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13.9.2019

"Fluch der Ressourcen"? Die Bedeutung des Erdöls für die venezolanische Wirtschaft

Venezuela erlebt derzeit die schwerwiegendste Wirtschaftskrise seit der Abspaltung von Großkolumbien 1830 und eine der schwersten Krisen weltweit seit den 1980er Jahren.[1] Seit 2013 ist die venezolanische Wirtschaft ununterbrochen geschrumpft. Daten der venezolanischen Zentralbank zeigen, dass vom dritten Quartal 2013 bis zum dritten Quartal 2018 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 52 Prozent zurückgegangen ist.[2] Der wirtschaftliche Niedergang begann bereits ein Jahr vor dem Verfall des Ölpreises 2014, mit dem die fast ununterbrochene Steigerung der Rohstoffpreise seit 2000 ihr Ende zu erreichen schien. Venezuela – das Land mit den weltweit größten Erdölreserven – war wie kein anderes Land von den fallenden Ölpreisen betroffen.

Bei der Suche nach den Gründen stößt man auf ein Phänomen, das in den Wirtschaftswissenschaften als "Fluch der Ressourcen" diskutiert wird. Kern der Debatte ist die Frage, warum die Wirtschaft vieler ressourcenreicher Entwicklungsländer dazu verdammt scheint, langsamer zu wachsen als die ressourcenärmerer, ansonsten aber vergleichbarer Länder. In den Wirtschaftswissenschaften werden ökonomische und politische Ursachen hervorgehoben. Zentral ist die Vorstellung, dass eine Abhängigkeit vom Export natürlicher Rohstoffe, insbesondere von Energieträgern wie Erdöl, eine Reihe von Anreizen entstehen lässt, durch die sich ebendiese Abhängigkeit weiter verfestigt. Mit Blick auf vom Erdöl abhängige Entwicklungsländer wird zudem das sogenannte rent-seeking hervorgehoben, also der Versuch ökonomischer Akteure, staatliche Umverteilung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Im Verbund mit anderen für Petrostaaten typische Eigenschaften wie einer extremen Machtkonzentration und einer geringen administrativen Leistungsfähigkeit werde so das Ansparen der während eines Ölpreishochs entstandenen Einnahmen ebenso verhindert wie Investitionen in Projekte, die eine Grundlage für die Verringerung der Abhängigkeit von Öl schaffen.

Es scheint auf den ersten Blick so, als würde der Fluch nur Entwicklungsländer befallen. Länder, die derzeit hoch entwickelt und reich an natürlichen Ressourcen sind, wie etwa Kanada oder Norwegen, konnten keinerlei negativen Einfluss dieses Reichtums auf ihre industrielle Entwicklung verzeichnen.[3] Dies gilt allerdings ebenso für bestimmte ressourcenreiche Entwicklungsländer, beispielsweise Botsuana, das über große Diamantenvorkommen verfügt. Wieder andere Länder haben nur in einer bestimmten Phase ihrer Geschichte unter dem negativen Einfluss natürlicher Ressourcen gelitten. An Venezuela – zwischen Ende der 1930er und Anfang der 1960er Jahre Erdölexportweltmeister[4] – lässt sich die Theorie vom "Fluch der Ressourcen" idealtypisch analysieren.

Übertragungskanäle



Eine in der volkswirtschaftlichen Fachliteratur besonders häufig genannte ökonomische Ursache für den "Fluch der Ressourcen" ist die sogenannte Holländische Krankheit: Durch den Anstieg der Rohstoffpreise oder weil ein Staat anfängt, neue Rohstoffvorkommen auszubeuten, führt der durch die Exporteinnahmen generierte Zufluss an Devisen zu einer realen Aufwertung der lokalen Währung. Durch diese Aufwertung verlieren exportorientierte Branchen außerhalb des Rohstoffsektors ihre Wettbewerbsfähigkeit – die Unternehmen werden vom Markt verdrängt. Wenn dies das produzierende Gewerbe betrifft, wird das Wirtschaftswachstum des Landes langfristig negativ beeinflusst, da dieser exportorientierte Teil der Wirtschaft als besonders wichtig für das Produktivitätswachstum eines Landes erachtet wird.[5]

