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27.9.2019

Restitutionsdebatten, koloniale Aphasie und die Frage, was Europa ausmacht

2014 besuchte Octavius Seowtewa, ein Vertreter der Zuni, die im Süden der USA leben, die ethnologischen Museen in Paris, Berlin, London und Leiden. Er war auf der Suche nach sogenannten Ahayudas – geschnitzte Figuren, die als sakrale Objekte verehrt werden, da ihnen nachgesagt wird, vielfältige Formen von Schutz gewähren zu können. Obschon er viele Ahayudas fand, musste er unverrichteter Dinge nach Hause fahren. Kein einziges Museum war bereit, die sakralen Objekte zurückzugeben. Die Enttäuschung Octavius Seowtewas war auch deshalb sehr groß, weil er aus den USA eine andere Politik gewohnt war. Bereits 1980 hatte das Denver Museum of Art Ahayudas zurückgegeben, und seit 1990 regelt ein eigenes Gesetz, dass menschliche Überreste und bestimmte Kulturgüter der first nations, die sich in staatlichen Museen befinden, zurückgegeben werden müssen. Mittlerweile sind über eine Million solcher Objekte an die Gemeinschaften zurückgegeben worden, die diese in Museen ausstellen, im Rahmen sakraler Handlungen nutzen oder, wenn es sich um menschliche Überreste handelt, feierlich begraben. In Neuseeland hat die Regierung 2003 ein staatlich finanziertes Programm aufgelegt, das Forderungen nach Rückgabe menschlicher Überreste praktisch und finanziell unterstützt. Vergleichbares gibt es in Australien und Kanada.

Auch haben sich in den Museen dieser ehemaligen Siedlerkolonien mittlerweile neue Arbeitsformen etabliert. Man kooperiert nun ganz selbstverständlich mit den Nachkommen derjenigen, deren Objekte hier ausgestellt werden. Gemeinsam wird entschieden, wie und was präsentiert werden soll und was nicht. So gibt es in australischen Museen zahlreiche sakrale Objekte, die überhaupt nicht mehr ausgestellt werden, weil dies gemäß der lokalen Überlieferung deren Kraft vermindern beziehungsweise einen Tabubruch darstellen würde. Eine andere Folge ist, dass sich Museen nicht mehr ausschließlich als ein Ort verstehen, an dem die Dinge aufbewahrt werden, sondern verstärkt als eine Institution, die dafür Sorge trägt, dass die jeweiligen Gemeinschaften Kontakt zu ihrer eigenen Geschichte herstellen können, von der sie bisher manchmal kaum etwas kannten.


Erste Debatten über Restitutionen in Europa

Die Frage, wie mit Objekten, die aus kolonialen Unrechtskontexten stammen, umgegangen werden soll, kam in den 1960er Jahren, kurz nach der Unabhängigkeit der ersten afrikanischen Staaten, in Europa auf. In den 1970er Jahren gab es zaghafte, allerdings nicht sehr erfolgreiche Versuche, Restitutionen in die Wege zu leiten. Erst in den 2000er Jahren und verstärkt seit drei, vier Jahren diskutiert man intensiv über koloniale Objekte. Obschon diese Debatten in den jeweiligen europäischen Ländern unterschiedlich verlaufen, gibt es einige Gemeinsamkeiten: So wird die Frage nach der Rückgabe von menschlichen Überresten mittlerweile weitgehend einvernehmlich dahingehend beantwortet, dass diese zu restituieren sind, während der Ausgang des Streits über die Rückgabe von Kulturgütern anhält.

In Frankreich wurde beispielsweise bereits 2002 beschlossen, die Überreste von Sarah Baartmann zu restituieren. Baartmann war Ende des 18. Jahrhunderts aus Südafrika nach England und später nach Frankreich gebracht worden, wo sie als "Hottentot Venus" in Völkerschauen ausgestellt und zu einem begehrten Objekt der zeitgenössischen Rasseforschung wurde. Nach ihrem Tod 1815 wurden ihr Skelett und ihre Geschlechtsteile konserviert und in einem Pariser Museum aufbewahrt. 2002, nach langen vergeblichen Rückgabebitten, wurde Sarah Baartmann feierlich in Südafrika beigesetzt.

