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29.6.2006

Die geheimen Freuden des Provinzialismus

Einerseits besteht Konsens über die europäische Orientierung Bulgariens, andererseits lassen Meinungsumfragen antieuropäische Haltungen zutage treten. Niemand weiß genau, wie die Haltung Bulgariens zu Europa aussieht.

Einleitung

Zur Zeit des Sozialismus gab es einen berühmten Witz, der angeblich den Nationalcharakter der Bulgaren beschreibt: Ein amerikanischer Spion wird nach Bulgarien geschickt und übermittelt einen Monat später eine verzweifelte Nachricht an seine Vorgesetzten: "Ich verstehe in diesem Land überhaupt nichts. Niemand arbeitet, aber alle erhalten Lohn. Alle erhalten Lohn, aber in den Läden gibt es nichts zu kaufen. In den Läden gibt es nichts zu kaufen, aber alle Kühlschränke sind voll. Die Kühlschränke sind voll, aber alle hassen die Kommunisten. Alle hassen die Kommunisten, aber niemand protestiert."






Diese Kette der Widersinnigkeiten könnte bis in die heutige Zeit der Vorbereitung auf den Beitritt des Landes zur Europäischen Union (EU) verlängert werden. Einerseits besteht nahezu einhelliger Konsens über die europäische Orientierung des Landes, andererseits lassen Meinungsumfragen (etwa zur Abschaltung des einzigen Kernkraftwerks, zu sozialen Maßnahmen für die Minderheit der Sinti und Roma oder zur Wiedereinführung der Todesstrafe) offen antieuropäische Haltungen zutage treten, werden Prioritäten der Integration zugunsten innerer Überzeugungen über Bord geworfen. Bleibt es abstrakt, werden die Europäer bewundert; geht es jedoch um einen EU-Experten, einen griechischen Kapitalisten oder eine französische Fußballmannschaft, entladen sich wie aus heiterem Himmel erstaunlich negative Energien. Um welchen Aspekt der Integration es sich auch handelt - niemand weiß genau, wie die Haltung des Landes aussieht. Die bulgarischen Verhandlungsführer oder Europaminister werden im eigenen Land bisweilen verächtlich "Mr./Mrs. Yes" genannt. Fällt das Ergebnis der Beitrittsverhandlungen zum allgemeinen Erstaunen dann doch nicht so schlecht aus und wird Bulgarien (das Land unter den zehn mittel- und osteuropäischen Beitrittskandidaten, das der UdSSR am nächsten und vom Westen am entferntesten war) fair behandelt, ruft das nicht etwa Begeisterung, sondern paranoide Spekulationen über geheime Beitrittsklauseln und eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe hervor.

Dieses Paradox findet sich überall. Die meisten Bulgaren sind froh, endlich zur "Mannschaft" der Stärkeren zu gehören - beispielsweise zur NATO -, und stehen deren Vorgehen gegen Serbien gleichzeitig extrem kritisch gegenüber. Auswanderung wird als aufregende Chance für Einzelne und als Einkommensquelle für das gesamte Land betrachtet, doch löst die Vorstellung von einer demografischen Apokalypse tiefe nationale Depressionen aus. Die Bulgaren sind stolz darauf, eine Nation fleißiger Bürger zu sein, und schämen sich im nächsten Moment ihrer Faulheit; man hört von heroischen Kämpfen und historischen Taten, ebenso aber Geschichten von Verrat und Niedertracht.

Small is beautiful

Einer der ersten Eindrücke, die ein ausländischer Beobachter von Bulgarien gewinnt, ist der von der notorischen Ruhe und Provinzialität seiner Bürger. Dies ist nicht nur eine Frage des Temperaments, sondern der politischen Kultur, in der radikale Lösungen nur selten bevorzugt werden. Man nehme das NS-freundliche Regime der dreißiger Jahre: 1940 wurden zwar Rassengesetze beschlossen, aber nur halbherzig durchgesetzt. In einem berüchtigten Schreiben an den deutschen Außenminister beklagte sich 1943 der Botschafter in Bulgarien, Adolf Beckerle, dass die unter "Armeniern, Griechen und Zigeunern" aufgewachsenen Bulgaren nicht jene ideologische Eindeutigkeit erworben hätten, zu der die Nationalsozialisten in Rassenfragen gefunden hätten. Die Ermordung von Juden wurde nach dem mutigen Widerstand von Abgeordneten, Intellektuellen und Priestern gestoppt, und doch wurde dieser kompromittiert, als rund 12 000 Juden in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten von der bulgarischen Armee an die Deutschen ausgeliefert wurden. So ist Bulgarien weder eine Nation, die von Nazidämonen heimgesucht wird, noch eine Nation von Helden.