Andere Autoren weisen politischen Faktoren eine Hauptrolle für den "Fluch" zu. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht unter anderem, dass ein großer Reichtum an natürlichen Ressourcen in Verbindung mit schwachen Institutionen für ein geringes Wirtschaftswachstum verantwortlich sei. Zu diesem schwachen institutionellen Rahmen gehört auch ein niedriger Entwicklungsstand des Steuersystems in den Bereichen, die in keiner Beziehung zum Rohstoffsektor stehen.[6] Dies führe dazu, dass die Gesellschaft vom Staat abhängt und nicht umgekehrt.[7] Der Mangel an starken Institutionen lässt sich zugleich mit einem schwach ausgeprägten Rechtsstaat, geringer staatlicher Funktionsfähigkeit, einem hohen Korruptionsniveau und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Enteignung in Verbindung bringen. Diese Bedingungen führen dazu, dass Marktteilnehmer es bevorzugen, sich ihren Teil des Renteneinkommens zu sichern, statt nutzbringende Investitionen einzuleiten.[8] Eine weitere Eigenschaft schwacher Institutionen ist, dass sie undemokratische Regimes begünstigen. Ein Überfluss an Erdöl erschwert in diesem Kontext so tendenziell auch den Übergang zur Demokratie.[9]

Die gängigste Empfehlung, um eine Überbewertung der eigenen Währung zu vermeiden und die Abhängigkeit eines Staates von Steuereinnahmen aus dem Erdölsektor zu verringern, war lange die Schaffung von staatlichen Investitionsfonds, die aus den Öleinnahmen finanziert werden und mit denen der größte Teil dieser Einnahmen außerhalb des Landes angelegt werden kann.[10] Norwegen ist hierfür ein in der Fachliteratur viel zitiertes Paradebeispiel, da das Land auf diese Weise nahezu seine gesamten Erdöleinnahmen zurücklegt. Der Marktwert des Oljefondets, des weltweit operierenden staatlichen Pensionsfonds des Landes, liegt derzeit bei knapp einer Billion Euro.[11] Die Entnahme von Mitteln aus dem Fonds ist strikt auf die Deckung eines vom Erdöl abgekoppelten Staatsdefizits bis zur Höhe der erwarteten Fondsrendite beschränkt. Diese wird auf 3 Prozent geschätzt.[12] Allerdings wird in der jüngeren Literatur darauf hingewiesen, dass ölreiche Entwicklungsländer einen höheren Investitionsbedarf haben als Norwegen. Daher werden großzügigere Entnahmeregelungen für die aus den Erdöleinnahmen von Entwicklungsländern finanzierten Staatsfonds empfohlen.[13] Entsprechend wird die wirtschaftspolitische Empfehlung dahingehend angepasst, dass solche Staaten einen Teil der Öleinnahmen investieren sollten, um Mängel, etwa in der Infrastruktur und dem Bildungs- oder Gesundheitswesen, zu lindern.

Venezuela als wirtschaftspolitischer Sonderfall?



In einer ersten Phase widersprach die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zunächst den gängigen Annahmen zum "Fluch der Ressourcen". Seit dem Beginn der Erdölförderung im großen Stil Anfang der 1920er Jahre wurde Venezuela bis Ende der 1970er Jahre von einem der ärmsten Länder Lateinamerikas zu dem bei weitem reichsten Land der Region. In diesem Zeitraum wuchs das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf jährlich um durchschnittlich 4,4 Prozent, womit es sich innerhalb von 60 Jahren mehr als verzehnfachte.[14] Im Gegensatz zur Theorie, der "Fluch der Ressourcen" werde durch die "Holländische Krankheit" ausgelöst, scheint dieses langfristige Wachstum nicht dadurch beeinflusst worden zu sein, dass die Bedeutung des Erdöls im Exportsektor zunahm: 1923 ersetzte das Erdöl den Kakao als zweitwichtigstes Exportprodukt, um zwei Jahre später auch den Kaffee, bis dahin Hauptexportprodukt, zu überflügeln. 1926 machte das Erdöl erstmals die Hälfte der venezolanischen Exporte aus. In der Zeit von 1926 bis 1979 gab es nur ein Jahr (1978), in denen der Ölexport weniger als zwei Drittel des gesamten Exportvolumens ausmachte.[15]