Auch in Deutschland reagierte man auf unter anderem an die Berliner Charité gerichtete Forderungen nach Rückgabe von Skeletten beziehungsweise Schädeln zunächst zwar nicht sehr sensibel, aber dennoch nicht vollkommen ablehnend. 2011 begannen die ersten Rückführungen nach Namibia, Australien und Neuseeland. Die Beisetzungen waren auch hier meist mit größeren rituellen Feierlichkeiten verbunden. Für viele Nachfahren bildeten sie den Schlusspunkt langer und schmerzhafter Bemühungen, Vorfahren, die oft wichtige politische und spirituelle Positionen innerhalb einer Gemeinschaft eingenommen hatten, in der heimischen Erde beizusetzen.

Den Rückgabeforderungen von Kulturgütern gegenüber zeigte man sich in Europa hingegen wesentlich reservierter. Die vom Oba von Benin anlässlich der großen Wiener Ausstellung der Bronzen Anfang 2000 gestellte Bitte um Rückgabe der Benin-Bronzen, die 1897 von britischen Truppen im heutigen Nigeria geplündert worden waren, wurde abgelehnt. Eine ähnliche, 2017 an das British Museum gestellte Restitutionsbitte, wurde ebenfalls negativ beschieden. Genauso erging es Patrice Talon, Staatspräsident von Benin, der 2016 vergeblich einige Objekte aus dem ehemaligen Königreich Dahomey vom französischen Staat zurückforderte, die Ende des 19. Jahrhunderts in einer kriegerischen Aktion geraubt und nach Paris gebracht worden waren.

Erst in den vergangenen Jahren stießen die Rückgabeforderungen in Europa auf Resonanz. 2017 stellte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in seiner Rede in Ouagadougou (Burkina Faso) generell die Rückgabe von Artefakten aus dem subsaharischen Afrika in Aussicht. In Deutschland nahm die Debatte im Zuge der Planungen für das Humboldt-Forum in Berlin Fahrt auf. Dort sollen unter anderem Objekte aus dem Ethnologischen Museum in Dahlem ausgestellt werden. In Belgien war die 2018 erfolgte Neueröffnung des Afrikamuseums in Terveuren ein Auslöser, während sich die Debatten in Holland aufgrund der Politik des Amsterdamer Weltkulturmuseums intensivierten. In der Schweiz diskutiert man nicht zuletzt unter dem Eindruck der am Züricher Museum Rietberg 2019 gezeigten Ausstellung zur Provenienzforschung darüber, wie ein Land, das offiziell keine Kolonialmacht war, sich zu Rückgabeforderungen verhalten sollte. Auffallend ist, dass osteuropäische Länder, aber auch Großbritannien, das die größte Kolonialmacht war, sich kaum oder nur wenig mit dem Thema beschäftigen, während Spanien gerade eine neue Diskussion über seine koloniale Vergangenheit erlebt.

Mittlerweile finden auch vereinzelte Restitutionen statt, etwa durch das Stuttgarter Lindenmuseum, das 2019 den Herero entwendete Gegenstände zurückgab. Macron versprach 2018, die Kulturgüter des ehemaligen Königreichs Dahomey an Benin zurückzugeben, das Niederländische Nationalmuseum der Weltkulturen möchte noch 2019 Benin-Bronzen zurückbringen, und der Direktor des Rijksmuseum in Amsterdam, Taco Dibbits, stellt Gespräche mit Indonesien und Sri Lanka über Restitutionen von Raubkunst in Aussicht. Eine grundsätzliche Neuregelung ist freilich nirgends geplant. Die Reaktionen in afrikanischen Staaten, aber auch in Teilen Ozeaniens und Asiens schwanken zwischen zunehmendem Unverständnis über die nach wie vor mehr als zögerlichen Haltungen vieler Museen, die sich teilweise wie das British Museum weigern, über Restitutionen auch nur nachzudenken, und offen artikulierter Wut.