Auch der Kommunismus war (glücklicherweise) auf eine gewisse Art provinziell. Entgegen der verbreiteten Annahme einer engen politischen Verbundenheit der beiden Länder war der Kommunismus in Bulgarien das genaue Gegenteil von dem in der Sowjetunion. Während des Zeitraums von 45 Jahren wurden etwa 10 000 Menschen ermordet - was ziemlich genau einer durchschnittlichen Diktatur in der so genannten Dritten Welt entspricht. Obwohl es damals zu keiner Zeit zu Massenunruhen gegen das System kam und gegenwärtig eine gewisse nostalgische Sehnsucht nach der alten Zeit zu beobachten ist, heißt das nicht, dass sich die Menschen je von den kommunistischen Idealen hätten begeistern lassen. Der Anthropologe Gerald Creed meint, dass die Bulgaren "die Revolution gezähmt" und die Ideale des Marxismus-Leninismus in eine beschauliche, kleinbürgerliche Welt von verwandtschaftlichem und nachbarschaftlichem Geben und Nehmen übertragen hätten. Angehörige meiner Generation werden sich an die Geschichte des sowjetischen Kriegshelden Alexander Matrossow erinnern, der die Schießscharte eines NS-Bunkers mit seinem Körper blockierte und es so der Roten Armee ermöglichte, anzugreifen. In unseren Schulbüchern wurde er deshalb als erhabenes moralisches Vorbild dargestellt. Offenbar gab es eine ähnliche Geschichte über einen bulgarischen Soldaten, von dem wir in der Schule allerdings nie gehört haben - wohl, weil es ihr an Symbolik mangelte, denn dieser Soldat verhüllte den Bunkerschlitz mit seinem Übermantel.

Leser der Regenbogenpresse lieben Deutungen des bulgarischen Nationalcharakters, die sich leichtfüßig zwischen den beiden Polen Stolz und Scham bewegen. Ich möchte mich diesem Nationalcharakter nicht existenzialistisch, sondern konstruktivistisch nähern und mich auf das beziehen, was Fernand Braudel und Immanuel Wallerstein als "Welt-Ökonomie" bezeichnet haben: Nicht nur Bulgarien ist geprägt von einem eng verwobenen System, in dem staatliche Autonomie nur ein Element des übergeordneten Machtmechanismus darstellt. Die politische Kultur Bulgariens lässt sich mit einer Metapher von universaler Geltung beschreiben: der Provinz. Als Provinz (lateinisch pro + vincere) galt die eroberte Peripherie, befriedet durch die Pax Romana. Jedes Zentrum hat seine Provinz, doch gibt es unterschiedliche Ebenen von Provinzialität. Einige Gebiete sind bestrebt, ein bestimmtes Maß an Souveränität zu erreichen. Andere bezeichnen wir als "tiefe Provinz", weil sie keine realistische Aussicht auf Autonomie haben. Ich definiere Provinz als Beziehungsgeflecht zwischen dem Zentrum und der Peripherie, das sich aus historischen, wirtschaftlichen oder politischen Konstellationen ergibt.

Zu den prägendsten Merkmalen einer Provinz gehört das Spiel der doppelten Legitimation, in dem Eliten ihre Position daheim dem Zugang zum imperialen Machtzentrum verdanken; innerhalb des Imperiums dagegen dem Umstand, Vertreter einer lokalen Gemeinschaft zu sein. So war es auch bei den bulgarischen Eliten des 18. Jahrhunderts und ihren Beziehungen zum Osmanischen Reich. Wie die meisten Imperien stand das Osmanische Reich der Selbstverwaltung konfessioneller Gemeinschaften aufgeschlossen gegenüber. Im Reich galt kein einheitlicher Standard; Rechte und Privilegien von Städten und Dörfern hingen zum großen Teil vom Verhandlungsgeschick der lokalen Autoritäten gegenüber den Vertretern der Hohen Pforte ab. In den Beziehungen zur Zentralmacht kam damit auch ein besonderes persönliches Moment zum Tragen: Die Mittelsmänner standen mit ihrem Leben und ihrem Besitz dafür ein, dass die von ihnen vertretenen Orte keine Probleme verursachten. Hält man sich vor Augen, dass die Bulgaren damals in kleinen Städten und Dörfern wohnten, in denen jeder jeden kannte, kann man die seltsame Mischung aus Dankbarkeit und Undankbarkeit gegenüber der Macht nachempfinden, die dieses Arrangement hervorrief.

Diese Struktur, die sowohl im antiken Rom als auch im Mittelalter zu finden ist, ist nicht einzigartig. Die Besonderheit Bulgariens liegt darin, dass sie sich dort so leicht mit der beginnenden Moderne verschmelzen ließ. In punkto Autonomie hat das Land keine lange Tradition aufzuweisen. Der moderne bulgarische Staat, der am Ende des russisch-türkischen Krieges von 1878 entstand, wurde erst 1908 vollständig vom Osmanischen Reich unabhängig. Die sich bald darauf ereignenden Katastrophen des zweiten Balkan- und des Ersten Weltkrieges stürzten die Nation in Depression und in tiefe wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten (etwa an Bedingungen geknüpfte Kredite französischer Banken). In den dreißiger Jahren schließlich, nach einer kurzen Phase des Wohlstands und der Eigenständigkeit, geriet Bulgarien in den Machtbereich Deutschlands, nach 1944 übergangslos in den der Sowjetunion.