Bis 1974 wurde die positive ökonomische Entwicklung des Landes bei zugleich wachsender Abhängigkeit vom Ölsektor nicht von einem staatlichen Investitionsfonds begleitet. Der venezolanische Staat perfektionierte allerdings seine Fähigkeiten, auf die Öleinnahmen zuzugreifen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als internationale Ölkonzerne die ersten Konzessionen erhielten, beanspruchte er einen geringen Anteil der Einnahmen. Bereits Ende der 1940er Jahre gelang es dem Staat aber, eine gleichmäßige Verteilung der Öleinnahmen zu erreichen: 50 Prozent für den venezolanischen Fiskus, 50 Prozent für die internationalen Unternehmen – ein Steuermodell, das andere Erdöl exportierende Entwicklungsländer wie der Irak, Kuwait und Saudi-Arabien übernahmen.[16] In dieser Phase widersprach Venezuela den volkswirtschaftlichen Modellen weitgehend: Die Zentralisierung der Macht schien sich mit der Zeit zu reduzieren, während die staatliche Handlungsfähigkeit zunahm. Zudem wurde die Demokratie als Regierungsform gegen Ende der 1950er Jahre konsolidiert – relativ früh für ein Entwicklungsland, das von der Ölwirtschaft geprägt war und ist.


Verlorene Jahrzehnte



Die volkswirtschaftliche Entwicklung Venezuelas begann, seit Anfang der 1980er Jahre eine radikale Wende zu nehmen (Abbildung). Bis Anfang des 21. Jahrhunderts kam es zu einer lang anhaltenden Rezession.[17] Die Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Hausmann und Francisco Rodríguez schätzen, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf außerhalb des Ölsektors 1978 seinen Höchststand erreichte, um dann bis 2001 um ungefähr 20 Prozent zurückzugehen. Beide Ökonomen heben zugleich hervor, dass der Rückgang des BIP pro Kopf innerhalb des Ölsektors sehr viel früher eingesetzt hatte und stärker ausgeprägt war. Sie kommen zu dem Schluss, dass hier der Höhepunkt bereits 1957 erreicht war und das BIP pro Kopf bis 2001 um etwa 67 Prozent sank.[18]

Als Erklärung für die Rezession greift die "Holländische Krankheit" in den 1980er Jahren nicht. Die Staaten der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) kamen überein, die Rohölförderung zu drosseln, um dem Preisverfall entgegenzuwirken. Daher gingen die venezolanischen Öleinnahmen im Laufe des Jahrzehnts stark zurück.[19] Der Rückgang der Investitionen ins produzierende Gewerbe Venezuelas in diesem Zeitraum kann also nicht auf einen wachsenden Ölsektor zurückzuführen sein.[20]

Als relevantere Faktoren für die Rezession der 1980er Jahre lassen sich stattdessen die gestiegene Volatilität des Ölpreises in den 1970er und 1980er Jahren sowie die Machtkonzentration in einer Demokratie mit relativ schwachen Institutionen herausarbeiten. Die Gewinne aus dem Ölgeschäft wurden in Projekte zur Vergrößerung des geopolitischen Einflusses des Landes investiert sowie in Vorhaben, die dem jeweiligen Präsidenten ein höheres Prestige einbrachten und die Chancen auf einen erneuten Wahlsieg der regierenden Partei erhöhen sollten. Eine solche Nutzung der Gewinne aus dem Ölgeschäft trägt nicht dazu bei, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern.[21] Ein Beispiel hierfür waren die Maßnahmen, die während der ersten Regierungszeit des Präsidenten Carlos Andrés Pérez von 1974 bis 1979 umgesetzt wurden.