Zivilgesellschaftliche Initiativen, Museen, und Postcolonial Studies

So intensiv seit einiger Zeit aber auch darüber diskutiert wird, wie viele Kulturgüter Frankreich an Afrika zurückgeben und wie mit den kolonialen Objekten im Humboldt-Forum umgegangen werden soll – im Kern der Debatte geht es um weit mehr als um Objekte, für die sich bis vor Kurzem nur sehr wenige Menschen überhaupt interessiert haben. Es geht auch um die Frage, wie Europa sich zu seinem kolonialen Erbe verhält, ob dieses weiterhin beschwiegen wird oder ob man sich mit diesem Teil einer sehr gewaltvollen und bis heute nachwirkenden Geschichte auseinandersetzt. Ein solches Beschweigen oder eine "koloniale Aphasie",[1] lässt sich nicht nur in Deutschland beobachten. Auch die Nachbarländer, die wie Frankreich, Belgien und England eine wesentlich längere Kolonialgeschichte hatten, haben sich mit diesem Teil ihrer blutigen Vergangenheit bisher nur am Rande auseinandergesetzt.

Vor diesem Hintergrund, der in einem scharfen Kontrast dazu steht, dass die koloniale Vergangenheit in den ehemaligen Kolonien bis heute überaus präsent ist, ist es nur folgerichtig, dass weder Macron noch deutsche Museumsdirektoren die zentralen Stichwortgeber der Debatte sind, sondern Aktivisten, Künstlerinnen und Wissenschaftler, von denen viele aus ehemaligen Kolonien kommen. Sie haben in jüngster Zeit immer deutlicher gefordert, dass sich Europa mit der Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus auseinandersetzen müsse, um sich neu darüber zu verständigen, was "Europa" eigentlich ist.[2]

1986 gründete sich die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Sie macht auf den alltäglichen Rassismus aufmerksam, setzt sich für die Umbenennung von nach Kolonialoffizieren benannten Straßen ein und erinnert an die vielen kolonialen Objekte, die in europäischen Museen lagern. Ab den 2000er Jahren entstanden weitere Initiativen mit ähnlichen Zielsetzungen. No Humboldt 21 ist eine dieser Gruppen, die seit 2013 die kolonialen Hintergründe des geplanten Humboldt-Forums lautstark kritisierten. In den europäischen Nachbarländern, etwa in Frankreich, konnte man Ähnliches beobachten: Hier schlossen sich 2005 über 60 Gruppen, die sich für die Interessen der in Frankreich lebenden Menschen einsetzten, die aus Afrika und den Antillen, aber auch aus Ozeanien stammen, zu der Initiative CRAN (Conseil représentatif des associations noires de France) zusammen. Diese lancierte 2013 eine Kampagne für die Restitution von Kulturgütern aus afrikanischen Ländern.

Andere, wie etwa Chimamanda Ngozi Adichie, machten die alltägliche Präsenz des Kolonialen in Europa und Amerika in Romanen zum Thema. Auch die 2002 von Okwui Enwezor kuratierte Documenta 11 wies mit Nachdruck darauf hin, welche Rolle koloniales Erinnern in vielen Teilen der Welt bis heute spielt. Und schließlich sei an kolonialkritische Filme wie "The Mask" des jüngst verstorbenen Eddi Ugbomah erinnert, in dem ein nigerianischer James Bond die Benin-Bronzen aus dem British Museum stiehlt.