Diese letzte Form "begrenzter Souveränität" lohnt einen genaueren Blick. Im Gegensatz zum "totalitären" Paradigma, demzufolge sich der Kommunismus als Gesellschaft atomisierter, einander entfremdeter Individuen erklären lässt, war diese Zeitspanne (vor allem auf dem Balkan) eine Wiederholung der osmanischen Struktur der an den Menschen orientierten, emotional beteiligten Mittelsmänner zwischen der Zentralmacht und dem Volk. Wenn überhaupt etwas modernisiert wurde, dann die Beschaffenheit der patriarchalischen, sich selbst verwaltenden Einheiten, die nun keine Dörfer oder millets (Glaubensgemeinschaft im Osmanischen Reich) mehr waren, sondern Unternehmen, künstlerische Vereinigungen oder "politische" Organisationen.

Das Oberhaupt der Einheit gehörte zu einer bestimmten Ebene der Nomenklatura und hatte Zugang zu den Mitgliedern der oberen Kreise. Die Mitglieder der Einheit waren ihm gegenüber loyal, weil er die Gruppe verteidigte, ihr Vorteile vermittelte und die Gruppe ihn oft selbst auf seine gegenwärtige Position berufen hatte. Das Kollektiv fühlte sich über ein persönliches Treueverhältnis an sein lokales Oberhaupt gebunden, nicht im feudalen Sinn, sondern eher als entfernte Verwandtschaft, die sich über die Zugehörigkeit zur gleichen Landsmannschaft, den Austausch von Diensten, gemeinsame Trinkgelage oder sexuelle Beziehungen definierte. Gesellschaftliche oder politische Kritik bereitete dem Oberhaupt der Gruppe umgehend Probleme und wurde als unmoralisch erachtet. Deshalb wurde ein Dissident, der abstrakte Prinzipien über die auf die Gemeinschaft gestützte Loyalität stellte, in der Regel zum Außenseiter (und in der UdSSR oft in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen). Nicht zufällig wurden die ersten Oppositionsgruppen in den achtziger Jahren als "Informelle" bezeichnet. An oberster Stelle der Hierarchie stand Todor Zhivkov, der Generalsekretär der bulgarischen Kommunistischen Partei, in den 35 Jahren seiner Amtszeit ein erstaunlich erfolgreicher Vertreter dieses provinziellen Ethos. Er verstand sich auf Winkelzüge in den Beziehungen zur UdSSR, führte eine einfache, ungebildete Sprache und vermied es mit bürokratischem Geschick, in wichtigen Fragen deutlich politisch Position zu beziehen, um die Gelassenheit der Massen nicht zu stören. (Während der Perestroika-Jahre sagte er: "Wir sollten den Kopf einziehen und darauf warten, dass der Sturm an uns vorüberzieht.") Besser ihn als Staatsführer, dachten sich die Menschen, als einen Verrückten wie Nicolae Ceausescu; er führt die Russen an der Nase herum und ermöglicht für uns billiges Öl und gute Geschäfte.

Um ein persönliches Beispiel zu nennen: Fast jedes Jahr organisierte die Philosophische Fakultät der Universität Sofia in den achtziger Jahren ein Seminar zu Fragen der Geistes- oder Sozialwissenschaften. Uns wurden mutige intellektuelle Diskussionen erlaubt. Wie kam es aber, dass wir niemals eine gemeinsame Petition gegen das Regime unterzeichneten? Die Antwort ist einfach: Das Seminar wurde von einer Reihe angesehener Kollegen ermöglicht, die für uns ihre Karriere aufs Spiel setzten und denen wir nicht schaden wollten, indem wir "zu weit" gingen.

Was ein Seminar, eine Partei oder ein Unternehmen in eine familienähnliche Struktur verwandelt, ist das Fehlen verbindlicher Regelungen der Binnenbeziehungen: Sanktionen erfolgen in der althergebrachten Form einer Geiseltötung, sie ähneln dem, was im kommunistischen Albanien als "objektive Schuld" bezeichnet wurde: Der gesamte Clan muss für das Vergehen eines Einzelnen büßen. Wenn Diplome, Referenzschreiben oder öffentliche Dokumente längst nicht so wichtig sind wie ein persönliches Telefonat, dann kann sich die soziale Kontrolle auf den menschlichen Faktor verlassen - die Kultur der mündlichen Weitergabe bringt eine Politisierung hervor.