Kurz nach der ersten Ölkrise 1973 und unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch erreichte die Regierung Pérez, dass der Kongress sie ein Jahr lang mit Sondervollmachten ausstattete. Diese erlaubten dem Präsidenten, per Dekret zu regieren, was eine Zentralisierung der politischen Machtverhältnisse bedeutete. In jener Zeit erließ Pérez ein Dekret, durch das der ölfinanzierte Staatsfonds Fondo de Inversiones de Venezuela (FIV) ins Leben gerufen wurde. Mit diesem sollte einer Überhitzung der Wirtschaft entgegengewirkt und unter dem Eindruck der Krise die Abhängigkeit der Staatskasse von den Öleinnahmen verringert werden.[22] Der Fonds entwickelte sich allerdings zu einem parallelen Budget unter der vollständigen Kontrolle des Präsidenten und trug so dazu bei, die eigentlich nur für 1974 und 1975 verliehenen Sondervollmachten bis 1979 zu verlängern.[23] Weitere Maßnahmen der Regierung Pérez waren die Gründung des staatlichen Ölkonzerns Petróleos de Venezuela (PDVSA) im Zuge der Verstaatlichung des Erdölsektors 1976. Dieser war bis zu diesem Jahr von großen transnationalen Mineralölunternehmen, insbesondere von Standard Oil und Shell, dominiert worden. Die demokratischen Regierungen ab 1958 hatten sich darauf geeinigt, keine weiteren Konzessionen an diese Unternehmen zu erteilen und deutlich gemacht, dass die letzten, 1983 auslaufenden Konzessionen nicht verlängert werden würden.[24] Zentraler Akteur der frühen Schritte zur Verstaatlichung des Erdölsektors war Juan Pablo Pérez Alfonso, Mitbegründer der OPEC und Minister für Bergbau und Kohlenwasserstoffe von 1959 bis 1963. Das Steueraufkommen im Erdölsektor nahm in dieser Zeit konstant zu. Vor diesem Hintergrund reduzierten die transnationalen Unternehmen ihre Investitionen und ihre Beschäftigungsquote in den 1960er Jahren, was einen Kollaps der Produktion ab Anfang der 1970er Jahre mit sich brachte. Zusammen mit der Ölkrise 1973 legte diese Reaktion die Basis dafür, dass der Prozess der Verstaatlichung von 1983 auf 1976 vorgezogen wurde.[25] Der Zugriff des venezolanischen Staates auf die Ölgewinne hatte auf diese Weise seinen absoluten Höhepunkt erreicht.

Dass aus den folgenden zehn Jahren Venezuelas erstes verlorenes Jahrzehnt werden sollte, seit das Land mit dem Erdölexport begonnen hatte, ist also nicht allein auf den Ölpreisverfall Mitte der 1980er Jahre zurückzuführen, sondern beruhte auf dem Zusammenspiel einer Reihe von Faktoren. Zu den fallenden Ölpreisen kam die wachsende politische und wirtschaftliche Zersplitterung des Landes. So argumentiert der Ökonom Jonathan Di John mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung Venezuelas, die Industrialisierung des Landes habe in den 1980er Jahren ein Niveau erreicht, das eine stärker an Bedingungen geknüpfte und selektivere staatliche Förderung notwendig gemacht hätte. Dass keine derartige Strategie umgesetzt wurde, habe nicht zuletzt an der zunehmenden Fragmentierung der präsidentiellen Demokratie gelegen, die sich nach dem Ende der politischen Gewalt der 1960er Jahre abzeichnete.[26] Konnte dies in den 1970er Jahren noch mit Öleinnahmen finanziell aufgefangen werden, wurde in den 1980er Jahren angesichts der niedrigen Gewinne aus dem Ölgeschäft und der geringen steuerlichen Leistungsfähigkeit des venezolanischen Staates eine höhere Auslandsverschuldung in Kauf genommen.

Die steigende Auslandsverschuldung brachte harte Verhandlungen über die Rückzahlung der Schulden mit sich. 1989, zu Beginn der zweiten Amtszeit von Pérez, fanden sie ihren Höhepunkt in einer wirtschaftspolitischen Schocktherapie nach den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank (Konsens von Washington). Die Wirtschaftsreformen umfassten nicht nur die Liberalisierung von Handel und Finanzwesen, sondern auch die erneute Öffnung des Erdölsektors für private Investoren. Dieser plötzliche Paradigmenwechsel wurde 1989 von massiven Plünderungen begleitet, die als "Caracazo" in die Geschichte eingehen sollten, sowie von zwei gescheiterten Staatsstreichen 1992. An deren Spitze stand eine Gruppe von Militärs, unter denen sich der damalige Oberstleutnant Hugo Chávez als Anführer herauskristallisieren sollte.[27]