Dann meldeten sich immer mehr Museumskuratoren und -kuratorinnen zu Wort, die die Ausstellungspraxis jener ethnologischer Museen infrage stellten, die wie vor hundert Jahren Bastkörbe oder Bronzestatuen in abgedunkelten Räumen präsentierten, ohne diese auch nur rudimentär zu kontextualisieren. Andere wie Barbara Plankensteiner, die 2007 in Wien eine große Benin-Ausstellung kuratierte, zeigten, wie man das Schweigen über die brutalen Gewaltakte, durch die die Objekte nach Europa gekommen waren, brechen kann. 2016 machte das Landesmuseum Hannover das "Heikle Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart" selbst zum Thema einer Ausstellung.

Auch an Universitäten begann man sich mit der kolonialen Vergangenheit und Gegenwart zu beschäftigen. Maßgeblich war hier Edward Saids 1979 erschienenes Buch "Orientalism",[3] das heute häufig als Gründungswerk der postcolonial studies bezeichnet wird. Said, aber auch die Arbeiten von Talal Asad, Homi Bhabba und Achille Mbembe, die den Wirkweisen kolonialen Denkens nachgingen, beeinflussten nach und nach viele wissenschaftliche Disziplinen. Museologische Studien wie die von Anne Coombes zeigten, dass die Ausstellungspraxis der Völkerkundemuseen vor hundert Jahren, in denen die Bevölkerung Afrikas, aber auch Ozeaniens und Asiens häufig als barbarisch und wild dargestellt wurden, erheblich dazu beitrug, dass koloniale und damit zutiefst rassistische Perspektiven verbreitet wurden.[4]

In der Ethnologie nahm die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Fach, die bereits in Fritz Kramers 1978 erschienenen Klassiker über die imaginierten Ethnografien des 19. Jahrhunderts begonnen hatte,[5] ab den 1990er Jahren Fahrt auf. Mittlerweile haben zahlreiche Studien deutlich gemacht, dass die um 1900 entstehende Ethnologie, wie übrigens viele andere Fächer auch, eng mit kolonialen Strukturen verwoben war. Gleichzeitig gehörten Ethnologen und auch Missionare zu den ganz wenigen in Europa, die sich überhaupt mit außereuropäischen Gesellschaften beschäftigten. Wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten wiederum rekonstruierten, was die moderne Botanik, Zoologie, aber auch Medizin und Religionswissenschaft den Tausenden von Sendungen mit konservierten Tier- und Menschenkörpern, Artefakten, Fotografien und Fonogrammaufnahmen aus den Kolonien verdanken. Und Kunsthistorikerinnen wie Viktoria Schmidt-Linsenhoff zeigten, dass die Kunstgeschichte außereuropäischen Artefakten lange den Status als Kunstwerk verweigerte, während genau diese Objekte gleichzeitig die moderne europäische Kunst des Kubismus entscheidend mitprägten.[6]

Wie sehr sich die Agenden zivilgesellschaftlicher Initiativen von denen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft auch unterschieden, alle wiesen mit Nachdruck darauf hin, dass sich in Europa eine Fortdauer kolonialer Strukturen beobachten lässt und eine Auseinandersetzung mit diesem Erbe längst überfällig ist.


Aktuelle Debatten und koloniale Vergangenheit

Genau diese kolonialen Spuren spielen auch in der Debatte über den Umgang mit kolonialen Objekten eine Rolle. Mehr noch: Wie in einem Brennglas bündeln sich in der Restitutionsdebatte die Themen, die zivilgesellschaftliche Initiativen wie Schwarze Menschen in Deutschland und Theoretiker wie Edward Said aufgeworfen haben, und in deren Kern auch die Frage steht, wie wir uns neu darüber verständigen können, was Europa ausmacht.