Zudem hat die Moderne traditionelle, ritualisierte Formen des Miteinanders zerstört und eine Art soziale Promiskuität hervorgerufen. "Wir sind alle Vettern", meinte derfrühere Ministerpräsident Ivan Kostov. Nachdem die Grenze zwischen Kommunisten und Nichtkommunisten (die in den neunziger Jahren den Charakter eines religiösen Tabus angenommen hatte) allmählich verblasst ist, trifft man Politiker, Unternehmer, Medienstars, Journalisten, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und sogar Kriminelle in den merkwürdigsten Kombinationen an. In einem solchen Milieu scheint das Festhalten an Prinzipien oder Ideen nicht mehr angemessen. Die meisten dieser Zusammentreffen nehmen eine Ad-hominem-Wendung, zum größten Vergnügen der Regenbogenpresse. Zu den jüngsten Beispielen gehören in diesem Jahr der Fall eines früheren Abgeordneten, der im Parlament als Homosexueller "geoutet" wurde, der Fall des Obersten Staatsanwaltes, dem der Oberste Richter in einem gefälschten Dokument unterstellte, geisteskrank zu sein, und der Fall eines früheren Bürgermeisters der Hauptstadt, der sich gleich fünf Korruptionsklagen ausgesetzt sah. Natürlich stellt sich bei solchen Anschuldigungen nie heraus, ob sie wahr sind oder bloß erfunden. Auch in einem Familienstreit gibt es weder Gewinner noch Verlierer.

Egalitäre Leidenschaften

Der Unterschied zwischen dem Individuum und der Macht ist einer derart verworrenen Welt schwer aufrechtzuerhalten. In einer egalitären Gesellschaft treten moralische Urteile an die Stelle sozialer Distanz. Diese Geisteshaltung wurde von dem Soziologen Zhivko Georgiev treffend beschrieben, demzufolge man in Bulgarien "entweder gut ist oder gut lebt". Meinungsumfragen ergeben, dass mehr als 80 Prozent der Bevölkerung glauben, von der "Übergangsperiode" nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft hätten zuallererst die Kriminellen profitiert, gefolgt von den Politikern. Die Zustimmungsrate zum Parlament reicht selten über 20 Prozent hinaus.

Soziologisch gesehen ist Bulgarien eine Gesellschaft mit relativ geringen Unterschieden. Die meisten Familien gehen auf das 19. Jahrhundert zurück, als das Ethnonym "Bulgare" für "Bauer" stand und der vormodernen Arbeitsteilung innerhalb des Osmanischen Reichs entsprach. Der Kommunismus ebnete die sozialen Unterschiede ein, ohne große feudale Machtkonzentrationen wie in der Sowjetunion entstehen zu lassen. Der dramatische Unterschied zwischen diesen beiden Kulturen, die sich aus westlicher Sicht zu ähneln scheinen, lässt sich mit einer falschen Übersetzung von Leo Tolstois "Krieg und Frieden" ins Bulgarische illustrieren. Fürst Bolkonski, heißt es in dem Text, kam durch "das Dorf seines Vaters". Der bulgarische Übersetzer folgerte daraus, der Fürst sei durch das Dorf gereist, in dem sein Vater geboren worden war; er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass dieses Dorf zum Besitz des Vaters gehörte.

Der Kommunismus in Bulgarien ließ die osmanische Struktur einer egalitären Bevölkerung und Mittlern wieder aufleben, die mit dem fernen Machtzentrum verhandeln. Die "Periode des Übergangs" in den neunziger Jahren rief dann nicht nur große und schockierende soziale Unterschiede hervor - sie machte diese auch sichtbar, indem sie mit den ideologischen Tabus des kommunistischen Regimes brach und Reichtum zu einer Sache wurde, die man vorführen durfte. (Wie wird man Bankier, ohne das nötige Kapital zu haben? Man kauft ein teures Auto und baut ein Büro aus Marmor, um das Vertrauen der Investoren zu gewinnen.) Die vom Kommunismus ererbte fatale Teilung in zwei Welten - "uns", die Opfer, "die anderen", die Täter - erhielt eine neue, ökonomische Dimension. Natürlich waren viele Repräsentanten der neuen Klasse in Wirklichkeit Kriminelle oder frühere Geheimdienstler. Interessant jedoch sind die Mythen, die sich um Geschäftemacherei und Privatbesitz ranken und die nicht nur mündlich, sondern auch von den marktwirtschaftlich orientierten Medien kolportiert werden. Dies hatte beinahe den Effekt einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wer davon überzeugt ist, Geschäfte ließen sich nur mit kriminellen Machenschaften betreiben, wird entweder keine Geschäfte machen oder einer von "den anderen" werden wollen. Manche Leser mögen sich an die Vorstellungen Lenins von den beiden Kulturen erinnern: die eine bürgerlich, die andere proletarisch. Was Lenin nicht bedacht hat, war, dass beide Kulturen in einer modernen Gesellschaft recht lange nebeneinander existieren können.