Die Marktöffnung des Ölsektors und stabilere Preise trugen Anfang der 1990er Jahre dazu bei, die ökonomischen Kennzahlen Venezuelas zu verbessern. Verschiedene interne wie externe Faktoren führten aber dazu, dass Venezuela letztlich ein weiteres verlorenes Jahrzehnt erlebte. Vor allem die voreilige Öffnung des Finanzwesens verursachte 1994 eine Bankenkrise – die größte Finanzkrise, die das Land je erlitt. Zudem hatte die stärkere Öffnung für den internationalen Handel im Zusammenspiel mit den durch eine höhere Erdölförderung steigenden Exporteinnahmen einen negativen Einfluss auf das produzierende Gewerbe – ein Symptom der "Holländischen Krankheit".[28] 1998 schließlich kam es zu einem weiteren Ölpreissturz, der zu einer starken Rezession führte (Abbildung). Damit waren die Voraussetzungen für einen Wahlsieg von Hugo Chávez erfüllt. Dieser war nach seinem Putschversuch im Februar 1992 verhaftet, bereits 1994 aber vom neu gewählten Präsidenten Rafael Caldera begnadigt worden. Nur Monate vor Chávez’ Amtsantritt gründete die Regierung Caldera mit dem Fondo de Inversión para la Estabilización Macroeconómica (FIEM) vor dem Amtsantritt einen zweiten, aus Ölgewinnen finanzierten Staatsfonds. Ziel war es zu verhindern, dass schwankende Ölgewinne das makroökonomische Gleichgewicht des Landes negativ beeinflussen. Dies sollte erreicht werden, indem die Menge an US-Dollar, die das durchschnittliche Öleinkommen der vergangenen fünf Jahre übertraf, im Fonds angespart wurde.

Entwicklung der realen Rohölpreise (Jahresdurchschnitt der Brent, Dubai und West Texas Intermediate Preise) und des realen Bruttoinlandprodukts Venezuelas pro Kopf




Autoritäre Regierung und Wohlstand?



Der Wahlsieg des Präsidentschaftskandidaten Hugo Chávez 1998, der sich gegen das System positioniert und seine Besorgnis über die seit Ende der 1970er Jahre wachsende Ungleichheit im Land in den Vordergrund gestellt hatte, ließ im Zusammenspiel mit dem Anstieg der Ölpreise nach der Jahrtausendwende die Hoffnung keimen, dass der wirtschaftliche Niedergang des Landes gestoppt sei.

Chávez’ Regierungszeit begann mit wichtigen politischen Reformen, die er während der Wahlkampagne versprochen hatte und die später als "Bolivarianische Revolution" (oder auch "Bolivarische Revolution") bezeichnet werden sollten. Im Mittelpunkt dieser Reformen stand eine neue Verfassung, die 1999 verabschiedet wurde. Trotz ihrer Versprechen, eine direkte Demokratie einzuführen, war die Regierung Chávez ebenso wie die Nicolás Maduros de facto Vertreter einer kompetitiv-autoritären Regierungsform.[29] Auch wenn weiterhin regelmäßig Wahlen abgehalten wurden, kam es doch zu einer fortschreitenden Schwächung der politischen Kontrolle der Exekutive. So regierten Chávez und Maduro in mehr als einem Drittel der Zeit von 1999 bis 2016 per Dekret.[30]

Auf dem Weg hin zu einer kompetitiv-autoritären Regierung stieß Chávez in den ersten fünf Jahren auf große Widerstände aus den Machtbereichen von Armee, Ölindustrie und Privatunternehmen. Höhepunkte dieser Konfrontationen waren der versuchte Staatsstreich 2002 und der Generalstreik im Ölsektor 2002/2003. Die Regierung Chávez überstand beides. Sie schaffte es, an dem Staatsstreich beteiligte Militärs aus den Streitkräften zu entfernen und die Streikteilnehmer aus dem staatlichen Ölkonzern PDVSA zu entlassen. Diese Konflikte verursachten allerdings sehr hohe Kosten. Von 2002 bis 2003 schrumpfte die venezolanische Wirtschaftsleistung um 16 Prozent.[31] Die Entlassung von rund 20.000 Mitarbeitern des staatlichen Ölkonzerns sollte sich zudem langfristig auf seine Produktionskapazitäten auswirken.[32]