Dies wird deutlich sichtbar, wenn man sich die Restitutionsdebatte genauer anschaut. Sie entwickelte mit dem im Auftrag von Emmanuel Macron verfassten und im November 2018 veröffentlichten Bericht von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy eine besondere Dynamik.[7] In dem Bericht wird empfohlen, die rund 80.000 im Besitz französischer Museen befindlichen Objekte aus dem subsaharischen Afrika zurückzugeben, wenn sie während der Kolonialzeit im Rahmen von Gewaltakten und wissenschaftlichen Expeditionen oder aufgrund von Schenkungen oder Verkäufen an die europäische Kolonialverwaltung oder -armee in französischen Besitz gekommen waren. Betont wird gleichzeitig, dass es sich bei der Rückgabe weder um eine Entschädigung für begangenes koloniales Unrecht noch um die Wiederherstellung des Status quo ante handeln könne, da sich die Bedeutung der Objekte in den vielen Jahrzehnten, in denen sie in französischen Museen lagerten, grundsätzlich verändert habe.

Die sich im Anschluss an diesen Bericht entwickelnde Debatte brachte weit mehr als zwei sich konträr gegenüberstehende Positionen hervor, und in manchen Dimensionen verändert sich die Diskussion bis heute. Manche sind für Rückgabe im Sinne Sarrs und Savoys, andere fordern erst ausgiebige Provenienzforschung und dann eventuell Rückgabe. Wieder andere wollen die Objekte nur zirkulieren lassen oder ganz in Europa belassen. Ungeachtet dieser und vieler anderer Differenzen konzentriert sich die Debatte auf vier Streitpunkte: Sie betreffen die Aufgabe europäischer Museen, die Rolle der ehemaligen Kolonien, Fragen des Rechts und die Bewertung der Kolonialgeschichte.

Das Museum wird unter zwei Aspekten diskutiert. Nicht wenige argumentieren, dass Restitutionen, wie sie Sarr und Savoy vorschlagen, einem "Ausverkauf der Museen" gleichkämen. Dem wird entgegnet, dass Museen gewiss nicht entleert würden, da einerseits die Möglichkeit zur Rückgabe keineswegs mit dem Vollzug derselben zu verwechseln sei und andererseits die schiere Masse der Objekte – zwei Millionen sollen allein in Deutschland lagern – allen Entleerungsfantasien widerspreche. Eine weitere Befürchtung ist, dass die eigentliche Aufgabe des Museums, das Bewahren von Geschichte, verloren ginge.[8] Dem entgegnen andere, die Museen als lebendige Gebilde sich stetig verändernder Gesellschaften begreifen, dass es weniger darum gehe, dass Museen ihre Bedeutung verlören, als darum, diese zu verändern. Mehr noch, als Erfindungen des 19. Jahrhunderts bedürften Museen einer solchen kritischen Neubestimmung. Nur so könnten sie von einem Ort des Konservierens stillgestellter Geschichten und des Verschweigens von kolonialer Geschichte zu einem Forum für gesellschaftliche Debatten werden.[9]

Ein zweites, häufig von Gegnern und Gegnerinnen der Restitution vorgebrachtes Argument bezieht sich auf die Expertise, an der es außerhalb Europas angeblich mangele. So heißt es, dass afrikanische Museen im Unterschied zu europäischen technisch nicht in der Lage seien, wertvolle Kulturgüter angemessen aufzubewahren. Mehr noch drohten wertvolle Kulturgüter unweigerlich auf dem Kunstmarkt zu landen, da es außerhalb Europas vor allem um ökonomische Interessen gehe.[10] In Europa seien die Objekte hingegen seit Jahrhunderten beschützt und gepflegt worden.