Festzuhalten bleibt, dass die neunziger Jahre die ungestörte Kohabitation des Zentrums und der Peripherie in Frage stellten und wilde Hoffnungen nährten, über Nacht reich werden, in ein Traumland ausreisen oder den Beruf wechseln zu können. Allmählich hat sich dieser Wirrwarr von Möglichkeiten reduziert, das Modell der Provinz hat sich behauptet: Heute ist es sehr viel unwahrscheinlicher, dass ein Vierzigjähriger ausreist, ein Normalbürger eine Zeitung gründet oder eine Gruppe von Gleichgesinnten eine politische Partei registrieren lässt. Solche Dinge scheinen für "die anderen" reserviert, die Bösen. Dies mag ganz wie der altbekannte orientalische Fatalismus klingen, aber es hat auch seine guten Seiten, denn jahrelange Verlockungen erschöpfen sich und machen die Menschen unglücklich.

Nach einer Welle der Kriminalität in den Neunzigern hat der Normalbürger heute sehr viel weniger Angst, zum Opfer von Verbrechen zu werden, denn sein Auto oder sein Besitz interessieren die Gangster, die sich professionalisiert haben, nicht länger. Jene müssen nun immerhin für ihre Taten bezahlen - regelmäßig werden sie von ihren Rivalen ausgenommen. Diese provinzielle Theodizee, diesen Versuch, den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes mit dem Bösen in der Welt in Einklang zu bringen, hat der frühere Zar Simeon II (1943 - 1947), als Simeon Sakskoburggotski Ministerpräsident der Republik Bulgarien (2001 - 2005), in Worte gefasst, als er meinte, Normalbürger sollten sich um die dramatische Zunahme von Morden im Land nicht sorgen.

Die Politik der doppelten Unverantwortlichkeit besteht darin, dass die Machthaber von der Koexistenz dieser parallelen Welten profitieren, ihre Legitimität in jeder dieser Welten aus den Kontakten, die sie in der jeweils anderen pflegen, beziehen, und so letztlich von keiner der beiden Seiten zur Verantwortung gezogen werden können. In der Vorbereitungsphase auf den EU-Beitritt ist dieses althergebrachte Beziehungsmuster zwischen dem Zentrum und der Peripherie nur zu gern aufgegriffen worden. Anders als im Osmanischen Reich oder unter der Sowjetherrschaft werden die Bürgerinnen und Bürger nicht durch einen Mangel an Transparenz in Klassen eingeteilt, sondern durch die Flut erschöpfender Informationen, welche die neuen, sanften Herrscher über der Öffentlichkeit ausschütten.

Überall in Europa ist es so, dass schlechte Nachrichten aus Brüssel und gute Nachrichten aus dem eigenen Land kommen. Osteuropa aber durchlief diesen Prozess der Desillusionierung innerhalb nur weniger Jahre: Zunächst wurde die EU als Verbündete gegen die Gauner im eigenen Land empfunden, nur wenige Jahre später jedoch zunehmend als deren Komplizin. Bulgarien war keine Ausnahme, was den europaweiten Zuspruch für extreme Parteien auf der rechten und linken Seite des Spektrums betrifft, der zum Teil ein Ergebnis dieser Desillusionierung ist. Eigenartig war, wie leise sich dieser Wandel vollzog. An der Zustimmung zur EU von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung hat sich nichts geändert, und selbst die Neofaschisten, die 2005 plötzlich im öffentlichen Leben auftauchten, stellen die Integrationsabsichten des Landes nicht ausdrücklich in Frage. Der Wunsch eines ihrer Führer, die Demokratie durch eine "Bulgarokratie" zu ersetzen, hat etwas Folkloristisches. Euroskeptische Haltungen haben sich unterhalb der Oberfläche des öffentliches Diskurses und der Meinungsumfragen gebildet - ganz ohne Debatten, ohne Demonstrationen, ohne eine Neuausrichtung von Bündnissen. Das Land wechselte ohne großes Aufheben in den Operationsmodus der Provinz, der üblicherweise mit dem Sprichwort "Gott - ganz weit oben, König - ganz weit weg" ausgedrückt wird.

Die soziologische Forschung entwirft ein deprimierendes Bild, in dem es unerheblich ist, welche Maßnahmen eine politische Kraft ergreift und wie viel Geld investiert wird - der politische Rückhalt schwindet, und wie im übrigen Osteuropa (mit einer Ausnahme: Ungarn) gibt es auch in Bulgarien keine politische Partei, die zwei Wahlen in Folge gewonnen hat. Scheinbar genügt die bloße Tatsache, sich an den Hebeln der Macht zu befinden, um an Glaubwürdigkeit zu verlieren: Die lokalen Mittler wechseln auf die Seite des fremden Machtzentrums, einzelne Politiker handeln scheinbar losgelöst von moralischen Verpflichtungen - wenn ihnen ohnehin keine ihrer öffentlichen Handlungen die Unterstützung der Bürger einbringt, dann können sie auch an ihre eigenen Interessen denken. Und so wird der Negativismus erneut zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Die verborgenen politischen Trennlinien