1999 fing die Regierung Chávez an, die Ausgaberegeln des von der vorherigen Regierung gegründeten Investitionsfonds FIEM zu lockern.[33] Im Ergebnis wurde der Fonds de facto aufgelöst. 2001 schuf die Regierung zudem ein neues Ölgesetz, mit dem insbesondere das staatliche Steuermanagement im Ölsektor vereinfacht werden sollte und in dem festgelegt wurde, dass der venezolanische Staat mehrheitlich an allen Gemeinschaftsunternehmen im Ölsektor beteiligt sein musste.[34]

Das Ende des Streiks 2002/2003 sowie die Anwendung des neuen Ölgesetzes führten zu einem starken Anstieg der Ölgewinne. Nachdem der Widerstand gegen den wachsenden Autoritarismus überwunden war, profitierte die venezolanische Volkswirtschaft zudem von den steigenden Rohstoffpreisen nach der Jahrtausendwende. Das jährliche Wachstum des realen BIP Venezuelas erreichte zwischen 2004 und 2013 einen Durchschnitt von bis zu 5,9 Prozent – ein Wert, den das Land seit den 1970er Jahren nicht mehr erlebt hatte und der weit über dem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum in Lateinamerika von etwas mehr als 4 Prozent lag.[35] In dieser Situation rief die Regierung Chávez 2005 einen neuen, ebenfalls ölfinanzierten Staatsfonds ins Leben, den Fondo Nacional para el Desarrollo Nacional (FONDEN). Zwischen 2005 und 2013 wurden 115 Milliarden US-Dollar in ihn eingezahlt.[36] Das Gros dieser Mittel floss in den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und den Straßenbau. Viele dieser Bauprojekte sind bis heute noch nicht abgeschlossen.[37] Es ist schwer zu erkennen, wie sie die Abhängigkeit vom Erdöl verringern sollten. Die Regierung Chávez zeigte sich kaum fähig oder willens, die dank der in jener Zeit steigenden Ölpreise erzielten Ölgewinne anzusparen. Damit handelte sie ähnlich wie die Regierungen Pérez und Luis Herrera Campíns (von 1979 bis 1984) während der Ölkrisen der 1970er Jahre sowie Anfang der 1980er Jahre. Man kann davon ausgehen, dass gegen 2013 die Mittel des Fonds erschöpft waren. Denn hätte die Regierung Chávez die Gewinne des Erdölbooms der 2000er Jahre gespart, hätte Venezuela einen finanziellen Puffer an internationalen Geldreserven gehabt, um den Rückgang der Importe zwischen 2013 und 2018 um 74 Prozent zu verhindern.[38]

Das Versäumnis, die Ölgewinne zurückzulegen, ein prozyklischer und umfassender Anstieg der Auslandsschulden sowie der Verschuldung des staatlichen Ölkonzerns PDVSA in der Zeit steigender Rohstoffpreise nach der Jahrtausendwende führten dazu, dass Venezuela seit 2012 keinen Zugang mehr zum privaten internationalen Finanzmarkt hat.[39] Diese Situation zwang die Regierung von Nicolás Maduro ab 2013 dazu, jedes Jahr aufs Neue Möglichkeiten zu finden, ein Leistungsbilanzdefizit zu umgehen. Dies ist ihr bis jetzt gelungen. Die Strategie besteht vor allem darin, das Dollarangebot aus einer gesunkenen Ölproduktion zu reduzieren, um Importe zu finanzieren, im Rahmen der geplanten Entwicklung der venezolanischen Bergbauregion mehr Gold in verbündete Staaten mit strategischer Bedeutung zu exportieren, selektive Zahlungsausfälle bei den Auslandsschulden in Kauf zu nehmen und die Verbindlichkeiten gegenüber China ständig neu zu verhandeln.

Schlussfolgerungen



Venezuela ist hinsichtlich Nettoexport, Staatseinnahmen und des Verhältnisses zwischen bekannten Ölreserven im Verhältnis zum eigenen Verbrauch eines der am stärksten vom Erdöl abhängigen Länder. Das Land war der am stärksten vom Rückgang des Ölpreises 2014 betroffene Rohölexporteur, weil die negativen Tendenzen, die im Land vom Beginn der Chávez-Regierungszeit bis 2014 beobachtet werden konnten, jenen ähneln, die auch Mitte der 1970er bis Ende der 1980er Jahre festgestellt wurden. Die bedeutendste Tendenz ist die Unfähigkeit, ausreichende Dollarreserven anzulegen, um einem Ölpreissturz begegnen zu können. In beiden Zeiträumen zeigte sich, dass die Verantwortlichen sich strikt weigerten, die Staatsausgaben und das Steuersystem so anzupassen, wie es notwendig wäre, um die Krise zu bekämpfen. Dies lag nicht daran, dass es keinen ölfinanzierten Staatsfonds gegeben hätte. Vielmehr lieferte die Praxis, die Staatsfonds nicht zur Reduzierung der Abhängigkeit zu nutzen oder sie gar aufzulösen, das Land den Ölpreisstürzen in den Jahren 1986 und 2014 schutzlos aus.