Dem wurde entgegnet, dass genau dies ein durch den Kolonialismus geprägtes Argument sei, das von der Minderbefähigung nichteuropäischer Menschen und von Europas spezifischer Aufgabe und Befähigung des Bewahrens ausgehe, während andernorts angeblich primär ökonomische Interessen vorherrschten. Auf diese Weise würden nur die Argumente der Sammler wiederholt, die diese bereits im Kaiserreich formuliert hatten. Damals wollten sie die Objekte zwar nicht für ein bildungsbeflissenes europäisches Museumspublikum, jedoch für die im Entstehen begriffene wichtige Wissenschaft der Ethnologie "retten". Weiter wurde gegen das Argument von fehlender afrikanischer Bewahrungskompetenz eingewandt, dass viele Objekte allein durch das Herausreißen aus ihrem Kontext zumindest in ihrer symbolischen oder religiösen Bedeutung schon längst zerstört worden und viele durch die schädlichen oder auch mangelnden Konservierungsstoffe europäischer Museen mittlerweile ebenfalls stark beschädigt seien.[11] Wieder andere wiesen darauf hin, dass in diesem Argument die koloniale Denkstruktur zum Tragen komme, dass Europa das Privileg, ja das Recht habe, die Dinge anderer zu besitzen. Ein weiteres Argument lautet, dass die Objekte in Europa deshalb besser aufgehoben seien, weil sie hier allen zugänglich seien, da das Museum per definitionem eine Institution für die breite Öffentlichkeit sei.[12] Dieses Argument wurde unter anderem von Arno Bertinas als das entblößt, was es ist: eine reine Schimäre, da ignoriert wird, wie viel etwa Kameruner oder Bewohnerinnen von Papua Neuguinea allein für Flüge und Visa ausgeben müssen, um ihre Kulturgüter in Europa zu betrachten.[13]

Des Weiteren wird auf der rechtlichen Ebene diskutiert. So heißt es, Europa habe sich, weil es diese Objekte so lange gepflegt und beschützt habe, das Recht erworben, sie zu behalten – so argumentierten Vertreter der reichsten Museen der Welt erstmals 2002 in einer Deklaration über die Bedeutung und den Wert von Universalmuseen, kurz nachdem das British Museum mit Rückgabeforderungen aus Griechenland konfrontiert worden war. An anderer Stelle heißt es, die von Sarr und Savoy vorgeschlagene Rückgabe impliziere die Umkehr der Beweislast, womit das europäische Rechtssystem als Ganzes infrage gestellt werde. Und schließlich – so ein weiterer rechtlicher Einwand – sei die Frage vollkommen ungeklärt, an wen die Objekte zurückgegeben werden sollten, da die Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer und Eigentümerinnen meist nicht zu ermitteln seien.

Was die rechtlichen Argumente anbelangt, ist es in der Tat so, dass weder das Völkerrecht noch das Bürgerliche Gesetzbuch und auch nicht die Soft-law-Konventionen zum Kulturgut, die die UNESCO in den vergangenen Jahrzehnten verabschiedet hat, Optionen auf eine Pflicht zur Rückgabe eröffnen. Freilich ist genau diese rechtliche Situation ihrerseits Teil des kolonialen Erbes: Das europäische Völkerrecht ebenso wie das deutsche Zivilrecht wurden während der Kolonialzeit kodifiziert. Beide legitimieren das Entwenden von Gütern in den europäischen kolonialen Herrschaftssystemen, anstatt es unter Strafe zu stellen. Befürworter von Rückgaben sehen hierin allerdings eher die Herausforderung für den Gesetzgeber, eine rechtliche Anpassung vorzunehmen, als ein Argument gegen Restitutionen.

Ein letzter Einwand bezieht sich auf die Beurteilung der kolonialen Geschichte. Diese könne nicht pauschal über einen Kamm geschert werden, schließlich habe es auch positive Seiten gegeben. Daran anschließend wurde argumentiert, dass nicht jeder Kolonialbeamte und jede wissenschaftliche Expedition mit Gewalt vorgegangen sei, schließlich habe es auch den Handel vor Ort gegeben und man unterschätze die Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung. Diese habe etwa im Fall Ozeanien sogar selbst Ethnographica für den europäischen Markt hergestellt und dann gewinnbringend verkauft.[14]