Das Muster der doppelten Unverantwortlichkeit hat eine lange Geschichte und liegt allen politischen Trennlinien des Landes zugrunde. Es gibt jene, die Direktiven des weit entfernten Zentrums vorbehaltlos umsetzen, und jene, die sich ihnen aus patriotischen Gründen widersetzen. Im 19. Jahrhundert gab es die Russophilen und die Russophoben, in den dreißiger und vierziger Jahren prodeutsche und antideutsche Strömungen, die aufeinander prallten. Der Kommunismus mag wie eine homogene und apolitische Epoche wirken, doch konnte zwischen moskautreuen Agenten, von denen einige nach 1944 aus der Sowjetunion zurück nach Bulgarien gesandt wurden, und den im Lande verwurzelten Kommunisten unterschieden werden. Mit der Ernennung von Zhivkov durch den Ersten Sekretär der KPdSU, Nikita S. Chruschtschow, im Jahr 1954 ergriffen Letztere schrittweise die Macht und verfolgten unter dem Deckmantel der Verbundenheit mit Moskau einen immer stärker nationalistischen Kurs (der unter der Ägide Michail Gorbatschows in einen offenen Konflikt über die Bulgarisierung der ethnischen Türken im Land mündete), wofür sich die Sowjetophilen 1989 mit der Absetzung Zhivkovs revanchierten.

Die Zeit seit 1990 ist gekennzeichnet durch eine lautstarke Opposition jener politischen Kräfte, die sich selbst als links bzw. rechts definieren. Dennoch waren die Trennlinien zwischen den Parteien unscharf; zunächst standen sich zwei Gruppen gegenüber, die ich als "Westler" bzw. als "Autochthone" bezeichnen würde. Die "Westler" wollten die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Modelle jener Staaten so unverfälscht wie möglich importieren, die nun als "normale" Länder bezeichnet wurden - ähnlich wie die Kulturträger des 19. Jahrhunderts sich an den zivilisierten Völkern orientiert hatten. Die "Autochthonen" wiederum traten für im Land verwurzelte Besonderheiten ein, egal, ob diese nun auf dem sozialistischen Erbe beruhten, der Geschichte des Landes oder der angeblichen Mentalität seiner Menschen.

Manchmal waren die Unterschiede zwischen diesen Gruppierungen höchst subtiler Natur. Nur wenige erinnern sich daran, dass es zu Beginn der neunziger Jahre, als die Idee des Kommunismus aus der politischen Mitte verbannt wurde, innerhalb der Sozialistischen Partei die Gruppe um Lillov gab, der mit dem Begriff "sozialistisch" eine besondere lokale Nuance verband, und jene um Lukanov, der von "sozialdemokratisch" sprach, wenn etwas "so wie in Westeuropa" war. Unter den so genannten Rechten (die von Mehr-oder-weniger-Faschisten bis hin zu Sozialdemokraten reichten) gab es einerseits die neu gegründeten alten Parteien mit ganz eigener Geschichte und Traditionen, andererseits die neuen Parteien, die sich an Vorbilder in Europa und den USA anlehnten.

Ein solches Gefüge macht es überflüssig, die eigene Haltung in Fragen von allgemeinem Interesse zu legitimieren. An beiden Polen der Macht stellen persönliche Beziehungen die wichtigste Machtquelle dar. Die Mythen, die sich um diese ranken, sind ständige Begleiter der provinziellen Politik. Zhivkov wurde nachgesagt, einen direkten Zugang zur sowjetischen Führung zu haben; die postkommunistische Rechte wiederum mystifizierte ihre Beziehungen zum Präsidenten der USA (dem "big boss") und den europäischen Parteiführern. Auf lokaler Ebene werden die Mittelsmänner in der Regel nicht als gewählte politische Körperschaften verstanden, sondern als eine Art Clanoberhaupt, dessen Stellung naturgegeben ist. Untersuchungen zeigen, dass Einzelne bis Ende der neunziger Jahre nur sehr selten ihr Wahlverhalten änderten, wechselndes Wahlverhalten als unmoralisch gebrandmarkt wurde und die Loyalität der eigenen Partei gegenüber einen fast schon ethnisch definierten Charakter annahm (erwartungsgemäß traf dies am stärksten auf die Anhänger der Kommunisten zu). Im antikommunistischen Dunstkreis schossen neue Parteien wie Pilze aus dem Boden und wurden zum Auffangbecken einer weit verbreiteten politischen Unzufriedenheit, die sich aus der allgemeinen Verunsicherung über die ständigen Veränderungen speiste. Die erste Reihe der Verhandlungsführer am Runden Tisch - den Allparteiengesprächen von 1990 - wurde durch die zweite Garnitur ersetzt, schließlich wurde die Führung von denen übernommen, die aus der dritten Reihe kamen, und so weiter. Die rechte Rhetorik in den internen Machtkämpfen wurde immer radikaler, doch sollte niemand die Augen davor verschließen, dass der Kampf der antikommunistischen Bewegung gegen "Privilegien" und das "administrative Kommandosystem" auch linke Inhalte hatte und seine Motivation aus der beinahe naiven Utopie einer "kleinen, aber feinen" Privatisierung bezog.