Der Fall Venezuela zeigt daher, dass bei stark schwankenden Rohölpreisen demokratische Institutionen und Staatsfonds alleine nicht ausreichen, um dem "Fluch der Ressourcen" zu entgehen. Allem Anschein nach ist ein parlamentarisch geprägtes, demokratisches System notwendig, um sicherzustellen, dass die Staatsfonds ihre Funktion erfüllen – wie es in Kanada und Norwegen der Fall ist, zwei Ölexportstaaten, denen es gelungen ist, den "Fluch der Ressourcen" abzuwenden. Die zentrale Frage ist also, unter welchen Bedingungen der Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie in ölexportierenden Entwicklungsländern gelingen kann.

Übersetzung aus dem Spanischen: Jan Fredriksson, Herzberg am Harz.
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Autor: Alejandro Márquez-Velázquez für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Susanne Gratius/José Manuel Puente, Las claves de la crisis venezolana, in: Foreign Affairs Latinoamérica 2/2019, S. 5; Asdrúbal Baptista, Bases cuantitativas de la economía venezolana, 1830–1995, Caracas 1997, S. 63, eigene Berechnungen.
2.
Vgl. Víctor Salmerón, El BCV confirmó la debacle de la economía: Qué dicen las cifras?, 29.5.2019, https://prodavinci.com/el-bcv-confirmo-la-debacle-de-la-economia-que-dicenlas-cifras-oficiales".
3.
Vgl. Jonathan Di John, Is There Really a Resource Curse? A Critical Survey of Theory and Evidence, in: Global Governance 2/2011, S. 167–184.
4.
Vgl. Leonardo Maugeri, The Age of Oil, Westport/CT 2006, S. 32; Alexander Simoes/César A. Hidalgo/Dave Landry, The Observatory of Economic Complexity. Venezuela, https://oec.world/en/profile/country/ven«.
5.
Vgl. Paul Krugman, The Narrow Moving Band, the Dutch Disease, and the Competitive Consequences of Mrs. Thatcher, in: Journal of Development Economics 1–2/1987, S. 41–55; Sweder van Wijnbergen, The ‚Dutch Disease‘: A Disease After All?, in: The Economic Journal 373/1984, S. 41–55.
6.
Vgl. Terry Lynn Karl, The Paradox of Plenty: Oil Booms and Petro-States, Berkeley 1997.
7.
Vgl. Leopoldo López/Gustavo Baquero, Venezuela energética. Propuesta para el bienestar y progreso de los venezolanos, Caracas 2017.
8.
Vgl. Halvor Mehlum/Karl Moene/Ragnar Torvik, Institutions and the Resource Curse, in: The Economic Journal 508/2006, S. 1–20.
9.
Vgl. Michael L. Ross, The Oil Curse: How Petroleum Wealth Shapes the Development of Nations, Princeton 2012.
10.
Vgl. Jeffrey M. Davis et al., Stabilization and Savings Funds for Nonrenewable Resources: Experience and Fiscal Policy Implications, in: Jeffrey M. Davis/Rolando Ossowski/Annalisa Fedelino (Hrsg.), Fiscal Policy Formulation and Implementation in Oil-Producing Countries, Washington, D.C. 2003.
11.
Vgl. Norges Bank Investment Management, The Fund’s Market Value, http://www.nbim.no/en«.
12.
Vgl. dass., About the Fund, http://www.nbim.no/en/the-fund/about-the-fund«.
13.
Vgl. Pierre-Richard Agénor, Optimal Fiscal Management of Commodity Price Shocks, in: Journal of Development Economics 122/2016, S. 183–196.
14.
Vgl. Baptista (Anm. 1), eigene Berechnungen.
15.
Vgl. ebd., S. 94f.; Simoes/Hidalgo/Landry (Anm. 4).
16.
Vgl. Karl (Anm. 6), S. 96.
17.
Vgl. Betty Agnani/Amaia Iza, Growth in an Oil Abundant Economy: The Case of Venezuela, in: Journal of Applied Economics 1/2011, S. 61–79.