Was die Bewertung der Kolonialgeschichte anbelangt, hat der Historiker Jürgen Zimmerer immer wieder auf die strukturelle Gewalthaftigkeit kolonialer Herrschaft verwiesen.[15] Auch wurde unterstrichen, dass sich strukturelle Gewalthaftigkeit kolonialer Herrschaft und die durchaus zutreffenden Beispiele einiger weniger lokaler Ethnographicahändler keineswegs widersprechen. Gleichzeitig plädieren viele dafür, Kolonialgeschichte nicht auf den insbesondere in den sozialen Medien in Deutschland immer wieder plakativ betonten Genozid an den Herero und Nama zu reduzieren. Mehr noch, das sei eine Verengung der Perspektive, da dadurch andere Gewaltdelikte wie der Maji-Maji-Aufstand oder die vielen medizinischen Experimente, vor allem aber die alltägliche körperliche Gewalt in den Hintergrund trete und auch die ökonomisch wie sozial folgenreichen kolonialen Verflechtungen, die bis heute nachwirken, übersehen würden.[16]

Wie dieser kursorische Überblick über die Restitutionsdebatte zeigt, geht es immer wieder um die Frage nach dem Fortleben des Kolonialismus und dem Umgang damit. Was freilich auch deutlich wird, ist, dass viele Aspekte noch gar nicht benannt beziehungsweise verschwiegen werden: So kommt nicht nur die "afrikanische Kunst", wie es immer wieder verkürzend heißt, aus kolonialen Unrechtskontexten, sondern auch Naturalia, Zoologica und natürlich Ethnographica. Das heißt aber auch, dass es nicht allein um Ethnologische Museen geht, die sich übrigens als eine der ersten bereits in den 1980er Jahren um die Aufarbeitung ihrer Geschichte gekümmert haben, sondern um Naturkundemuseen, Kunst- und Kunstgewerbemuseen ebenso wie um stadtgeschichtliche Museen und universitäre Sammlungen. Und schließlich fällt die Einengung der Debatte auf Afrika ins Auge. Deutschland hatte überdies in Ozeanien und dem heutigen China Kolonien, ferner war Asien wie die Amerikas Teil von Kolonialreichen.


Perspektiven

Wir wissen nicht, ob Octavius Seowtewa heute, nur fünf Jahre nach dem ersten Versuch, mehr Erfolg mit seinen Rückgabeforderungen hätte. Manches spricht jedoch dafür, dass man sich zumindest intensiver mit seiner Anfrage beschäftigen würde: etwa die neuen Empfehlungen des Deutschen Museumsbunds, das Eckpunktepapier der Kultusminister, die von den Verantwortlichen der ethnologischen Sammlungen verfasste "Heidelberger Erklärung", alle aus dem Jahr 2019, sowie die öffentlichen Verlautbarungen der Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt Michelle Müntefering.[17] Wann und zu welchen gesetzlichen Veränderungen es in Berlin, Paris und Brüssel kommt, ist allerdings weiterhin offen.

Die Debatte hat auch andernorts Veränderungen vorangetrieben: So werden auf dem afrikanischen Kontinent immer mehr Museen gebaut. In Dakar wurde bereits 2018 mit chinesischer Unterstützung ein neues Museum eingeweiht. Südafrika hat gerade die Planung des Javatt Art Center of Pretoria bekannt gegeben. In Lagos (JK Randle Center of Yoruba Culture and History) wie in Benin City entstehen Museen. Mit diesen Museen könnte sich in Afrika, dessen Kulturgüter zu über 90 Prozent in ausländischen Museen sind, die Chance eröffnen, sich mit diesen auseinanderzusetzen – eine Chance, die im Falle einer tatsächlich beschlossenen Rückgabe im Sinne Sarrs und Savoys noch erheblich größer würde. Auch, so die Kameruner Kuratorin Koyo Kouoh, würden einheimische Künstler, die so erstmals die Werke ihrer Vorgängerinnen sehen können, wichtige neue Impulse erhalten. Manche sprechen davon, dass die Rückgabe überdies die Chance eröffne, die eigene Würde und Identität wiederzufinden, was Achille Mbembe allerdings bezweifelt, wenn er scheibt "Europa hat uns Dinge genommen, die es niemals wird zurückgeben können".[18]