Die Sozialisten, die dem "linken" Flügel zugeordnet wurden, traten für einen starken Rechtsstaat ein, für institutionelle Kontinuität und Patriotismus. Tatsächlich untergrub die begriffliche Verworrenheit der Bezeichnungen "links" und "rechts" von Beginn an jeden vernünftigen politischen Diskurs. Erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre begann die Rechte ihren Absichten entsprechend zu handeln - sie betrieb eine umfassende Privatisierung und setzte die Regeln des Kapitalismus kompromisslos durch. Dies erschütterte das politische System erneut; die Peripherie fühlte sich betrogen und projizierte ihre Hoffnungen auf Personen, die zu ausgesprochenen politischen Legenden wurden. Dieser Prozess drückte sich in der Regel in Proteststimmen aus. Die Provinz versuchte, in einer plötzlich fremd gewordenen Welt neue Mittelsmänner zu berufen. Zu jenen politischen Legenden gehörten:

Sie alle tauchten plötzlich auf der Bildfläche auf (der spätere Wahlsieger, "Zar" Simeon, hatte seine Partei erst zwei Monate vor den Parlamentswahlen des Jahres 2001 gegründet), und die Experten versuchten zu verstehen, was geschah. Personen, die zu politischen Legenden werden, stehen für eine Idee der Einheit; für das Gegenteil politischer Zersplitterung, die ängstigt und verstört. Sie werden als untrennbar mit der Provinz verbundene Identitätsmerkmale empfunden, die diese vor der feindlichen Welt schützen: Jene Führer sind entweder wie Simeon II. aus dem Exil zurückgekehrt, haben eine gut bezahlte Laufbahn aufgegeben oder aber furchtlos ihr Leben riskiert. Derartige nationale Symbolfiguren, Verkörperungen der Einheit, sind für Bulgarien nicht neu; man denke an den Revolutionär Vassil Levsky, der im 19. Jahrhundert lebte und als Begründer der Nation fast schon religiösen Status genießt, oder an die blinde Hellseherin Großmutter Vanga, die mit stillschweigender Unterstützung der Kommunisten einem Kult mit seltsam heidnisch-christlich-nationalem Charakter Auftrieb verlieh. Derartige Personifizierungen der provinziellen Gemeinschaft wurden in den neunziger Jahren, einer Zeit existenzieller Ängste, hektisch gesucht.

Stumme Politik

Eines der hervorstechendsten Merkmale der bulgarischen Politik ist die Unfähigkeit, politische Positionen zu formulieren. Es werden häufig nur noch Standpunkte vertreten, die sich an Experten richten und Verlegenheitslösungen darstellen, die kleine Schritte mit lokalen Vereinbarungen verbinden. (Natürlich ist dies eine Entwicklung, die weit über Bulgarien hinausreicht: Auf gewisse Art und Weise ist die ganze Welt zur Provinz geworden, die von den Stürmen der Globalisierung gebeutelt wird.) Es werden zwar Debatten über den Prozentsatz der Mehrwertsteuer geführt oder darüber, bei welcher Justizbehörde Ermittlungsbefugnisse angesiedelt sein sollen, doch sie werden kaum öffentlich verfolgt. Die Politiker stellen ihre Truppen immer noch entlang von Demarkationslinien auf, an denen die Bürger schon längst ihr Interesse verloren haben. Die zutiefst ideologisch ausgerichtete Union Demokratischer Kräfte, die in den neunziger Jahren die Schlachten zur Abkehr vom Kommunismus angeführt hatte, lag zu Jahresbeginn 2006 in den Umfragen nur noch bei rund zwei Prozent.

Ausländische Beobachter staunen darüber, wie wenig sich die Bürger für ihre Rechte einsetzen. Die Hoffnungen der Menschen sind enttäuscht worden: Nach der revolutionären Leidenschaft der neunziger Jahre hat sich in der Wahrnehmung vieler alles nur verschlechtert. ("Während wir auf den Plätzen skandierten, privatisierten andere die Wirtschaft.") Heute ist es schwierig, Proteste zu organisieren. Die meisten Bürger Bulgariens äußern ihren Protest, indem sie sich entziehen: Wohl eineinhalb der sieben Millionen Bulgaren arbeiten über einen kurzen oder längeren Zeitraum außerhalb des Landes. Der Vorsitzende des Industrieverbandes, Bojidar Danev, warnte davor, dass es in einigen Wirtschaftsbereichen nicht mehr genug Arbeitskräfte gebe und dass das Land bald gezwungen sein werde, Arbeitskräfte aus dem Fernen Osten zu importieren. Anstatt ihre Forderungen zu äußern und für sie zu kämpfen, stimmen die Menschen mit den Füßen ab. In der engen Welt der Provinz scheint es schwer zu sein, eine abweichende Meinung zu vertreten und Konflikte auszutragen; es ist einfacher, diese Welt zu verlassen.