18.
Vgl. Ricardo Hausmann/Francisco Rodríguez, Why did Venezuelan Growth Collapse?, in: dies. (Hrsg.), Venezuela Before Chávez: Anatomy of an Economic Collapse, University Park 2014, S. 15–50.
19.
Vgl. Osmel Manzano, Venezuela After a Century of Oil Exploitation, in: Hausmann/Rodríguez (Anm. 18), S. 51–90, hier S. 68.
20.
Vgl. Jonathan Di John, The Political Economy of Industrial Policy in Venezuela, in: ebd., S. 321–370.
21.
Vgl. Alejandro Márquez-Velázquez, The Resource Curse and Political Cycles in Developing Countries: Is There a Connection? The Case of Venezuela, Working Paper, 22nd Conference of the Forum for Macroeconomics and Macroeconomic Policies der Hans-Böckler-Stiftung, 10 Years After the Crash: What Have we Learned?, Berlin 2018.
22.
Vgl. Pedro A. Palma, 1974–1983: una década de contrastes en la economía venezolana, Caracas 1989.
23.
Vgl. Karl (Anm. 6), S. 132.
24.
Vgl. Manzano (Anm. 19), S. 61.
25.
Vgl. Ramón Espinasa, El auge y el colapso de Pdvsa a los treinta años de la nacionalización, in: Revista Venezolana de Economía y Ciencias Sociales 1/2006, S. 147–182, hier S. 151–154.
26.
Vgl. Di John (Anm. 20).
27.
Siehe auch den Beitrag von Stefan Rinke in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
28.
Vgl. Di John (Anm. 20), S. 326.
29.
Vgl. Javier Corrales, Autocratic Legalism in Venezuela, in: Journal of Democracy 26/2015, S. 37–51.
30.
Vgl. Se han aprobado 4 en la Revolución Bolivariana. Todo lo que necesitas saber sobre la Ley Habilitante, 17.8.2013, http://www.correodelorinoco.gob.ve/todo-que-necesitas-saber-sobre-ley-habilitante«; Ley Habilitante: la carta todopoderosa de Maduro para dictar cualquier ley, 7.12.2015, https://www.eldemocrata.cl/noticias/ley-habilitante-la-carta-todopoderosa-de-maduro-para-dictar-cualquier-ley«; Maduro extiende por octava vez decreto de estado de excepción y emergencia económica, 19.7.2017, http://www.diariolasamericas.com/america-latina/-n4127229«, eigene Berechnungen.
31.
Vgl. Leonardo Vera, Venezuela 1999–2014: Macro-Policy, Oil Governance and Economic Performance, in: Comparative Economic Studies 3/2015, S. 539–568.
32.
Vgl. Ricardo Rojas-Rondón, Qué pasará con el oro venezolano?, 6.6.2019, http://www.dw.com/es/a-49094404«.
33.
Vgl. José Guerra, La política económica en Venezuela: 1999–2003, Caracas 2004.
34.
Vgl. Bernhard Mommer, Venezuela: Un nuevo marco legal e institucional petrolero, in: Revista Venezolana de Economía y Ciencias Sociales 2/2002, S. 201–207, hier S. 203ff.
35.
Vgl. Vera (Anm. 31), S. 543.
36.
Vgl. Vera (Anm. 31), S. 564.
37.
Vgl. Márquez-Velázquez (Anm. 21), S. 26.
38.
Vgl. Salmerón (Anm. 2).
39.
Vgl. Leonardo Vera, In Search of Stabilization and Recovery: Macro Policy and Reforms in Venezuela, in: Journal of Post Keynesian Economics 1/2017, S. 9–26.

Alejandro Márquez-Velázquez

Zur Person

Alejandro Márquez-Velázquez

ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lateinamerika-Institut und im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Berlin. Er forscht und publiziert schwerpunktmäßig zur Entwicklungs- und Makroökonomie von Entwicklungsländern. alejandro.marquez@fu-berlin.de


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