Aber auch für Europa bietet die Debatte neue Möglichkeiten. Nach Jahrzehnten der Geschichtsvergessenheit könnte zusammen mit den ehemaligen Kolonien ein neuer Blick auf die gemeinsame Geschichte gewagt werden: ein Blick, der koloniale Denkstrukturen hinterfragt, statt sie fortzuschreiben und nach wie vor zu glauben, Europa müsse die Güter Anderer bewahren und retten.
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Fußnoten

1.
Vgl. Ann Laura Stoler, Colonial Aphasia: Disabled History and Race in France, in: dies. (Hrsg.), Duress. Imperial Durabilities in Our Times, Durham 2016, S. 122–170.
2.
So der Südafrikaner Ciraj Rassool auf der Konferenz "Museums in Motion" im Juli 2019 in Köln.
3.
Edward W. Said, Orientalism, London 1978.
4.
Vgl. Annie E. Coombes, Reinventing Africa. Museums, Material Culture and Popular Imagination, New Haven 1994.
5.
Vgl. Fritz Kramer, Verkehrte Welten. Zur imaginären Ethnographie des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1977.
6.
Vgl. Viktoria Schmidt-Linsenhoff, Ästhetik der Differenz. Postkoloniale Perspektiven vom 16. bis 21. Jahrhundert, 2 Bde., Marburg 2014.
7.
Vgl. Felwine Sarr/Benédicte Savoy, Restituer le Patrimoine Africain, Paris 2018.
8.
Vgl. Brigitta Hauser-Schäublin, Ethnologische Provenienzforschung – warum heute? in: Larissa Förster et al. (Hrsg.), Provenienzforschung zu ethnologischen Sammlungen der Kolonialzeit. Positionen in der aktuellen Debatte, o.O. 2017, S. 327–333.
9.
Vgl. Larissa Förster, Problematische Provenienzen. Museale und Universitäre Sammlungen aus postkolonialer Perspektive, in: Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart, Berlin 2016, S. 154–161.
10.
Vgl. Bundestagsdrucksache 19/3264, 5.7.2018, Große Anfrage der Fraktion der AfD, Aufarbeitung der Provenienzen von Kulturgut aus kolonialem Erbe in Museen und Sammlungen.
11.
Vgl. Jörg Häntzschel, Passive Entsammlung, in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2019, S. 9.
12.
Ein Streitgespräch über afrikanische Kunst in Europa. War Humboldt ein Kolonialist?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 3.1.2019, S. 11.
13.
Vgl. Arno Bertina, Mona Lisa in Bangoulap. Die Fabel vom Weltmuseum, Berlin 2018.
14.
Nicholas Thomas, Should Colonial Art Be Returned Home?, 7.12.2018, http://www.ft.com/content/6c61c6e6-f7ed-11e8-af46-2022a0b02a6c«.
15.
https://twitter.com/juergenzimmerer«.
16.
Vgl. Rebekka Habermas/Ulrike Lindner, Rückgabe und mehr!, in: Die Zeit, 13.12.2018, S. 19.
17.
Vgl. Monika Grütters/Michelle Müntefering, Eine Lücke in unserem Gedächtnis, in: FAZ, 15.12.2018, S. 11.
18.
Achille Mbembe, Tribune, 1.12.2018, http://www.lemonde.fr/afrique/article/2018/12/01/achille-mbembe-la-verite-est-que-l-europe-nous-a-pris-des-choses-qu-elle-ne-pourra-jamais-restituer_5391216_3212.html«.

Rebekka Habermas

Zur Person

Rebekka Habermas

ist Professorin für Mittlere und Neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. rhaberm@gwdg.de


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