Die Berufspolitiker sind nicht eifriger als ihre Bürger, wenn es darum geht, eine differenzierte Position zu beziehen. Die "ideologischen" Zusammenstöße der neunziger Jahreüber die allgemeine Privatisierung, die NATO-Mitgliedschaft Bulgariens oder die Gesetzgebung der EU waren nichts weiter als ein Ausdruck des Tauziehens zwischen den neuen imperialen Zentren und der unentschlossenen Peripherie. Nachdem diese Ziele erreicht waren, senkte sich ein sonderbares Schweigen über die politische Szenerie. Tatsächlich sind die Jahre seit der Jahrtausendwende von einem antipolitischen Diskurs geprägt, der Themen wie Patriotismus, billigen Strom, Korruption oder Kriminalität, über die allgemeiner Konsens besteht, für sich nutzt. Eine Provinz ist von Natur aus unpolitisch. Die wirklichen Verlierer dieser Entwicklung waren Experten, öffentliche Redner, Menschen, deren Sprache mit jener schmerzlichen Zeit der Zersplitterung und des Umbruchs in den neunziger Jahren gleichgesetzt wird, die jeder gern vergessen möchte.

Natürlich gedeiht - unter dem Deckmantel der zunehmenden Indifferenz gegenüber der Politik - ein "schwarzer" Parlamentarismus (Gramsci benutzt diese Formulierung wie "Schwarzmarkt"). Die Koalition der Sozialisten mit Simeon II. und der türkischen Minderheitspartei 2005 wird häufig als letzter Beweis für den Niedergang und die Korruptheit der Politiker gewertet, der Aufstieg der Nationalen Union (ATAKA), eines Sammelbeckens für neofaschistische und nationalistische Kräfte, als dessen Ergebnis. Meiner Meinung nach vollzieht sich in Bulgarien jedoch eine andere Form der politischen Umverteilung, und das Land folgt darin dem Beispiel Polens. Derzeit entsteht ein pragmatischer, aber korrupter liberaler Pol, um den herum sich eine neue Rechte festigen und über Themen wie Moral, Bekämpfung der Korruption, Ablehnung der Privatisierung und natürlich den Nationalismus (die Balkan-Version einer fundamentalistischen Religion) profilieren kann. Die schmerzliche Trennung der Kommunistischen Partei von überzeugten Nationalisten hat bereits eingesetzt. Bezogen auf die Wirtschaft fühlt sie sich der Partei Simeons II. heute näher als denen, die beschwören, rechte Positionen in ihrer reinsten Form zu verkörpern. All dies jedoch wird niemals offen ausgesprochen. Aus Sicht der Beobachter streiten sich alle Gruppierungen über ihre eigenen Angelegenheiten - und das inmitten der allgemeinen Gleichgültigkeit der Bürger. Irgendwie werden sich die Dinge schon richten, auch ohne dass sie benannt werden, irgendwie werden die Direktiven der EU schon umgesetzt werden, ohne dass sie wirklich verstanden worden sind, irgendwie wird sich das Leben schon verbessern, langsam und ohne erkennbaren Grund.

Überrascht es da, dass Bulgarien praktisch unbekanntes Terrain ist? Niemand weiß etwas Genaues über das Land, und tatsächlich scheinen die nationalen Eliten lieber im Hintergrund bleiben zu wollen als zuviel Aufmerksamkeit zu erhalten. Hat man erst ein bestimmtes Image, wird man auch leicht zum Ziel eines möglichen Angriffs, wird man aufgefordert, Position zu beziehen und Entscheidungen zu treffen. Genau dies aber widerspricht dem Wesen der Provinz: Sie ist ein lauschiges Fleckchen Erde, an dem man sich geschützt fühlt und von wo aus man die große weite Welt im Fernseher betrachtet - so wie man früher auf der Bank im eigenen Vorgarten gesessen hat und den Vorübergehenden zugeschaut hat.

Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Laux, Königswinter.

Ivaylo Ditchev

Zur Person

Ivaylo Ditchev

Dr. phil., geb. 1955; Präsident des Red House Centre for Culture and Debate, Sofia, und Professor für Kulturanthropologie an der St. Kliment Ohridsky Universität Sofia. 15 Tsar Osvoboditel Blvd., 1504 Sofia/Bulgarien.
E-Mail: Ivayloditchev@dir.bg


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