warnung vor Sektenaktivitäten, in: Neue Zeit, 25.11.1989, S. 3.
61.
Vgl. Dirk Moldt zit. nach Kimmel (Anm. 59), S. 66f.
62.
Mathias Schulz, Völkerwanderung am Freitag. Spiegel-Redakteur Mathias Schulz über die neuen Gastarbeiter aus dem Osten, in: Der Spiegel, 21.11.1994, S. 54–60.
63.
Vgl. Elke Kimmel, West-Berlin. Biografie einer Halbstadt, Berlin 2018, S. 215.

Elke Kimmel

Zur Person

Elke Kimmel

ist promovierte Historikerin, Kuratorin und Leiterin des Barnim Panoramas in Wandlitz. e.kimmel@barnim-panorama.de


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